Mittwoch, der 31. Februar - Raphael Gensert - E-Book

Mittwoch, der 31. Februar E-Book

Raphael Gensert

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Beschreibung

Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen etwas: dreizehn Episoden aus dem Leben von Menschen wie Sie und ich. Es sind Geschichten von Angst, Sehnsucht, Tragik und Komik. Geschichten von und über Menschen und so verschieden wie die, von denen sie handeln: von zu neugierigen Teenagern, leichtmütigen alten Damen, unschuldigen Kindern und von Erwachsenen mit dunklem Doppelleben. All diese Geschichten passen nur in eine Schublade: in die des Lebens. Unterhaltsam, tiefgründig, spannend.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Für Ela

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ein todsicherer Plan

Immer hier

Der kleine Bär

Thora

Sommerferien

Unsere Straße

Was ich suchte

Der diskrete Diener

Kaffeenachmittag

Ihre Höllen

Das Haus in der Mühlenstraße – oder: Mein 120. Geburtstag

Später Anruf

An meinen Engel

Nachwort

Vorwort

Draußen regnet es in Strömen. Seit ich heute morgen um kurz nach acht aufgestanden bin, schüttet es. Ich habe mir im Arbeitszimmer die Heizung angemacht und vorhin nochmal eine Stufe höhergestellt. Im Laufe dieses Nachmittags soll ein Paketbote kommen und eine große Kiste abholen, die hier herumsteht und mir Platz wegnimmt. Solange ich warte, kann ich das Haus also nicht verlassen. Dabei müßte ich dringend einkaufen, die Milch ist mir ausgegangen. Ohne Milch keinen Tee. Obwohl ich gerade den bei diesem Wetter gut brauchen könnte.

Vor einer halben Stunde bin ich mit der letzten Geschichte aus diesem Sammelband fertig geworden, mit »Thora«, eine Erzählung, zu der ich ein besonderes Verhältnis habe. Wobei man das von allen Geschichten behaupten kann, die ich schreibe. Die hier sind zwischen 2015 und 2018 entstanden. Die erste von ihnen ist auch die erste in diesem Buch: Es ist »Ein todsicherer Plan«, die Erzählung zweier Menschen, die grundverschieden und sich doch so ähnlich sind. Ich schrieb sie im Sommer 2015 als Beitrag für einen Literaturwettbewerb, bekam aber eine Absage. Mich enttäuschte das ein wenig, weil ich mir wirklich Mühe mit dieser Geschichte gegeben hatte. »Ein todsicherer Plan« ist nicht die einzige Erzählung, die ich erfolglos bei einem Wettbewerb eingereicht hatte. Mehr als die Hälfte der Geschichten in diesem Sammelband waren solche Beiträge. Inzwischen weiß ich, daß sie hier besser aufgehoben sind. Im Laufe der Zeit stellte fest, daß Absagen Gang und gäbe sind und interessanterweise häufig dieselben Namen solche Ausschreibungen gewinnen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Ich schreibe nicht, um Wettbewerbe zu gewinnen. Wenn das passiert, dann ist das nett, aber es ist nicht mein hauptsächliches Ziel.

Ich will unterhalten, gruseln, zum Lachen oder Nachdenken anregen.

Ich will Geschichten aus dem Leben erzählen. Aus meinem, aus dem von anderen.

Ich will eigene Beobachtungen und Überlegungen in meine Erzählungen einfließen lassen, Bilder erzeugen und mit Sprache spielen.

Ich will etwas schaffen, etwas kreieren, etwas Bleibendes hinterlassen. Die Sicherheit, daß mir das gelingt, ist mir der größte Ansporn, den ich mir vorstellen kann.

Ich wünschte, ich könnte auf eine längere Bibliographie zurückblicken, aber während ich hier in meinem Arbeitszimmer sitze und »Mittwoch, der 31. Februar« den letzten Schliff verpasse, schlummern ein paar Ordner weiter auf der Festplatte drei Großprojekte. Den ersten Roman begann ich im Sommer vor drei Jahren, in den beiden darauf folgte jeweils ein neuer. Immer wieder stelle ich fest, daß die sich anschließende Überarbeitung deutlich mehr Zeit frißt als das eigentliche Schreiben. Was anstrengend ist, denn irgendwann will man mit dem, was man anfängt, ja fertig werden. Dummerweise sprudeln in der Zwischenzeit neue Ideen aus mir heraus. Neue Ideen für Romane, Kurzromane oder Kurzgeschichten, die ich gar nicht so schnell umsetzen kann, wie sie mir in den Sinn und ins Sudelbuch kommen. Mit meiner Novelle »Wo nichts mehr ist« gelang mir im Herbst 2017 der Sprung in eine Anthologie, die ein Jahr später erschien. Ich werde sie zusammen mit zwei anderen Kurzromanen in einem eigenen Sammelband ebenfalls herausgeben, aber das wird noch dauern. Sie sehen: »Mittwoch, der 31. Februar« wird nicht das letzte Buch sein, das meinen Namen trägt, und die Vorfreude auf das, was kommt, treibt mich an, am Ball zu bleiben.

Die Erzählungen in diesem Band sind zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Stimmungen entstanden. Ich denke, das erkennt man auch. Es führt dazu, daß mir einige von ihnen sehr wichtig sind, andere hingegen weniger. Natürlich hat jede Geschichte ihrerseits ihre Geschichte. Schließlich gibt es gute Gründe für das Entstehen jeder einzelnen von ihnen. Wenn ich Kurzgeschichten von Stephen King lese, interessiert mich meistens sehr, was ihn dazu bewogen hat, wie ihm die Ideen dazu kamen oder wo die versteckte Aussage liegt, die ich mal finde und mal erst mit der Nase darauf gestoßen werden muß. Die Geschichten der Geschichten aus diesem Buch habe ich im Nachwort aufgeführt. Aber unterstehen Sie sich, sie zu lesen, bevor Sie die eigentliche Geschichte dazu kennen! Nicht, daß Sie sich selbst spoilern. Das wäre schade.

Schreiben Sie mir doch, welche Erzählung Ihnen am besten gefallen hat, welche Sie gefesselt, an- oder aufgeregt hat, welche Sie amüsiert oder zum Nachdenken gebracht hat: [email protected]

Auf Ihre Rückmeldung freue ich mich sehr, denn sie ist, wie ich eben schrieb, der beste Antrieb, weiterzumachen.

So, inzwischen ist der Paketbote gekommen und hat mich von der Kiste erlöst, die nun auf dem Weg in die Berge ist. Also werde ich hier den Schirm zuklappen, hinaus in den Regen zum Einkaufen gehen und »Mittwoch, der 31. Februar« damit abschließen.

Und morgen geht’s weiter. Mit »Station E 9«, »Fahr zur Hölle!«, »Vereist« oder »Alle guten Dinge sind Angst«. Oder etwas ganz neuem. Mir wird schon was einfallen.

Mal sehen, was mir gleich beim Einkaufen passiert…

Herzlichst,

Raphael Gensert

Saarbrücken, im Dezember 2018

Ein todsicherer Plan

1

Ihr Entschluß stand fest. Zu lange schon fühlte sie sich von ihm genervt, konnte sein albernes Lachen nicht mehr hören und seine aufgesetzte Fröhlichkeit. Die Art, wie er morgens die Tasse hielt, wie er nachts neben ihr lag und ihr die Decke wegzog, die Art, sich zu kleiden. Das kam ihr alles so falsch vor. Es war ein Fehler, ihn zu heiraten. Die Kinder, die sie sich immer gewünscht hatte, konnte er ihr nie schenken. Der Zug war inzwischen abgefahren, auch für sie, dessen war sie sich bewußt. In dem, was von ihm noch zu gebrauchen war, lebten sie nun schon über dreißig Jahre. Der Rest lag auf der Bank, und sie wußte, was sie würde tun müssen, damit er wie ein Aussteiger wirkte. Zigaretten holen und einfach nie mehr wieder kommen. Seine Mutter hatte ihr vor einigen Jahren ein Halstuch geschenkt, das ihr nie gefallen hatte. Jetzt konnte es seinen praktischen Nutzwert unter Beweis stellen. Über ein Jahr arbeitete die Frau an diesem Plan. Nichts durfte schiefgehen, sie konnte kein Detail dem Zufall überlassen. Den Tag heute hatte sie sich bewußt ausgeguckt, um ihn endlich loszuwerden und sich ihr Geld zu holen. Ja, es war ihr Geld. Er hatte sie um ihr halbes Leben betrogen, um ihr Familienglück, um ihre Erfüllung. Jetzt war sie am Drücker, und sie holte sich, was ihr zustand.

Heute abend sollte es passieren.

Ihr Entschluß stand fest.

Unter dem Vorwand, mit ihm eine aufregende Nacht in freier Wildbahn verbringen zu wollen, lockte sie ihn aus der Siedlung und hinein ins Hinterland, eine moorige Gegend, um die sich einige Legenden rankten. Dieses Moor gab es schon seit Jahrhunderten. Es war Zeuge von allerlei Veränderungen und der ideale Ort, um jemanden unbemerkt verschwinden zu lassen. Es war ebenso perfekt für ein Schäferstündchen, fernab der Zivilisation und ungestört durch andere. Für den Mann mußte es wie ein romantischer Spaziergang im Nieselregen aussehen. Die Frau hatte längst herausgefunden, wie sie ihn um den Finger zu wickeln hatte. Was sie tun, sagen oder anziehen mußte, um ihn zu manipulieren und dorthin zu lenken, wo sie ihn hinhaben wollte. Er war eben ein Schlappschwanz. Ein reicher zwar, aber ein Jammerlappen, ein Langweiler.

Während der letzten Tage hatte es nur geregnet, was ihr sehr entgegenkam. Der Regen würde sämtliche Spuren verwischen. Und seine Leiche würde hier nicht die erste sein, da war sie sich sicher.

Zwischen Schilfhalmen und abgestorbenen Baumresten legte sich die hereinbrechende Nacht über sie und ihn. In der Ferne quakten einige Frösche, der Nieselregen trommelte leise auf die Kapuze ihres Regenmantels. Unter ihren Gummistiefeln drückte sich der Schlamm. Er ging voran. Immer weiter. Tiefer hinein, bis bald kein Weg mehr zu erkennen war. Die Frau war sich sicher, daß er das alles sehr spannend und aufregend fand und ein ungewöhnliches Abenteuer vermutete, was es zwischen ihm und ihr schon lange nicht mehr gab. Ganz klar: Hätte er gewußt, daß sie vermeintlich auf Wolken und Regen im Mondschein stand, hätte er sich früher darum gekümmert. Devot und unterwürfig schien er es geradezu zu genießen, sich ganz auf sie einzulassen und tat alles, was sie sagte. Das tat er immer.

2

Das Mädchen durfte nicht in das Zimmer seines Bruders gehen. Er hatte es ihr streng verboten. Einerseits bewunderte das Mädchen ihn, weil er schon so groß war und natürlich auch große Freunde hatte, weil er die coolere Musik hörte, mehr Taschengeld bekam und ein richtiges Fahrrad fuhr. Eines, für das man nicht ausgelacht wurde. Klar hatte er auch das größere Zimmer. Besonders aufregend war seine Vogelspinne, die er in einem gläsernen Terrarium hielt, das im vollgestopften Bücherregal gegenüber von seinem Bett stand. Andererseits war ihr Bruder auch ein blöder arroganter Kerl, der seine Überlegenheit nur allzu gern heraushängen ließ und ihr bei jeder Gelegenheit klarmachte, wer das Sagen hatte. Aber heute abend hatte er sich mit anderen Jungs zum Fußballgucken verabredet, und Mama und Papa waren bei Freunden zum Essen eingeladen. Dem Mädchen war klar, daß es die Wohnung für sich alleine haben würde. Das kam zu selten vor, um eine solche Gelegenheit ungenutzt zu lassen.

Zögernd und mit pochendem Herzchen drückte es die Türklinke der Zimmertür des Bruders auf. Was für ein Palast hier vor dem Mädchen lag! Der Schreibtisch war unter einem Chaos von Schulbüchern und leeren Colaflaschen begraben, das Bett war zerwühlt, auf einem Stuhl lagen Klamotten. Das Mädchen hob einen Pullover hoch. Er roch etwas muffig und reichte ihr bis zu den Waden, aber es war ein tolles Gefühl, ihn sich vor die Brust zu halten und sich für einen Moment lang vorzustellen, selbst einen solchen Pullover tragen zu können. Was wohl die anderen aus der Klasse sagen würden? Sie wären alle neidisch!

Die größte Anziehung auf das Mädchen übte aber die Vogelspinne aus. Über dem Terrarium flimmerte eine blaßbläuliche Neonröhre. Die Spinne war pechschwarz, stark behaart und so groß wie eine Computermaus. Sie saß unter einem Stück Baumrinde und rührte sich nicht.

»Hallo«, sagte das Mädchen, aber die Spinne blieb reglos.

»Beweg dich mal«, bat das Mädchen und klopfte vorsichtig mit dem Finger gegen die Scheibe.

Nichts.

Vom Schreibtisch nahm das Mädchen ein Lineal. Langsam schob es die Abdeckscheibe des Terrariums zur Seite und führte das Lineal hinein. Es gab der Spinne einen behutsamen Klaps auf das Hinterteil, was die Spinne mit einem nervösen Zucken ihrer Beine und einem Schritt nach vorne quittierte, bevor sie erneut sitzen blieb. Das Mädchen kicherte.

»Geh mal weiter«, forderte das Mädchen die Spinne auf und tippte sie mit dem Lineal an. Die Spinne krabbelte ein kleines Stück auf die Baumrinde, verharrte aber gleich wieder.

»Blödes Vieh«, schimpfte das Mädchen, »mach doch mal was!«

Das Mädchen hantierte mit dem Lineal in dem Terrarium herum und bemühte sich, die Spinne weiter anzutreiben, was ihm die Spinne übelnahm. Sie machte drei große Schritte nach vorne, sprang mit einem Satz aus dem Terrarium heraus und landete direkt auf der Schulter des Mädchens. Es spürte die Beinhaare an seinem Hals. Das Mädchen schrie hysterisch und erschrocken zugleich und schlug in Todesangst nach der Spinne. Die fiel herunter und versuchte, zu fliehen. Gleichzeitig taumelte das Mädchen rückwärts, prallte gegen das Bücherregal und suchte reflexartig Halt an einem der Bücher. Das gab nach, fiel heraus und stoppte den Fluchtversuch der Spinne. Den Rest erledigte die Schwerkraft.

3

Ihr Gang wurde schwerer, das Matschen unter ihren Stiefeln lauter. An einigen Stellen war kein Unterschied zwischen Wasser und Land auszumachen. Bei jedem Schritt verschwand die Hälfte ihrer Wade im Morast. Die Frau war hochkonzentriert. Sie wollte den großen Augenblick so weit wie möglich hinauszögern, den Mann noch weiter ins Moor locken, in die Fänge der feuchten Nacht. Die Atmosphäre war gespenstisch, der Nieselregen fein wie Nadeln. Über ihnen zogen die dunkelgrauen Regenwolken im Nachthimmel vorüber, das Mondlicht tauchte die karge Landschaft in einen silbrigen Schimmer. So faszinierend sie tagsüber auch war, so unheimlich war sie nun. Es roch nach nasser Erde, das Quaken der Frösche lag längst hinter ihnen. Die Regentropfen wurden dicker.

»Was hast du mit mir vor?«, fragte der Mann.

»Geh einfach weiter«, forderte die Frau ihn auf. Sie suchte nach der Stelle, die sie sich schon unzählige Male angesehen hatte. Ein Biotop, das sich kaum betreten ließ, denn der nasse Boden gab nach wie Treibsand. Es war der perfekte Platz. Was man dort hineinwarf, das kam nie mehr heraus. Und das sollte er nicht. Klar durfte sie es nicht übertreiben. Nicht, daß er mißtrauisch werden würde. Zumindest nicht mehr als sowieso schon. Seit fast einer Stunde waren sie inzwischen in dieser gottverlassenen Ödnis unterwegs, ohne, daß sie ihm gesagt hatte, weshalb. Andererseits kannte er sie gut genug, um zu wissen, daß sie manchmal auf krude Ideen kam. Die Chance auf einen erlebnisreichen Akt im Freien bei Vollmond würde er sich natürlich nicht entgehen lassen.

»Wir sind gleich da«, sagte die Frau angestrengt. »Nur noch ein paar Schritte.« Das stimmte nicht ganz. In der frühen Nacht sah hier alles gleich aus. Sie war sich nicht sicher, ob die Stelle, die sie meinte, tatsächlich dort vorne lag, aber eigentlich war das auch egal. Es konnte genau so gut hier passieren. Es kostete sie einige Anstrengung, sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

Während sie weiterstapften, zog sie den Reißverschluß ihres Regenmantels herunter, schob die rechte Hand hinein und tastete in der Innentasche nach dem Halstuch. Es war noch da. Sie rieb es zwischen den Fingern, um die Feuchtigkeit loszuwerden. Schweiß? Nein, bestimmt kam das vom Regen. Natürlich kam das vom Regen. Woher sonst? Ihr Herz schlug schneller. Sie mußte tiefer atmen. Er ging direkt vor ihr, wie ein braves Hündchen. Die Frau packte das Halstuch fest in die Hand und zog es zentimeterweise aus der Innentasche heraus. Gleich würde sie es geschafft haben. Dann würde das alles hier ein Ende haben, und für sie würde ein neues Leben beginnen. Eines, wie sie es sich immer gewünscht hat. Das beste

Leben, das man sich von seinem Geld würde leisten können.

»Da?«, fragte der Mann und drehte sich zu der Frau um.

Reflexartig drückte die Frau das Halstuch zurück, zerrte die Hand aus dem Mantelinneren und zog den Reißverschluß wieder zu. Vor ihnen lag eine Gruppe abgestorbener Bäume, die aus dem schwarzen Grund herausragten und ihre toten Äste wie Arme in den Himmel streckten. Zwischen dem Gestrüpp war die glitzernde Oberfläche eines Tümpels zu erkennen. Der modrige Geruch wurde intensiver. »Ich weiß nicht«, sagte die Frau und ärgerte sich schwarz, daß der Mann ausgerechnet jetzt so eine dämliche Frage stellen mußte. Dieser Nichtsnutz taugte nicht mal als Mordopfer.

4

Diesen Karton würde niemand vermissen. Aus den Schuhen, die einmal darin waren, war das Mädchen längst herausgewachsen. Jetzt konnte die Schachtel ihrer neuen Bestimmung zugeführt werden: als Sarg für eine Vogelspinne und ihre abgetrennten Körperteile. Es hatte das Mädchen einige Überwindung gekostet, die tote Spinne zusammenzukratzen und alle Überreste wegzuwischen. Tot war sie noch ekliger als lebendig. Würden sein Bruder und Mama und Papa erfahren, was passiert war, hätte das unvorstellbaren Ärger zur Folge. Das beste würde es sein, sich dumm zu stellen. Über die Einzelheiten hatte sich das Mädchen noch keine Gedanken gemacht. Jetzt war es erst einmal wichtiger, den Kadaver an einem Ort verschwinden zu lassen, an dem der Bruder nie suchen würde. Das Moor an der Landstraße hinter der Straßenecke wäre ein todsicheres Versteck – im wahrsten Sinne des Wortes! Ein Stück weit die Wiesen hinein gab es eine Stelle, an der früher mal ein kleiner See lag. Inzwischen war es nur noch ein dunkelbrauner übelriechender Fleck, und was man dort hineinwarf, das kam nie mehr heraus. Und das sollte es nicht.

Das Mädchen war keine zehn Meter mehr von dem Tümpel entfernt, da hörte es Stimmen aus den toten Bäumen. Wer, außer ihm, schlich sich um diese Zeit hier draußen herum? Hoffentlich hatte es sich der Bruder nicht anders überlegt und statt Fußballgucken ein Trinkgelage im Morast veranstaltet. Wenn er sie jetzt erwischen würde, dann könnte sie sich gleich dazulegen. Soviel war klar.

»Wer bist du denn?« Aus dem schlammigen Nichts heraus stand plötzlich eine dunkle Frauengestalt vor dem Mädchen. Die Frau trug einen klatschnassen Regenmantel, ihre Gummistiefel waren bis oben hin mit Matsch eingeschmiert. Das Mädchen packte die Angst. Es klammerte den Schuhkarton unter den Arm und stand wie angewurzelt da.

»Warte mal«, rief die Frau neben sich ins Geäst und drehte sich wieder zu dem Mädchen. »Hey, du«, sagte sie. Sie klang besorgt, beinahe mütterlich. »Was treibst du denn hier so spät abends? Bist du allein? Hast du dich verlaufen?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf, traute sich aber nicht, etwas zu sagen. Die Angst überrannte sie und mündete in einem plötzlichen Tränenausbruch. Dicke Tropfen kullerten seine Wangen herunter.

Die Frau holte tief Luft, legte ihre Hand auf seinen Kopf und versuchte, das Mädchen zu beruhigen. »Ist ja schon gut. Nicht weinen. Was ist denn passiert?«

Aus dem Hintergrund trat der Mann zu den beiden. Er schaute fragend auf das Mädchen, überließ die Beruhigung aber der Frau.

Das Mädchen bemühte sich, die Fassung zu wahren und setzte an: »Mein Bruder hat eine Vogelspinne. Ich darf nicht mit ihr spielen, aber er war nicht da, und dann habe ich’s doch gemacht. Dann ist die Spinne auf mich gesprungen, und als ich mich erschrocken habe, sind Bücher draufgefallen, und jetzt…« Weiter kam das Mädchen nicht mehr. Es hielt den Schuhkarton wie ein Schutzschild vor sich.

Die Frau schien verstanden zu haben und fuhr fort: »…und jetzt willst du sie begraben, ohne, daß dein Bruder davon erfährt«, und es war nicht klar erkennbar, ob das eine Aussage oder eine Frage sein sollte.

Das Mädchen nickte und zog die Nase hoch.

Die Frau nahm den Karton und richtete sich auf. »Na, komm. Wir gucken mal, ob wir ein Plätzchen finden können.« Sie drehte sich zu dem Mann und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, weiter in Richtung des Tümpels zu gehen. Der Mann sah erst die Frau, dann das Mädchen mißbilligend an, drehte sich aber um und machte sich auf den Weg. Als er außer Hörweite war, beugte sich die Frau erneut zu dem Mädchen herunter und sagte leise: »Ich helfe dir, kleines Mädchen. Dein Bruder wird nichts erfahren. Aber du mußt mir auch helfen, versprichst du mir das?«

Das Mädchen nickte willig mit dem Kopf und wischte sich mit dem Oberarm die Tränen aus dem Gesicht.

»Ich muß nämlich auch etwas loswerden, hörst du?«, sagte die Frau mit dem Tonfall einer Vertrauenslehrerin. »Und du kannst mir dabei unter die Arme greifen. Willst du das? Willst du dich nützlich machen?«

Ja, das wollte das Mädchen. Es wollte alles tun, was die fremde Frau sagte, wenn nur der große Bruder niemals erfahren würde, was mit seiner Vogelspinne passiert war. Das Mädchen verlor keinen Gedanken an das, was die Frau loswerden wollte, und es war ihm auch egal. Seine größte Sorge waren das eigene schlechte Gewissen und die Angst vor den drei Feinden zu Hause, denen sie sich früher oder später würde stellen müssen.

5

Die Frau nahm das Mädchen an die Hand und ging mit ihm ein paar Schritte zurück in die Richtung, aus der sie zusammen mit dem Mann gekommen war. Nichts wie weg von ihm! Wenn schon dieser Zwischenfall ihren Plan durchkreuzte, dann durfte bloß nichts mehr schiefgehen. Eine solche Chance hatte sie nur einmal. Jetzt. Die minutiöse Planung, die Aufregung, die Nervosität wären dahin gewesen, wenn sie alles hätte abblasen müssen. Außerdem würde das Martyrium dann in die Verlängerung gehen, und das galt es unter allen Umständen zu verhindern. An einer Stelle, die sich durch nichts von anderen in dieser toten Landschaft unterschied, machte die Frau plötzlich halt. »Hier ist doch schön. Was meinst du?«, fragte sie das Mädchen und hatte es eilig.

Das Mädchen zögerte. »Ich weiß nicht«, fing es an und starrte auf den feuchten Boden, der im Mondschein glänzte.

»Kleines Mädchen, du sitzt ziemlich in der Klemme«, sagte die Frau ernst und warf dem Mädchen einen stechenden Blick zu. »Wenn dein Bruder rauskriegt, was du gemacht hast, dann passiert etwas ganz Schlimmes.«

Das Mädchen sah die Frau verzweifelt an. Das Glasige in seinen Augen war noch nicht verschwunden.

Die Frau trat mit dem Gummistiefel eine Kuhle ins Moor. Das Mädchen staunte, als sei es von Größe und Tiefe des Lochs beeindruckt. Keine Frage: Mit seiner Schuhgröße 33 hätte es das nicht hinbekommen. Wie gut, daß eine Erwachsene da war.

»Jetzt leg sie rein«, sagte die Frau. Dann richtete sie sich auf und versuchte, den Mann zu sehen. Sie mußte wissen, wo er war, er durfte ihr auf keinen Fall verlorengehen. Ihr Plan sollte nicht durcheinandergeraten. Zu lange schon hatte sie auf diesen Tag, auf diese Nacht, hingearbeitet, sich alles haargenau überlegt und im Hintergrund schon längst dafür gesorgt, daß ihr als trauernde Verlassene alles zufließen würde, was einmal ihnen beiden gehört hat. Selbst über seinen fingierten Unfalltod hatte sie schon nachgedacht und würde diese Idee weiter ausfeilen, wenn sie sich als nötig erweisen sollte. Bis jetzt spielte ihr der Zufall in die Hände: Dank des Vollmonds war es hell genug, um alles sehen zu können, das sie würde beseitigen müssen, und der Regen würde die übrigen Spuren von selbst verwischen. Das Halstuch würde denselben Weg gehen wie seine Leiche. In dieser Vegetation bliebe davon nicht mehr viel übrig.

Als die Frau wieder nach unten schaute, hatte das Mädchen den Karton schon bis zur Hälfte mit Schlamm bedeckt. »Mach schneller«, raunte sie und schob mit dem Gummistiefel den Morast auf die Pappkiste. Mit matschendem Geräusch verschwand der letzte Rest des Kartons unter einem kleinen Hügel. »Komm jetzt«, sagte die Frau ungeduldig und nahm das Mädchen wieder an die Hand. »Wir müssen weg.«

»Aber ...«, setzte das Mädchen an. »Was sage ich, wenn sie mich fragen, warum die Spinne plötzlich weg ist?«

Die Frau überlegte kurz. Sie erwischte sich bei dem Gedanken, diese Fragestellung absolut lächerlich zu finden. Sie wünschte sich, sie hätte dieses Problem. »War es eine große Spinne?«

»Ja. Ganz groß und voller Haare. Eine Vogelspinne.«

»Sag doch einfach, du hättest Fernseh geguckt, und vielleicht wäre die Spinne von selbst aus dem Terrarium herausgekrabbelt. Groß und kräftig war sie ja.«

»Wo bleibst du denn?«, fragte der Mann aus einiger Entfernung. Gut, daß er noch nicht ganz da war.

Die Frau blieb stehen und beugte sich wieder herunter. »Hör zu, kleines Mädchen. Ich habe dir geholfen, jetzt hilfst du mir, ja?«

Das Mädchen schluchzte. »Wenn Mama und Papa schon zu Hause sind, kriege ich noch mehr Ärger. Dann muß ich nicht nur sagen, wo die Spinne ist, sondern auch, wo ich herkomme. Die schimpfen bestimmt, weil ich noch nicht im Bett liege.«

»Keine Angst. Dir wird nichts passieren. Jetzt geh ein Stück da rüber.« Dabei deutete die Frau mit dem Finger in die entgegengesetzte Richtung. Inzwischen war das Nieseln in einen kräftigen Gewitterregen übergegangen. »Guck nach da und paß auf, daß niemand kommt. Wenn ich dich gleich rufe, kommst du und hilfst mir, auch was zu verstecken, ja? Wenn du lieb bist, bringe ich dich nachher nach Hause, und niemand wird was erfahren. Alles klar?« Das Mädchen nickte ängstlich, ging ein paar Schritte von der Frau weg und blieb reglos stehen.

Endlich konnte es losgehen. Wieder spürte die Frau die Feuchtigkeit in den Handflächen. Sie tat ein paar Schritte auf den Mann zu, der noch immer am Tümpel auf sie wartete.

»Was ist denn los? Wer ist dieses Kind?«, fragte er und schien die Welt nicht mehr zu verstehen.

Die Frau zeigte auf das morsche Gestrüpp am anderen Ufer und sagte nur: »Da drüben! Da müssen wir hin!«

Der Mann schüttelte verständnislos mit dem Kopf und tat ein paar Schritte in die Richtung, die die Frau gerade gezeigt hatte. Lange würde er dieses Spielchen nicht mehr mitmachen.

Entschlossen, ihren Plan nun endlich in die Tat umzusetzen, zog die Frau den Reißverschluß ihres Regenmantels auf. Wie ferngesteuert griff ihre Hand nach dem Halstuch. Diesmal zog sie es komplett heraus, nahm beide Enden in die Hände und wickelte es um sich selbst. Jetzt konnte sie nichts mehr aufhalten. In exakt diesem Moment würde es passieren. Sie stapfte durch das Moor und näherte sich dem Mann bis auf einen Schritt von hinten. Sie war keine Armlänge mehr von ihm entfernt, umklammerte mit beiden Händen das Halstuch und hob es hoch.

6

Ein ungeheurer Schlag durchbrach die Nacht. Der krachende Lärm war ohrenbetäubend und ging durch und durch. Den Jungen packte die Angst, als er so aus dem Schlaf gerissen wurde. Draußen tobte ein gewaltiges Unwetter. Die Blitze hüllten sein Zimmer durch die Perforation des Rolladens hindurch sekundenlang in schreiende Helligkeit, bevor der nächste Donnerschlag ertönte. Der Junge brauchte einen Moment, um sich sicher zu fühlen. Sein Blick fiel auf das Regal gegenüber von seinem Bett. Darin stand ein Terrarium.

Unter einem Stück Baumrinde saß eine Vogelspinne.

Immer hier

Zum Flughafen«, sagte die Frau und schloß die Tür. Sie machte einen gehetzten Eindruck. Said fuhr los. Zum Flughafen war es ein ziemliches Stück, die Fahrt würde etwa eine halbe Stunde dauern, aber sie war eine sich lohnende. Für einen Freitagnachmittag war noch nicht viel Verkehr. Das würde sich bald ändern.

»Wo soll’s denn hingehen?«, fragte Said.

»Nach Oslo.«

»Oh, Oslo«, sagte Said und tat so, als kenne er sich aus.

»Oft kalt, da. Was machen Sie in Oslo?«

»Ich lebe da«, antwortete die Frau. »Schon seit fast 20 Jahren. Erst die Arbeit, dann die Liebe.« Sie schien diesen Gedanken nicht zu Ende führen zu wollen und schaute etwas sehnsüchtig aus dem Fenster. Er sah es im Rückspiegel.

»Und warum waren Sie hier?« Said fuhr auf die Autobahn.

»Heimatbesuch«, sagte die Frau tonlos. »Aber ich merke immer wieder, daß ich hier nicht mehr hingehöre. Meine Eltern haben mir das nie verziehen. Mir ist das alles hier so fremd geworden.« Sie schwieg eine ganze Weile nachdenklich und setzte dann fort: »Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht, wieso ich überhaupt hier war. Es ist schön, aber ich bin immer froh, wenn ich wieder zu Hause bin.«

Sie waren fast da. Links von der Autobahn erstreckten sich bereits die ersten Gebäude des Flughafens. »Also ist Oslo jetzt Ihre Heimat?«, fragte Said. Der Taxistand lag direkt vor Terminal 1.

»Meine Heimat ist das hier. Oslo ist mein Zuhause, nicht meine Heimat. Das ist ein Unterschied.«

Said hielt den Wagen und half ihr mit den Koffern. Sie nahm den Flieger um zehn nach sieben.

Ein dankbarer Standort ist der Flughafen nicht. Zu viele Taxis für zu wenige Leute, aber wer ohnehin jemanden absetzt und erkennbar frei ist, kann Glück haben. Said hatte Glück. Eine Frau mittleren Alters trug nur eine Reisetasche bei sich und stieg ein. »Grüß Gott«, sagte sie knapp mit hörbarem Einschlag. »Fahren’s zum Hauptbahnhof, bitt’schön.«

Said schielte kurz in den Rückspiegel. »Sind Sie aus Bayern?«, fragte er.

»Mei, vom Tegernsee. Und eigentlich schon lange hier, aber so recht habe ich mich immer noch nicht eingewöhnt. Ich kriege diesen Äppelwoi nicht runter.« Dabei lachte sie kurz.

Said verließ die Autobahn am Südanschluß und bog in die Mörfelder Landstraße Richtung Norden. Es war eine gängige Strecke, die er schon unzählige Male gefahren war. Er kannte die Stadt inzwischen wie seine Westentasche, und es kam ihm vor, als sei er nie woanders gewesen als hier. Ihm waren die Sitten und die sprachliche Färbung der Leute hier ebenso vertraut wie der Äppelwoi. Er kam sich seltsam überlegen vor. Er war hier eher zu Hause als diese Frau, obwohl er doch das war, was sie einen »Ausländer« nannten. Oder jemanden »mit Migrationshintergrund«. »Sind Sie eine Fremde?«, fragte er seinen Fahrgast. An sich eine überflüssige Frage, aber ihm fiel keine bessere ein, und er wollte den Gesprächsfluß nicht abbrechen lassen.

»Wenn man so will, schon. Hier schaut alles anders aus als bei mir daheim. Man spricht hier anders.« Dasselbe hätte Said auch von ihr behaupten können.

»Meine Heimat wird das hier nie.«

»Meine auch nicht, aber ist Zuhause«, sagte Said und überquerte damit die Friedensbrücke. Die Frau sagte nichts mehr und stieg am Hauptbahnhof aus. Für einen Moment lang dachte Said selbst über sein Verhältnis zu seinem neuen Zuhause nach. So richtig hatte er das noch nie. Daß er ausgerechnet hier als Taxifahrer unterwegs sein würde, hätte er früher nie gedacht. Den Deutschen möchte er sehen, der sich traute, in Bagdad einen Taxischein zu machen. Lächerlich!

»Frei?« Ein südländisch aussehender Mann mit Schnurrbart steckte seinen Kopf durch das Fenster auf der Beifahrerseite. Said stieg aus und hielt dem Mann und dessen Begleitung die Türen auf.

»Fahren Sie Berger Straße«, bat der Mann. Said fuhr los. Der Mann und die Frau unterhielten sich in einer fremden Sprache. Said vermutete Nordkurdisch, konnte den Dialekt aber nicht zuordnen.

»Wo kommt ihr her?«, wollte Said wissen.

»Anatolien«, antwortete der Mann. »Und du?«

»Irak«, sagte Said. »Wie lang schon hier?«

»Fünf Jahre.«

»Und, wie gefällt’s euch?«

»Ist komisch. Immer kalt. Deutsche immer müde. Müssen immer arbeiten. Aber besser hier wie in Türkei. Und du?« Der Mann drehte sich zu Said.

»Schon lange hier, seit Golfkrieg«, sagte Said. »Dann hier geblieben, Arbeit gefunden, Frau und Kinder. Deutsche sind komisches Volk, aber geht schon.«

Für einen Moment lang schwiegen alle drei. Die Ampel wurde grün. Said fuhr an der Konstablerwache vorbei in die Friedberger Landstraße.

»Sind sehr komisch«, wiederholte der Mann, und seine Frau auf der Rückbank nickte. Sie waren da. Die beiden verabschiedeten sich.

»Wagen 29, bitte kommen«, kratzte es aus dem Funkgerät. Said bestätigte. Alles fühlte sich so selbstverständlich an. Die Zentrale orderte ihn zum Südfriedhof. Dort stieg ein alter Mann ein, der sich auf einem Gehstock abstützte.

»Falkstraße«, bat er mit rauher Stimme, und Said erkannte an der Aussprache, daß der Mann offenbar von hier war. »Bockenheim?«, vergewisserte er sich, während er grob auf die Untermainbrücke zusteuerte.

»Jawoll«, bestätigte der Mann zufrieden.

»Sind Sie von da?«, fragte Said. Der Mann lachte. »Isch bin e Frankfurter Bub«, sagte er gutgelaunt und schaute nach vorne. »Schon immer gewesen. Nie woanners. Immer hier.«

Said staunte in den Rückspiegel. »Nie woanders?«

»Nie woanners als wie hier. In Ginnheim geboren, zur Schule und in die Lehre gegangen, als geschafft, schon lange in Rente. Isch werd’ hier auch sterben. Immer hier. Immer dahaam.«

»Haben Sie nie überlegt, wegzuziehen?«, fragte Said. Für ihn war Bagdad nach dem Golfkrieg keine Option mehr, Deutschland der Neustart, alles auf Anfang.

»Naa«, antwortete der Mann und lächelte. »Isch laß doch mei Frankfurt net alaa!«

Sie waren in Bockenheim angekommen. Said half dem Mann beim Aussteigen und sah ihm nach, bis er in einem der Mietshäuser verschwand. Für ihn war es unvorstellbar, sein ganzes Leben lang an nur einem Ort zu verbringen. Es hätte ihm den sicheren Tod bedeutet. Jetzt war er hier. Es hätte überall sein können, aber nun war es eben Frankfurt. Er rief seine Frau an. »Anissa? Machen wir heute Kibbeh mit Salat? Mir ist nach Essen aus der Heimat. Und Äppelwoi ... Schön, ich freu’ mich! Bis nachher!« Said war zufrieden und blieb an der Bockenheimer Warte. Zwei Straßen weiter wohnten er und Anissa mit den Kindern.

Er war zu Hause.

Der kleine Bär

Meike hatte eine Flasche Wein mitgebracht.

»Bist du verrückt?«, fragte Ute und sah mit einer Mischung aus Entsetzen und Neugier auf die Flasche, die Meike wie eine Trophäe vor ihre Brust hielt. Zugegeben: Ganz abgeneigt war sie nicht, aber es hätte ihrer guten Erziehung widersprochen, die Freude über dieses Mitbringsel zuzugeben. Es war schon in Ordnung so, daß Meike diejenige war, die die Flasche in der Hand hielt. »Komm erstmal rein.«

»Ich dachte, wir köpfen die zusammen«, sagte Meike, schälte sich aus ihrem Mantel und drückte ihn Ute in die Hand, was wohl die Aufforderung sein sollte, ihn an der Garderobe aufzuhängen. Meike war eine resolute Persönlichkeit, die jede Runde unterhielt und für jeden Spaß zu haben war. Ute dagegen hielt sich selbst für bedächtig und vernünftig, und manchmal wunderte sie sich ein wenig darüber, wie sie mit Meike befreundet sein konnte. Aber es waren wohl die Gegensätze in dieser Freundschaft, die sich sprichwörtlich anzogen.