Mitternachtssammler - Zia Qasemi - E-Book

Mitternachtssammler E-Book

Zia Qasemi

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Beschreibung

Ein literarisches Zeugnis aus Afghanistan In seinem eindringlichen Roman "Mitternachtssammler" erzählt Zia Qasemi die Geschichte von Musa, einem symbolträchtigen Charakter, der für die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in Afghanistan steht. Aufgewachsen im kleinen Dorf Zarsang, begegnet Musa dem Alltag mit Mut und Würde – bis sein tragischer Tod durch die Grausamkeit der Taliban alles verändert. Qasemi zeichnet ein authentisches Bild des Dorflebens, eingebettet in die kulturellen Traditionen und sozialen Strukturen Afghanistans. Der Tod Musas wird zum erschütternden Wendepunkt, der das gesamte Dorf in Trauer und Angst zurücklässt. Doch zugleich gibt es auch Spuren von Hoffnung und Widerstand. Mit poetischer Sprache und tiefem Mitgefühl verwebt Qasemi persönliche Schicksale mit historischen Realitäten – ein bewegendes Buch über Verlust, Menschlichkeit und das Überleben in dunklen Zeiten.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2025

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DerMitternachtssammler

von

Zia Qassemi

Roman

Aus dem afghanischen Persischen vonKurt Scharf und Ali Abdollahi

Original Titel:Waghti Musa Koshteh shod - RomanZia QassemiNashr e Cheshmeh, Teheran, 2021

Diese Übersetzung aus dem Persischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt durch Litprom - Gesellschaft zur Föderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.

CIP - Titelaufnahme in die Deutsche Nationalbibliothek

Zia Qassemi

Mitternachtssammler

Aus dem afghanischen Persisch von Kurt Scharf, Ali Abdollahi

ISBN 978-3-96202-152-8 (print)ISBN: 978-3-96202-638-7 (epub)

© 2025 by Sujet Verlag

Satz und Layout: Sujet Verlag

Coverbild: iSock / Getty

Rückseite: Mike Petrucci / Unsplash

Umschlaggestaltung: Kai Kullen

Druckvorstufe: Sujet Verlag, Bremen1. Auflage 2025

www.sujet-verlag.de

1

Sie haben Musa getötet. Gerade ein paar Tage vor dem Anfang des Herbstes, bevor alle Bäume von Sarßang gelb wurden, ihre Blätter im Wind von den Zweigen herabfielen und sich zwischen den Bächen ansammelten. Die Taliban haben Musa getötet. Wenn Musa am Leben geblieben wäre, hätte er bestimmt auch in diesem Herbst seinen Beutel genommen, sich über den Boden geschleppt, die trockenen und halbtrockenen Blätter zwischen den Bächen in seinen Beutel gesammelt und sich diesen, der sich unter Geraschel füllte, auf den Rücken gebunden. Er streckte die Hände zwischen seine alten, abgerissenen Stiefel und kehrte, sich mühsam voranschleppend, heim. Hinter ihm blieben auf dem Weg im Staub die Spuren seiner Knie zurück. Aber bevor der Herbst anbrach, hielten die Taliban ihn in der Nähe des Basars mit seinem Beutel an, aus dem er gerade die Knochen herausgeholt hatte, und schossen ihm ein paar Kugeln in Kopf und Brust. Seine Leiche ließen sie an Ort und Stelle in einer Blutlache liegen.

Auf dem Friedhof des Dorfes grub man ihm in einer Ecke nahe der Totenquelle ein Grab. Es war klein, nur so groß wie sein Körper, der kaum die Höhe eines zehnjährigen Kindes erreicht hatte. Als die letzten Schaufeln Erde ausgehoben und aus der Grube herausgeworfen worden waren und als man den Boden des Grabes glatt stampfte, wandte Mullah Saleh das Gesicht seinem Gehilfen zu und sagte langsam: „Schade, dass Musa nicht mehr der Alte war, sonst hätte er jetzt ein Wunder vollbringen können und die Taliban mit Stumpf und Stiel ausrotten.“

Das Grab von Musa wurde, ohne dass jemand dem widersprochen hätte, in der Nähe der Totenquelle gegraben. Neben der Stelle, die der große Herr Ismael, der Chan von Sarßang, für sein eigenes reserviert hatte; also ein Grab zwischen jenen, in denen die sterblichen Überreste berühmter Leute lagen. Die Familiengräber der hohen Herrschaften, das Grab von Mullah Haschem und das von Mullah Jakub, das des Kommandanten Teymuri, aus dem vor Kurzem eine Blume mit gelben Blüten gesprossen war, und die einiger anderer berühmter Leute. Alle Bewohner von Sarßang und die von ein, zwei anderen Dörfern, die sich mit ihnen den Ort der letzten Ruhestätten teilten, hatten den Wunsch, nach ihrem Tode in jener Ecke des Friedhofs in der Nähe der Totenquelle bestattet zu werden. Aber dieser Segen wurde nicht jedem zuteil. Nur die Leichen berühmter Leute hatten das Glück, dort zur ewigen Ruhe gebettet zu werden und die Gnade Gottes zu empfangen.

Alle Einwohner, von einer Generation zur anderen, bereiteten dort in der Nähe, am Ufer der Totenquelle, ein Gericht zu Ehren der Verstorbenen zu. Große Kupferkessel wurden auf die Kochstellen gesetzt, die man mit Steinen und Lehm gebaut hatte. Man legte das Brennholz, das man für diese Kochstellen gehackt hatte, hinein, und dann stiegen neben der Quelle dünne Rauchsäulen in die Luft. Wenn der Totenschmaus gekocht war, versammelten sich alle Einwohner des Dorfes neben der Quelle, ließen sich mit ihren Schalen, in den sich das Gekochte befand, auf die Erde nieder und fingen an zu essen. Außer zu den Speisungen aus bestimmtem Anlass kamen die Leute auch am Vorabend des Freitags, des wöchentlichen Feiertags, zu den dort bestatteten Toten gepilgert und außer an der Stelle, an der ihre Angehörigen ruhten, beteten sie auch an der Quelle, rezitierten die Fatiha, die Eröffnungssure des Korans, und bliesen über das Wasser. Man sagte, dass wegen des Leichenschmauses und der Gebete die Engel bei der Quelle ein- und ausgingen. Man erzählte sich, dass jemand, wenn er den Mut aufbrächte, in der Finsternis um Mitternacht auf den Friedhof zu gehen, möglicherweise das Leuchten der Engel um die Quelle herum sehen könnte.

Der Schüler von Mullah Saleh wischte sich mit dem Ende des Ärmels die Schweißtropfen von der Stirn und sagte zu ihm: „Es besteht noch Hoffnung, Meister! Vielleicht tut Musa wie in alten Zeiten ein Wunder und sein Leichnam lässt die Taliban verschwinden.“ Mullah Saleh nahm seine rote Gebetskette aus Kunststein in die linke Hand und stupste seinem Lehrling mit der rechten Hand in den Rücken, damit er leise sei. „Sprich nicht so laut! Wenn irgendein Spitzel…“ Aber er beendete seinen Satz nicht. Der Gehilfe biss sich auf die Unterlippe und blickte verstohlen die Leute um sich herum an, dann entfernte er sich zwei, drei Schritte von Mullah Saleh und blieb etwas weiter weg stehen. Es war heiß, die Sonne stand hoch am Himmel und nahm unbarmherzig mit ihren feurigen Pfeilen den Gottesacker und ganz Sarßang unter Beschuss. Die Felder um den Friedhof herum waren alle ausgetrocknet. Wegen der Dürre und des langjährigen Wassermangels hatten die Leute die Felder nicht bestellen können. Auch dieses Jahr konnten sie keine Ernte einbringen, und die Bewohner von Sarßang wie die der ganzen Provinz warteten auf die Weizenhilfslieferungen der Vereinten Nationen. Man hielt Ausschau nach den KamAZ-Lastwagen, die durch die Schluchten kommen sollten, um die Getreidespenden zu bringen; und sicher würden die Taliban wieder wie in all den Jahren der Hungersnot und Dürre den größten Teil der Lebensmittelhilfe stehlen, und in jeder der betroffenen Ortschaften würden nicht mehr als ein paar Säcke von dem gespendeten Weizen ankommen.

Einige Krähen hatten sich auf den Bäumen hinter der Quelle niedergelassen und krächzten. Das Grab war fertig geworden. Der Onkel von Musa stieg hinein, und ein paar Leute nahmen den in ein Leichentuch gewickelten Körper des Toten von der hölzernen Bahre und übergaben ihm diesen. Er bettete den Leichnam bedächtig ins Grab. Einer von denen, die ihm die Leiche gegeben hatten, sagte: „Wenn wir doch nur seine Beine gerade richten könnten!“ Mullah Saleh erwiderte: „Es geht aber nicht! Sein Schicksal in dieser Welt war nun einmal so. Stattdessen wird er, so Gott will, im Jenseits mit geraden Beinen auferstehen. Ein anderer unter den dort Versammelten mahnte: „Achtet darauf, dass sein Gesicht genau nach Mekka ausgerichtet ist!“ Niemand antwortete darauf. Mullah Saleh sagte zu Musas Onkel gewandt: „Jetzt musst du den Leichnam an der Schulter fassen und ihn langsam bewegen, während du ihm das Glaubensbekenntnis ins Ohr flüsterst.“ Dann trat er vor, packte den Zipfel des weißen Tuches, der hinter der linken Schulter herunterhing, zog ihn fort von der Brust vor das Gesicht und warf ihn dann wieder über den oberen Teil der rechten Schulter nach hinten. Diejenigen, die etwas weiter weg von der Gruppe gestanden hatten, kamen ein paar Schritte näher. Musas Mutter und einige andere Frauen, die etwas weiter entfernt vom Kreis der Männer waren, saßen wehklagend auf dem Boden. Mullah Salehs Schüler kam wieder zwei Schritte vor und blieb neben dem Geistlichen stehen. Musas Onkel beugte sich über das offene Grab und packte den Toten an beiden Schultern. Der Mullah begann das Totengebet zu rezitieren: „Höre, begreife, Musa, Sohn des Suleyman, die heiligen Engel werden zu dir geschickt, die Gesandten Allahs, des Großen, des Erhabenen, du wirst nach deinem Gott gefragt werden, nach deinem Propheten, deiner Religion, deiner Heiligen Schrift, deiner Gebetsrichtung und deinen Imamen, dann fürchte dich nicht!“

Zwei Männer waren auf den frisch ausgehobenen Erdhaufen gestiegen. Die anderen standen unten um das Grab herum. Einige Leute hatten die Hände zum Gebet vor das Gesicht gehoben und murmelten leise vor sich hin. Die übrigen hüllten sich in Schweigen, während das Krächzen der Krähen weithin über den Friedhof schallte. Als das Gebet beendet war, half man Musas Onkel, aus dem Grab herauszuklettern. Dann wurden ein paar Steinplatten von Hand zu Hand weitergereicht und in das offene Grab gelegt, einer der Alten des Dorfes, der neben Mullah Saleh gestanden hatte, sagte mit einer für alle gut hörbaren Stimme: „Verschließt es fest, damit sich nicht in der Nacht ein Dachs oder ein anderer Grabräuber darüber her macht.“ Dann erhob sich eine andere Stimme: „Er hat Recht, deckt es fest zu!“ Zwei Männer nahmen sich Schaufeln und begannen, Erde auf die Steinplatten zu schütten, unter denen Musas Leichnam ruhte. Die gesamte Erde, die man mit großer Mühe ausgehoben und aus der Grube herausgeworfen hatte, schippten sie nun wieder an ihren früheren Ort zurück.

Der Schüler von Mullah Saleh sagte: „Dahin kommen keine Grabräuber; denn die kümmern sich nicht um frische Gräber; die gehen direkt zu den alten.“ Die Menge begann laut durcheinander zu reden. „Er soll ein Knochenräuber sein. So etwas ist weit verbreitet. Sie holen die Knochen aus den Gräbern und verhökern sie.“ „Man behauptet, dass sie die Knochen nach Pakistan bringen.“ Nein, das ist bloß ein Gerücht. Was kann man in Pakistan denn mit morschen Knochen anfangen?“ „Ich glaube das auch nicht. Das ist sicher nur ein Dachs.“ Dem Gehilfen von Mullah Saleh fiel ein, dass er, als ein paar Monate vorher zum ersten Mal ein, zwei Gräber aufgewühlt worden waren und die Leute sich erzählten, dass auf dem Friedhof ein Dachs gesehen worden sei, den Mullah gefragt hatte: „Gibt es denn solche Tiere überhaupt?“ Der Mullah hatte geantwortet: „Ja, die gibt es. In den einschlägigen Büchern werden sie erwähnt. Ich selber habe auch einen Dachs gesehen. Damals, als ich noch ein Kind war, hat man einen in einer Falle gefangen. Er ist etwas kleiner als ein Fuchs. Seine Pfoten haben spitze, scharfe Krallen. Er hat kurze Beine und eine langgezogene Schnauze.“ Außer Mullah Saleh erinnerten sich noch mehrere alte Dorfbewohner daran, dass zu der Zeit, in der das Gerede über ein Tier, das Gräber aufwühlt, aufgekommen war, ein Dachs in eine Falle gegangen war. Ein Dachs, der sich an frischen Gräbern zu schaffen gemacht hatte, die Leichentücher der Verstorbenen zerrissen und ihr Fleisch gefressen. Aber sie fanden es merkwürdig, dass dieser nur alte Gräber aufgrub und die Knochen der Toten herausholte.

Als das Grab zugeschüttet war, stellte man auf den Teil, unter dem der Kopf des Verstorbenen lag, senkrecht eine Steinplatte auf. Dann klopfte man den Boden rundherum mit Erde sowie kleinen und größeren Steinen fest. Die anderen Grabmäler in der Nähe der Quelle waren alle hohe Steinplatten. Im Unterschied dazu waren die der übrigen Gräber kurz, eher rundlich oder nur Bruchsteine.

Man warf noch ein paar Schippen Erde auf das Grab, damit es ein bisschen höher würde als der Boden der Umgebung. Dann ebnete man diese mit dem Rücken der Schaufeln. Einer brachte einen Eimer Wasser aus der Totenquelle und goss es unter Anrufung des Propheten auf Musas Grab. Mullah Saleh ließ sich daneben nieder, legte die Hand auf die Erde und rezitierte die Eröffnungssure des Korans. Die anderen setzten sich rund herum und beteten sie nach. Als die Bestattung beendet war, begleitete eine Gruppe Musas Mutter nach Hause. Alle gingen fort. Der Friedhof leerte sich. Auch die Krähen hatten aufgehört zu krächzen. Musa blieb allein unter der Erde zurück. Nur noch Musa und der Friedhof lagen dort. Der Friedhof, in dem er in den vergangenen drei Monaten siebenunddreißig alte Gräber im Dunkel der Nacht geöffnet hatte, um die Skelette herauszuholen. Er hatte die Knochen in seinen Beutel geworfen und sie mitgenommen.

2

Musa war dreißig Jahre alt, als die Taliban ihn töteten, er war an einem kalten Herbsttag im letzten Jahr der Herrschaft des letzten Schahs auf die Welt gekommen. Kurz vor dem Staatsstreich des Neffens des Herrschers im Vorfeld der Unruhen, die so lange Jahre andauern sollten. Die Ermordung von Musa geschah ebenfalls in der Folge dieser Ereignisse. Und niemand hatte eine Ahnung, wie lange danach es noch so weiter gehen würde.

Bei Musas Geburt wäre seine Mutter beinahe gestorben. Sein Vater war zwei Tage lang unterwegs, um eine alte Frau, die als ländliche Geburtshelferin tätig war, aus einer abgelegenen, dornigen Gegend nach Sarßang zu bringen. Als die alte Hebamme das Neugeborene in ein weißes Tuch gewickelt und einer der Frauen gegeben hatte, die ihr zur Seite standen, lehnte sie sich erschöpft an die Strohlehmwand und sagte: „Das war die schwerste Geburt, die ich in all den Jahren erlebt habe.“ Dann schloss sie die Augen und setzte hinzu: „Möge Gott es fügen, dass seine Beinchen gesund werden.“

Ein Kessel mit Wasser stand siedend in der Kochnische des Hauses. Der Geruch von Raute, der die bösen Geister fernhalten sollte, und anderen wohlriechenden Kräutern erfüllte die Backstube und den Vorraum. Die Sonnenstrahlen fielen wie eine schräge Säule durch das Loch im Dach, das als Rauchabzug und zur Beleuchtung diente, ins Haus. In ihrem Schein schwebten kleine Staubteilchen in der Luft.

Eine der Frauen nahm den Säugling auf den Arm, und drei andere saßen besorgt um die Frau herum, die gerade entbunden hatte. „Sultana! Geht’s dir gut?“ „Sultana, hörst du mich?“ Die Mutter wimmerte leise. Ihre Augen waren geschlossen. Benommen und blutverschmiert lag sie auf einer Baumwollmatratze, die als Bett diente.

Die alte Hebamme löste sich von der Strohlehmwand und trat näher an sie heran. Mit ihren mageren, blutbefleckten Fingern nahm sie die Hand der jungen Mutter. „Gott sei Dank! Die Gefahr ist vorüber. Lasst sie sich ausruhen! Dann erholt sie sich auch wieder.“

Die Frauen entfernten sich ein wenig von der Mutter und scharten sich um das Neugeborene. Die Geburtshelferin sagte: „Macht ein bisschen Wasser warm, damit wir ihm den Körper waschen können. Eine der Frauen eilte zur Kochnische. Die anderen schlugen das Tuch auseinander, in das der Säugling gewickelt war. „Um Gottes willen! Möge Allah es so fügen, dass seine Beinchen gesund werden!“ Die Hebamme nahm ihnen das Neugeborene ab und untersuchte seine Beine genau. Beide Beine des Säuglings waren vom Knie ab nach hinten gekrümmt. Die alte Frau versuchte, sie langsam nach vorn auszustrecken, aber die fest nach hinten gebogenen Beine ließen sich nicht nach vorn öffnen. Beide blieben sie fest angewinkelt, und die Knie ließen sich nicht gerade ausstrecken. „Das ist ein Geburtsfehler. Ihr müsst ihn nach Kabul bringen, zu einem Arzt. Vertraut auf Gott, dass er geheilt wird.“ Eine der Frauen blieb nicht abwartend stehen, sie kam näher und schaute sich die Beine des Neugeborenen prüfend an. Es sah aus, als ob der Säugling sie fest angewinkelt hätte. „Wie sollen wir das bloß dem Vater erklären?“ Die Säule aus Sonnenlicht wurde schmaler und Schatten trat an ihre Stelle. Die Frauen blickten nach oben zur Decke. Ein Hahn war an den Rand des Loches im Dach gekommen, er hatte den Kopf vornüber gebeugt und schaute neugierig ins Innere des Hauses hinein. Eine der Frauen schüttelte die Hände in Richtung zu dem Tier. „Sch! Sch!“ Aber der Hahn rührte sich nicht von der Stelle. „Wie dreist dieser unverschämte Gockel ist!“ Eine andere Frau nahm einen Topflappen aus der Kochnische und warf ihn nach oben zu der Öffnung. Der Hahn krähte und hielt den Kopf hoch, dann trat er vom Rauchfangloch zurück. Noch bevor der Topflappen die Decke erreicht hatte, fiel er wieder herunter und landete etwas weiter weg auf einem alten Kelim. Die Sonnensäule war wieder ganz.

Die Frauen brachten eine Kanne und einen Kübel. Sie wuschen das Neugeborene und trockneten seinen Körper ab. Dann riefen sie den Mann, der in der guten Stube die Entbindung der Frau abgewartet hatte: „Suleyman! Komm, das Kind ist da.“

Es war ihr erstes Kind. Suleyman und Sultana hatten nach vielen Streitereien geheiratet. Die Familie eines Onkels von Sultana hatte sie für ihren Sohn gefordert. Ein paarmal waren sie als Brautwerber gekommen, sie hatten sogar einen Mullah und einen Koran mitgebracht. Aber der Vater von Sultana war nicht damit einverstanden gewesen, ihnen seine Tochter zu geben. Die Angelegenheit endete mit Schimpfen und Fluchen, und als sie erfuhren, dass Sultana mit Suleyman verlobt wurde, brachen sie die Beziehung ab.

Die Hebamme sagte Suleyman: „Bring ihn nach Kabul, wenn vierzig Tage nach der Geburt vergangen sind, die Ärzte finden sicherlich einen Weg, seine Beine zu heilen.“ Suleyman erwiderte nichts. Er nahm das Baby auf den Arm und starrte auf seine verkrüppelten Beine. Dann seufzte er und gab den Frauen den Säugling zurück. Er blieb stehen. Er warf einen Blick auf Sultana, die immer noch ohnmächtig war. Dann nahm er den Kopf zwischen die Hände und ging aus dem Zimmer hinaus.

3

Die Männer des Dorfes saßen in der guten Stube rundherum an den Wänden auf Baumwollmatratzen und lehnten sich an die Teppichkissen, auf die Blumensträuße oder Vögel gestickt waren. Vor ihnen standen Becher mit Tee, und sie hielten in Peshawar gedruckte Auszüge des Korans in der Hand. Das Murmeln einer Koranrezitation erfüllte das Zimmer. Die Gaslampe, die man aus dem Haus des großen Herren Ismael ausgeliehen hatte, leuchtete in der Mitte des Raumes. Neben die Lampe hatte man eine mit Bildern verzierte Truhe gestellt, aus der die Männer die Koranauszüge herausnahmen, um sie vorzulesen. Zwei Laternen standen an den Seiten des Zimmers.

Es war der Abend des siebenten Tages nach Musas Geburt und aus diesem Anlass hatte Suleyman die Männer des Dorfes zu sich eingeladen. „Heute Abend kommt ihr zu mir. Dann findet sowohl die Namensgebung meines Sohnes statt als auch eine Koranrezitation, damit Allah sich erbarmt und die Beine des Kindes gesund werden.“ Bis zu dem Zeitpunkt hatte sich die Nachricht, dass das Baby von Suleyman missgestaltet auf die Welt gekommen war, in ganz Sarßang verbreitet. „Armer Suleyman! Was soll er nur jetzt mit diesem Kind machen?“

Die Männer rezitierten einer nach dem anderen die dreißig Teile des Korans, die sie in der Hand hielten, und legten sie dann in die Truhe neben der Gaslampe zurück. Der Kasten füllte sich, und Mullah Haschem, der damals noch lebte, sprach zum Abschluss der Koranrezitation ein Gebet. Er bat um die Heilung der Beine des Kindes.

Als sie das angebotene Halwa gegessen hatten und das Esstuch, das auf dem Boden gelegen hatte, zusammengefaltet worden war, begann die Namensgebung. Suleyman brachte einen Teller mit knusprigen Süßigkeiten aus der Backstube und stellte ihn neben die Gaslampe genau an die Stelle, an der während der Rezitation des Korans die Auszüge aus diesem gelegen hatten. Mullah Haschem hatte Schreibzeug mitgebracht. Jeder der Männer schlug einen Namen vor, und der Mullah schrieb diesen mit Feder und blauer Tinte auf ein Blatt Papier. Dann schnitt er das entsprechende Stück von dem restlichen Bogen ab, rollte es zusammen und warf es in eine Schale, die vor ihm stand. Mullah Haschem schrieb auch den Namen auf, den Suleyman genannt hatte: Mohammad Amin. Der Mullah selbst hatte den Namen Zin ul-Abedin vorgesehen. „Möge dieser Imam, der selbst erkrankt war, ihm Gesundheit schenken.“ Alle vorgeschlagenen Namen wurden aufgeschrieben. Mullah Haschem schickte Suleyman in die Backstube, damit der die Mutter des Kindes, die mit anderen Frauen dort saß, fragte, welchen Namen sie sich wünschte. Suleyman kam zurück und wiederholte den von Sultana ausgewählten Namen: „Mustafa.“ Der Mullah notierte ihn, trennte das Stück von dem übrigen Papier, knüllte es zusammen und warf es in die Schale auf die anderen Röllchen. Dann schüttelte er die Schale ein paarmal und fragte Suleyman: „Wer soll das Los herausnehmen?“ Noch bevor dieser antworten konnte, sagte ein anderer Mann: „Ehrwürdiger Scheich! Mach du es doch!“ „Nein, ich habe die Namen aufgeschrieben, jemand anders soll das Los ziehen. Komm Suleyman, komm, hol du es selbst heraus!“

Draußen war das laute Bellen eines Hundes zu hören. Ghader Mastan, der einen weißen Hut aufhatte, saß neben Mullah Haschem. Er fragte: „Was hat der Hund bloß? Sicher hat er einen Fuchs gesehen.“ Er wandte das Gesicht zu seinem jungen Sohn, der neben der Eingangstür saß: „Habt ihr die Tür zum Hühnerstall auch gut zugemacht?“ „Ja, Vater!“

Suleyman steckte seine Hand in die Schale und zog sie wieder heraus. Er hatte zwei Lose gezogen. Eins musste er wieder zu den anderen zurückwerfen. Er überlegte, welches er behalten solle und welches zurücktun. Er zögerte ein paar Sekunden lang, und dann warf er unentschlossen eins wieder in die Schale hinein. Das Papier, das er in der Hand behalten hatte, gab er Mullah Haschem. „Nimm es, ehrwürdiger Herr! Mach du höchstpersönlich es auf.“ Der Geistliche sagte laut „Im Namen Gottes“ und rollte das Papier auseinander. Alle schwiegen und blickten ihn ungeduldig an. „Mal sehen, welcher Vorschlag herauskommt!“ „Gebe Gott, dass es mein Name wird!“ Das Bellen des Hundes draußen war immer noch zu hören, und Qader Mastan dachte wieder an seinen Hühnerstall. „Hoffentlich habe diese verdammten Jungen den Stall richtig fest zugeschlossen.“

Mullah Haschem las laut vor, was auf dem geöffneten Stückchen Papier stand: „Musa.“ Und dann murmelten sie laut im Zimmer: „Gott segne ihn!“ Rassul, dessen Haus unten im Tal lag, es war das letzte im Dorf, sagte lauter als die anderen: „Gott segne ihn!“ Musa war der von ihm gewählte Name, und er war stolz, dass dieses Los gezogen worden war. Mullah Haschem hob die rechte Hand empor, um allen Schweigen zu gebieten. „Möge Gott ihm Glück und Segen schenken! Er hat den Namen des heiligen Moses bekommen, den Namen von einem Gesandten Gottes. Moses hat mit Gott geredet. Er ist der einzige Mensch, der ohne Vermittlung mit Gott selbst gesprochen hat. Möge Allah diesem Kind dank der Fürsprache des heiligen Moses Gesundheit geben!“ Alle sagten mit lauter Stimme „Amen!“ Das Amen von Rassul war lauter als das der übrigen.

Als die Gäste den Tee und die Süßigkeiten verzehrt hatten und die anderen fortgegangen waren, fragte Mullah Haschem Suleyman, was er wegen der Beine des Kindes zu tun gedenke. Und Suleyman antwortete, dass er vorhabe, ihn nach dem vierzigsten Tage nach der Geburt nach Kabul zu bringen. Der Mullah erwiderte, das sei das Beste, und empfahl ihm, davor oder danach einmal nach Kalu zu gehen. „Da lebt ein Seyyed, der sowohl im Wahrsagen sehr erfahren ist als auch jemand, der wirksame Gebete spricht.“

Suleyman scheute keine Mühe und betrieb mit großem Eifer alle notwendigen Vorbereitungen, um seinen Sohn nach Kabul zu bringen. Aber bevor Musa vierzig Tage alt wurde, schneite es und der Weg nach Kabul war versperrt. Die Straße aus ihrer Gegend zur Hauptstadt war ein schmaler, ungepflasterter Landstreifen, der durch schmale Schluchten, Engpässe sowie über Gebirge und kahle Anhöhen führte, eine Straße, auf der manchmal viele Tage lang kein einziges Auto zu sehen war. Außer den fliegenden Händlern, die zu manchen Jahreszeiten darauf hin und her fuhren, ging niemand nach Kabul, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Viele Leute aus dem Dorf und der näheren Umgebung hatten Kabul niemals besucht. Sie hatten nur gehört, dass die Straßen in der Hauptstadt voller Autos seien und die Basare voller Läden, die Straßen voll von Gewimmel, Werkstätten verschiedener Art, Kinos, Lampen, die mit elektrischem Licht leuchteten, und Häusern, die alle einen Innenhof mit einem Brunnen hätten. Neiderfüllt hatten sie das von jemandem, der es gesehen hatte, gehört. „Vielleicht fügt es das Schicksal, dass wir auch eines Tages dorthin kommen.“ Die meisten von denen, die nach Kabul gingen, machten sich zu Fuß auf den Weg oder reitend, mit einer Eselskarawane. Tagsüber reisten sie, und nachts blieben sie in Teehäusern; oder sie übernachteten in den Moscheen der Dörfer, die am Weg lagen. Fünf oder sechs Tage waren sie unterwegs, bis sie die Anhöhen von Onay überquerten und Siah-Chak erreichten. Von dort nach Kabul fuhren viele Kraftwagen. Wenn sie einen Esel hatten, mussten sie ihn bis zu ihrer Rückkehr zur Aufbewahrung in einem Gasthaus lassen und das Futter für das Tier bezahlen. Den Rest des Weges legten sie mit einem Auto zurück. Aber als es in den letzten Herbsttagen schneite, wurde die Straße geschlossen, und sie blieb versperrt, bis der Schnee schmolz. Es war nicht nur der Weg nach Kabul, der gesperrt war, sondern auch der nach Kalu, und Suleyman musste bis zum Frühling warten.

4

Sarßang war ein Dorf, das in einer engen, tiefen Schlucht lag, mit einigen Quellen und ein paar schmalen Streifen fruchtbaren Landes auf dem Grund dieses Tals. Darauf betrieben die Dorfbewohner Ackerbau. Auf beiden Seiten dieses Einschnitts lagen hohe Berge, der Schwarzberg und der Silberberg, deren Farbe jedoch im Laufe der vier Jahreszeiten wechselte. Eine Reihe von kleineren und größeren Bäumen wuchsen dort: Weiden, Platanen und die Stämme von Zürgelbäumen standen am Rande eines Baches, den die Leute Schah-Dschuy, Königsbach, nannten. Er floss auf der Sonnenseite des Tals, und das Wasser aus den Quellen einiger kleiner Rinnsale ergoss sich darein. Im ersten Monat des Sonnenjahres, das mit der Tag- und Nachtgleiche begann, also Ende März/ Anfang April, wenn der Schnee schmolz, verlor er durch die Menge des Schmelzwassers die Kontrolle über sich. Wie betrunken überflutete er singend und tanzend den ganzen Grund der Schlucht und bewässerte in seinem Lauf die bestellten Äcker.

Schwalben, Rotkehlchen und Wiedehopfe waren Vögel, die jeden Frühling auf ihrer Wanderung aus dem warmen Winterquartier eine Weile in Sarßang blieben und auf den Ästen der Platanen und Weiden ihr Nest bauten, und obwohl die frechen Bengel des Dorfes sie manchmal mit Steinen bewarfen und sie mit ihren Schleudern beschossen, ließen sie sich dennoch auf den Wiesen am Ufer des Königsbachs nieder und hüpften dort hin und her.