Mit Weite im Herzen - Ronja Erb - E-Book

Mit Weite im Herzen E-Book

Ronja Erb

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Beschreibung

Nach dem Unfalltod drei ihrer liebsten Menschen entscheidet sich Helen, einen Neuanfang zu wagen und nach Namibia auszuwandern. Unter ungewöhnlichen Umständen bringt sie dort einen Sohn zur Welt und lernt dabei den taubstummen Jungen Kormoran kennen. Ihn verliert sie zwar bald aus den Augen, jedoch nicht aus dem Sinn. Zunächst eingenommen von ihrem jungen Mutterglück, sucht sie nicht weiter nach Kormoran. Zudem kommen erste Schwierigkeiten auf: Beim Kauf ihres Hauses stellt Helen fest, dass sie alte Wunden aus der Geschichte der Namibier aufreißt. Zum Glück gibt es Heinrich, einen Wanderarbeiter, der Helen hilft, in Namibia richtig Fuß zu fassen und auch Kormoran wiederzufinden. Zwischen Heinrich und Helen entwickelt sich eine tiefe Liebe, die es Helen ermöglicht, Altes zu überwinden und Neues zu beginnen. Dieser Roman ist eine Hommage an Namibia und seine wundervollen Menschen.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ronja Erb

Mit Weite im Herzen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Zwölf Monate war der Unfall her, zwölf Monate, vier Tage und drei Stunden. Ich konnte mich noch ganz genau daran erinnern, wie es an der Haustür klingelte und einer der beiden Polizeibeamten, die vor der Tür gestanden hatten, fragte: „Spreche ich mit Frau Kramm?“ Ich hatte das bejaht, einen Schritt zur Seite gemacht und beide eintreten lassen. 

Der ältere der beiden Polizeibeamten hatte auf den Esstisch gedeutet, der vom Flur aus zu sehen war, und gefragt, ob wir uns setzen können. Ich hatte auch das bejaht und war ihm zu dem Tisch gefolgt, ganz so, als würde er hier wohnen und nicht ich. Mit bewegter, aber dennoch fester Stimme hatte er dann gesagt: „Wir müssen Ihnen mitteilen, dass Ihr Mann Rolf heute Morgen bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Sein Auto ist von der Fahrbahn abgekommen und hat sich überschlagen. Im Auto saßen noch zwei weitere Personen, auch sie sind bei dem Unfall tödlich verunglückt.“ Fassungslos hatte ich die Polizeibeamten angestarrt, unfähig ein Wort zu sagen. 

Rolf hatte meine Eltern in Konstanz abgeholt, wo die beiden zwei Wochen Urlaub gemacht hatten. Wir hatten geplant, alle gemeinsam das Wochenende in Hamburg zu verbringen. Rolf war geschäftlich in Zürich gewesen und hatte angeboten, meine Eltern auf dem Rückweg mitzubringen. Es war viel zu weit, mit dem Auto von Zürich nach Hamburg zu fahren. Wir hatten oft darüber diskutiert, warum er immer mit dem Auto und nie mit dem Zug fuhr. 

„Wissen Sie, um wen es sich bei den beiden anderen Personen gehandelt haben könnte?“, mit dieser Frage hatte das erste Mal der jüngere Polizeibeamte das Wort ergriffen. „Das sind meine Eltern, Cornelia und Klaus Schöndorf“, hatte ich geantwortet. Der Polizeibeamte hatte genickt und sich dann in einem kleinen Buch einige Notizen gemacht. Er hatte noch mehrere Fragen gestellt, sich wieder Notizen gemacht, ein Telefonat geführt und anschließend gesagt: „Alles Weitere hat dann noch Zeit. Ich denke, Sie sollten sich erst einmal etwas sammeln.“

„Sie gehen doch jetzt nicht?“, hatte ich mit panischer Stimme gefragt, voller Angst davor, dass sie mich alleine lassen würden.

„Wir gehen erst, wenn ein Mitarbeiter vom Roten Kreuz eingetroffen ist, der so lange bei Ihnen bleiben wird, bis jemand von Ihrer Familie oder Ihren Freunden hier ist, der sich um Sie kümmern kann. Der Seelsorger, der die Angehörigen betreut, ist bereits verständigt und wird gleich eintreffen“, hatte er geantwortet. Das Wort „Angehörige“ hatte in meinem Kopf widergehallt, und Tränen waren mir über das Gesicht gelaufen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich nichts mehr richtig wahrgenommen. Ich habe mich selbst nicht mehr gefühlt. 

Das erste Jahr nach dem Unfall habe ich lediglich körperlich existiert. Jede meiner Handlungen habe ich mechanisch verrichtet. Selbst die Bewältigung alltäglicher Dinge hat mich große Überwindung gekostet und eine enorme Kraftanstrengung dargestellt. 

Rückblickend frage ich mich, wie ich diese Zeit, die mir so schwer und hoffnungslos erschienen war, überhaupt überlebt habe. 

Kapitel 1

Ich war glücklich, überglücklich. Das Gefühl durchströmte meinen ganzen Körper, wie eine Welle nahm es Besitz von mir. Warm fühlte es sich an, ganz warm. Auf einmal überlagerte das Glücksgefühl die Trauer. Ich schämte mich fast dafür. Der Tag, an dem ich dieses unglaublich starke Glücksgefühl verspürte und an dem sich alles geändert zu haben schien, war kein besonderer Tag. Ich dachte darüber nach, was der Grund für meine Freude war, konnte aber nichts Konkretes ausmachen. Ich versuchte, mir meine Frage mit logischen Argumenten zu beantworten. Das Trauerjahr war nun vorbei. War es genau deshalb ein Trauerjahr, weil man sich nach dem Durchleben der vier Jahreszeiten wieder besser fühlt? Hilft das, den Schmerz zu heilen? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich mich plötzlich wieder froh fühlte. Ich hatte sogar den Eindruck, es sei mir noch nie in meinem Leben so leicht ums Herz gewesen wie in diesem Augenblick. Ich lachte aus voller Kehle und konnte gar nicht wieder aufhören. So viele Tränen waren in den letzten Monaten über meine Wangen geflossen, zäh und schwer wie Teer hatten sie sich angefühlt, aber nun waren es zum ersten Mal wieder Freudentränen. 

Das, was meinem Leben in dieser schweren Zeit am meisten Halt gegeben hatte, war meine Arbeit als Bauzeichnerin in einem kleinen Hamburger Architektenbüro gewesen. Meine Kollegen haben mich nach dem Unfall mit ihrem Verständnis unterstützt und oft versucht, mich von meiner Trauer abzulenken oder sogar aufzuheitern. Ich habe dann zwar gelächelt, aber sobald keiner mehr hingesehen hat, habe ich dieses Lächeln fallen lassen, als würde ich eine Maske absetzen.

Man hatte mir angeboten, für eine Weile auszusetzen. Ich könne mir Urlaub nehmen, solange ich wolle, hatte mein Chef gesagt. Doch das wollte ich nicht. Was hätte ich alleine zu Hause machen sollen? Noch weiter in meiner Trauer versinken, mich noch einsamer fühlen, als ich mich ohnehin schon fühlte? Mein Chef hatte vorgeschlagen, dass ich verreisen könne, mal ganz abschalten, auf neue Gedanken kommen. 

Verreisen? Was hatte er sich bei diesem Vorschlag gedacht? Hätte ich alleine an einer Strandbar sitzen und mich dabei an die Urlaube mit Rolf erinnern sollen? Früher war mir die Idee, alleine in den Urlaub zu fahren, immer spannend vorgekommen, als ein Ausdruck ultimativer Freiheit und Unabhängigkeit. Gemacht habe ich das dann aber nie. Nach dem Unfall ist es mir absurd vorgekommen, alleine zu verreisen, nämlich als Ausdruck unendlicher Einsamkeit. 

Alles, was ich wollte, war, das bisschen Alltag zu erhalten, das noch geblieben war. Also war ich weiterhin ins Büro gegangen, auch wenn ich dort anfangs nicht in der Lage gewesen war, meine Arbeit zu erledigen. Aber meine Kollegen haben mich unterstützt, wo es nur ging, und so habe ich es dann doch nach und nach geschafft, wieder Aufgaben zu übernehmen. All die gut gemeinten Versuche meiner Kollegen, auf mich einzugehen, haben mich aber oft noch trauriger gemacht oder gar befremdlich auf mich gewirkt. An manchen Tagen habe ich das ganz intensiv gespürt. Es sind die Tage gewesen, an denen ich überzeugt war, nach der Arbeit nach Hause zurückzukommen und Rolf dort anzutreffen. So, als wäre alles nur ein böser Traum gewesen, aus dem man erwachen könnte.

Erwacht, zumindest in gewissem Sinn, war ich jetzt. Das befreiende Lachen schien der Beginn des Endes meiner monatelangen Trauer zu sein. Wo waren all die Schrecken geblieben, die vielen Tage, in denen ich mich vom Leben überfordert gefühlt habe, und die dunklen, nicht enden wollenden Nächte? Ich hatte den Eindruck, dass sich all das auf einmal aufgelöst hatte, wie Eis in der Sonne geschmolzen war, dabei schien heute nicht mal die Sonne. Ganz im Gegenteil, es war ein grauer Novembertag. Es war kein Tag, von dem man glaubt, dass er einem einen solchen Gefühlswandel beschert. Ich beschloss, mich dieser neu gewonnenen Leichtigkeit hinzugeben. Ich wollte das Leben wieder genießen und mich nicht fragen, ob ich nach diesem Schicksalsschlag überhaupt noch das Recht dazu hatte. Das war ich mir schuldig, mir und dem Baby, das in meinem Bauch heranwuchs.

Rolf war ein Mann, den man als gute Partie bezeichnen würde. Wir hatten uns damals Hals über Kopf ineinander verliebt, als wir uns nach einem Vortragsabend beim anschließenden Sektempfang kennengelernt haben. Schon nach den ersten Sätzen, die wir miteinander wechselten, hatte es zwischen uns angefangen zu knistern. Rolf hatte in Gengenbach, einer kleinen Stadt im Schwarzwald, in der ich aufgewachsen bin, einen Vortrag gehalten, und ich hatte mir den damals schon in seinem Fachgebiet bekannten Experten nicht entgehen lassen wollen, da das Vortragsthema zu meiner soeben begonnenen Ausbildung als Bauzeichnerin passte. 

Nach dem ersten Kennenlernen waren ein paar Verabredungen gefolgt, und schon nach kurzer Zeit waren wir ein Paar. Mein Vater war hochzufrieden gewesen, als ich ihm das erzählte. In seinen Augen hatte ich mir nun endlich einen vernünftigen Mann ausgesucht, einen erfolgreichen Architekten, wie er gern betonte. Für meine vorherigen Freunde hatte er nur zynische Bemerkungen übriggehabt. Sie waren alle nicht das gewesen, was er sich für seine Tochter vorgestellt hatte. 

Nach Abschluss meiner Ausbildung haben Rolf und ich geheiratet. Kurz nach der Hochzeit hatte Rolf vorgeschlagen, nach Hamburg umzuziehen. Er hatte dort eine Stelle als Assistenzprofessor an der Universität angeboten bekommen. Ich war einverstanden gewesen und so hatten wir unsere Wohnung in Offenburg, wo wir gemeinsam gewohnt hatten, aufgelöst und waren nach Hamburg gezogen.

Die erste Zeit in Hamburg war für Rolf und mich unbeschwert und glücklich verlaufen. Wir unternahmen Wochenendausflüge ans Meer, machten lange Spaziergänge und liebten uns in den Dünen. Auch eine Anstellung hatte ich schnell gefunden, und die Arbeit hatte mir großen Spaß gemacht.

Nur neue Kontakte hatten sich nicht so zahlreich ergeben, wie ich mir das erhofft hatte. Letztlich hatte sich in der ganzen Zeit nur eine richtige Freundschaft entwickelt – mit Lars. Wir hatten uns eines Nachmittags in einem Café in der Innenstadt kennengelernt. Ich hatte dort Zeitung lesend an einem großen Tisch gesessen. Da alle anderen Tische belegt gewesen waren, hatte er sich zu mir gesetzt. Nachdem wir beide eine ganze Weile, jeder an seinem Tischende, schweigend und in unsere Zeitungen vertieft dagesessen hatten, waren wir über einen Witz des Kellners ins Gespräch gekommen. 

Lars war in den letzten Jahren zu einem guten Freund geworden. Er war anfangs wohl etwas verliebt in mich gewesen, hatte sich das aber nicht wirklich anmerken lassen. Es war gerade so viel gewesen, dass ich mich dadurch geschmeichelt fühlte, es aber unserer Freundschaft nicht im Wege stand. Vielleicht war ich auch ein wenig in ihn verliebt gewesen. Ich habe mir diese Frage aber nie ernsthaft gestellt, denn ich war mit Rolf so glücklich, dass mein Herz ohne jeden Zweifel ihm gehörte. Die Gefühle für Lars waren, wenn überhaupt, nur eine Schwärmerei gewesen. 

Wie stark die Freundschaft mit Lars bereits war, habe ich nach dem Tod von Rolf und meinen Eltern gespürt. Lars stand mir in dieser Zeit zur Seite wie kein anderer. Er war es letztlich auch, der sich nach dem Unfall um alles kümmerte, der alle Formalitäten regelte, zu denen ich aufgrund meiner Niedergeschlagenheit und Erschöpfung nicht in der Lage war. Er hielt mich im Arm und beruhigte mich, wenn mich wieder und wieder Weinkrämpfe überfielen. 

Die Trauer hatte mich an so vielen Orten überwältigt. Überall waren Erinnerungen an das Leben mit Rolf. Wir hatten zwar erst drei Jahre in Hamburg gelebt, aber es fühlte sich an, als wäre Rolf dort nach seinem Tod präsenter als zuvor. Ich sah ihn winkend die Straße mit dem Fahrrad hochfahren. Oder ich sah ihn mit einem Blumenstrauß hinter dem Rücken um die Ecke kommen, so wie an unserem ersten Hochzeitstag. Hunderte solcher kleinen Szenen sind in meinem Kopf gekreist, und sie sind mir täglich wieder begegnet. 

So schwierig es für mich nach dem Unfall auch gewesen ist, in Hamburg zu sein, so hat es mir in Bezug auf die Trauer um meine Eltern geholfen. Wir lebten ja schon lange nicht mehr zusammen, und in Hamburg waren sie nur zwei Mal zu Besuch gewesen. Daher gab es auch nicht so viel, was mich im Alltag an sie erinnerte. Um schmerzenden Erinnerungen an meine Eltern aus dem Weg zu gehen, war ich nach ihrem Tod auch nur ein einziges Mal in ihr Haus in Gengenbach gefahren. Erst hatte ich gar nicht hinfahren wollen. Der Gedanke, das Haus leer vorzufinden, war mir unerträglich erschienen, aber Lars überzeugte mich davon, dass es nötig war, um einige Dinge zu regeln, und so fuhren wir zusammen hin. Im Haus war es sehr still, trotzdem machte es den Eindruck, als hätte es gerade erst jemand verlassen, um nur schnell zum Einkaufen zu gehen. 

Beim Reingehen ins Haus war ich über eine halb gefüllte Gießkanne gestolpert, die neben einem großen Blumenkübel im Flur stand. Das Wasser ergoss sich auf die Fliesen, und ich war in die Küche gegangen, um einen Lappen zu holen. Lars half mir dabei, das Wasser aufzuwischen, anschließend schüttelte er die Gießkanne kurz, um zu prüfen, ob noch Wasser drin war, und goss das restliche Wasser in den Blumentopf. Wir sahen uns an und dachten wohl dasselbe. Nach einigen Sekunden des Schweigens sagte ich: „Das Orangenbäumchen haben meine Eltern vor sechs Jahren aus einem Urlaub in Sizilien mitgebracht und mühselig hochgezogen.“

„Willst du es mitnehmen?“, hatte Lars gefragt. 

„Nein, das möchte ich nicht. Der Orangenbaum ist zwar wunderschön, aber er muss im Sommer draußen stehen und im Winter einen hellen und kühlen Platz haben. Das kann ich ihm in meiner Stadtwohnung nicht bieten. Er muss mit dem Räumungsverkauf entsorgt werden.“ Während ich das sagte, hatte ich mich umgesehen und versucht, mir vorzustellen, wie das Haus aussah, wenn alle Zimmer ausgeräumt waren. Ein kalter Schauer war mir dabei über den Rücken gelaufen. Das Gefühl von Zuhause und Beschütztsein, das das Haus immer verströmt hatte, war verschwunden. 

Lars hatte mich aufgefordert, alles einzupacken, was ich behalten wollte und also nicht entsorgt werden sollte. Lange war ich schweigend durch die Räume gegangen und hatte anschließend fünf Kartons gefüllt. 

Als ich mich nach meinem plötzlichen Lachanfall wieder etwas gesammelt hatte, stieg ich aus dem Bett und holte das Backblech in Herzform aus dem Küchenschrank. Meine Mutter hatte darin oft Kuchen für mich gebacken, und die Kuchenform war eine der Dinge gewesen, die ich aus dem Haus meiner Eltern mitgenommen hatte. Ich fragte mich, ob ich auch mal damit für mein Kind Kuchen backen würde, für dieses Kind in meinem Bauch. In der achten Woche musste ich sein. Ganz genau wusste ich das aber nicht. Meine Periode war seit dem Unfall nicht mehr regelmäßig gekommen, daher hatte ich zunächst auch gar nicht bemerkt, dass ich schwanger war. Da wuchs nun ein Kind in mir heran, und ich fragte mich, ob das der Grund für meine wiedergefundene Lebensfreude war. Doch ich verneinte das, denn bis jetzt hatte ich die Schwangerschaft gar nicht richtig wahrgenommen. 

Nachdem mein Frauenarzt mir die Schwangerschaft vor zwei Wochen bestätigt hatte, war ich nach Hause gegangen, als hätte er mir gesagt, dass ich eine Grippe habe. Ich hatte mich irgendwie unbeteiligt gefühlt, so wie ich mich seit dem Unfall an meinem ganzen Leben unbeteiligt gefühlt habe. Wenn ich auch sofort wusste, wer der Vater war und an welchem Abend – dem einzig möglichen – es passiert sein musste, so war alles bislang abstrakt geblieben. Doch jetzt, wo das Korsett der Trauer, das mir in den letzten Monaten jeden Atemzug schwer gemacht hatte, von mir abgefallen war, war ich gewillt, mich auf das Kind einzulassen.

Kapitel 2

Ich zog Bilanz. Ich war einunddreißig Jahre alt, schwanger, ohne Mann und Eltern, und lebte in einer Stadt, in der ich mich nicht mehr wohlfühlte. Ich fragte mich, was ich tun sollte, und begriff zum ersten Mal seit dem Unfall, dass eine Zukunft vor mir lag, ein Leben, das erst zum Teil gelebt war, und mich heute mit allem Nachdruck daran erinnerte, dass es gelebt werden wollte. Aber was sollte ich mit den kommenden Jahren anfangen? Im vergangenen Jahr war mir Zeit als eine sich zäh dahinziehende Masse erschienen, die sich so schwer durchschreiten ließ wie ein Sumpf. Nun stellte Zeit jedoch auf einmal wieder etwas Positives dar. 

Ich überlegte, was mich in Hamburg hielt. 

Nicht viel, war die Antwort. Es schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich eventuell wegen des Vaters meines Kindes hierbleiben sollte. Oder sollte ich ihn lieber nur „Erzeuger“ nennen? Denn ich hatte ihm bisher nichts von der Schwangerschaft erzählt und hatte auch nicht vor, das zu tun. 

Was hielt mich sonst noch in Hamburg? 

Die Arbeit war es auch nicht. Nachdem im Büro ein neuer Chef die Leitung übernommen hatte, wehte ein rauer Wind durch die Büroräume und unter den Kollegen war die Stimmung angespannt. Das gute Arbeitsklima, das bislang geherrscht hatte, gehörte der Vergangenheit an. Mein neuer Chef hatte auch kein Verständnis für meine mangelnde Konzentration bei der Arbeit und mein Zuspätkommen, wenn ich mal wieder eine Nacht durchgeweint hatte und erst in den frühen Morgenstunden in einen tiefen, bleiernen Schlaf gefallen war und den Wecker überhört hatte. 

Wenn ich aber nicht hierbleiben wollte, wo sollte ich dann hin? Ich stand auf und stellte mich vor die Weltkarte, die in Rolfs Arbeitszimmer an der Wand hing. Sein Arbeitszimmer hatte ich seit seinem Tod nur selten betreten. Ein Mal hatte ich den Entschluss gefasst, es auszuräumen, hatte dann aber, nachdem ich die ersten Stapel Bücher aus dem Regal gezogen hatte, alles wieder zurückgestellt. Seit Rolf dabei gewesen war, seine Habilitation zu schreiben, hatte sich sein Arbeitszimmer mehr und mehr mit Büchern gefüllt, und einige lagen noch aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch, so als hätte er gerade erst darin gelesen. Er, der erfolgreiche Architekt, der seine Visionen an die Studenten weitergegeben hat. Ich habe ihn dafür bewundert. Er hatte in allem, was er getan hat, so sicher gewirkt, und ich hatte mich, nicht nur weil ich sehr viel jünger war als er, oft wie ein kleines Mädchen an seiner Seite gefühlt. Er, der nicht mehr altern würde, der für immer zweiundvierzig Jahre alt blieb. Der Gedanke, dass ich eines Tages älter sein würde als er, kam mir komisch vor. Auf einmal fand ich es schade, dass es kein Grab gab, an das ich treten konnte, dann, wenn ich mal älter sein würde als er, und zu ihm sagen könnte: „Schau, was für ein großes Mädchen aus mir geworden ist.“ 

Rolfs Asche ist im Meer verstreut worden, so hatte er es sich gewünscht. Das hatte er mir auf einem Bootsauflug nach Norderney gesagt. Es war einer der ersten Ausflüge gewesen, die wir machten, nachdem wir nach Hamburg gezogen waren. „Wenn ich mal sterbe, dann möchte ich, dass hier meine Asche verstreut wird“, hatte er fröhlich gesagt. Damals war uns das noch so weit weg vorgekommen, dass wir heiter und ohne Schwere darüber reden konnten. 

So hatten wir, Lars und ich, es dann auch gemacht. Besser gesagt, es war Lars gewesen, der alles für die Seebestattung organisiert hatte. Wir und einige Freunde von Rolf sowie eine Tante von ihm waren dabei gewesen. Rolf ist als Adoptivkind aufgewachsen, doch das Verhältnis zu seinen Adoptiveltern ist nach einem Familienstreit äußerst angespannt gewesen. Seine Eltern sind nicht mal zu unserer Hochzeit gekommen. 

Lars hatte Rolfs Eltern angeschrieben, um ihnen den Termin der Beerdigung mitzuteilen. Als Antwort hatten sie nur eine Beileidskarte geschickt, auf der sie sich dafür entschuldigten, nicht kommen zu können. 

Sicher auch wegen des schlechten Verhältnisses zu seinem Adoptivvater war Rolfs Verhältnis zu meinem Vater besonders eng gewesen. Mein Vater, der vor seiner Pensionierung auch Architekt gewesen war, hatte in Rolf den idealen Gesprächspartner gefunden. Meine Mutter hat dazu die perfekte Ergänzung abgegeben, indem sie die beiden liebevoll mit Kaffee und kleinen Leckereien umsorgte, während sie in ihre stundenlangen Diskussionen vertieft waren. Mein Vater hatte in Rolf den Sohn gefunden, den er sich immer gewünscht hat. Bei aller Liebe zu mir, hätte er immer auch noch einen Sohn haben wollen. Meine Mutter hat nach meiner Geburt ein Kind verloren und anschließend nie wieder den Versuch unternommen, schwanger zu werden. Mein Vater war sich damals sicher, dass es ein Junge war, obwohl das gar nicht untersucht worden war, und hat diesem „Sohn“ immer nachgetrauert. 

Während Rolf und mein Vater in ihre Gespräche vertieft waren, habe ich mit meiner Mutter in der Küche gestanden und mich mit ihr unterhalten. Auch wenn ich es zuweilen gehasst habe, dass die beiden nachmittagelang diskutiert und geraucht haben, bis blaue Rauchschwaden durch die Ritzen der verschlossenen Zimmertür drangen, war ich doch dankbar für die Möglichkeit, viel Zeit mit meiner Mutter verbringen zu können. Zwischen uns war dadurch wieder eine große Nähe entstanden, die wir so, nachdem ich als junge Frau von zu Hause ausgezogen war, nicht mehr gehabt hatten. 

Als ich jetzt in Rolfs Arbeitszimmer stand, in den aufgeschlagenen Büchern blätterte und sie dann alle zuklappte und der Staub durch den Raum wirbelte, hatte ich plötzlich das Gefühl eines totalen Neubeginns. So als würde man auf einem Brettspiel die Spielfiguren wieder an den Startpunkt stellen und den Würfel für eine neue Partie werfen. Anstatt eines Würfels nahm ich den Dartpfeil, der in der Weltkarte steckte, die an der Wand hing, und warf den Pfeil auf die Karte. Rolf und ich hatten das aus Jux so gemacht, wenn wir eine Reise unternehmen wollten. Nur ein Mal waren wir dann auch tatsächlich dorthin gefahren, wo der Pfeil getroffen hatte. Es war eine Chinareise gewesen, das war in unserem zweiten gemeinsamen Jahr. Damals hatte die Weltkarte noch in Rolfs Wohnung in Offenburg gehangen. 

Die Karte hatte bereits viele winzige kleine Löcher, doch wo jetzt der nächste Einstich hinzugekommen war, wusste ich noch nicht, denn ich hielt meine Augen fest geschlossen. So hatten Rolf und ich auch immer vor der Karte gestanden, die Augen fest zusammengekniffen und den Atem anhaltend. Während ich nun wieder so dastand, nahm ich mir fest vor, ja ich schwor mir sogar, dass der Ort, den der Pfeil getroffen hatte, meine Zukunft sein sollte. Voll Enthusiasmus hob ich die rechte Hand zum Schwur und sagte laut: „Dieser Ort wird mein zweites Leben.“ Erschrocken über so viel Überschwang, korrigierte ich mich und sagte schnell: „Dieser Ort wird der Ausgangspunkt für mein neues Leben.“ Ich hielt mir dabei bewusst offen, ob ich damit bloß einen Urlaub meinte oder mehr. Ich traute mich nicht, die Augen zu öffnen, aus Angst davor, dass der Ort, auf den die zufällige Wahl gefallen war, so schrecklich oder uninteressant war, dass meine neu gewonnene Kraft gleich wieder daran zerbrechen würde. 

Um Zeit zu gewinnen, ging ich daher in Gedanken meinen Körper ab und spürte zum ersten Mal, wie gespannt sich meine Bauchdecke und meine Brüste anfühlten. Ich schob das auf die Schwangerschaft, war mir aber nicht sicher.

Bislang wusste ich nur das, was alle wissen, dass es neun Monate dauert, einem oft übel ist und man komische Essgelüste hat. An der Übelkeit hatte ich auch gemerkt, dass ich schwanger war. Am ersten Tag, als ich morgens auf die Toilette gerannt war, um mich zu übergeben, hatte ich noch an eine Magenverstimmung gedacht. Doch schon am nächsten Tag, als sich die gleiche Szene wiederholte, war mir der Gedanke gekommen, dass ich schwanger sein könnte. Gleich darauf war ich in die Apotheke gegangen, um einen Schwangerschaftstest zu kaufen. Nach Hause zurückgekehrt, zögerte ich jedoch, den Test zu machen. Ich hatte das Päckchen in die Hausapotheke gelegt, als würde es auf einen passenden Moment warten, bis man den Test brauchen würde. Zunächst war ich etwas unentschlossen durch die Wohnung gelaufen, es war mir dann aber doch gelungen, mich abzulenken. Erst als ich abends zu Bett gegangen war und mit offenen Augen durch das Fenster eine Weile in die schwarze Nacht gestarrt hatte, war ich plötzlich aufgestanden und hatte im Dunkeln den Weg zum Medizinschrank gesucht. Vorsichtig hatte ich nach der Schachtel getastet, die ich nach ganz hinten gelegt hatte. Nach ein paar Tastversuchen wusste ich, dass ich die richtige Schachtel in den Händen hielt. Ich hatte mich umgedreht, nach dem Toilettendeckel gegriffen und gestaunt, wie zielsicher man sich in seiner Wohnung zurechtfindet, auch wenn man fast nichts sieht. Bevor ich mich jedoch auf die Toilette setzte, lehnte ich mich gegen die Wand. Die Kühle der Fliesen war in meinen Körper geströmt, und ich fand es angenehm, dass ein kalter Schauer über meinen Körper lief. Meine Brustwarzen stellten sich auf, und ich spürte, wie plötzlich Erregung in mir aufstieg. Dieses Gefühl hatte ich schon lange, sehr lange nicht mehr empfunden. Ich genoss den Moment und zögerte es hinaus, den Test zu machen. Mein Kopf wurde durch die Kühle immer klarer und meine Gedanken ruhig und gleichmäßig. 

Schließlich schaltete ich das Licht an, setzte mich auf die Toilette und pinkelte über den Teststreifen. Kurze Zeit später waren zwei rote Balken in dem Sichtfensterchen erschienen, und ich hatte die Bestätigung für das, was ich ohnehin schon geahnt hatte.

Nachdem ich den Test gemacht hatte, hat mich die Erkenntnis, schwanger zu sein, weder beunruhigt noch gefreut. Doch jetzt, wo ich hier vor der Weltkarte stand und mich nicht traute, die Augen zu öffnen, um zu wissen, wo der Pfeil getroffen hatte, fühlte ich Freude in mir aufsteigen, über das Leben, das in mir wuchs. Ich war froh, dass ich Veränderungen an mir entdeckte, die die Schwangerschaft anzeigten, und wollte unbedingt noch mehr entdecken. Ich wollte dazu nicht nur im Internet recherchieren, sondern auch in eine Buchhandlung gehen und mir entsprechende Bücher besorgen. Gleich dann, wenn ich meine Augen geöffnet haben würde.

Wir, Rolf und ich, hatten uns Kinder gewünscht. Ich hatte auch bereits die Pille abgesetzt, war aber dennoch nicht schwanger geworden. Es war noch kein großes Thema zwischen uns beiden gewesen, denn gerade ich hatte es noch nicht so eilig gehabt, und so hatten wir uns nicht davon beunruhigen lassen, dass ich auch einige Monate nach Absetzen der Pille noch nicht schwanger war. Ich hatte mich damit getröstet, dass ich so meinem Beruf noch eine Weile uneingeschränkt nachgehen konnte, denn ich hatte die Stelle erst kurze Zeit vorher angenommen, und meine Arbeit machte mir viel Spaß. 

Es kam mir komisch vor, dass ich ausgerechnet dann schwanger wurde, als mein Körper völlig ohne Kraft war. Ich fragte mich, warum sich gerade in meinem Körper, der sich in den letzten Monaten nur noch wie eine leere Hülle angefühlt hatte, ein neues Leben eingenistet hatte. Ich empfand es als falsch von der Natur. Oder war es genau deshalb passiert, damit auch meine Lebensgeister wieder geweckt wurden?

Wie auch immer, ich musste mich nun dieser Aufgabe stellen. Mutter würde ich sein, mit Freude und Hingabe für mein Kind. Alleine wollte ich das machen, Lars sollte nie erfahren, dass er der Vater des Kindes war. Es gab keinen Vater, diesen Entschluss hatte ich fest gefasst. Vielleicht würde ich dem Kind später mal erzählen, dass Rolf sein Vater sei, dann müsste ich aber das Datum seines Todestages ändern. Ich bezweifelte, dass eine solche Lüge unentdeckt bliebe, daher verwarf ich den Gedanken wieder. Also, das Kind wird ohne Vater aufwachsen, basta, dachte ich trotzig. Ich könnte immer noch behaupten, dass es ein One-Night-Stand gewesen war, wenn mich mein Sohn oder meine Tochter später mal fragen sollte, und letztendlich war es das ja auch gewesen. Zwar kannte ich Lars schon lange, aber dennoch waren wir nur in dieser einen Nacht intim gewesen. Im Nachhinein betrachtet, ist es verwunderlich, dass es nur dieses eine Mal gegeben hat, denn wir hatten in den letzten Monaten viel Zeit miteinander verbracht, und ich hatte mich oft an seiner Schulter ausgeweint. Lars hatte die Situation aber nie ausgenutzt und die freundschaftliche Ebene nicht verlassen – bis auf diesen einen Abend. 

Wenn ich mich richtig daran erinnerte, dann war ich es gewesen, die ihn zuerst geküsst hatte. Wir waren im Kino gewesen und anschließend war er noch mit in meine Wohnung gekommen, um mich auf andere Gedanken zu bringen, denn der Film hatte von einer Frau gehandelt, die ihren Mann und ihren Sohn bei einem Autounfall verloren hatte. Die Ähnlichkeit mit meiner Lebensgeschichte hatte mich so überwältigt, dass ich im Kino in Tränen ausgebrochen war und wir die Vorstellung vorzeitig verlassen hatten. Lars hatte sich hundertmal entschuldigt, denn er war es gewesen, der den Film ausgesucht hatte. Er hatte nicht gewusst, wovon der Film handelte. Lars hatte lediglich gelesen, dass der Film alle Facetten menschlicher Größe und Überlebenskraft widerspiegele. Lars hatte das passend gefunden und wollte mich mit dem Film aufbauen. Dass die Schicksalsgeschichten sich dann aber so sehr ähnelten, hatte er nicht gewusst und sich sehr dafür geschämt. Vielleicht war es diese Scham gewesen, die ihm an diesem Abend die Stärke genommen hatte, sich mir zu widersetzen. Ich hatte es schon das eine oder andere Mal versucht gehabt, mich ihm zu nähern, er hatte aber immer abgeblockt. Meine Annäherungsversuche waren nicht von Lust auf Intimität getragen gewesen, vielmehr war der Wunsch, ihm nah zu sein, nur dann aufgekommen, wenn ich das Gefühl hatte, dass er mir entglitt. Einerseits hat er keinen Hehl daraus gemacht, dass er Interesse an mir hat, andererseits hat er aber auch nicht den Versuch unternommen, mich zu erobern, weder vor Rolfs Tod noch danach. Ich habe mich mehr als ein Mal gefragt, warum er das nie versucht hat. Gerade nach Rolfs Tod hätte er seine Chance als gekommen ansehen müssen. Waren es seine Größe und Reife gewesen, die er zweifelsohne besaß, der bloße Anstand oder die Tatsache, dass ich mit meinem dauernd verheulten Gesicht nicht attraktiv war? Ich hatte mich in den letzten Monaten nicht viel um mein Aussehen gekümmert. Lange war es her, dass ich mir neue Kleidung gekauft hatte. Obwohl das eigentlich nötig gewesen wäre, denn alles, was ich trug, war mir zu groß. Seit dem Unfall hatte ich viel abgenommen, und die Hosen und Pullover hingen wie Säcke an mir. Ich war mal eine schöne Frau. Mit meinen rotbraunen Haaren bin ich überall aufgefallen, und in der Sonne haben sie feuerrot geschimmert. Mittlerweile hingen meine Haare nur noch stumpf herunter. Schwärmte Lars nicht mehr für mich, war er vielleicht gar nie in mich verliebt gewesen, hatte ich mich immer mal wieder gefragt. Immer dann hatte ich einen Beweis für seine Zuneigung haben wollen. Eigentlich war das unnötig, denn Lars hat mir mit all der Unterstützung, die er mir zuteilwerden ließ, tausendfach gezeigt, dass er mich sehr mochte. Keiner meiner Freunde hat sich nach dem Unfall so sehr um mich gekümmert wie er. Nicht mal meine beste Freundin Marlis hat so an meiner Seite gestanden wie Lars. 

Nur selten hat Lars von sich aus von anderen Frauen erzählt, und ich habe nicht gewagt zu fragen. Ich habe mich daher immer in der Hoffnung gewiegt, dass es da niemanden gibt. Ich wollte ihn ganz für mich alleine haben. Ich wusste, dass das egoistisch war. Er sollte da sein und mir dadurch guttun, und dass, obwohl ich mir sicher war und bin, dass ich keine Partnerschaft mit ihm möchte. Früher, als Rolf noch gelebt hat, war dieses Gefühl, von Lars begehrt zu werden, ein angenehmes Prickeln gewesen, das ich nach einem Treffen mit ihm mit nach Hause genommen hatte und das sich dann manchmal in einer leidenschaftlichen Nacht mit Rolf entlud. Seit dem Unfall brauchte ich dieses Gefühl aber, um Geborgenheit zu spüren. Lars war zu meinem wichtigsten Menschen geworden und derjenige, der mir am meisten Halt gab.

Als wir an dem Abend nach dem Kinobesuch miteinander schliefen, war das kein tolles, erotisches Erlebnis gewesen, sondern es war einfach passiert. Nachdem ich meine Lippen auf seine gepresst hatte und ihm keine andere Möglichkeit gelassen hatte, als meinen Kuss zu erwidern, hatte er mich zum Sofa geführt, mir das T-Shirt abgestreift und die Hose ausgezogen. Als ich nur noch in BH und Slip dort lag, hatte er sich seine Hose ausgezogen und auch sein T-Shirt und alles neben sich auf den Boden fallen lassen. Die Initiative, die ich zunächst gezeigt hatte, war plötzlich verschwunden gewesen. Ich hatte ihn gemustert, meinen Blick über seinen Körper streifen lassen und hatte versucht, den Körper von Lars mit dem von Rolf zu vergleichen. Dabei stellte ich zu meinem Erschrecken fest, dass ich mich schon nicht mehr genau an Rolfs Körper erinnern konnte. Lars fing an, meinen Körper mit Küssen zu bedecken, und wir schliefen fast geräuschlos miteinander. Hinterher war er schnell aufgestanden, so, als wäre er vor sich selbst erschrocken, und war ins Badezimmer gegangen. 

Ich war auf dem Sofa liegen geblieben und hatte gehört, wie er Wasser laufen ließ und sich offenbar wusch. Sofort machte ich mir Vorwürfe, dass die Handtücher nicht frisch waren und das Bad schmutzig aussah. Viele Dinge, die ich früher mit Leichtigkeit erledigt hatte, fielen mir schwer und kosteten mich viel Mühe, dazu gehörte auch das Putzen der Wohnung. Ich hatte kein Interesse mehr daran, die Wohnung gemütlich herzurichten. Lars hatte sich, nachdem er aus dem Bad gekommen war, angezogen und war gegangen. Er hatte nicht viel gesagt, nur dass er sich melden würde. 

Doch es hatte lange gedauert, bis der erste Anruf kam. Er, der sonst fast jeden Tag angerufen hatte, ließ sich auf einmal Zeit. Ich war verunsichert und auch gekränkt gewesen, und so war das erste Telefonat dann auch sehr gekünstelt gewesen. Erst hatten wir versucht, uns über Alltägliches zu unterhalten. Ich fragte ihn nach der Arbeit und erfuhr, dass er eine Stelle in Südafrika angeboten bekommen hatte und dass er bald nach Johannesburg fliegen und ein paar Wochen bleiben wolle, um mit dem dortigen Forschungsteam zu arbeiten, dessen Leitung er übernehmen sollte. Nachdem wir noch eine Weile weitergesprochen hatten, entschuldigte Lars sich für unsere gemeinsame Nacht. Ich war daraufhin wütend geworden. Wir hatten miteinander geschlafen. Was gab es sich da zu entschuldigen? Wir waren beide Singles, zumindest ging ich davon aus, dass er es auch war, wir hatten also niemanden betrogen. Ich wurde richtig zornig am Telefon. In seiner stoischen Gelassenheit, ja schon fast Unterwürfigkeit, hatte er das hingenommen, meinen Wutausbruch über sich ergehen lassen und nichts weiter dazu gesagt.

Kapitel 3

Langsam öffnete ich die Augen und guckte auf die Weltkarte, vor der ich in Rolfs Büro stand. Der Pfeil steckte in dem Wort „Rundu“. Welcher Kontinent das war, konnte ich gleich erkennen, es war Afrika. Aber was war Rundu? Eine Stadt, ein Berg, eine Region ...? 

Ich trat näher an die Karte heran und sah, dass es sich um eine Stadt handelte. „Rundu“, ich ließ mir das Wort mehrere Male über die Lippen gehen, sprach es laut, leise, hart und sanft aus. Es klang schön. Aber wo lag diese Stadt? Der Pfeil steckte links unten in der Afrikakarte, doch ich kam nicht gleich auf die Namen der Staaten, die im Südwesten Afrikas lagen. Ich suchte nach den fast verblassten Buchstaben, die den Landesnamen bezeichneten: Namibia. Ich ließ meinen Blick um die Landesgrenze schweifen und zeichnete sie gleichzeitig mit den Fingern nach. Dann guckte ich nach den anderen Städtenamen. Die einzige Stadt, die mir etwas sagte, war Windhoek. Dass sie die Hauptstadt von Namibia ist, das wusste ich, aber dann hörte mein Wissen über dieses Land auch schon fast auf. Die paar Informationen, die ich hatte, versuchte ich eilig zusammenzusetzen. Sehr deutsch geprägt, weil eine ehemalige deutsche Kolonie, schoss es mir durch den Kopf. War Deutsch nicht auch für lange Zeit die Amtssprache gewesen? Ich überlegte angestrengt, wie es dort aussehen mochte. Ich hatte schon oft Berichte und Dokumentationen über Afrika im Fernsehen gesehen, aber jetzt wollte mir kein einziges Bild in den Kopf kommen, das ich mit Sicherheit Namibia zuordnen konnte. Alles, was vor mein geistiges Auge trat, waren staubige Straßen, trockene Steppe, durch die Elefanten und Giraffen zogen, dahinter gleißendes Licht und ein warmes, sattes Rot. Ich ging ins Wohnzimmer, um mich einen Moment zu setzen. Kaum, dass ich mich gesetzt hatte, überfiel mich eine bleierne Müdigkeit, so wie ich sie, seitdem ich schwanger war, oft verspürte. Ich streckte mich auf dem Sofa aus, zog eine Wolldecke über mich und schloss die Augen.

Ich schlief ein und träumte wirr. Rolf war wieder lebendig und balancierte nur wenige Meter von mir entfernt auf einer Mauer. Ich rief ihn, aber er hörte mich nicht. Ich schrie aus voller Kehle, doch er drehte sich nicht zu mir um. Ich versuchte auf ihn zuzugehen, aber wie von einem imaginären Band gehalten, konnte ich keinen Schritt vorwärts machen. Ich versuchte, nach ihm zu greifen, doch so sehr ich mich auch streckte, ich konnte ihn nicht erreichen. Auf einmal war da auch Lars, der auf mich zukam und im Vorbeigehen, ohne mich anzusehen, die Hand auf den Bauch legte, sie aber sofort wieder zurückzog und weiterging. Alles färbte sich rot, blutrot, sonnenrot. Es war nicht zu erkennen, ob es gut oder schlecht war. Alles war einfach nur rot. Ich strich meinen Körper mit diesem Rot ein, nahm ein Bad in dieser warmen, fließenden Röte. Ich versuchte Rolf durch das Rot hinweg zu sehen, aber er entfernte sich immer mehr von mir. Die Farbe wurde intensiver, und ich zerfloss in ihr, bis ich mich selbst nicht mehr sah. Ich spürte, wie es zwischen meinen Beinen feucht wurde und ich entsetzliche Krämpfe bekam. Ich griff zwischen meine Beine und fühlte einen Kopf, den Kopf meines Babys. Ich hielt ihn und zog das Kind aus mir heraus. Dann hielt ich das Kind wie eine Trophäe über mich und schrie laut. 

Ich schrie noch, als ich aufwachte. Als mir Sekunden später bewusst wurde, dass ich nur geträumt hatte, hörte ich auf zu schreien. Ich war so erschöpft von dem Traum, dass ich eine ganze Weile einfach nur an die Zimmerdecke starrte. 

Wie lange ich so dagelegen hatte, wusste ich nicht, doch als das Telefon klingelte, wurde ich jäh aus diesem Zustand gerissen. Ich hörte die Stimme meiner besten Freundin Marlis. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Umland von München. Doch alles, was ich rausbrachte, auf ihre Begrüßung war: „Rundu“. 

„Helen, was ist los mit dir?“, fragte Marlis. 

„Ich werde nach Afrika gehen, nach Namibia“, hörte ich mich sagen. 

Marlis fragte nochmals, was mit mir los sei, wartete aber gar nicht meine Antwort ab, sondern sagte gleich: „Schön, dass du verreisen möchtest, das wird dich auf andere Gedanken bringen.“ 

„Nein“, sagte ich, „ich werde nicht verreisen, ich werde weggehen, ganz weggehen.“ 

Am anderen Ende der Leitung war Stille. Dann sagte Marlis: „Helen, ich weiß, dass du im letzten Jahr eine sehr schwere Zeit durchgemacht hast, aber deshalb musst du doch nicht gleich auswandern und auch noch nach Afrika. Das ist nur eine Flucht.“ 

„Das stimmt nicht“, sagte ich mit Nachdruck. „Es ist keine Flucht, sondern es ist der Weg, der für mich vorhergesehen ist, mein zweites Leben.“ 

Durch den Telefonhörer drang Kindergeschrei und Marlis sagte schnell: „Ich muss auflegen, Hendrik und Markus reißen sich gegenseitig an den Haaren, ich rufe dich nachher noch mal an. Nimm in der Zwischenzeit eine kalte Dusche, damit du wieder einen klaren Kopf bekommst.“

Genau das tat ich dann auch, und mein Kopf wurde klar, sehr klar. Ich sah meine Abreise nach Namibia vor mir. Ich würde in den nächsten Wochen alles regeln, was nötig war, und würde mich dann so schnell wie möglich auf den Weg machen. Ich war selbst darüber erstaunt, wie fest mein Entschluss stand, wie überzeugt ich von einer Idee war, die erst wenige Stunden alt war. Etwas sagte mir, dass das der richtige Weg ist. Ich konnte es mir nicht erklären, aber ich fühlte mich auf einmal an die Hand genommen, geleitet. 

Aus meinen Gedanken riss mich wiederum das Telefonklingeln. „Was willst du in Namibia?“, schallte es aus dem Hörer. Es war Marlis, die mit ihrem Unmut über diesen Plan nicht hinter dem Berg hielt. 

„Leben“, antwortete ich. 

„Leben?“, fragte Marlis. 

„Ja“, sagte ich, „für jemanden, der seit über einem Jahr nicht mehr wirklich gelebt hat, ist das eine sehr gute Vorstellung.“ 

„Aber das kannst du doch auch hier, du wirst sehen, in einiger Zeit wirst du wieder neuen Lebensmut schöpfen.“ 

„Ich habe neuen Lebensmut geschöpft und sehe jetzt meine Zukunft vor mir.“

„Wie kommst du denn ausgerechnet auf Namibia?“ 

„Ich habe mich vor die Weltkarte in Rolfs Arbeitszimmer gestellt und einen Dartpfeil geworfen, der hat in Namibia, genauer gesagt in Rundu, getroffen.“ 

Marlis sagte zunächst nichts und beendete ihr Schweigen dann durch ein verzweifelt klingendes Gemurmel, von dem ich nur die Worte „du bist verrückt, du bist verrückt“ verstand. 

„Ich bin nicht verrückt“, unterbrach ich ihren Monolog. 

„Doch“, sagte Marlis mit Nachdruck. „Wie kann man nur seine Lebensplanung von einem so zufälligen Ereignis abhängig machen? Wenn der Pfeil auf Hongkong gelandet wäre, dann würdest du nach Hongkong gehen oder was?“ 

„Nein, er ist dort gelandet, wohin die Vorhersehung mich führen wollte. Das klingt zwar etwas esoterisch, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es kein Zufall war.“

Ich konnte förmlich hören, wie Marlis ihre Stirn in Falten legte. „Du wirst dich dort unendlich einsam fühlen“, sagte sie. 

„In Hamburg fühle ich mich einsam“, entgegnete ich, „hier wo mich alles an Rolf erinnert und sich in mir alles zusammenkrampft, wenn mir bewusst wird, dass er für immer fort ist“. 

„Aber ich bin doch auch noch da“, wandte Marlis ein. 

„Ja“, sagte ich, „dich werde ich vermissen. Aber mal ehrlich, Marlis, du bist in München und in den letzten Jahren haben wir uns höchstens zwei oder drei Mal pro Jahr gesehen. Die Arbeit, die Kinder, du weißt doch, wie schwer es immer war, einen Termin zu finden. Du bist in dein Leben eingebunden, und das ist gut so. Ich freue mich für dich, aber ich habe jeglichen Halt verloren. Es ist Zeit, einen Neuanfang zu wagen.“

„Alleine nach Namibia, das ist wahnsinnig …“, und nach einem kurzen Zögern setzte Marlis ihren Satz fort: „gefährlich.“ 

„Ich werde nicht allein gehen.“ 

„Ach so.“ Ich konnte die Erleichterung in ihrer Stimme hören. „Wer geht denn mit dir?“, fragte sie und ohne meine Antwort abzuwarten, mutmaßte sie: „Es ist sicher dieser Lars, den ich das letzte Mal kennengelernt habe, als ich bei dir war. Sagtest du nicht, dass er beruflich immer viel im Ausland unterwegs ist?“ 

„Lars ist es nicht“, sagte ich zögernd.

Bevor ich ausreden konnte, warf Marlis ein: „Er ist aber ein sympathischer Mann.“