Mit Herz und Recht - Natalie Weckwarth - E-Book

Mit Herz und Recht E-Book

Natalie Weckwarth

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Beschreibung

Stella glaubt schon lange nicht mehr an die Liebe. Als Scheidungsanwältin erlebt sie tagtäglich das Leid von verlassenen, hintergangenen und betrogenen Ehefrauen hautnah mit. Das Vertrauen in das Gute im Mann hat sie längst verloren. Daran ändert auch ihr neuer Kollege nichts, der erst die Beförderung erhält, auf die sie seit Jahren gewartet hat, und dann die weibliche Belegschaft im Nu um den Finger wickelt. Doch so schnell will Stella sich nicht geschlagen geben. Mit Feuereifer stürzt sie sich in die Arbeit, um ihrem Chef zu beweisen, dass sie die bessere Anwältin ist. Dumm nur, dass ihr Konkurrent nicht bloß ihr wohlgeordnetes Leben kräftig durcheinanderbringt, sondern bald auch ihre Gefühlswelt kopfstehen lässt. So muss Stella sich schließlich fragen: Gibt es eigentlich ein Gesetz für die Liebe?

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Seitenzahl: 663

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Natalie Weckwarth

Mit Herz und Recht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Artikel 1 - Herzenswünsche

Artikel 2 - Traue niemals einem Mann!

§ 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

Artikel 3 - Familie und andere Katastrophen

§ 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7

§ 8

Artikel 4 - Freundschaft mit Extras

§ 1

§ 2

§ 3

§ 4

§ 5

§ 6

§ 7

§ 8

§ 9

§ 10

Artikel 5 - Im Zweifel für die Liebe

§ 1

§ 2

§ 3

§ 4

Artikel 6 - Wie das Leben so spiel

Impressum neobooks

Artikel 1 - Herzenswünsche

Prolog

„Drei … zwei … eins … frohes neues Jahr!“

Klirrend stoßen unsere Sektgläser aneinander. Wir trinken einen großen Schluck, dann nehmen wir uns in die Arme. Meine Schwester Luna fällt mir als Erste um den Hals, sobald sie den ausgiebigen Neujahrskuss mit meinem Schwager Matthias beendet hat.

„Frohes Neues, Schwesterchen. Möge es nur Glück für dich bereithalten“, sagt sie rührselig und strahlt mich mit rosigen Wangen an. Sie ist schon ein bisschen beschwipst, nachdem sie heute zum ersten Mal seit der Geburt von Finn vor vier Monaten nicht bloß zu Wasser und Saft gegriffen hat.

„Danke, gleichfalls! Ich hoffe, du hast dein Glück im letzten Jahr nicht schon aufgebraucht“, ziehe ich sie in Gedenken an ihre erfolgreich beendete Schwangerschaft auf.

„Neidisch?“, neckt sie zurück.

„Wer, Stella?“, fragt mein bester Freund Ben, der zu uns getreten ist und den Arm um meine Schulter legt. „Auf dich? Die ist doch froh, dass sie keinen plärrenden Säugling am Hals hat.“

„Gar nicht wahr!“, behaupte ich.

„Klar ist das wahr“, grinst Luna, die mich gut genug kennt, um zu wissen, dass ich nur ungern mit ihr tauschen würde.

„Jedem das Seine“, weiche ich aus. Sie kichert und lässt sich mit ihrem Sektglas in der Hand zurück aufs Sofa plumpsen, von wo aus wir in den letzten Minuten den Silvestercountdown im Fernsehen verfolgt haben.

„Lass dich drücken, mein Herz“, sagt Ben und zieht mich feste an sich. Nicht etwa, weil er romantische Gefühle für mich hegt. „Mein Herz“ nennt er mich schon, solange ich zurückdenken kann, und wenn man bedenkt, dass mein Nachname Herz lautet, ist es nicht einmal besonders schmeichelhaft. „Alles Gute fürs neue Jahr.“

„Dir auch“, erwidere ich und löse mich von ihm.

„Das kann ich gebrauchen. Angeblich soll die Welt untergehen.“

„Soll sie das nicht jedes Jahr?“

„Ja, aber diesmal ist es ernst. Wenn man der Prophezeiung glaubt“, scherzt er.

„Ich glaube an nichts, solange es nicht im Gesetz steht.“

„Stella wie sie leibt und lebt“, schmunzelt er kopfschüttelnd. Nachdem ich auch meinem Schwager eine flüchtige Umarmung geschenkt habe, machen wir es uns alle wieder auf dem Sofa bequem.

„Und?“, fragt Luna gutgelaunt in unsere kleine Runde. „Wer hat Lust auf Bleigießen?“

Niemand macht sich bemerkbar.

„Och, kommt schon! Das ist doch lustig!“, beharrt sie.

„Das ist saudämlich“, hält Ben dagegen. „Und total out. Kein Mensch macht mehr Bleigießen.“

„Hast du vielleicht einen besseren Vorschlag?“

„Also ich bin für Flaschendrehen … In der Erwachsenenversion“, grinst er vielsagend und legt erneut den Arm um mich. Ich glaube, er hatte heute auch schon ein Gläschen zu viel. Mit einem Augenverdrehen schüttele ich ihn ab. Bevor er noch auf dumme Gedanken kommt.

„Wie wäre es mit Scrabble?“, wirft Matthias ein.

Ungläubig starren wir ihn an.

„War nur ein Witz“, schiebt er schnell nach, obwohl es nicht wie einer klang. Eine Weile ist es still, während sich wahrscheinlich jeder von uns fragt, ob wir inzwischen so alt geworden sind, dass uns nicht einmal mehr einfällt, wie wir den angebrochenen Silvesterabend herumkriegen sollen.

„Ich hab's“, ruft Luna schließlich und springt auf. „Bin gleich zurück“, trällert sie und schwebt aus dem Wohnzimmer. Fragend sehen wir uns an, doch ehe wir Spekulationen darüber anstellen können, was sie vorhat, kommt sie mit einer Handvoll Papier, ausreichend Stiften und einem zufriedenen Lächeln zurück. Mir schwant Übles.

„Was wird das denn? Stadt, Land, Fluss?“, spottet Ben.

„Viel besser!“, verkündet Luna und legt die Schreibutensilien bedächtig vor uns auf dem Couchtisch ab. „Das haben Stella und ich immer mit unseren Eltern gemacht, als wir noch jünger waren.“ Meine Vermutung scheint sich zu bestätigen. „Also. Jeder schreibt seine drei größten Wünsche für das neue Jahr auf. Anschließend lesen wir sie uns gegenseitig vor, verbrennen das Papier und streuen die Asche in den Wind“, endet sie verträumt.

Mein Schwager blickt sie skeptisch an. „Bist du sicher, dass du dieses Glas noch austrinken willst, Schatz?“ Er deutet auf ihren Sekt.

„Ach, sei still!“ Sie wedelt mit der Hand in seine Richtung, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen. „Das haben wir wirklich früher gemacht. Stimmt's, Stella?“ Hilfesuchend wendet sie sich an mich.

„Ja, schon“, sage ich. „Aber wie du schon sagtest: Als wir noch jünger waren.“

„Na und?“, meint Luna. „Dürfen Erwachsene etwa von nichts mehr träumen? Außerdem sind meine Wünsche ein paarmal wahr geworden.“

„Ernsthaft?“, hake ich zweifelnd nach. Ich kann mich gut daran erinnern, dass nichts von dem, was ich damals aufgeschrieben habe, in Erfüllung gegangen ist. Weder habe ich je die Sammelausgabe der Brockhaus-Enzyklopädie bekommen, die ich mir als junges Mädchen jahrelang sehnlichst wünschte, noch sind meine Eltern für immer zusammen geblieben. „Welche denn?“

„Zum Beispiel, als ich mir gewünscht habe, dass Fabian Herder mich küsst“, gibt sie unumwunden zu.

„Wer ist Fabian Herder?“, kommt es prompt von Matthias.

„Das war Ewigkeiten vor deiner Zeit“, winkt sie ab. „Was ist jetzt? Macht ihr mit?“

„Schön. Dann gib mal her“, seufzt Ben und streckt die Hand nach Stift und Papier aus. Strahlend überreicht meine Schwester ihm das Schreibwerkzeug, und auch Matthias und ich geben uns geschlagen. Besser als Das Neujahrsfest der Volksmusik, das soeben im Fernsehen begonnen hat, ist es allemal. Wir schalten die nervtötende Hintergrundbeschallung ab und widmen uns unseren Wünschen.

Ich muss nicht lange überlegen, was ganz oben auf meiner Liste stehen soll. Schnell habe ich meinen größten Wunsch zu Papier gebracht. Doch danach weiß ich nicht mehr weiter. Sicher gibt es ein paar Dinge, die ich gerne hätte. Ein größeres Bücherregal zum Beispiel. Für die vielen Gesetzestexte, unter denen sich mein Schreibtisch biegt. Oder eine neue Waschmaschine, die leiser und energiesparender ist. Aber ich fürchte, das lässt Luna nicht gelten. Grübelnd beobachte ich die anderen, die eifrig auf ihren Zetteln herumkritzeln. Offenbar haben sie jede Menge Wünsche und kein Problem damit, die drei größten niederzuschreiben. Ich gehe noch einmal in mich. Gibt es denn wirklich gar nichts, was ich mir von diesem Jahr erhoffe? Nein. Eigentlich bin ich sehr glücklich mit meinem Leben. Bis auf diese eine Sache, die ich bereits aufgeschrieben habe, kann gerne alles so bleiben, wie es ist. Entschlossen lege ich den Stift ab und warte, bis die anderen fertig sind.

„Okay. Wer fängt an?“ Gespannt sieht Luna uns an.

„Immer der, der fragt“, entgegnet Matthias.

„Gut.“ Sie holt tief Luft und klemmt sich die Haare hinter die Ohren, als müsse sie sich auf eine feierliche Rede vorbereiten. „Am allermeisten wünsche ich mir, dass ich eine gute Mutter sein werde.“

Gerührt lächelt Matthias sie an. „Das bist du doch längst!“

„Findest du? So viel, wie Finn schreit, habe ich da manchmal so meine Zweifel.“

„Was redest du denn?“, lacht Matthias. „Er ist ein Baby. Schreien ist das Einzige, was er kann!“ Besonders beruhigt sieht sie nicht aus. „Schatz, du machst das alles großartig“, versichert er ihr. „Und im Wickeln bist du unschlagbar. Ich werde nie so gut sein wie du!“

Nun lacht auch Luna wieder.

„Matthias hat recht. Du bist toll als Mutter, und das wirst du auch bleiben“, stimme ich meinem Schwager zu. Nicht, um ihr Honig ums Maul zu schmieren, sondern weil es die Wahrheit ist. Luna ist mit ihren nicht ganz dreißig gut zwei Jahre jünger als ich und hat das Muttersein schon jetzt mehr verinnerlicht, als ich es je könnte. Ben nickt ebenfalls zur Bestätigung, womit ihre unberechtigten Selbstzweifel vorerst aus dem Weg geräumt zu sein scheinen.

„Wenn du das so siehst“, meint sie zu Matthias, „wirst du in mir hoffentlich nicht nur eine gute Mutter, sondern auch eine gute Ehefrau sehen. Das ist nämlich mein zweiter Wunsch fürs neue Jahr.“

„Ach, Süße“, sagt er. „Was du dir für Gedanken machst. Du bist die beste Ehefrau, die man sich vorstellen kann!“

„Na ja ...“, murmelt Ben in seinen Hemdkragen. Luna entgeht es trotzdem nicht. Empört schaut sie ihn an. Auch ich feuere einen strafenden Blick in seine Richtung. Taktgefühl ist keine seiner Stärken.

„Die beste Ehefrau, die ich mir vorstellen kann“, korrigiert Matthias sich, unbeeindruckt von Bens Einwurf.

Lunas Stirnfalten glätten sich. „Das ist die Hauptsache.“

„Was ist dein dritter Wunsch?“, erkundigt sich Ben. „Dass du eine gute Liebhaberin sein wirst?“

„Ben!“, rufe ich entsetzt. Ich sollte in Erwägung ziehen, ihm das Sektglas abzunehmen. Luna kichert bloß.

„Das zählt mit zu Wunsch zwei“, erklärt sie. „Nein. Ich möchte keine von diesen Frauen werden, die von nichts anderem als ihrem Kind reden und den lieben langen Tag nur mit der Aufzucht ihres Nachwuchses beschäftigt sind. Solche Muttertiere kann ich nicht ausstehen. Ich will auch ein Leben jenseits von Stillen und Wickeln haben!“

„Keine Angst. Dafür werde ich schon sorgen“, verkündet Matthias mit einem anzüglichen Lächeln, das Luna leicht erröten lässt.

„Und ich auch“, werfe ich schnell ein. Wir wollen ja nicht vom Thema abschweifen. Auf ihre fragenden Blicke hin schiebe ich nach: „Ich meine, ich kann jederzeit als Babysitterin einspringen. Wozu sind Tanten da?“

„Wir werden darauf zurückkommen, wenn wir mal wieder ein bisschen Zeit zu zweit brauchen“, sagt Matthias, ohne die Augen von seiner Frau zu lassen, die das als Aufforderung versteht, ihm einen innigen Kuss zu geben. Er lässt erahnen, womit sie ihre „Zeit zu zweit“ verbringen werden.

Ben und ich werfen uns einen flüchtigen Blick zu. Beim Austausch von Zärtlichkeiten zuzusehen ist uns beiden ein Graus. Mir, weil ich mir nichts aus Liebesgeturtel mache, Ben, weil er liebend gern eine Frau an seiner Seite hätte, mit er das Gleiche tun könnte. Ich beende das Techtelmechtel mit einem lautstarken Räuspern.

„Was ist mit dir, Matthias? Lies mal deine Wünsche vor“, fordere ich.

„Na schön.“ Er lässt von Luna ab und faltet seinen Zettel auseinander. „Mein sehnlichster Wunsch für das kommende Jahr ist es, wenigstens noch ein einziges Mal zwei Nächte infolge durchzuschlafen!“

Luna stöhnt auf. „Das sollten ernstgemeinte Wünsche sein!“

„Ist ja auch ernstgemeint“, hält er dagegen.

Ben und ich müssen lachen.

„Ganz ehrlich, ich weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, ausgeschlafen zu sein! Einmal nicht um vier Uhr morgens durch die Wohnung zu tigern und La-Le-Lu zu singen – das muss das Paradies sein“, scherzt er.

Luna schüttelt den Kopf. „Du Spinner!“

„Okay“, seufzt er, „vielleicht gefällt dir Nummer zwei besser: Den besten Artikel meiner Laufbahn schreiben.“

„Und worüber? Über den spektakulären Bau des neuen Einkaufscenters? Oder die Erhöhung der Strom- und Gaspreise?“, amüsiert sich Ben. „Was Aufregenderes gibt’s aus diesem Kaff ja nicht zu berichten.“

Matthias ist Journalist bei der hiesigen Lokalzeitung, dem Solinger Tageblatt, und beklagt des Öfteren die mangelnde Brisanz der Themen, über die er schreibt. Zwar ist Solingen offiziell eine Großstadt, aber etwas, das einen großen Aufmacher in der Zeitung wert wäre, geschieht hier eher selten.

„Es kommt nicht darauf an, worüber man schreibt“, belehrt Matthias uns, „sondern wie man es schreibt. Über die Wahl zum Vorsitzenden des Taubenzuchtvereins so zu schreiben, als ginge es um die Amerikanische Präsidentschaftswahl, das macht einen guten Journalisten aus.“

„Dann drücke ich dir die Daumen, dass es dieses Jahr eine Wahl im Taubenzuchtverein gibt“, zwinkert Luna ihm zu.

„Macht euch nur lustig“, entgegnet er. „Wenn ich erst mal den besten Artikel geschrieben habe, werde ich nämlich – und damit wären wir bei Wunsch Nummer drei – den Pulitzerpreis gewinnen!“

„Sicher!“, lache ich.

„Ich glaube ganz fest an dich, Baby!“, grinst Luna.

„Und ich erst!“, nickt Ben. „Solange du mich in der Dankesrede erwähnst.“

„Mehr wollte ich nicht hören“, sagt Matthias und faltet seinen Wunschzettel ordentlich zusammen.

„Das war's? Mehr wünscht du dir nicht?“, fragt Luna mit hochgezogenen Augenbrauen nach. Sie hatte sich wohl etwas Familienorientierteres und weniger Egozentrisches vorgestellt.

„Ach, Schatz“, lächelt er, „das war doch alles nur Spaß.“ Sanft legt er den Arm um sie, zieht sie an sich und gibt ihr einen Kuss auf den Haaransatz. „Das Einzige, was ich mir wirklich wünsche, ist, dass wir alle gesund bleiben und glücklich miteinander sind. Alles andere ist nebensächlich.“

Selig schaut sie ihn an. „Du bist so süß“, haucht sie wie ein verliebter Teenager und setzt zu einer erneuten Lippenvereinigung an.

„Ich mach dann mal weiter“, reißt Ben die beiden diesmal auseinander, bevor das Ganze ausarten kann. Neugierig linse ich auf sein Blatt, doch er hält es so, dass mir ein Einblick verwehrt bleibt.

„So.“ Er räuspert sich ebenfalls und wirkt plötzlich nervös. „Ich wünsche mir … Das heißt, eigentlich ist es kein richtiger Wunsch. Mehr ein Vorhaben“, druckst er herum.

„Jetzt spann uns nicht auf die Folter“, beschwert sich Luna und nimmt noch einen Schluck von ihrem Sekt.

„Okay. Ich möchte in diesem Jahr mein eigenes Restaurant eröffnen“, platzt er heraus. Ich starre ihn an, Matthias stößt einen leisen Pfiff aus, und Luna verschluckt sich an ihrem Sekt.

„Du?“, hustet sie.

„Wenn nicht ich, wer dann?“

Womit er nicht ganz unrecht hat. Ben ist gelernter Koch. Und zwar ein ganz hervorragender. Das Vier-Gänge-Menü, das wir heute Abend hatten, stammte aus seiner Hand, und ich kann mit Fug und Recht behaupten, selten besser gegessen zu haben. Selbst in Sternerestaurants nicht. Leider bleibt Ben bei der Ausübung seines Berufs weit unter seinen Möglichkeiten. Zurzeit arbeitet er in der Mensa der nahegelegenen Uni, und das auch nur, damit er nicht auf der Straße sitzt, nachdem die kleine Gaststätte, in der er vorher beschäftigt war, wegen Insolvenz schließen musste. Was wohl auch die Frage beantwortet, ob es ihn erfüllt, täglich für die Zubereitung des Mittagessens für Hunderte von Studenten verantwortlich zu sein. Das meiste, was in der Ausgabe landet, würde er selbst nicht essen wollen, behauptete er erst neulich. Die Idee, ein eigenes Restaurant aufzumachen, ist allerdings nicht neu. Davon hat er schon gesprochen, als er noch mitten in der Ausbildung steckte. Dass seine Pläne so konkret geworden sind, verblüfft mich nun doch.

„Ist das dein Ernst?“, frage ich.

„Ja!“ Seine Augen beginnen zu leuchten. „Ich habe mir schon ein paar Ladenlokale angesehen, die dafür infrage kämen. Wenn alles so läuft, wie ich es mir denke, könnte es im Sommer schon soweit sein.“

„Und wie willst du das finanzieren?“ fragt Matthias vorsichtig.

Unbekümmert zuckt Ben die Schultern. „Ich muss eben einen Kredit aufnehmen.“

„Dir ist aber schon klar, dass es nur mit dem Lokal nicht getan ist, oder? Du musst Angestellte bezahlen, jemanden haben, der sich um die Buchführung kümmert und so weiter und so fort. Das läppert sich.“

„Stell dir vor, darauf bin ich auch schon gekommen. Und dabei habe ich nicht mal studiert“, entgegnet Ben sarkastisch.

Beschwichtigend hebt Matthias die Hände. „Ich meinte ja nur. Damit sind schon viele auf die Schnauze gefallen.“

Bevor ein Streit ausbrechen kann, schalte ich mich ein. „Ich bin mir sicher, dass du es schaffst!“ Unwillkürlich überkommt mich ein Gefühl von Stolz. Darauf, dass er sich nicht mit seiner Situation abgefunden hat, sondern für die Verwirklichung seiner Träume kämpft. „Ben, das ist toll! Das hast du dir immer gewünscht.“

„Ich weiß“, lächelt er. „Und es muss sich echt was ändern. Ich schwöre euch, noch ein Jahr länger in dieser Massenproduktion, und ich gehe zugrunde. Ich will wieder das machen, was ich gelernt habe: richtig kochen. Nicht bloß Zutaten vermischen und warm machen.“

„Dann wird es Zeit, dass du die Chance dazu bekommst“, findet jetzt auch Luna. „Um die Gäste brauchst du dir jedenfalls keine Sorgen zu machen. Wir werden immer zu dir kommen und uns von dir verwöhnen lassen. Stimmt's, Schatz?“, sagt sie und sieht Matthias eindringlich an, bis er – zwar immer noch etwas skeptisch, aber kommentarlos – nickt.

„Gut zu wissen.“

„Was ist dein zweiter Wunsch?“, will ich wissen.

„Dass ich endlich die Frau fürs Leben finde“, sagt er so lapidar, als spräche er über das Wetter.

„Wenn's weiter nichts ist“, amüsiert sich Matthias.

„Wieso? Rein statistisch betrachtet müsste sie mir doch langsam mal über den Weg laufen, meint ihr nicht?“

„Bei deinem ganzen Verschleiß, ja“, feixt Luna.

„Hey! So schlimm bin ich auch nicht!“, verteidigt er sich.

„Doch. Bist du“, sage ich trocken.

„Das sind alles Schritte auf dem Weg zum Ziel!“

Eine Sekunde sehen wir ihn an, dann prusten wir los.

„Wirst du das so auch deiner Zukünftigen verkaufen?“, gackere ich. „Ja, Liebling, ich habe mich durch die halbe Stadt geschlafen, aber nur um dich zu finden!“

„Warum nicht? Klingt doch plausibel, oder?“

„Sie wird begeistert sein“, gluckst Luna. „Komm, Casanova, ließ mal deinen letzten Wunsch vor.“

„Der passt sogar zum Thema“, grinst Ben von einem Ohr zum anderen. „Stella, mein Herz?“, richtet er sich an mich. „Würdest du mir dieses Jahr endlich meinen Jugendtraum erfüllen und ein einziges Mal mit mir Sex haben?“

Während Matthias und Luna jetzt vor Lachen fast vom Sofa fallen, verstummt meines schlagartig.

„Ben“, sage ich und spüre, wie meine Wangen warm werden. „Das ist nicht witzig.“

„Richtig! Es ist eine Schande, dass wir es noch nicht getan haben!“

„Weil wir nur Freunde sind!“

„Und ich finde, wir sollten diese Freundschaft noch etwas vertiefen“, meint er und schenkt mir einen langen Blick aus seinen treuen, braunen Labradoraugen, mit dem er bisher noch jede Frau hat schwachwerden lassen. Mit Ausnahme von mir.

Im Gegensatz zu Ben halte ich ganz und gar nichts davon, unsere Freundschaft zu vertiefen. Nicht dass ich ihn nicht attraktiv genug fände. Eine klassische Schönheit ist er zwar nicht, dennoch strahlt er etwas aus, das einen gewissen Reiz ausübt. Und vielleicht hätte ich mich diesem Reiz schon längst nicht mehr entziehen können, würde ich Ben nicht bereits seit der ersten Klasse kennen. Für mich war er immer mehr so etwas wie ein Bruder. Okay, okay. Das stimmt nicht ganz. Tatsächlich war Ben der erste Junge, den ich geküsst habe. Nur zu reinen Übungszwecken! Wir waren vierzehn, mitten in der Pubertät und wollten eben wissen, wie es funktioniert. Damit wir für den „Ernstfall“ gewappnet waren. Das war alles. Und als er zwei Jahre später vorsichtig anfragte, ob wir nicht auch die Sache mit dem Sex mal miteinander ausprobieren sollten – natürlich nur, um Erfahrungen zu sammeln –, zeigte ich ihm bloß noch einen Vogel. Aber im Laufe der Jahre ließ er immer wieder mehr oder weniger offen durchblicken, dass sein Verlangen nach einem Schäferstündchen mit mir ungestillt ist. Meistens tarnt er es als Scherz. Nur ab und zu, so wie heute, bin ich mir nicht sicher, ob nicht mehr dahintersteckt, und ich bekomme Angst, dass er womöglich mehr für mich empfindet, als er je zugeben würde. Verlegen weiche ich seinem Blick aus.

„Bist du sicher, dass du die Frau fürs Leben noch nicht gefunden hast?“, erkundigt sich Matthias, der sich etwas beruhigt hat und sich die Lachtränen aus den Augen wischt.

„Na klar! Ich will ja nichts von Stella.“

„Außer Sex, meinst du“, amüsiert sich Luna.

„Bloß, um die Neugier zu stillen“, erklärt er. „Ich werde mich sonst ewig fragen, wie es mit ihr gewesen wäre.“

„Tja, dann wirst du wohl dumm sterben müssen“, sage ich leicht schnippisch. Mir gefällt nicht, wie die drei über mich reden. Als sei ich irgendein Objekt.

„Eines Tages kriege ich dich rum“, lächelt Ben mich wissend an. „Es ist nur eine Frage der Zeit.“

„Träum weiter“, entgegne ich und rücke demonstrativ ein Stück von ihm ab. „Wollt ihr jetzt hören, was ich mir wünsche, oder was?“

„Schieß los!“, fordert meine Schwester.

Nach dem heiklen Thema muss ich mich kurz sammeln, bevor ich meinen Zettel aufklappe, obwohl ich den Inhalt natürlich ganz genau kenne.

„Mein größter Wunsch für dieses Jahr ist es“, beginne ich und mache wie die anderen eine Kunstpause, um den Moment zu zelebrieren, „Partnerin in der Kanzlei zu werden!“, posaune ich dann heraus. „Und das Beste ist, dass mir der Posten praktisch schon sicher ist! Was sagt ihr dazu?!“ Strahlend sehe ich in die erstaunten Gesichter rings um mich.

„Wie kommst du darauf? Dass du es sicher wirst, meine ich?“, hakt Luna nach. „Ich gönne es dir natürlich! Ich frage mich nur … Bist dafür nicht noch etwas zu jung?“

Ich lache auf. „Das hat doch nichts mit dem Alter zu tun. Ich bin einfach die beste Kandidatin für die Stelle. Von allen Mitarbeitern bin ich am zweitlängsten in der Kanzlei beschäftigt. Außerdem hat Herr Richter es mir so gut wie versprochen“, berichte ich eifrig von dem Gespräch, das ich am letzten Tag vor den Weihnachtsferien mit meinem Chef geführt habe. „Natürlich inoffiziell. Aber er meinte, er sei sehr zufrieden mit mir, und einer weiteren engen Zusammenarbeit würde demnach nichts im Wege stehen.“ Ich muss mir auf die Lippe beißen, um vor lauter Vorfreude nicht laut loszujubeln.

„Wow. Das heißt, dein Name steht dann mit auf dem Türschild?“, fragt Ben.

„Ja“, lache ich. „Das gehört auch dazu.“

„Gratulation“, sagt Matthias. „Das schafft nicht jeder.“

„Meine große Schwester hat's eben voll drauf!“, bemerkt Luna anerkennend und prostet mir mit ihrem Sekt zu. Dankbar nicke ich ihr zu und trinke aus gegebenem Anlass ebenfalls noch einen Schluck.

„Wie geht’s weiter? Was hast du noch aufgeschrieben?“, fragt sie, sobald wir die Gläser wieder abgesetzt haben.

„Ach, weißt du, mehr wünsche ich mir eigentlich nicht“, gebe ich zu.

„Wie?“ Ben runzelt die Stirn. Auch die anderen scheinen erstaunt zu sein.

„Das war alles?“, fragt Matthias.

„Ja. Ansonsten bin ich ganz zufrieden.“

„Was ist denn mit deinem Privatleben?“ Zwischen Lunas Augenbrauen hat sich eine Falte gebildet.

„Was soll damit sein?“

„Wünscht du dir nicht … den Mann fürs Leben oder so?“ Sie lacht unbeholfen.

„Ihr wisst doch, dass ich mir selbst Gesellschaft genug bin. Mal abgesehen von euch natürlich!“

„Willst du denn für immer allein bleiben?“ Ben wirkt geradezu entsetzt.

„Nicht für immer vielleicht. Wer will schon allein im Lehnstuhl sterben und von seinen Katzen angeknabbert werden?“, scherze ich.

Niemand lacht. Seltsamerweise fühle ich mich plötzlich unbehaglich.

„Hey, das war ein Witz. Ich hab ja nicht mal Katzen!“

„Eben“, sagt Luna.

Bevor ich nachfragen kann, was sie damit meint, klatscht Matthias in die Hände. „Okay, dann verbrennen wir das Zeug mal, was?“

„Ich hole ein Feuerzeug“, murmelt Luna. Während sie sich auf die Suche macht, redet keiner ein Wort, und ich habe das Gefühl, ich bin schuld an unserer Schweigsamkeit. Keine Ahnung, was mit ihnen los ist. Nur weil ich nicht wie die meisten anderen Frauen meines Alters davon besessen bin, eine Familie zu gründen, sondern mich erst einmal um meine Karriere kümmern will, müssen sie mich ja nicht gleich wie eine Aussätzige behandeln. Wofür sollen denn sonst die letzten fünfzig Jahre Emanzipation gut gewesen sein? Zum Glück bringt Luna die gute Stimmung zurück, als sie nicht nur mit dem Feuerzeug, sondern auch mit dem kleinen Finn auf dem Arm, der von unserem lauten Gelächter wachgeworden sein muss, wieder ins Wohnzimmer kommt. Aus seinen großen, blauen Babyaugen schaut er uns an und zaubert uns damit allen ein Lächeln auf die Lippen.

„Er wollte bei dem spektakulären Ereignis unbedingt dabei sein“, spaßt Luna und gibt ihrem Sohn einen liebevollen Kuss auf den blonden Haarflaum, der seinen Kopf bedeckt.

„Dann mal los“, sage ich und erhebe mich schwungvoll.

Gemeinsam treten wir auf den kleinen Balkon. Eine Weile schauen wir in den sternklaren Winterhimmel, den das Feuerwerk über der Stadt in allen Farben des Regenbogens erstrahlen lässt. Finn betrachtet das Schauspiel beinahe andächtig. Auch ich bin merkwürdig ergriffen von dem Bild der leuchtenden Raketen, mit denen die Menschen dort unten so hoffnungsvoll das neue Jahr begrüßen. Wird es ein gutes werden? Werde ich nächstes Silvester wieder hier stehen und stolz auf das zurückblicken, was ich in den vergangenen zwölf Monaten erreicht habe? Wird Luna zufrieden mit sich als Mutter und Ehefrau sein? Matthias gesund und glücklich? Ben ein erfolgreicher Restaurantbesitzer?

„Wollen wir?“, reißt Luna mich aus meinen Gedanken.

„Sicher“, nicke ich.

Sie reicht mir das Feuerzeug. Einer nach dem anderen zünden wir unsere Zettel an und halten sie so lange fest, bis die Flammen nur noch eine kleine Spitze übriggelassen haben, die wir loslassen und vom Wind fortreißen lassen. Irgendwo dort draußen in der Nacht schweben sie nun, unsere Herzenswünsche. Mit einem Lächeln sehe ich ihnen nach. Denn zum ersten Mal, seit wir dieses seltsame Ritual betreiben, habe ich die Gewissheit, dass mein Wunsch in Erfüllung gehen wird.

Artikel 2 - Traue niemals einem Mann!

§ 1

Sobald ich das Klingeln des Weckers am Morgen meines ersten Arbeitstages nach dem Weihnachtsurlaub abgestellt habe, erfüllt mich ein Flattern in der Magengrube, das ich in dieser Form zum letzten Mal bei meiner zweiten Staatsexamensprüfung gespürt habe. Nur ist es diesmal keine Angst, die meine Aufregung verursacht, sondern unbändige Vorfreude auf das, was mich heute in der Kanzlei erwartet. Voller Elan schlage ich trotz der Dunkelheit, die noch vor dem Fenster herrscht, die Bettdecke zurück und schwinge die Beine aus dem Bett. Auf dem Weg ins Bad muss ich lächelnd an das Gespräch mit meinem Chef vor zwei Wochen zurückdenken. Ein paar Jährchen noch, dann hätte er vor, sich zur Ruhe zu setzen, erklärte er mir in vertraulichem Tonfall. Wie ich wisse, suche er schon lange nach jemandem, der ihn bis dahin bei der Leitung der Kanzlei als gleichberechtigter Partner ein wenig unterstützt und dem er das Geschäft ruhigen Gewissens übergeben könne, wenn er in den Ruhestand treten würde. So jemanden hätte er nun gefunden.

„Ich halte große Stücke auf Sie, Frau Herz“, sagte er. „Ich kann mich doch auf Sie verlassen, nicht wahr?“

„Selbstverständlich“, bestätigte ich ihm.

„Dann steht einer weiteren, engen Zusammenarbeit ja nichts im Wege“, schloss er mit einem freundlichen Blitzen in den Augen.

Es dauerte einen Moment, bis mir klar wurde, was er mir mit seiner kleinen Rede zu verstehen geben wollte. Ich sollte diejenige werden, die ihn unterstützen und eines nicht allzu fernen Tages seine Nachfolge antreten sollte. Ich hatte Mühe, die Contenance zu bewahren. Mein größter Traum würde in Erfüllung gehen! Seit Herr Richter, kurz nachdem ich mein Referendariat in seiner Kanzlei begonnen hatte, zum ersten Mal davon sprach, dass er jemanden braucht, der ihm etwas zur Hand ginge, wusste ich, dass ich diesen Posten haben wollte. Eine Partnerschaft ist der erste Schritt auf dem Weg zur eigenen Kanzlei. Da es ungleich schwieriger ist, selbst eine zu gründen, ist die Chance einer Übernahme das Beste, was einem Anwalt passieren kann. Von da an arbeitete ich kontinuierlich darauf hin, einmal die Auserwählte zu sein, nach der Herr Richter so verzweifelt suchte, und nun – vier Jahre später – sollen meine Bemühungen endlich Früchte tragen.

„Rein gar nichts!“, nickte ich nachdrücklich und hatte Mühe ein hysterisches Lachen zu unterdrücken.

„Freut mich, Frau Herz, freut mich“, erwiderte er. „Nach den Feiertagen mache ich die Sache offiziell.“

Heute ist der große Tag, an dem alle in der Kanzlei erfahren werden, dass sie ab sofort Mitarbeiter der Kanzlei Richter und Herz sein werden! Grinsend steige ich in die Dusche. Dabei stelle ich mir das dumme Gesicht von meinem Kollegen Carsten Naumann vor, der bekanntermaßen genauso nach der Partnerschaft lechzt wie ich. Oder die großen Augen von Yildiz, meiner allerliebsten Kollegin, die wegen ihrer großen Familie gar kein Interesse an noch mehr Arbeit hat und mir die neue Stelle sicher von Herzen gönnen wird. Beate Jäger, unsere übellaunige Sekretärin, wird wahrscheinlich wie immer die Lippen zu einem missbilligenden Strich zusammenkneifen – die einzige Gesichtsregung, zu der sie fähig zu sein scheint. Robert Graf, unser eigenbrötlerischer Steuerrechtler, wird sicher bloß seine Brille zurechtrücken, den Kopf einziehen und froh sein, dass es nicht ihn getroffen hat. Ich weiß, man soll sich nicht selbst loben, und vermutlich würde es ziemlich eingebildet klingen, wenn ich es laut ausspräche, aber ich finde, ich bin (mit Ausnahme von Yildiz) wirklich die Einzige in der Kanzlei, die es verdient hat, befördert zu werden.

Zum Anziehen kehre ich nach dem Duschen zurück ins Schlafzimmer, wo ich im großen Schrankspiegel noch einmal überprüfen kann, ob mein Outfit für den heutigen Anlass angemessen ist. Bereits gestern Abend habe ich mir einen eng geschnittenen, dunkelgrauen Bleistiftrock und eine weiße Bluse herausgelegt. Dazu lege ich eine Silberkette mit einem schlichten Glasanhänger an und steige in die anthrazitfarbenen Pumps, die ich mir erst letzte Woche für ein halbes Vermögen angeschafft habe. Hochzufrieden mit meiner Erscheinung mache ich mich anschließend an meinen Haaren zu schaffen. Nach dem langwierigen Föhnen spiele ich wieder einmal mit dem Gedanken, meine lange, kastanienbraune Mähne zugunsten eines pflegeleichteren Kurzhaarschnitts zu opfern. In aller Regel trage ich sie ohnehin zusammengebunden oder hochgesteckt. Lasse ich sie offen, stören mich die Haare meistens, doch ganz trennen kann ich mich auch nicht von ihnen. Deshalb drehe ich sie auch heute stattdessen zu einem ordentlichen Dutt ein und stecke die letzten widerspenstigen Strähnchen mit unscheinbaren Nadeln fest. Zum Abschluss lege ich ein dezentes Make-up auf, das sowohl meine zarten Sommersprossen verdeckt, die selbst im Winter nie ganz verblassen, als auch meine grünen Augen besonders hervorhebt. Ja, so kann ich mich in der Kanzlei blicken lassen, befinde ich und lächele mein Spiegelbild an. Ich sehe aus wie die perfekte Partnerin.

*

Nachdem ich auf mein übliches Frühstück ausnahmsweise verzichtet habe, weil ich vor lauter Nervosität keinen Bissen herunterbekommen hätte, breche ich früher als gewöhnlich auf. Von meiner Wohnung in der Stadtmitte zur Kanzlei brauche ich knapp zwanzig Minuten. Obwohl ich heute gut durchkomme, bleibt mir genügend Zeit, noch einmal meine kleine Antrittsrede durchzugehen, die ich mir in weiser Voraussicht gedanklich zurechtgelegt habe. Ich werde mich kurz halten, aber ich möchte die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, mich bei Herrn Richter dafür zu bedanken, dass er mir sein Vertrauen schenkt. So recht kann ich mich allerdings nicht auf meine vorformulierten Worte konzentrieren. Immer wieder schweife ich ab und muss daran denken, wie gut es sich anfühlen wird, heute Abend heimzukommen und die endgültige Gewissheit zu haben, es geschafft zu haben. Ich kann es kaum abwarten, meiner Mutter davon zu erzählen. Wenigstens sie möchte ich mit den Neuigkeiten überraschen, nachdem ich an Silvester schon alles vor meiner Familie und Ben ausgeplaudert habe. Sie wird so stolz auf mich sein. Von Beginn meines Studiums an hat sie immer an mich geglaubt und mir versichert, aus mir würde einmal eine grandiose Anwältin werden. Ganz im Gegensatz zu meinem Vater, der mir nicht zutraute, mich in der Welt der Justiz bewähren zu können. Dabei war er streng genommen sogar schuld daran, dass ich schon lange vor dem Abitur beschlossen hatte, Scheidungsanwältin zu werden.

Meine Eltern trennten sich, als ich neun war. Für die beiden war es nach den monatelangen Streitereien und Phasen eisigen Anschweigens sicher die beste Lösung. Für mich brach eine Welt zusammen. Aus unserem Haus zog unsere Mutter mit uns in eine Wohnung, in der Luna und ich uns ein Zimmer teilen mussten. Meinen Vater sah ich nur noch jedes zweite Wochenende, und bedeutende Feste wie Geburtstage und Weihnachten fanden ohne ihn statt. Man kann ihm nicht vorwerfen, wir wären ihm egal gewesen. Ihm waren nur andere Dinge wichtiger geworden. Seine neue Freundin zum Beispiel, die er uns eines Tages vorstellte. Eine Frau, die jung und blond und schön war und die versuchte, Luna und mich mit Eiscreme zu bestechen, damit wir sie gernhatten. Ich durchschaute ihre Masche sofort und war danach nicht mehr allzu traurig darüber, Papa nicht mehr so häufig sehen zu können. Erst viel später erfuhr ich von meiner Mutter, dass die Scheidung in eine regelrechte Schlammschlacht ausgeartet war. Am Ende hatte sie ohne das gemeinsame Haus und mit einem Bruchteil des Vermögens dagestanden, das sie mit meinem Vater zusammen angespart hatte. Das war der entscheidende Auslöser für meinen Entschluss gewesen, mich einmal auf Eherecht zu spezialisieren. Ich wollte dafür sorgen, dass keiner Frau ein solches Unrecht widerfahren sollte wie meiner Mutter. Ich wollte dazu beitragen, dass keine Scheidung den Kummer und das Leid verstärkte, die das Ende einer Ehe ohnehin mit sich brachten. Wer sich von mir scheiden ließ, sollte das Gefühl haben, dass die Gerechtigkeit gesiegt hatte.

Vielleicht hätte ich es so auch meinem Vater erklären sollen, dem ich nur widerwillig von meinem Vorhaben berichtete, Jura zu studieren. Mein Verhältnis zu ihm war stark abgekühlt, seit er sich von Mamas Geld eine Finca auf Mallorca gekauft hatte und es sich dort mit seiner neuen Frau gutgehen ließ.

„Anwältin sein bedeutet nicht nur, Paragraphen auswendig zu lernen“, versuchte er damals, mich zu belehren. „Du musst Entscheidungen treffen können, dich für deine Mandaten einsetzen, vor Gericht selbstsicher auftreten.“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist doch alles nichts für dich.“

Immerhin, für zu dumm hielt er mich nicht. Er wusste, dass mir das Wälzen von Büchern und stundenlanges Pauken nichts ausmachte. An der Praxis würde ich scheitern, so glaubte er. Mir würde ganz einfach das nötige Durchsetzungsvermögen fehlen. Ein Mäuschen wie ich würde in einer von Männern dominierten Branche sang- und klanglos untergehen. Beinahe hätte er es geschafft, mich zu überzeugen. Hatte ich wirklich das Zeug dazu, Gesetze zum Vorteil meiner Mandanten auszulegen? War ich stark genug, männlichen Kollegen die Stirn zu bieten?

„Klar schaffst du das!“, ermutigte mich Luna. „Guck dir Ally McBeal an. Die lässt sich von den Typen auch nichts gefallen. Was die kann, kannst du schon lange!“

Die Fernsehserie war jahrelang wöchentliches Pflichtprogramm für uns gewesen, so sehr liebten wir die smarte Prozessanwältin und ihre schlagfertigen Sprüche in allen Lebenslagen. Ich verzichtete darauf, Luna daran zu erinnern, dass Ally der Fantasie amerikanischer Drehbuchautoren entsprungen war. Aber die Zuversicht, dass wenigstens der weibliche Teil meiner Familie hinter mir stand, half mir schließlich über meine Selbstzweifel hinweg. Wie man sieht, hat es mir nicht geschadet.

Damit hast du nicht gerechnet, was, Papa?, denke ich voller Genugtuung, als ich schließlich auf den Parkplatz der Kanzlei einbiege, den Wagen auf meinem angestammten Stellplatz abstelle und im Rückspiegel noch einmal meine Frisur überprüfe. Dass deine Tochter nicht einmal fünf Jahre nach ihrem Examen bereits führendes Mitglied einer angesehenen Anwaltskanzlei sein würde! Mit beschleunigtem Puls und leicht feuchten Händen steige ich aus dem Auto und mache mich auf den Weg zum Eingang. An der Tür werfe ich einen letzten Blick auf das kleine, graue Firmenschild, auf dem gerade genug Platz für die Aufschrift ist.

Rechtsanwaltskanzlei Richter

Termine nach Vereinbarung

Ab sofort werden wir wohl ein größeres Schild benötigen.

*

„Guten Morgen und ein frohes, neues Jahr!“, begrüße ich Yildiz fröhlich. Meine Lieblingskollegin ist morgens meist die Erste, die nach unserem Chef in der Kanzlei auftaucht. Auch heute steht sie bereits in der kleinen Betriebsküche und ist damit beschäftigt, die Bohnen im Kaffeeautomaten aufzufüllen.

„Frohes Neues!“, erwidert sie nicht halb so enthusiastisch und sieht mich argwöhnisch an. „Du bist aber gut gelaunt.“

„Ist ja auch ein schöner Tag!“, lächele ich und nehme mir eine Tasse aus dem Schrank, damit ich mir gleich einen Kaffee zubereiten kann, sobald sie fertig ist. Mit hochgezogener Augenbraue schaut sie aus dem Fenster. Ich folge ihrem Blick. Draußen regnet es wie aus Kübeln.

„Ich weiß nicht“, sagt sie. „Wenn ich an die ganzen Fälle denke, die unbearbeitet auf meinem Schreibtisch liegen, würde ich am liebsten sofort zurück in die Türkei!“ Wie jedes Jahr hat sie über die Feiertage ihre Familie in ihrer Heimat besucht. Und jedes Jahr sehnt sie sich nach Urlaubsende dorthin zurück.

„Du machst das schon!“, muntere ich sie auf und platziere meine Tasse unter den Düsen des Automaten.

„Was bleibt mir auch anderes übrig“, seufzt sie und greift zu ihrer eigenen dampfenden Tasse, die bereits das verführerische Kaffeearoma verströmt. „Obwohl … vielleicht kann ich ja ein bisschen auf die neue Referendarin abschieben.“ Die Vorstellung entlockt ihr immerhin ein kurzes Grinsen.

„Fängt die heute an?“

Yildiz nickt. „Weißt du doch.“

Aber nur in der Theorie. Tatsächlich hatte ich vollkommen verdrängt, dass wir für die nächsten zehn Monate weibliche Verstärkung im Team bekommen. Die Referendarin, die ihren Vorbereitungsdienst bei uns ableisten wird, hat sich bereits vor ein paar Wochen vorgestellt. Ich hatte sie nur flüchtig begrüßt, sodass sie mir nicht dauerhaft im Gedächtnis geblieben ist.

„Bin gespannt, wie die sich macht“, meint Yildiz. „Wenn ich da an Rüdiger denke …“

„Gott bewahre“, sage ich.

Rüdiger war unser letzter Referendar, und der war wirklich eine Strafe. Trotz seines altertümlichen Namens war er erschreckend jung für einen angehenden Anwalt. Das Studium hatte er in Rekordzeit hinter sich gebracht und dazu mit Auszeichnung bestanden. Hochintelligent war er, das musste man ihm lassen. Aufgrund dessen jedoch völlig ungeeignet für den Beruf, denn im Umgang mit Menschen war er eine absolute Null. An Rüdiger zeigte sich wieder einmal, dass ein hoher IQ noch lange keinen guten Anwalt macht.

„Hoffen wir das Beste“, sagt sie und gähnt herzhaft. „Ich mach mich mal ans Werk.“

„Frohes Schaffen!“

„Danke. Übrigens: Um neun ist Teambesprechung.“

Mein Herz setzt einmal kurz aus. „Wirklich?“, frage ich unschuldig.

„Ja. Richter hat schon eine Mail rumgeschickt. Er hätte ein paar Ankündigungen zu machen.“

Es fällt mir schwer, ein breites Grinsen zu unterdrücken. „So, so“, entgegne ich nur, wobei ich meine Tasse schwungvoll unter den Düsen hervorziehe.

„Keine Ahnung, was das für Ankündigungen sein sollen“, sagt Yildiz gelangweilt und macht sich endgültig auf den Weg in ihr Büro.

„Ach“, flüstere ich. „Ich hätte da so eine Idee ...“

*

Eine Stunde später bin ich ein nervliches Wrack. Meine Finger sind schweißnass, und in meinem Bauch scheint sich ein ungezähmtes Ungeheuer zu befinden. Gebannt starre ich auf die kleine Uhr am unteren Rand meines Computerbildschirms und warte darauf, dass sie endlich auf 9:00 umspringt. Um mich bis zum Beginn der entscheidenden Teambesprechung abzulenken, habe ich meine E-Mails abgerufen, um mich selbst noch einmal davon zu überzeugt, dass unser Chef uns wirklich einberufen hat. Danach habe ich versucht, einige Anfragen von potentiellen Mandanten zu beantworten. So recht geglückt ist es mir nicht; ich konnte mich einfach nicht konzentrieren.

Endlich sehe ich durch die Glastür meines Büros, wie Yildiz aus ihrem herauskommt und sich auf den Weg zum Konferenzzimmer macht, deshalb beschließe ich, ihr zu folgen. Unsere Büros sind in einer Art überdimensioniertem U angeordnet, in dessen Mitte sich der Empfangstresen der Kanzlei befindet. Durch die gläsernen Türen haben wir allzeit freie Sicht auf das Geschehen an der Rezeption, was ganz praktisch ist, wenn man nicht von unangekündigtem Besuch überrascht werden will.

„Na, kommst du voran?“, frage ich Yildiz, als sich unsere Wege im Flur kreuzen. Mehr, um meine Nervosität mit Smalltalk zu bekämpfen, denn aus echtem Interesse.

„Nicht besonders gut. Mit den ganzen Fällen, die ich vor mir habe, werde ich wahrscheinlich nächstes Jahr noch zugange sein.“ Sie seufzt. „Das bedeutet wieder jede Menge Nachtschichten.“

Ich schenke ihr einen mitfühlenden Blick. Wäre ich nicht auf ein völlig anderes Gebiet spezialisiert, würde ich anbieten, ihr etwas abzunehmen. Leider ist mir Arbeitsrecht ziemlich fremd.

„Du weißt, ich würde dir gern helfen, wenn ich könnte“, sage ich.

„Kein Problem“, winkt sie ab. „Vielleicht spreche ich es gleich mal an und frage Richter, ob er mich etwas entlasten kann.“

„Gute Idee“, nicke ich, dann betreten wir den Konferenzraum.

Yildiz und ich sind nicht die ersten Mitarbeiter, die sich zur anberaumten Sitzung eingefunden haben. Unser Chef sitzt bereits am Tisch, und er ist nicht allein. Links neben ihm hat sich die neue Referendarin platziert, die ich erst jetzt, beim Anblick ihres wallenden, blonden Haars, das sich an den Spitzen frech über ihrer monströsen Oberweite kringelt, wiedererkenne. Das allerdings lässt mich weniger stutzen als der zweite Platz, der zu Herrn Richters Rechten belegt ist. Von einem Mann, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Bei unserem Hereinkommen nickt er uns freundlich zu.

„Guten Morgen“, sagt er mit angenehm warmer Stimme.

„Morgen“, begrüßen Yildiz und ich ihn, die nicht minder irritiert von unserem Gast zu sein scheint. Wir lassen uns an der anderen Seite des Tisches nieder, sodass ich dem Fremden genau gegenübersitze. Nach und nach trudeln die anderen ein. Zuerst unser Fachanwalt für Strafrecht, Carsten Naumann. Er wirft einen Neujahrsgruß in die Runde und nimmt neben Yildiz Platz.

„Und Stella, gut reingerutscht?“, fragt er mich grinsend. „Wo du doch an Silvester mal so richtig lang aufbleiben durftest.“ Carsten macht keinen Hehl daraus, dass er mich für durch und durch spießig hält. Nur, weil ich einmal erwähnte, dass ich abends gegen elf Uhr todmüde ins Bett falle. Sprüche wie diese bin ich seitdem von ihm gewohnt.

„Klappe, Carsten!“

„Ui, das ist ja ein harscher Tonfall“, zieht er mich weiter auf. „Den darfst du aber deinen Mandanten gegenüber nicht anschlagen. Wo sie doch schon gebeutelt vom Leid ihrer zerrütteten Ehen sind.“

„Wenigstens muss ich meine Mandanten nicht im Gefängnis besuchen, wenn ich etwas mit ihnen besprechen will“, kontere ich, was ihn vorerst ruhigstellt. Aus den Augenwinkeln sehe ich die Mundwinkel meines Gegenübers zucken. Als ich den Kopf zu ihm drehe, ist seine Miene wieder ernst. Vielleicht habe ich es mir bloß eingebildet.

Als Nächstes kommt Robert Graf herein, der das unbekannte Mitglied unserer Gesellschaft überhaupt nicht wahrzunehmen scheint, obwohl er den Stuhl gleich neben ihm wählt und nach einer flüchtigen Begrüßung erst einmal gründlich seine Brille poliert. Während wir zuletzt auf unsere Sekretärin warten, unterziehe ich den mysteriösen Fremden einer unauffälligen Musterung. Auf den zweiten Blick muss ich feststellen, dass er geradezu lächerlich gut aussieht. Als hätte die Natur mal jemanden gebraucht, mit dem sie so richtig angeben kann: dichtes, erdfarbenes Haar, milchkaffeefarbene Augen, gleichmäßig geschwungene Lippen und eine zart gebräunte Haut, die nicht nach Sonnenstudio, sondern nach kürzlich beendetem Skiurlaub aussieht. Angestrengt versuche ich aus seinem Gesicht herauszulesen, aus welchem Grund er wohl hier sein mag. Natürlich gelingt es mir nicht. Bei der Auswahl seiner Garderobe scheint er sich jedenfalls ebenso viel Mühe gegeben zu haben wie ich. Er trägt einen piekfeinen, graphitgrauen Anzug, darunter eine gleichfarbige Weste und ein blütenweißes Hemd. Einziges farbliches Highlight bildet die rosa-hellgrau-gestreifte Krawatte. Er könnte einem Werbeplakat für Armani-Mode entsprungen sein. Wenn ich nur wüsste, wer er ist. Etwa ein neuer Kollege? Warum hat unser Chef uns nichts davon erzählt, dass er jemanden einstellen will? Vielleicht um unsere Kapazitäten zu erweitern, wenn ich demnächst mit meinen neuen Aufgaben als Partnerin beschäftigt sein werde? Oder um Yildiz zu unterstützen, die mit ihren Fällen so überlastet ist? Ehe ich schlau aus seiner Anwesenheit werde, komplettiert Beate Jäger unsere Runde und schließt mit ihrem typisch dauergenervten Gesichtsausdruck die Tür hinter sich. Das nimmt Herr Richter zum Stichwort und erhebt sich.

„Guten Morgen, alle zusammen“, begrüßt er uns. „Zuerst einmal möchte ich Ihnen ein frohes, gesunden und vor allem erfolgreiches neues Jahr wünschen.“

Ein vielstimmiges „Gleichfalls“ ertönt.

„Vielen Dank. Ich möchte den Jahresanfang nutzen, um ein paar Neuerungen in der Kanzlei vorzunehmen.“

Jetzt kommt's, denke ich aufgeregt und setze mich aufrecht hin. Rücken gerade, Brust raus. Ganz wie meine Mutter es mir einmal in einer Lektion zum Thema „selbstbewusstes Auftreten“ beigebracht hat.

„Wie Sie alle wissen, werde ich es nicht mehr lange machen“, erklärt er und fügt schmunzelnd hinzu: „Beruflich, meine ich.“

Die anderen lachen leise. Ich ein wenig lauter. Gott, bin ich nervös!

„Deshalb habe ich mich schon vor einiger Zeit dazu entschieden, mir einen Partner für die Kanzlei zu suchen, der die Verantwortung für die Leitung mitübernimmt und mich ersetzen kann, sobald ich mich ins Privatleben zurückgezogen habe. Die Suche nach einem geeigneten Kandidaten für diese Stelle hat mich viele Nerven gekostet. Aber wie heißt es so schön? Wer suchet, der findet. Und ich habe jemanden gefunden.“

Auch Carsten sitzt nun kerzengerade in seinem Stuhl und fingert an seiner Krawatte herum.

„Jemanden, dem ich mein ganzes Vertrauen schenke und dem ich guten Gewissens die Leitung der Kanzlei in die Hände legen kann.“ Sein Blick streift mich kurz. Ich kann mich jetzt kaum noch auf seine Worte konzentrieren. In meinen Ohren rauscht es. Flüchtig nehme ich wahr, wie er dem Mann neben ihm ein Lächeln schenkt, der es sofort erwidert. Aber ich bin zu sehr damit beschäftigt, mich innerlich auf den Augenblick der Wahrheit vorzubereiten, als weiter darüber nachzudenken, wer denn dieser Typ nun ist.

„Ich freue mich sehr, dass er sich trotz seiner jungen Jahre auf dieses abenteuerliche Unterfangen eingelassen hat“, spricht Richter weiter. Eine Sekunde irritiert mich das „er“ in seinem Satz, aber vermutlich bezieht er sich immer noch auf den „jemand“, und sowieso höre ich gar nicht richtig hin, denn ich bin bereits im Aufstehen begriffen, als Herr Richter seine Rede zum finalen Höhepunkt bringt. „Aber jetzt genug der vielen Worte. Hiermit stelle ich Ihnen den neuen Partner vor: meinen Neffen, Felix Süßkind!“

Ich schieße aus meinem Stuhl hoch. „Ja, vielen Dank, Herr Richter! Ich ...“, setze ich überschwänglich an, bis mir auffällt, dass mein Gegenüber ebenfalls aufgestanden ist und mich fragend anblickt. Mitten im Satz halte ich inne. Ein peinlich berührtes Schweigen senkt sich über den Raum. Vorsichtig sehe ich in die Gesichter der anderen, die mich besorgt bis verstört mustern. Erst da dringen Richters letzte Worte in mein Bewusstsein. Hiermit stelle ich Ihnen den neuen Partner vor: meinen Neffen Felix Süßkind! Das ist definitiv nicht mein Name. Er hat nicht mich zu seiner rechten Hand gemacht, sondern das Armani-Model vor mir, das die unangenehme Stille schließlich mit einem leisen Räuspern beendet.

„Möchten Sie etwas sagen, Frau Herz?“

Woher kennt er meinen Namen?, schießt es mir kurz durch den Kopf, aber dann kann ich es mir schon denken. Er muss sich unsere Homepage angesehen haben, auf der alle Mitarbeiter der Kanzlei interessierten Mandanten mit Foto vorgestellt werden. Wahrscheinlich zusammen mit seinem Onkel.

„Da, sieh sie dir gut an, mein Junge“, wird Richter gesagt haben und auf mein Bild gedeutet haben. „Das ist die dumme Trine, die glaubt, ich würde sie zur Partnerin machen.“ Und dann werden sie sich gemeinsam über mich kaputtgelacht haben.

Verzweifelt versuche ich zu schlucken. Das hier ist mit Abstand das Demütigendste, das ich je erlebt habe. Ich kann bloß noch versuchen, die erniedrigende Situation so würdevoll wie möglich zu beenden.

„Ja“, bringe ich endlich trotz meiner staubtrockenen Kehle heraus. „Herzlich … willkommen.“

„Danke“, erwidert er konfus, und ich lasse mich langsam mit zittrigen Beinen zurück auf meinen Stuhl sinken.

„Alles in Ordnung?“, raunt Yildiz mir zu, ihre sorgfältig gezupften, schwarzen Augenbrauen beunruhigt zusammengezogen. Halb nicke ich, halb schüttele ich den Kopf, was in einer unkoordinierten Kreisbewegung endet. Bevor sie Bedenken über meinen Geisteszustand äußern kann, ergreift der frisch gekürte Partner das Wort.

„Mein Onkel hat das meiste ja schon vorweggenommen, aber ich möchte mich natürlich trotzdem noch einmal kurz vorstellen“, höre ich ihn sagen. Danach rauscht der Rest seiner Rede an mir vorbei. Nur einzelne Bruchstücke schaffen es, bis in mein Gehirn vorzudringen. Dass er bis vor Kurzem in einer Kanzlei beschäftigt war, die sich auf Eherecht spezialisiert hat, beispielsweise. Na toll, ein Scheidungsanwalt! Das wird ja immer besser. Nicht genug damit, dass er den Posten bekommen hat, der mir zugestanden hätte, wahrscheinlich wird er auch noch versuchen, mir die Mandanten abspenstig zu machen. Das sagt er natürlich nicht, sondern behauptet, er freue sich auf eine fruchtbare Zusammenarbeit (ja, er benutzt tatsächlich das Wort „fruchtbar“!) und faselt etwas von seiner Tür, die uns immer offenstehen würde. Mir wird schlecht von all dem Süßholzgeraspel. Vielleicht macht auch nur mein Kreislauf schlapp, nach dem Schock auf nüchternen Magen. Als er sich endlich wieder niederlässt, fühle ich mich leer und ausgelaugt. Wie soll ich jetzt zurück in mein Büro gehen und mein Tagwerk aufnehmen, als sei nichts passiert? Wie soll ich mit Tatkraft an meine Arbeit gehen, wenn es kein Ziel mehr gibt, das ich vor Augen habe?

„Vielen Dank, Felix“, sagt Herr Richter anschließend, dessen Stimme wie aus weiter Ferne an meine Ohren dringt. „Wir haben ja heute noch ein weiteres Mitglied in unserer Runde willkommen zu heißen“, wendet er sich an die Vollbusige neben ihm. Sie beginnt sich ebenfalls vorzustellen. Auch ihre Worte erreichen mich nicht. Ich fühle mich betäubt, als sei ich nicht Teil des Geschehens. Wie bei einem Fernseher, der ohne Ton läuft, beobachte ich, wie sich ihre Lippen bewegen und sie etwas sagt, das die anderen zum Lachen bringt. Schließlich übergibt sie wieder an unseren Chef. Ich bin noch immer nicht aufnahmefähig. Erst als Yildiz meinen Arm berührt, wird mir bewusst, dass soeben mein Name gefallen ist und Herr Richter zu mir schaut.

„Wie bitte?“

Ein winziger Funken Hoffnung lodert in mir auf. War am Ende alles nur ein dummer Witz? Oder will er mich zur zweiten Partnerin ernennen und hat sich die Überraschung bis zum Schluss aufgehoben?

„Ich sagte, ich dachte an Sie, Frau Herz.“

Schlagartig erwache ich aus meiner Trance. „Wobei dachten Sie an mich?“, frage ich aufgeregt.

Er seufzt ungeduldig. „Daran, dass Sie Frau Weidemanns Ausbilderin werden.“

Miss Busenwunder strahlt mich an. Ich sacke in mich zusammen. Das war's. Ein für alle Mal.

„Sicher“, bringe ich irgendwie hervor und erhebe mich. Plötzlich will ich nur noch raus. Aus diesem Raum, fort von den beiden Männern, die so mir nichts, dir nichts meinen großen Traum zerstört haben. „Wäre das dann alles?“

Das Lächeln der Referendarin erstirbt, Richter nickt konsterniert.

„Ja, das wäre es soweit.“

„Gut. Ich habe nämlich noch zu tun“, sage ich knapp und steuere die rettende Tür an. Das Letzte, was ich vor dem Hinausgehen sehe, ist das dumme Gesicht von Carsten Naumann. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es nicht mein eigenes ist, das sich in seinen Augen spiegelt.

§ 2

Kaum habe ich die Tür meines Büros hinter mir geschlossen, spüre ich, wie sich meine Kehle so feste zuschnürt, dass ich beinahe keine Luft mehr bekomme. Normalerweise kann ich mich sehr gut beherrschen. Ich bin kein Mensch, der schnell weint. Heute kostet es mich viel Kraft, nicht die Kontrolle zu verlieren. Krampfhaft bemühe ich mich, die Tränen zu zügeln, und komme mir an meinem Arbeitsplatz so verloren vor wie nie zuvor.

Ein Klopfen an der Tür lässt mich schließlich zusammenfahren, nachdem ich minutenlang bewegungslos aus dem Fenster in den Regen gestarrt habe. Benommen drehe ich mich um. Es ist Richter. Wer sonst? Ungefragt tritt er ein. Ich nehme all meine Kraft zusammen und schlucke den gewaltigen Kloß in meinem Hals herunter.

„Ja?“, frage ich. Meine Stimme hört sich hohl an, aber wenigstens zittert sie nicht. Ganz gleich, was er mir zu sagen hat, ich muss in jedem Fall Haltung bewahren.

„Frau Herz, dürfte ich erfahren, was Ihr Auftritt gerade eben zu bedeuten hatte?“

Das fragt er noch? Hat er vielleicht geglaubt, ich würde ihm vor Dankbarkeit, dass er sich gegen mich entschieden hat, um den Hals fallen?

„Tja, Ihre … Neuerungen kamen für mich etwas überraschend“, antworte ich sarkastisch.

Seine Augenbrauen schieben sich nach oben. „Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass ich es gleich nach den Ferien offiziell machen würde.“

„Da wusste ich auch noch nicht, dass Sie Ihren nie erwähnten Neffen aus dem Hut zaubern würden!“ Erschrocken beiße ich mir auf die Lippen. Seinen Vorgesetzten anzubrüllen fällt ganz sicher nicht unter „Haltung bewahren“.

„Es bestand bisher auch keine Notwendigkeit, ihn zu erwähnen“, erwidert er, keineswegs zornig, sondern mit diesem sanft-beruhigenden Unterton, den im Film die Polizisten anschlagen, wenn sie zu einem Gangster sagen: „Nehmen Sie die Waffe herunter!“ Auf mich wirkt er alles andere als beruhigend.

„Könnten Sie mir dann bitte mal erklären, was unsere Gespräch vor den Ferien zu bedeuten hatte? Warum Sie mich gefragt haben, ob auf mich Verlass sei?“, presse ich wütend hervor.

„Ich wollte einfach sichergehen, dass Sie uns noch eine Weile erhalten bleiben.“

„Warum sollte ich Ihnen nicht erhalten bleiben?!“

„Nun ja … Sie haben jetzt einige Jahre bei uns gearbeitet, da wäre es nicht verwunderlich, wenn Sie vorhätten, sich umzuorientieren. Außerdem sind Sie im besten Alter für die Familienplanung, und ich …“

„Sie wissen ganz genau, dass das für mich nicht zur Debatte steht!“, falle ich ihm ungehalten ins Wort. Oft genug habe ich mehr oder weniger auffällig verlauten lassen, wie ich zu Ehe und Kindern stehe. Er war sich vollkommen bewusst darüber, welchen Stellenwert für mich die Arbeit hat.

„Ansichten können sich ändern.“

„Selbst wenn. Worauf wollten Sie denn hinaus? Wozu wollten Sie wissen, ob ich Ihnen erhalten bleibe, wenn Sie am Ende doch Ihren Neffen zum Partner ernennen?“ Schwere Steine scheinen auf meiner Brust zu liegen, so schwer fällt mir das Atmen, und in meine Stimme hat sich nun doch ein bedrohliches Zittern eingeschlichen.

Verdutzt lacht Richter auf. „Ja, wenn hätte ich denn sonst …“ Er unterbricht sich, als er mein Gesicht sieht, das wahrscheinlich von all der Anstrengung, nicht in Tränen auszubrechen, bereits blau angelaufen ist. „Sie dachten, ich würde Sie …?“ Ich muss nichts sagen. Meine Reaktion ist Antwort genug. „Ach herrje. Da habe ich mich wohl etwas missverständlich ausgedrückt.“

„Kann man so sagen!“, stoße ich verbittert aus.

Immerhin hat er den Anstand, einen zerknirschten Gesichtsausdruck aufzulegen. „Es war nicht meine Absicht, falsche Erwartungen bei Ihnen zu wecken.“

„Genauso wenig, wie es Ihre Absicht war, mir die Stelle zu geben? Haben Sie mich überhaupt je in Erwägung gezogen?“

„Tja ...“ Er weicht meinem Blick aus, streicht sich mit der Hand über die weißgrauen Haare und versenkt sie dann in der Hosentasche. „Natürlich habe ich darüber nachgedacht, aber aus dieser Kanzlei kam niemand ernsthaft infrage.“

Mir entfährt ein fassungsloses Schnauben. Das heißt, ich habe jahrelang auf etwas hingearbeitet, das ich nie hätte erreichen können.

„Sehen Sie, Frau Herz, Sie sind engagiert und ehrgeizig. Wie ich Ihnen schon sagte, ich schätze Sie sehr. Aber Sie sind einfach noch nicht soweit. Sie haben keine sechs Jahre Berufserfahren. Sie haben nicht einmal Ihre Fachanwaltschaft. Sie in Ihrer jetzigen Position zur Partnerin zu erklären wäre unverantwortlich gewesen.“

Bisher hatte ich meinen Chef eigentlich ganz gern. Jetzt empfinde ich bloß noch tiefe Abneigung für diesen Mann, der mir soeben kaltherzig mitgeteilt hat, dass alles, woran ich die letzten Jahre geglaubt habe, eine Illusion war. Ich habe keine Worte mehr. Mit bebendem Atem stehe ich vor ihm und frage mich, wie mich meine Menschenkenntnis so täuschen konnte.

„Ich sage ja nicht, dass Sie kein Potential haben“, versucht er sich einzuschmeicheln. „In zwei, drei Jahren können wir gerne noch einmal darüber sprechen. Wenn ich in Rente bin, könnten Sie eventuell mit Felix zusammen …“ Schnell unterbricht er sich wieder. „Aber das wird sich dann zeigen. Sehen Sie Ihre neue Herausforderung einfach darin, eine gute Mentorin für Frau Weidemann zu werden.“ Er besitzt tatsächlich die Frechheit, mich aufmunternd anzulächeln. Wie ein Kind, das man mit einem Lutscher abspeist, obwohl es viel lieber einen neuen Teddybären gehabt hätte.

Ich will keine blöde Referendarin ausbilden, die wahrscheinlich mehr Lippenstifte besitzt als sich Paragraphen im Grundgesetz befinden, sondern meinen Namen auf dem Türschild sehen, verdammt noch mal! Das sage ich nicht. Aber ich glaube, man kann es in meinem Gesicht ablesen. Zumindest verrutscht sein Lächeln ein wenig.

„Das ist jetzt wahrscheinlich eher ein schwacher Trost. Versuchen Sie bitte trotzdem das Beste daraus zu machen, ja?“, sagt er und fügt in ungewohnt strengem Ton hinzu: „Ich verlasse mich auf Sie, Frau Herz.“ Dann wendet er sich, ohne auf eine Antwort zu warten, zum Gehen.

Noch immer wortlos schaue ich ihm durch die Tür nach, bis er in seinem eigenen Büro verschwunden ist. Diesmal hat er sich so unmissverständlich ausgedrückt, dass sogar ich es verstanden habe: Machen Sie Ihre Aufgabe anständig, sonst habe ich Sie schneller ersetzt, als Sie gucken können. Ich schlucke schwer. Ein frohes, neues Jahr, Stella.

*

Der Rest des Tages zieht wie im Nebel an mir vorüber: Yildiz' neugierige Fragen, was denn bei der Besprechung mit mir los gewesen sei, die ich nur ausweichend beantworte. Die kurze Kanzleiführung und Arbeitseinweisung für Tina Weidemann, die genauso oberflächlich zu sein scheint, wie ich es auf den ersten Blick vermutet hatte. Und die Unterhaltung mit Carsten, der sich von unserem Chef ebenso verraten fühlt wie ich und vorschlägt, wir sollten uns gegen den Neuen verbünden und ihn systematisch boykottieren. Den ich im Übrigen bis zum Feierabend nicht mehr zu Gesicht bekomme. Zusammen mit seinem Onkel hat er sich in dessen Büro verbarrikadiert, wo sie vermutlich dem Partnerschaftsvertrag den letzten Schliff verpassen. Oder ordentlich über mich herziehen, jetzt, wo Richter über meine gescheiterten Ambitionen Bescheid weiß.

In den verbleibenden Stunden bearbeite ich mechanisch meine Fälle und verbiete mir jeden Gedanken, der auch nur im Entferntesten mit der Partnerschaft zu tun hat. Solange ich abgelenkt bin, riskiere ich wenigstens nicht, komplett durchzudrehen, und das ist im Moment das Wichtigste. Ich bleibe sogar freiwillig etwas länger, denn insgeheim habe ich Angst davor, in die Stille meiner Wohnung zurückzukehren, in der die Erinnerungen an die morgendlichen Vorfälle ungehindert auf mich einprasseln werden. Doch irgendwann finde ich keinen Grund mehr, den Feierabend länger hinauszuzögern und schalte meinen Computer ab. Alle anderen sind bereits gegangen. Nur aus Richters Zimmer sehe ich noch Licht scheinen. Unschlüssig bleibe ich am unbesetzten Empfangstresen stehen. Normalerweise gehe ich nie, ohne mich von meinem Chef zu verabschieden. Heute erscheint mir die Vorstellung, mich heimlich aus dem Staub zu machen, sehr verlockend. Falls er Beschwerde einlegt, könnte ich behaupten, ich hätte nicht stören wollen. Ich meine, es wäre doch sehr unhöflich, einfach in eine wichtige Besprechung unter Partnern zu platzen! Dieses unschlagbare Argument beruhigt auch mein Gewissen – ich entscheide mich für die unbemerkte Flucht. Leider genau eine Sekunde zu spät. Gerade, als ich mich in Bewegung setze, öffnet sich die Tür von Richters Büro, und niemand Geringerer als der neue Partner höchstpersönlich tritt heraus. Ich sollte vielleicht entschlussfreudiger werden.

„Zu Ihnen wollte ich gerade“, schwindele ich. „Ich bin dann jetzt weg.“ Kurz hebe ich die Hand zum Abschiedsgruß und steure dann hastig auf den Ausgang zu.

„Warten Sie mal!“

Na klar! Wäre ja auch zu schön gewesen. Widerwillig drehe ich mich um.

„Hätten Sie noch eine Minute?“

Nicht mal dreißig Sekunden.

„Um was geht es denn?“, frage ich ungeduldig und wühle demonstrativ in meiner Tasche nach dem Autoschlüssel. Mr. Armani kommt ein paar Schritte auf mich zu. Seine Lederschuhe klackern dabei leise auf dem Mahagoniparkett. Ich tippe auf italienische Einzelanfertigung.

„Wie ich hörte, war das heute Morgen für Sie ein etwas unglücklicher Start“, sagt er.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, erwidere ich barsch. Er ist sicher der Letzte, mit dem ich über diesen „unglücklichen Start“ reden will. Zumal er Verursacher desselben ist.

„Mein Onkel hat mir erzählt, dass es da zwischen Ihnen beiden wohl ein kleines Missverständnis gegeben hat.“

„Das hat sich geklärt.“

„Wie auch immer, ich wollte Ihnen nur noch einmal sagen: Ich hoffe, unserer Zusammenarbeit steht deswegen nichts im Weg.“

Meine Güte, was redet er nur ständig von Zusammenarbeit? Gibt es neuerdings so etwas wie eine Doppelvertretung von Mandanten? Ziehen wir demnächst Hand in Hand vor Gericht? Werden Plädoyers von nun an in Co-Produktion geschrieben? Lächerlich.

„Ich wusste bisher nicht, das Teamwork in unserer Branche einen besonders hohen Stellenwert hat“, entgegne ich und ziehe den Schlüssel aus der Tasche.

Zwischen seinen dunklen, symmetrisch geschwungenen Augenbrauen, bildet sich eine kleine, senkrechte Falte. „Ein gutes Betriebsklima ist doch sicher für alle Beteiligten wünschenswert, oder nicht?

„Das hier ist mein Arbeitsplatz. Nicht meine Familie“, sage ich knapp. „Sonst noch etwas? Ich habe es nämlich eilig.“

Möglich, dass ich mich eine Spur im Ton vergreife. Möglich, dass ich ein wenig überreagiere. Aber dieser Mann lebt jetzt meinen Traum! Was erwartet er denn da von mir? Dass ich ihm die Designerschuhe küsse und mich treu in seinen Dienst ergeben? Das könnte ihm so passen! Seine Stirnfalte ist noch ein bisschen tiefer geworden. Wahrscheinlich ist er es nicht gewohnt, Wiederworte von einer Frau zu bekommen. Ich wette, die meisten himmeln ihn an und sagen zu sämtlichen seiner Äußerungen Ja und Amen.

„Ja. Das war alles.“

„Gut.“ Damit lasse ich ihn stehen und steuere zielstrebig den Ausgang an.

„Schönen Feierabend“, ruft er mir hinterher, aber ich drehe mich nicht noch einmal um. Sonst hätte ich mich womöglich dazu hinreißen lassen, ihm zu antworten, dass er mir den gründlich versaut hat.

*