Mit Zitronen gehandelt - Michael Norden - E-Book

Mit Zitronen gehandelt E-Book

Michael Norden

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Beschreibung

Augsburg, 1987 - das ist die Geburt einer lokalen Radiolandschaft, wie sie bald überall in Deutschland entstehen wird. Jeder will dabei sein. Jeder will zum Radiohelden werden. Radio ist das Gebot der Stunde und Radio in seiner Stadt kann alles sein. Eigentlich ist Udo Kaup Zollbeamter in München-Pasing, verheiratet und Vater eines Sohnes. Nach der Geburt der Tochter, die behindert und mit dem Down-Syndrom geboren wird, verändert sich sein Leben auf rasante Weise. Statt sich bequem in seinem Beamtenjob einzurichten, muss ein Nebenjob her. An dem Tag, an dem Udo Kaup im Zug von Augsburg nach München pendelt, die Augsburger Zeitung liest und an einem Artikel hängen bleibt, der vom Start neuer Radiofrequenzen berichtet, setzt sich eine Idee in seinem Kopf fest: er will zum Radio! Es beginnt eine Gratwanderung zwischen Beruf und Berufung!

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Seitenzahl: 496

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für Annerose, Michael und Caroline

Der Mensch opfert seine Gesundheit, um viel Geld zu verdienen. Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit zurück zu bekommen. Er ist so auf die Zukunft fixiert, dass er die Gegenwart nicht genießen kann. Das Ergebnis ist, dass er weder die Zukunft noch die Gegenwart lebt. Er lebt so, als würde er niemals sterben und er stirbt so, als hätte er niemals gelebt.

Dalei Lama

Michael Norden

Mit Zitronen gehandelt

Roman

© 2020 Michael Norden

Umschlaggestaltung, Illustration: Michael Norden

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-04374-9

Hardcover:

978-3-347-04375-6

e-Book:

978-3-347-04376-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

PROLOG……………

 

Der Countdown zählt von zehn bis eins und dann geht die Show auch schon los. Ein neuer lokaler Radiosender erblickt das Licht der Welt. Ohne viel Tamtam, nur mit einem Titel, der auf die künftige Musikrichtung hinweisen soll. 1987 gehen bundesweit viele neue Lokalsender in ihrer jeweiligen Stadt auf Sendung. Der allererste landesweite Privatsender in Bayern ist zuvor in München gestartet. Jetzt, nur 60 Kilometer weiter in Augsburg, also ein neuer Versuch Hörer zu generieren und damit einen neuen Geschäftszweig zu erschließen. Der Sender Welle 93.4 FM teilt sich allerdings die Frequenz mit zwei weiteren Anbietern, die auch mit eigenem Sendernamen um die Hörer buhlen wollen. Dann gibt es noch auf einer anderen Welle, nämlich 92,2 MHZ, in derselben Stadt weitere 15 Anbieter, die nur mit einer Senderkennung aufwarten: RT1. Und ob damit nicht schon genug Konkurrenz herrscht gibt es auch noch die Frequenz 87,9 MHZ. Keiner von den Programmverantwortlichen, das sind überwiegend Verlagsleute, Politiker oder Geschäftsleute aus der Stadt, wissen, ob das Projekt Lokalradio von den Hörern überhaupt angenommen und die Lebensdauer über die von der Landeszentrale für Neue Medien erteilte Sendeerlaubnis für zunächst vier Jahre verlängert werden wird. Und immer wieder gibt es neue Meldungen, die eine ruhige Planung nicht zulassen. Es ist in den örtlichen Printmedien von weiteren Anbietern und neuen Frequenzen die Rede. Beim Pressetermin 36 Stunden vor dem Sendestart kommen die kurzen Kennmelodien – als „Jingles“ kennt sie der eingefleischte Radiohörer – schon flott aus dem Lautsprecher. Die Neuaufteilung der 83 Augsburger Programmanbieter - von landesweit tätigen GmbHs bis zu einzelnen Moderatoren- auf drei Frequenzen und sechs Senderkennungen, gerät kurz vor dem Start heftig ins Wanken. Am Ende setzen sich drei Frequenzen mit achtzehn Anbietern durch. Die Musikrichtungen sind unterschiedlicher Art, sodass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Alle zugleich aber setzen in ihren Wortbeiträgen verstärkt auf Lokales.

März 1987

Udo: Am Morgen vor dem Sendestart befinde ich mich wie jeden Tag im Zug auf dem Weg von Kissing, einem kleinen Ort in der Nähe von Augsburg, nach München, um pünktlich an meinem Arbeitsplatz zu sein. Einem kleinen Zollamt gleich beim Pasinger Bahnhof, das die besten Zeiten bereits hinter sich hat. Äußerlich ist es schwerlich als ein Amt auszumachen. Ein angegrauter Bau aus dem neunzehnten Jahrhundert, der an diesem Tag optisch gut zu dem nicht hell werdenden Morgen passt. Ein Tag, der sich noch nicht recht entscheiden will, ob er sich noch zum Winter zählen oder doch lieber zu dem bald beginnenden Frühling gesellen soll. Aber wenigstens ist es schon sehr mild für diese Jahreszeit. Eine Laderampe flankiert die Frontseite des Gebäudes und stillgelegte Gleise erinnern an Zeiten, als die Güterzüge noch direkt an das Gebäude zum Be- und Entladen andocken konnten. Mittlerweile hat man den Frachtverkehr immer mehr von den Gleisen auf die Straßen verlegt. Von der Landsberger Straße aus liegt das Haus zurückgezogen hinter einer riesigen Einfahrt. Diese ist so groß und breit, dass mehrere Lastwagen gleichzeitig mit ihrer Fracht vorfahren können. In der unteren Etage befindet sich das Bundesbahn-Cargo-Center. Hier werden täglich Paketsendungen angeliefert, die ihre letzte Reise mit den Frachtzügen zu den Empfängern im Bundesgebiet noch vor sich haben. Das Zollamt ist im ersten Stock des Gebäudes eingerichtet. Das Praktische an der Lage ist, Zollgut kann direkt im Gebäude dem Zoll vorgeführt und verzollt werden. Für internationale Speditionen, die über den Brenner nach Deutschland einreisen, ist das Zollamt die erste Anlaufadresse.

Ich kann zu Fuß, parallel zu den Gleisen, in fünf Minuten mein Büro erreichen. Erst seit kurzem arbeite ich in diesem Pasinger Amt als Abfertigungsbeamter in der Bundeszollverwaltung. Über Umwege führt mich mein beruflicher Weg in den Münchener Bereich. Eingestellt werde ich in Frankfurt am Main, wo ich jahrelang am dortigen Flughafen in der Frachtabfertigung meine Brötchen in der mittleren Laufbahn verdiene. Was mich an diesem Tag erwartet, kann ich nur ahnen. Die bevorstehenden Aufgaben will ich wie immer möglichst pflichtbewusst und voller Elan angehen. Ich lasse alles gerne auf mich zukommen und bin der Ansicht, was kommt, das kommt und wie es kommt, wird es schon in Ordnung sein. An diesem Morgen ergattere ich im Zug einen Sitzplatz. Das ist alles andere als selbstverständlich. Auf dieser stark frequentierten Strecke sind die Waggons immer rappelvoll. Ich blättere in der Augsburger Lokalzeitung. Den Politikteil überfliege ich in der Regel recht schnell, bei den Wirtschaftsnachrichten verweilt meine Aufmerksamkeit schon mal länger und bei den Lokalnachrichten muss schon eine besondere Überschrift auftauchen, die mich interessiert, um mich dem Artikel vollends zu widmen. Den Sportteil lese ich allerdings immer komplett durch. Kurz vor dem Ankommen in Pasing blättere ich die Zeitung im Schnelldurchlauf von hinten nochmals durch, wie ich es immer tue. Man möchte meinen, in meinem Alltag hat sich etwas Routine eingeschlichen. Aber heute bleibt mein Blick an einer Überschrift im Lokalteil hängen und ich lese die Zeilen:

HINTER DEN KULISSEN FUNKT ES SCHON – AUGSBURGER LOKALSENDER KURZ VOR START DER DRITTEN FREQUENZ: ANBIETER POKERN BIS ZUM SCHLUSS

Das ist ja interessant, „überall schießen jetzt neue Radiosender aus dem Kraut“, sagt ein ungefähr 17jähriger männlicher, pickliger Fahrgast, der wohl die ganze Zeit von mir unbemerkt über die Schulter hinweg mitgelesen haben muss, „brauchen Sie die Zeitung noch, ich habe vor, da demnächst auch mitzumachen, möchte mich dort bewerben.“ Und ob ich die Zeitung noch brauche. Und überhaupt, was fällt diesem Schnösel eigentlich ein? Was bist Du denn für ein Spackes? „Leider nicht, ich muss bei der nächsten Station raus und habe den Artikel noch nicht zu Ende gelesen. Aber am Bahnhofskiosk sind die sicher so nett und verkaufen dir für eine Mark eine Ungelesene mit allen Buchstaben.“ Der Typ murmelt etwas Unverständliches vor sich hin wie „hab ja nur mal gefragt…“ und ist ruck zuck Richtung Mittelgang verschwunden. Ich lege die Zeitung zusammen und packe sie in meine Tasche. Der nächste Halt wird meine Ankunft sein. Ein paar Minuten bleiben mir noch, die ich nutzen kann, um über diese Meldung zu sinnieren. Viele Bilder tauchen in meinem Kopf auf und ich denke mir, Radio, das wäre es doch. Bestimmt ein interessanter Job. Auf jeden Fall mit viel mehr Abwechslung als Beamter beim Zoll. Nicht, dass ich mit meinem erlernten Beruf unzufrieden bin. Auch ist an eine Kündigung nicht mehr zu denken, jetzt, wo das Schicksal die Karten gelegt hat und mein Leben in Bahnen aus Beton gegossen scheint. Bis vor einem Jahr bin ich noch kein Pendler. Ich wohne mit meiner Frau und den zwei Kindern im Münchener Osten. Meinen Dienst verrichte ich im alten Flughafen in Riem. Ich kann zwar mit dem Rad zur Arbeit fahren, die Miete ist aber exorbitant hoch im Verhältnis zu meinem Einkommen. Meine Frau Rose gibt ihren Beruf auf, da unser zweites Kind behindert zur Welt kommt und wir uns beide für die Pflege entscheiden. Aber mit nur einem Gehalt ist es schwer in München oder Umgebung eine bezahlbare Wohnung zu finden. Anfangs komme ich an einen Zweitjob bei einer Versicherung und ich kann dadurch die Mietausgaben ein wenig kompensieren. Ein Kollege hat recht, wenn er sagt, dass es besser ist, Richtung Augsburg zu ziehen – meine Frau Rose hat absolut recht, wenn sie erwartet, dass ich dem Rat folgen soll. Gerade mal 60 Kilometer weiter, aber die Mietsituation ist dort viel entspannter. Und da der alte Flughafen sowieso gerade vor dem Umzug ins Erdinger Moos bevorsteht, schreibe ich mein Versetzungsgesuch nach Augsburg. Gelandet bin ich aber in Pasing, da in Augsburg zunächst keine Stelle zu bekommen ist. Ich tröste mich damit, dass das Pendeln von Augsburg nach Pasing einfacher zu handhaben ist, als vom Münchener Osten in die Innenstadt zu fahren. Rein zeitmäßig bin ich die 60 Kilometer schneller unterwegs als vorher die 20 Kilometer vom Münchner Osten nach Pasing. Von vorgesetzter Dienststelle verspricht man mir, sobald eine geeignete Planstelle beim Hauptzollamt Augsburg zu besetzen ist, werde ich als erster berücksichtigt. Meinen Zweitjob bei der Versicherung habe ich aber trotzdem geschmissen, es fühlt sich nach einiger Zeit nicht mehr richtig an. Angedacht ist zunächst, dass ich mal so reinschnuppere und mit einem hauptberuflichen Vertreter die eine oder andere Versicherungspolice verkaufe. Ich soll sehen, wie man das macht und lernen. Aber eigentlich soll ich Kontakte zu potenziellen Versicherungsnehmern, auch gerne aus der eigenen Familie, knüpfen, die dann durch den Vertreter abgeschlossen werden sollen. Der Profi bekommt dann dafür die Provision. Mir zahlt man sowieso nur ein Pauschalgehalt von 500 D-Mark monatlich. Trotzdem nicht so schlecht, dafür muss ich mich ja nicht zu sehr verausgaben. Und die Einsätze für die Versicherung kann ich auch auf die Abendstunden verlegen, so habe ich auch noch genug Freizeit für die Familie. Die Genehmigung des Nebenerwerbs, wie es auf Beamtendeutsch heißt, muss ich schriftlich an das Bundesamt für Finanzen auf dem Dienstweg beantragen. Grundsätzlich wird so eine Tätigkeit umgehend genehmigt, wenn man nicht mehr als acht Stunden pro Woche dafür in Anspruch nimmt und es keine Tätigkeiten sind, die zu beruflichen Überschneidungen im Hauptjob führen. Und, wichtig, man darf natürlich nicht mehr verdienen als im Hauptberuf. Also, alles kein Problem, so lässt der Genehmigungsbescheid nicht lange auf sich warten. Ich träume mich in meine Schulzeit, wo ich mit ein paar Kumpels so eine Art mobile Diskothek betreibe, weil auf dem Lande, wo ich wohne, das nächste Tanzlokal immerhin fünf Kilometer entfernt ist. Und in den siebziger Jahren sind Dorfdiskotheken schwer angesagt. Das waren noch Zeiten. Am Wochenende veranstalten wir unsere eigene Disko. Unter der Woche missbrauchen wir den Schulkopierer für die Flugblätter, um Werbung für die Veranstaltung am Wochenende zu machen. Ich muss schmunzeln als ich an meine Geschäftstüchtigkeit denke. Den Bauern habe ich eine Scheune abgehandelt, für zwei Mark Eintritt kann gefeiert werden. Die Platten leihe ich mir von meinen älteren Brüdern, ein Kumpel hat für die damalige Zeit eine gute Soundanlage und ein Klassenkamerad ist der Sohn des ortsansässigen Brauhauschefs, deswegen die Getränke auf Kommission geliefert werden. Gutes delegieren war schon damals wichtig! So manches Wochenende kommen über tausend Jugendliche. Ein Wunder, dass die Polizei den Laden erst nach Monaten wegen angeblich fehlender Brandschutzmaßnahmen dichtmacht. Bis dahin gebe ich einen ordentlichen Diskjockey ab. Wer weiß, was geworden wäre, wenn ich damals beruflich in diese Richtung tendiert hätte? Aber nach Abschluss der mittleren Reife soll ja erstmal was Anständiges gelernt werden, so sehen es jedenfalls die Eltern für mich vor. Wenn man aus einer Arbeiterfamilie stammt, dann ist eine Beamtenlaufbahn schließlich etwas Grundsolides und ein gesellschaftlicher Aufstieg, mit dessen Federn man sich schmücken kann. Ein Beruf, wo ich meine Kreativität mehr einsetzen kann, gefällt mir sicher besser. Ein Spruch meines Vaters geistert vor meinem inneren Auge vorbei, wie er sagt, „wenn der Hund nicht geschissen hätte, hätte er den Hasen gefangen. Punkt. Ende der Ansage!“ Widerspruch zwecklos. Es ist wie es ist, schmunzele ich und muss bei dem Satz in mich hineinlachen. Warum mir jetzt ausgerechnet dieser Satz ins Hirn schießt? Vielleicht kann ich ja mal rausfinden, ob es eine Möglichkeit für einen Nebenjob beim Radio gibt. Das Geld können wir jedenfalls gut gebrauchen. Eine Stimme in mir streut aber zugleich Zweifel in mein Hirn.

Wie soll das denn gehen, erstens hast du eine Verwaltungsausbildung, damit ist man in Geiselhaft bis zur Pensionierung und die Voraussetzungen für den Radiobereich hast du auch nicht. Und zweitens pendelst du von Kissing jeden Tag nach München. Wie willst du dann in Augsburg bei einem Radiosender, wenn auch nur nebenberuflich, arbeiten? Das kannst du vergessen, Udo.

Aus dem Lautsprecher kommt die Ansage: „nächster Halt Pasing, Ausstieg rechts.“ Schlagartig bin ich aus meinem Tagtraum gerissen. Ich nehme meine Tasche und gehe Richtung Türe. Nur noch ein paar hundert Meter und der Job hat mich für die nächsten mindestens acht Stunden wieder im Griff.

Rose: So kann es nicht weitergehen, ich habe schon länger bemerkt, wie Udo sich mit dem Nebenjob bei dieser fürchterlichen Versicherung abmüht, er will es immer allen recht machen und hat oft ein schlechtes Gewissen, weil er glaubt seinen Hauptberuf zu vernachlässigen. Klar ist es grundsätzlich eine gute Entscheidung einen Nebenjob zu suchen, jetzt, wo ich kein eigenes Einkommen habe und unsere Kinder die volle Aufmerksamkeit benötigen. Vor allem unsere Tochter verlangt vollen Einsatz von mir. Aber für so wenig Geld nach der Pfeife von so einem widerlichen, schmierigen Inspektor zu tanzen und Leute zu bescheißen, ich weiß nicht, ob das auf Dauer gut geht. Da ist es gut, dass sich das Schicksal gnädig zeigt und uns eine günstigere Wohnung in Kissing beschert. Jetzt muss Udo zwar jeden Tag mit dem Zug fahren, dafür hat er nach Feierabend aber mehr Zeit für uns. Mit dem Geld kommen wir ganz gut über die Runden.

*

In den Tagen vor dem Sendestart der dritten Frequenz herrscht emsiges Treiben bei den Verantwortlichen. Pascal Ventura und Roman Tölz haben sich über Umwege Kapital besorgt, um ihren großen Traum als Radioanbieter zu verwirklichen. Strohmänner, die zwar das Geld geben, nicht aber ihren Namen im Zusammenhang mit dem Radiosender in der Zeitung lesen wollen, halten sich im Hintergrund und ziehen von dort die Strippen. Ihnen liegt es einzig an dem Gewinn, den sie sich langfristig durch die Radiofrequenz erhoffen. Anders verhält es sich bei Hans-Jürgen Windt und Hans-Peter Bischoff. Der eine, Windt, Unternehmer von der Pike auf, setzt alles auf eine Karte, verkauft sein Einzelhandelsunternehmen und pokert um die Anbieterrechte eines eigenen Radiokanals.

Hans-Peter Bischoff, ein junger Radiobesessener soll ihn als Anbieter unterstützen und für die internen Abläufe zur Seite stehen. Beide kennen sich und kommen auf dieselbe Idee, als sie sich bei einem Glas Bier in einer kleinen Kneipe, die beide nach Feierabend gerne besuchen, treffen. Man ist sich sympathisch, hat die gleichen Vorlieben und teilt den gleichen Sinn für Humor. Alle gemeinsam setzen sie auf das große Pferd Radio.

ZWEI………………….

München 1986/1987

 

Udo: Anfangs ist meine Euphorie, einen Job bei einer großen Versicherung ergattert zu haben, noch ziemlich hoch. Es macht mir Freude mit immer neuen Menschen in Kontakt zu treten und dabei auch einiges über deren Leben zu erfahren. Ich, Udo Kaup, bin ein eloquenter Bursche und komme bei meiner Klientel auch sympathisch rüber. Das rede ich mir ständig ein. Immerhin kann ich schon in kürzester Zeit mehr Versicherungen verkaufen als mein Mentor, mit dem ich unterwegs bin. Nur, es gibt dabei einen entscheidenden Unterschied: Ich verkaufe nur aus Überzeugung, dass das, was ich verkaufe, für den Kunden auch nützlich und von Vorteil ist. Mein Lehrer und Mentor, Paul Greulich, macht das beileibe nicht immer so. Ich vereinbare bei meiner Akquise schon sehr am Anfang meiner Tätigkeit für das Versicherungsunternehmen, ein sehr bekannter und weltweit operierender Konzern mit Sitz in München, einen Termin bei einem älteren Ehepaar, das eigentlich eine Beratung über eine Sterbeversicherung haben will. Paul Greulich, der bei dem Termin selbstredend dabei ist, verkauft dem Paar dann noch eine unnötige Lebensversicherung zu teuren monatlichen Raten. Die Begründung: „Das ist gut für die Erben, haben die wenigstens was davon.“ Ich muss die Termine immer mit Greulich abstimmen. Dabei kommt es nicht selten vor, dass Greulich von mir genau den zu erwarteten Umfang des Abschlusses eingeschätzt haben will, was natürlich schwer zu sagen ist. Wenn ich von einer Hausratversicherung spreche, um die es bei dem Telefonat gegangen ist, dann will Greulich wissen, ob der Interessent auch schon eine Lebensversicherung besitzt. Das soll ich stets erfragen, da der Abschluss von Lebensversicherungen ihm, Greulich, eine höhere Provision einbringt. Verneine ich das, dann kann es gut sein, dass Greulich den Termin platzen lässt. Das wurmt mich jedes Mal fürchterlich. Überhaupt ist mir Greulich nicht sehr sympathisch. Das liegt aber nicht nur am Äußeren von Paul Greulich. Er ist nicht sonderlich groß, Ende dreißig, hat eine Stirnglatze und ein immer gerötetes, rundliches Gesicht, aus dem winzige Augen-Knöpfe lugen, die mit einer für die achtziger Jahre altmodischen Hornbrille verdeckt sind. Sein Anzug, ein beigefarbener Cordanzug, der auch schon bessere Tage erlebt haben muss, ist ihm über den Bauch ein wenig zu eng geworden, sodass er die Knöpfe offenlässt. Bei schlechtem Wetter trägt er darüber einen Trenchcoat in grau, der zu dem beigen Anzug einen ordentlichen Kontrast bildet. Er wechselt auch nur die Hemden und Krawatten, nicht aber den Anzug. Die Krawatten aber wählt er in Farben, die das breite Spektrum der Farbenlehre widerspiegeln. Die Hosenbeine sind etwas zu kurz geraten, das lässt ihn wie einen aus der Zeit gefallenen Buchhalter aussehen. Seine Zähne haben die Farbe eines Postautos und seine Finger sind ebenfalls vergilbt. Sein Atem riecht nach kalten Zigaretten, vermischt mit Kaugummi, der im Kampf um die frische Atemluft nur zweiter Sieger wurde. Das Unsympathische an Greulich ist für mich vor allem aber der Umgang und das Gebärden bei den Kunden selbst. Er setzt sich grundsätzlich nur an den Rand des Stuhls und kommt mit seinem Gesicht sehr nahe dabei an sein Gegenüber. Beim Reden bildet sich immer so etwas wie weißer Schaum in den Mundwinkeln, obwohl er sehr bedacht redet und dabei auch noch sehr leise, sodass gerade ältere Leute oftmals nachfragen müssen, da sie ihn akustisch nicht verstehen können. Überhaupt seine Stimme. Seine Figur ist für die Höhe der Stimmlage zu üppig ausgefallen oder umgekehrt. Als ich ihn schon sehr zeitnah bei dem ersten oder zweiten Termin auf das leise Sprechen aufmerksam mache, das natürlich erst, nachdem wir uns vom Kunden entfernt haben, erklärt Greulich mit sarkastischem Unterton: „Udo, das solltest du dir unbedingt auch angewöhnen, nicht wahr. Es ist gut, dass die Leut` nicht alles verstehen. Dann kann man denen auch noch eine Versicherung aufschwatzen, die sie nicht unbedingt brauchen, nicht wahr. Dann kannst ja hinterher immer sagen, dass du denen das erklärt gehabt hast, wenn aber keine Nachfrage kommt, kannst du davon ausgehen, dass sie mit der Unterschrift alles verstanden haben, nicht wahr. Dann ist ein Widerspruch wertlos und mein Provisionskonto schneller gefüllt, nicht wahr.“ Greulich kiekst dabei laut auf und verzieht sein Gesicht zu einem breiten Grinsen, das seine Brille auf der Nase tanzen lässt. Darauf brodelt es in mir. Mit so einer Antwort habe ich nicht gerechnet. Auch geht mir das dauernde nicht wahr auf die Nerven. „Ja aber Paul, das ist doch nicht in Ordnung! Die merken doch spätestens, wenn die Police zu denen nach Hause geschickt wird, was sie gekauft haben und wieviel sie monatlich dafür zahlen müssen.“ Paul schaut mich mitleidig an. „Ach geh, Udo, du bist ja ganz schön naiv. Ich weise sie doch vor der Unterschrift nochmal darauf hin, wie hoch die monatliche Rate ausfällt, nicht wahr. Erst danach unterschreiben sie den Vertrag, das hast du doch mitbekommen, nicht wahr.“ Du gerissenes Arschloch denke ich mir und kontere: „Ich habe nur mitbekommen, dass die eben nicht alles mitbekommen haben, nicht wahr!“ Das gefällt Greulich, jetzt ist er in seinem Element. Dass ich ihn nachahme, fällt ihm nicht auf oder er will es absichtlich überhören. „Udo, du hast es doch auch lieber, wenn du zu deiner Süßen nach Hause kommst und sagen kannst, Schatzl, am Wochenende gehen wir groß essen, da werde ich dich mal so richtig verwöhnen. Und denk an die Lebenshaltungskosten hier in München, die sind nicht ohne. Oder warum wolltest du nochmal einen Zweitjob?“ Das sitzt, denkt Greulich. Der will doch auch gutes Geld verdienen, da muss er lernen, es mit der Wahrheit nicht immer so genau zu nehmen.

Schnellen Schrittes gehen wir beide mit gesenktem Kopf auf der Lindauer Straße in Pasing Richtung Bahnhof, wo das Auto von Greulich geparkt ist. Der sonnige Nachmittag im September ist im Begriff sich viel zu schnell in einen bewölkten Feierabend zu wandeln. Ein letztes Flackern des Sonnenlichtes ist zu erhaschen, nicht mehr lange und es ist stockdunkel. Greulich greift nach seinen Zigaretten, nimmt eine heraus, steckt sie an, inhaliert und atmet eine blaue Wolke aus, die mit ihrem Schatten den letzten Lichtstrahl der Sonne schneidet und dann weiß wird. „Paul, ich muss schon sagen, du hast recht, ich möchte natürlich liebend gern meine Frau und die Kinder mal mit einem Extra verwöhnen, das wir uns auch leisten können.“ Ich bleibe stehen und auch Greulich stoppt augenblicklich das Tempo. Paul Greulich grinst verzückt in sich hinein. „Endlich hast du es kapiert, Udo, du lernst ja doch noch dazu, nicht wahr!“ Wieder zieht Paul kräftig an seiner Zigarette, sodass die Glut feuerrot sich fast bis zu seinem Mund durchbrennt. Er bläst dicke Rauschkringel in die Höhe indem er seinen Kopf in den Nacken neigt, erst dann drückt er den Rest der Glut gemeinsam mit der Kippe auf dem Gehweg aus. „Ja, ja, Paul, aber erstens nenne ich meine Frau nicht Schatzl und zweitens entspricht das ganz und gar nicht meiner Philosophie.“

„Was entspricht denn deiner Philosophie, Udo? Vorsicht, lass erst das Auto vorbei“, sagt er, weil er glaubt, ich will ohne zu schauen die Straße überqueren. Nachdem wir uns beide vergewissert haben, dass kein Auto uns überfahren kann, gehen wir schnurstracks auf den Parkplatz neben dem Pasinger Bahnhof zu. „Ich denke halt, was du nicht willst, was man dir tue, das füge auch keinem anderen zu. Ich glaube an das Prinzip Aktion und Reaktion. Damit habe ich in meinem Leben bis jetzt nur gute Erfahrungen gemacht.“ Mit einer Geste bedeutet mir Greulich, in sein Auto zu steigen, das wir nun erreicht haben. „Ich fahre dich zu deiner Frau und Kindern nachhause, steig` ein, dann reden wir weiter, nicht wahr.“ Die Ausfahrt vom Parkplatz erweist sich als Hindernisfahrt. Einige Fußgänger und Fahrradfahrer, die es offenbar eilig haben ihren Zug zu erreichen, blockieren vor der Ausfahrt die Straße, was Greulich wie einen Rohrspatz schimpfen lässt. Er rutscht hinter seinem Lenkrad vor, stößt mit seiner Nasenspitze fast schon an die Scheibe und flucht auf tief bayerisch einige Kraftwörter in Richtung der Leute und wedelt wie ein verrückt gewordener Gnom mit den Händen vor seinem Gesicht herum. Niedere Instinkte bahnen sich einen Weg in die Öffentlichkeit. Vor dem Wagen scheint keiner Notiz von ihm zu nehmen. Ich amüsiere mich, weil mich die Szene an einen Ausschnitt in einem Film mit Louis de Funès erinnert. Mir fällt sogleich auch der Titel des Films ein: Der Gendarm von Saint Tropez. „Entspann dich, Paul. Die wollen doch auch nur ihren Zug erreichen, gleich kannst du fahren. Rechts ist frei…“ Scheinbar merkt Paul erst jetzt, wie albern er sich vor mir benimmt. Er setzt sich gerade, lehnt sich zurück und gibt Gas. Die nächsten Kilometer bis in Höhe Laim redet keiner ein Wort. Dann fragt Paul, wo wir in der Diskussion stehen geblieben sind. Ich wiederhole noch mal meine philosophische Sichtweise der Dinge: „Ich denke halt, dass das, was du in Gedanken oder in Worten von dir gibst, in der gleichen Qualität zu dir als Sender zurückkommt. Und damit schadet jeder letztendlich nur sich selbst. Deswegen kann es mir egal sein, wie du dich bei den Leuten verhältst, es muss mir sogar egal sein, sonst würde ich mir selber schaden, wenn ich dich dafür in gleicher Weise kritisieren würde. Du selber sorgst schon dafür, wie deine Zukunft aussehen wird. Alles andere wäre auch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit in meinen Augen.“ Schwupps sind wir mitten in meinem Lieblingsthema. Von keiner anderen Thematik bin ich so überzeugt und bereit, meine Meinung so vehement zu vertreten. „Udo, so hat jeder seine Ansichten, ich habe da eine andere.“ Er rümpft die Nase und schnäuzt in sein Taschentuch. „Ja, ich weiß, von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenfalls war, nur, jeder muss aber auch auf seine Weise mit der Reaktion leben.“ Provozierend gelangweilt schaut Greulich geradeaus und tastet mit einer Hand am Autoradio herum. Dann kramt er nach seinen Zigaretten, überlegt es sich wohl anders und blickt kurz in meine Richtung. „Du kannst damit ja in einen Debattierclub gehen oder ein Buch schreiben oder Vorträge halten. Am Ende zählt, was du am Monatsersten im Portemonnaie hast und wie du deine Familie ernähren kannst, nicht wahr. Denk an meine Worte. So, genug philosophiert, plane die nächsten Termine und grüß deine Frau und die Kinder. Bis neulich, wir sind da, und Servus.“ Mit einer Geste macht Greulich klar, dass Widerrede zwecklos ist und er zeigt dabei demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Servus Paul, ich ruf dich an, sobald ich einen Termin ausgemacht habe.“ Kaum schlage ich die Autotür zu, gibt Greulich Gas und ich sehe nur noch die Rücklichter kurz vorm Abbiegen um die nächste Ecke. Das kann ja heiter werden. Schnell sehe ich zu, dass ich in die Wohnung komme. Meiner Frau Rose erzähle ich von solchen Diskussionen nichts, ich will sie damit nicht behelligen und schon gar nicht aufregen. Ich weiß ja, sie würde mir zum Kündigen raten und sagen, dass wir auch ohne die 500 D-Mark zurechtkommen. Ausschlaggebend für die spätere Kündigung ist aber ein anderer Grund, der schon bald eintritt. Ich verdränge solche Situationen mit Greulich und sage mir, jeder muss sich die Suppe auslöffeln, die er sich selbst eingebrockt hat. Ich würde so jedenfalls nie mit Menschen umgehen wollen. Ich sehe auch die guten Seiten des Versicherungsjobs. Ich werde zu Ausbildungsseminaren an Wochenenden in fünf Sterne Hotels eingeladen ohne einen Pfennig dafür zahlen zu müssen. So lerne ich meine Rhetorik zu verbessern, Verkaufsverhandlungen zu führen, Termine zu akquirieren und bekomme von den festangestellten Kollegen wertvolle Tipps mit auf den Weg. Zu irgendwas muss es ja gut sein, dass ich an diesen Job gekommen bin, umsonst ist nichts im Leben.

Rose: Ich halte Udo den Rücken frei und unterstütze ihn in jeder Hinsicht, solange er sich nur wohl dabei fühlt. Und 500 D-Mark haben oder nicht, macht auch einen Unterschied. Eigentlich will ich eine gute Visagistin werden und mir eine Möglichkeit am Theater in München suchen, immerhin bietet eine Stadt wie München viel mehr Möglichkeiten als ich zuvor in der Provinz je gehabt habe. Zusammen mit Udos Beamtengehalt würden wir auch in so einer teuren Stadt, wie München nun mal ist, gut zurechtgekommen. Nach der Geburt des zweiten Kindes kann ich all diese Pläne beerdigen. Aber ich tue es gerne, um mich voll und ganz der Förderung und Erziehung der Kinder, vor allem des zweiten Kindes, das mit Down Syndrom auf die Welt kommt, zu widmen. Das bringt mir Freude und ich sehe darin auch keine Arbeit. Ich gehe ganz in der Mutter und Hausfrauenrolle auf, ohne mein Äußeres für Udo zu vernachlässigen.

Udo: Rose ist eine zierliche, gutaussehende fünfundzwanzigjährige Frau mit dunklen Locken und schönen grünen Augen. Sie hat sich eine sehr positive Grundeinstellung zu allen Dingen und Menschen bewahrt und kann mich gut motivieren. Sie ist als Vollwaise in einem Internat aufgewachsen und hat dort auch ihr Talent für die Hauswirtschaft entdeckt. Eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin hat sie mit Bravour abgeschlossen. Erst später macht sie noch eine zweite Ausbildung zur Visagistin, weil man damit mehr verdienen kann. Im Grunde sind wir beide wie eine Art Seelenverwandte. In allem, was sie tut, geht sie sehr diszipliniert zu Werke und erzielt damit gute Ergebnisse. Sie ist auch in finanziellen Dingen sparsam und nicht sehr anspruchsvoll. Eine Frau zum Pferdestehlen. Genau die Frau, die ich mir immer ersehnt habe. Da ich sowieso nicht an Zufälle glaube, ist es für mich Fügung des Schicksals, wie sich mein Leben bisher entwickelt und noch entwickeln wird.

*

Vor gut einem Jahr, es ist ein Freitag im September 1986, fegt ein heftiges Unwetter über München. Sturm und dicke Hagelkörner, so dick wie Golfbälle, verwüsten binnen Minuten ganze Straßenreihen, deckt Dächer ab, zerbeult Autos, die im Freien stehen, und richtet einen immensen materiellen Schaden an. Jetzt kommt es von überall her zu vielen Anrufen bei den Versicherungen. Wohl dem, der eine gute Absicherung hat. Auch die Versicherung, bei der ich nebenberuflich tätig bin, muss mit hohen Summen die Schäden ihrer Versicherten ausgleichen. Es kommt dann zu einem für mich folgenschweren Termin. Paul Greulich ruft gleich am Sonnabend, dem Tag, nachdem das Unwetter gewütet hat, in der Früh bei mir an und teilt mir mit, dass er am Mittag zu einem Termin in meinen Stadtteil fahren muss und ich doch bitte dazukommen solle. Er nennt die Uhrzeit und Adresse und legt auf. Wie sich rausstellt, treffen wir uns vor einem Siedlerhäuschen aus den fünfziger Jahren und man kann schon vom Weiten sehen, dass einige Dachziegel fehlen und auch die Dachrinne teils abgerissen ist. Irgendwie hat es etwas Trostloses, was sicher auch dem schlechten Wetter geschuldet ist. Den ganzen Morgen regnet es wie aus Kübeln. Normalerweise erwartet man einen milden Spätsommer um diese Jahreszeit, der das Land in warmes Licht hüllt und den Abschied an den schönen Sommer in langsamen Schritten einleitet. Jetzt sieht es eher nach abrupten Winteranfang aus. Sollte tatsächlich ein Kälteeinbruch einsetzen, oh Gott, was würde das für eine Katastrophe bedeuten, jetzt, wo so viele Häuser ohne heile Dächer dastehen? Auch der Regen ist schon schlimm genug, aber wenn tatsächlich Frost dazu kommt, werden die Schäden ins Unermessliche steigen. Nachdem Paul und ich uns begrüßen, die Regenschirme unter der Überdachung beim Eingang Platz finden, sagt Paul beim Klingeln an der Haustüre zu mir: „Lass mich reden Udo und hör genau zu, kannst wieder was fürs Leben lernen, nicht wahr.“ Eine ältere Dame, weiße dauergewellte Haare, und mit einem fröhlichen Gesicht macht die Türe auf und freut sich, dass die Versicherungsherren so schnell eingetroffen sind. „Kommen sie rein, meine Herren, darf ich ihnen etwas zu trinken anbieten, einen Kaffee vielleicht oder ein Glas Wasser?“ Greulich schaut zu mir und sagt dann für uns beide „nein danke, es dauert ja nicht lange und wir wollen ihre Zeit auch nicht unnötig in Anspruch nehmen.“ Die Dame schaut lächelnd zu mir, ich hätte eigentlich gegen eine Tasse Kaffee nichts einzuwenden, genötigt von Greulichs Ansage sage ich aber ebenfalls „nein, Danke.“

„Setzten Sie sich doch, ich habe die Police bereits rausgesucht, das sollte auch kein Problem für ihre Versicherung sein, mir den Schaden, der entstanden ist, zu ersetzen. Mein verstorbener Mann hat immer akribisch darauf geachtet, dass die Raten pünktlich an jedem Ersten gezahlt worden sind. Bis jetzt haben wir all die Jahre, seitdem mein Mann die Versicherung abgeschlossen hat, das war vor etwa dreißig Jahren, noch nie einen Schaden am Haus gehabt, wofür wir hätten die Versicherung in Anspruch nehmen müssen.

Da bin ich ja froh, dass sich mein Mann um solche Sachen gekümmert hat. In der Nachbarschaft wohnt auch die Handwerksfirma, die ich bestellen kann, um den Schaden reparieren zu lassen.“ Greulich räuspert sich und sagt dazwischen: “Gute Frau, zeigen sie mir mal die Police, bitte. Ich schau mir das mal an, ob sie gegen Sturm und Hagelschäden explizit versichert sind, nicht wahr.“ Er blättert stirnrunzelnd die Seiten durch und sagt zwischendurch immer wieder mal „ah ja“, und, als er zu Ende gelesen hat, „Frau König, das sollte kein Problem sein. Bestellen Sie mal schon am Montag die Handwerker und lassen Sie die Schäden reparieren. Ich habe mir das draußen bereits angeschaut und festgestellt, dass es hier ja glimpflich abging, die Schäden dürften nicht allzu groß sein, nicht wahr. Reichen Sie die Rechnung ein, das Geld geht Ihnen dann umgehend zu. Hier ist meine Karte. Wenn Sie noch Fragen haben, rufen Sie mich gerne an, nicht wahr. Oder Sie rufen meinen jungen Kollegen, Herrn Kaup an, der wohnt auch nur ein paar Straßen von Ihnen entfernt, der ist auch für Sie zuständig, nicht wahr.“ Zu mir schauend zeigt er mit einer Handbewegung, dass ich der alten Dame ebenfalls meine Visitenkarte geben soll. „Hier Frau König, das ist meine Karte, wenn Sie noch Fragen haben, rufen Sie bitte unter der unteren Telefonnummer an, das ist meine Privatnummer. Am besten aber immer erst nach 17.00 Uhr, da können Sie sicher sein, mich zu erreichen.“ Greulich erhebt sich aus dem Sessel und bedeutet mir mit einer Kopfbewegung gehen zu wollen. „Auf Wiedersehen Frau König und ein schönes Wochenende.“ Frau König strahlt und freut sich, so eine gute Versicherung zu besitzen. „Vielen Dank meine Herren. Auch, dass sie so schnell vorbeigekommen sind. Dann kann ich ja wieder beruhigt schlafen.“ Draußen vor der Türe angekommen freue ich mich, auch darüber, dass Greulich schnell zur Sache gekommen ist und mir so noch der freie Samstagnachmittag zur Verfügung steht. „Danke Paul, das lief ja prima. Freut mich, dass der alten Dame so schnell geholfen werden kann.“ Wieder grinst Paul Greulich süffisant, was mir hätte zu denken geben müssen, denn er entgegnet vielsagend: „Udo, der kleine Schaden, das sind vielleicht drei bis viertausend Mark, da befasst sich doch so ein Versicherungskonzern nicht groß damit, da gibt es doch ganz andere Schadensumfänge, die in die hunderttausende gehen. Da wird es erst interessant. Gut, wer da ausreichend versichert ist, nicht wahr.“ Was soll jetzt diese Aussage? „Das stimmt, Paul. Aber für so eine alte Dame, die von einer kleinen Rente leben muss, sind auch dreitausend Mark eine Menge Holz. Nur gut, dass ihr verstorbener Mann bei euch die Versicherung abschlossen hat. Sonst müsste sie verdammt lange dafür stricken.“ Paul geht eiligen Schrittes voraus und ich habe Mühe mit ihm mithalten zu können. „Schaun mer mal“, sagt Paul augenzwinkernd zu mir, „noch ist ja nicht aller Tage Abend.“ Er wischt sich mit einer Hand über den Mund, holt sich eine Zigarette aus der Packung und steckt sie sich in den Mund ohne sie anzuzünden. Pack mers, schönes Wochenende für dich und deine Familie. Ich muss noch ein paar Termine abfahren, bevor ich Feierabend habe.“ Na, egal, das können wir auch noch die nächsten Tage besprechen. „Servus Paul, schönes Wochenende trotzdem.“ Wir nehmen die Regenschirme, zwischenzeitlich hat es aufgehört zu regnen, und gehen jeder unserer Wege. Paul Greulich kann auf gewisse Art auch charmant sein, denke ich mir, nur was hat er damit wieder gemeint, noch nicht aller Tage Abend?

*

Ungefähr zwei Wochen nach diesem Termin, ich habe ihn schon längst vergessen, komme ich mit der S-Bahnlinie 6 von meiner Arbeitsstelle in Pasing nach Hause, als mich schon meine Rose in Empfang nimmt und mir mitteilt, ich brauche mich gar nicht erst umziehen, eine Frau König habe angerufen, ich solle doch dringend bei ihr vorbeikommen, es ginge um den Versicherungsschaden am Haus. „Udo, diese Frau klang ziemlich verzweifelt am Telefon. Sie sagte etwas von Nichtanerkennung des Schadens wegen Unterversicherung und so weiter. Kannst du bei ihr gleich mal vorbeifahren und nach dem Rechten sehen?“ Mich durchfährt es eisig kalt und eine Ahnung steigt in mir auf. „So eine Sauerei, was hat denn Greulich da wieder verzapft? Er hat der Dame doch zu verstehen gegeben, dass mit der Police alles klar ist und sie die Handwerker schon bestellen könne.“

Rose: Udo kann sich sehr schnell echauffieren. Das mag ich gar nicht und sage beruhigend zu ihm: „Davon verstehe ich eh nichts, es ist besser, du setzt dich ins Auto und fährst gleich mal bei ihr vorbei und regelst das vor Ort.“ Eigentlich hatte er vor, neue Termine zu akquirieren, das kann er ja nun vergessen. Immer noch schnaubend antwortet er mir, „ja, besser ist es, ich hole meine Tasche und bin dann mal weg.“

Udo: