Mit Herrn Nägele um die Welt - Peter Strauß - E-Book

Mit Herrn Nägele um die Welt E-Book

Peter Strauß

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Beschreibung

Der Autor erzählt von kuriosen und amüsanten Erlebnissen und Begegnungen aus vielen Urlaubsreisen in aller Welt. Es wird auch manch interessante Information beigesteuert. Aber glauben Sie nicht alles zu hundert Prozent; dichterische Freiheit hat bisweilen etwas nachgeholfen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Widmung

Dieses Buch ist natürlich meiner unvergleichlichen Lebensgefährtin gewidmet, die mit bewundernswerter Perfektion alle unsere großartigen Urlaube geplant und organisiert hat.

Sie hat im Vorfeld mit Akribie und Sachverstand einschlägige Bücher konsultiert, analysiert und individuell – unter besonderer Berücksichtigung meiner Vorlieben und Abneigungen – ausgewertet.

Falls sich dieses Buch nicht vermarkten lässt, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sie als Betreiberin eines Reisebüros oder auch als professionelle Rezensentin von Reiseführern unseren Lebensunterhalt bestreiten könnte.

Und besonderer Dank gebührt meinem besten Freund (Altphilologe, profunder Orientologe und ebenfalls leidenschaftlicher Weltreisender), der nicht nur alle meine Geschichten geduldig zur Kenntnis nahm, sondern als kompetenter Leser etliche Fehler aufdeckte, die mir (1) entgangen waren …

1  und der Rechtschreibprüfung meines PC-Programms

Peter Strauß

Mit Herrn Nägele um die Welt …

Impressum:

© 2012 Peter Strauß

2. Auflage

Umschlaggestaltung: Peter Strauß

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-3870-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Paris

Nürnberger Bratwürste am Kap São Vicente

Der Arm der Gewerkschaft

Der höchste Wasserfall der Welt

The Housecoat

Der Kamelmarkt von Jerusalem

Weinkalkulation

Beim Feuerwehrwagner

Rarotonga oder Wer den Needle von Süden besteigt

Chinesische Weisheit

Singapore ist uns technisch weit voraus

Jambo

Rio ist nicht (un-) gefährlich

Kein Bier in Samarkand

Ein Radfahrer in Hawaii

Der Pavian im Fond

Ein schinanter Schelm

Autoverleih

Kava-Kawa

Blue Lagoon Cruise

Hotel Oriental, Zimmernummer unbekannt

Horror auf Nosy Be

Der Kupfer-Canyon ist eine (Winter) Reise wert

Die Baja California ist fest in US-amerikanischer Hand

Trauen Sie niemandem

Doch ein Reiseführer?

Der Quasi in Nürnberg

Peter Strauß, geboren 1949 in Fürth/Bayern war nach seinem Studium der Mathematik und Physik als selbständiger Unternehmensberater für Datenverarbeitung und Marktforschung tätig. Danach erlebte er seine „sinnvollsten“ Berufsjahre als begeisterter Mathematiklehrer an einem Nürnberger Gymnasium.

Eine unverbrüchliche Liebe zur Natur und besonders zu Tieren prägte ihn von Kindheit an.

Biologische Kenntnisse erwarb er nicht nur aus unzähligen Büchern, sondern zusätzlich während fast 30 Jahren leidenschaftlicher Reisen, die ihn auf alle Kontinente (außer Antarktika) führten. Südafrika und Australien sind seine erklärten Lieblingsziele.

Seit noch längerer Zeit ist er überzeugtes Fördermitglied und Bewunderer von Greenpeace und Grzimeks Zoologischer Gesellschaft.

Vorwort

Zum Titel: Tatsächlich unternahm ich vor langer, langer Zeit eine Reise mit einem Herrn, der so ähnlich hieß, dessen wahren Namen ich aber aus mehreren Gründen nicht nenne.

Erstens ist auf der kurzen Busreise von Eriwan nach Tbilisi überhaupt nichts wirklich Erzählenswertes passiert. Zweitens ist es mir nicht gelungen, ihn aufzuspüren und um seine Einwilligung zu bitten. Insbesondere wäre zu befürchten gewesen, dass er zuvor das gesamte Buch hätte rezensieren wollen; Herr A. ist nämlich Lehrer …

Die Berufsschule einer nicht näher genannten Gemeinde suchte für eine Studienreise in die Sowjet-Union per Zeitungsinserat noch Mitreisende, weil man – um Anspruch auf einen Bus und einen Dolmetscher zu haben – eine bestimmte Anzahl Personen sein musste.

Herr A., Organisator der Reise und Direktor dieser Schule, reiste selbstverständlich mit, aber er selber taucht im folgenden Buch praktisch nicht auf.

Die anderen Mitreisenden, der Lehrkörper der Schule, samt Ehegatten, respektive -gattinnen, wären eher geeignet, Protagonisten (besser Nebenfiguren) einer Geschichte zu sein. Und auch, weil diese dabei nicht wirklich gut wegkämen, musste ich mich entschließen, den Namen im Titel zu verfremden.

Bereits während dieser Reise entstand in mir die Idee, die Erlebnisse unter dem Titel „Mit Herrn A. durch den Kaukasus“ aufzuschreiben; die Reise ging per Flugzeug von München nach Sankt Petersburg (damals noch Leningrad), per Flugzeug nach Eriwan, per Bus nach Tiflis (dieser Abschnitt führt leider nicht einmal durch den „Kleinen Kaukasus” und schon gar nicht über die „Grusinische Heerstraße”, aber es klingt hübscher so), dann per Flugzeug nach Taschkent, per Eisenbahn nach Buchara und Samarkand, per Flugzeug nach Moskau und zurück nach München. Sieben echte Höhepunkte in nicht einmal drei Wochen!

Es war eine interessante und insgesamt angenehme Reise; hauptsächlich wegen der über die Zeitungs-Annonce angeworbenen Mitreisenden: Der pfiffige Lokomotivführer H. aus D., ein äußerst gebildetes Ehepaar Sch. aus M. (er: Journalist, sie: eine echte Dame) und mein Schulfreund Jim, den allerdings ich persönlich verpflichtet hatte.

Die meisten Geschichten dieses Buches allerdings entstanden in Urlauben, die ich mit meiner reisefreudigen Lebensgefährtin verbrachte; so gesehen ist der Titel des Buches die reine Irreführung …

Das Titelbild zeigt übrigens einen eigenwilligen Blick auf die Iguazu-Wasserfälle (von der Argentinischen Seite); sie kommen in dem Buch auch nicht wirklich vor, aber es war dennoch eine unvergessliche Reise und die Gegend ist in jedem Fall als Reiseziel empfehlenswert.

Noch ein – dramaturgischer – Hinweis: Die Geschichten sind in zufälliger Reihenfolge angeordnet.

Und ein abschließender Hinweis in eigener Sache: Bei Lesungen aus diesem Buch – im engeren Freundeskreis – wurde bisweilen die Kritik: „Das klingt angeberisch“ laut gemurmelt. Nun weiß ich als geübter Sprachforscher, dass man Arroganz unterscheiden muss: In beleidigende Überheblichkeit und in charmante Übertreibung – sozusagen „Schelmen-Eitelkeit“.

Ich wünsche mir, dass Sie mir die zweite Art attestieren …

Paris

Meine Großmutter mütterlicherseits, die einer streng katholischen Familie aus der Bamberger Gegend entstammte, versuchte verschiedentlich, – als ich noch ein kleiner Junge war – mir einzureden, ich müsse einmal Erzbischof werden.

Bei einer etwas späteren Gelegenheit erzählte mir diese meine Großmutter, dass Napoleons Mutter, Madame Lätizia, ihrem Sohn Napoleon – als jener noch ein kleiner Junge war – eingeredet habe, er müsse einmal Kaiser von Frankreich werden.

Vermutlich schien Napoleon, da es in Frankreich ja vor ihm nie einen Kaiser gegeben hatte, der Wunsch seiner Mutter ebenso illusorisch und absurd wie mir der Wunsch meiner Großmutter; hatte ich doch die angestammte mosaische Religion meines Vaters übernommen.

Nun, wie wir wissen, erfüllte sich Madame Lätizias Wunsch; mir hingegen ist eine unendliche Bewunderung und unverbrüchliche Verehrung für Napoleon geblieben …

Eine unserer ersten Reisen führte uns (meine treue Lebensgefährtin und mich) nach Paris.

Da ich vorher schon des öfteren allein in Paris gewesen war, hatte meine interessierte Lebensgefährtin den Vorteil, dass sie auf das Wissen eines erfahrenen Paris-Kenners zurückgreifen konnte.

Da ich ihr aber alle wichtigen Sehenswürdigkeiten zeigen wollte, hatte ich den Konflikt, ob ich mir Dinge, die zwar wichtig sind, mich aber nicht so begeistern, noch einmal zumuten wollte oder nicht. Natürlich sprachen wir – zwei Erwachsene und vernünftige Menschen – darüber, und stellten gemeinsam ein Programm auf, das allen unseren Neigungen Rechnung trug: Ein Drittel offizielle Sehenswürdigkeiten, ein Drittel Mode und Einkauf, und ein Drittel Napoleon.

Es ist – das ist wohl jedem denkenden Menschen klar – völlig unmöglich und hirnrissig, mit dem Auto durch Paris zu fahren: Erstens findet man nirgends einen Parkplatz, und zweitens herrscht in der ganzen Stadt zu jeder Tageszeit ein anstrengender Straßenverkehr, so dass zumindest der Fahrer den Sehenswürdigkeiten nicht die erwünschte Aufmerksamkeit schenken kann (der Beifahrer sowieso nicht, der muss ja ständig den Stadtplan studieren (1)).

Die Metro ist dem Auto unbedingt vorzuziehen.

Allerdings nicht während der sogenannten Stoßzeiten (früh vor zehn Uhr und nachmittags zwischen sechzehn und neunzehn Uhr); das Gedränge in den Bahnhöfen und unterirdischen Tunneln ist unbeschreiblich, und wird nur von der Untergrundbahn in Tokio übertroffen.

Auch die Anzahl der Personen, die in einen Waggon hineinpassen, wird von Laien gern unterschätzt.

In Paris gibt es – im Gegensatz zu Tokio – auf den Bahnsteigen keine „Stopfer" (das sind Angestellte der U-Bahn-Gesellschaft, die – wenn die Waggons bereits überfüllt sind – noch einmal die gleiche Menge Menschen durch die Türen hineinpressen). In Paris hilft man sich da gegenseitig: Ich habe bei unserer ersten und einzigen Stoßzeit-Fahrt einem jungen Mann geholfen, der sich im letzten Moment noch in den Wagen herein drängte, indem ich die Türen mit gewaltigem Kraftaufwand offenhielt.

Zum Dank dafür versuchte er, die Handtasche meiner gutsituierten Lebensgefährtin auszurauben.

Ich bemerkte zum Glück von alledem nichts, sonst hätte ich vermutlich Zeter und Mordio geschrien, und wäre am Ende wahrscheinlich selber als Dieb verhaftet worden.

So erzählte mir meine unberaubt gebliebene Lebensgefährtin, nachdem der Taschendieb wieder ausgestiegen war, dass sie ein leichtes Ziehen an ihrer Handtasche bemerkt hatte, hinuntergeblickt, und die Hand des Burschen in ihrer Tasche gesehen hatte. Sie stupste ihn an – offenbar hatte der noch nicht bemerkt, dass er beobachtet wurde, so sehr war er in seine filigrane Tätigkeit vertieft, und er zog seine Hand mit einem entschuldigenden Lächeln aus der Handtasche, zeigte, dass er nichts gestohlen hatte, glitt mit einer fließenden Bewegung in die Jackentasche eines daneben stehenden Herrn, holte dessen Brieftasche heraus und stieg – die Metro hielt gerade an – ebenso flott, wie er hereingesprungen war, wieder aus.

In Tokio wäre so etwas sicher nicht möglich, weil da niemand in der U-Bahn auch nur einen Finger bewegen kann.

Ein weiteres Argument gegen die Metro ist vielleicht die Tatsache, dass man – mit Ausnahme von (mindestens zwei) streckenweise überirdisch fahrenden Linien – während der Fahrt nichts sieht; es gibt zwar einige recht hübsche Bahnhöfe: Am Louvre werden sogar ägyptische Exponate in Glaskästen zur Schau gestellt, aber als Stadt-Besichtigungsrundfahrt kann man die Metro wohl nicht bezeichnen.

Ansonsten ist die Metro ein sehr zuverlässiges, preiswertes und schnelles Beförderungsmittel.

Wir haben die Innenstadt zu Fuß erkundet und die Metro nur für die größeren Entfernungen benutzt.

Natürlich sind wir auch die überirdischen Strecken gefahren:

Die Linie 6 fährt auf der gesamten Strecke von der Place de l'Etoile bis zur „Nation“ vier mal unter freiem Himmel;

mit der Linie 2 kann man diesen Weg wieder zurückfahren; sie steigt in „Jaurès“ aus dem Tunnel und taucht in „Barbès–Rochechouart“ wieder ab.

Es gibt übrigens noch mehr Linien, die streckenweise oberirdisch verkehren, aber nur deshalb damit zu fahren, wäre etwas übertrieben.

Die Linie 1 passiert die Bastille auf Straßenniveau, ebenso die Linie 5 den Gare d'Austerlitz, und einige Metrolinien erreichen ihre Vorort-Endstationen ebenerdig (etwa die 8 den Pointe du Lac; oder die 13 Châtillon–Montrouge).

Paris – McDonald

Dass Paris eine sehr teure Stadt ist, brauche ich nicht eigens zu erwähnen.

Wer gern Bier trinkt, und wer einmal auf den Champs-Élysées ein solches verzehrte, weiß, was ich meine.

Als erfahrene Reisende wussten wir, dass McDonald weltweit vergleichbar niedrige Preise bietet; tatsächlich kostet ein Bier bei McDonald in Paris nur etwa ein Sechstel von dem, was in einem normalen Restaurant in der Innenstadt verlangt wird.

Allerdings ist McDonald natürlich ein Speiselokal.

Wenn Sie hineingehen, an die Theke treten und ein Bier bestellen, wird man Sie höflich darauf hinweisen, dass es Getränke nur in Verbindung mit Essen gibt.

Wenn Sie aber ein McDonald-Lokal betreten, zuerst ganz nach hinten gehen (es empfiehlt sich, dabei gleich die Toilette zu benutzen, welche – ebenfalls weltweit – sehr sauber ist), und aus der Tiefe des Lokals zur Theke kommen, und dann sagen: „Ich hätte gern noch ein Bier!", dann können Sie bei McDonald einen fröhlichen und preiswerten Abend verbringen… (2)

Paris – Eiffelturm oder Tour Montparnasse

Die bekannteste Attraktion von Paris ist bekanntlich der Eiffelturm: Er ist 300 Meter hoch und bietet als höchstes Bauwerk der Stadt eine einzigartige Sicht über Paris und – bei klarem Wetter – das gesamte Umland.

Zumindest war das bei meinen früheren Besuchen so gewesen. Von einem dieser früheren Besuche her wusste ich aber auch, dass eine Eiffelturm-Besteigung für einen Menschen, der unter Höhenangst leidet, ein eher getrübtes Vergnügen bedeutet.

Meine geliebte rücksichtsvolle Lebensgefährtin verzichtete selbstverständlich auf den Eiffelturm; sie hatte sich überdies schlau gemacht und wusste, dass der (3) Tour Montparnasse (den es zu meinen Pariser Zeiten noch nicht gegeben hatte) zwar nicht ganz so hoch (nur 210 Meter, und damit immerhin das höchste Haus in Europa) ist, dass man aber die Spitze mit einem im Gebäude fahrenden Aufzug erreichen konnte, und dass die Aussicht aus einem geschlossenen Raum mit Panorama-Fenstern für mich ungleich genussreicher sein müsse.

Das stimmte zu hundert Prozent!

Montparnasse blieb übrigens nicht die einzige Sehenswürdigkeit, die ich bis dahin noch nicht gekannt hatte: Wir verbrachten einen herrlichen Vormittag im schönsten Friedhof der Welt: dem Père Lachaise, und einen ebensolchen Nachmittag im Zoo in Vincennes.

Ich zeigte meiner begeisterten Lebensgefährtin im Gegenzug den Jardin des Plantes, wo Rilkes wunderbares Gedicht „Der Panther" entstand, den Jardin du Luxembourg, in dem noch immer ein Hauch der Drei Musketiere zu spüren ist, die Place des Vosges, mit Blick auf die bunten Häuser, die Heinrich IV anno 1605 um den Platz herum drapieren ließ.

Die berühmten Markthallen standen leider nicht mehr; meine enttäuschte Lebensgefährtin kam erst viele Jahre später in Manaus am Amazonas in den Genuss, eine exakte Kopie von „Les Halles" zu besuchen.

Aber ich verliere mich in Ratschlägen, die Sie sich, lieber Leser, besser von einem wirklich aktuellen Reiseführer geben lassen sollten.

Mehr als ein Tag wurde auf besonderen Wunsch meiner Herzensdame in der Rue de Rivoli und ihren Seitenstraßen verbracht – nicht etwa um Napoleons großem Sieg am 14.Januar 1797 zu gedenken, sondern weil dort unter den Arkaden die großen Modeboutiquen zu finden sind.

Es wurde auch tatsächlich trotz der unfreundlichen Beratung einer arroganten Verkäuferin ein schwarzer Rock gekauft.

Paris – Invalidendom

Auf meinen Wunsch wurde auch am Grab, genau gesagt, am Sarkophag im Invalidendom Napoleons gedacht; das gehört für mich unbedingt zu einem Parisbesuch.

Bei dieser Gelegenheit führte ich meine historisch weniger interessierte Lebensgefährtin auch in diese kleine Nebenkammer in der Kapelle neben dem Invalidendom, in der seit 1840 der hölzerne Wagen zur Schau gestellt wird, mit dem Napoleons Leiche auf St. Helena zu Grabe gefahren worden war, und von dem ich anlässlich meines allerersten Aufenthaltes hier in sehr mühsamer Kleinarbeit einige Holzspäne abgeschabt hatte (diese „Reliquien" hatte ich als junger Mann ständig bei mir getragen).

Ich wollte ihr genau die Stelle zeigen, an der meine Späne fehlten; es würde schwierig werden, diese Stelle zu finden, weil natürlich inzwischen das Holz wieder nachgedunkelt war.

Es war sogar äußerst schwierig.

Es war – genau gesagt – unmöglich, weil es die Stelle nicht mehr gab!

Ich muss vermuten, dass jeder Tourist, der hierher pilgert, in Ermangelung anderer, in Abgeschiedenheit zugänglicher Kultobjekte, an dem Wagen herum schnitzt, und dass deshalb die Museumsverwaltung im Lauf der vielen Jahrzehnte immer wieder neue Wagen produzieren und auf antik trimmen ließ.

Der Wagen, den wir vorfanden, war offensichtlich gerade erst aufgestellt worden; er zeigte absolut – noch! – keinerlei Kratzspuren …

Paris – Napoleon in Malmaison

Nicht unbedingt zu den regelmäßigen Stationen eines jeden Paris-Besuchs gehört Malmaison; wir haben zwar natürlich den herrlichen Park durchstreift, aber auf eine Schlossführung (diesmal) verzichtet; ich hatte sie mir vor etlichen Jahren einmal gegönnt (wer es nicht wissen sollte, dem sei schnell gesagt, dass Napoleon seinerzeit dieses Schlösschen seiner Frau Joséphine zum Geschenk gemacht hatte.):

Und um sicher zu gehen, auch alles mitzubekommen, schloss ich mich damals einer englischen Schulklasse an.

So käme ich in den Genuss, die ganze Führung zuerst von der lizenzierten Schlossführerin auf Französisch und (je Raum) anschließend von der englischen Schullehrerin noch einmal auf Englisch anhören zu können – dachte ich.

Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Die französische Dame erzählte im Schlafzimmer Napoleons (zumindest fallen mir jetzt nicht mehr Details ein):

Dieses Bett wirkt durch seine zwei großen Nackenrollen sehr klein, es ist aber in Wirklichkeit zwei Meter lang. Die Geheimtür hinter dem Bett führt in Joséphines Schlafräume. Die Pantoffeln sind ein Geschenk des Sultans Ismir Übel (4).

Das Bild hier rechts malte David anlässlich der Alpenüberquerung des Konsuls. Den Schrank zur linken durfte außer dem Kaiser nur sein „Leibwächter und ständiger Begleiter" Roustan öffnen.

Und dann übersetzte die englische Lehrerin: „This was the bedroom of the emperor" und die Klasse wurde in den nächsten Raum geführt.

Paris – Ausflug nach Fontainebleau

Ich war bisher immer nur in Paris auf den Spuren Napoleons gewandelt (Aufenthalte in Wien, Moskau, Berlin, etc. dienten nicht Napoleon-Studien).

Ich war noch nie in Korsika, nie auf Elba, nicht auf St. Helena – noch nicht!

Und ich war bis dato auch noch nicht in Fontainebleau gewesen.

Meine treue Lebensgefährtin erklärte sich bereit, mit mir dorthin zu fahren.

Ein organisierter Ausflug – wir hätten in unserem Hotel für 120,-- FF pro Person eine Busfahrt mit Schloss-Führung buchen können – kam für uns nicht in Frage.

Nicht aus Sparsamkeit, sondern, weil wir glaubten, es wäre interessanter, abenteuerlicher, eben sportlicher, so eine Tour auf eigene Faust zu unternehmen, und weil wir dann unsere Zeit selber einteilen würden können.

Wir wussten, dass Fontainebleau nicht weit von Paris, irgendwie in südlicher Richtung liegt, und planten die Tour für den nächsten Mittwoch (selbstverständlich erkundigten wir uns zuvor, wann das Schloss zu besichtigen war, um nicht womöglich vor verschlossener Tür zu stehen).

Und selbstverständlich planten wir auch rechtzeitig, wie wir dorthin kommen würden.

Am Nachmittag zuvor kehrten wir deshalb abends auf einem kleinen Umweg über die Place d'Italie in unser Hotel zurück (dank einer Wochenkarte für die Metro kostete uns das nichts). Wir wollten uns dort nach Bussen erkundigen.

Nachdem wir vergeblich Schilder mit der Aufschrift Fontainebleau gesucht hatten, fragten wir irgendeinen Busfahrer, welche Buslinie und welcher Bahnsteig für uns in Frage käme.

Er erklärte, dass nach Fontainebleau – seines Wissens nach – überhaupt kein Bus fuhr.

Er empfahl die Eisenbahn, von der Gare d'Austerlitz aus.

Zur Sicherheit machten wir also noch einen kleinen Umweg über diesen Bahnhof, um uns nach den genauen Fahrtzeiten zu erkundigen.

Der Fahrpreis betrug – inklusive Rückfahrt – 81,-- FF pro Person; also würden wir höchstwahrscheinlich sogar noch Geld sparen (der Eintritt ins Schloss betrug nur 36,-- FF).

Zusätzlich erwartete uns das Vergnügen, in einem modernen Hochgeschwindigkeitszug sehr viel bequemer als in einem Bus zu reisen.

Als wir ankamen, mussten wir erkennen, dass Fontainebleau nicht nur aus dem Schloss bestand; im Gegenteil, Fontainebleau ist ein recht großer Ort, und natürlich befindet sich der Bahnhof weit außerhalb und am extrem anderen Ende als das Schloss.

Mangels häufiger Busverbindung schlug ich vor, den Ort zu Fuß zu durchqueren: Es war herrliches Wetter, noch nicht sehr warm, und wir würden wohl mehr zu sehen bekommen.

Auf dem langen Marsch wurden wir von drei Linienbussen überholt (übrigens hatten alle Läden geschlossen: Im August ist ganz Frankreich – außerhalb Paris – wie ausgestorben).

Noch unerfreulicher war die trotz der frühen Morgenstunden bereits enorm lange Warteschlange vor dem Kassenhäuschen. Erste Reue zeigte sich bei mir, als nach etwa einer Stunde der Ausflugsbus ankam, der uns von unserem Hotel abgeholt hätte, und dessen Passagiere an uns vorbei geführt wurden, direkt ins Schloss hinein.

Als wir am späten Nachmittag die Schlossbesichtigung hinter uns gebracht hatten, sahen wir gerade noch, wie dieser (klimatisierte) Bus wieder abfuhr und die Leute, die inzwischen ein stärkendes, im Gesamtpreis inkludiertes Mittagessen eingenommen hatten, nach Paris zurückbrachte.

Uns stand noch der Weg zum Bahnhof (den wir jetzt mit einem überfüllten Linienbus zurücklegten) und die Bahnfahrt bevor; zum Essen blieb uns leider keine Zeit, weil wir sonst den Zug nach Paris verpasst hätten.

Das ist der Grund, warum wir grundsätzlich individuelles Reisen dem Gruppentourismus vorziehen: Gruppen werden bevormundet; Individualisten können sich an jedem Ort so lange aufhalten, wie sie möchten, kein Reiseleiter beschneidet die Pausen, zwingt zu einer Besichtigung oder drängt zum Aufbruch.

Und so viel billiger sind organisierte Touren auch wieder nicht …

1  Damals gab es noch keine Navigations-Geräte.

2  Das war 1984; ob McDonald heutzutage in irgendeinem seiner weltweiten Lokale noch Alkohol anbietet, bezweifle ich.

3  Sie haben recht: Wenn man „die Place” sagt, sollte man auch „die Tour” sagen… Aber ich wollte die Verwechslung mit „Tour” im Sinn von Rundreise vermeiden.

4  Bitte, geben Sie diesen Namen nicht wörtlich weiter! Historisch betrachtet, könnte es evtl. Sultan Selim III. gewesen sein.

Nürnberger Bratwürste am Kap São Vicente

(1)

Ursprünglich wäre ich gern mit dem Auto nach Lissabon gefahren.

Schwarzwald, Südfrankreich, die Pyrenäen und quer durch Spanien, das hätte mich gereizt.

Und immerhin ist ja bekanntlich der Weg das Ziel.

Meine arbeitgeberfreundliche Lebensgefährtin wies auf die – bereits in Luftlinie – fast 2.000 Kilometer betragende Entfernung hin. „So viel Urlaub kann ich nicht nehmen.“

Mit dem Flugzeug – auch wenn man den Umweg über Brüssel wählt – reicht die Zeit allerdings nicht, um alle Portugiesischen Wörter und Redewendungen aufzufrischen, die ich 'mal als wichtig eingestuft hatte.

In Lissabon mieteten wir ein Auto und fuhren wenigstens quer durch das südliche Portugal bis zur Algarve. Das sind auch schon 350 Kilometer.

Es ist eine ebenfalls sehr schöne Strecke, wenn man die Autobahn meidet und besinnlich übers Land fährt.

Bei einer Rast – in einem kleinen Dorf lud ein Bäckerladen mittels kleiner Tische auf dem Marktplatz zum Verweilen ein – bestellte ich für meine Kaffee-verwöhnte Lebensgefährtin einen großen Cappuccino.

Das ist eigentlich eine Wiener Spezialität (der „Kapuziner“ ist ein Mokka mit flüssigem Schlagobers), aber inzwischen haben die Italiener den Ruhm dafür eingeheimst; sie gießen cremigen Milchschaum über einen Espresso.

„Bem com chocolate“ sollte heißen: „Gern mit Kakao“, welcher über den Schaum gestreuselt wird.

Für mich bestellte ich einfach eine große Tasse Kaffee mit viel Milch, mit sehr viel Milch, wobei ich das T in „leite“ sehr hart als „dsch“ betonte, damit es brasilianisch klingen sollte.

„Nehmen Sie doch eine Galão,“ empfahl die hübsche Bäckersgehilfin.

„Was ist das?“ musste ich meine Unbildung eingestehen.

Und nun rächte sich meine perfekte Aussprache des Portugiesischen.

Sie nahm wohl an, ich verstünde tatsächlich ihre Sprache und überschüttete mich mit einem Wortschwall, von dem ich nicht einmal eine einzelne Silbe herausfiltern konnte.

Aber – womöglich telepathisch – verstand ich haargenau, was sie erklärte.

„Ja, genau das will ich.“

Später konnte ich sogar einmal die Herstellung dieses portugiesischen Latte macchiato beobachten: In ein Glas kommt etwa ein halber Zentimeter zähflüssigen Kaffee-Extrakts und wird mit heißer Milch aufgegossen.

Ich war sehr zufrieden und beschloss, einerseits mir dieses Wort zu merken, andererseits in Zukunft lieber doch etwas mehr deutschen Akzent über – langsam artikulierte – fremdsprachliche Sätze zu legen.

Ferner habe ich mein Verzeichnis unabdingbarer Sätze ergänzt:

„Falo um pouquinho Português, mas entendo nada.“

„Hablo un poquito Espanol/Castellan, pero comprendo nada.“

„Parlo un pochino Italiano, ma capisco niente.“ (2)

Derartige Probleme entstehen am Westende der Algarve nicht: Dort steht im Wind-gepeitschten Niemandsland zuerst eine Reklame-Tafel mit der deutschen (!) Aufschrift: „Letzte Bratwurst vor Amerika“ und dahinter findet sich eine Imbiss-Bude, die eine waschechte Nürnbergerin betreibt.

„Iech hädd gern vier Brodwerschd im Weckler“ (3) bestellte ich.

„Não gräich iech fimbf-hunderd Escudo“ (4) erwiderte die charmante Fränkin.

1  Gesprochen: [wisente], nicht italienisch [witschente] und auch nicht deutsch [witsente]. Der heilige Sankt Vinzenz von Saragossa – um die beliebte niederbayrische Tautologie einmal anzuwenden – heißt bisweilen auch Vinzenz von Valencia.

2  „Ich spreche ein klein wenig …, aber ich verstehe nichts.“

Diese Phrasen sind sicher schlechtes Portugiesisch, niveauloses Spanisch und miserables Italienisch; aber gerade das unterstreicht (hoffentlich) die Absicht, sich redlich zu bemühen, und zeigt aber, dass wohlwollende Nachsicht vonnöten ist.

3  Auf Schriftdeutsch hätte das geheißen: „Ich erbitte von Ihnen vier Bratwürste in einer Semmel“

Und bei dieser Gelegenheit möchte ich allen amateurhaften Schreiberlingen Nürnberger Mundart endgültig klarmachen, dass die einzige Schreibweise der typischen Endung nicht das allgemein gebräuchliche „a“ ist – also Weckla, sondern „er“ – also Weckler – lassen Sie sich das bitte 'mal auf der Zunge zergehen.

4  Der portugiesische Umlaut „ão“ ist die perfekte Lautschrift des langen Fränkischen „a“ und auch tatsächlich die internationale Lautschrift: [ã:].

Und Sie erkennen, dass dieses lukullische Erlebnis noch vor der Euro-Einführung stattfand.

Der Arm der Gewerkschaft

reicht sehr weit, in Frankreich bis in die überseeischen Départements.

Das konnten wir auf der Insel Martinique (1) erfahren.

Sie vermuten, dass ich diese paradiesische Insel – Joséphine de Beauharnais' wegen – bereiste – nicht ganz zu unrecht.

Meine sonnenhungrige Lebensgefährtin pflegt die kalten Winterwochen aus anderen Gründen in Gegenden zu verbringen, welche durchgängig warme Temperaturen verheißen.

Wir waren uns einig, dass die kleinen Antillen – warum auch immer und wann auch immer – eine Messe wert sind (2).

Wir versuchten nicht, von den (mindestens) einundzwanzig Insel-Reichen so viel wie möglich zu sehen, sondern beschränkten auf eine subjektive Auswahl meiner erfahrenen Lebensgefährtin.

Ich erwähnte schon, dass meine perfektionistische Lebensgefährtin erschöpfende Analysen unserer Urlaubsziele macht.

So lernte ich – und lehre es Sie, dass wir (Geographen) drei Hauptgruppen unterscheiden:

–  Inseln über dem Wind

–  Inseln unter dem Wind

–  Trinidad und Tobago

wobei seltsamerweise die „Inseln über dem Wind" noch einmal in zwei Gruppen gegliedert werden: „Leeward Islands" und „Windward Islands". Die „Inseln unter dem Wind" heißen einfach „Leeward Antilles".

Martinique gehört zu den „Windward Islands" von den „Inseln über dem Wind".

Wir bereisten (nur) sieben Inseln (Antigua, Guadeloupe, Dominica, Martinique, St. Lucia, Grenada und Trinidad).

Damals gab es den Euro noch nicht, aber – rückblickend – muss ich an dieser Stelle eine Bemerkung machen: Die sechs unabhängigen Staaten Antigua & Barbuda, Dominica, St. Lucia, Grenada, St. Kitts & Nevis, St.Vincent & die Grenadinen und die zwei britischen Überseegebiete Anguilla und Montserrat haben 1965 eine Währungsunion gegründet, die bis heute – soweit ich weiß – völlig problemlos funktioniert (3). Wahrscheinlich, weil alle Teilnehmerstaaten gleich arm sind.

Andere Währungsunionen, die ich bisher kennenlernte, funktionieren ebenfalls problemlos, weil es jeweils einen dominanten Partner gibt: So wurde z. B. In Namibia 1993 der Südafrikanische Rand vom „Namibia-Dollar” abgelöst, aber der Wechselkurs wurde mit 1:1 fest definiert (das bedeutet, dass in Namibia Rands als Scheine und Münzen im Umlauf sind, als Zahlungsmittel gern gesehen, sogar als Wechselgeld herausgegeben werden, aber in Südafrika gilt der Namibia-Dollar als Fremdwährung, den man auf der Bank umtauschen muss).

Ähnlich gehen die Neuseeländer mit dem Dollar der Cook-Inseln um (4).

Das Argentinische Abenteuer hingegen ging schief, weil es eine völlig einseitige Angelegenheit war: Die Argentinier definierten ihren Peso als 1:1 mit dem US-Dollar; Banken und Geschäfte fragten ihre Kunden, ob sie lieber Pesos oder lieber Dollar wollten. Natürlich wollte jeder US-Dollars und das konnte sich das Land auf Dauer nicht leisten. In den USA war der argentinische Peso nichts wert.

Wir wissen alle, dass die Antillen nach wie vor ein Paradies für Zucker und Zigarren sind (5).

Allerdings war es ein typischer Fehler meinerseits, anzunehmen, dass diese Produkte dort spottbillig seien.

Im Schaufenster eines Tabakladens (den genauen Standort habe ich längst vergessen) wurden Kubanische Zigarren feilgeboten. Ein Preisschild bezifferte die Schachtel mit 18,75 US-$. Da ein guter Freund von mir Zigarrenraucher war, gedachte ich, ihm damit eine Freude zu bereiten. Ich betrat den Laden, orderte die Kiste „Kubanische” und legte einen 20-Dollarschein auf den Tresen. Die Verkäuferin nahm ihren Taschenrechner auf und murmelte „25 mal 18,75”.

Laut sagte sie: „Das macht dann 450 Dollar, Sir.”

Doch zurück zur eigentlichen Geschichte:

Von Norden nach Süden flogen wir jeweils mit einer kleinen, lokalen Fluggesellschaft zur nächsten Insel, mieteten dort ein Auto und schauten uns um.

Die kleineren Inseln kann man bequem an einem Tag umrunden, Martinique gehört zu den größeren Inseln.

Joséphine wurde am 23. Juni 1763 in Trois-Îlets als Marie Rose Josephe de Tascher de la Pagerie geboren; auf einem sehr schönen Anwesen. Die Ortschaft Trois-Îlets liegt nicht weit von Fort-de-France entfernt, der heutigen Hauptstadt. Genau gesagt, bräuchte man nur um die Bucht herum zu fahren.

Zufällig (6) lag unser Hotel aber ebenfalls am südlichen Ufer der „Baie de Fort de France”; wir hätten womöglich sogar zu Fuß zum Geburtshaus gelangen können.

Aber, ich will nicht vorgreifen.

Wir hatten ein Hotel auf der „Pointe du Bout” gebucht, einer kleinen Halbinsel, die von Süden her in die besagte Bucht hinein zeigt.

Der Flughafen – dort hatten wir das Auto gemietet – liegt am Ostufer der Bucht; die Fahrt zum Hotel „Aux Chambres Minables” (7) dauerte nicht lange.

Man teilte uns mit, dass das Hotel – momentan – unbewohnbar sei, weil alle Angestellten streikten (8).

Man werde aber versuchen, uns in einem Nachbarhotel unterzubringen, das mindestens der gleichen Güteklasse entspräche.

Dort – im Hotel Carayou – waren wir die einzigen Gäste; das Hotel war noch nicht eröffnet worden, es roch auf allen Fluren nach frischer Farbe, und Mittag- und Abendessen seien – zur Zeit – nur nach Absprache mit dem „Chef de cuisine” möglich. Das kam uns zupass, weil wir ohnehin ungern im Hotel speisen.

Der Preis für diese fünf Übernachtungen – inkl. Frühstück – war derart inorbitant, dass wir gern noch einige Monate verlängert hätten. Allerdings war die offizielle Eröffnung bereits nach zwei Wochen geplant, und dann hätten wohl wieder die Preise der Luxus-Klasse gegolten.

Stellen Sie sich die geographische Lokalität vor: Eine Bucht von etwa drei Kilometern Radius, am Südende unser Hotel, am Nordende eine französisch-geprägte Hauptstadt – und eine Fähre, die regelmäßig dazwischen pendelt.

Des abends nutzten wir die Fähre; in Frankreich ist Alkohol am Steuer ebenso wenig empfehlenswert wie in Deutschland. Außerdem sind in Fort-de-France pro Quadratmeter nicht mehr Parkplätze als in Paris oder in Nanterre (9).

Eines nachmittags erreichten wir die Fährstation beim Boulevard Alfassa in Fort-de-France und meine noch immer nicht suchtfreie Lebensgefährtin entzündete „erst ermãol” eine Camel 100 (10).

Ein älterer Herr sprach uns an: „Madame, dürfte ich wohl eine Ihrer köstlichen Tabak-Produkte erschleichen?” fragte er auf Deutsch – mit kaum erkennbarem Akzent.

Wir setzten uns auf eine Bank und kamen ins Gespräch. Professor Doktor Robert DeLaRue war (11) Professor, der in Paris Germanistik liest.

Nach Martinique habe er sich zurückgezogen, um sein achtes Buch in Ruhe zu schreiben: Die Gedichte Rilkes in französischer Übersetzung.

Ich höre es noch vor meinem geistigen Ohr, als wir beide – Robert und ich – meiner begeisterten Lebensgefährtin Rilkes Panther im Chorus darboten:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

So müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

In der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

Sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein,

Geht durch der Glieder angespannte Stille –

Und hört im Herzen auf zu sein.

Dann trug Robert seine Übersetzung vor; er wies – stolz – auf verbale Feinheiten seiner Transkription hin, die ich leider nicht wirklich zu würdigen verstand (12).

Eines Ausflugstages kehrten wir vom Osten der Insel zurück; die A1 führt direkt ins Zentrum von Fort de France.

Es war – ich muss gestehen – eine der Strecken, da ich am Steuer saß. Während der rasenden Fahrt in Richtung Stadt bemerkte ich zwar, dass die anderen Autos – links und rechts – auf der vielspurigen Autobahn plötzlich langsamer fuhren; aber als ich den Grund für diese Maßnahme erkannte, war es bereits zu spät: Über die gesamte Breite der Fahrbahn waren in den Beton tiefe Rillen eingegossen, die jedes Fahrzeug in selbstzerstörerische Vibrationen versetzten. Bei uns sprang das Radio aus der Halterung, ehe ich den Wagen – nach mehr als zweihundert Metern – auf eine harmlose Geschwindigkeit abgebremst hatte.

Na und, wir brauchen kein Autoradio, wir unterhalten uns ohnehin lieber und besser selbst.

Über die Reaktion des Verleihers wollten wir spontan nachdenken, wenn's soweit wäre …

Während unseres letzten Frühstücks im Carayou (13) machte der Kellner seltsame Bemerkungen, in denen die Wörter „passage bloqué” und „grève” (14) dominierten. Irgendwie waren wir vom Omelette surprise abgelenkt und schenkten dem keine echte Beachtung.

Als wir schließlich unser Gepäck eingeladen hatten und losfahren wollten, hielt uns ein Polizei-Beamter auf: „Die Streikenden haben die ganze Straße blockiert und lassen niemanden durch.”

Ich hielt dem entgegen: „Wir sind Touristen; diese Kommunisten-Verbrecher werden uns doch wohl aus ihrem politischen Verzweiflungs-Unfug heraus halten.”

Der Agent de Police meinte: „Gerade Touristen sind deren Ziel; damit können sie doch am besten zeigen, wo sie den Gegner treffen können.”

Ich zwinkerte dem Gendarmen zu: „Wenn ich mit Vollgas aus dem Hotel herausfahre, kann mich niemand aufhalten.” Plötzlich zeigte eine Walther P99 auf meinen Kopf: „Ich würde Sie aufhalten!”

Wir parkten den Wagen innerhalb des Hotelbereichs und befragten den Concierge.

Dieser telefonierte mit dem Hotelbesitzer, der glücklicherweise zufällig auf der anderen Seite der Bucht wohnte.

„Monsieur Sarkozy könnte Sie an der Fähre in Fort de France abholen und zum Flughafen fahren.”

Der Concierge versprach, dass er unseren Renault Megane – sobald es die politischen Verhältnisse zulassen würden – beim Verleih-Büro abgeben würde.

Die Fähre verkehrt sehr zuverlässig.

Der Hotel-Besitzer ist ein volksnaher Mensch – er trug sogar unser Gepäck in den „Check-In-Bereich”.

Wir erzählten der Dame am Autoverleih-Schalter die ganze Geschichte des Streiks – ausführlich. Sie dachte allerdings ziemlich unflexibel: „Wenn Sie das Auto nicht abgeben können, dann kann ich den Mietvorgang nicht korrekt abschließen” war ihr erstes, letztes und einziges Argument.

Logischerweise waren wir – wegen des kaputten Radios – etwas ambivalent.

Ein „dépôt” von dreihundert US-Dollar war – glücklicherweise – nur per Carte de crédit hinterlegt worden.

Alle Erklärungen: „Streik, verdammt nochmal”, „rufen Sie den cloche capitain (15) im Hotel an” fruchteten nicht.

Als der Abflug-Termin nach St. Lucia bedrohlich näher rückte, die Autoverleiherin aber noch immer keine Lösung in Aussicht stellte, nahmen wir einfach alle unsere Unterlagen vom Tresen und sagten freundlich: „Es war nett, mit Ihnen geplaudert zu haben; jetzt müssen wir aber wirklich weg. Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag.” und ließen die verdutzte Dame einfach stehen …

Wir vertrauten darauf, dass wir in Deutschland eine evtl. überhöhte Rechnung reklamieren würden können.

Manchmal glaube ich, dass die Moiren – oder wer immer dafür zuständig ist (16) – wirklich gerecht sind: Es ist niemals eine Abrechnung über diesen PKW bei uns eingegangen!

1  Normalerweise würde hier "leidvoll" stehen. Warum wir eher Grund haben, dem "Syndicat des employés d'hôtel" dankbar zu sein, werden Sie bald erfahren.

2  Eine von mir gern benutzte Floskel, die ich vom frz. König Heinrich IV entlieh: „Paris vaut bien une messe!". Im Gegensatz zu mir meinte er tatsächlich, dass er sogar die Messe in einer katholischen Kirche besuchen würde, wenn er dafür Paris bekäme. Und in die Kirche mussten wir natürlich nicht.

3  Ein „East Caribbean Dollar” kostet seit Jahr und Tag (fest definierte) 0,37 US-Dollar.

4  Die Cook-Insulaner haben sich freiwillig für eine militärische und wirtschaftliche Assoziation mit Neuseeland entschieden, das Land gilt aber offiziell – wie auch Namibia – als selbständiger, unabhängiger Staat.

5  Die Kombination „Tabak und Rum” wird in einschlägigen Liedern besungen; meine kleine Alliteration gefällt mir aber fast noch besser.

6  Ehrlich, ein Zufall; auf Hotel-Reservierungen habe ich absolut keinen Einfluss.

7  Ich erfinde einen Namen, weil ich nicht mehr weiß, wie das Hotel wirklich hieß. Wahrscheinlich ist dieser ungerecht: Erstens habe ich es nie von innen gesehen, zweitens glaube ich nicht, dass meine fürsorgliche Lebensgefährtin mir eine Unterkunft zugemutet hätte, die „zu den schäbigen Zimmern” heißt. Aber die Geschäftsleitung hat sich womöglich wirklich schäbig verhalten …

8  Auf insistierende Nachfragen gestand der Maître, dass eine „femme de chambre” wegen Diebstahls entlassen worden sei, dass aber die Belegschaft auf der Unschuld und Wiedereinstellung des Zimmermädchens beharre.

9  Nanterre hat mit ca. 88.500 Einwohnern etwa die Größe von Fort de France.

10  Heimischer Restbestand; kein „Duty-Free-Shop” der Welt führt diese exotische Untergattung des Amerikanischen Gift-Stengels.

11  Hoffentlich ist die Vergangenheit hier nur eine nicht wirkliche Zeitform.

12  Es ist mir bis heute nicht gelungen, Roberts Bücher ausfindig zu machen.

13  Wir wollten baldmöglichst zum Flughafen fahren, unser Auto zurückgeben und den Flieger nach St. Lucia um 10 Uhr früh erreichen.

14  „Versperrte Durchfahrt” und „Streik”.

15  Ich hoffte, dass das der „Bell Captain” sei, der Portier.

16  Möglicherweise verschwand das Auto in den Wirren des Streiks. Und wenn es also nie mehr abgegeben wurde, konnte der Vorgang bis heute nicht abgeschlossen werden …

Der höchste Wasserfall der Welt

Ich liebe Wasserfälle.

Wenn es irgendwo unterwegs einen Wasserfall gibt, nehme ich gern lange Umwege in Kauf, um ihn zu sehen (1).

Ein Wasserfall-Erlebnis der ganz besonderen Art hatten wir in Neuseeland: Wir machten eine geplante, zweitägige Kreuzfahrt auf der „Lady of the South-Pacific” im Milford-Sound, einer berauschenden Fjord-Landschaft.

Das Schiff fuhr dicht an der steilen Felswand entlang und steuerte dann ganz nah an einen hohen Sturzbach heran, so dass das gesamte Vordeck unter der Wasserwand verschwand. Wer sich traute, konnte einen Becher am Bug mit dem Wasser volllaufen lassen; der volle Becher wurde dann mit einem Fläschchen Whisky belohnt.

Leider gaben sie jedem Passagier nur einen Becher mit.

Von den wirklich spektakulären, berühmten Giganten habe ich nur die Victoria-Fälle (2) und die Iguazu-Fälle (3) gesehen.

Und eben den eintausend Meter hohen Angel-Fall.

Die Niagara-Fälle (4) werden mir möglicherweise versagt bleiben, weil meine unnachgiebige Lebensgefährtin einst gelobte, die USA nie wieder zu betreten. Ich bin in diesem Fall solidarisch, weil ich es geradezu obszön finde, mit einem derartigen Naturwunder Strom zu erzeugen!

Ich habe selbstverständlich eine persönliche Wunschliste an Katarakten, auf denen die USA noch einmal vertreten sind:

Mit den 739 Meter hohen Yosemite Falls.

Noch reizvoller fände ich die 771 Meter hohe zweiteilige Catarata Gocta am Fluss Cocahuayco in Peru; man erzählt sich, dass in der Lagune am Fuß des Berges eine wunderschöne Sirene einen Goldschatz bewacht.

Und übrigens hat auch Deutschland mit dem 470 Meter hohen Röthbachfall im Berchtesgadener Land einiges zu bieten.

Den berühmten Rheinfall bei Schaffhausen habe ich schon drei mal besucht, aber ich wage nicht, diesen zwanzig-Meter-Zwerg überhaupt zu erwähnen.

Ebenso haben wir die Tugela Falls in den südafrikanischen Drakensbergen gesehen. Mit 948 Metern zwar der Zweithöchste, aber noch schmaler als der Angel-Fall. Bemerkenswert ist, dass ganz in der Nähe das höchstgelegene Gasthaus Afrikas zu finden ist: Hinter dem Sani-Pass liegt in 2.873 Metern Höhe ein Englischer Pub (ein Bier kostet 1 Euro 50), der Gästezimmer und Leih-Skier anbietet. Tatsächlich standen um Weihnachten (5) dort vier Paar Skier im Flur.

Der „salto angel” liegt in der Provinz Bolívar des sechstgrößten Staates von Südamerika: Venezuela.

Der offizielle Staatsname lautet: „República Bolivariana de Venezuela”, und ehrt damit – wie vieles andere – „El Libertador“, den großen Befreier Simon Bolivar (6).

Die Währung Venezuelas heißt seit 2008 „Bolívar Fuerte” (100 céntimos sind heute etwa 17,44 Euro-Cent); damals, als wir in Venezuela waren, gab es noch den „schwachen” Bolívar (7) und für uns galt die einfache Regel: 100 Bolivares (10.000 céntimos) sind genau eine DeutschMark (8).

Die Hauptstadt Bolívars heißt natürlich: Ciudad Bolívar.

Da Bolívar mit 238.000 Quadratkilometern der größte Bundesstaat Venezuelas ist, darf ich wohl noch etwas mehr ins Detail gehen: In der „Gran Sabana” (große Savanne) liegt der Nationalpark Canaima; dort gibt es ein Dörfchen Canaima an einer wahrlich unvergleichlichen Lagune des Río Caroní.

Die etwa 50 Kilometer (Luftlinie) zum Salto Angel kann man mit dem Kanu oder mit dem Flugzeug überbrücken.

Wir haben beides getan: Der Flieger – eine eigens für Fotografen umgebaute (9) Turboprop-Maschine, Baujahr 1950 – durchfliegt die Schlucht mehrfach in unterschiedlichen Flughöhen, kreist über dem Tafelberg und bietet Fernblicke über die Savanne und den tropischen Regenwald. Zwei mitreisende junge Damen konnten den turbulenten Flug nicht zur Gänze genießen; sie entleerten sich ständig in irgendwelche Papiertüten.

Der Ausflug übers Wasser erfolgt natürlich mit Langbooten mit starken, japanischen Außenbord-Motoren; Rudern wäre wohl etwas mühsam.

Jetzt ist es aber unbedingt nötig, eines klar zu stellen: Der Name „Angel-Falls” – oder spanisch „salto angel” – kommt keineswegs daher, dass er irgendeine Ähnlichkeit mit einem Engel hat (10).

Der US-amerikanische Pilot Jimmie Angel hat 1933 als erster Abendländer