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Eine magische Stadt, vor den Menschen verborgen, Magier, deren Augenfarben ihre Fähigkeiten widerspiegeln und Wächter, die die Ordnung dieser Welt bewahren... Genau dort findet sich die junge Tauchlehrerin Emma plötzlich wieder, als ihr Amulett, ein Erbstück ihrer verstorbenen Mutter, ungewollt Magie freilässt, welche die Wächter auf den Plan ruft. Fortan muss sie versuchen in einer anderen Welt zurechtzukommen, in der sie nicht nur lernen muss ihre eigene Magie zu beherrschen, sondern auch erkennt, dass Gut und Böse nicht weit voneinander entfernt liegen. Und als wäre das nicht schon genug, wird ihr auch noch der rechthaberische, aber durchaus attraktive Mitternachtswächter Jo als Beschützer vor die Nase gesetzt, wodurch hitzige Diskussionen und leidenschaftliche Gefühle vorprogrammiert sind.
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Seitenzahl: 436
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für alle, die gegen Bösewichte kämpfen, die das Magische in der Wett sehen und, die der Realität entfliehe wollen! Das ist für euch!
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechszehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Epilog
Eins
„Ich hasse Gewitter! Bist du sicher, dass nichts passieren kann?“
„Es kann nichts passieren! Beruhige dich!“
Beruhigen? Genau das konnte sich Miranda nicht. Sie saß neben ihrem Mann in seinem Privatjet, der Cessna Citation Mustang, in der fünf Leute bequem Platz fanden, und hielt sich krampfhaft am glänzend weichen Ledersitz fest, bis ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.
„Was ist denn, wenn ein Blitz hier einschlägt?“
Genervt atmete John aus und schaute zu seiner Frau. Es lag nicht nur an dem Gewitter, das wusste er. Es war die Box. Das kleine hölzerne Kästchen, das in einem Geheimversteck in einer alten Kommode lag, die hinter ihr im Flugzeug stand.
„Es wird kein Blitz einschlagen! Und selbst wenn, dann stürzen wir nicht gleich ab! Es sind nur noch zehn Minuten bis zum Flughafen.“
Miranda schwieg und schaute aus dem Fenster. Die dunklen graublauen Wolken ballten sich bedrohlich zusammen und schienen das Flugzeug förmlich zu umzingeln. Sie konnte sich immer auf ihre Intuition verlassen und das schlechte Gefühl ließ sie nicht los, schon seit sie ins Flugzeug gestiegen waren. Sie hätten diese Box früher wegbringen müssen.
Das hatte sie ihm bereits knapp fünf Stunden vorhergesagt, als sie zu Hause im Wohnzimmer saßen und John, mit dem Handy in der Hand, zu ihr kam. Er schaute sie alarmiert an und Miranda wusste sofort, was los war. Sie hatten sie gefunden. Die Wächter hatten sie gefunden.
John hatte sich neben sie auf die bequeme Couch mit dem Zebramuster gesetzt, die er nur ihr zuliebe gekauft hatte, weil Miranda einen etwas ungewöhnlichen Geschmack besaß.
„Es gab einen Zwischenfall in Tehal. Daniel hat es gerade bestätigt. Sie wissen, wo wir sind. Wir müssen die Box an einen sicheren Ort bringen.“
Johns Blick sagte alles, was er nicht aussprechen wollte. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er Miranda wieder alleine lassen musste, aber es ging nicht anders. Seine Frau nahm seine Hand und schaute in seine grünen Augen, die sie so an ihm liebte. Sie wusste, dass sie die Box wegschaffen mussten.
„Wohin willst du sie bringen?“
John zögerte mit der Antwort. Nicht, weil er seiner Frau nicht traute, sondern da er wusste, wie sie reagieren würde.
„Nach Bajo Rianja.“
Mirandas Augen wurden groß.
„Bevor du jetzt irgendetwas sagst“, kam John ihr zuvor und stand auf, „ich weiß, dass es gefährlich ist, das Kästchen zu ihr zu bringen, aber es ist unsere einzige Chance! Und nein, du kannst nicht mitkommen!“
Aufgebracht stand Miranda auf und lief wild gestikulierend im Wohnzimmer auf und ab.
„Gefährlich? Meinst du nicht, mich hier alleine zu lassen, ist nicht gefährlich?“
Sie ging auf ihren Mann zu und sah die Angst in seinen Augen. Sie verstand ihn, aber wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, bekam sie es meistens.
Deshalb saß sie jetzt hier im Flieger und sie wünschte, sie hätte nicht gewusst, wo es hinging, denn mit jeder Minute, die sie sich dem Flughafen näherten, wurde sie nervöser. Das Gewitter wurde immer bedrohlicher und die Blitze schienen deutlich näher am Flugzeug zu sein als vor fünf Minuten. Und sie waren zu perfekt, zu gleichmäßig – jeder Winkel, jeder Knick. Solche Blitze kannte sie nur von …
„John, sieh doch!“
Sie zeigte mit ihrem Zeigefinger auf eine dunkle Wolkenformation direkt vor ihnen. Zwischen all den Blau- und Grautönen war noch etwas anderes, etwas Schwarzes, Nebliges, und das war definitiv keine Wolke.
„Verdammt!“ John nahm das Steuer fester in die Hand und zog den kleinen Privatjet sofort im steilen Sinkflug nach unten.
„Halt dich fest!“, rief er seiner Frau zu.
„Wie konnten sie so schnell wissen, wo wir sind?“
„Ich weiß es nicht, aber gerade haben wir andere Sorgen! Der Flughafen ist noch zu weit weg, ich weiß nicht, wie wir es bis dahin schaffen sollen!“
Mit zusammengekniffenen Augen versuchte John, das kleine Flugzeug durch die Wolkenwand zu manövrieren. Der Sinkflug dauerte ewig. So eine dichte Wolkendecke konnte nicht natürlich sein, und das war sie auch nicht. Miranda verkrampfte ihre Finger weiter im Ledersitz und versuchte die Panik zu unterdrücken, die bedrohlich in ihr hochstieg. Als die Maschine endlich die Wolken durchbrach, brachte John den Flieger in eine waagerechte Position und flog im Tiefflug über das Meer.
Doch, was sie dann erwartete, hätte keiner von beiden für möglich gehalten. Vor ihnen, in einigen Metern Entfernung, erhob sich eine Wand aus Gestalten in langen schwarzen Umhängen, die Gesichter von Kapuzen verdeckt Sie schienen geradewegs in der Luft zu schweben.
„Miranda? Du weißt, was zu tun ist!“
John schaute seine Frau an und nickte ihr kurz zu. Ohne zu zögern, schnallte sich seine Frau ab und verschwand im hinteren Teil des Flugzeugs. Neben den zwei Reihen von pompösen Ledersesseln hatten Miranda und John ihre kleinen, in Eile gepackten Reisetaschen abgestellt. Schlingernd wich sie den Sesseln und Taschen aus und krallte sich bei jeder Turbulenz an den oberen Ablagen fest, um nicht durch das Flugzeug geschleudert zu werden. Sie steuerte direkt auf die kompakte Holzkommode zu, die mit drei langen Schubladen und zwei kleinen Fächern Mitten im Flieger stand. Sie blieb davor stehen und hob ihre Hände, als wollte sie ihre Handflächen auf die Kommode ablegen. Stattdessen hielt sie sie ein paar Zentimeter darüber in der Luft und schloss ihre Augen. Schnell spürte sie, wie ihre Hände wärmer wurden und das Kribbeln in ihren Fingerspitzen einsetzte. Weißes, strahlendes Licht schlängelte sich aus ihren Fingern und umhüllte das Sideboard. Mit geschlossenen Augen murmelte Miranda den Zauberspruch, den sie erst einmal in ihrem Leben gesprochen hatte, aber nie mehr vergessen würde. Beim Gedanken daran kullerte eine einzelne Träne aus ihren großen violetten Augen.
Das Licht verblasste langsam und ließ den Schrank so aussehen wie zuvor. Miranda atmete tief aus und ging schnell zurück ins Cockpit.
John schaute zu seiner Frau, als sie sich wieder neben ihn setzte. Er nahm ihre Hand behutsam in seine und beugte sich zu ihr hinüber für einen letzten Kuss. Dann steuerten sie zusammen auf die schwarzen Gestalten zu, die wie in einer Choreographie die Hände hoben und auf das Flugzeug richteten. Das Letzte, was Miranda und John sahen, waren rote Blitze, die direkt auf sie zu schossen!
Es war warm. Zu warm. Und hell! Warum musste die Sonne so früh aufgehen, fragte sich Emma, als sie mit verschlafenen Augen nach ihrem Wecker auf dem Nachttisch tastete, der natürlich prompt herunterfiel. Knurrend rollte sie sich auf die Seite und schaute auf den Wecker am Boden – halb sieben. Viel zu früh! Jetzt gab es zwei Möglichkeiten, entweder sich unter so vielen Decken und Kissen zu verstecken und versuchen weiterzuschlafen, wofür es definitiv jetzt schon zu warm war, oder eben aufstehen. Fluchend schlug Emma die Decke zurück und stand grummelnd auf.
Eigentlich sollte ihr heute nichts den Tag vermiesen können, aber dieser verrückte Albtraum, den sie schon seit Wochen hatte, spukte immer noch in ihrem Kopf herum.
In ihrem Traum stand sie am Strand und schaute auf die unendlichen Weiten des Meeres, als sich plötzlich vor ihr eine Welle aufbaute, die bis zu fünf Meter hoch zu sein schien. Sie rollte mit tosendem Lärm auf den Strand zu. So sehr Emma es auch versuchte, sie konnte nicht weglaufen und musste stattdessen zusehen, wie die Bedrohung immer näher kam. Kurz bevor die Wassermassen sie erreichten, hob Emma schützend ihre Arme vor ihr Gesicht, woraufhin die Welle einfach stehen blieb, als würde sie einfrieren. Und genau das war der Moment, in dem Emma keuchend aufwachte.
Emma schüttelte den Kopf – ein und derselbe Traum seit fast vier Wochen. Alle Internet- und Traumdeutungsrecherchen hatten sie nur noch mehr verwirrt. Von einer emotionalen Erschütterung bis zu einer Warnung vor Gefahr und Unglück oder einer tiefsitzenden Depression gab es im Internet alle möglichen Interpretationen. Deswegen akzeptierte Emma eben die wenigen Stunden Schlaf, die sie nachts bekam.
Immer noch halb verschlafen, schlurfte sie die Treppe nach unten in die Küche. Gott sei Dank hatte Nat Kaffee gekocht, bevor sie zur Arbeit gefahren war.
Natalie, von allen nur Nat genannt, war Emmas beste Freundin, seit sie denken konnte. Irgendwie war es zwischen ihnen beiden Freundschaft auf den ersten Blick gewesen. In der Grundschule war Emma eher zurückhaltend und ruhig – um genau zu sein, war sie das heute noch – und saß die meiste Zeit alleine. Aber eines Tages setzte sich die kleine, quirlige Nat ganz selbstverständlich neben sie.
„Hi, ich bin Natalie, aber du kannst Nat sagen. Du siehst aus, als könntest du eine Freundin gebrauchen!“
Diese entwaffnende Freundlichkeit hatte Nat bis heute nicht verloren und Emma bewunderte sie jedes Mal dafür. Während Emma als Antwort damals nur ein „Okay!“ murmeln konnte, war das Thema mit der Freundschaft für Nat längst beschlossene Sache. Kein Wunder, dass beide nicht nur in der Schule, beim Sport und später in der Uni unzertrennlich waren, jetzt wohnten sie auch noch zusammen. Natalie war ein halbes Jahr älter als Emma und wurde genau vor zwei Monaten fünfundzwanzig Jahre alt.
Nat war schon immer das komplette Gegenteil von Emma. Sie war lustig, temperamentvoll und lebhaft. Dazu kam, dass sie mit ihrem blonden Lockenkopf, der femininen Figur und ihrem leicht gebräunten Teint jeden Mann um den Finger wickeln konnte – und das tat sie auch. Ein fester Freund kam für Nat nicht infrage.
„Emma, du kannst dich nicht nur auf einen Mann fixieren!“ Nat teilte ihre Weisheiten nur zu gern mit ihrer Freundin.
„Woher willst du denn wissen, dass er der Richtige ist? Und es gibt so viele süße Typen da draußen, da fällt es schwer, sich nur für einen zu entscheiden“. Das offenbarte Nat ihr eines Abends, als sie draußen auf der Veranda saßen.
„Wenn man verliebt ist, ist das anders“, konterte Emma und dachte an Tom. „Wenn du weißt, dass er der Richtige ist, dann interessierst du dich gar nicht mehr für andere Männer!“
Nat funkelte Emma an. „Du musst es ja wissen!“
Sie hob die Arme über den Kopf, formte ein großes Herz und imitierte Emmas verliebten Blick. Na ja, zumindest behauptete Nat, dass Emma Tom so anschauen würde, was sie selbstverständlich gar nicht tat. Sie nahm ein Kissen von der Bank und warf es ihrer Freundin ins Gesicht.
„So seh ich überhaupt nicht aus!“, empörte sich Emma und Nat fing an zu lachen.
Bei dem Gedanken an Tom musste Emma allerdings unwillkürlich grinsen. Mit ihrem Kaffee in der Hand setzte sie sich an die freistehende Theke in der Küche, von der aus man einen fantastischen Blick auf den Strand und das Meer hatte. Bajo Rianja war zwar nur eine kleine Halbinsel in der Nähe von San Diego und es gab hier mehr Strand als Häuser, aber genau deshalb liebte Emma es hier! Das kleine zweistöckige Haus, in dem sie mit Nat wohnte, stand nur zweihundert Meter vom Wasser entfernt auf einer Anhöhe und wurde von Dünen mit wildem Strandhafer und Dünengras eingerahmt. Emma liebte das Haus. Sie hatten eine relativ große Küche, in der alles Wichtige seinen Platz fand, und ein geräumiges Wohnzimmer mit riesiger Couch, auf der Nat und sie schon den einen oder anderen Serien-Marathon gestartet hatten. Eine schmale Treppe führte in den ersten Stock, in dem es von einem kleinen Flur aus links in Natalies Zimmer ging, geradeaus ins Badezimmer und rechts in Emmas Zimmer. Klein, aber fein, war wohl der beste Ausdruck, um das Haus zu beschreiben. Und den beiden reichte es vollkommen aus.
Bereits nach dem zweiten Schluck Kaffee merkte Emma, wie das Getränk ihre Lebensgeister weckte. Und sofort kam das aufgeregte Kribbeln zurück, das sie schon seit Wochen kannte. Heute war es soweit. Heute würde sie endlich ihre Ausbildung zum Tauchlehrer abschließen. Darauf hatte sie über ein halbes Jahr lang hingefiebert. Das Tauchen lag ihr im Blut und das Wasser war ihr Element. Das merkte sie jedes Mal, wenn sie nur in dessen Nähe kam. Wieder fiel Emma ihr Traum ein. Schnell trank sie den Rest ihres Kaffees aus und verscheuchte die negativen Gedanken. Sie würde sich diesen Tag nicht von einem dummen Albtraum ruinieren lassen!
Nachdem Emma geduscht und sich angezogen hatte, machte sie es sich auf der kleinen Veranda gemütlich, die das ganze Haus umschloss und mit den alten und teilweise kaputten Holzmöbeln und den vielen bunten Kissen einen ganz besonderen Charme hatte. Ihre dicke Arbeitsmappe lag auf ihren Oberschenkeln, während sie noch einmal die wichtigsten Regeln im Umgang mit Tauchschülern durchging.
Als Emma das nächste Mal auf die Uhr schaute, war es bereits halb neun. So langsam musste sie sich fertigmachen. Sie klappte den Ordner zu, ging nach oben und war nach fünfzehn Minuten fertig angezogen. Sie wollte gerade die letzten Sachen in ihre Tasche packen, als ihr Handy klingelte.
Eine Nachricht von Nat.
„Viel Erfolg, meine Süße! Du schaffst das! Ich drück dir die Daumen! Und heute Abend wird erstmal ordentlich gefeiert!“
Emma rollte mit den Augen. Nat dachte immer nur an Partys. Dass sie zwischen ihren Schichten als Krankenschwester im hiesigen Krankenhaus überhaupt Zeit dafür hatte, war Emma ein Rätsel. Aber ihrer Freundin schien es nichts auszumachen, sie sah jeden Tag wie frisch aus dem Ei gepellt aus, während Emma, wenn sie mal zwei Tage durchgefeiert hatte, aussah wie ein Zombie. Auch, als sie jetzt in den Spiegel sah, der über der kleinen Frisierkommode hing, dachte sie genau das. Ihre schulterlangen braunen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, aus dem sich aber wie immer einzelne Strähnen lösten und ihr Gesicht umspielten. Sie versuchte ihre Augenringe mit etwas Concealer abzudecken, was mehr schlecht als recht funktionierte. Wenn sie ins Wasser ging, war Make-up eh sinnlos. Ihre Augenfarbe mochte Emma an sich am meisten. Sie war dunkelblau, fast wie das Meer – so durchdringend und beinahe schon unnatürlich, fand sie, zumal die Farbe einen Stich ins Violette ging. Schon häufiger musste sich Emma anhören, dass das doch nicht ihre natürliche Augenfarbe sei und sie Kontaktlinsen tragen würde. Aber diese Kommentare ignorierte sie meistens. Sie mochte die Farbe, denn sie erinnerte sie an ihre Mum. Ihr Onkel hatte ihr erzählt, dass sie genau dieselbe Augenfarbe gehabt hatte, sogar noch violetter. Automatisch griff Emma nach der Kette, die am Spiegel hing. Sie war das Einzige, was ihr von ihren Eltern geblieben war. Es handelte sich um ein silbernes Medaillon, in dessen Mitte sich zwei kleine Glasscheiben befanden, zwischen denen drei Löwenzahnfrüchte steckten. Das waren diese kleinen, haarigen Schirmchen einer Pusteblume, die Emma als Kind immer weggepustet hatte und dann zusah, wie der Wind sie forttrug. Emma legte die Kette um und versteckte sie unter ihrem T-Shirt. Dann nahm sie ihre Tasche vom Bett und machte sich auf den Weg zum Tauchclub.
Der Club lag nur circa zehn Gehminuten vom Haus entfernt, sodass Emma zu Fuß am Strand entlanglaufen konnte. Sie liebte den Strand und das Meer. Irgendetwas zog sie magisch an. Es war wie eine unsichtbare Kraft, die das Meer auf sie ausübte. Deswegen hatte sie auch bereits mit acht Jahren angefangen zu tauchen. Erst einmal nur in einem Pool von zwei Metern Tiefe. Aber als sie älter wurde, musste sie einfach ins Meer. Angst vor der Tiefe, der Dunkelheit oder den Meeresbewohnern hatte sie nie. Im Gegenteil. Erst im Wasser fühlte sich Emma so richtig lebendig.
Während sie durch den weichen, fast weißen Sand schlenderte und die wenigen Menschen beobachtete, die um diese Zeit am Strand waren – meist Jogger oder Spaziergänger mit ihren Hunden und natürlich die ersten Sonnenanbeter –, wurde sie immer nervöser. Alle Theorieprüfungen hatte sie bereits absolviert und mit Bravour bestanden. Welcher Druck herrscht in dreißig Meter Tiefe? Und was hat bei einem Dekompressionsunfall oberste Priorität? Alles Fragen, die Emma ohne Probleme beantwortet hatte. Und auch die ersten praktischen Prüfungen, die sich mit Sicherheit und Unfallmanagement beschäftigten sowie der Organisation und Durchführung einer kompletten Lehrprobe im Freiwasser, hatte sie schon hinter sich gebracht. Heute musste sie zeigen, dass sie ihr Wissen bei einer Gruppe von Tauchanfängern anwenden konnte. Ihre Schüchternheit, die sie oft gegenüber Menschen hatte, die sie nicht kannte, half ihr dabei nicht wirklich weiter.
Nein, bestärkte sich Emma. Sie hatte mit Nat im Pool ihres Nachbarn alle möglichen Lehrsituationen trainiert und ihre Freundin hatte sich wirklich dämlich angestellt, als wüsste sie nicht mal, was ein Schnorchel ist. Wenn Emma damit zurechtgekommen war, würde sie auch das hier schaffen!
Als sie den Tauchclub erreichte, stand ihr Ausbildungsleiter Tom schon am Steg, der ins Meer führte. Sobald er Emma sah, kam er auf sie zu gelaufen. In Emmas Bauch fingen sofort die Schmetterlinge an zu flattern, als sie ihn sah. Mit seiner sonnengebräunten Haut, dem fast kahlrasierten Kopf, auf dem nur noch vier Millimeter kurze, braune Haare standen und seinem muskulösen Körper, der in der schwarzen Badehose so richtig zur Geltung kam, vergaß Emma für einen kurzen Moment total ihre Prüfung. Tom gehörte die Tauchschule seit zwei Jahren. Da hatte er sie von dem damaligen Besitzer übernommen und Emma angeboten, dort ihre Ausbildung zu machen. Er war nur drei Jahre älter als sie, also praktisch der perfekte Freund, vor allem, wenn es nach Nat ging. Wären da nicht die vielen Frauen, die Tom umgaben, sobald er auch nur einen Fuß unter Menschen setzte. Und außerdem hatte er bisher keine Andeutungen gemacht, dass er an Emma interessiert wäre. Ganz zu ihrem Bedauern.
„Hey, Emma! Bereit für heute?“
Tom strahlte sie an und sein Lächeln ließ Emmas Knie weich werden.
„Ja …, ich hoffe“, erwiderte Emma unsicher, woraufhin er sie skeptisch ansah.
„Na, ein bisschen mehr Zuversicht, wenn ich bitten darf. Du hast alle Theorieprüfungen und Lehrproben bisher ohne Probleme bestanden, da wirst du dich doch jetzt nicht unterkriegen lassen! Du kannst das, Emma!“
Er legte eine Hand auf ihre Schulter und Emmas Haut brannte unter seiner Berührung.
Sie nickte und Tom zwinkerte ihr zu.
„Also, wir starten in dreißig Minuten“, sagte er und zog seine Hand zurück. „Es kommen fünf Leute, die deine Gruppe sein werden. Alles ebenfalls Auszubildende, wie du. Alle weiteren Infos gibt es gleich. Zieh dich um und bereite dich vor. Ich warte am Anfängerbecken auf dich.“
Emma konnte wieder nur nicken. Wie immer, wenn sie nervös wurde, verschlug es ihr die Sprache. Verdammt, warum ausgerechnet immer vor Tom? Sie merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, daher drehte sie sich schnell um und verschwand in Richtung der Umkleideräume. Während sie sich in ihren engen Neoprenanzug zwängte, ging sie im Kopf noch einmal die wichtigsten Punkte durch. Aus Gewohnheit streifte sie ihr Medaillon ab und wollte es in ihren Spint hängen, als sie innehielt. Sie legte immer ihren ganzen Schmuck ab, wenn sie ins Wasser ging, aber das Medaillon war Emmas Glücksbringer. So wäre ihre Mutter bei ihr, dachte sie sich und legte sich kurzentschlossen die Kette wieder um. Sie versteckte sie unter ihrem Anzug und zog den Reißverschluss bis zum Hals zu. Sicher ist sicher. Nicht, dass sie die Kette noch verlor.
Als sie zum Anfängerbecken lief, bei dem es sich um einen kleinen, ungefähr zehn mal zehn Meter großen Pool handelte, der an der tiefsten Stelle nur knapp drei Meter Wasserhöhe maß, sah sie, dass Tom sich mit einem Mann unterhielt, der ohne Zweifel ihr Prüfer sein musste. Niemand, den sie kannte, trug bei dreißig Grad im Schatten freiwillig eine lange Hose und ein Hemd. Trotzdem sah er nett aus, fand Emma. Er war schätzungsweise Ende dreißig und die Lachfalten um seine Augen machten ihn auf Anhieb sympathisch.
Als Emma sich näherte, drehten sich beide zu ihr um.
„Emma, das ist Mister Avez, er ist dein Prüfer für heute!“
Emma schüttelte dem Fremden die Hand.
„Emma Jones, freut mich, Sie kennenzulernen.“
„Freut mich auch, Miss Jones. Tom spricht in den höchsten Tönen von Ihnen.“
Emma stieg die Röte ins Gesicht.
„Ich hoffe, ich kann diesen Erwartungen gerecht werden“, sagte sie schüchtern.
„Daran habe ich keine Zweifel“, versicherte ihr Mister Avez und lächelte sie freundlich an.
Während Emma die Ausrüstung kontrollierte, fanden sich nach und nach ihre Schüler für heute ein.
„So, ich glaube, wir können starten“, sagte ihr Prüfer ein paar Minuten später. „Miss Jones?“
Emma holte tief Luft und schaute sich ihre Gruppe an. Besser hätte sie es eigentlich nicht treffen können. Es waren drei Männer und zwei Frauen, alle ungefähr Mitte zwanzig und alle schauten sie freundlich abwartend an. Emma wusste, dass die Fünf auch gerade ihre Ausbildung zum Tauchlehrer machten. Deswegen war es jetzt an der Zeit alles abzurufen, was sie gelernt hatte.
Zuerst gab Emma ihrer Gruppe eine Einweisung über die Ausrüstung. Sie erklärte, wie die Kommunikation unter Wasser funktionierte, demonstrierte die Erste-Hilfe-Leistungen und was im Falle eines Notfalls beachtet werden musste. Dann half sie jedem Einzelnen mit der Ausrüstung, bevor es ins Wasser ging. Alles in allem lief die Prüfung richtig gut, fand Emma. Sie sah Tom am Beckenrand immer mal wieder nicken und auch Mister Avez machte einen zufriedenen Eindruck. Natürlich versuchten ihre Schüler sie mit Fragen und falscher Ausführung aus der Reserve zu locken, aber auch das meisterte sie ohne Probleme. Die zwei Stunden vergingen wie im Flug. Nachdem Emma ihrer Gruppe gezeigt hatte, wie die Ausrüstung richtig gereinigt und verwahrt wird, bedankte und verabschiedete sie sich, worauf Tom die Gruppe nach draußen begleitete.
Nervös wartete Emma am Beckenrand und beobachtete Mister Avez, der abseits stand und etwas auf das Papier auf seinem Klemmbrett schrieb. Als Tom zurückkam, zog er Emma in eine stürmische Umarmung.
„Du warst genial! Als hättest du nie etwas anderes gemacht!“
Er sagte es voller Stolz und auch Emma begann zu strahlen, als die ganze Anspannung endlich von ihr abfiel. Jetzt musste sie nur noch bestanden haben, dachte sie, als Mister Avez auf die beiden zukam. Sein Gesicht ließ sich nicht deuten.
„Miss Jones, das war sehr beeindruckend. Sie haben den Ablauf einer Einführungsstunde gut erfasst, die Grundlagen richtig und ausführlich erklärt. Wenn es ins Wasser geht, sollten sie versuchen, dass niemand sofort stürmisch startet, bevor sie nicht allen die korrekte Einweisung gegeben haben. Aber alles in allem, kann ich nur sagen: Glückwünsch! Sie haben bestanden!“
Emma konnte es nicht glauben, sie hatte es geschafft!
„Oh mein Gott, danke!“
Am liebsten hätte sie Mister Avez umarmt, aber der hätte ihr wahrscheinlich direkt wieder ihren Schein abgenommen. Daher schüttelte sie ihm nur die Hand und als dieser sich auf den Weg nach draußen machte, war es Tom, der Emma erneut umarmte.
„Ich habe es doch gewusst!“, jubelte er und hob Emma ein paar Zentimeter vom Boden ab, sodass sie überrascht aufschrie.
„Ich bin so glücklich, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
„Das muss gefeiert werden“, schlug Tom vor.
„Hör bloß auf, das wird Nat heute Abend schon übernehmen. Sie will mich in irgendeinen neuen Laden schleifen. Du kommst doch auch, oder?“
„Na klar, sie hat mir schon vor Wochen gesagt, dass ich mir den Tag freihalten soll.“
Emma lachte. „Aber ihr wusstet doch noch gar nicht, ob ich überhaupt bestehe!“
„Das war uns von vornherein klar!“
Emma lächelte Tom an, während sich beide tief in die Augen schauten. Vielleicht ist da ja doch mehr, hoffte sie, als Tom sie aus ihren Gedanken riss.
„Aber ich meinte, wir sollten jetzt schon feiern. Was hältst du davon, wenn wir eine Runde tauchen gehen? Meine nächste Gruppe kommt erst in zwei Stunden.“
Emma war immer noch völlig durch den Wind, aber Toms Euphorie steckte sie an. Sie nickte und beide machten sich daran, ihre Ausrüstung zu checken und auf das kleine Boot zu verladen, das am Steg lag. Schon als Tom den Motor startete, konnte Emma ihre Freude gar nicht mehr bremsen. So war es immer, wenn sie wusste, dass sie gleich in die Schwerelosigkeit des Wassers gleiten und damit in eine völlig andere und friedliche Welt eintauchen würde.
Tom fuhr etwas weiter raus als sonst. Wahrscheinlich wollte er Emma ein neues Fleckchen zeigen, das er auf einem seiner Ausflüge entdeckt hatte. Das machte er ständig. Wenn er ein neues Riff oder bisher unbekannte Fische entdeckte, erzählte er Emma in aller Ausführlichkeit davon und musste sie natürlich hinterher dorthin mitnehmen.
„Wohin fahren wir?“, schrie Emma gegen den Fahrtwind an.
„Ich glaube, ich habe letztens ein Flugzeugwrack im Wasser entdeckt. Allerdings hatte ich kaum noch Sauerstoff und musste die Tour abbrechen. Ich hoffe, wir finden es wieder. Es sah atemberaubend aus, auch von der Ferne schon!“ Tom schien völlig begeistert.
Ein Wrack? Die Armen, die damit mal abgestürzt waren, dachte Emma traurig. Ob sie das wirklich sehen wollte? Was, wenn sich dort noch Skelette befanden? Emma schauderte. Erst einmal müsste Tom ja die Stelle wiederfinden.
Nach nur ein paar Minuten wurde Tom langsamer und stoppte das Boot.
„Ich glaube, hier bin ich das letzte Mal abgestiegen. Ich denke, wir schauen einfach mal nach.“
„Na dann los“, sagte Emma und schnappte sich ihre Ausrüstung. Beide prüften noch einmal die Druckanzeige, den Sitz ihrer Flaschen und die Gewichte, die, im Falle eines Notfalles, zum Schnellabwurf benutzt wurden. Dann setzten sie sich auf den Rand des Bootes und ließen sich rückwärts ins Wasser fallen.
Angenehme Kälte umfing Emma und entlockte ihr ein Lächeln. Genau hier war sie richtig, dachte sie, als sie Tom in die Tiefen des Meeres folgte. Vor Bajo Rianja gab es unzählige Korallenriffe, die alle ungefähr in einer Tiefe von dreißig bis vierzig Metern lagen. Was auch ganz gut so war, denn tiefer als vierzig Meter war Emma noch nie getaucht. Das war jedenfalls die maximale Tiefe, die für Sporttaucher erlaubt war. Auch jetzt tauchten sie auf einer Höhe von gut zweiunddreißig Metern, zwischen bunten Fischen, leuchtenden Korallen und Algen. Tom schwamm voraus, immer weiter. Emma genoss die Ruhe und die bunte Farbenwelt in vollen Zügen, als etwas Seltsames mit ihr geschah. Unter ihrem Anzug wurde es ungewöhnlich warm. Und warum war es hier plötzlich so hell? Tom bekam nicht mit, dass Emma ihm nicht mehr folgte, ebenso merkte er nichts von dem warmen Licht, das durch ihren Neoprenanzug drang. War das ihr Medaillon? Erschrocken wich sie zurück und schaute an sich herunter. Jetzt erkannte sie es ganz deutlich, ihr Medaillon leuchtete. Emma machte die Augen zu und schüttelte den Kopf. Verlor sie jetzt komplett den Verstand? Aber auch, als sie die Augen wieder öffnete, war da immer noch das helle Licht, das aus ihrem Anzug strahlte. Das Medaillon vibrierte leicht und Emma hatte das Gefühl, als würde es ihr irgendetwas zeigen wollen. Oh mein Gott, hatte sie das gerade wirklich gedacht? Ihr Medaillon wollte ihr etwas zeigen? Wie verrückt war die Vorstellung denn bitte? Emma wollte zu Tom aufschließen. Sie wurde schneller und je weiter sie schwamm, umso stärker vibrierte das Medaillon.
Und dann sah sie es. Das Wrack, von dem Tom gesprochen hatte. Es lag vor ihr auf dem Grund. Es sah unbeschädigt aus, als wäre es einfach ins Meer geflogen und dort gelandet. Emma schwamm immer schneller, angetrieben vom stetigen Pulsieren ihres Anhängers und ihrer Neugierde herauszufinden, was dort im Wrack auf sie wartete.
Abrupt wurde sie aus ihrer Trance gerissen, als etwas Schwarzes mit hohem Tempo an ihr vorbeischoss und sie nur um Zentimeter verfehlte. Emma zuckte zurück und sah diesem Ding hinterher, das aber schon aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Was war das gewesen?
Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Kette nicht mehr leuchtete und sie viel näher an das Flugzeug herangeschwommen war, als sie vorhatte. Der Drang zum Flugzeug zu schwimmen, war wie verflogen. Sobald Tom sich zu ihr umdrehte, signalisierte sie ihm, dass sie wieder an die Oberfläche schwimmen würde. Er gab sein Okay und Emma versuchte so schnell wie möglich wieder ans Tageslicht zu gelangen.
Was war gerade passiert? Wieso leuchtete ihre Kette? Vielleicht hatte die Taschenlampe etwas reflektiert oder das Material reagierte nicht gut auf das Wasser? Bisher hatte sie die Kette noch nie beim Tauchen getragen. Es musste eine logische Erklärung dafür geben. Aber was war das für ein schwarzes Etwas gewesen? Es sah fast aus wie schwarzer Rauch, der sich wie ein Aal bewegte.
Na super, jetzt sah sie auch noch unheimliche Unterwasserbewohner. Emma musste dringend an die Luft. Vielleicht war der Sauerstoff ihrer Flasche nicht in Ordnung? Sie schaute auf die Anzeige. Ausreichend Sauerstoff war jedenfalls noch vorhanden und auch der Druck sah gut aus. Seltsam.
Es wurde um Emma langsam heller und endlich durchbrach sie die Wasseroberfläche und hielt Ausschau nach dem Boot. Als sie es erreichte und über die kleine Seitentreppe an Bord gelangte, war sie so erleichtert wie noch nie. Das Meer war immer wie ihr zweites Zuhause gewesen, aber heute hatte sie sich komischerweise dort überhaupt nicht sicher gefühlt.
Als das Boot am Steg andockte, hatte sich Emma wieder etwas beruhigt. Vielleicht hatte sie sich das alles auch nur eingebildet, schließlich war es ein anstrengender Tag gewesen und eine noch stressigere Woche davor. Der Druck war ihr vielleicht einfach zu Kopf gestiegen. So etwas kommt doch vor, oder?
Sie hatte Tom jedenfalls nichts von ihrem Medaillon oder dem schwarzen Ding erzählt. Trotzdem musterte er sie argwöhnisch. Auf dem gesamten Rückweg hatte sie sich wenig bis gar nicht an einer Unterhaltung beteiligt, bis er es irgendwann aufgegeben hatte. Er war immer noch ganz begeistert davon, dass er das Wrack wiedergefunden hatte.
Beim Umziehen im Tauchclub schaute sich Emma das Medaillon genauer an. Aber sie konnte nichts entdecken, es sah aus wie immer. Es war wahrscheinlich wirklich nur Einbildung gewesen.
Nachdem sie ihre Ausrüstung verstaut und sich von Tom verabschiedet hatte, schlenderte sie gedankenverloren zurück nach Hause.
Es war kurz nach drei. Bestimmt war Nat von ihrer Frühschicht schon zurück, Emma brauchte dringend Ablenkung. Das kleine hellgelbe Haus mit den blauen Fensterläden, an denen die Farbe bereits abblätterte, sah Emma schon von weitem. Sie erinnerte sich noch genau, wie Nat ihr vor zwei Jahren erzählt hatte, dass sie dort einziehen würden. Da Natalies Vater als Chefarzt in der einzigen Klinik im Umkreis von hundert Kilometern arbeitete, war es für ihn selbstverständlich gewesen, seiner Tochter zur bestandenen Ausbildung ein kleines Haus zu kaufen. Gut, viel kann es nicht gekostet haben. Die Veranda war teilweise morsch, die Dielen knarrten und das Dach hatte auch schon bessere Tage erlebt. Aber für die beiden reichte es und es war schön, sein eigenes kleines Reich zu haben und dann noch mit so einem Ausblick.
Nat saß auf der Terrasse, als Emma die Stufen vom Strand hinaufstieg.
„Und? Und? Und?“ Ihre Freundin sprang von der Hängematte auf und wartete gespannt auf eine Antwort. Emma schmunzelte nur.
„Jetzt mach es doch nicht so spannend. Ich warte schon seit fast drei Stunden auf eine Nachricht von dir, aber du hast es ja nicht für nötig gehalten, deiner besten Freundin Bescheid zu geben. Oder war die Prüfung doch erst später? Gestern hast du gesagt sie fängt um zehn an und dauert höchstens zwei Stunden. Du hättest es mir doch gesagt, wenn die sich verschoben hätte? Oder bist du durchgefallen? Nein, oder?“
Emma unterbrach Nat, bevor sie sich noch weiter in ihren Monolog verstricken konnte.
„Nat, vergiss nicht zu atmen!“, sagte Emma und grinste verschmitzt. „Ja, die Prüfung war um zehn, aber ich bin danach noch mit Tom draußen gewesen, er wollte feiern …“.
„Du hast bestanden?“, schrie Nat und zog Emma sogleich in ihre Arme. „Ich wusste es doch! Glückwunsch, Süße!“
„Danke!“ Emma strahlte vor Freude und erwiderte die Umarmung.
„Das heißt also erst recht heute Abend Party! Hast du Tom gefragt? Kommt er auch?“ Nat war total aufgeregt.
„Klar, du hast ihm ja gar keine andere Wahl gelassen.“ Emma lachte.
„Er hätte Nein sagen können, aber ich glaube, gegen meinen Charme kommt er nicht an“, sagte Nat und warf theatralisch ihre Haare nach hinten. „Außerdem freut er sich bestimmt auch, mal mehr Zeit mit dir zu verbringen“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Emma rollte genervt mit den Augen.
„Jetzt hör schon auf, so ist es nicht zwischen uns. Er ist mehr wie ein großer Bruder.“
„Ein verdammt gut aussehender großer Bruder“, sagte Nat mit verschwörerischer Miene. Emma erwiderte darauf nichts, sie wollte sich nicht schon wieder auf eine Diskussion mit ihrer Freundin einlassen. Egal, was Tom sagte oder tat, Nat sah in allem einen Beweis dafür, dass er an Emma interessiert war.
So wie vor einem Monat als Nat es wieder irgendwie geschafft hatte, Emma zu überreden, in der kleinen Bar, die nur circa fünf Gehminuten von ihrem Haus entfernt lag, etwas trinken zu gehen. Durch Zufall hatten sie Tom dort getroffen und den Abend mit Darts und zu viel Bier ausklingen lassen. Als Emma nach Hause wollte und Nat noch keine Lust hatte zu gehen – was an dem Volleyball-Männerteam gelegen haben könnte, das in der Bar seinen Sieg feierte –, erklärte sich Tom bereit, Emma nach Hause zu bringen. Den gesamten Weg hatten die beiden unentwegt über das Tauchen gesprochen und wo sie am liebsten mal tauchen gehen würden. Bis Emma, die von dem ganzen Bier schon etwas verschwommen sah, beinahe gestolpert wäre und Tom sie heldenhaft aufgefangen hatte. Ihre Hand, die sich nach dem Rettungsmanöver in seiner Hand befunden hatte, blieb den gesamten Heimweg dort und Emma hätte schwören können, dass Tom sie auch nicht mehr losgelassen hätte, selbst wenn sie es versucht hätte. Als sie zu Hause ankamen, hatte Tom sie zum Abschied lange umarmt – länger als eine freundschaftliche Umarmung dauern sollte – und ihr einen Gutenachtkuss auf die Wange gegeben. Aber das war es auch gewesen. Am nächsten Tag im Tauchclub hatte er den Abschied nicht wieder erwähnt und auch sonst keine Andeutungen gemacht, dass da mehr zwischen ihnen sein könnte. Emma bereute auch nicht, Tom darauf nicht angesprochen zu haben. Was sie jedoch bereute, war, Nat davon erzählt zu haben, denn es schien ein gefundenes Fressen für ihre Freundin zu sein, immer mehr in die Beziehung der beiden hineinzuinterpretieren.
Emma seufzte und berichtete Nat lieber, wie ihre Prüfung gelaufen war.
„Das ist so genial, ich bin mächtig stolz auf dich!“, jubelte Nat. „Und wann bekommst du deine erste Gruppe? Tom stellt dich doch ein, oder?“
„Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen“, überlegte Emma. Tom hatte ihr versichert, dass immer noch ein Tauchlehrer fehlte. Darauf musste sie ihn unbedingt nachher ansprechen, denn ihr Aushilfsjob im Tauchclub war zwar gut, aber eben nur ein Aushilfsjob.
„Ich werde Tom nachher mal fragen.“
„Mach das“, sagte Nat, „aber jetzt mach ich uns erstmal was zu trinken. Worauf hast du Lust? Long Island? Caipi?“
„Caipi klingt gut“, antwortete Emma und machte es sich auf der Hängematte bequem, während Nat in die Küche verschwand.
Emmas Blick schweifte auf das Meer hinaus und sie dachte an vorhin. Nachdenklich fasste sie an ihr Medaillon, das noch um ihren Hals hing, und betrachtete das zerbrechliche Glas mit den feinen Blüten. Hatte sie sich das Vibrieren und Leuchten wirklich nur eingebildet? Und falls nicht, was sollte das bedeuten? Sie fand keine Erklärung für das, was sie gesehen und gefühlt hatte. Dieser Drang, immer weiter zum Flugzeugwrack am Meeresgrund zu schwimmen, war ihr noch zu gut im Gedächtnis. Es war nicht nur so, dass das Medaillon ihr den Weg zeigen wollte, mehr noch hatte Emma gespürt, dass sie selbst dorthin wollte, wie ein unterdrückter Wunsch. Aber was war an einem Flugzeugwrack, das irgendwann abgestürzt war, so besonders? Sie wusste ja nicht mal, wie lange es dort unten schon lag. Vielleicht sollte sie im Internet recherchieren, wann eine Maschine über der Insel verschwunden war. So würde sie eventuell auch herausfinden können, wer an Bord gewesen war. Ob sie direkt nachschauen sollte? Andererseits müsste sie erst noch einmal zum Wrack tauchen. Sie hatte ja gar keine Ahnung, um was für eine Maschine es sich handelte. Vielleicht fragte sie Tom, ob er noch einmal mit ihr zum Wrack fuhr? Oder sollte sie sich lieber alleine auf den Weg machen? Was, wenn ihr Anhänger wieder verrücktspielte und zu leuchten begann, während Tom dabei war. Sie könnte sich morgen, wenn er einen Kurs hatte, für zwei Stunden davonstehlen. Genau, das würde sie machen!
Nat unterbrach ihre Gedanken, als sie mit zwei vollen Gläsern Caipirinha auf die Terrasse kam.
„Auf dich! Auf die beste Tauchlehrerin, die Bajo Rianja je gesehen hat!“ Nat streckte Emma ihr Getränk entgegen.
„Jetzt übertreib nicht!“, lachte Emma und stieß mit ihrer Freundin an. Die Gedanken an morgen schob sie erst einmal beiseite.
„Ich hab nichts zum Anziehen!“, meckerte Emma zwei Stunden später, während sie auf den vor ihrem Kleiderschrank ausgebreiteten Haufen Sachen blickte. Nat saß schon in ihrem Party-Outfit auf Emmas Bett und schaute sich die miserable Kleiderauswahl genauer an. In ihrer knappen Hotpants, dem glitzernden Top und den neun Zentimeter hohen High Heels, in denen Emma sich nur die Füße gebrochen hätte, sah sie einfach umwerfend aus. Einen Teil ihrer Haare hatte sie hochgesteckt, sodass der Rest locker über die Schultern fiel.
„Hm …“, Nat zog die Stirn kraus und prüfte ein Shirt nach dem anderen. „Also, wir sollten echt mal wieder shoppen gehen.Wann hast du dir das letzte Mal neue Klamotten gekauft? Und ich meine nicht, einen neuen Taucheranzug!“
Da musste Emma wirklich überlegen. Ihr neuer Neoprenanzug war erst zwei Wochen alt, das wusste sie, aber Bekleidung, das musste letztes Jahr um Weihnachten rum gewesen sein. Also definitiv zu lange her.
„Was weiß denn ich? Ich bleib hier, ist doch doof!“ Emma meckerte vor sich hin und schaufelte ihren Klamottenberg wieder in den Wandschrank.
„Nichts da! Komm mit!“ Nat packte sie am Arm und zerrte sie durch den kleinen Flur im Obergeschoss in ihr Zimmer. Nats Zimmer war ein Paradies für alle, die Mode liebten. Überall standen Kleiderstangen herum. Von Röcken bis Tops, zu Jumpsuits und Kleidern fand man hier alles, was das Fashion-Herz begehrte. Dass ihr großes Bett überhaupt noch ins Zimmer passte, war ein Wunder. Emma erinnerte sich noch, wie sie und ihre Freundin versucht hatten, noch zwei weitere Kleiderständer in das Zimmer zu quetschen, aber kläglich gescheitert waren.
Nat marschierte geradewegs auf eine Kleiderstange zu und zog eine enge schwarze Lederhose heraus, die sie Emma in die Arme warf.
„Die passt perfekt zu dir! Und obenrum … hm …“ Nat suchte weiter. „Ja genau, das Shirt. Anziehen, los!“
Bevor Emma widersprechen konnte, drückte ihr Nat das Shirt in die Hand und schob sie Richtung Badezimmer. Die Hose passte wie angegossen, das musste Emma gestehen und auch das One-Shoulder-Shirt, welches obenrum mit einem Rundausschnitt recht eng saß und nach unten weiter wurde, sah zu der engen Lederhose perfekt aus. Emma betrachtete sich im Spiegel und musste gestehen, dass Nat es echt drauf hatte.
„Perfekt!“, sagte ihre Freundin triumphierend, als Emma aus dem Bad kam. „Und dazu noch die Pumps.“
Emma betrachtete die roten Heels in Nats Hand skeptisch.
„Ich glaube, ich bleibe doch lieber bei flachen Schuhen!“
„Ach, Emma, du musst dich auch mal was trauen!“
„Ja, aber nicht heute!“, lachte Emma. Sie zog lieber ihre schwarzen Vans an – die passten auch gut, fand sie.
Nachdem Nat noch dafür gesorgt hat, dass Emma auch auf dem Kopf anständig aussah – sie hatte ihr den oberen Teil der Haare aufwändig geflochten, während die restlichen Haare glatt nach unten fielen –, gingen die zwei fertig gestylt nach unten, als es an der Tür klopfte. Nat öffnete und Tom trat ins Wohnzimmer. In einer dunklen Jeans und einem weißen Hemd, bei dem er oben zwei Knöpfe offengelassen hatte, sodass ein Teil seiner gebräunten Brust zum Vorschein kam, sah er absolut sexy aus. Emma hielt auf dem letzten Treppensatz inne und konnte nicht anders, als ihn anstarren. Aber auch Tom schaute sie mit einem Blick an, als würde er sie heute zum ersten Mal sehen. Nat räusperte sich geräuschvoll.
„Ähm, ja. Hi Tom! Du kommst gerade richtig. Ich wollte uns gerade noch einen Drink machen, bevor wir losgehen. Im Club ist vor dreiundzwanzig Uhr eh noch nichts los.“
Nat ging an Tom vorbei und warf Emma einen vielsagenden Blick zu.
„Hey!“, sagte Tom und räusperte sich. „Du siehst echt toll aus.“
War er etwa verlegen? Emma hatte Tom noch nie verlegen gesehen. Wie auch, wenn immer mindestens zwei gutaussehende Frauen neben ihm standen und wild mit ihm flirteten.
„Danke!“, sagte Emma. „Du hast dich aber auch chic gemacht.“
„Ja, ich dachte mir, zu so einem Anlass kann ich mal ein Hemd rausholen!“, erwiderte er. Beide lachten verlegen und folgten Nat in die Küche.
So gut wie ihre Freundin Leute einkleiden konnte, so gut konnte sie auch Cocktails mixen. Emma hatte gar keine Ahnung, was alles in ihrem Glas drin war, aber es schmeckte köstlich – nach Maracuja und Mango und ganz klar Tequila. Mit jedem Schluck merkte Emma, wie der Alkohol langsam in ihrem Kopf ankam. Sie musste aufpassen, sonst würde sie es gar nicht mehr bis zum Club schaffen.
Kurz vor elf machten sich die drei dann auf den Weg. Der neue Club „El Plaza“ lag mitten im kleinen Stadtkern von Bajo Rianja, was bedeutete, dass drum herum nur ein paar Bekleidungsläden, ein Bäcker, ein Fischhändler, eine Bar, ein Mini-Supermarkt und zwei Imbisse waren. Es gab einen Chinesen und ein indisches Restaurant, in dem Will, ein alter Uni-Freund von Emma und Nat, arbeitete. Beide Imbisse kannten die zwei, da sie des Öfteren dort bestellten. Kochen war nicht so Emmas Ding und Nat hatte dafür leider gar kein Talent.
Alles in allem war Bajo Rianja eben nicht besonders groß. Mit nur knapp tausenddreihundert Einwohnern musste man, um etwas Neues zu erleben, eigentlich in die nächste Stadt, Marakima, fahren. Mit dem Auto waren es rund fünfzehn Minuten. Daher war es fast eine Sensation, als die Freundinnen erfahren hatten, dass ein neuer Club in ihrem Ort eröffnen würde.
Die drei sahen die große Neonschrift „El Plaza“ schon von weitem. Gelb leuchtend prangte sie über der großen Eingangstür, die fast an ein Schlosstor erinnerte, mit geschwungenen Ornamenten und alten Türgriffen. Als Emma hindurch ging, empfingen sie sofort der dumpfe Bass der Musik und eine angenehme Kühle. Eindeutig legte der Betreiber hier Wert auf eine Klimaanlage. Eine gute Investition, wenn man bedachte, dass die Temperatur auch nachts meist nicht unter zwanzig Grad fiel. Nach der Eingangstür folgten die Freunde einem kleinen dunklen Gang, der nur spärlich mit Neonlichtern beleuchtet wurde. Rechts kamen sie an einer Garderobe vorbei. Verschwendete Mühe, dachte Emma. Wer würde bei dem Wetter schon eine Jacke tragen? Auf der linken Seite sah sie drei Türen, jeweils eine Toilette für Männer und Frauen und daneben eine Tür mit der Aufschrift „Private“, wahrscheinlich das Büro oder ein Raum für die Mitarbeiter. Dann ging es durch einen großen Torbogen, vor dem ein leuchtend blauer Samtvorhang hing. Aber was Emma danach empfing, hatte sie nicht erwartet. Der Club war riesig. Sie sah eine große Tanzfläche, die sich, drei Stufen nach unten, direkt vor ihr ausbreitete. Ein paar Leute tanzten schon zu rhythmischen Techno-Klängen. Rechts und links gab es jeweils eine Bar mit Regalen bis unter die Decke, in denen Gläser und Schnapsflaschen ihren Platz fanden. Geradeaus hinter der Tanzfläche auf einer kleinen Bühne entdeckte sie den DJ, der mit einer Hand am Kopfhörer und der anderen am Mischpult für die ohrenbetäubende Musik sorgte. Neben der Bühne gab es noch eine Wendeltreppe, die sich nach oben schraubte zu einer Art Balkon. Emma entdeckte dort blaue Sofas und Sessel, die um runde Tische arrangiert waren und tatsächlich auch ein, zwei Polestangen. Zum Glück turnten da aber keine halbnackten Frauen oder Männer dran herum. Auch Nat und Tom schauten sich mit offenen Mündern den Club an. Was der Besitzer aus dem alten Theater gemacht hatte, war wirklich genial. Während Nat und Emma sich sofort auf die Tanzfläche begaben – gerade lief ihr Lieblingslied „Mister Vane“ in einer sehr interessanten Techno-Version –, steuerte Tom die Bar an und bestellte drei Cuba Libre. Mit den Gläsern balancierend stellte er sich an einen Stehtisch in der Nähe der Tanzfläche und beobachtete das bunte Treiben. Nach und nach wurde der Club immer voller und auch auf der Tanzfläche wurde es enger. Emma hatte sogar Tom ein paar Mal zum Tanzen überreden können, auch wenn das nicht sein Ding war, wie er es nannte. Die Zeit verging wie im Flug und Emma bemerkte gar nicht, dass sie schon etwas zu viel getrunken hatte. Sie verlor Nat aus den Augen, die mit irgendeinem Typen ziemlich eng tanzte – kein Blatt Papier hätte dazwischen gepasst –, und auch Tom befand sich in bester Gesellschaft mit zwei blonden Flittchen, wie Emma sie in ihren Gedanken bezeichnete. Wie konnte man sich nur so auffällig an einen Kerl ranschmeißen? Emma würde das nie machen, aber warum eigentlich nicht? Gerade jetzt sollte sie sich doch genug Mut angetrunken haben, um eng mit ihm zu tanzen.
Bevor Emma wusste, was ihre Beine taten, marschierte sie auch schon geradewegs auf Tom zu, allerdings kam sie nicht weit. Mit einem Mal wurde ihr so schwindelig, dass sie lieber links abbog und sich auf die nächstbeste Couch fallen ließ. Tief ein- und ausatmen, ermahnte sie sich. Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich auf dem Sofa zurück und wartete, dass der Schwindel nachließ. Erst langsam beruhigte sich ihr Herzschlag und sie traute sich, ihre Augen wieder zu öffnen. Und da sah sie ihn. Er stand oben auf dem Balkon, mit den Ellenbogen auf dem Geländer abgestützt und schaute sie direkt an. Emma konnte nicht anders, als zurück zu starren. Er hatte ein markantes Gesicht, das am Kinn etwas spitz zulief, sodass seine Wangenknochen deutlich zum Vorschein kamen. Seine dunkelblonden Haare waren an den Seiten kürzer als auf dem Kopf, weswegen er sie wie eine kleine Tolle nach oben gestylt hatte. Seine vollen Lippen wurden von einem Dreitagebart umrahmt. Aber was Emma am meisten in seinen Bann zog, waren seine Augen. Sie hätte schwören können, dass sie förmlich strahlten, in einem sehr hellen Blau oder war es doch mehr Türkis? Alles an ihm zog Emma an. Wer war der Typ? Sie hatte ihn in der Stadt noch nie gesehen, aber das musste nichts bedeuten. Dass ein neuer Club aufmachte, hatte Nat ebenfalls im Krankenhaus in Marakima aufgeschnappt, also waren bestimmt ein paar Leute aus den umliegenden Städten heute hier aufgetaucht.
Emma konnte ihren Blick nicht von ihm lösen, als sich ihr plötzlich eine andere Person in den Weg stellte. Nat. Mit … ja, wer war der Typ?
„Emma, geht’s dir gut? Du siehst ein bisschen blass aus. Willst du ein Wasser?“
Emma lehnte sich zur Seite und schaute an Nat vorbei, aber der Typ war weg. So ein Mist!
„Hallo? Erde an Emma?“ Ihre Freundin wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum.
„Ja, ähm, Wasser wäre nicht verkehrt.“
Nat flüsterte dem Kerl, den sie angeschleppt hatte, etwas zu und dieser verschwand.
„Das ist Theo“, sagte Nat, als sie sich neben Emma auf die Couch fallen ließ. „Sieht ganz süß aus, oder was meinst du?“
Emma schaute immer noch auf den Balkon, aber von dem Mann war nichts mehr zu sehen.
„Ja, sieht echt nett aus“, antwortete sie dann gedankenverloren.
„Was gibt’s denn da oben zu sehen?“
Nat verrenkte ihren Hals, um Emmas Blick zu folgen.
„Ach, nichts“, wiegelte Emma ab.
In dem Moment kam dieser Theo mit ihren Getränken zurück. Während er für Emma Wasser mitgebracht hatte, trank Nat einen weiteren Cocktail. Wie konnte sie nur so viel vertragen? Emma nahm einen großen Schluck von ihrem Wasser und spürte wie sich ihr Kreislauf beruhigte. Wo war eigentlich Tom? Emma schaute sich um, konnte ihn aber nirgends entdecken.
„Weißt du, wo Tom ist?“, fragte sie Nat.
„Nein, keine Ahnung. Vorhin habe ich ihn noch am Tisch stehen sehen.“
„Ich geh mal schauen, wo er sich rumtreibt.“
Emma erhob sich und schlenderte Richtung Ausgang. Auch hier konnte sie ihn nicht entdecken, aber wo sie schon mal da war, würde sie auch schnell auf die Toilette gehen. Sie schaute auf ihr Handy. Tom hatte ihr geschrieben, dass er an der Garderobe auf sie wartete. Emma wusch sich die Hände und verließ die Toilette genau in dem Moment, als jemand vor der Tür vorbeilief, denn Emma spürte nur einen Widerstand, als sie die Tür aufschlug.
„Aua, verdammt!“
Emma ließ die Tür zufallen und schaute sich an, wen sie damit gerade getroffen hatte. Türkisblaue Augen funkelten sie böse an. Emma war wie versteinert.
„Sag mal, kannst du nicht aufpassen?“, schrie er Emma an und rieb sich wütend seine Schulter. Hatte er sie noch alle, hier so herumzubrüllen?
„Du musst ja auch nicht so nah vor der Tür entlanglaufen, oder?“ War sie verrückt geworden? Warum meckerte sie diesen gutaussehenden Kerl so an? Und woher nahm sie plötzlich den Mut dazu?
Seine Augen musterten Emma und blieben an ihrem Ausschnitt hängen, genau dort, wo der Anhänger verschwand und nur die Kette noch sichtbar war. Sein Blick veränderte sich. Gerade schien er noch wütend zu sein, im nächsten Moment blickte er Emma verwundert an.
„Wer bist du?“ fragte er. Aber bevor Emma ihm sagen konnte, dass ihn das gar nichts anginge, stand Tom an ihrer Seite und legte beschützend einen Arm um sie.
„Ist alles okay?“
Der Typ beäugte Tom und zog eine Augenbraue in die Höhe, als Emma zum Glück ihre Stimme wiederfand.
„Ja, alles gut. Lass uns Nat finden und dann nach Hause gehen.“
„Geht klar.“ Tom führte Emma zurück in den Tanzbereich. Sie konnte nicht anders, als sich noch einmal nach dem mysteriösen Fremden umzudrehen. Der wiederum schaute ihnen verwirrt hinterher, setzte aber, als er sah, dass Emma ihn anschaute, sein wütendes Gesicht wieder auf, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in Richtung Ausgang. Komisch, dachte Emma, was hatte der denn für ein Problem?
Sie fand ihre Freundin auf der Tanzfläche wieder, wo sie sich im Rhythmus eines Liedes bewegte.
„Hey, Nat, wir wollen gehen. Kommst du mit?“ Emma brüllte gegen die laute Musik an. Nat nickte, gab dem Jungen, der sie immer noch von hinten umschlungen antanzte, einen Kuss und folgte Emma und Tom nach draußen.
„Was war das für ein Typ?“, frage Tom, als sie durch die dunklen, kleinen Gassen gingen, die nur von spärlichen Laternen beleuchtet wurden.
„Typ? Was für ein Typ? Hast du jemanden kennengelernt?“ Nat konnte ihre Begeisterung kaum verbergen.
„Ich habe niemanden kennengelernt“, entgegnete Emma genervt. „Da war so ein komischer Kerl, der mir im Weg stand, als ich die Klotür geöffnet habe.“
Allein der Gedanke an sein seltsames Verhalten machte Emma wütend.
„Sah er wenigstens gut aus?“
„Was hat das damit zu tun? Er hat sich unmöglich benommen, da ist es doch egal, wie er aussah.“
Emma hatte keine Lust, über diesen Idioten zu reden, sie stapfte davon und ließ Tom und Nat hinter sich.
„Ich entnehme deiner Reaktion, dass er sehr wohl gut aussah!“, rief Nat ihr hinterher. Emma reagierte gar nicht darauf. Es war ihr egal, wie kindisch sie sich verhielt, sie wollte ins Bett und zwar pronto.
Der Weg nach Hause war nicht weit. Zum Glück ließ ihre Freundin das Thema ruhen, aber Emma wusste, dass sie ihr morgen Rede und Antwort stehen musste. Als die drei an die Kreuzung kamen, die links Richtung Strand und damit zu ihrem Haus und rechts zu der Straße führte, in der Toms kleines Apartment stand, machte dieser keine Anstalten nach Hause zu gehen. Emma blickte ihn verwirrt an.
„Du glaubst doch nicht, dass ich euch zwei Mädels einfach alleine nach Hause gehen lasse“, sagte Tom. „Wer weiß, ob der Typ aus dem Club nicht nochmal auftaucht!“
Er zwinkerte Emma zu, legte einen Arm um sie und zog sie Richtung Strand. Dass Nat mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht hinter den beiden herlief, bekam sie gar nicht mehr mit. Sie war viel zu überrumpelt von der plötzlichen Nähe zu Tom. Sie spürte seinen starken Arm um ihre Taille, seinen Atem auf ihrem Haar und lehnte automatisch ihren Kopf an seiner Schulter an. Am liebsten wäre Emma noch einmal den Weg zurückgelaufen, einfach, um die Zeit in Toms Arm noch weiter zu verlängern. Umso enttäuschter war sie, als ihr Haus in Sicht kam.
Sollte sie fragen, ob er noch mit reinkommen wollte? Oder ihn einfach verabschieden? Aber wie? Umarmen? Hand schütteln? Mist! Emma war bisher noch nie in so einer Situation gewesen. Ihre Erfahrungen in Bezug auf Männer beschränkten sich auf eine kurze Beziehung im Studium und ein Techtelmechtel mit Steven, einem anderen Auszubildenden aus dem Tauchclub, der aber nach einer verpatzten Prüfung schnell das Handtuch geworfen hatte und aus Bajo Rianja verschwand.
