Mitten unter Engeln - Frank Chylek - E-Book

Mitten unter Engeln E-Book

Frank Chylek

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Beschreibung

"Was verbinden ein thailändisches Mädchen, eine alte tote Frau, drei Gänseblümchen und ein kleines Schwein miteinander?" Die Antwort auf diese Frage ist ebenso klar und einfach, wie die Seele Thailands weit und frei ist - und in genau dieser Freiheit mit einem leisen Lächeln immer wieder Unmögliches möglich macht: die Liebe in all ihrer Weite und Freiheit.

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Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Die letzte Übung

Mitten unter Engeln

Der dritte Knopf

Der Tee der Oma

Die vier Thailänderinnen

Erläuterungen

Der Autor

Die letzte Übung

Nachdem der Koel1 zum wiederholten Mal seinen langgezogenen Ruf in den Morgen über die Straßen Bangkoks geschickt hatte und sich auch schon das erste Grau am Himmel abzeichnete, hörte die alte Frau endlich auch das Gurren der Ringeltaube unter ihrem Fenster, das ihr lange schon zum eigentlichen Boten des Morgens geworden war. Sie zog ganz vorsichtig und doch bestimmt die Bettdecke zur Seite, sodaß beide - sie und ihr Mann – die noch frische Luft des Morgens traf.

„Was soll das?“,

fragte der alte Mann seine Frau.

„Wirst schon sehen“,

gab sie ihm zur Antwort und begann langsam, ihr linkes Bein zu heben und schließlich langsam wieder zu senken. Sie hob es jedoch nur so hoch, wie es eben noch ging, und versuchte dennoch mit jedem Mal, das Bein noch ein wenig höher zu heben.

„Was soll das?“,

fragte er erneut.

„Frag nicht, sondern mache es einfach auch.“

Und genauso, wie der Mann zum Ende hin immer alles das gemacht hatte, was seine Frau von ihm verlangte, so begann auch er nun, sein linkes Bein zu heben und dann wieder zu senken. Und auch er versuchte, sein Bein jedes Mal ein wenig höher zu heben.

„Das geht doch gut, oder?“,

fragte sie, und er grinste.

„Dann nehmen wir jetzt das andere. Auch wieder langsam und immer ein bisschen höher, hörst du?“

„Was soll das denn die ganze Zeit?“,

fragte er noch einmal und versteckte dabei seine Ungeduld vor ihr, so gut es eben ging.

„Das wirst du schon sehen. Und wenn du es nicht sehen kannst, dann wirst du es bestimmt fühlen – früher oder später. Also mach jetzt einfach weiter.“

Und der Mann machte. Er machte mit seinem rechten Bein. Und er machte immer ein Stückchen höher. Und er machte auch später noch weiter, nachdem sie in ihrem Bett bis ganz nach unten gerutscht waren, ohne, daß sie sich dazu mit Worten verabredet hätten. Dort hoben sie zuerst den linken Arm und später dann auch den rechten, zunächst nur gerade gestreckt nach oben, und im Anschluß dann versuchten sie es auch noch möglichst weit bis hinter ihre Köpfe.

Und von diesem Morgen an gab es tatsächlich kein morgendliches Gurren der Ringeltaube unter ihrem Fernster in der schmalen Soi2 mehr, das nicht das Beiseiteziehen der Bettdecke und schließlich genau diese Übungen der beiden Alten in ihrem Bett nach sich gezogen hätte. Und wenn sie merkte, daß ihr Mann zu schwächeln begann, verlangsamte sie den Fortgang der Übungen und wartete auf ihn, wie sie ihr gesamtes Leben immer auf ihn gewartet hatte, sodaß er ihr stets hatte folgen können.

An einem Morgen aber, folgte er ihr nicht: sie hatte bereits zweimal ihr linkes Bein nach oben gehoben und gestreckt, doch er blieb einfach nur reglos neben ihr liegen.

„Was ist los mit dir heute?“

„Nichts, ich schaue nur.“

„Was gibt es zu schauen? Was ist heute anders als sonst?“

Und nach einer Weile drehte er den Kopf zu ihr hinüber und schaute sie an:

„Deine Füße sind noch immer so schön wie früher, Frau!“

Und sie wußte gar nicht, wo sie hinschauen sollte, floh seinem Blick und stieß ihn nur mit dem Ellenbogen leicht in die Seite.

„Red‘ nicht rum, sondern mach endlich mit, Mann!“

„Ist schon recht, Chefin“,

grinste er,

„aber schön sind sie trotzdem!“

Und als sie für diesen Morgen schließlich mit all ihren Übungen fertig waren und sich wie immer noch ein wenig auf dem Bett ausruhten und in den Morgen hineinhorchten mit all seinen unterschiedlichen Geräuschen, die auch nach und nach erwachten, nahm der alte Mann noch einen weiteren Anlauf:

„Weißt du, hier möchte ich einmal sterben, so schön ist es bei uns.“

„Was ist denn los mit dir heute? Wer wird hier schon gleich morgens ans Sterben denken? Und dann auch noch, wenn‘s jetzt so schön ist?“

„Ich mein ja nur“,

und er merkte, wie ihm die weiteren Worte fehlten.

„Und außerdem, mein lieber Mann, werden wir ja hier wohl kaum alle beide auf einmal sterben, oder?“

„Genau das ist ja das Problem, Frau. Schön ist es hier doch nur mit dir. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es hier bei uns ohne dich sein soll.“

Sie schwieg einen Moment sein Schweigen und fand endlich eine Antwort:

„Da kann ich dich aber beruhigen: Männer sterben immer früher als Frauen. Dann wirst du wohl kaum alleine hier zurückbleiben.“

Und sie rollte sich auf die Seite, schaute in sein großes rundes Gesicht, gab ihm einen kurzen Kuß auf die Wange und starb noch an diesem Tag.

Er weinte nicht lange, eine Nacht nur, und der Koel brauchte ihn am Morgen nicht zu wecken, auch nicht das Grau des ersten Lichts. Und er hob zu Beginn dieses neuen Tages auch nicht sein Bein - das eine nicht und auch nicht das andere: er wartete nur in dem so großen Bett.

Und beim langen Warten hörte der alte Mann schließlich auch das Gurren der Ringeltaube des Morgens dort unter dem Fenster - ja, es hatte tatsächlich ein neuer Tag begonnen: ein neuer Tag und so ganz ohne sie.

Und gerade in dem Augenblick, als der Mann spürte, daß seine Tränen nach der Nacht nun auch diesen neuen Tag füllen sollten, da hörte er – tatsächlich: dort gurrte noch eine zweite Taube, viel näher noch bei ihm, als die Taube des Morgens. Da ließ der alte Mann an diesem Morgen seine Beine aus, nahm nur beide Arme gleichzeitig und zog sie mit einem Ruck so weit hinter sich über seinen Kopf hinaus, sodaß es einmal nur und auch nur ganz kurz in seiner Brust stach:

„Frau, warte noch schnell auf mich!“

Mitten unter Engeln

I.

Was verbinden ein thailändisches Mädchen, eine alte tote Frau, drei Gänseblümchen und ein kleines Schwein miteinander? Es wundert mich nicht, wenn dir als erstes Geisterglaube einfällt, denn das paßt zu dir: die Welt verkürzen und dabei in das erste Loch hineinfallen, das sich auf deinem Weg vor dir auftut. Ich könnte eine Wette eingehen, daß du Voodoo gesagt hättest, wenn nicht von einem thailändischen, sondern von einem afrikanischen Mädchen die Rede gewesen wäre.

Ich sollte dich allein lassen mit deinen schnellen Urteilen – oder vielleicht sollte ich treffender sagen‚ von dir weggehen - denn wirklich allein bleiben, wirst du ja kaum, weil es so viele Menschen wie dich gibt, Menschen, die es sich alle nur zu komfortabel in ihrer selbstgebastelten Welt eingerichtet haben: immer schön das sagen und tun, was sie davor bewahrt, allein zu bleiben.

Und weißt du, wenn ich es jetzt mal so richtig böse mit dir meinen würde, dann könnte ich da oben noch eins draufsetzen und meine Reihe auch noch um einen Religionslehrer erweitern.

Soll ich? Was meinst du?

Ja, mein Lieber, sei dir sicher, ich bin jetzt mal so richtig gemein zu dir! Also: was verbinden ein thailändisches Mädchen, eine alte tote Frau, drei Gänseblümchen, ein kleines Schwein und einen Religionslehrer miteinander? Nun? Na dann will ich dich nicht zu sehr auf die Folter spannen, weil ich doch weiß, daß du bist, wie du bist und dir deshalb lieber gleich jetzt zu Beginn der Geschichte schon die ganze Antwort auf meine Frage liefern: sie haben nicht mehr, aber auch nicht weniger miteinander gemeinsam, als schlicht und ergreifend die Liebe.

So, jetzt kannst du gehen, wenn du willst, denn du wirst von mir im Laufe der Geschichte nicht mehr erfahren, als das, was ich dir bereits jetzt schon gesagt habe. Und wenn du aber dennoch bleiben willst, dann sei mir ein Gast, und versprich mir, daß du für die Zeit unseres Beisammenseins die Regeln der Gastfreundschaft berücksichtigen wirst, ja?

Also gut - ich sehe, daß du bleibst: so sei mir nun auf das Herzlichste willkommen!

II.

„Du bist ein Dieb!“,

hatte das thailändische Mädchen gerufen und das gleich mehrfach:

„Du bist ein Dieb!“

Und sie hatte dabei das Fenster im ersten Stock weit geöffnet, ohne sich auch nur einen einzigen Moment an das Verbot ihrer Mutter zu erinnern, niemals, aber auch wirklich unter gar keinen Umständen, jemals das Fenster oder gar die Tür zu öffnen, wenn sie nicht zu Hause wäre. Zu erbost war dieses Mädchen mit den vorstehenden Augen gewesen, um noch für irgendetwas anderes Sinn und Verstand zu haben, als ausschließlich ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Zu ungeheuerlich war das, was geschehen war, als daß sie sich hätte in der Gewalt haben können. Und nun, da er tatsächlich zurück gekommen war, erst recht nicht mehr!

„Du hast sie alle totgemacht! Alle, alle! Du bist ein Mörder und ein Dieb!“

Wie sollte man bei einem solchen Verbrechen, unter solchen Umständen auch nur annähernd seinen Verstand gebrauchen können? Hier gab es nur Wut und dann noch einmal Wut und weil das immer noch nicht reichte, gab es abermals ausschließlich Wut!

Das Schreien hatte ihn, den Religionslehrer, aus seinen Gedanken gerissen, ohne, daß er das Schreien auch nur im Entferntesten auf sich selbst bezogen hätte. Erst in der ständigen Wiederholung merkte er, daß er selbst das Ziel dieser Schreierin war.

„Du bist ein Dieb! Ich sage es immer wieder! Du bist ein Dieb!“

Nein, er konnte nicht wirklich gemeint sein, weder hatte er dieses Kind schon einmal gesehen, noch hatte er hier auf dem Bürgersteig irgendetwas anderes getan, als nur seinen Gedanken nachzuhängen. Es waren gute Gedanken gewesen, wenn auch traurige. Und es waren seine Gedanken gewesen, die er dachte, und es waren Gedanken gewesen, die sich noch einmal - und nur ganz ausschließlich - um sie gedreht hatten:

um sie, von der er heute hatte endgültig Abschied nehmen müssen.

Es waren Gedanken gewesen, wie dieser etwa:

Wie viele meiner an deinem Grab geweinten Tränen, weinte ich auch um mich selbst?

Und in seinem Nachdenken über eine mögliche Antwort hängte er an diese Frage, quasi mit einem Komma, noch das Wort Schwester an. Ja, und kaum, daß dieses Wort seinen Platz in ihm gefunden hatte, war er sich so vollkommen sicher, daß es das einzig richtige Wort war, das sich in diesem Zusammenhang denken ließ: Schwester.

Mit der gleichen Klarheit war er sich sicher, daß dieses Wort ebenfalls der alten Frau gefallen hätte. Vielleicht wäre es tatsächlich eine Option für ihr gemeinsames Zuvor gewesen. Es wäre die Option von Geschwistern gewesen: Nähe ohne Angst, Nähe, ohne daß sie hätten Angst haben müssen, daß es zu nah werden würde, Nähe, ohne Angst haben zu müssen, daß die Nähe wieder verloren gehen könnte, weil das Band, das sie einander nah sein ließ, ein naturgegebenes war, eines, auf das man sich deshalb so ganz und gar und ohne jeden Zweifel wirklich verlassen durfte: Schwester.

Es waren gute Gedanken gewesen, richtige Gedanken, und sie verliehen ihm in allem Abschied das Gefühl, angekommen zu sein. Und traurige Gedanken dahingehend, weil er diese nun nicht mehr mit ihr würde teilen können, und sie beide nicht mehr die Gelegenheit hätten, diese Option nun auch tatsächlich leben zu können.

Das aber war nur ein kurzer Augenblick des Verlustes, da er sich sicher war, daß sie es, wenn vielleicht auch nicht genau so, doch aber auf ihre Weise ebenfalls genau so verstanden und genau so gesehen hätte. Es war nicht nur ein gutes Gefühl, bei einander angekommen zu sein.

Vielmehr war es darüber hinaus auch ein gutes Gefühl, daß dieses Ankommen über ihren Tod hinausreichte.

Nein, es waren genau diese Gedanken, die es unmöglich machten, daß er gemeint sein konnte, wenn hier mit einem Mal von einem Dieb und sogar von einem Mörder die Rede war. Und doch war das Rufen andererseits auch so unmißverständlich an ihn gerichtet, daß er stehen blieb, sich nochmals umdrehte und dort oben im ersten Stock am offenen Fenster dieses thailändische Mädchen mit den vorstehenden Augen schreien hörte:

„Du bist ein Dieb! Ich sage es immer wieder: du bist ein Dieb!“

Und indem sie schrie und schrie, wuchs ihre Halsschlagader derart an, sodaß sich jeder Herzschlag deutlich abzeichnete und die Ader fast zum Platzen brachte.

„Und ich sag auch nicht ‚Sie‘ zu dir. Das sag ich nicht! Zu einem Dieb und Mörder sagt man nicht ‚Sie‘!“

Das Mal auf ihrer linken Wange war ihm gleich aufgefallen. Vielleicht eine Pigmentstörung, nicht wirklich dramatisch, in seiner Größe aber schließlich doch so dominant, daß es den Eindruck machte, das Mal würde sich über die gesamte Wange des Mädchens hinziehen und somit nochmals an Größe gewinnen. Das aber war nur ihrem Schreien geschuldet, weil sich das Mal durch ihre Anstrengung nur noch mehr verdunkelte und auf diese Weise scheinbar noch über die Wange hinauswuchs, die es ansonsten nur zu knapp einem Drittel bedeckte.

Ihr langes dunkles Haar war ungekämmt und verlieh ihrer Stimme dadurch nur noch mehr an Gewalt und ihrer Aussage ein deutliches Mehr an Nachdruck.