Mit vier Flügeln - Victoria Blum - E-Book

Mit vier Flügeln E-Book

Victoria Blum

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Beschreibung

Das Buch »Das Leben mit vier Flügeln« schildert die Schicksale zweier Frauen aus geregelten Haushalten, die in eine Abwärtsspirale gekommen sind - aus individuellen Gründen; die soziale Kälte, Isolation und Obdachlosigkeit erlebt hatten. Aufwachsend in einer strengen Gemeinde, mussten sie sich der harten Realität stellen und ihre eigene religiöse Glaubenskenntnisse hinterfragen. Julia, ließ sich nicht entmutigen und schaffte den Weg mit vier Flügeln - mit ihren vier Kindern, in das neue, stabilere Leben zurück, während Noras Leben mitten in Deutschland erlosch. Julia hatte sich bereit erklärt, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, für jene Frauen, die den Mut im Leben verloren haben und nun nach dem Ausweg suchen. Von Anfang an zog mich diese Geschichte an. Sie enthielt so viele tragische und emotionale Details. Und so entstand der Roman »Das Leben mit vier Flügeln«. Ein Roman vom Hinsehen und Wegschauen, vom Lieben und Hoffen.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Victoria Blum

Mit vier Flügeln

© 2022 Victoria Blum

Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer

ISBN Softcover:

ISBN Hardcover:

ISBN E-Book:

ISBN Großschrift:

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Vorwort

Laut dem Ministerium für Familie, Frauen und Jugend, ist jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen. Auch Kinder werden oft in den Familien Gewalterfahrungen ausgesetzt. Die Mehrheit der Frauen wendet sich aus Scham nicht an die Polizei oder an zuständige Behörden.

Das Buch »Das Leben mit vier Flügeln« schildert die Schicksale zweier Frauen aus geregelten Haushalten, die in eine Abwärtsspirale gekommen sind – aus individuellen Gründen; die soziale Kälte, Isolation und Obdachlosigkeit erlebt hatten. Aufwachsend in einer strengen Gemeinde, mussten sie sich der harten Realität stellen und ihre eigene religiöse Glaubenskenntnisse hinterfragen.

Julia, ließ sich nicht entmutigen und schaffte den Weg mit vier Flügeln - mit ihren vier Kindern, in das neue, stabilere Leben zurück, während Noras Leben mitten in Deutschland erlosch.

Julia hatte sich bereit erklärt, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, für jene Frauen, die den Mut im Leben verloren haben und nun nach dem Ausweg suchen.

Von Anfang an zog mich diese Geschichte an. Sie enthielt so viele tragische und emotionale Details. Und so entstand der Roman »Das Leben mit vier Flügeln«.

Ein Roman vom Hinsehen und Wegschauen, vom Lieben und Hoffen.

Kapitel 1

Sibirien, 1990.

Der Wind jagte die Flocken in dichten Schwaden über die Veranda, als Julia die Tür öffnete. Er breitete die Schneeschicht wie das vergessene Gewand der Schneekönigin auf dem Boden aus. Der frostige Wind schlug Julia klar und kalt ins Gesicht und die weiße Decke im Hof war knöcheltief. Die Winter in Sibirien waren immer kalt und windig, aber in diesem Jahr stoben die Schneeböen besonders heftig um das Haus. Julia holte ein paar Holzscheite, huschte rasch wieder hinein und fütterte das Feuer mit weiten Scheiten, damit es nicht ausging.

Gerade als sie sich im Wohnzimmer an den Tisch setzte, um ihre Hausaufgaben zu

erledigen, polterte ihre Schwester herein und stellte sich vor den Spiegel, der an der Wand hing. Sie bürstete ihre Haare, steckte sie hoch und änderte ihre Frisur so lange bis sie zufrieden war.

»Du solltest lieber ein Buch lesen«, sagte Julia.

Nora lachte und drehte sich vor dem Spiegel einmal im Kreis.

»Ach was, ich bin doch keine Leseratte wie du.«

»Ich lese eben gern«, verteidigte sich Julia.

»Und ich mache mich gerne hübsch.«

»Eitelkeit ist eine Sünde, das weißt du doch. Die Ältesten werden dich bestrafen.« Julias Kommentar beeindruckte Nora nicht. Sie strebte nach Schönheit und Abenteuer. Sie wollte leben, ohne sich an die strengen Regeln der geschlossenen religiösen Gemeinschaft halten zu müssen, in der sie lebten. Ihr rebellisches Gemüt führte häufig dazu, dass sie mit den Ältesten regelmäßig aneinander geriet.

»Und was bringt dir dein Wissen?«, warf Nora ein und trat zu ihr an den Tisch. Sie nahm eines von Julias Büchern in die Hand, nur um es gleich darauf nachlässig wieder hinzuwerfen.

»Du wirst es ohnehin nicht gebrauchen können, wenn du nach der Schule, wie alle anderen Frauen, zu Hause sitzen und Näharbeiten erledigen musst. Vielleicht lassen sie dich auf den Feldern schuften. Du weißt, dass es in unserer Gemeinde nicht üblich ist, einen guten Beruf zu erlernen. Üblich ist es, zu heiraten und Arbeiten anzunehmen, die kaum soziale Kontakte mit der Außenwelt zulassen.«

Julia seufzte. Ganz unrecht hatte Nora nicht.

Die Regeln in ihrer Gemeinde und dementsprechend auch in ihrer Familie waren streng. Sie durften weder fernsehen noch an öffentlichen Aktivitäten teilnehmen. Sie durften sich nur regelkonform kleiden, mit langen Röcken und hochgeschlossenen Blusen. Ihre Haare mussten stets zu einem Zopf zusammengebunden sein. Für Vergnügungen hatten sie kaum Zeit.

Für die Neunzigerjahre war es ungewöhnlich, so zurückgezogen zu leben. Viele hätten ihr Leben als langweilig bezeichnet, aber Julia vermisste nichts. Sie kannte kein anderes Leben. Sie lebte schon immer innerhalb der Gemeinde und empfand ihren Alltag als reich und vollkommen. Sie hatte es immer als Pflicht angesehen, bescheiden zu sein und eigentlich fiel es ihr nicht schwer, den Belustigungen des Alltags fernzubleiben. Sie hatte nun mal andere kleine Freuden in ihrem Leben und die reichten ihr völlig aus.

Ihre Schwester Nora war jedoch ganz anders als Julia. Fast schien es, als ob Nora nicht genug vom Leben bekommen könnte und sich beeilte, es voll auszukosten.

Nichtsdestotrotz verstanden sich die beiden blind und standen immer zueinander.

Sie mussten jedoch beide hart arbeiten, so dass ihnen kaum freie Zeit blieb. Zu Hause schleppten sie Holz, kümmerten sich um den Gemüsegarten und die Hühner. Im Winter erledigten sie meist die Näharbeiten. Beide hatten gelernt, gut mit Nadel und Faden umzugehen, und schufen sich so ihre Kleider und sogar ihre Mäntel selbst. Besonders Nora gelang es, sich immer neue Schnitte auszudenken und schöne Kleider zu entwerfen.

Es würde noch eine Weile dauern, bis der Frühling mit einer frischen Brise der Hoffnung kam.

Bald standen die Prüfungen an. Und auch die Arbeit im Garten - das Pflanzen der Kartoffeln und die Aussaat der verschiedenen Gemüsesorten- beanspruchte viel Zeit. Sie hatten einen schönen Garten, in dem Himbeersträucher wuchsen. In ihrem Schatten pflanzten sie Tomaten, Gurken und Zwiebeln und näher am Zaun bunte Dahlien, die im Spätsommer einen betörenden Duft verströmten.

Aber wie immer besuchte Julia regelmäßig die Jugendstunden. Diese dauerten meist zwei Stunden, mit Singen und Lernen, danach ging sie sofort nach Hause. Nora dagegen blieb noch oft länger da.

»Ich will mit den anderen noch ein bisschen plaudern«, erklärte sie.

»Du weißt, wo ich bin«, fügte sie meist hinzu. Und das bedeutete für Julia, dass sie den Eltern die Erklärung abgeben musste, warum Nora nicht mit ihr zurückkam.

Oft entwischte sie der Aufsicht, um mit den anderen Jugendlichen am Fluss zu sitzen, aber diese Begegnungen blieben harmlos, weil fast alle in einem strengen Ehrenkodex erzogen worden waren. Diese kleinen verführerischen Regelbrüche verliehen Noras Leben einen gewissen Anreiz.

Einmal pflückte sie im Sommer Feldblumen und schmückte damit ihre Frisur.

»Sehe ich schön aus?«, fragte Nora ihre Schwester.

»Du weißt, dass solche Eitelkeiten bei uns in der Kirche nicht gerne gesehen werden«, ermahnte Julia sie.

»Ach was!«, antwortete Nora. »Als ob diese zarten Blumen jemanden interessieren würden …«

Sie drehte sich vor dem Spiegel und lachte Julia an. So ging sie in die Kirche und Julia wunderte sich, wie imbefangen und stolz zugleich Nora ihren Kopf hochhielt. Ganz wie eine Frau, die sich ihrer Schönheit und ihrer Lebensfreude bewusst war.

Doch an dem gleichen Tag wurde sie zu den Ältesten der Gemeinde gerufen.

»Bitte nimm die Blumen aus deinem Zopf!«, forderte man sie auf. »Was erlaubst du dir denn?«, fragten sie mit Entsetzen.

Noras Gesichtsfarbe wechselte abrupt von Weiß zu Rot, aber sie blieb still. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die zarten Pflanzen aus ihren Haaren zu entfernen und sich von ihrem Traum zu verabschieden, sich wie eine elegante Frau zu fühlen. Die Blumen ließen ihre Köpfchen schnell hängen. Nora hatte sie jedoch nicht weggeschmissen, sondern zu Hause in eine flache Schale gelegt, die sie mit Wasser befüllte. Die zarte pflanzliche Schönheit sollte weiter aufbewahrt werden, war nun ihr Motto.

Das Ausbrechen und das Ausleben der Gefühle bei Nora hatte etwas Frühlingshaftes, ein frischer Wind in ihrem Leben, sozusagen.

Deswegen wunderte sich Julia nicht, als Nora manchmal nach den Jugendstunden nicht nach Hause mitkam, sondern mit ein paar Freunden ins Freie ging. Nora fiel es leichter, die Regeln zu brechen, das Leben in allen Facetten zu genießen. Sie schaffte es immer, aus der Reihe zu tanzen und anders als andere junge Frauen in ihrer Gemeinde zu sein. Sie hatte etwas Unbeschwertes in sich, was sich jedoch mit dem praktischen Alltagsleben bis dahin gut vertrug.

Zudem war sie stur. Schon als Kind war sie so.

Julia konnte sich noch an einen Vorfall erinnern, als Nora als fünfjähriges Mädchen wegen eines fehlerhaften Benehmens von der Mutter in eine Ecke geschickt worden war. Diese Art der Strafe war in Sibirien damals keine ungewöhnliche Praxis.

»Und hier bleibst du die ganze Nacht stehen!«, schimpfte ihre Mutter. Nach einer Stunde wurde sie jedoch milder und erlaubte Nora, die Ecke des Zimmers zu verlassen und ins Bett zu gehen.

»Nein, ich tue ich nicht«, antwortete Nora stur. »Du hast gesagt, ich muss hier die ganze Nacht stehen bleiben, also bleibe ich!«

Vergeblich versuchte die Mutter, sich bei Nora zu entschuldigen, diese blieb jedoch auf ihrem Posten stehen. Ihre Mutter ging schlafen, in der Hoffnung, dass Nora ihre Ecke verlasen und ins Bett gehen würde, wenn sie nicht mehr im Zimmer war. Aber Nora ging nicht ins Bett. Stattdessen rollte sie sich zu einem Knäuel auf dem Boden zusammen und schlief ein. Julia ging zu ihr, brachte ihr eine Decke, deckte sie zu und schob danach noch ein Kissen unter ihren Kopf. Dann hatte sie kurz überlegt, ihr Kissen und ihre Decke genommen und sich neben ihrer Schwester auf dem Boden platziert.

Morgen früh fand die Mutter ihre beiden Töchter fest umschlungen auf dem Boden in der Ecke schlafend. Seitdem passte sie sehr darauf, was und in welchem Ton sie zu Nora sagte: Man wusste nie, was ihre ältere Tochter als Nächstes anstellen würde.

So rebellisch und eigensinnig blieb Nora bis ins Erwachsenenalter hin. Aber sie machte Erfahrungen, dass ihre Eigensinnigkeit und Sturheit ihr auch manchmal halfen.

So zum Beispiel im Sportunterricht in der sechsten Klasse: alle Schüler mussten mit Hilfe des so genannten »Ziegenbockes« in die Höhe springen. Nora wollte unbedingt eine sehr gute Note. Sie sprang und sprang, aber sie schaffte keinen perfekten Sprung. Alle Schüler gingen schon nach Hause und Nora blieb und versuchte es wieder und wieder. Bis die Lehrerin ihr eine gute Note gab und zu ihr sagte: »Das ist nur eine Ausnahme, aber nicht für deine sportlichen Leistungen, sondern eher für deinen Ehrgeiz und deinen Willen.«

Nora hatte geschafft, was sie schaffen wollte: sie bekam eine sehr gute Note im Sportunterricht. Aber viel mehr wurde sie um eine Erfahrung reicher, dass wenn man etwas nicht auf direktem Wege schafft, könne man Umwege nehmen und vielleicht gewinnen.

«Aber ich weiß nicht, ob ich mich für die Note so richtig freuen kann. Das Gefühl, diese Note nicht korrekter Weise bekommen zu haben, flößt mir ein schlechtes Gewissen ein«, offenbarte sie ihrer Schwester.

»Ja, das war nicht ganz fair gegenüber den anderen«, antwortete Julia. »Vergiss es, aber mache es nicht mehr wieder«, flehte sie ihre Schwester an.

Und Nora versprach, nie mehr die Umwege im Leben zu nehmen.

Julia dagegen war sehr vorsichtig, ehe sie Entscheidungen traf. Ein Ereignis brachte sie dazu, überlegte Schritte zu tun. Es war, als sie acht Jahre alt war.

»Lass uns in den Wald gehen und Verstecken spielen«, schlug Nora damals vor. Die Kinder fanden diese Idee wohl gut. Mehrere Kinder hatten sich versammelt und sind in den Wald aus gebrochen. Sie entfernten sich weiter und weiter voneinander, bis die achtjährige Julia verloren gegangen war. Plötzlich hatte sie sich mitten im Wald alleine befunden.

Sie versuchte, nach Hilfe zu rufen, doch vergeblich. Niemand hörte sie. Damals konnte sie noch nicht vom Stand der Sonne ablesen, in welche Richtung man sich bewegen sollte, der Wald war ihr noch nicht vertraut. Deswegen ging sie in die völlig verkehrte Richtung, tiefer und tiefer in den Wald, bis die Dunkelheit anbrach. Zu Hause hatte man schon mit der Suche angefangen. Mehrere Erwachsene hatten sich mit Taschenlampen versammelt und den Wald durchforstet. Nora hatte man ins Bett bringen wollen, aber sie hatte sich durchgesetzt, sie wollte bei der Suche mithelfen, würde aber in der Nähe eines Erwachsenen bleiben. Also hatte sie sich bei der Suche beteiligen dürfen, was sie auch tapfer gemacht hatte. Später erzählte sie ihrer Schwester, dass sie in sich gefühlt hatte, wie verzweifelt nun Julia sein musste, frierend, allein im Dunklen. Sie hatte inständig gehofft, dass Julia die Hoffnung nicht verliert, gefunden zu werden.

Julia lag indes verkrümmt im Gebüsch. Sie atmete den erdigen Duft ein, den der Wald verströmte. Sie hatte die Hoffnung tatsächlich nicht verloren. Sie stellte sich vor, dass diese Hoffnung wie eine Taschenlampe in ihrem Herz ist, die leuchtet. Diese Vorstellung half, nicht den Verstand zu verlieren. Nachts wurde das Wild im Wald wach und Julia konnte Wölfe und Füchse neben sich hören. Tagsüber war es ruhiger und in der zweiten Nacht hatte sie die Tiere kaum mehr wahrgenommen. Irgendwann verlor sie an Kräften, war total erfroren und ging nicht mehr weiter. Hatte die Kraftlosigkeit ihr vielleicht das Leben gerettet? Sie wurde dann beim Anbruch des dritten Tages von ihrer eigenen Schwester Nora entdeckt. Nora schüttelte plötzlich an ihren Schultern und rief ganz laut: »Sie ist hier! Ich habe sie gefunden!«

Später trug man Julia nach Hause, rieb man Essig an die Haut, um sie warm zu halten. Nora blieb stundenlang an Julias Bett sitzen und erzählte ihr lustige Geschichten, reichte ihr warmen Tee mit Marmelade und kümmerte sich liebevoll um sie.

Nach diesem Ereignis wurde Julia sehr vorsichtig, sie war kein Abenteuerkind mehr. Es war daher nicht verwunderlich, dass sie vorzog, ihrer Schwester die wichtigste Entscheidungen zu überlassen und sich in ihrem Schatten zu befinden.

2 Kapitel

Eines Tages wartete sie bis tief in die Nacht, aber Nora tauchte nicht auf.

»Wo bleibt sie denn?«, fragte sich Julia. »Jetzt kommt sie auch nachts nicht mehr nach Hause!«, dachte sie mit Entsetzen.

Mittlerweile machte sie sich Sorgen, dass ihre Eltern Noras Fernbleiben bemerken würden. Ihnen war nicht bewusst, wie weit ihre streng erzogene Tochter gehen könnte. Außerdem lag das Zimmer der beiden Schwester etwas abseits und sie waren davon ausgegangen, dass Nora schon im Bett lag, als sie sich in ihr Zimmer begaben. Julia starrte aus dem Fenster. Die Dunkelheit besaß etwas Faszinierendes. Doch nachdem sie sich wieder wieder ins Bett gelegt hatte, wälzte sich hin und her. An Schlaf war nicht zu denken. Sie stand wieder auf, lief leise in die Küche und drehte den Herd an. Sie stellte den Teekessel auf die tanzende Flamme. Das schrille Pfeifen des Teekessels holte sie aus ihrer Gedankenwelt heraus. Julia gab den losen schwarzen Tee in ihre Tasse und überschüttete ihn mit dem heißem Wasser. Sie nahm die heiße Tasse in ihre Hände und stellte sich an das Fenster. Wo steckte Nora? Wieder schaute sie nach oben zu den Sternen im Himmel. Sie wartete und wartete … Wie lange sie da stand, konnte sie nicht sagen, doch irgendwann lief sie zurück in ihr Zimmer und legte sich wieder in ihr Bett. Allmählich überkam sie die Angst, dass ihrer Schwester allerlei Dummheiten anstellen könnte. Das könnte sie ihr zumuten, das passierte häufig in letzter Zeit.

Plötzlich hörte sie ein Geräusch vom Fenster. Noras Gesicht erschien im selben Augenblick. Sie öffnete den hölzernen Fensterrahmen und stieg in das Zimmer ein. Es war ihre Lieblingsart, das Haus zu betreten. Auf diese Weise bekamen ihre Eltern nicht mit, wann sie nach Hause kam.

»Du weißt gar nicht, wie schön es war«, flüsterte Nora ihr zu. »Wir saßen am Fluss und hatten ein Lagerfeuer angezündet. Die Jungs haben Gitarre gespielt … Und dann bin ich mit Viktor spazieren gegangen. Er hat mich geküsst.«

Nora teilte ihre Geheimnisse immer mit ihrer Schwester.

»Können wir morgen reden?«, fragte Julia. »Ich bin müde und will schlafen!«

Sie wollte nicht schlafen, sie wollte ihrer Schwester einfach nicht zuhören. Sie schämte sich dafür, was Nora ihr erzählte. Sie verkroch sich unter ihrer Decke und wusste nicht, wie sie auf Noras Offenbarung reagieren sollte. Julia war diejenige, die ihre Gefühle eher bei sich behielt, während Nora alles sofort in die Welt hinausposaunte. Deswegen fühlte sie sich durch Noras Offenheit etwas unbehaglich. Sie wusste, Nora im Gegenzug würde ihre Geheimnisse nicht bei sich behalten können. Außerdem hatte sie ohnehin noch keine Erfahrungen mit Liebesgefühlen gemacht.

»Bevor du jemandem etwas erzählen willst, erzähle es lieber mir, versprochen?«, bat

sie Nora leise.

Julia lag noch lange wach und starrte die Decke an. Sie hatte das Gefühl, dass ein aufregendes Leben an ihr vorbei zog, und sie bloß Zuschauerin war. Sie sah den Protagonisten nur durch eine Gardine zu. Und wie aus dem Nichts machte sich eine Sehnsucht bemerkbar, die sie nicht erwartet hatte, nach etwas oder jemandem, den sie nicht benennen konnte.

Doch nach dem Aufwachen verflog ihre Sehnsucht, als sie einen Knutschfleck an Noras Hals erhaschen konnte.

»Warum schaust du mich so an?«, fragte Nora, als sie Julias Gesichtsausdruck sah.

»Ist etwas mit mir nicht in Ordnung?«

Sie lief zum Spiegel und wollte sich vergewissern, dass ihr Haar ordentlich gebunden und ihre Kleidung weder zu eng noch zu kurz war.

»O, nein!«

Julia konnte ein Wechselbad der Gefühle im Gesicht ihrer Schwester erkennen. Angst, Verzweiflung, und vielleicht auch Scham.

»Ich kann so doch nicht zur Arbeit gehen!«, beschwerte sie sich. »Wenn jemand anderes mich sehen würde, würde man mich aus der Kirche werfen.«