Mit Schaum hälts besser - Carla Pont - E-Book

Mit Schaum hälts besser E-Book

Carla Pont

0,0

Beschreibung

Ein Hund, der wie eine Einkaufstasche neben seinem Frauchen in der Luft baumelt. Besitzer, die nur noch im Stehen essen, weil ihr Vierbeiner eine Mahlzeit im Sitzen plötzlich nicht mehr duldet. Carla kennt viele Geschichten von Hundebesitzern, die andere Menschen gerne belehren und die eigenen Miseren dabei völlig ausblenden können. So schön ein Leben als liebende Hundebesitzerin auch ist, schlittert Carla oft genug in Momente, auf die sie ebenso gut hätte verzichten können. Immer an ihrer Seite befindet sich ihr treuer Freund Michael, der von Anfang an wie ein Magnet auf die Menschen wirkt und einen ordentlichen Teil dazu beiträgt, Carla mehr oder weniger wünschenswerte Situationen zu bescheren. Spätestens, als der kleine Michael eine Ladung Haarschaum verpasst bekommen soll, lernt sie »Nein!« zu sagen, während sie andere Erlebnisse entspannter und mit Humor nehmen kann. Denn eines ist ihr mittlerweile klar: ändern kann sie nur sich selbst! Mit humorvollen Anekdoten gespickt, wird der Roman »Mit Schaum hält´s besser!« zu einer lockeren und unterhaltsamen Lektüre. Wer einen Hund besitzt, wird sich in diesem Buch bestimmt wiederfinden! Ein Muss für Gesellschaftskritiker und alle, die es noch werden wollen!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meinen treuen Begleiter

Hinweise:

Wenn bei Personennennungen nur die männliche Form gewählt wurde, so war dies nicht geschlechtsspezifisch gemeint. Es diente ausschließlich der besseren Lesbarkeit.

Dieser Roman basiert auf wahren Begebenheiten. Um die Persönlichkeitsrechte zu wahren, wurden sämtliche Namen geändert.

Inhaltsverzeichnis

Michael an Bord

Willkommen im neuen Heim

Vertrau mir jetzt

Großvaters Zeichen

Der Jungspund

Das perfekte Dinner

Von Amts wegen

Michael liebt

Der Bürohund

Frau, du hast den Fuchs gestohlen

Virtuelle Momente

Wir drücken die Schulbank

Jeden Tag der Star

MICHAEL AN BORD

Ich werde ihn nie vergessen, diesen magischen Tag. Nach wochenlangem Warten, der schier unendlichen Vorfreude und den vielfachen Besuchen der örtlichen Tierbedarfsfachhandlungen, sehnte ich mich danach, unseren Familienzuwachs endlich zu uns zu holen. Alles war perfekt für unseren Welpen vorbereitet, der die kommenden Jahre unseres Lebens bereichern sollte. Die Kuschelecke war eingerichtet, niedlich aussehende Spielzeuge und Bestechungsleckerlis lagen parat. Die Dinge warteten buchstäblich darauf, zum Leben zu erwachen. Am Tage des Einzugs war ich unfassbar glücklich – und ich bin es noch heute!

Zwei Mal besuchten wir unseren kleinen Michael bei der Züchterin. Zunächst im Alter von zarten sieben Tagen und ein weiteres Mal nach sieben Wochen. Wir konnten von großem Glück sprechen, dass das Schicksal Michael und uns zusammenführen wollte. Schon Jahre im Voraus setzten wir uns intensiv damit auseinander, einen Hund aufzunehmen, nur warteten wir ständig auf den richtigen Augenblick, der uns aus privaten oder beruflichen Gründen stets verwehrt zu blieben schien.

An einem Frühjahrstag, ich genoss gerade die ersten warmen Sonnenstrahlen auf unserer Terrasse, traf es mich dann wie ein Blitz. Der perfekte Zeitpunkt war endlich gekommen. Hatten wir zu unseren Studentenzeiten noch mehrere Male den Wohnort gewechselt und waren nachts um die Häuser gezogen, war das Erwachsenenleben schnell zu einem geregelten und sesshaften Alltag übergegangen. Beruflich hatte sich alles zu einer Stetigkeit eingependelt und sogar ein Hund am Arbeitsplatz war nicht per se ausgeschlossen. Jetzt passte es einfach, jetzt oder nie. Über die Rasse waren wir uns schon längst einig geworden und so hatten wir uns für einen Deutschen Spitz entschieden.

Ich stieß auf Begeisterung, als ich meinen Mann über unser Vorhaben unterrichtete und so griffen wir noch am selben Tag zum Telefonhörer, um Kontakt zu Züchtern aus der Umgebung aufzunehmen. Und so gab bereits das dritte Gespräch Anlass zur Freude. Die ambitionierte Züchterin beantwortete geduldig all unsere Fragen und lud uns sogar zu sich ein, obgleich die Hündin gerade erst trächtig zu sein schien. Der Einladung kamen wir dankend nach und so ließen sich auch unsere letzten Wünsche klären. Unser Gefühl riet uns zu einem Rüden und tatsächlich berichtete die Frau, bislang nur in Kontakt zu Interessenten für die weiblichen Vertreterinnen zu stehen. Unsere Chancen, einen kleinen Rüden am Ende wirklich adoptieren zu können, standen also gut. Noch wusste aber niemand, ob denn wirklich ein kleiner Junge das Licht der Welt erblicken würde und so hieß es warten, hoffen und wieder warten.

Eines Morgens, ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit und saß im Zug, vibrierte mein Mobiltelefon. Ich öffnete die Nachricht und erblickte ein Foto mit kleinen, gerade geborenen Welpen. »Herzlichen Glückwunsch! Euer kleiner Mann hat als Erster das Licht der Welt erblickt und ist wohlauf«, hieß es in der Nachricht.

Ich schrie vor Freude auf und die Menschen um mich herum drehten mir verwundert ihre Köpfe zu. »Es tut mir leid«, bedauerte ich lachend, »aber ich habe gerade eine ganz wundervolle Nachricht erhalten!« Nun waren wir unserem Traum schon nah und doch ganze zwölf Wochen entfernt.

Während die Welpen mit sieben Tagen noch geschlossene Augen haben und am liebsten rund um die Uhr schlafen oder Muttermilch trinken, waren die Jungen mit acht Wochen schon wesentlich aktiver. Es war wundervoll diese kleinen quirligen Wollknäule zu beobachten und ihnen dabei zuzusehen, wie sie die Welt noch etwas tapsig und unbeholfen zu entdecken begannen.

Erstaunt fragte ich die nette Züchterin, warum ich denn nur vier Welpen zählte, beim vergangenen Besuch waren es doch noch fünf gewesen! Sie lachte und teilte uns mit, dass unser kleiner Mann anscheinend keine Lust auf Trubel und Unruhe habe, weshalb er sich gerne unter dem Sofa verstecke. Sobald er aber Hunger verspüre, würde er schon hervorgekrochen kommen, sodass wir ihn näher kennenlernen konnten.

Zwar mussten wir uns ein wenig gedulden, aber nachdem wir alle Geschwistertiere ausgiebig geknuddelt hatten, kam auch endlich ein kleiner, verschlafener Rüde zum Vorschein. In Seelenruhe tapste er an uns vorbei und steuerte zielstrebig das Muttertier an, denn es war wohl wieder an der Zeit, sich den Bauch vollzuschlagen. Zu dumm, dass die Hündin die Welpen schon abgesetzt hatte und der kleine Rüde sich nun auch noch Schelte einfing. Stattdessen stellte die Züchterin den kleinen Wonneproppen ein wenig Frischfleisch zur Verfügung, was die Welpen dankend annahmen. Während wir dabei zusahen, wie sie gierig in den Näpfen nach begehrten Häppchen suchten und sich gegenseitig aus dem Weg schubsten, um ja das beste Stück zu erwischen, erkundigte sich die Züchterin danach, ob wir uns schon Gedanken über einen passenden Namen gemacht hatten.

»Das haben wir«, teilte ich grinsend mit, während mein Mann nur die Hände vor dem Gesicht zusammenschlug und lachte.

»Mein Mann besaß in Kindheitstagen ein Plüschtier, das er über alles liebte. Genauer gesagt, handelte es sich um einen Plüschhund namens Michael. Als mein Mann fünf Jahre alt war, verlor er den Hund während eines Urlaubes in den Bergen Bayerns, wo die Familie gerade auf einer Wanderung unterwegs gewesen war. Mein Mann trauerte die gesamten Sommerferien über diesen Verlust, weshalb ich ihm nun einen kleinen Michael zurückschenken möchte«, beendete ich meine Geschichte.

Den Namen Michael finde die Züchterin entzückend versicherte sie uns und unsere Blicke wandten sich wieder den kleinen Hunden zu.

Michael schien nun gesättigt zu sein und so trottete er wieder in Richtung Sofa, um sich seiner mutmaßlich liebsten Beschäftigung des Schlafens zu widmen. In der Hoffnung, Michael würde sich neugierig zu mir gesellen, setzte ich mich schnell zu ihm auf den Boden. Als er meinen Annährungsversuch wahrnahm, hielt er kurz inne und dachte nach. So ganz verstand er es wohl nicht, warum in aller Welt ihm plötzlich eine Wildfremde den Weg versperrte. Alles was er wollte, war doch wieder zu seinem geliebten Schlafplatz unter die Couch zu gelangen. Ich legte mich ins Zeug, machte alberne Geräusche und versuchte ihn mit einem kleinen Trommelwirbel, den ich mit meinen Fingerspitzen auf dem Fußboden erzeugte, zu locken. Aber wie sagt man so schön: »Pustekuchen«.

Michael lief einen Bogen um mich herum und hätte mir wohl einen Vogel gezeigt, wenn er dazu imstande gewesen wäre. Denn während sich seine Geschwister nahezu überschlugen, um mir in meine Finger zu zwicken und meinen Schoß zu erklimmen, verkroch sich unser auserkorener Welpe eilig in seine Höhle. Jeder Laut, der seinen Schlaf der Gerechten störte, wurde eines empörten Blickes gewürdigt, um im Anschluss allenfalls ausgeblendet zu werden. Mein Mann, der selbst für sein Leben gerne schläft, lachte laut. »Das ist der perfekte Hund für uns!«, ließ er uns wissen.

Zum Glück hält sich Michaels Schlafdrang mittlerweile etwas mehr in Grenzen und so sucht er regelmäßig viel und enge Nähe zu uns. Damals hat mich seine Missgunst auf jeden Fall ein wenig verunsichert und so ließ ich meine mütterlichen Gefühle Michaels Schwestern zukommen. Meiner Vorfreude auf den kleinen Hund tat dies keinen Abbruch, denn ich war der Meinung, wir würden uns schon noch aneinander gewöhnen. Waren wir eben mit einem Charakterhund gesegnet, der von Geburt an seinen Dickschädel durchzusetzen wusste.

Als der große Tag näher rückte, wurde ich sehr nervös und konnte kaum schlafen. Vier unendlich lange Wochen waren seit unserem letzten Besuch vergangen und jede freie Minute hatte ich wie besessen auf mein Mobiltelefon gesehen, um bloß keine Neuigkeiten über den Zustand unseres Michaels zu verpassen. Und dann war es endlich so weit.

Wir erreichten das Haus der Züchterin zum verabredeten Zeitpunkt und klingelten an der Haustür. Die vielen Hunde der Züchterin polterten durch das Haus, bellten was das Zeug hielt. »Ein Einbrecher würde sich sicherlich nicht hierhin verirren«, schoss es mir durch den Kopf. Ein Deutscher Spitz ist und bleibt ein Wachhund.

Nachdem die Züchterin und ihr Hunderudel uns herzlich empfangen hatten, betraten wir den Wohnbereich, in welchem sich die Welpen in ihrem großzügigen Auslauf befanden. Noch waren sie zu jung, um Besuchsrituale einordnen zu können und weder das Schellen an der Hausklingel noch die lautstarke Begrüßung der erwachsenen Hunde ließen die Babys aufhorchen. Hatte man sich aber ihrem Auslauf genährt, explodierten die winzigen Wollknäule nahezu vor Freude. Zu meiner Erleichterung freuten sich alle fünf Welpen über unseren Besuch, sodass ich mir auch der Gunst unseres kleinen Michaels sicher sein konnte. Ich deutete auf den größten der Welpen und stellte erfreut fest: »Wie schön, dass auch unser kleiner Hund mittlerweile so beteiligt ist!«

Die Züchterin lachte und deutete indessen auf den kleinsten der Nachzucht.

»Darf ich vorstellen: dies ist euer kleiner Mann. Er ist der kleinste der Rasselbande.«

Ich lehnte mich über die Absperrung, um einen besseren Blick auf Michael zu ergattern und überzeugte mich selbst davon, dass es sich bei der klitzekleinen Fellkugel um unseren auserkorenen Welpen handelte. Und tatsächlich war es Michael, den ich an der feinen Farbgebung um die Augenpartie herum und dem schelmischen Gesichtsausdruck erkannte. Auch mein Mann schaute genauer hin und lachte. »Er ist ja kaum einen Deut größer als noch vor vier Wochen«, sagte er und öffnete mit Erlaubnis der Züchterin das Tor des Auslaufs.

Eifrig stakste der zwergenhafte, verträumte und an einen Furby erinnernde Michael umher und zu meiner Freude schließlich auf uns zu – um dann gleich wieder abzubiegen und es sich unter der Couch bequem zu machen. Die Geschwistermädchen vollzogen den gewohnten herzlichen Empfang, doch von Michael war wieder nichts zu sehen. Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich schmunzeln. Jedes Tier hat einen Charakter, der den Grundstein einer Beziehung darstellt. Und so ist Michael bis heute eigenwillig und manchmal auch ein wenig störrisch. An dem Sprichwort »Wie der Herr, so das Gescherr« ist aber trotzdem etwas dran. Ansonsten wäre Michael heute nicht so ein liebevolles, kontaktfreudiges und lustiges Tier, das sich genauso entwickelt hat, wie wir uns das immer wünschten.

Nachdem wir einen ausgiebigen Plausch mit der Züchterin gehalten und den Hunden beim Herumtollen zugesehen hatten, wurde der langersehnte Augenblick endlich wahr. Michael wurde nun offiziell ein Teil unserer Familie. Doch ganz so einfach sollte er es uns nicht machen. Fünfzehn Minuten benötigten wir, um ihn unter dem Sofa hervor zu locken. Danach saßen wir aufgeregt mit ihm auf der Couch und ließen ein Erinnerungsfoto von uns Dreien anfertigen. Ich hielt den kleinen Welpen fest in meinem Arm, nahm den zierlichen, warmen Körper mit seinem weichen Haar wahr. Das Herzchen pochte stetig.

Die Hunde der Züchterin wuselten aufgeregt um uns herum. Sie spürten, dass eine Veränderung bevorstand und so stupsten sie uns mit ihren Nasen an, schnupperten an uns und dem kleinen Michael. So plötzlich, wie diese aufgeregte Stimmung entstanden war, so rapide änderte sie sich auch wieder. Sie war erfüllt von verschiedenen Gefühlen, die sich ineinander vermischten. Denn trotz der Freude, die wir empfanden, trennten wir den Welpen doch von seiner Familie und der gewohnten Umgebung. Man sollte das sehr ernst nehmen und zu schätzen wissen, denn es ist ein Geschenk, das ein Lebewesen uns mit auf den Weg gibt.

Während sich das Hunderudel von uns zurückzog, blieben die Elterntiere nahe und nahmen vorsichtig zu unserer linken und rechten Seite Platz. Der Trennungsschmerz war greifbar und mir lief eine Träne über die Wange bei dem Bild, das sich uns bot. Die Hunde stupsten Michael mehrfach an die Schnauze, beschnupperten ihn ausgiebig und leckten noch einmal über seine Wangen. Danach erteilten die Hunde uns diese Sozialgeste, leckten auch unsere Wangen und Nasenspitzen. Es war ihr Einverständnis, dass wir nun Sorge für den mühsam aufgezogenen Nachwuchs tragen durften. Michael verstand noch nichts von emotionalen Momenten und so lag er wehrig in meinem Arm, sehnte sich offensichtlich wieder nach seinem Rückzugsort unter der Couch. Später sollte Michael zu einem außergewöhnlich feinfühligen und anhänglichen Hund heranwachsen, aber damals überwog noch der typische Egoismus eines jungen Geschöpfes.

Um den Abschied nicht noch schwerer zu machen, legten wir Michael in seine gemütlich hergerichtete Reisebox. Der Weg sollte uns nun vom schönen Baden-Württemberg in Michaels neues Heimatland Hessen führen.

Entgegen unserer Befürchtungen, Michael möge unterwegs dramatisch quieken und versuchen aus der Box auszubrechen, schlief er nahezu die gesamte Autofahrt über. Doch noch bevor wir die Autobahn verließen, erhob er sich auf alle Viere und erleichterte sich, zunächst noch munter, in seine Behausung. Der Frieden währte nicht lange, denn Michael war nach einigen Sekunden der Besinnung gar nicht mehr einverstanden mit seiner eigens produzierten »Pipi-Decke«. Und so jaulte der winzige Wonneproppen drauflos und verursachte in uns eine aufsteigende Panik. Wir hatten in der Vergangenheit schon viele Hunde in Obhut genommen, aber nie haben wir die Verantwortung für einen so kleinen, zarten Welpen getragen. Wir wussten damals nicht wie es ist, einen Welpen großzuziehen. Im Vergleich zu all den Herausforderungen, die noch auf uns warten würden, war es eine sehr einfache Aufgabe, die Decke aus der Box zu entfernen. Wir hielten zur Sicherheit trotzdem auf einem Rastplatz an, denn ich wollte die Box unter keinen Umständen bei 150 km/ h auf Mitten der Autobahn öffnen. Nachdem wir die Schweißperlen von der Stirn gewischt hatten, setzten wir die Reise fort - mit dem kleinen Michael an Bord.

WILL KOMMEN IM NEUEN HEIM

Als ich Michael das erste Mal sein kleines Geschirr und seine Leine anlegte, war ich von dessen Anblick zutiefst entzückt. Ich setzte ihn behutsam auf den Betonboden des Bürgersteigs und versuchte die Zeit zu überbrücken, in der mein Mann einen Parkplatz suchte. Michael tapste drauf los wie eine kleine Nähmaschine. Auf diese Weise tapst er noch heute, aber ich bin so sehr daran gewöhnt, dass mir seine wunderbare Gangart nur noch selten auffällt.

Etwas unsicher, aber neugierig schaute Michael sich um und verschaffte sich zunächst einen Überblick der ihm fremden Umgebung. Plötzlich marschierte er entschlossen auf die Kante des Bordsteins zu und ohne zu überlegen, stürzte er sich wagemutig in die hinter dem Bürgersteig liegenden Tiefen. Er begutachtete die fremde graue Betondecke der Straße, nicht schlüssig, was er von dieser zu halten hatte. Ich konnte sehen, wie es in seinem kleinen Köpfchen ratterte, so still stand er da und ließ den neuen Eindruck auf sich wirken. »Wo zum Teufel bin ich denn jetzt gelandet?!«, schienen seine Gedanken zu sein.

Fortan würde er diese Straße noch tausende Male passieren und als ob er es ahnte, wandte er sich nach einiger Zeit zunächst wieder unbeeindruckt der Bordsteinkante zu. Doch aus Michaels Perspektive muss diese innerhalb weniger Sekunden zu einem fiesen, riesigen Monster mutiert sein, denn in seinen Augen stand plötzlich die blanke Fassungslosigkeit. »Der war doch gerade noch nicht so hoch!«, hätte er wohl gerne gesagt.

Unter lautem Protest rannte er eilig vor der Bordsteinkante hin und her, sodass ich mich schnell zu ihm herunterbeugte und ihm half, die Hürde zu erklimmen. Er nahm meine Hilfe gerne an und schließlich lag es nicht in meinem Interesse, den jungen Hund gleich zu überfordern. Doch zu spät, denn nach diesem ersten Schreckerlebnis flitzte Michael wie wild in alle Richtungen, aufgeregt, ziellos und hilfebedürftig. Diese Art der Überreizung wollte ich unbedingt vermeiden und so war ich doch eigentlich nur darauf bedacht, dass Michael sich schnell lösen und dann die Wohnung betreten würde. Doch die Eindrücke der neuen Umgebung prasselten auf ihn ein und führten unweigerlich zu Hektik und Erregung. Also unternahm ich einen Versuch, ihn in seiner Not zu bremsen und seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Leider war ich zu diesem Zeitpunkt den Leinenzug eines Schäferhundes gewöhnt, den meine Schwester uns des Öfteren in Obhut gab. So kam es, dass mein Ruck an der Leine zwar leichter, aber dennoch viel zu stark ausfiel und Michael sogleich einen Sprung durch die Luft machte. Was für ein Missgeschick! Nachdem er nun unmittelbar nach seiner Ankunft eine Achterbahnfahrt hinter sich hatte, hoffte ich, nicht gleich Minuspunkte bei ihm gesammelt zu haben. Um weitere Eskapaden zu vermeiden, nahm ich den kleinen Welpen vorsichtshalber auf den Arm und setzte ihn einige Meter weiter auf eine Grünfläche, damit er schnell sein Geschäft erledigen und ich ihm seine neuen vier Wände präsentieren konnte. Aber Michael schaute mich nur fragend an und verstand nicht, was ich denn jetzt schon wieder von ihm verlangte.

Ich kapitulierte nach einigen Minuten und trug Michael zurück zum Haus bis vor die Wohnungstür, denn auch die drei Stufen, die in unserem Hausflur zu unserer Wohnung führen, sollten in den kommenden Wochen noch eine physisch ernst zu nehmende Barriere für Michael darstellen.

Als mein Mann endlich eintraf, öffneten wir die Wohnungstür und befreiten Michael von der Leine und dem Geschirr, damit er sein neues Heim erkunden konnte. Wie ein kleiner Flitzebogen schoss er los, völlig begeistert und neugierig, was denn nun auf ihn zukommen würde. Der Indoorbereich schien ihm offensichtlich besser zu gefallen als die unbekannte Stadtweite vor der Haustür.

Im Flur stoppte er abrupt und wandte sich erschrocken dem kleinen Wuschel zu, der ihn gleichermaßen verstohlen ansah. Ein intensiver Blick in den Spiegel verriet ihm schnell, dass dieses geruchslose und beim Abtasten sehr flache Etwas nicht wirklich real war. Und schon setzte Michael seine Erkundungstour fort, schnupperte in allen Ecken und fand schließlich einen Socken, den er freudig umherwirbelte. Ich rannte begeistert hinter unserem neuen Begleiter im Miniformat her, um ja keinen dieser magischen Momente zu verpassen.

»Hol schnell deine gute Kamera!«, riet mir mein Mann und ich eilte sogleich los. Als ich gerade alle notwendigen Einstellungen an der Kamera vorgenommen hatte und ein Foto schießen wollte, fing Michael plötzlich an sich zügig um seiner selbst zu drehen. Wir ahnten bereits was nun folgen würde und in der Tat entschied Michael sich dazu, ein kleines Überraschungsei neben Herrchens Bettseite zu platzieren. Was für ein Willkommensgruß!

Wenn ich heute an diesen ersten Tag zurückdenke, muss ich über unsere Ratlosigkeit lachen. Permanent betrachteten wir den kleinen Welpen und versuchten zu erraten, was dieser benötigen könnte, um glücklich zu sein. Braucht er Schlaf? Hat er Hunger? Vielleicht möchte er spielen? Als frischgebackene Besitzer eines Welpen stellen dies durchaus berechtigte Fragestellungen dar. Heute würde ich die Situation sicherlich entspannter sehen und mir nur halb so viele Gedanken über den Gemütszustand meines Welpen machen. Aber damals zermürbte ich mir unentwegt den Kopf. Wie passend, dass wir den Gipfel unserer Rat- und Hilflosigkeit sogleich in der ersten gemeinsamen Nacht erreichen durften.

Es gibt Menschen, die erzählen, dass der Neuankömmling von Beginn an seelenruhig und friedlich die erste Nacht in seinem neuen Körbchen verbrachte und sich keinerlei Anzeichen für eine gewisse Nervosität oder Fremdheit feststellen ließen. Ich war der Meinung, für ein derartiges Szenario bestens ausgestattet zu sein. Die Welpenbox stand schon kurz nach seiner Geburt im Gehege seiner Geburtsstätte, damit Michael sich mit dieser vertraut machen konnte. Wir statteten die Box noch bei der Züchterin mit zwei T-Shirts aus, die wir zuvor getragen hatten. Auf diese Weise, so sagt man, gewöhnt sich der Hund schon früh an den Geruch der zukünftigen Besitzer und die Eingewöhnung im neuen Zuhause fällt entsprechend leichter. Der mobile Schlafplatz schlug in der Theorie also zwei Fliegen mit einer Klappe. Michael schien von gut durchdachten Theorien tendenziell wenig zu halten und so wich die praktische Umsetzung vehement vom Plan ab. War der Hund am Tag noch offenherzig und zutraulich gewesen, stieg ihm des Nachts ein wütender Trennungs-Dämon zu Kopfe.

Als wir zu Bett gingen, stellten wir die Box neben unser Bett. Wir unterhielten uns noch eine Weile und Michael fielen vor Erschöpfung die Augen zu. Leise stellten wir das Licht aus und beglückwünschten uns zu unserem putzigen Zuwachs, der die Trennung zu seiner Familie so vorbildlich zu meistern schien. Kaum aber kamen wir zur Ruhe, begann Michael jämmerlich zu wimmern. Zunächst ganz leise, doch innerhalb weniger Minuten entwickelte sich aus dem leisen Weinen ein anhaltend lautes Kreischen. Ich hatte nicht erwartet, dass aus einem solch kleinen Tier ein derart durchdringendes Geräusch schrillen konnte. Ich hatte ebenso nicht damit gerechnet, dass ein Hund überhaupt schreien kann. Es war davon auszugehen, dass die Gläser in den Schränken bersten würden und ich fragte mich allmählich, was wohl unsere Nachbarn denken mochten, die von dem Zuwachs zuweilen noch nichts mitbekommen hatten. Es war erbärmlich und herzzerreißend. Je weiter die Nacht voranschritt, desto öfter wechselten sich wütende Schreie und markerschütterndes Gejammer ab.

Ich stellte mir vor, wie Michael sich wohl fühlen mochte. Von der Familie entrissen, ohne Mama und Papa, ohne Geschwister und ohne alles, was er bis zum damaligen Zeitpunkt gekannt hatte.

Hätte man diesen Augenblick aus der Vogelperspektive gefilmt, hätte man sehen können, wie mein Mann und ich mit weit aufgerissenen Augen in unseren Betthälften lagen und die Decke anstarrten. Ratlos und zutiefst erschüttert.