Mit James auf Sylt - Claudia Thesenfitz - E-Book
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Mit James auf Sylt E-Book

Claudia Thesenfitz

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Beschreibung

Das perfekte Buch für einen Tag am Meer - charmant, heiter und romantisch Die 43-jährige Jana ist über die dringende Bitte ihrer Schwester Nele alles andere als begeistert: Jana soll zwei Monate lang Neufundländer James in Neles Ferienwohnung auf Sylt hüten. Das Problem ist nur: Jana hasst Hunde! Außerdem hat sie gerade ihren Job und ihren Freund verloren. Eine riesige, haarige Töle ist also momentan das Letzte, was ihr noch fehlt. Als sich das Hundesitten wegen James schlechter Manieren mehr und mehr zum Albtraum entwickelt, muss Jana mit ihm auch noch in die Hundeschule, wo ihr der Trainer bescheinigt, dass sie von Hunden wirklich überhaupt keine Ahnung hat. Will sie ja auch gar nicht. Erholung gibt es nur beim gemeinsamen Gassigehen mit Frank und seiner Weimaranerin. Doch dann wirft James ein Auge auf die edle Hundedame, und auf einmal läuft auf Sylt alles ganz anders als erwartet...

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Mit James auf Sylt

Die Autorin

Claudia Thesenfitz hat ihre Liebe zu Hunden erst spät entdeckt, durch James, einen schwarzen Neufundländer, der vor elf Jahren in ihr Leben trat. In kreativer Wohngemeinschaft lebte sie mit ihm am Meer, bis er im Mai letzten Jahres in den Hundehimmel abberufen wurde. Im Frühjahr wird sie nun ein neuer Vierbeiner dabei begleiten, ihre Romane und Artikel zu kreieren. Claudia Thesenfitz schreibt für alle großen Frauen-Zeitschriften und Magazine (Dogs, emotion, Brigitte, petra, maxi, Für Sie, My Way, Gala uvm.) und hat unter anderem die Autobiografien von und mit Nena, Dieter Wedel und Uwe Ochsenknecht verfasst.

Das Buch

Die 43-jährige Jana ist über die dringende Bitte ihrer Schwester Nele alles andere als begeistert: Jana soll zwei Monate lang Neufundländer James in Neles Ferienwohnung auf Sylt hüten. Das Problem ist nur: Jana hasst Hunde! Außerdem hat sie gerade ihren Job verloren, und ihre Beziehung ist in die Brüche gegangen. Eine riesige, haarige Töle ist also momentan das Letzte, was ihr noch fehlt. Als sich das Hundesitting wegen Jamesʼ schlechter Manieren mehr und mehr zum Albtraum entwickelt, muss Jana mit ihm auch noch in die Hundeschule, wo ihr der Trainer bescheinigt, dass sie von Hunden wirklich überhaupt keine Ahnung hat. Will sie ja auch gar nicht. Erholung gibt es nur beim gemeinsamen Gassigehen mit Frank und seiner edlen Hundedame. Doch dann wirft James ein Auge auf die Hündin, und auf einmal läuft auf Sylt alles ganz anders als erwartet …

Claudia Thesenfitz

Mit James auf Sylt

Ein Glücksroman

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage März 2019© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019© Claudia ThesenfitzUmschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © Javier Pardina / stocksy (Frau); © FinePic®, MünchenAutorenfoto: © Hans ScherhauferE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten. ISBN 978-3-8437-2072-4

Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

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Ich danke …

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Cover

Titelseite

Inhalt

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Widmung

Für James

1

Der Mann an Janas Seite hatte volles schwarzes Haar, blendend weiße Zähne, einen beeindruckend athletischen Körper und wunderschöne bernsteinfarbene Augen. Er trug einen nietenbesetzten Lederriemen um den Hals und lief auf allen vieren. Seine Zunge hing dabei fast auf den Bürgersteig.

Der Mann an Janas Seite hieß James und war ein fünfjähriger Neufundländer. Ein Riesentier, dessen Kopf ihr bis zur Hüfte reichte und das stolze fünfundsechzig Kilo auf die Waage brachte. Wenn James sich auf dem Boden ausstreckte, war er fast zwei Meter lang.

Als hätte er einen eingebauten Raketenantrieb, schleifte er Jana an der Leine hinter sich her, während er den Bürgersteig des Eppendorfer Baums entlangsprintete. Im Slalom musste Jana verärgerten Fußgängern ausweichen, die empört stehen blieben und den Kopf schüttelten, während James von links nach rechts switchte, um hier und dort zu schnuppern. Keine Chance, ihn zu bremsen, so vehement Jana auch im Sekundentakt »Stopp!« schrie. Der muskelbepackte Koloss besaß die Zugkraft eines Fünfhundert-PS-SUVs, und Allradantrieb hatte er offenbar auch. Ihn zum Stehen zu bringen war so aussichtslos, als würde sie versuchen, einen tollwütigen Traktor anzuhalten. Hatten Neufundländer früher nicht sogar Boote aus dem Meer gezogen?

Jana hatte Hunde nie gemocht, sie war eher ein »Katzen-Typ«. Hunde waren ihr zu devot in ihrem Bedürfnis, ihrem Herrchen oder Frauchen zu gefallen, zu sehr nach Zuneigung hechelnd, zu bettelnd um Nahrung und zu laut, wenn sie kläfften, was sie ja dauernd taten.

Hunde stanken, sabberten, und wenn sie nass wurden, waren ihre Ausdünstungen und ihr Geschüttel unerträglich – fand Jana.

Katzen hingegen betrieben akribische Körperpflege, waren unabhängig und unbestechlich. Unzähmbare Diven, die sich selbst versorgten, indem sie nachts Mäuse jagten. In Janas Wertesystem waren Katzen Helene Fischers und Hunde Florian Silbereisens.

Schuld daran, dass Jana sich nun trotzdem von diesem absurd riesigen Köter durch Hamburgs Nobel-Stadtteil Eppendorf zerren ließ, war ihre Schwester Nele. Weil die demnächst ihr erstes Kind zur Welt bringen würde, sollte Jana den Familienhund zwei Monate lang in Neles und Toms Ferienhaus auf Sylt hüten. Die junge Mutter wollte in der ersten Zeit nach der Entbindung ihre Nerven schonen, in Ruhe den Umzug an den Stadtrand choreografieren und mögliche Infektionen ihres Babys vermeiden; und da Jana gerade ihren Job verloren hatte und zudem frisch getrennt war, verfügte sie – Neles Meinung nach – über die nötige Zeit, den haarigen Vierbeiner im Nordsee-Exil zu sitten.

Als Nele sie am Telefon darum gebeten hatte, war Jana so schnell keine passende Ausrede eingefallen.

»Sag mal, du bist doch gerade arbeitslos, oder?«, hatte Nele sie eines Abends harmlos gefragt.

»Ja«, hatte Jana nichts ahnend geantwortet. »Warum?«

» … und nicht unbedingt ortsgebunden?«, ging Nele über Janas Gegenfrage hinweg.

»Ja?« Janas innere Alarmglocken begannen laut zu schrillen. »Warum willst du das wissen?«

»Könntest du dir vorstellen, James für zwei Monate zu hüten?«

»James?« Das hatte Jana fast gekreischt. »Ich hasse Hunde, Nele!«

»Ich weiß, Süße, aber James weiß das ja nicht, und ich finde einfach niemand anders …«

»Und wie stellst du dir das vor? Hier, in meiner WG? Bei uns sind Hunde verboten!« Mit diesem Argument war sie aus dem Schneider, dachte Jana. Womit sie leider irrte.

»Du könntest mit ihm auf Sylt in unserem Ferienhaus wohnen! Das wäre auch für James wunderschön.«

Jana fehlten die Worte. Und damit die Ausreden. Es stimmte ja: Sie hatte jede Menge Zeit. Und außerdem hatte sie ihrer drei Jahre jüngeren Schwester noch nie etwas abschlagen können.

Von der Zeitschriftenredaktion, bei der sie acht Jahre lang gearbeitet hatte, von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt worden zu sein war ebenso wenig schön wie die Tatsache, dass Ole, ihr Ex-Freund, nach sieben Jahren Beziehung einfach Schluss gemacht hatte. Und ausgezogen war. Als arbeitsloser Single wider Willen war ein riesiger, haarender, sabbernder Rüde momentan das Letzte, was ihr noch fehlte. Jana war sich außerdem sicher, eine noch nicht ausgebrochene Hundehaarallergie zu haben …

Dementsprechend widerwillig hatte sie James gerade bei Nele abgeholt – und aktuell große Mühe, ihn zu bremsen.

Leider war es zu der »gründlichen Einweisung für Hundelaien«, die ihre Schwester ihr geben wollte, nicht gekommen. Immer wieder hatten sie den Termin verschoben, und gestern, als die Instruktion endlich erfolgen sollte, musste Nele wegen eines herausgebrochenen Inlays zum Zahnarzt. Die Einweisung hatte sich also auf ein paar Sätze am Telefon beschränkt:

»James ist total lieb und easy. Du musst zweimal am Tag kurz mit ihm gehen, damit er sein Geschäft verrichten und ein bisschen laufen kann. Am besten fährst du an einen der Hundestrände, da geht er dann schwimmen, und du kannst so lange sonnenbaden. Morgens und abends kriegt er eine Schüssel Trockenfutter.« Das klang machbar, fand Jana.

Und nun stolperte sie hinter dem rasenden James her, der weder »lieb« noch »easy« war, und ihr brach der Schweiß aus. Warum hatte sie Nele nicht wenigstens nach funktionierenden Befehlen gefragt? Und warum hatte sie ihr dieses planierraupenartige Monster als ruhig und pflegeleicht verkauft? Das konnte doch alles nicht wahr sein! Mit gefühlten fünfzig Stundenkilometern näherte James sich der Fußgängerampel, die den Verkehr der Riesenkreuzung Lehmweg/Eppendorfer Baum/Eppendorfer Landstraße regelte. Was, wenn das bescheuerte Riesenvieh sie jetzt einfach auf die Straße zerrte? Direkt vor ein Auto? James erhöhte sein Tempo und hielt auf die Kreuzung zu. »Halt!!«, schrie Jana panisch und sehr laut. »James!!« Keine Reaktion. Der schwarze Kerl raste, was das Zeug hielt. Doch kurz vor dem Ampelpfahl machte er eine Vollbremsung und blieb plötzlich so abrupt stehen, dass seine Pfoten eigentlich hätten quietschen oder qualmen müssen.

Erleichtert schnappte Jana nach Luft und wischte sich den Schweiß von der Stirn. James beroch aufgeregt den Lichtmast. Die Leine hing zum ersten Mal durch. Jana versuchte, ihren Puls zu beruhigen. Unvermittelt hob James ein Bein und pinkelte den Pfahl an. Betreten schaute Jana sich um und betete im Stillen, James möge sein Hinterbein möglichst zügig wieder senken. Doch da hatte sie die Rechnung ohne den Wirt oder besser ohne die Blase des Riesentieres gemacht: Immer größer wurde der gelbe See, der sich um den Pfahl herum wie ein Tsunami ausbreitete. Jana zerrte an der Leine. Keine Chance. Und die Fußgängerampel stand zudem auf Rot. Eine ältere Dame schaute Jana vorwurfsvoll an, die darauf hilflos mit den Schultern zuckte.

»Na prima«, dachte sie. »Das geht ja schon mal gut los.« Da in Eppendorf mal wieder keine Parkplätze zu finden waren, hatte sie ihren alten Benz im Lehmweg geparkt – noch endlose dreihundert Meter Fußweg entfernt. Die Fußgängerampel sprang auf Grün. Jana zerrte an der Leine. »Los jetzt, James! Geh!!« Doch James stand immer noch auf drei Beinen und dachte gar nicht daran, seine Blasenentleerung vorzeitig zu beenden. »Geh!«, was für ein bescheuerter Befehl, dachte Jana. Sie musste Nele dringend nach den richtigen Kommandos fragen.

Die anderen Passanten waren alle schon auf der anderen Seite, als James endlich fertig war und mit Jana im Schlepptau über die Straße preschte. Zum Glück war die Ampel gerade erst auf Rot umgesprungen.

Warum geriet sie immer wieder in solche Situationen?, fragte sich Jana. Wie konnte es passieren, dass sie von einem durchgedrehten schwarzen Riesenköter durch Eppendorf geschleift wurde, statt in einem Eigenheim mit Kindern, einem liebevollen Gatten und einem tollen Job zu sitzen? Was lief in ihrem Leben bloß schief?

Mit zum Zerreißen gespannter Leine preschte James den Lehmweg entlang, zog Jana hinter sich her und zwang sie dadurch zu einer Mischung aus Jogging und High-Speed-Nordic-Walking. Ihr rechter Arm begann zu schmerzen. In der Ferne sah sie einen Mann mit einem Boxer auf sich zukommen. Zu ihrem Entsetzen stellten sich James’ Nackenhaare auf. Janas auch. James zog die Lefzen kraus, knurrte und erhöhte sein Tempo. Jana packte die Leine nun auch noch mit der anderen Hand und stemmte sich mit ihrem gesamten Körpergewicht gegen die Laufrichtung. »Sitz, James! Sitz!« Zu ihrer größten Verwunderung stoppte er tatsächlich – und setzte sich.

Endlich mal ein Befehl, der funktionierte.

Zitternd stellte sich Jana neben ihn und wickelte die Leine kurz. Hasserfüllt starrte James auf den näher kommenden Boxer und knurrte immer lauter. »Ruhig, James. Alles gut!«, redete Jana auf ihn ein. Aber für James war offenbar gar nichts gut: Je mehr Jana versuchte, ihn zu beruhigen, desto aggressiver wurde sein Knurren. Hoch konzentriert fixierte er den näher kommenden Boxer und zog die Lefzen immer krauser, bis seine Schnauze plötzlich so faltig und geknautscht aussah, als wäre er gegen eine Betonwand gerannt.

Als der Boxer noch etwa einen Meter entfernt war, sprang James mit einem Ruck auf, wodurch Jana lang hinschlug, und stürzte sich mit wildem Gebell auf ihn. Die beiden Hunde bildeten ein Knäuel aus Zähnen, Sabber und fliegenden Fellbüscheln. Jana konnte nicht mehr erkennen, wo James aufhörte und der Boxer anfing. Der Besitzer des Boxers war genauso verblüfft wie sie, warf aber mutig eine Metallkette zwischen die beiden Hunde und zerrte am Halsband seines Tieres.

Jana rappelte sich auf und versuchte, das Ende von James’ Leine zu fassen zu kriegen. Ihre Jeans war aufgerissen, und ihr Knie blutete. Dem jungen Typ im Hoodie, der vor Entsetzen ganz blass geworden war, gelang es schließlich, James seinen Boxer zu entreißen. Jana packte James’ Halsband und zwang ihn erneut in die Sitzposition. Mann und Boxer entfernten sich drei Meter und blieben dann stehen. »Was passiert?«, erkundigte er sich aus sicherer Entfernung, während er seinen Hund auf Verletzungen kontrollierte. Jana warf einen flüchtigen Blick auf den hechelnden James. Wie sollte denn mit dem dicken Fell irgendwas passieren? Das war ja wie ein Neoprenanzug.

»Nein, alles gut«, rief sie. »Und bei dir?«

»Alles okay!« Der Typ entfernte sich eilig.

Jana zitterte am ganzen Körper. James auch. Wutentbrannt fischte sie ihr Handy aus der Tasche und tippte auf Neles Nummer.

»Das ist kein Hund, das ist ein Albtraum, Nele!«, schrie sie ins Handy. »Er hat eben einen anderen Hund fast umgebracht!«

Stille am anderen Ende der Leitung.

»Von wegen lieb und easy! Das ist eine Bestie! Habt ihr den denn gar nicht erzogen? Ich pack das nicht, Nele. Tut mir leid. Dann müsst ihr ihn eben ins Tierheim geben oder was weiß ich! Ich passe! Ich komme jetzt zu dir und bringe ihn dir zurück!«

Am anderen Ende der Leitung war es immer noch still.

»Nele? Hallo?«

Ein Piepton signalisierte Jana, dass sie die ganze Zeit auf Band gesprochen hatte. Nele war gar nicht drangegangen. Wütend versuchte Jana es noch mal. Schon wieder nur das Band. Sie tippte auf die Nummer von Tom, Neles Mann. James saß erstaunlicherweise immer noch, hechelte hektisch, und Jana glaubte, Schuldbewusstsein in seinen bernsteinfarbenen Augen zu erkennen. Aber hatten Mordmaschinen ein Gewissen?

»Tom, hier ist Jana«, bellte Jana ins Telefon, kaum dass Tom sich gemeldet hatte. »Ich kann das mit dem Hund nicht! Der ist ja vollkommen irre. Ich bringe …«

»Stopp, Jana«, unterbrach Tom sie barsch. »Ich bin mitten in einer Konferenz!«

»Mir egal!«, schrie Jana. »Euer Hund ist gemeingefährlich, und ich bringe ihn jetzt zurück! Wo ist Nele? Sie geht nicht ran!«

»Moment!« Am anderen Ende der Leitung raschelte es.

»So, ich bin kurz rausgegangen. Nele ist bei der Geburtsvorbereitung. Wo brennt’s denn, Jana?«

»James hat eben fast einen anderen Hund umgebracht«, schrie Jana. »Der ist ja gemeingefährlich! Ich kann das nicht!«

»War das ein Rüde? Bei Rüden ist er manchmal ein bisschen aggressiv …«

»Ein bisschen aggressiv?«, kreischte Jana. »Er hat sich verhalten wie ein tollwütiger Fleischwolf!«

Tom lachte. »Jetzt beruhig dich mal!«

»Und außerdem hat er mich mit Tempo hundert durch Eppendorf geschleift …«

Tom lachte wieder. »Das ist ganz normal, Jana. Er lag ja den gesamten Vormittag in der Wohnung. Wenn er dann raus darf, hat er immer erst mal Bewegungsdrang.«

Jana blieb die Luft weg angesichts von Toms Verharmlosungen.

»Das gibt sich aber ziemlich schnell, und dann wird er ruhiger«, fuhr Tom fort. »Er ist ja ein Neufundländer, die können gar nicht so lange laufen. Die sind relativ schnell erschöpft.«

»Äh …«, stotterte Jana fassungslos.

»Am besten fährst du mit ihm immer erst mal auf eine Wiese, wo er frei laufen und sich austoben kann«, redete Tom unbeirrt weiter.

»Aber …«, warf Jana ein.

»Und mach ihm beim Gassigehen doch einfach das Halti um«, schlug Tom vor. »Dann zieht er nicht so an der Leine, und andere Rüden sind auch kein Problem mehr.«

»Das Halti?«, echote Jana.

»Ja, das ist dieses Halsband mit der Schlaufe für die Schnauze. Hat Nele dir das gar nicht mitgegeben? So lässt er sich besser halten – und kann auch niemanden mehr beißen.«

»Beißen???«, kreischte Jana.

»Das war ein Witz, Jana!«

»Lustig!«, zischte Jana säuerlich.

»Keine Angst! Das hat er noch nie gemacht – und wird es auch nicht tun.«

»Ich kann das nicht, Tom!«, wiederholte Jana.

»Ach, Jana, bitte! Du weißt doch, wie wichtig es für Nele ist«, säuselte Tom. »Wir wissen sonst echt nicht, wohin mit ihm …«

»Hmpf«, machte Jana.

»Und zwei Monate Sylt im Sommer sind ja auch nicht so schlimm, oder?«, fügte Tom hinzu. Den Zynismus hätte er sich sparen können.

»Doch«, erwiderte sie trotzig. Sie mochte die Insel nicht. Zu reich, zu schicki, zu kalt – und viel zu viel Wind.

»Wo seid ihr denn jetzt?«, fragte Tom.

»Im Lehmweg«, antwortete Jana knapp.

»Da ist doch die Fleischerei Harms. Geh da mal rein, und kauf ihm ein Würstchen. Das schmeißt du bei dir auf den Rücksitz, dann springt er sofort ins Auto. Und wenn du ihn erst mal auf Sylt hast, wird alles ganz easy. Versprochen!«

»Easy«, echote Jana ironisch. »Das hat Nele auch behauptet …«

»Da kann er an den Hundestränden frei laufen und im Meer schwimmen und wird davon fix und fertig und total friedlich sein. Wirst schon sehen.«

»Aha«, murmelte Jana und ärgerte sich einmal mehr über ihr mangelndes Durchsetzungsvermögen. Nie konnte sie ihre Bedürfnisse durchsetzen oder gar andere vor den Kopf stoßen, das war immer schon so gewesen. Harmoniesüchtig war ihr zweiter Vorname. War ihr Leben deshalb in eine derartige Schieflage geraten? Stand sie jetzt darum hier mit einem Monsterhund auf der Straße?

»Ich muss jetzt zurück ins Meeting«, rief Tom in den virtuellen Hörer. »Ganz lieb von dir, Süße. Bis bald!«

Zack! Aufgelegt.

Ratlos starrte Jana auf ihr Display, auf dem Toms Name gerade erlosch. Und was sollte sie jetzt machen? Sie spürte die Wärme von James’ Körper an ihrem Bein. Wie eine fellbewachsene Düne saß er immer noch neben ihr und drängte sich an ihren Unterschenkel. Irgendwie schien seine Energie verbraucht. Er hechelte mit lang heraushängender Zunge und schaute Jana erwartungsvoll mit seinen bernsteinfarbenen Augen an. Ganz lieb und harmlos sah er jetzt aus, der Wolf im Wolfspelz.

Sofort zurückbringen konnte sie ihn nicht – Nele war ja nicht da. Und auf die Auseinandersetzung mit ihrer Schwester war sie auch nicht besonders scharf. Sollte sie es wenigstens mal versuchen? Vielleicht hatte Tom ja recht, und auf Sylt wurde tatsächlich alles besser. Zurückfahren könnte sie ja immer noch. Auf jeden Fall musste sie die Töle jetzt erst mal im Auto verstauen, damit er keinen weiteren Schaden mehr anrichten konnte.

»Komm, du Monster«, forderte Jana James deshalb auf und ruckte an seiner Leine. Überraschend brav folgte er ihr und zog auch nicht mehr. Vor der Fleischerei band sie ihn an einem Laternenpfahl fest und betrat den Laden. Ihre Knie fühlten sich immer noch puddingartig an, und ihre Hände zitterten, als sie ihr Portemonnaie aus der Tasche fischte.

»Zwei Wiener Würstchen bitte«, bestellte sie und bekam die rosa Dinger in einer Tüte überreicht. Wie gerne wäre sie zum Luftholen noch ein bisschen in der Metzgerei geblieben, aber draußen wartete ja der Riesengremlin auf sie. Interessiert guckte er durchs Schaufenster, das rund um seine feuchte Nase eindrucksvoll beschlug, und beobachtete sie. Als sie wieder nach draußen trat, wedelte er freudig mit dem Schwanz, wodurch er den gesamten Bürgersteig fegte, während er auf die Tüte in Janas Hand starrte.

Auf dem Weg zum Auto schnupperte James durchgehend an der Tüte, die Jana zusammen mit der Leine in der rechten Hand hielt. Dadurch ging er brav bei Fuß und achtete weder auf andere Hunde noch auf verlockende Markierungsgerüche. Genialer Trick. Den musste sie sich merken!

Endlich beim Auto angekommen, befehligte Jana das schwarze Minipony in die Sitzposition vor der hinteren Tür, öffnete in Ruhe das Auto, machte ihn los und warf dann die Würstchen auf die Rückbank. Schwupp! Erstaunlich behände sprang James hinein und verschlang die beiden Würstchen mit einem Happs noch im Stehen. »Mach Platz!«, rief Jana, woraufhin er sich mehrmals auf dem Polster drehte, um sich schließlich mit tiefem Bassbrummen, das sich anhörte wie fernes Gewittergrollen, niederzulassen.

Geschafft! Erleichtert warf Jana die Tür zu. Die Bestie war gefangen und konnte keinen Schaden mehr anrichten. Erschöpft ließ sie sich auf den Fahrersitz fallen und startete den Motor. Hundebett, Futter, Spielzeug, Geschirr, Leinen und Bürsten hatte sie schon am Vorabend ins Auto geladen, sodass sie direkt Richtung Sylt durchstarten konnte. In weiser Voraussicht hatte sie auch eine alte Decke auf die Rückbank gelegt, damit James keine Chance hatte, sich durch Haare oder Dreck auf dem Polster zu verewigen.

Es war ein herrlicher Sommertag Anfang Juni mit milden zwanzig Grad. Jana fuhr in Stellingen auf die Autobahn und trat das Gaspedal durch. Es war kurz nach fünfzehn Uhr, auf der A 23 war angenehm wenig los, und Jana kurbelte ihr Fenster herunter (ihr alter Benz hatte noch keine elektrischen Fensterheber), damit James hinten genug Luft bekam. Begeistert setzte der sich auf und ließ sich über die Mittelkonsole zwischen Fahrer- und Beifahrersitz den Wind ins Gesicht pusten. Lästigerweise hechelte er ihr dabei genau ins Ohr, und der warme Hundeatem, den er ihr dabei an den Hals blies, machte sie nervös. »Platz, James! Mach Platz!«, rief sie nach hinten, ohne wirklich an irgendeinen Effekt zu glauben. Zu ihrem großen Erstaunen legte er sich wieder hin. Es gab also tatsächlich ein paar Befehle, die funktionierten. So schlecht war er dann wohl doch nicht erzogen …

Sie kannte James, seit er ein wuscheliges Wollknäuel gewesen war, bei dem man nicht sofort erkannt hatte, wo vorne und wo hinten war. Es war jetzt fünf Jahre her, dass Nele sich auf einem Reiterhof in ihn verliebt und ihn vom Fleck weg adoptiert hatte. Er war der Letzte von vier Landseer-Neufundländer-Mischlingswelpen und übrig geblieben. Seine Adoptiveltern hatten ihn einfach nicht abgeholt. Da konnte Nele, die schon immer ein Herz für bedürftige Wesen gehabt hatte, natürlich nicht widerstehen.

Jana hatte James’ rasantes Wachstum vom Miniteddy zum Minipony miterlebt, aber die Spezies »Tier mit spitzen Zähnen und Beißkraft von hundertvierzig Kilo« blieb ihr dennoch suspekt. Denn letztlich war das Animalische unberechenbar – Erziehung hin oder her. Wenn bei einem Hund die Sicherungen durchknallten, konnte er zur lebensgefährlichen Bestie werden, und wann und wie das genau passieren würde, fand Jana beunruhigend unvorhersehbar. Sie hatte zwar keine Angst vor James, aber ein bisschen unheimlich war er ihr schon. Auch wenn er jetzt so friedlich auf der Rückbank lag wie ein schwarzer Flokati.

Der Grundstein für Janas Hundeabneigung war mit dem altersschwachen Cockerspaniel von Markus, ihrer ersten großen Liebe, gelegt worden: Mit seinem weiß-braun fleckigen Fell sah der Senior schon von außen so verschimmelt aus, wie er es von innen vermutlich auch war. Hektor (so hieß er) hatte kaum noch Zähne, dafür aber einen so mörderischen Mundgeruch, dass Jana sofort schlecht wurde, sobald er ins Zimmer trottete. Ständig hingen ihm fingerdicke Schleimfäden aus dem Mund, die sich auf dem Boden zu kleinen Pfützen kräuselten. Der Rentnerrüde hatte zudem die unschöne Angewohnheit, seinen Kopf im Minutentakt zu schütteln, sodass nicht nur seine langen Ohren hin- und herflogen. Weil sie überall Hektors Haare oder Sabber vermutete, mochte Jana bei Markus weder essen noch trinken. Und weil sie aus Angst vor Hundewürmern auch nicht mehr knutschen wollte, endete die Beziehung im Zeitraffer. Ein Cockerspaniel hatte ihre erste Liebe zerstört.

Auch Janas zweite Liebe war stark von einem Vierbeiner belastet: Äußerst ungern dachte sie an den Dänemarkurlaub mit den Eltern ihres Freundes zurück, bei dem sie mit deren dauerfurzendem »Hundele« auf dem Rücksitz platziert wurde. Bedauerlicherweise ließ sich dort kein Fenster öffnen. Selten in ihrem Leben war Jana so übel gewesen.

Der Terrier der Familie ihrer besten Freundin, der permanent ihre Waden begattete und dabei so hektisch wurde, als wäre er ein Fleisch gewordener Presslufthammer, schürte ebenfalls nicht gerade versöhnliche Gefühle in ihr.

Der Jagdhund ihres Vaters, der bei einem Waldausflug vor ihren Augen den Mops einer Spaziergängerin zerlegte, und der kanarische Mischling einer Kollegin, der plötzlich schnappte, als sie ihm über den Kopf strich, betonierten Janas Antipathie im Laufe der Jahre.

Die Krönung aber war der Labrador ihres vorletzten Freundes, der sich in Menschenkot gewälzt und danach ihr geliebtes Roset-Sofa farblich – vor allem aber olfaktorisch – neu interpretiert hatte. Jana hatte drei volle Tage damit verbracht, den bestialischen Gestank wieder aus den Polstern zu kriegen.

All diese Erfahrungen hatten ihre Aversion verstärkt statt relativiert. Und nun fuhr sie mit einem Riesenhund auf dem Rücksitz auf eine Insel, wo sie ihn zwei endlose Monate lang betreuen sollte. War sie eigentlich vollkommen bescheuert?

2

James’ Ruhephase dauerte leider nur zehn Minuten. Immer wieder setzte er sich auf, um sich den Fahrtwind um die Schnauze wehen zu lassen und aus der Frontscheibe zu schauen. Jedes Mal, wenn Jana sich umdrehte, um nach ihm zu sehen, blickte sie direkt in sein riesiges Gesicht mit den zugegebenermaßen sehr schönen bernsteinfarbenen Augen und der heraushängenden lila gefleckten Zunge. Erstaunlich, diese Flecken, dachte Jana. Die sahen aus, als hätte ein Weitsichtiger ohne Brille versucht, ihm darauf Blumen zu tätowieren.

Ab Elmshorn wurde die Autobahn deutlich leerer, Wiesen und Felder zogen vorbei, und James hatte sich wieder hingelegt. Jana genoss das Fliegen durch die Landschaft und dachte an Ole. Was war bloß schiefgelaufen? Warum war ihre Beziehung einfach so vertrocknet wie eine Pflanze ohne Wasser? Gab es das »verflixte siebte Jahr« wirklich? Das Gedicht »Sachliche Romanze« von Erich Kästner fiel ihr ein, aus dem Udo Lindenberg einen extrem berührenden Song gemacht hatte. In der ersten Strophe hieß es darin:

Als sie einander acht Jahre kannten(und man kann sagen: Sie kannten sich gut)kam ihre Liebe plötzlich abhanden.Wie anderen Leuten ein Stock oder Hut.

Genau so war es. Es waren zwar nur sieben Jahre gewesen, aber sie hatten immer weniger geredet, immer weniger füreinander gefühlt, sich immer mehr für selbstverständlich genommen, bis schließlich gar nichts mehr ging. Die Liebe war weg, aber sie beide noch da. Ole fand dann den Mut, der Sache ein Ende zu machen. Sehr freundschaftlich waren sie auseinandergegangen, und trotzdem hatte Jana in dem Moment, als Ole seine Sachen in seinem Renault verstaut hatte und ihr Tschüss sagte, Rotz und Wasser geheult. Stundenlang war sie danach durch die ehemals gemeinsame Wohnung getigert und hatte immer wieder fassungslos in Oles leeres Zimmer geschaut. Er war weg, und nun? Zunächst hatte Jana sich mit Airbnb-Vermietungen beholfen, aber seit fünf Wochen lebte nun die Tochter einer Kollegin bei ihr. Eine zwanzigjährige Jurastudentin, mit der Jana absolut gar nichts gemeinsam hatte. Doch sie brauchte das Geld, und zwar dringend. Denn kurz nach Oles Auszug hatte sie auch noch ihren Job verloren. Die gesamte Redaktion, bei der sie als Bildredakteurin arbeitete, war von heute auf morgen vor die Tür gesetzt worden, da man den redaktionellen Teil des Heftes künftig »outsourcen« wollte, um Kosten zu sparen. Die Printbranche befand sich schon länger in der Krise, und Janas Aussichten, schnell wieder irgendwo unterzukommen, waren dementsprechend schlecht. Wie sollte es also weitergehen? Ihre Ersparnisse reichten noch für drei Monate und dann? Und was sollte sie arbeiten? Sie hatte nichts gelernt. Nach dem Abi hatte sie erst mal gejobbt, dabei zwei Studiengänge abgebrochen und war schließlich als Quereinsteigerin in der Bildredaktion eines Lifestyle-Magazins gelandet. Ein relativ stressfreier und gut bezahlter Job mit geregelten Arbeitszeiten.

Und hier war sie nun: Jana Mertens, dreiundvierzig Jahre alt, normal dick, normal groß, normal hübsch – und neuerdings Hunde-Leaserin. Braune mittellange Haare, schöner Mund, kleine Nase und ein Hang zu zeitlos-klassischem, praktischem Kleidungsstil. Mit Jeans, T-Shirt und Sneakers fühlte sie sich perfekt angezogen. Sollte es etwas edler sein, kamen Bluse, Blazer und Stiefeletten dazu. Der alte Mercedes war im Grunde ein Accessoire zur Komplettierung ihres lässigen Looks.

Sie sah ganz passabel aus, war nett und nicht besonders auffällig gestört. Würde sie trotzdem für immer alleine bleiben? Oder fand sie doch noch irgendwann eine neue Liebe, die länger als nur ein paar Jahre hielt?

Würde sie bei Aldi an der Kasse landen? Müsste sie in einen günstigeren Stadtteil umziehen?

Jana verbat sich das Gegrübel und verscheuchte die negativen Gedanken. Positiv denken, befahl sie sich. Wie hieß es noch: Was du heute denkst, wirst du morgen sein? Du bist deine Gedanken, und deine Gedanken erschaffen deine Wirklichkeit? Na, denn mal los, pushte sie sich. In einem Jahr ein Haus im Grünen, genug Geld und einen tollen Mann an der Seite! Das hatte ihre kleine Schwester, der immer alles in den Schoß zu fallen schien, doch auch geschafft, warum also nicht auch sie? Bei dem Gedanken an ihre glorreiche Zukunft musste sie lächeln.

Noch siebzehn Kilometer bis zur Verladestation in Niebüll. James hatte sich eingerollt, die Augen geschlossen und schlief, den riesigen Kopf hatte er auf ein Vorderbein gelegt. Eigentlich ganz gemütlich, mit so einem riesigen Begleiter durch die Gegend zu rauschen, fand Jana. Es war jetzt zwei Stunden her, dass sie sein unfreiwilliges Teilzeit-»Frauchen« geworden war, und ganz, ganz zaghaft begann Jana, sich damit zu arrangieren.

Nun also Sylt. Jana mochte die Insel nicht. Zu viele Porsches, zu viele rosa Pullis, zu viel Jetset, zu viele zahngebleachte Menschen in weißen Jeans. Kurzum: Viel zu viel Chichi!

Als Kind war sie auf eine Klassenfahrt nach Hörnum gezwungen worden und erinnerte sich noch heute mit Schrecken an die deprimierende Jugendherberge, den lauwarmen Pfefferminztee mit Ölschicht, den quietschenden schnoddergrünen Linoleumboden, die kargen Etagenbetten und die typische Jugendherbergsgeruchsmischung aus Bohnerwachs und Klostein.

Sie war zwar im Zimmer mit den »coolen« Mädchen gelandet, das jeden Abend von den gleichwertig coolen Jungs besucht wurde, hatte aber so schlimmes Heimweh, dass sie durchgehend heulte. Zum Glück fiel das bei dem Dauerregen nicht auf. Nur dem schüchternen Christian Becker, den sie eigentlich immer blöd fand, liefen synchron mit ihr die Tränen runter, weil er seine Eltern und seine drei Geschwister so vermisste. Ein Gleichgesinnter! Von da an hatte sie ihn gemocht.

Später, in ihrer »Gegen alles«-Pubertätsphase, als sie gegen AKWs, Waldsterben und Walfang demonstrierte und eine pflanzlich gefärbte Windel um den Hals trug, war ihr das Rolex- und Rolls-Royce-überfüllte Sylt, wo Gunther Sachs auf der Whiskymeile in Champagner badete, geradezu obszön kapitalistisch vorgekommen.

Und nun musste sie doch wieder auf die »Insel der Reichen und Schönen« – ob sie wollte oder nicht.

Zum Glück war an der Verladestation in Niebüll nicht besonders viel los. Kein Wunder: Es war mitten in der Woche, früher Nachmittag und zudem noch Vorsaison. Jana reihte sich in die Warteschlange ein, stellte den Motor ab und öffnete die Tür, um frische Luft hereinzulassen. James hob interessiert den Kopf, ließ ihn aber bald wieder sinken, um weiterzudösen. Die Rückbank schien ihm als Schlafplatz gut zu gefallen.

Jana schaute sich um: ein kleiner Kiosk, ein Toilettenhaus und zahlreiche Männer in gelben Neonwesten, die die Beladung der Autozüge regelten. Die nächste Auffahrt sollte in zehn Minuten erfolgen, entnahm sie einem riesigen Anzeigedisplay an der Schranke vor der Zugauffahrt. Sie beschloss, sich am Kiosk einen Kaffee zu holen, und hoffte, dass sie James im Auto kurz alleine lassen konnte.

Da sie dringend mal auf die Toilette musste, eilte sie zunächst zum Sanitärhäuschen. Dort wusch sie sich gründlich die Hände. Würmer, Milben, Flöhe – Hunde konnten alles Mögliche übertragen, wusste sie. Geraten wurde deshalb, sich jedes Mal nach dem Anfassen die Hände zu desinfizieren. Sie musste sich dringend Sagrotan-Feuchttücher kaufen, notierte sie im Geiste, denn es stand ja nicht ständig überall ein Waschbecken zur Verfügung.

Mit einem dampfend heißen Coffee-to-go in der Hand kam sie zurück zum Auto. Alles friedlich – zum Glück. James döste weiterhin auf der Rückbank vor sich hin. Erst als Jana die Tür öffnete und sich mit ihrem Kaffee auf den Fahrersitz plumpsen ließ, rappelte er sich interessiert auf, um zu erschnuppern, ob es etwas Essbares für ihn abzustauben gab.

Gab es nicht. Aber wo er nun schon mal saß und wach war, warf James ein paar Kontrollblicke aus den Fenstern und blieb in den Augen eines Rhodesian Ridgebacks hängen, der ihn aus dem Kofferraum des SUVs nebenan hasserfüllt anstarrte. Sofort lieferten sich die beiden Rüden ein ohrenbetäubendes Bell- und Knurrduell. Zitternd, mit gefletschten Zähnen und steil aufgestellten Nackenhaaren stand James testosterongeladen auf dem Rücksitz und sah aus wie ein Monster, das in eine Steckdose gefasst hatte. Tollwütig kläffte er durch die Scheibe, schüttelte sich zwischendurch aufgebracht und verteilte dabei überall Sabberfäden: in Janas Haaren, auf den Sitzen, an den Seitenfenstern und sogar an der Frontscheibe. Ein bleistiftdicker Sabberfaden hing quer über seine Schnauze. Jana wurde übel.

Wütend riss sie die Hintertür auf, versperrte James dadurch die Sicht auf den Feind, klickte die Leine ein und zerrte ihn aus dem Auto. Kaum dass er auf die Straße gesprungen war, beruhigte er sich augenblicklich und ließ sich friedlich zum eingezäunten Hunde-Pinkelplatz führen. Komisch. Offenbar wurde er nur in der eingesperrten Situation im Auto so aggressiv. Wie ein Tiger im Käfig.

Brav verrichtete er sein Geschäft, schnupperte endlos lange an den Hinterlassenschaften seiner vierbeinigen Kollegen, schlabberte literweise Wasser aus dem Napf, der dort bereitstand, und ließ sich dann wieder zum Auto führen.

Zurück an der Rückbanktür, machte Jana die Leine los, befahl: »Hopp!«, und ging davon aus, dass James wie im Lehmweg lässig hineinsprang. Doch der dachte gar nicht daran und bewegte sich keinen Millimeter. Stur blieb er auf seinem Hintern sitzen und tat so, als wäre er taub. »Hopp! Los, James! Rein mit dir!«, befahl Jana energischer und wies dabei auf die Rückbank. Doch James tat weiterhin so, als wäre er ein fellbewachsenes Bergmassiv, und weigerte sich einzusteigen. Jana schubste ihn an, woraufhin er sich tatsächlich erhob, aber nur, um bellend das Auto zu umkreisen. Panisch lief Jana hinter ihm her. Dass das blöde Vieh jetzt bloß nicht abhaut, dachte sie. Doch das blöde Vieh dachte gar nicht daran abzuzischen, sondern hatte offenbar Spaß an seinem »Fang mich«-Spiel. Musste er ausgerechnet jetzt einen Beklopptheitsanfall erleiden? Bereits die fünfte Runde drehte er um den Wagen, und Jana hechtete ihm fluchend hinterher. Sie war einem Nervenzusammenbruch nahe und kurz davor, die verzogene Töle einfach zurückzulassen, als ihr eine offenbar hundeerfahrene Frau zu Hilfe eilte und einen Tennisball in die Luft hielt. Mitten im Lauf stoppte James abrupt, als er die neongelbe Filzkugel sah. Es schien, als hätte man ihm eine Droge vor die Nase gehalten, von der er höchstgradig abhängig war. Wie hypnotisiert fixierte er den Ball, den die Frau nun auf die Rückbank warf. Als wäre nichts gewesen, sprang James hinterher und ließ sich mit seiner Beute friedlich auf dem Polster nieder. Jana hätte der Frau um den Hals fallen können. Doch die wollte statt Dank nur einen Euro für einen neuen Tennisball. »Tennisbälle kaufen«, notierte Jana im Geiste. Sobald man etwas Ess- oder Bespielbares ins Auto warf, sprang James hinterher. Das musste sie sich merken.

Die Schranke vor ihr öffnete sich und gab die Auffahrt auf den Shuttle frei. Die Ampel sprang auf Grün, und die Autos vor ihr setzten sich eines nach dem anderen in Bewegung. Jana startete den Motor, um ihn sogleich mit einem kleinen Hüpfer wieder abzuwürgen. Zu wenig Gas. Erneut drehte sie den Zündschlüssel um. KRAWUMM!!!

Gerade als sie losfahren wollte, schepperte ihr das Auto, das hinter ihr in der Schlange stand, hinten drauf, und der Benz machte einen weiteren Hüpfer. Jana konnte es nicht fassen. James setzte sich erschrocken auf und starrte sie mit aufgerissenen Augen an. Jana schnallte sich ab, schaltete den Warnblinker ein und stieg entnervt aus.

»Au scheiße!« Der Schnösel aus dem Porsche Cayenne hinter ihr sprang bereits aufgeregt um ihre Stoßstange herum. »Tut mir echt total leid! Ich hab nicht gesehen, dass Sie noch mal gebremst haben!«

»Ich hab nicht gebremst, ich stand!«, rief Jana empört.

Der Schnösel schaute sie verblüfft an. Ziemlich hübsch war er, fiel Jana auf. Dunkle Locken, braune Haut – ein bisschen wie Bradley Cooper.

Die Autos hinter ihnen begannen zu hupen, und ein Neonwesten-Mann lief hektisch winkend auf sie zu.

»Weiter, Leute, weiter!! Der Shuttle hat sowieso schon Verspätung!«

Jana warf einen Blick auf ihre Stoßstange. »Ist nicht so schlimm. Das Auto ist ja sowieso alt.«

»Hier«, sagte Bradley und reichte ihr eine Visitenkarte. »Wir müssen jetzt die Spur frei machen, aber bitte rufen Sie mich doch gleich vom Shuttle aus an, dann regeln wir alles!«

Unter dem immer lauter werdenden Hupkonzert sprintete er zurück in seinen Cayenne.

Was tun?, überlegte Jana und drehte die Karte in der Hand. Zeugen aufschreiben? Die Polizei rufen? Viel zu viel Action jetzt, beschloss sie. Der Benz hatte sowieso nur noch fünf Monate TÜV, und es war sehr fraglich, ob er noch mal eine Plakette bekam.

Sie stieg ein, schnallte sich an, startete den Motor und gab Gas.

Natürlich musste sie mit dem Benz nach unten, während der Schnösel im Cayenne nach oben dirigiert wurde. Typisch Sylt, ärgerte Jana sich, da ging die Zwei-Klassen-Gesellschaft schon los: Die Bonzen mit ihren Angeber-SUVs durften nach oben, weil die so hoch waren, dass sie unten nicht mehr hinpassten. Die Reichen oben, die Armen unten. Jana schnaubte. Ihr Zorn flaute allerdings sofort wieder ab, als sie hinter sich ein Porsche Cabrio sah. Ganz so simpel war es offenbar doch nicht …

Außerdem war es unten für James besser, da es hier schattig war, überlegte sie. Mit seinem dicken schwarzen Fell wäre es oben in der prallen Sonne viel zu heiß für ihn gewesen.

Im Schneckentempo setzte sich der Zug in Bewegung, und Jana kurbelte alle Fenster herunter, um für James genug Luft hereinzulassen. James hechelte interessiert aus dem offenen Fenster. Das Geratter und Geruckel des Shuttles schien ihm überhaupt keine Angst zu machen. Zum Glück! Erleichtert streichelte Jana ihm den Kopf, dessen Haarflaum überraschend weich war. Oben auf dem Schädel waren seine Haare viel kürzer als sonst am Körper, standen leicht hoch und erinnerten an eine Rod-Stewart-Mecki-Frisur. Jana erwischte sich dabei, sich kurz für James zu erwärmen, der sie treuherzig anhechelte und offenbar äußerst gerne gestreichelt wurde. Würde ihr unerwünschter Reisegefährte am Ende doch noch ihr Kompagnon werden? Jana lehnte sich zurück, schloss die Augen und genoss den Fahrtwind auf ihrem Gesicht. Felder und Wiesen zogen vorbei, als sie sich dem Deich näherten, hinter dem sich der Hindenburgdamm verbarg, auf dem sie gleich durch die Nordsee rattern würden.