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Es gibt viele Wege, gute Eltern zu sein. Doch eines braucht jede glückliche Familie: eine sichere Eltern-Kind-Bindung, die Verbundenheit und Vertrauen schafft. Kinder, die so großwerden, erleben ihr Elternhaus als verlässlichen Hafen, aus dem sie selbstbewusst aufbrechen und in den sie ohne Angst zurückkehren können. So bleiben Eltern und Kind ein Team – selbst in den stürmischen Zeiten der Pubertät. Die erfahrene Pädagogin Inke Hummel zeigt, wie ein entspanntes Familienleben mit Teenagern gelingt: Wie bleibe ich mit meinem Kind in Kontakt? Wie führe ich Gespräche ohne zu streiten? Wie verändert sich meine Elternrolle, wenn mein Kind älter wird? Der perfekte Ratgeber für alle Eltern, deren Kind gerade in die Pubertät startet oder schon mittendrin steckt.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Vorwort von Nora Imlau
Bindung ist der Schlüssel
Die Pubertät – was ist das eigentlich?
Beziehung und Bindung als Leitmotive
Das ist dein Job!
Keine Angst vor der Pubertät
Wie kann das gelingen?
So verändert sich meine Elternrolle
Vom Kind zum Teenie – auf eigenen Wegen
Zu viel Streit heißt: Wir müssen genauer hinschauen
Großsein muss geübt werden
Beziehung schön und gut – doch wo bleibt die Erziehung?
Durch den Alltag der Pubertät
Was passiert bei den Jugendlichen?
Die Grundpfeiler der Beziehung
Bindung: Wie bleibe ich eng an meinem Teenager?
Was kannst du tun?
Ehrlich bleiben
Beziehung: Wie bleiben wir ein Team?
Was kannst du tun?
Aktiv werden
Informieren: Was ist Pubertät und was macht Pubertierende aus?
Was kannst du tun?
Was ist da los?
Das solltest du tun!
Wertschätzung: Wie bleibt ihr auf Augenhöhe?
Was kannst du tun?
Respekt: Wie lebt man ohne Strafen?
Das solltest du nicht tun!
Was kannst du tun?
Das solltest du tun!
Und was ist mit „Konsequenzen”?
Reden: Wie reden (und streiten) wir echt miteinander?
Erzählen und zuhören
Rituale helfen
Geheimnisse immer bewahren!
Das solltest du nicht tun!
Das solltest du tun!
Bleib auf Augenhöhe
Aufeinander zugehen – nicht aufgeben!
Die Woche im Rückblick
Vertrauen und Verantwortung: Soll ich meine Kontrolle langsam aufgeben?
Was kannst du tun?
Das solltest du nicht tun!
Das solltest du tun!
Mit sein: Wie verbringe ich gute Zeit mit meinem Teenager?
Was kannst du tun?
Das solltest du tun!
Freunde: Wie gehe ich mit den Gleichaltrigen um?
Was kannst du tun?
Entspann dich!
Alltagsregeln: Wie finden wir klare Regelungen?
Was kannst du tun?
Das solltest du tun!
Vorbild sein: Wie kann ich meinem Teenager Orientierung geben?
Was kannst du tun?
Das solltest du tun!
Selbstfürsorge: Wie komme ich selbst nicht zu kurz?
Was kannst du tun?
Nimm dich wahr!
Das solltest du tun!
Nein sagen können
Gelassenheit
Sich verzeihen können
Optimismus: Wie schaffe ich es, im Chaos nicht nur genervt zu sein?
Was kannst du tun?
Gruppendruck und Sucht: Wie gehen Teenager stark ins Leben?
Starke Teenager: Mein selbstbewusstes, mitfühlendes Kind
Was kannst du tun?
Gutes Streiten: Mein konfliktfähiges Kind
Was kannst du tun?
Die Clique: Mein Kind in Freundschafts- und Liebesbeziehungen
Was kannst du tun?
Im Netz: Mein sozial gut eingebettetes Kind
Was kannst du tun?
Weltbild: Mein Kind und seine eigene (politische) Meinung
Was kannst du tun?
Ich sehe das anders: Mein kritisches Kind
Was kannst du tun?
Ein Nein ist okay: Mein Kind wird respektiert
Was kannst du tun?
Medien, Schule, Alkohol: Wie vermeide ich konkrete Konfliktsituationen?
Helfen, ohne zu helikoptern
Mediennutzung: Wie lernt mein Teenager einen guten Umgang?
Mögliche Risiken
Was kannst du tun?
Chaos im Kopf: Wie bleibt ein bisschen Ordnung im Alltag?
Was kannst du tun?
Ordnung auch im Portemonnaie
Lernen mit Sinn
Zeit im Blick
Schule, Leistung, Stress: Wie kann ich helfen, mit Druck gut umzugehen?
Was kannst du tun?
Kleinschrittig voran
Nichts geht mehr?
Alkohol & Drogen: Wie bleibt mein Teenager verantwortungsbewusst?
Was kannst du tun?
Gefährlicher Rausch
Fragwürdige Freunde: Wie gehe ich mit schlechtem Einfluss um?
Was kannst du tun?
Andere ins Boot holen
Vorbild und Nähe
Körper & Gesundheit: Wie kann ich bei einem gesunden Leben unterstützen?
Was kannst du tun?
Beweg dich mit!
Experimente ohne Dauer
Hygiene lernen
Mein Körper gehört mir!
Schlaf: Was mache ich, wenn mein Teenager kaum noch zur Ruhe findet?
Was kannst du tun?
Liebe & Intimität: Wie bereite ich meinen Teenie auf die erste Liebe vor?
Was kannst du tun?
Liebeskummer lohnt sich
Auf dem Weg
Unsicherheiten & Aggressionen: Wie helfe ich bei emotionaler Überforderung?
Was kannst du tun?
Gemeinsam aktiv werden
Tonfall & Gefühle: Wie halte ich die schlechte Laune meines Teenies aus?
Was kannst du tun?
Werte & Moral: Wie vermittle ich meinem Teenager wichtige Grundlagen?
Was kannst du tun?
Echte Gefahren
Berufsfindung: Wie helfe ich meinem Teenager dabei, sich zu orientieren?
Was kannst du tun?
Verschiedene Wege denken
Selbstfindung: Wie unterstütze ich mein Kind dabei, sich abzunabeln?
Was kannst du tun?
Der Teenie wird unabhängig
Eine Kolumne von Christian Hanne: Relax! Der entspannte Weg durch die Pubertät
Nachwort
Es geht nicht ums (reibungslose) Funktionieren!
Es gibt keine Bedienungsanleitungen!
Danksagungen
Literaturempfehlungen
Weiterführende Adressen
Es gibt unzählige Wege, gute Eltern zu sein. Doch das Fundament gelingenden Familienlebens ist immer gleich: Damit wir uns miteinander wohlfühlen, braucht es eine sichere Bindung als Basis.
Bindung bedeutet Sicherheit. Das Gefühl, zusammenzugehören, was immer geschieht, trägt Familien auch durch schwere Zeiten.
Bindung bedeutet Beziehung, Verbundenheit, Vertrauen. Kinder, die sicher gebunden großwerden, erleben ihr Elternhaus als sicheren Hafen, aus dem sie selbstbewusst aufbrechen, in den sie aber auch immer angstfrei zurückkehren können.
Bindung bedeutet Stabilität trotz beständigem Wandel. Denn so wie sich die Eltern-Kind-Beziehung im Laufe der Jahre wandelt, so verändert sich auch die Bindung mit, passend zu den Bedürfnissen selbstständig werdender Kinder und älter werdender Eltern.
Wenn wir über Bindung sprechen, dann reden wir meist über ganz kleine Kinder. Und es ist ja auch wahr, dass in den ersten Lebensjahren ganz entscheidende Meilensteine im Bindungsaufbau passieren. Indem wir feinfühlig und prompt auf unsere Babys reagieren, stärken wir ihr Vertrauen in uns und die Welt. Durch den ganz engen Körperkontakt, der für die allerersten Lebensmonate typisch ist, spüren wir unsere enge Verbundenheit jeden Tag am eigenen Leib. Und wenn wir unsere kleinen Kinder trösten und beruhigen, ins Bett bringen und einkuscheln, wenn wir mit ihnen schmusen und spielen, fühlen wir sie in jeder Pore unseres Körpers, die ganz besondere Verbindung zwischen uns.
Doch je älter Kinder werden, desto weniger wird über ihre Bindungsbedürfnisse gesprochen. Als gingen wir davon aus, der Aufbau einer guten Bindung sei irgendwann einfach abgeschlossen. Das spiegelt sich auch in der aktuellen Ratgeberliteratur wider: Bücher über die Bedürfnisse von Babys gibt es unzählige. Über Kleinkinder gibt es dann schon weniger, über Schulkinder noch weniger – und dann fällt das Thema Bindung nahezu völlig unter den Tisch. Dabei ist es unglaublich wichtig, die Bindung zu unseren Kindern auch in jener spannenden Umbruchphase zu fördern und zu pflegen, in der sie langsam erwachsen werden.
Deshalb bin ich so froh über dieses Buch, in dem die erfahrene Pädagogin Inke Hummel die Bindungsbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen vom Beginn der Pubertät an genau unter die Lupe nimmt und Eltern ganz praktische Hinweise an die Hand gibt, wie sie auch diese stürmische Zeit im Leben ihres Kindes bindungsstark begleiten können. Denn auch wenn uns unsere Kinder irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes über den Kopf wachsen, brauchen sie uns noch immer als liebevolle und wertschätzende Wegbegleiter.
Das klingt so logisch und ist doch so schwer zu leben. Denn Teenager sind herausfordernde Zeitgenossen. Sie sind nicht mehr so klein und süß, dass wir ihnen jeden Wutausbruch leichten Herzens verzeihen – und brauchen unsere Großherzigkeit trotzdem nicht weniger als damals mit drei Jahren. Sie kämpfen vehement für ihre Freiheiten – und fühlen sich gleichzeitig schnell alleingelassen, wenn wir sie einfach alles machen lassen, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Sie verstehen sich oft selbst nicht mehr, sind voller Widersprüche und Selbstzweifel – und wollen doch nicht von uns sortiert und aufgeräumt werden.
All das versteht Inke wie keine andere.
Und das liegt an ihrer unglaublichen Herzensbildung, die ihr umfassendes entwicklungspsychologisches Wissen in einmaliger Art ergänzt. Inke analysiert nicht nur, was in der Eltern-Kind-Beziehung vor sich geht. Sie fühlt sich ein, schwingt mit. Sie sieht Eltern und Kinder, wie sie wirklich sind, mit all ihren Brüchen und Widersprüchen. Sie bewertet nicht und mahnt keine unerfüllbaren Standards an, sondern lädt dazu ein, das Bestmögliche möglich zu machen, mit den Ressourcen, die da sind. Das macht ihre Arbeit nicht nur unglaublich entlastend, sondern richtiggehend heilsam.
Wenn ich Eltern, die sich hilfesuchend an mich wenden, an Inke und ihr pädagogisches Beratungsangebot verweise, bekomme ich immer wieder Rückmeldungen voller tiefer Dankbarkeit: „Wir hätten nie gedacht, wie viel Gutes aus so einer Familienbegleitung erwachsen kann!” Häufig höre ich, dass Eltern sich an Inke gewandt haben, um ihr Kind besser zu verstehen – um plötzlich festzustellen, dass sie in der Arbeit mit ihr vor allem ganz viel über sich selbst gelernt haben.
Denn Inkes Ansatz ist es nicht, an einzelnen Symptomen herumzuschrauben, sondern Familien als individuelle und hochkomplexe Systeme zu begreifen.
Wenn Eltern unsicher sind, spiegelt sich das im Verhalten ihrer Kinder. Trauen die Erwachsenen in einer Familie sich nicht, ihre eigenen Grenzen zu zeigen, machen sich Heranwachsende auf die Suche nach eben diesen Grenzen. Und stimmt etwas in der Beziehung zwischen den Elternteilen nicht, hat auch das Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder.
In der pädagogischen Arbeit mit Eltern ist es unglaublich leicht, in die Schuldfalle zu tappen. Wer ist der Böse, wer ist der Gute in der Eltern-Kind-Beziehung? Welcher Elternteil hat den Fehler gemacht?
Mit viel Achtsamkeit und Feinfühligkeit löst Inke dieses Schulddenken auf und führt Eltern stattdessen dahin, Verantwortung für sich selbst und ihre eigenen Gefühle zu übernehmen, um ihren Kindern die Eltern sein zu können, die sie brauchen. Dabei weiß sie als Mutter dreier eigener, sehr unterschiedlicher Kinder aus eigener Erfahrung, dass längst nicht jeder Teenie das Gleiche von uns braucht. Sondern dass zur lebendigen Beziehungspflege auch gehört, jedes Kind in seinen individuellen Bedürfnissen zu sehen und sich immer wieder darum zu bemühen, ihm das Gegenüber zu sein, das es jetzt gerade benötigt.
Als Mutter von vier Kindern, von denen das älteste gerade an der Schwelle zur Pubertät steht, sage ich deshalb auch ganz persönlich aus tiefstem Herzen Danke für dieses Buch, das auch mir dabei hilft, meinen Weg durch die Herausforderungen der vor uns liegenden Jahre zu finden. Einen Weg, den wir vor vielen Jahren mit einer kuscheligen Babyzeit eingeschlagen haben und von dem ich mir wünsche, dass er genauso achtsam und liebevoll weitergeht, wie er einst begann.
Bindung ist der Schlüssel zum Familienglück, davon bin ich zutiefst überzeugt.
Und mit diesem Buch weist Inke Hummel Eltern den Weg, wie sie ihn finden und bewahren können. Viel Freude beim Lesen!
Nora Imlau
Dein Kind steckt mitten in der Pubertät oder zeigt zumindest die ersten Ansätze von jugendlichem Aufbegehren? Du machst dir Sorgen und suchst Hilfestellung? Sei dir einer Sache bewusst: Du bist nicht allein!
Diese Entwicklungsphase unserer Kinder ist für die meisten Eltern wohl eine beängstigende Zeit. Sie ist gedanklich beladen mit vielen möglichen Problemen und Konfliktherden.
Zum Glück ist das Selbstverständnis vieler Eltern über die letzten Jahre oder auch Jahrzehnte ein anderes geworden. Und auch unser Bild der Eltern-Kind-Beziehung ist nicht mehr das gleiche wie in unserer eigenen Jugendzeit.
Vielleicht liegt die Angst vor der Pubertät in unseren Köpfen auch daran, dass immer nur jene Teenies auffallen und uns in Erinnerung bleiben, die über die Stränge schlagen. Denn „so ein Kind” will man selbst nicht! Und vielleicht empfinden wir die Pubertät deshalb als besonders gruselig, da das häufig beschriebene Zuviel im Verhalten der Teenies durchweg als gefährlich aufgefasst wird. Dabei ist es nicht schlimm, Risiken einzugehen, sondern oft okay und sogar wichtig für diese Lebensphase. Die Jugendlichen sollen sich doch ausprobieren. Grenzen erkennt man, indem man sie auch mal überschreitet. Und: Die wenigsten kommen komplett vom Weg ab!
Waren wir Eltern so anders damals im gleichen Alter?!
In Beziehung zu bleiben und Wert auf Bindung zu legen ist heutzutage das Leitmotiv! Und diese Art des Umgangs miteinander in der Familie muss nicht nach dem Babyjahr enden, sondern kann unsere Grundhaltung sein, bis unsere Kinder das Haus verlassen. Und noch 4dcarüber hinaus.
Beziehung meint vor allem unser gutes Miteinander und In-Kontakt-Sein. Bindung heißt zudem die sichere, möglichst prompte Verlässlichkeit und feinfühlige Verbindung als Basis für das Heranreifen des Kindes. Dazu später noch mehr.
Was kann der intensive Blick auf Beziehung und Bindung genau für eine Familie bedeuten? Und: Ist das nicht einfach nur „Kuschelpädagogik”?
„Geht nicht!”, sagen Verfechter von eher autoritären Erziehungsmodellen, bei denen sich Eltern zu sehr darauf fokussieren, eine enge, gute Beziehung zu ihren Kindern im Jugendalter zu haben. Aber das zeigt nur, dass sie die Haltung dahinter nicht verstanden haben. Wer meint, es ginge nur darum, die Wünsche der Kinder zu befriedigen, damit sie nicht aufbegehren, ist auf einem völlig falschen Weg.
Das sind Vorurteile:
• Man hat nur die Teenager im Blick.
• Man vermeidet Konflikte, um die Teenager in Watte zu packen.
• Man redet – und handelt – den Teenagern quasi beständig nach dem Mund.
Das alles stimmt so nicht. Wären diese Vorurteile wahr, würden wir Eltern uns selbst verlieren! Und unsere Teenies blieben orientierungslos. Das kann niemand wollen. Wenn man sich auf das Miteinander konzentriert sowie auf das, was unsere Kinder emotional von uns brauchen, und wir nicht zuletzt auch unsere elterlichen Bedürfnisse beachten, ist echtes In-Beziehung-Bleiben eine Chance!
Es bietet die Möglichkeit, die gute Bindung der ersten Jahre auch in der Pubertät fortzuführen und zu festigen.
Wir müssen das Geschehen als unsere Aufgabe annehmen. Wenn wir dann zudem nicht vergessen, uns gut um uns selbst zu kümmern (sogenannte „Selbstfürsorge” zu betreiben), sollten wir Eltern die Kraft für möglichst viel Gelassenheit haben. Damit geben wir unserer Familie die Möglichkeit, jeden Konflikt und jeden Stresspunkt als echte Chance zu sehen.
Als Chance auf:
• Veränderung – in uns und den Kindern
• persönliches Wachsen aller Beteiligten
• Fortschritt
• elterliches „Überflüssigwerden” in etlichen Bereichen
• neuartiges Zusammenwachsen und Bindung bis ins Alter
• gelungenes Ablösen und Ichwerden unserer Teenager
• Verbesserung der Beziehung und des gegenseitigen Verständnisses
• ein beständiges Gefühl unserer Kinder, sich auch als Teenager weiterhin willkommen zu fühlen
• einen gemeinsamen Alltag ohne ständiges Zornigsein und Vor-Wut-Explodieren
• auf In-Beziehung-Bleiben
So muss die Pubertät kein angstbeladener Zeitraum werden. Sie ist notwendig und kann positiv gelebt werden!
Vielleicht wird sie eine sehr arbeitsintensive, anstrengende und kräftezehrende Zeit sein. Doch wenn wir im Hinterkopf haben, warum sie notwendig für die Entwicklung eines Kindes ist und welchen Gewinn die Pubertät bringen wird, können wir leichter durch sie hindurchgehen. So ist auch Platz, all die guten Seiten wahrzunehmen, die uns diese Etappe im Leben unserer Kinder bietet.
Was sagen andere Eltern?
Jule (36), Mutter eines zwölfjährigen Mädchens, über die Pubertät ihrer Tochter:
Klar ist unsere Tochter auch launisch, diskussionsfreudig und halt ein pubertärer Teenie. Aber am Ende des Tages stimmt einfach das Miteinander zwischen uns, zwischen ihr und den jüngeren Geschwistern. Und das macht es glaub ich aus. Ganz wichtig finde ich dabei, dass wir Eltern uns auch immer wieder einen Moment Zeit nehmen, Situationen zu regeln, eigenes Verhalten und Ansprüche zu überdenken. Wir müssen mit unseren Kindern wachsen und sie Stück für Stück in die Welt hinausbegleiten. Dann klappt das schon irgendwie. Aber irgendwie gut!
Die Pubertät ist nicht das Übel schlechthin. Es wäre daher wünschenswert, den Begriff anders zu deuten.
Ja: Kraftraubend wird es wahrscheinlich, denn in guten Beziehungen aufwachsende Jugendliche sind nicht „brav”, sondern meinungsstark. Doch all diese Verhaltensweisen sind so wichtig für die Charakterbildung des Kindes. Die Pubertät birgt neben dem Stress ebenso viele gute Gelegenheiten. Wir müssen keine Angst vor ihr haben! Wir müssen auch keine Angst vor „Fehlern” haben. Stolpersteine gehören dazu, nicht jedes Fallen kann und muss von uns verhindert werden. Perfektion wird es niemals geben. Wechsel von Gefühlen des Scheiterns hin zu Glücksmomenten sind normal. Alles ist ein Lernprozess, gerade auch für uns Eltern.
Auch schlechte Erfahrungen sind wichtig zur Wegänderung. Gegebenenfalls sogar professionelle Hilfe zu einem Thema in Anspruch zu nehmen ist ein Zeichen von Stärke. Alles zusammen macht uns zu den Menschen und der Familie, die wir sind.
Dieses Buch will hier Klarheit schaffen. Denn bei einer Elternschaft in enger Verbindung und ohne autoritäres Machtgefälle ist es definitiv essenziell, alle im Blick zu haben – Groß und Klein:
• Wir wollen beständig so gut wie möglich in Beziehung bleiben.
• Wir wollen ehrlich zeigen, was wir Eltern brauchen.
• Wir wollen sehen, was die Kinder benötigen.
• Wir wollen ihnen ver- und nicht misstrauen, sie nicht ständig kritisieren, niedermachen oder gar beschämen, sondern konstruktiv alle auftauchenden Probleme angehen.
Dann können wir als Familie gemeinsam wachsen und ein Team bleiben. Dann können wir als Eltern gelassen erziehen, liebevoll begleiten und mit unseren Kindern weniger auf Konfrontationskurs gehen, seltener und vor allem sinnvoller streiten.
Dabei muss man kein Konzept abarbeiten, sondern vorrangig seine eigene Haltung hinterfragen und falls nötig neu justieren sowie bestimmte Alltagsmomente anders, nämlich stärker in Beziehung angehen. Das beugt schon vielen typischen Problemsituationen vor! Die Pubertät fällt dann vielleicht nicht ganz als „übles Schreckgespenst” aus.
Wir blicken:
• im Kapitel „So verändert sich meine Elternrolle” auf die Bereiche, die sich für uns Eltern verändern sowie auf den Begriff Beziehung im Vergleich zu Erziehung und im Kapitel „Durch den Alltag der Pubertät” auf Grundlagen von Elternschaft in Beziehung und Bindung,
• im Kapitel „Durch den Alltag der Pubertät” darauf, wie es uns Eltern gelingt, loszulassen und unseren Kindern Flügel zu geben,
• im Kapitel „Gruppendruck und Sucht: Wie gehen Teenager stark ins Leben?” auf die sieben wichtigsten Voraussetzungen für ungefährliches Verhalten,
• im Kapitel „Medien, Schule, Alkohol: Wie vermeide ich konkrete Konfliktsituationen?” auf die anstrengenderen Themen im Zusammenleben mit Heranwachsenden
• und lassen uns durch den Humor der Kolumne „Relax! Der entspannte Weg durch die Pubertät” runterfahren auf den wichtigsten Punkt: gelassen zu bleiben.
Natürlich bleibt auch in der Pubertät der Fokus auf einer guten Bindung und einer engen Beziehung. Und dennoch ändert sich unser Verhalten im Vergleich zum Kleinkindalter deutlich. Und das muss es auch!
Wir Eltern müssen langsam in die neue Situation hineinwachsen. Es ist leider so: Eltern verlieren ihre Stellung im Leben der Kinder. Obgleich sie wichtig bleiben, wird ihr Platz in der Regel deutlich kleiner. Wir müssen Kontrolle abgeben und meist auch damit zurechtkommen, dass die vom Teenie gezeigte Liebe nicht die gleiche Intensität hat wie in den Jahren zuvor.
Der Teenager löst sich von uns und wurzelt woanders – das ist unsere Herausforderung. Die Bindung wird vermutlich anders, lockerer – aber bedeutet keine Ablehnung. Und sie kann ja auch wieder enger werden, wenn die Pubertät erst einmal überstanden ist!
Gleichaltrige werden wichtiger. Sie werden jetzt stärker vom Teenie selbst gewählt, anstatt durch Aktivitäten gefunden zu werden, die wir Eltern anleiten. Und sie werden nicht nur zu Freunden, sondern teilweise auch zur ersten Liebe. Dies sollten wir begrüßen und offen begleiten.
Statt mit uns zu kooperieren, geht das heranwachsende Kind vermehrt eigene Wege, will und muss sich ausprobieren. Wir Eltern sollen natürlich weiterhin unsere Meinung sagen. Aber wir müssen vermutlich immer öfter eine andere Sichtweise unserer Kinder tolerieren. Wie in allen Beziehungen müssen wir hinnehmen, dass Uneinigkeit dazugehört und normal ist und die Grundlage der Beziehung nicht zerstört! Stattdessen kann uns das sogar voranbringen. Es kommt auf das Wie des Lösens an.
Wichtig ist jetzt, dass Eltern nicht alles persönlich nehmen, sondern erkennen, dass diese Meinungsänderungen notwendig sind, und souverän bleiben. Wir Eltern müssen unsere Kinder mit positivem Blick freigeben. Das heißt, wir entfernen uns voneinander. Ja! – aber möglichst, ohne dass wir sie ablehnen. Stattdessen sollten wir darauf achten, dass das gegenseitige Vertrauen wächst und wir den beständigen Wandel der Beziehung annehmen – mal lockerer, mal strenger.
Und wenn es vonseiten des Teenies zu heftig geworden ist und wir für kurze Zeit eine Mauer zwischen ihm und uns spüren, bleibt es unsere Aufgabe als Eltern, wieder den ersten Schritt aufeinander zuzumachen. Die Pubertierenden bekommen das nicht immer so gut hin. Ist es ganz schlimm zwischen dem Teenie und uns gelaufen, kann es helfen, einen Dritten mit ins Boot zu holen, der dabei hilft, dass sich die Wogen glätten und alle aufeinander zugehen können.
Kommt es im Alltag allerdings gefühlt zu häufig zu vielen Konflikten (und vor allem zu kaputtmachenden statt lösungssuchenden), reicht es möglicherweise nicht mehr aus, die Situation anzunehmen und durch sie hindurchzugehen. Hier ist es wichtig, genauer hinzusehen, was sich in der Beziehung quergestellt hat und wieder zurechtgeru-ckelt werden sollte.
Folgendes sollten wir überprüfen:
• Diskutieren wir vielleicht zu viel und geben zu wenig Verantwortung ab?
• Lassen wir dem Teenie eventuell zu wenig Platz für seinen Weg?
• Ist es wirklich so fürchterlich, welche Kleidung er trägt oder wie er die Haare gestylt hat?
• Ist sein Tonfall tatsächlich persönlich gemeint oder einfach nur ein Nebenprodukt seiner hormonell bedingten Instabilität?
• Ist es echt unerträglich, dass er sich leicht übergriffig für zum Beispiel Veganismus einsetzt?
• Ist es nicht verständlich, dass er eine Stunde länger ausgehen möchte als vorher üblich?
• Ist es vielleicht doch nachvollziehbar, dass er mehr in der Handballhalle anzutreffen ist als über seinem Vokabelheft?
• Und so weiter.
Eltern müssen ihre klaren Neins hinterfragen und minimieren. Was könnte schlimmstenfalls geschehen, wenn das Kind seinen Weg geht, anstatt den, den wir Eltern richtig finden? Ist der wirklich so dramatisch oder nicht einfach auch ein Lebensweg, der okay wäre?
In der Pubertät unserer Kinder dürfen wir Eltern nicht mehr alles (auf unsere Weise) lösen wollen. Unsere Rolle verändert sich dahingehend, dass wir unsere Kinder mit Zutrauen begleiten, uns gegebenenfalls anbieten zu helfen und bei allem so gut wie möglich Vorbild bleiben. Denn ein solches benötigen sie immer noch, auch wenn ihr Verhalten oft nicht so aussieht, als würden sie zu uns aufschauen.
Läuft etwas ganz anders, als von uns Eltern gedacht, ist es wichtig, dass wir uns nicht in Schuldgefühlen verlieren. Niemand kann sagen, dass dies oder jenes passiert ist, weil wir dieses oder jenes getan oder unterlassen haben. So einfach ist der Zusammenhang nie, zu viele Faktoren spielen eine Rolle. Schuldsuche hilft ohnehin nicht weiter – Lösungssuche ist der Schlüssel.
Im Umgang miteinander wird es noch wichtiger als bereits in Kindertagen, dass Eltern ihren Nachwuchs nicht belächeln, Gesagtes und vor allem auch Äußerlichkeiten nicht überbewerten. Man muss um die starke Unsicherheit der Jugendlichen wissen und sollte sensibel damit umgehen. Grinsen können wir mal für uns, aber dem Teenie sollten wir nicht herablassend oder zu bewertend begegnen. Wenn uns etwas sehr stört, empfiehlt sich stattdessen ein offenes, ehrliches und ernsthaftes Gespräch.
Die letztendliche Aufgabe der Kinder nach der Pubertät wird es nicht nur sein, dass sie selbstständig und stark durchs Leben gehen, sondern auch ihre Existenz selbst absichern und sich allein versorgen. Hier ist es Aufgabe der Eltern, beim Finden des passenden Wegs zu unterstützen, ohne zu drängen, und auch den Kindern immer mehr Tätigkeiten bzw. Verpflichtungen zu übertragen, damit sie sie einüben können. Denn niemand kann diese Dinge von jetzt auf gleich, wenn er sie nicht üben – und Fehler machen – durfte.
Die Rechte, aber auch Pflichten werden immer mehr. Jugendliche können zuhören, mitdenken, aktiv werden bei Themen, die Eltern bislang von ihnen ferngehalten bzw. für sie erledigt haben. Das sind zum Beispiel:
• Einkaufsplanung
• Auswahl eines neuen Stromanbieters
• Beratungen zu Vertragsunterzeichnungen
• Urlaubsbuchung
• Erstellen von Finanzübersichten
• sich Gedanken über die Berufswahl machen
• sich einen Minijob suchen
