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Eckhard A. Kretschmer wuchs in einer deutschen Großstadt auf. Tiere spielten in seinen ersten Lebensjahren keine große Rolle. Wie sie sein Leben eroberten, bereicherten, ihn veränderten, und wie sie ihm immer näher kamen, wie es dazu kam, dass er sich jedes Jahr mehr für sie einsetzte, und immer mehr emotionale Nähe, Kommunikation, und, vor allem, Empathie dabei entstand, beschreibt er in diesem Buch - mit Gefühl. Seine Texte wurden tausendfach im Internet gelesen und geteilt. Dazu aufgefordert, ermutigt und inspiriert vom Zuspruch seiner Follower überquert Kretschmer mit diesem Buch die Grenze von der digitalen Welt in die Gedruckte. Das ist der erste Band seiner "Tierischen Gedanken". Begleiten Sie ihn dabei, und erleben Sie seine Ausflüge in einer emotionalen, oft auch humorvollen Intensität mit, als wären sie dabei!
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Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das Buch:
Eckhard A. Kretschmer wuchs in einer deutschen Großstadt auf. Tiere spielten in seinen ersten Lebensjahren keine große Rolle. Wie sie sein Leben eroberten, bereicherten, ihn veränderten, und wie sie ihm immer näher kamen, wie es dazu kam, dass er sich jedes Jahr mehr für sie einsetzte, und immer mehr emotionale Nähe, Kommunikation, und, vor allem, Empathie dabei entstand, beschreibt er in diesem Buch - mit Gefühl. Seine Texte wurden tausendfach im Internet gelesen und geteilt.
Dazu aufgefordert, ermutigt und inspiriert vom Zuspruch seiner Follower überquert Kretschmer mit diesem Buch die Grenze von der digitalen Welt in die Gedruckte. Das ist der erste Band seiner "Tierischen Gedanken". Begleiten Sie ihn dabei, und erleben Sie seine Ausflüge in einer emotionalen, oft auch humorvollen Intensität mit, als wären sie dabei!
Der Autor:
1967 in Frankfurt am Main geboren hat Eckhard A. Kretschmer viel von der Welt gesehen. Nach seinem Abitur auf der Frankfurter Waldorfschule und einer Ausbildung in einem Sternehotel machte er Karriere als Trainingsverantwortlicher, Produktmanager und Kundenservice-Beauftrager in internationalen Telekommunikationsunternehmen. Stationen seines Leben waren unter Anderem Amsterdam, Helsinki, Moskau, Voronezh, Minden, Brüssel und Hamburg.
Kretschmer lebt inzwischen an der Ostseeküste und wenn er nicht schreibt, hört man ihn als Organist der beiden St. Johanniskirchen auf der Insel Fehmarn.
Mit Gefühl
Tiere meiner Kindheit
Geisterstunde und Katzen-WG
Raudi – Mein erster eigener Hund
Trixi
Familiäre Veränderungen
Ein Jubiläums-Danke-Knochen
Trixis Tod
Zwei Männer ohne Trixi
Ein Brief an Trixi
Verbindungen bleiben für immer
Die kackende Herrenhandtasche
Aus Tapsi wird Taxi
Anastasia
eMail von Coco Chanel
Abschied von Raudi
Dein erster Geburtstag ohne Dich
Kostbare Minuten
Sunam und die Strassenhunde
Herr von Heidenfeldt
Strassenhunde-Demo II
Silvestervorsatz 2013: Vegetarier
Referent durch Zufall
Yes! We Care!
Grabrede für einen Streuner
Leaving Buzau – eine Hündin kämpft um ihre Zukunft
⅓ der Hunde in Buzau ermordet
Zufällig gesehen – lebt sie noch?
Angst um Halona
Es wurde getötet, Halona auch?
Sie ist in Sicherheit - sie ist so klein
40 verbliebene Hunde in Gefahr
Ich will Dir das Meer zeigen
Das Public Shelter ist ziemlich leer – und ich bin sehr nachdenklich…
Webcam zeigt keine Hunde mehr
Braucht Halona einen Mantel?
Wintereinbruch in Rumänien
Schreib es in Deinen Kalender, Halona!
Es ist Krieg – Hilflosigkeit
Wir haben ihn „Prince“ getauft
Prince Andy, und meine Gedanken
Resignation und Vorfreude
Pack Dein kleines Köfferchen
Im Leben angekommen
Das versteckte Köfferchen
Danke
Ich mag Sonnenuntergänge
Ein Gewitter zieht auf
Prieten war mein bester Freund
Nachtgedanken – Nachtgefühle
Europa! Tu endlich etwas!
Er tötet Drachen und rettet Seelen
Tiere am Wegesrand
Verstorben in meinen Händen
Kleine Schwebfliege – flieg!
Tommy frisst halt Vögel
Die Möwe, die nicht im Hundekotbeutel endete
Ein paar Tage später
Mein letzter Flug
Seesternbabys und Achtsamkeit
Wertunterschiede, oder: Müssen es Menschen immer so verdammt eilig haben?
Nachrufe für Tiere?
Sweety und die Abzweigung
Ein kleines Gesichtchen leuchtet
Flaschenpost
Nachwort
Was bedeutet das für mich? Was kann es für Andere bedeuten? Und warum scheint es oft nicht vorhanden zu sein? Oder nicht gezeigt zu werden? Oder nicht beachtet zu werden? Und wieso ist dieses Mitgefühl so ein zentrales und wichtiges Thema für mich? Es geht um das Mitfreuen, das Mitfühlen, das Mitleiden. Es geht um den Mut, sich in Andere hineinzuversetzen. Es geht darum, nicht davor zurückzuschrecken, dass man dann „mit fühlen“ würde, was andere fühlen – Menschen – und Tiere.
Es geht um die Feigheit, sich lieber nicht in ein Tier auf dem Weg zum Schlachthof hineinversetzen zu wollen, weil man ahnt, ja weiß, wie schmerzlich das wohl wäre. Es geht um die Konsequenz, nicht ein Tier niedlich zu finden - und dann Teile eines Tieres mariniert auf den Grill zu werfen, und mit französischen Kräutern geschmacklich abgerundet dann zu verzehren. Es geht um den Mut, sich zuzutrauen, einem misshandelten, verfolgten, verängstigten, verletzten, sterbenden oder verstorbenen Tier bedingungslos innerlich nahe zu sein. Wer diesen Mut aufbringt, wer diese Erfahrung macht, ändert seine Einstellung und macht sich selbst zu einem friedlichen Wesen. Friedlich gegenüber Mensch und Tier. Wie verwandt ist das mit der Vermeidungsstrategie vieler, die lieber nicht wissen, fühlen, mitfühlen zu wollen, was ein Kind, eine geschundene Frau, ein sorgenvoller Mann in einem überfüllten Flüchtlingslager, auf einem Schlauchboot im Mittelmeer, oder gar, die Finger verkrampft in einen vermeintlich rettenden Holzbalken gerade empfindet? Würden alle Menschen hier mutig sein, Mitgefühl zuzulassen, wie anders wäre unsere Welt?
Es geht um die eigene Einstellung, und darum, Mitgefühl empfinden, Mitgefühl zu leben, Mitgefühl zu zeigen. Es geht um Dinge die wir zulassen. Es geht um Dinge, für die wir uns nicht schämen sollten, Dinge, für die wir uns nicht rechtfertigen sollten, Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Die funktionieren schon unter Menschen nicht. Und unter Mensch und Tier auch oft nicht. Manchmal sind Menschen mitfühlender gegenüber Tieren, manchmal nur gegenüber Menschen, manchmal nur gegenüber bestimmten Menschen, manchmal gegenüber bestimmten Menschen nicht. Bei mir wurde es ein kleines, persönliches:
„Tue gutes und schreib darüber“
Ich habe mich irgendwann entschieden, mich vermeintlich verletzbar, angreifbar zu machen, indem ich darüber schrieb und sprach, wenn ich aus Mitgefühl etwas tat. Mal empathisch und betroffen, mal eher humorvoll, nähere ich mich seit vielen Jahren verschiedenen Tieren, die entweder meinen Weg begleiten, oder zumindest einen Teil davon gemeinsam gegangen sind. Dazu gehören auch „digitale Begegnungen“ oder solche, bei denen ich das Tier nicht physisch in meiner Nähe hatte, aber z.B. bei der Suche oder Tiersicherung intensiv innerlich mit ihm beschäftigt war. Diese Annäherung fiel mir interessanterweise oft bei Tieren deutlich leichter als bei Menschen.
Eigentlich will ich nicht „missionieren“ oder Menschen dazu zwingen, sich, ihr Leben und ihre Einstellung zu ändern. Aber ich möchte die Gelegenheit geben, über Dinge nachzudenken. So wie ich irgendwann anfing, zu reflektieren. Und das als jemand, der in einem der größten Hotels Frankfurt gelernt hat, der für sein selbst mariniertes Fleisch vom Schaschlik-Grill früher einmal bekannt und beliebt gewesen ist, irgendwann, von innen heraus, immer nachdenklicher wurde, und immer weniger bereit war, Unrecht hinzunehmen. Auch nicht moralisches Unrecht. Auch nicht Unrecht, bei dem es „auf den Standpunkt ankommt“. Auch nicht „Wir haben das doch immer schon so gemacht“-Unrecht.
Irgendwann habe ich nur noch „Bio-Fleisch“ gekauft. Ich hatte damit die Hoffnung, dass für mich keine Tiere leiden müssen. Romantisch, wie ich war, hatte ich aber übersehen, dass es eben nur Fleisch von für mich gewaltsam getöteten Tieren gibt. Egal, was sie vorher zu fressen bekommen haben. Irgendwann habe ich kein Fleisch mehr gegessen. Und irgendwann war ich Veganer. Ohne „missioniert“ worden zu sein. Ohne Missionar geworden zu sein.
Ich bin seit 2008 Hundehalter. Seit 2013 bin ich im bescheidenen Umfang bei Tiersicherungen im Hamburger Raum nicht unerfolgreich beteiligt gewesen. In dieser Zeit ist mein Gefühl, Instinkt, meine Intuition für entlaufende Tiere gewachsen. Ich bekam ein Gefühl dafür, wo ein entlaufenes Tier möglicherweise als Nächstes auftauchen könnte. Ich bekam so etwas wie Ahnungen, welche Entscheidungen ein solcher Hund treffen würde und wo ein entspanntes auf ihn Warten sinnvoll wäre. Seit dieser Zeit setze ich mich auch mehr und mehr für Tiere ein. Waren es viele Jahre vor allem Strassenhunde, die in Rumänien von einer großen Tötungswelle bedroht waren, erweiterte sich mein Horizont, und mit ihm der Kreis von Menschen, die ähnlich denken und fühlen.
Achtsamkeit gegenüber Tieren hörte nicht mehr beim eigenen Vierbeiner oder geretteten Strassenhund auf. Ich recherchiere und publiziere seit 2013 mit einer beachtlichen Reichweite. Ich unterstütze Menschen und Organisationen, die sich für Tiere einsetzen. Ich unterstütze Veranstalter von Tierschutz/ Tierrechtsaktionen auf vielfache Weise. Auch geschieht meine Unterstützung meistens durch Worte. Worte, die ich in Megaphone rufe, Worte, die ich auf Bühnen spreche, Worte, die ich für andere schreibe.
In den letzten Jahren habe ich immer wieder das Bedürfnis gehabt, in mich hinein zu hören und aufzuschreiben, was dort zu vernehmen war. Mal ging es um einen Menschen, der eine berührende Flaschenpost auf den Weg geschickt hatte. Mal um verstorbene Hunde, deren Verbindung zu mir nicht abzureißen schien. Manchmal berührten mich Tiere, die durch Fahrzeuge zu Tode gekommen waren so, dass ich das Gefühl hatte, ihnen noch einmal ein Gesicht, eine Stimme geben zu wollen. So habe ich auch immer Handschuhe im Auto, um tote Tiere von den Fahrbahnen entfernen und in der Natur ablegen zu können. Die Natur holt sie sich ohnehin. Das ist die Natur. Aber Autoreifen auf Asphalt sind nicht die Natur. Und denen muss ein verstorbenes Wesen nicht ausgeliefert bleiben. Jedenfalls nicht, wenn ich es in der Hand habe.
Dieses Buch enthält viele seit 2013 entstandene Texte, die alle eines gemeinsam haben: Sie haben schon einmal, zum Zeitpunkt ihrer Erstveröffentlichung, eine große Zahl von Menschen bewegt.
Meistens habe ich sie auf Social Media in die Welt entlassen. Anfangs oft mit der Befürchtung im Hinterkopf, zerrissen zu werden, angefeindet zu werden, verletzt zu werden. Schließlich öffne ich mich auf diese Weise, und mache mich theoretisch angreifbar. Praktisch aber wurde ich dadurch eher unverletzbarer. Es ist ein Weg. Es ist mein Weg. Mein persönlicher Weg zu mehr Mitmenschlichkeit, zu mehr Gefühl mit allem, was lebt, zu mehr Mit-Gefühl.
Ich vertraue Euch den Schlüssel zu meinem Inneren heute an. Seid von Herzen Willkommen!
Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, die ersten Tiere, mit denen ich direkt zu tun hatte, neben den Vögeln, die uns Kindern natürlich nicht entgingen, kamen in mein Leben, als mein zweiter Bruder geboren worden war, und wir in einem Reihenhaus im Norden Frankfurts eingezogen waren. Auf dem Schulweg erschreckte mich beinahe täglich das furchterregende Gebell eines kleinen Dackels. Der Zaun zwischen ihm und mir war mindestens 1,50 Meter hoch. Und auf „seiner“ Seite war auch noch zusätzlich eine Hecke. Ich hasste diesen Dackel und sprang manchmal fast auf die Straße vor Schreck, wenn er losbellte. Das tat er ziemlich gerne, wenn Leute auf dem Bürgersteig entlang kamen. Abwarten, sie erschrecken, und anschließend dann, wenn die Reaktion der Leute passte, zog er sich wieder zurück. Lange habe ich nicht verstanden, dass die schwarze Collie-Hündin Asta vom Haus gegenüber zur selben Spezies gehörte. Die war total sanft, lieb, kuschelig, und wir durften die Tochter unserer Nachbarn, die Asta manchmal nach der Schule ausführte, beim Spazierengehen begleiten.
Ansonsten habe ich mit Hunden in meiner Kindheit nichts zu tun gehabt. Wahrscheinlich hatten meine Eltern sich entschieden, keine Tiere anzuschaffen, die den Kindern Spaß bringen, aber den Eltern viel Arbeit und Zeit abverlangen, die sie, beide berufstätig, nicht hatten.
Trotzdem sollte das Kind ja Verantwortung und Respekt vor Tieren lernen. Und ein Haus ohne Tiere war wohl auch nicht das Wahre. Deshalb zogen zunächst Zebrafinken bei uns ein. Die Familie des Pfarrers hatte viele davon. Und als die dann wieder einmal ausgebrütet hatten, bekamen auch wir welche. Der Käfig stand im Esszimmer, zwischen Tisch und Klavier.
Ich glaube, in dieser Zeit gab es kein Telefonat mit unserem Haushalt, das nicht zu mindestens einem Drittel von den Zebrafinken bestritten wurde. Sie waren einfach sehr gesprächig. Auch musikalisch leisteten sie ihren Beitrag. Klavier üben abends, mindestens eine halbe Stunde das, was der Lehrer verlangte, und dann noch das, was ich selber wollte, war eigentlich immer ein Kammerkonzert mit Vogelstimmen. Alte Kassetten-Aufnahmen von meinen ersten musikalischen Gehversuchen klingen, als seien sie im Tierpark entstanden. Auch wenn wir samstags abends mit anderen Leuten zusammen musizierten, musizierten die Zebrafinken mit.
Irgendwann waren in dem Käfig keine Zebrafinken mehr, sondern Kanarienvögel. Denen ging es, aus heutiger Sicht, wohl nicht so gut. Als Kind merkt man es nicht so, oder, ich interessierte mich nicht so dafür, was artgerecht ist, und was eher traurige Haltung ist. Wir kannten das ja auch nur als „normal“. Während meine Eltern verreist waren, passte ich einmal auf den damals einzigen Kanarienvogel auf, keine Ahnung, was mit dem anderen passiert war. Dem ging es jeden Tag schlechter. Ich bat die Nachbarin um Hilfe. Es gab ja keine Handys, und die Eltern riefen immer nur abends an. Wir fuhren zum Tierarzt, und der sagte etwas von Krebs, und von Geschwür, und die Nachbarin und der Tierarzt schauten mich an, und baten mich um eine Entscheidung. Ich war noch ein Kind. Und ich sollte entscheiden, ob etwas, was lebt, sterben soll. Ich weiß noch genau, wie schlimm das für mich war. Die Nachbarin hat mir dann die Worte wohl in den Mund gelegt, dass er nicht leiden soll. Wir nahmen ihn, in Küchenpapier gewickelt in einer Plastiktüte, mit nachhause, und begruben ihn im Garten.
Wir hatten auch Kaninchen. Woher auch immer die kamen, waren es wohl Fake-Zwergkaninchen, denn klein und niedlich waren sie nur kurz. Dann wuchsen sie und wurden uncharmant. Mein Vater hatte aus einem alten Küchenschrank mit Hasendraht eine Art Stall gebaut. Dort lebten sie am Kellereingang im Garten. Laufen wurden sie, glaube ich, nicht gelassen. Mein Job war es, jeden Morgen vor der Schule zu den nächstgelegenen Wiesen und Parks zu gehen, und Löwenzahn für die Kaninchen zu sammeln. Das habe ich auch gerne gemacht, wenn das Wetter gut war. Anfassen oder Streicheln wollten sie sich nicht lassen. Natürlich habe ich sie dennoch angefasst und versucht, sie zu streicheln. Das haben sie mir aber sehr schnell abgewöhnt. Entkommen sind sie mir auch bei solchen Gelegenheiten. Das Einfangen war dann jeweils eine langwierige Geschichte, bis ich irgendwann heraushatte, wie man sie im Nacken so packt, dass sie erst einmal keine weiteren Bewegungen machen. Dann noch gut aufpassen, dass sie einen nicht beißen. Und zurück in ihren Stall. Ich habe damals – und bis heute – nicht verstanden, warum Leute Kaninchen halten. Jedenfalls solche, wie wir hatten, und in Kästen, die wie Küchenschränke aussehen und ihnen ganz wenig Platz und Beschäftigung ermöglichen.
An einem Geburtstag kam dann eine große Überraschung. Auf einem Regal zwischen Wohnzimmer und Esszimmer stand ein abgedeckter Gegenstand. Und in einem Päckchen war so eine Art Gewürzstreuer. Den packte ich zuerst aus. Dann stellte sich heraus, dass der Gegenstand meiner Neugier ziemlich viel Wasser enthielt, und einen kleinen roten Goldfisch. So eine typische Goldfisch-Glaskugel, wie sie früher einige Leute hatten. Der Streuer war dazu da, dass ich Verantwortung lernte. Ok. Man muss also einmal am Tag das, was in der Dose ist, beim Goldfisch oben in die Kugel streuen. Sonst hat der nichts zu fressen. Ich habe das schnell kapiert. Aber ich hatte nicht viel Spaß daran. Und der Goldfisch, glaube ich, an seinem Leben unter meiner „Verantwortung“ auch eher nicht. Wie und wer das Wasser jeweils gereinigt oder ausgetauscht hat, erinnere ich mich nicht. Es war so spannend und motivierend, diesen Goldfisch zu füttern, wie die Pflicht, seine Zähne zu putze. Beides wurde von den Eltern auch abgefragt und kontrolliert. Und das machte unsere Beziehung nicht herzlicher.
Eines Tages starb dieser Goldfisch einen dramatischen Tod. Eine Klassenkameradin wurde ab und zu nach der Schule bei uns untergebracht, weil zuhause noch niemand war. An solchen Tagen spielten wir zusammen. Also, wir hielten uns gleichzeitig im Wohnzimmer/Spielzimmer auf, und ich fand es damals nicht wirklich gut, dass sie sich mit meinen Spielsachen beschäftigte. So ist das wohl ehrlicher formuliert. An bewusstem Tag hatte ich eine Höhle gebaut. Stühle, Regal, Tücher, Decken und was sich so fand, ermöglichten mir, mich zurückzuziehen und für mich zu sein. Der Konflikt entstand, wenn ich mich richtig erinnere, als ich die junge Dame aufforderte, meine Höhle zu verlassen, in die sie sich einfach so einquartiert hatte. Das darauffolgende Gespräch endete in einer Art Wurfduell unter Verwendung diverser Gegenstände. Mein Goldfisch und ich auf der einen Seite, der Esstisch, meine Klassenkameradin und das Telefonregal auf der anderen Seite. Irgendwann griff sie nach dem Telefonbuch, um es nach mir zu werfen. Es traf allerdings das Goldfischglas. Das Behältnis fand sich auf der Rückseite des freistehenden Regals wieder, das Wasser und der Goldfisch waren allerdings nicht mehr darin. Inzwischen hatte meine Mutter das Spielfeld betreten. Nach einem prüfenden Blick und energischem Trennen der beiden Streithähne stellte sie den Tod des Goldfisches fest. Das Mädchen wurde dann auch ziemlich zügig abgeholt.
Ich war nicht sehr traurig über den Tod des Goldfisches, gebe ich ehrlich zu. Denn auch an seinem Leben hatte ich nicht sehr viel Anteil genommen. Und so verlief mein Abend eigentlich auch trotz toten Goldfisches so, wie die meisten Abende eines Unterstufenschülers. Nach dem Zähneputzen allerdings klingelte es an der Türe, und ich wurde im Schlafanzug herunter gerufen. Draußen stand mit, so glaube ich, einigermaßen trotzigem und doch verheulten Gesicht, bewusste Klassenkameradin samt ihrer Mutter. In der Hand hielt sie eine durchsichtige Tüte, darin schwamm ein einzelner roter Goldfisch. Ich fürchte, niemand war richtig glücklich mit meiner Reaktion. Aber ich habe diese Entschuldigung nicht angenommen und man merkte wohl auch, dass ich mich damit abgefunden hatte, ab heute ohne Goldfisch zu leben. Die „Wiedergutmachung“ war damit wohl gescheitert. Ich kann aber heute nicht mehr sagen, ob meine Mutter diesen Goldfisch aus Kulanz dann doch angenommen hat und ab dem Datum selbst versorgte, oder ob das Mädchen unseren Vorgarten inklusive Fisch verlassen hat.
Auch ein Meerschweinchen wurde mir als Verantwortungs-Lern-Objekt anvertraut. Es war dreifarbig und tat nicht viel. Manchmal quiekte es. Und wenn ich heute irgendwo Meerschweinchen in artgerechter Haltung, mit Gesellschaft, und mit viel Auslauf und Beschäftigung sehe, dann tut mir mein damaliges Meerschweinchen doppelt leid. Auch das sollte ich füttern, und es hatte wohl Heu und irgendwelche Einstreu und einen Käfig. Aber irgendwann sind das Meerschweinchen und ich im Garten gewesen, und, keine Ahnung, wie es geschah, es war dann weg. Und im Gegensatz zu den Kaninchen habe ich es wohl nicht einfangen können.
Einen Kater hatten wir auch. Durchgehend. So ziemlich durchgehend. Und wenn ich heute so durch alte Fotoalben blättere, erwische ich meine Eltern dabei, dass dieser Kater öfters mal die Farbe gewechselt hat. Wir haben wahrscheinlich einige Kater gehabt, die sie immer wieder Tommy nannten, damit wir Kinder nicht traurig sind, wenn Tommy nicht mehr nachhause kommt. Das jeweilige Kätzchen namens Tommy war Freigänger. D.h. er hatte kein Katzenklo, aber durfte sagen, wenn er raus wollte, und dann haben wir ihn durch die Terrassentüre in den Garten gelassen, oder auch mal vorne, durch die Haustüre. Was auch immer er draußen getan hat, wir Kinder haben ihn nur drinnen oder auf der Terrasse gesehen. Es muss aber einen Anlass gegeben habe, der dazu führte, dass Tommy irgendwann ein Halsband mit Glöckchen tragen musste. Meine Mutter hatte ihn wohl bei der Vogeljagt beobachtet. Sie hat auch regelmäßig Geschenke von ihm bekommen. Also, ich denke, er hat erst einmal für sich gefangen. Und dann jeweils noch eine Maus mehr, damit meine Mutter auch etwas hat. Und diese Maus lag dann immer vor der Terrassentüre. Und ein kleiner Zettel, der oft wiederverwendet wurde, lag dann im Flur, auf dem stand „Maus“. Das bedeutet, dass mein Vater möglichst dringend wieder einmal ein Geschenk von Tommy entsorgen sollte.
Tommy war im ganzen Haus gerne gesehen: Er schlief manchmal bei mir im Bett, manchmal bei einem meiner Brüder oder den Eltern. Im Winter lag er gerne oben auf dem Kachelofen. Nur am ersten Weihnachtsfeiertag, wenn traditionell unser Musiklehrer samt Familie zu Besuch kam, weil er Patenonkel meines Bruders war, dann musste der jeweilige Tommy raus auf die Terrasse. Weil die Ehefrau des Mannes Allergie hatte. Sie sah nicht so danach aus, und wir vermuteten als Kinder, dass sie keine Katzen mag. Inzwischen glaube ich es aber. Der diensthabende Tommy fuhr natürlich auch mit in die Ferien. Er war in Lützel bei Gelnhausen mit dabei, wo mein Bruder ihm eines Tages zeigte, wie es ist, wenn eine Katze gebadet wird. Beide haben es überlebt. Aber ich glaube, dieser Bruder hat diese Katze nie wieder gebadet. Einen Tag vor der Heimfahrt hat meine Mutter dem Tommy dann immer schon Hausarrest verordnet. Nicht, dass dann fünf Personen und ihr Gepäck fahrbereit sind, und der Kater hat noch ein wichtiges Date mit der Katze auf dem Hof nebenan oder so etwas hat. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob wir jedes Mal mit der Katze aus dem Urlaub zurückfuhren. Wie gesagt. Auf den Fotos, die ich noch habe, taucht ab und zu der Tommy auf, und sieht dann ganz anders aus ...
Auch im Urlaub hatte ich mit Tieren zu tun. Mit Nutztieren, wie ich es heute nennen würde. Wir wohnten in Ferienwohnungen oder umgebauten ehemaligen Bauernhäusern in der Rhön, später im Schwarzwald, und mussten mit den Eltern regelmäßig „wandern“, was uns weniger gefiel. Spannender fanden wir die Tiere auf den Weiden und in den Ställen. In der Rhön musste man einige Minuten den Berg herunter laufen, mit einer Blech-Milchkanne, und die frische Milch holen, die die Eltern für eine Spezialität hielten und im Urlaub in einer Menge verbrauchten, wie im restlichen Jahr nicht. Ich trank sie auch, ja. Aber es war für mich nicht wirklich eine Spezialität. Auf diesem Bauernhof gab es wirklich liebe Kühe, die direkt hinter dem Stall eine Weide hatten, und auch, soweit ich mich erinnere, selbst rein und rausgingen, wenn es an der Zeit war. Die durften wir alle auch streicheln. Bis auf eine Kuh. Aber das war eine männliche Kuh, damit erklärte man uns das. Es gab auch einige Hasenkäfige. Die Tiere darinnen waren sanft, lieb, kuschelig, und wohl auch Besucherkinder gewöhnt. Wir durften sie streicheln, wir durften sie in einem kleinen eingezäunten Gehege laufen lassen und dann wieder in Ihre Käfige einsperren. Löwenzahn und Gras haben wir verfüttert. Und ich hatte einen davon recht gerne auf dem Schoss und kraulte ihn. Ich weiß nicht mehr seine Fellfarbe, aber er hatte besonders schöne Augen. Ein Mädchen aus einer anderen Ferienwohnung fand ihn auch ziemlich süß, und so teilten wir uns die Aufgabe, unseren Freund zu streicheln, zu füttern, zu betütern und zu kuscheln. Eines Tages kam der Bauer zu uns beiden und sagte, dass der Hase am nächsten Tag geschlachtet würde. Dazu sei er schließlich da. Und vielleicht sei es besser, wenn wir morgen Vormittag nicht zu ihm auf den Hof kämen, sondern erst nachmittags. Wir reagierten traurig, und er meinte, wir dürften uns überlegen, was von dem Hasen wir am liebsten hätten, und dürften das dann haben. Ich fand die Augen so schön, dass ich tatsächlich abends zuhause bei meinen Eltern verkündete, ich bekäme morgen von dem süßen Hasen die wunderschönen Augen. Das Mädchen hatte sich das Fell gewünscht. Tags darauf kamen wir also nachmittags wieder zum Hof. Die Box war leer. Das Hasenfell hing blutig an der Seite des Stallgebäudes. Unser Freund war nicht mehr da. Natürlich bekam ich keine Augen übergeben. Aber es war für mich, als Kind, das bisher mit dem Töten von Tieren, damit Menschen ihr Fleisch essen, so direkt nicht konfrontiert gewesen war, ein ziemlicher Tritt in die Magengrube. Ich hatte es am Tag der Verkündigung nicht an mich herangelassen. Und auch am Tag darauf schlich die Wahrheit nur langsam, aber brutal, immer mehr in mein kleines Herz. Man hatte meinen Freund umgebracht. Irgendwer hatte also am Sonntag leckeren Hasenbraten. Das Mädchen hatte ein ungegerbtes Fell, und ich die Erinnerung an Augen, die mich einige Tage vertrauensvoll begrüßt und verabschiedet hatten.
Ich kann mich nicht erinnern, ob ich bei späteren Urlauben auf dem Bauernhof noch so unbefangen und optimistisch kindlich auf die Tiere dort zugegangen bin. Aber ich glaube, das war das Erlebnis, das es brauchte, um in mir einen Prozess zu starten, der dazu führte, dass ich heute, über 40 Jahre später, vegan lebe. Es gab Tage, an denen ich meiner über alles geliebten Omi erzählte, dass ich ganz wunderbare kleine faszinierende Tiere zwischen den Gräsern auf der Wiese hinter dem Haus gesehen habe, und dass ich jetzt nicht mehr über Wiesen laufen wollte, aus Furcht, ich könnte solche kleinen, glänzenden Käferchen versehentlich zertreten. Omi meinte dann, ich solle nur aufpassen, kein „komischer Kauz“ zu werden. Ich hatte meine Omi so lieb, dass ich mir vornahm, das zu beherzigen. Dennoch habe ich nie die von ihr als Delikatesse an Feiertagen aufgetischte Rinderzunge probiert. Alleine der Anblick, und der Gedanke, dass die Kuh diese Zunge gebraucht hatte, um liebevoll über streichelnde Kinderhände zu lecken, ließ mich deutlich zurückhaltender an entsprechenden Mahlzeiten teilnehmen.
Wir waren einmal im Zirkus Sarrasani. Das war einer der wirklich großen. Internationale Tourneen lagen hinter ihm. Die Inhaberfamilie hatte ihn nach dem Krieg in Dresden wieder aufgebaut und groß gemacht. Vielleicht hatte meine in Ostdeutschland geborene Mutter auch deshalb genau diesen Zirkus ausgewählt. Ehrlich gesagt, kann ich mich an die Tiernummern nicht mehr wirklich erinnern. Sicher gab es da Elefanten, Zebras, Raubtiere und so weiter. Neben einem Menschen, der sich total verrenken und zusammenfalten konnte, ist mir aber nur ein Artist noch heute in Erinnerung, und einige Melodien, die ich auch heute noch spielen kann. Der Artist war ein Pantomime. Ein Clown, der im dunklen Zirkuszelt auf einer kleinen Concertina einstimmig ein trauriges Musikstück spielte. Der Klang schwebte durch alle Reihen und in die Kuppel. Es herrschte eine emotionale Stille. Er berührte mit diesem kleinen Instrument, nur von einem Scheinwerfer angestrahlt, die Menschen. Vielleicht war er auch der Grund, dass ich einige Jahre später mir den Wunsch erfüllte, und Akkordeon-Unterricht nahm.
Ungefähr in der fünften oder sechsten Klasse muss ich gewesen sein, als ich in Schulnähe auf dem Festplatz den Zirkus Kaiser bewusster wahrnahm. Ich bin nicht sicher, ob wir je mit den Eltern drin waren. Aber mein Bruder und ich wollten schon gerne hinter dem Zaun sein. Wir wollten in die Stallzelte, hinter die Kulissen schauen, uns von diesem „Weite Welt stallgeruch“ faszinieren lassen. Aber wie anstellen? Unsere Eltern hatten uns so erzogen, dass wir immer hilfsbereit zu Menschen sein sollten. Entsprechend boten wir den überraschten Zirkusleuten unsere Hilfe an. Die konnten damit erst einmal nicht viel anfangen. Dann bekamen wir Drahtbürsten und alte Metallstühle zum Abbürsten. Solcher Art arbeiten fanden wir doof. Aber wir bekamen so schon einige Einblicke in das Leben eines kleinen Wanderzirkus. Wir erlebten, wie das Leben von „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“-Männern tatsächlich aussieht. Nämlich recht bescheiden. Der „Zeltmeister“ war so eine Art Hausmeister, der in einem Personalwohnwagen ein Abteil bewohnte. Und der Stallmeister war ein älterer Mann mit Bierflasche, langen Haaren und Bart, der auf einer Decke auf zusammengeschobenen Strohballen bei den Tieren im Stallzelt schlief. Reich waren sie alle nicht. Aber es war irgendwie ihr Biotop, eine gewachsene Gemeinschaft, ein exotischer Lebensraum mitten in einem Wohngebiet. Der Chef, Stefan Kaiser, mochte meinen Bruder und mich. Und so mussten wir irgendwann keine Stühle mehr abbürsten, sondern, sondern durften uns, wann immer wir wollten, auf dem Festplatz frei bewegen. Der Elefant war auch recht nett zu mir. Er ließ sich an den Vorderschultern und am Rüssel sanft streicheln, und er holte ganz feinfühlig Äpfel und Karotten aus meiner Hand. Einmal stieg er dabei versehentlich auf meinen Fuß. Während ich befürchtete, ich würde wohl mit zerbrochenen Knochen ins Krankenhaus kommen, merkte er aber noch rechtzeitig, dass da etwas war, und hob sein sensibles Bein wieder an. Wir blieben Freunde. Ich war allerdings ab dem Zeitpunkt etwas vorsichtiger. Lamas, Alpakas, Ziegen, Lipizzaner, alle diese Tiere, die ein Stadtkind sonst nur aus dem Zoo kennt, lernte ich so kennen, hautnah. Ich durfte beim Füttern helfen, beim Ausmisten, beim Aufbau und Abbau der Zelte, sogar bei einer Parade durfte ich einmal ein Alpaka durch die Manege im Kreis führen. Für ein Stadtkind war das eine ganz besondere, romantische, geheimnisvolle Welt. Ich gebe es heute zu: Ich habe dafür auch Geometrie bei Herrn Buß geschwänzt, um bei den Tieren sein zu dürfen. Einmal regnete es stark. Und nachdem Zelte, Tiere und Inventar gesichert waren, wollten mein Bruder und ich nicht im Regen nachhause. Wir haben Asyl im Wohnwagenabteil des Zeltmeisters erhalten und hörten mit ihm Radio und er erzählte aus seinem Leben. Meine Mutter war natürlich nicht informiert worden und machte sich sorgen. Damals gab es weder Internet noch Handys noch hatte so ein kleiner Zirkus eine Telefonnummer. Meine Mutter musste also mit dem Auto auf die Suche gehen – und fand uns zielsicher im Zirkus Kaiser, und war unnachgiebig, als wir darum baten, noch Etwas bleiben zu dürfen.
Drei Zoos habe ich als Kind kennengelernt. Den Frankfurter Zoo in der Innenstadt, bei dem mir immer schon die Tiere leidtaten, denn das war sogar für Kinder sichtbar, dass der jeweilige Eisbär dort nicht glücklich war. Auch die Affen wirkten auf mich eher lethargisch im Vergleich zu denen, die ich auch meinen Kinderbüchern kannte. Pinguin-Prozessionen fand ich hingegen putzig.
Dann gab es den Opel-Zoo im Taunus. Dort waren alle Tiere sehr viel großzügiger untergebracht. Es gab auch einen Streichelzoo, den ich sehr mochte. Dieser Tierpark war eher eine Art Ausflugsziel im Wald hinter Kronberg, wo es eben auch Tiere gab. Bedauert habe ich hier das Flusspferd oder Nilpferd, ich weiß nicht mehr, was es genau war. Das hatte, aus heutiger Erinnerung, sehr wenig Platz. Ich glaubte damals, das könne nur unter Wasser leben und auftauchen, um uns anzuatmen, bevor es wieder untertaucht. Aber ich hoffe einfach, dass da schon etwas mehr Bewegungsfreiheit war.
Der Dritte Park war mehr oder weniger ein kleiner Ponyhof im Niddatal. Das Ginnheimer Wäldchen besuchten wir oft mit unseren Fahrrädern. Dort gab es zeitweise auch einen Abenteuerspielplatz, wo man aus großen Yton-Steinen selbst etwas bauen konnte. Und es gab eine Art Reitbahn mit Ponyreiten. Selbst geritten sind wir, glaube ich, nie. Aber wir haben gerne lange die Pferde beobachtet, und einige andere Tiere, die dort gehalten wurden.
Lehrreich war es sicher in den Zoos. Und die Affenhäuser zogen mich auch an. Ja. Aber auch schon als Kind taten mir die Tiere eher leid, und es war aus heutiger Sicht zwar jeweils etwas Besonderes, dort hingehen zu dürfen, aber es machte mich jedes Mal nachdenklicher.
Während des Zivildienstes lernte ich eine junge Frau kennen, die im Haus ihrer Großmutter lebte. Die alte Dame war vor kurzem gestorben. Ihre Eltern lebten getrennt, die Mutter war einige Straßen weiter in eine Wohnung gezogen. Und Liliana durfte, mit einer Freundin, bis zum Abriss das Haus der toten Oma bewohnen. Die beiden arbeiteten bei einem Großmarkt und teilten sich das Erdgeschoss wie eine Wohngemeinschaft. Liliana hatte einen alten Siamkater namens Benny, und zwei weitere rote Katzen. Eine Lady namens Lady und noch einen Kater.
Eines Abends war ich bei Liliana zu Besuch. Jeder von uns las in einem Buch. Wir hatten nicht mehr Licht angemacht, als wir dazu benötigten. Irgendwann sprang Benny auf, und flitzte zur Wohnungstüre. Er sprang daran hoch. Dann kreiste er, mit ungewöhnlich hoher simme miauend, in Pirouetten durch den weiten Flur bis zur Küche, in der er dann verschwand, und so laut schnurrte, dass wir es noch im Zimmer hörten.
„Hallo Oma!“ Kam von Liliana.
„Ähm, Liliana? Welche Oma?“ Fragte ich sie verwirrt.
Sie schaute von ihrem Buch auf und mich fragend an: „Wie meinst Du das? Oma ist nachhause gekommen und hat Benny was gegeben.“
„Liliana! Niemand ist nachhause gekommen. Und Deine Oma ist tot. Aber Benny hat eben an der Wohnungstüre gekratzt, und dann irgendwas umkreiselt, was sich Richtung Küche bewegt hat. Dannn hat er geschnurrt. Und Du hast mit Mädchenstimme gesagt, hallo Oma.“
Wir schauten uns fragend an. Inzwischen war die Mitbewohnerin dazu gekommen. Sie ließ sie sich alles noch einmal genau wiederholen. Liliana erzählte uns dann, dass immer, wenn ihre Oma vom Einkaufen gekommen war, der damals noch sehr junge Benny sie an der Wohnungstüre abgeholt hatte, und auf dem Weg durch den Flur miauend umkreiste, damit er in der Küche sofort ein kleines Geschenk von ihr erhielt, welches er dann schnurrend verspeiste.
