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Glasgow trauert. Im Mai 1974 sieht sich Detective Harry McCoy einer wütenden Menge vor dem Sheriff Court gegenüber. Ein Brandanschlag auf einen Friseursalon in Royston hat Frauen und Kinder das Leben gekostet. Als drei Jugendliche wegen des Verbrechens angeklagt werden, sind McCoy und seine Kollegen erleichtert, dass der Gefangenentransporter durchgekommen ist und seine Insassen abgeliefert hat. Auf dem Weg wieder nach draußen wird der Transporter jedoch gerammt und die drei in Handschellen gefesselten Jugendlichen in einem Auto entführt. Tage später wird die Leiche eines der Jugendlichen gefunden, an dessen verstümmeltem Körper ein Zettel klebt: "Einer ist tot, zwei fehlen noch". Ist es Selbstjustiz? Oder geht hier etwas anderes vor, vielleicht ein neuer Bandenkrieg? Während McCoy der Sache nachgeht, bekommt er einen weiteren Fall übertragen: einen offensichtlichen Selbstmord. Ally, ein Standbesitzer auf dem Paddy's Market, hatte so viel Angst, in seine Wohnung zu gehen, dass er sich in einem zwielichtigen Wohnheim für alleinstehende Männer versteckte. Es scheint, dass derjenige, der hinter ihm her war, ihn gefunden hat. McCoy hat seine wilde Kindheit in diesem Viertel verbracht. Diese Jahre verleihen ihm nun einen Einblick in die Seele von Royston. Er muss sich seiner eigenen Vergangenheit und den Menschen stellen, die ihn noch immer verfolgen, um zu verhindern, dass eine weitere Leiche in den Straßen gefunden wird. FINALIST: THE 2022 MCILVANNEY PRIZE FINALIST: GRAND PRIX DE LITTÉRATURE POLICIÈRE
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2025
Alan Parks
Aus dem schottischen Englisch von Conny Lösch Herausgegeben von Wolfgang Franßen
Polar Verlag
Originaltitel: May God Forgive
Copyright: © 2022 by Alan Parks
Translated from the English language: MAY GOD FORGIVEHARRY MCCOY THRILLER #5
First published in Great Britain by Canongate
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2025
Aus dem schottischen Englisch von Conny Lösch
Mit einem Nachwort von Marcus Müntefering © 2025
© 2025 Polar Verlag e.K.
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Lektorat: Tobias Schumacher-Hernández
Korrektorat: Andreas März
Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Asif/Adobe Stock
Autorenfoto: © Alan Parks
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: CPI Books GmbH, Leck, Deutschland
ISBN: 978-3-910918-26-9
eISBN: 978-3-910918-27-6
20. Mai 1974
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
21. Mai 1974
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
22. Mai 1974
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
23. Mai 1974
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
24. Mai 1974
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Fünfunddreißig
Sechsunddreißig
Siebenunddreißig
Achtunddreißig
Neununddreißig
Vierzig
Einundvierzig
Zweiundvierzig
25. Mai 1974
Dreiundvierzig
Vierundvierzig
Fünfundvierzig
Sechsundvierzig
Siebenundvierzig
Achtundvierzig
Neunundvierzig
Fünfzig
Einundfünfzig
Zweiundfünfzig
Dreiundfünfzig
Vierundfünfzig
Fünfundfünfzig
Sechsundfünfzig
Siebenundfünfzig
Achtundfünfzig
Neunundfünfzig
Sechzig
26. Mai 1974
Einundsechzig
Zweiundsechzig
Dreiundsechzig
Vierundsechzig
Fünfundsechzig
Sechsundsechzig
Siebenundsechzig
27. Mai 1974
Achtundsechzig
Neunundsechzig
Siebzig
Einundsiebzig
Zweiundsiebzig
Dreiundsiebzig
Vierundsiebzig
Fünfundsiebzig
Sechsundsiebzig
Siebenundsiebzig
28. Mai 1974
Achtundsiebzig
Neunundsiebzig
Achtzig
Einundachtzig
Zweiundachtzig
29. Mai 1974
Dreiundachtzig
30. Mai 1974
Vierundachtzig
Drei Monate später
Fünfundachtzig
Danksagung
In Erinnerung an Peter Gildea
»Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn.«
Friedrich Nietzsche
»Hotelzimmer bilden ein eigenes moralisches Universum.«
Tom Stoppard
McCoy war kaum in der Wilson Street, da hörte er es schon. Das Geschrei. Das Hufeklappern der berittenen Polizei. Das Hupen der Autos. Und den Sprechchor, am Anfang noch leise, kaum wahrnehmbar, aber dann immer lauter, je näher er dem Gerichtsgebäude kam. Schließlich hörte er genau, was die Menge rief.
»HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!«
Er bog in die Brunswick Street ein und blieb wie angewurzelt stehen. Mindestens zweihundert Menschen drängten sich vor dem Eingang zum Sheriff Court. Der Verkehr staute sich in beide Richtungen, Taxifahrer lehnten sich weit aus den Fenstern, wollten sehen, was sich weiter vorne abspielte, die Motoren der Busse überhitzten und qualmten.
Nur Murray war nirgends zu entdecken. Die Menschenmenge hatte die Straße vollständig verstopft, aber McCoy musste trotzdem versuchen, irgendwie durchzukommen, vielleicht stand Murray ja auf der anderen Seite.
McCoy hielt Vorsicht für angebracht, rief daher verhalten mit den anderen »HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!« und schob sich durch die bunt zusammengewürfelte Menge, vorbei an Männern, Frauen und sogar kleinen Kindern. Einige hatten selbst gebastelte Transparente dabei oder hielten sich Schirme oder Regenmäntel über die Köpfe, alle Gesichter waren wutverzerrt.
Der Chor wurde immer ohrenbetäubender und die Menge wogte dem Eingang des Gerichtsgebäudes entgegen. McCoy wurde vom Strom mitgerissen, konnte nichts dagegen tun. Er klemmte zwischen einem Mann in Jeansjacke und mit Zapata-Schnurrbart und einer nicht mehr ganz jungen Frau, so wie man sie immer bei Boxkämpfen im Fernsehen in der ersten Reihe sitzen sah. Anscheinend war sie's gewohnt, nach Blut zu geifern.
Lediglich zwanzig Polizisten hielten die Masse vom Eingang fern, sie hatten mit untergehakten Armen eine Kette gebildet. Außerdem stellten sich zwei berittene Beamte der Menge in den Weg. McCoy sah einem in die Augen und wurde erkannt.
»Hier lang, Mr McCoy!«, schrie er. »Hier lang!«
McCoy kämpfte sich weiter, es gelang ihm, sich ganz nach vorn zu schieben und unter dem Arm eines uniformierten Kollegen durch zu ducken.
»Danke, Barr«, sagte er und klopfte dem Mann auf die Schulter. »Hast mir das Leben gerettet.«
Barr nickte und verzog das Gesicht, als ihm jemand mit einem Transparent die Mütze vom Kopf schlug. AUGE UM AUGE stand darauf.
»Verdammte Scheiße«, sagte McCoy. »Ihr braucht viel mehr Leute hier.«
»Was du nicht sagst«, erwiderte Barr. »Eigentlich sollten noch welche von Central kommen, aber bislang Fehlanzeige.«
»Hast du Murray gesehen?« McCoy musste schreien, der Sprechgesang hatte erneut angehoben.
»Goldbergs!«, presste Barr schnell noch hervor, dann wogte die Menge erneut gegen die Polizeikette.
McCoy sah die Straße entlang, entdeckte Murray im Schaffellmantel und mit Trilby am Hintereingang des Kaufhauses, wo er sich untergestellt hatte. Er sah McCoy direkt an, schüttelte den Kopf. McCoy konnte ihn nicht hören, aber möglich, dass Murray gerade »verdammten Kasper« geschimpft hatte.
McCoy eilte hinter der Polizeikette entlang, wich den auf der Wilson Street festsitzenden Autos aus und stellte sich zu Murray.
»Dachte, das musst du dir ansehen«, sagte dieser. »Um dich wieder in Stimmung zu bringen. Hätte nicht damit gerechnet, dass du dich mitten in die Scheiße reinziehen lässt.«
»Ich wusste nicht, wie ich da sonst durchkommen soll. Hab nicht kapiert, wie irre das ist. Ich dachte, die trampeln mich tot. Ihr braucht Verstärkung.«
»Ach was? Ich hab Faulds gerade Bescheid gegeben, er soll mehr Leute anfordern«, sagte Murray. »Aber danke für den Tipp.«
»Hast du so was schon mal gesehen?«, fragte McCoy und beobachtete, wie die Menge Anlauf nahm, um sich erneut gegen die Polizeikette zu werfen.
»Einmal«, sagte Murray und suchte in seinen Manteltaschen nach seiner Pfeife. »Peter Manuel, das war '58. Meine erste Woche im Polizeidienst. Ich hab versucht, die Kette zu halten, so wie die armen Schweine da drüben jetzt. Eine Frau hat mir ins Gesicht gespuckt. Keine Ahnung, was die dachte, was ich verbrochen hatte. Ich hatte niemanden ermordet.« Murray fand seine Pfeife, steckte sie sich in den Mund und sah McCoy an, wirkte aber nicht angetan. »Du siehst furchtbar aus.«
»Hättest mich mal vor drei Wochen sehen sollen«, sagte McCoy.
»Na endlich.« Murray zeigte über McCoys Kopf hinweg.
Der drehte sich um und sah einen blauen Polizeitransporter am Rand der Menge. Buhrufe und Pfiffe wurden laut, als ein Dutzend Polizisten ausstiegen und versuchten, sich einen Weg durch die Menge Richtung Eingang zu bahnen. Es gelang ihnen nicht. Die Menge ließ sie nicht durch, sie schwenkten ihre Transparente vor ihren Nasen. Zornige rote und schwarze Buchstaben auf Pappe gemalt. DENKT AN DIE MÄDCHEN IM SALON. KEINE GNADE FÜR KILLER!
Mehrere Frauen standen auf dem Gehweg, die Köpfe im Gebet gesenkt, Titelblätter auf Tafeln geklebt.
VIER TOTE IN FEUERHÖLLE
Ein Mann in einem farbbespritzten Overall kletterte auf einen Briefkasten und schrie, fuchtelte wie ein Orchesterdirigent mit den Händen.
»HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!«
Er wiederholte es so lange, bis die Menge einfiel und mit ihm zusammen brüllte.
»HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!«
Endlich gelang es den zusätzlichen Polizisten, sich durch die Menge zu schieben und eine weitere Kette hinter der ersten zu bilden. Eine doppelte Kette grimmig dreinblickender Polizisten mit untergehakten Armen, die Hälfte von ihnen hatten ihre Mützen im Gerangel verloren. Als der Gesang immer lauter wurde, flog eine Flasche durch die Luft, zerschellte vor den Füßen eines Polizisten. Ganz kurz war es, als würde die Menge Luft holen, dann setzte das Gejohle wieder ein. Eine weitere Flasche flog durch die Luft, dann noch eine. Vor der Polizeikette ging eine Frau zu Boden, fasste sich mit der Hand an den Hinterkopf, zwischen ihren Fingern lief Blut.
»Verdammt«, sagte McCoy. »Das gerät hier außer Kontrolle.«
Er drehte sich um, wollte Murray sagen, dass sie etwas unternehmen mussten, stellte aber fest, dass dieser bereits weitergegangen war und nun an der geöffneten Tür eines parkenden Polizeiwagens stand. Er beugte sich hinein, gab Hughie Faulds, der mit dem Funkgerät in der Hand auf der Fahrerseite saß, Anweisungen. McCoy sah Faulds nicken, dann in das Funkgerät sprechen. Er drehte sich zur Menge um und sah die verletzte Frau am Bordstein sitzen, ihr hellblauer Mantel war voller Blut. Ein Mädchen von sechs oder sieben Jahren stand daneben und heulte sich die Augen aus, ihr Transparent lag im Rinnstein.
»Verdammte Scheiße«, sagte Murray, der jetzt wieder neben ihm stand. »Haben die denn völlig den Verstand verloren?«
»Ich kapier's auch nicht«, sagte McCoy und sah, wie ein Mann mitten in der Menge seine kleine Tochter auf die Schultern nahm, damit sie besser sehen konnte. »Wieso haben die das gemacht? Wieso will jemand drei Frauen und zwei Kinder umbringen?«
Murray kaute auf dem Mundstück seiner kalten Pfeife, keine Chance, sie im Regen anzuzünden. »Einer ist vorbestraft, hat schon mal eine Garage und seine eigene Grundschule angezündet. Offensichtlich ist er pyroman veranlagt.«
»Und die anderen beiden?«, fragte McCoy. »Die auch?«
Murray schüttelte den Kopf. »Zwei gewöhnliche Jungs, Kleinganoven.«
»Und?«, fragte McCoy. »Heißt das, sie haben einfach nur mitgemacht und jetzt vier Menschen auf dem Gewissen?«
»HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!«
Murray zeigte mit dem Mundstück seiner Pfeife auf die Menge, musste die Stimme heben. »Ich glaube nicht, dass das die Spaßvögel hier überhaupt interessiert. Die wollen Blut sehen.«
»Ich hab gehört, in der Tobago Street ist ein anonymer Hinweis eingegangen. Stimmt das?«
Murray nickte. »In so einem Fall wie diesem – wenn's um den Tod von Frauen und Kindern geht – wollen selbst die Verbrecher, dass er aufgeklärt wird, und zwar schnell. Da gibt's keinen Verbrecherkodex mehr, kannst du vergessen. Die haben den Hinweis bekommen, dass sich drei Typen in einer Wohnung in Roystonhill verstecken. Die haben sie auf die Wache geholt. Einer von denen hatte sogar noch die Quittung für das Benzin in der Hosentasche.« Murray sah zum Gerichtsgebäude. »Die verschwenden keine Zeit, heute wird schon Anklage erhoben.«
»Vorausgesetzt, die kommen überhaupt durch die Menge«, sagte McCoy, während die Streifenpolizisten eine weitere Woge abfingen. Unter einer Markise auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen ein paar Fotografen von Abendzeitungen, die er erkannte. Sie kauten mit gelangweilter Miene Kaugummi und warteten.
»Die hatten verdammtes Glück in der Tobago Street«, sagte McCoy. »Faulds ist der einzige gute Cop bei denen. Die anderen sind zu nichts zu gebrauchen. Ohne den Hinweis eines Zeugen hätten die so einen Fall niemals aufgeklärt.«
Murray steckte die Pfeife wieder ein. »Na ja, sieht aus, als wär's ab jetzt meine Aufgabe das zu ändern.«
McCoy sah ihn an. »Wie meinst du das?«
»Super Idee aus der Pitt Street. Die wollen, dass ich beide Wachen leite.«
»Und was hast du gesagt?«
»Was glaubst du wohl, was ich gesagt habe? Die Wache in der Tobago Street ist ein verfluchter Schandfleck, und das schon seit Jahren. Da braucht es jemanden, der …« Er hielt inne. Zeigte nach vorne. »Oh Gott, jetzt geht's los.«
Ein marineblauer Gefängniswagen bog aus der Ingram Street ein. Ein, zwei Sekunden lang war es ganz still, dann schrie jemand: »Da sind sie!« Das genügte. Die Hölle brach los.
Die Menge sprengte die Polizeiabsperrungen und drängte sich um den Wagen. Sie hämmerten mit Fäusten gegen die Türen, traten dagegen, versuchten, mit den Stöcken ihrer Banner und Transparente die Fenster einzuschlagen. Die Fotografen gingen so nah wie möglich heran, ohne im Gewühl niedergetrampelt zu werden. Der Fahrer ließ den Wagen langsam und beständig weiterrollen. Er wusste, wenn er jetzt hielt, waren sie erledigt. Ein Mann ging zu Boden, als ihn der Seitenspiegel des Transporters traf. Eine Flasche zerschellte an der Windschutzscheibe.
»SCHNAPPT SIE EUCH! SCHNAPPT SIE EUCH!«
Die Polizeikette trennte sich in der Mitte wenige Sekunden lang, der Transporter schob sich durch die Lücke und beschleunigte auf der Rampe nach unten zur Gerichtseinfahrt. Anschließend schlossen sich die Reihen der Polizisten wieder, Uniformierte zogen Leute zurück auf ihre Seite, als sich das Eisengitter des Tors senkte und der Transporter dahinter aus dem Blickfeld verschwand. Genauso schnell, wie es begonnen hatte, war das Chaos vorbei. Die Sprechchöre verebbten und die Menge zerstreute sich, Leute hoben kaputte Transparente auf und brummten, die Polizei sei viel zu grob mit ihnen umgesprungen. Sie setzten sich auf den Gehsteig, um ihre Platzwunden und Prellungen zu begutachten. Die Fotografen nahmen die Filmspulen aus ihren Kameras und übergaben sie jungen Kurieren, die damit in die Redaktionen rannten. Ein kleiner Junge in einem Cowboy-Kostüm lief weinend umher und suchte seine Mutter.
McCoy und Murray standen im Regen, beobachteten das Geschehen ringsum.
»Solche Menschenansammlungen können sehr hässlich werden«, sagte Murray. »Und gefährlich. Ich hab das beim National Service gesehen. In Palästina. Bin nicht scharf drauf, so was noch mal zu erleben.« Er streckte eine Hand unter der Überdachung hervor, verzog das Gesicht und steckte sie schnell in die Tasche. »Man sollte meinen, dass der Scheißregen den verdammten Pöbel abschreckt.«
»Ich glaube nicht, dass die sich von irgendwas abschrecken lassen«, sagte McCoy. »Für die Leute da ist das ein großer Tag.«
»Na ja, lange werden sie nicht warten müssen. Ist eine Sondersitzung – die Anklage lautet auf vorsätzlichen Mord, eine Freilassung auf Kaution ist sowieso ausgeschlossen. Die jungen Männer werden dem Staatsanwalt vorgeführt, die Anklageschrift wird verlesen und das war's. In spätestens fünfzehn Minuten sitzen sie wieder in dem Transporter.«
Ein Taxi bog in die Wilson Street ein, und Murray hob die Hand. »Ich fahr in die Pitt Street. Willst du warten, bis der Transporter wieder rauskommt?«
McCoy schüttelte den Kopf. »Ich hab genug gesehen. Ich fahre zurück in die Stewart Street.«
Murray ging auf das wartende Taxi zu. Blieb stehen.
»Bist du sicher, dass es dir gut genug geht? Dass du arbeiten kannst?«
McCoy nickte. »Bin fit wie'n Turnschuh. Könnte für Olympia trainieren.«
McCoy sah Murrays Taxi in Richtung Pitt Street davonfahren, zog den Kopf ein und schaffte es trotz Regen, sich eine Zigarette anzuzünden. »Fit wie'n Turnschuh« war die Version, bei der er von nun an bleiben würde, auch wenn es gelogen war. Bei seiner Entlassung aus dem Krankenhaus vor wenigen Tagen hatte man ihm mindestens einen weiteren Monat Bettruhe verordnet. Keine Arbeit, kein Stress, keine Zigaretten und kein Alkohol. Und jetzt war er schon wieder im Dienst, hielt eine angezündete Kippe in der Hand.
In den vier Wochen Krankenhaus wäre er vor Langeweile fast durchgedreht. Der Gedanke, noch mal vier Wochen an die Decke zu starren und gedünsteten Kabeljau mit Kartoffelbrei essen zu müssen, war ihm unerträglich. Blutendes Magengeschwür hin oder her, er würde es drauf ankommen lassen.
Sein Magen musste seine Gedanken gehört haben, denn er fing sofort an zu rumoren. McCoy tastete in seiner Tasche nach dem Pepto-Bismol, dann fiel ihm ein, dass er es zu Hause im Bad auf dem Regal vergessen hatte. Musste er eben noch mal welches kaufen. Er ging zu der Drogerie in der Bell Street. Inzwischen schüttete es wie aus Kübeln, die Gehsteige waren überflutet. Er spürte die Nässe schon in seiner linken Socke. Er brauchte neue Schuhe. Überhaupt brauchte er eine ganze Menge. Neue Schuhe, einen neuen Anzug, ein paar Hemden. Außerdem musste er zum Friseur. Hinten hingen ihm die Haare schon über den Kragen. Ein Wunder, dass Murray nichts gesagt hatte. Vielleicht sollte er das alles am Wochenende erledigen. Kaufen, was er brauchte, und sich dann bei Green's in der King Street die Haare schneiden lassen. Wie sich die Zeiten ändern … wahrscheinlich wurde er alt. Inzwischen waren Wochenenden nur noch für Erledigungen gut. Nicht zum Ausgehen und sich besinnungslos besaufen.
Er stellte sich unter die Markise der Drogerie, betrachtete die Geschenkpackungen mit Talkumpuder und Badesalz, und rauchte erst mal zu Ende. Ehrlich gesagt war er froh, dass der Brand in die Zuständigkeit der Wache in der Tobago Street fiel, egal wie unfähig die Kollegen dort waren. Ihm ging's gut genug für die alltäglichen Aufgaben, aber ob sein Magen dem Stress eines so großen Falls gewachsen war, wusste er nicht. Er ließ seine Zigarette in eine Pfütze fallen und ging in den Laden.
Zwei Minuten später trat er mit einer Tüte in der Hand wieder aus der Tür, schraubte den Deckel vom Pepto-Bismol und nahm einen Schluck. Kam sich vor wie ein Säufer, so wie er dort in der Öffentlichkeit stand und aus einer Flasche in einer braunen Papiertüte trank. Die gelartige Flüssigkeit glitt seine Kehle hinunter, und er verzog das Gesicht. Langsam, aber sicher hasste er den Geschmack von dem Zeug.
Er schraubte gerade den Deckel wieder drauf, als die Sprechchöre erneut anhoben. Leiser jetzt, aber er hörte sie trotzdem, immer noch dieselben Sprüche.
»HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!«
Anscheinend hatte die Abfahrt des Gefängnistransporters den Mob wieder entfacht. Murray hatte recht behalten, das Ganze konnte kaum länger als fünfzehn Minuten gedauert haben. McCoy setzte sich in Bewegung.
Die Chöre wurden immer lauter und lauter, und er drehte sich zu dem Gerichtsgebäude um. Er sah gerade noch, wie der Transporter in die Bell Street einbog, ein paar Unermüdliche liefen ihm hinterher, hämmerten an die Seiten. Er fuhr Richtung High Street, auf dem schnellsten Weg nach Barlinnie. Im Vorbeifahren sah McCoy einen großen Sprung in der Windschutzscheibe, kurz konnte er einen Blick auf das versteinerte Gesicht des Fahrers werfen. Der Wagen fuhr weiter, hielt an der Ampel am Ende der Straße.
Als sie grün wurde, sah McCoy den Wagen wieder anfahren. Er war nur ein paar Meter weit gekommen, als ein kleiner Laster viel zu schnell aus dem Nichts heranraste und den Transporter seitlich rammte. Es gab einen Riesenknall, Glassplitter stoben auseinander und der Transporter hob ab. Kurz schien es, als würde er schweben, dann krachte er auf den Asphalt, schlitterte Funken sprühend ein Stück weiter, bis er schließlich gegen einen Laternenpfahl prallte und in einer riesigen Wolke aus Abgasen auf der Seite liegend stoppte, nur die Reifen drehten sich weiter.
McCoy merkte, dass er die Luft anhielt. Er atmete aus und rannte los. Vor ihm sprangen drei Männer aus der Fahrerkabine des Lasters, liefen zu dem Transporter und kletterten darüber. Sie trugen dunkle Overalls und Skimasken, zwei von ihnen waren mit Brecheisen bewaffnet, einer hatte einen Bolzenschneider. In wenigen Sekunden hatten sie die hintere Tür des Transporters aufgestemmt und kletterten hinein.
McCoy lief weiter, er musste eine Telefonzelle finden oder hoffen, dass einer der Polizisten draußen vor dem Gerichtsgebäude den Aufprall gehört hatte. Ein schwarzer Kombi hielt mit quietschenden Reifen neben dem Transporter. Der Fahrer sprang heraus, rannte um den Wagen und öffnete sämtliche Türen. Er schrie die Männer im Transporter an, sie sollten sich beeilen. Eine Sekunde später tauchten die Overall-Männer wieder auf, zerrten einen völlig perplexen, mit Handschellen gefesselten Gefangenen heraus, und stießen ihn auf den Rücksitz des Kombi.
McCoy hörte ferne Sirenen, wusste aber nicht, ob die Wagen hierherkamen oder ob es erneut Aufruhr vor dem Gerichtsgebäude gegeben hatte. Er war außer Atem und hatte Mühe weiterzulaufen, war aber immer noch fünfzig Meter weit vom Geschehen entfernt. Auch die anderen beiden Gefangenen kletterten auf wackligen Beinen aus dem Transporter, wurden zu dem Kombi gebracht und stiegen ein.
Der Fahrer trat aufs Gas, die hinteren Reifen gerieten kurz ins Schlingern, fanden dann aber Halt auf dem nassen Asphalt. McCoy war nah genug, um die Augen des Fahrers durch den Schlitz seiner Ski-Maske und den rothaarigen Gefangenen dahinter breit grinsen zu sehen, als sich der Wagen fing und beschleunigte. McCoy sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite, knickte aber mit dem Fuß um und fiel. Als er sich aufrichtete, sah er den Wagen gerade noch Richtung Saltmarket davonrasen. McCoys Hände waren nass und schmutzig, als er auf den Boden blickte und sah, dass Benzin aus dem kaputten Tank des Transporters die abschüssige Straße hinunterlief. Er rappelte sich wieder auf, als ein hellblauer Viva ohne Kennzeichen heranfuhr. Die beiden Männer aus dem Laster sprangen hinein und der Viva raste dem Kombi hinterher.
McCoy wischte sich das Benzin von den Händen, schrie einen Mann an, der neben ihm stand und gaffte, er solle losgehen und die Polizei rufen, dann humpelte er zu dem Transporter. Die Reifen drehten sich noch, die Hupe dröhnte. Er half dem Fahrer, durch die kaputte Windschutzscheibe herauszuklettern, er war blutüberströmt, hatte Schnittwunden an den Armen und im Gesicht, teilweise steckten noch die Glassplitter in der Haut.
Er setzte den Mann auf den Bordstein und versuchte, ihn zu beruhigen, aber er stöhnte und wollte sich die Glassplitter aus den Armen ziehen. McCoy sah einen Kranken- und zwei Polizeiwagen die High Street auf sich zukommen. Er setzte sich neben den Fahrer und versicherte ihm, dass sie ihn wieder hinbekommen würden, er solle bloß die Finger von den Splittern lassen, vermied dabei aber möglichst, ihm in das ramponierte Gesicht zu schauen.
Ein Krankenwagen hielt neben ihnen und die Sanitäter nahmen sich des Fahrers an. McCoy überließ ihn ihrer Obhut und ging zu den Polizeiwagen. Dort angekommen, drehte er sich zu der wachsenden Menschenmenge um und rief: »Sollte es Zeugen geben, die gesehen haben, was hier gerade passiert ist, bitte melden Sie sich.«
Ein paar Leute lösten sich aus der Menge, andere verdrückten sich unauffällig, wollten lieber nichts damit zu tun haben.
McCoy legte eine Hand auf das Dach des Polizeiwagens und blieb stehen. Die Magenschmerzen nahmen ihm die Luft zum Atmen. Er ahnte, was gleich passieren würde und hoffte, dass es ihm erspart blieb. Vergeblich. Am liebsten hätte er sich hinter eine Mauer verzogen, damit möglichst niemand etwas mitbekam. Aber er schaffte es nicht. Er beugte sich vor und kotzte schmierigen rosa Brei in den Rinnstein. Dann richtete er sich auf, wischte sich über den Mund und sah, dass ihn die Streifenpolizisten anstarrten.
»Wer nimmt jetzt meine Aussage auf?«, fragte er.
»Und? Wie geht's dir jetzt?«
McCoy saß Murray gegenüber in dessen Büro, roch den vertrauten Gestank nach Ralgex und Pfeifentabak und starrte auf die gerahmten Zeitungsartikel an der Wand – HAWICK HOLT DEN TITEL –, die ihn in jedes Büro begleitet hatten, das er je bezogen hatte. Ein jüngerer Murray war darauf zu sehen, der triumphierend die Arme hochriss.
McCoy rutschte auf seinem Sitz herum, er wusste, dass Lügen sinnlos war. Murray kannte ihn zu gut. Er versuchte es trotzdem. »Mein Knöchel tut noch weh, den hab ich mir verknackst, als ich aus dem Weg gesprungen bin. Hab mir meinen ersten Tag zurück im Dienst eigentlich anders vorgestellt. Hat man nicht oft, dass …«
»Davon spreche ich nicht«, sagte Murray. »Wie du sehr wohl weißt.«
McCoy hörte den Regen hinter Murray ans Fenster prasseln, im Büro nebenan klingelte ein Telefon, jemand rief etwas von wegen Autoschlüssel. Er schluckte schwer, fischte seine Zigaretten aus der Tasche. Blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als die Karten auf den Tisch zu legen. Es führte kein Weg dran vorbei.
»Wenn du das andere meinst, okay, dann schlecht«, sagte er. »Fühlt sich an, als hätte ich den Bauch voller Glasscherben, und zwar ständig. Es tut weh, wenn ich esse und wenn ich nicht esse auch.«
»Anscheinend hast du aber gar nichts gegessen. Du ertrinkst ja in dem Anzug. Wie viel hast du abgenommen?«
McCoy zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht.« Er würde Murray auf keinen Fall auf die Nase binden, dass es knapp zwölf Kilo waren.
»Hast du denen alles berichtet? Drüben in der Tobago Street?«
»Klar«, sagte McCoy. »Gab ehrlich gesagt nicht viel zu berichten, in ungefähr zwei Minuten war ich fertig. Ein Laster, ein Kombi und ein Viva. Super durchgeplant. Lief alles wie am Schnürchen. Der Viva und der Kombi sind Gott weiß wo, vermutlich inzwischen schon ausgebrannt. Der Laster wird in die Polizeiwerkstatt geschleppt, die sehen ihn sich dort genau an. Zweifellos ist er gestohlen. Faulds wartet drauf, dass sie den Fahrer des Gefängnistransporters wieder zusammenflicken, sodass er ihn vernehmen kann.«
Murray lehnte sich zurück, stocherte mit einem Taschenmesser im Pfeifenkopf, Asche fiel in den Eimer neben ihm. »Und, was machen wir jetzt?«
»Wir warten, was die Fahndung bringt, denke ich. Mal sehen, ob jemand Fingerabdrücke im Laster gelassen hat. Und ob sich aus den Zeugenaussagen irgendwas ergibt.«
Murray seufzte. »Hör auf mit dem Scheiß. Was machen wir mit dir?«
»Mir geht's gut«, sagte McCoy. »Ich hatte nur einen klitzekleinen Rückfall, ich …«
Murray schüttelte den Kopf. »Einen Rückfall? Du hast an deinem ersten Tag wieder im Dienst auf die Straße gekotzt. Du gehörst ins Krankenhaus.«
McCoys Zuversicht sank. Er hatte das Gefühl, wenn Murray ihn jetzt fortschickte, würde er nie wieder zurückkommen und den Rest seines Lebens in Krankenhäusern zubringen. Bestenfalls bekäme er noch einen Job am Schreibtisch. »Mein Magen ist nicht ganz in Ordnung, aber so schlimm ist es auch wieder nicht. Das heute war eine Ausnahme. Wird nicht wieder vorkommen, versprochen.«
Murray rieb sich über die sandfarbenen Stoppeln im Gesicht. Klang wie Sandpapier. »So was kannst du gar nicht versprechen.«
McCoy nickte, wartete auf sein Todesurteil.
»Hör mal, mein Freund, ist zu deinem eigenen Besten«, sagte Murray. »Dir geht's nicht gut. Ich will nicht, dass es noch schlimmer wird. An einem Magengeschwür kann man sterben. Mein Uncle Bernie zum Beispiel, der ist dran krepiert.«
»Ich brauche nur ein bisschen Zeit. In ein paar Tagen bin ich wieder auf dem Damm. Tu mir das nicht an, Murray. Bitte.«
Murray seufzte erneut. »Diese verfluchte Befreiung oder Entführung oder was auch immer das war … die Ermittlungen werde ich mit Faulds aus der Tobago Street leiten.«
McCoy wollte protestieren, als er Murrays Gesichtsausdruck sah.
»Du bist dem nicht gewachsen, also fang gar nicht erst an. Was hast du auf dem Tisch?«
»Nicht viel. Hab noch keine Aufgaben zugewiesen bekommen. Und ich weiß nicht, woran Wattie gerade arbeitet.«
Murray schüttelte den Kopf. »Pass bloß auf, dass mir das später nicht leidtut, verstanden?«
»Verstanden.«
»Du hattest recht mit dem, was du da vor dem Gerichtsgebäude gesagt hast. Die Jungen, die sie wegen Brandstiftung im Frisiersalon dran gekriegt haben, da ist was faul dran. Das ging viel zu schnell, war viel zu einfach. Alle waren froh, dass sie jemanden hatten, den sie der Presse präsentieren konnten – ich auch. Aber nach der Aktion heute können wir nicht mehr so tun, als ob. Dahintersteckt mehr als nur ein Irrer und zwei Rowdys, die einfach so aus Spaß an der Freude irgendwas anzünden. Für so was wie heute Nachmittag ist eine Menge Planung, Intelligenz und Geld nötig, und zwar in rauen Mengen. Da muss es jemand mit der Befreiung dieser Jungs wirklich ernst gemeint haben. Und wir müssen herausfinden, warum das jemandem so wichtig ist. Vielleicht kommen wir dann auch dahinter, warum die den verfluchten Salon überhaupt in Brand gesetzt haben.« Er zündete seine Pfeife an und verschwand einige Sekunden lang in einer Wolke aus blauem Qualm. »Also, ich will, dass du zwei Dinge tust«, sagte er und fächelte sich den Rauch aus dem Gesicht. »Erstens, du hilfst dem jungen Watson, an welchem verfluchten Fall er auch gerade arbeitet. Weiß Gott, er wird dringend Hilfe brauchen. Zweitens, versuch, mehr darüber rauszufinden, was in dem verfluchten Frisiersalon passiert ist. Ausnahmsweise hast du mal meine Erlaubnis, loszuziehen und dich mit dem nichtsnutzigen Gesindel herumzutreiben, das du als deine Freunde betrachtest. In der Stadt sind längst alle möglichen Gerüchte über den Brand in Umlauf. Weiß der Henker, wie das heute Nachmittag weitergeht. Ist einer der drei jemandem so wichtig, dass er ihn davor bewahren will, in Barlinnie hinterrücks erstochen zu werden? Und so weiter. Okay?«
McCoy nickte. In diesem Moment wäre er wahrscheinlich sogar bereit gewesen, die Ausnüchterungszellen zu putzen, Hauptsache, er musste nicht wieder ins Krankenhaus.
Murray beugte sich über den Schreibtisch und sah ihm direkt in die Augen.
»Und glaub mir, mein Sohn. Wenn ich noch mal von jemandem höre, dass du auf die Straße gekotzt hast, dann ist Schluss mit lustig, und ich lass dich auf unbestimmte Zeit suspendieren. Haben wir uns verstanden?«
McCoy nickte erneut.
Murray lehnte sich zurück, schüttelte den Kopf. »Warum ist bei dir nie mal was einfach, McCoy?«
McCoy zuckte mit den Schultern und stand auf. »Weiß ich auch nicht. Ach, und Murray? Danke.«
Eine Blutspur zog sich quer über den Hof. Der Asphalt war rot verfärbt von der Stelle, an der der Mann aufgeschlagen war, bis einige Meter weiter dorthin, wo sein zerschundener Körper nun lag. Er musste nach der Landung noch ein Stück gekrochen sein. McCoy näherte sich langsam dem Toten und betrachtete ihn. Gab nicht viel zu sehen, außer einem alten Mann, Gesicht nach unten, der Schädel aufgeplatzt und das linke Bein auf eine Weise verdreht, wie es eigentlich nicht möglich war. Seine rechte Hand lag in einer regenbogenfarben schimmernden Pfütze aus Wasser und Blut, die langen Nägel waren gelb vom Nikotin, ein Finger war über den anderen gebogen. Er hatte sich ein Stück von dem schmutzigen schwarzen Gebäude entfernt, von dem er gesprungen war, und den drei überquellenden Mülltonnen in einer Ecke des Hofs genähert. McCoy fragte sich, warum ihm das noch so wichtig gewesen war.
Er trat ein Stück zurück, seufzte und fragte sich, womit er diese Schweinerei verdient hatte. Nachdem er Murrays Büro verlassen hatte, war er nicht mal bis an seinen Schreibtisch gekommen. Billy von der Anmeldung unten hatte ihm direkt den Zettel mit der Adresse in die Hand gedrückt.
»Alle anderen haben mit dem Brand zu tun, Murray meinte, du kannst dich drum kümmern.«
»Dir auch einen schönen Tag, Billy«, sagte McCoy und warf einen Blick auf die Adresse. »Du hast mich vermisst, oder?«
Billy musterte McCoy von oben bis unten. »Hab gar nicht gemerkt, dass du weg warst. Aber jetzt, wo du's sagst … hab mich schon gewundert, warum's hier in den letzten vier oder fünf Wochen viel fröhlicher zugegangen ist.«
McCoy las noch einmal die Adresse auf der Meldung. Nur um sicherzugehen. »Selbstmord? Das ist ein Witz, oder?«
»Nein«, sagte Billy, der schon wieder auf halbem Weg zurück zur Anmeldung war.
»Ist Wattie da?«
»Nee«, sagte Billy. »Hab den Drecksack den ganzen Tag noch nicht gesehen. Ich muss wieder runter.«
Und jetzt stand McCoy hier, vermied es möglichst, den Toten anzusehen oder in sein Blut zu treten. Er lehnte sich an die Mülltonnenüberdachung an der Hofmauer und blickte zu dem hohen Backsteingebäude hinauf. Wenn der Mann von ganz oben, vom Dach, gesprungen war, dann waren das gute fünfzehn bis achtzehn Meter, eigentlich sollte das reichen, um sich umzubringen. Aber irgendwie hatte er überlebt. Er war nach dem Aufprall noch nicht tot gewesen, sondern hatte sich durch die durchweichten Zeitungen und leeren Eldorado-Flaschen geschleppt, bevor er schließlich zusammengebrochen und gestorben war.
Der Hof hinter dem Great Northern war schon bei schönem Wetter ein einziges Dreckloch, im Regen umso mehr. Die Mülltonnen stanken, überall lagen Scherben von Flaschen, die die Bewohner einfach aus den Fenstern geworfen hatten, ein riesiges aufgerolltes Stück Teppichboden vergammelte hinter einer zerrissenen Plastiktüte voller alter Klamotten. In der Pfütze zu seinen Füßen löste sich eine Ausgabe von The War Cry auf. Ein Mitglied der Heilsarmee lächelte ihm von der Titelseite entgegen, in der Hand einen riesigen Scheck aus Pappe.
Ganz Glasgow war voller Modellprojekte. Modellunterkünfte, wie sie korrekt hießen. Unterkünfte für alleinstehende Männer, die sonst keine Bleibe hatten. Sein Vater hatte auch eine Zeit lang in so einem Projekt gewohnt, und als McCoy noch Streife gelaufen war, hatte er ständig dort zu tun gehabt. Schlägereien unter Besoffenen und Diebstähle. Regelmäßig wurden Männer morgens tot in ihren Betten gefunden, halb leere Flaschen neben sich und eine Plastiktüte mit ihren gesammelten Habseligkeiten unter dem Bett.
»Wer hat das gemeldet?«, fragte McCoy. Er wollte den Streifenpolizisten mit Namen ansprechen, hatte ihn aber schon wieder vergessen. Irgendein Neuer war das, den er noch nie gesehen hatte. Smith? So oder so ähnlich.
»Der Leiter«, sagte der Streifenpolizist. »Ungefähr um halb zehn heute Morgen.«
»Smith, würden Sie …«
»Smythe«, sagte er. »PC Smythe.«
»Verzeihung«, sagte McCoy. »Können wir einen Krankenwagen bekommen?« Er hielt kurz inne, als seine Magenschmerzen wieder aufflammten, lehnte sich an die Mauer und wartete, bis es vorbei war. Er hoffte, er würde sich nicht auf den nassen Asphalt setzen müssen. Als er merkte, dass Smythe ihn beobachtete, biss er die Zähne zusammen und versuchte, möglichst gerade zu stehen.
»Wenn der Arzt sein Okay gegeben hat, müssen wir ihn ins Leichenschauhaus schaffen. Haben wir verdammt noch mal keine Plane, um ihn zuzudecken? Das hätte eigentlich längst passiert sein müssen. Holen Sie Andy, den Fotografen, die ganze übliche Mannschaft. Schaffen Sie das?«
Smythe nickte und eilte davon.
Als er sich so weit wie möglich von der Leiche entfernt hatte, stellte sich McCoy dicht an die Wand und schaffte es beim dritten Versuch, sich eine feuchte Zigarette anzuzünden. Er sah auf die Uhr. Er war erst zehn Minuten hier und bereits völlig durchnässt. Fast wünschte er sich zurück in sein warmes Krankenhausbett. Sein Magen schmerzte, als er Rauch in die Lunge sog. Keine Zigaretten und auf keinen Fall Alkohol, das hatten die ihm immer wieder eingeschärft. Das war jetzt die Strafe dafür, dass er einen Magendurchbruch überlebt hatte. Eine Strafe, der er sich so lange unterworfen hatte, bis er aus dem Krankenhaus nach Hause kam und in einem alten Jackett, das er normalerweise nie anzog, ein Päckchen Regal fand.
Er blickte wieder an dem Gebäude hinauf. Hinter den Fenstern hingen bärtige alte Gesichter, starrten in den Hof hinunter. Ein Mann mit langem weißem Vollbart bekreuzigte sich und wandte sich ab, verschwand im Dunkel des Raums.
McCoy fragte sich, wie weh es getan haben musste, so auf den Boden zu knallen. Trotzdem konnte er dem armen Schwein kaum einen Vorwurf machen. Er wäre auch gesprungen, wäre er an einem Ort wie diesem gelandet.
Er blickte erneut auf die Blutlache, dann wieder zu den Fenstern hinauf. Der Mann war anscheinend ganz schön weit von der Mauer entfernt gelandet. Hatte er Anlauf genommen oder war er durch eine Scheibe gesprungen? Das konnte nicht sein, nirgendwo lag zersprungenes Fensterglas. Er musste Anlauf genommen und vom Dach gesprungen sein, wobei McCoy gar nicht gedacht hätte, dass so ein alter, depressiver Sack ein solches Tempo draufhat. Er merkte, dass seine Zigarette längst ausgegangen war, es war zu nass. Er ließ sie in eine Pfütze fallen. Sein Arzt würde sich freuen.
McCoy stellte den Kragen seines Regenmantels auf und versuchte, sich nicht allzu sehr leidzutun. Er würde rekonstruieren müssen, wie das alles genau abgelaufen war, indem er mit einer Reihe von Männern sprach, die schon vor langer Zeit jeglichen Bezug zur Realität verloren hatten. »Matschhirn« nannte man so was. Jahrelanger Alkoholmissbrauch forderte seinen Tribut. Ein vernebeltes Gedächtnis und zittrige Hände. Er hoffte nur, dass er da drin nicht seinem Dad begegnen würde.
McCoy beschloss, es lieber schnell hinter sich zu bringen. Er rannte an der Seite des Gebäudes entlang zum Hauseingang auf der Royston Road, schnappte sich die Klinke der zweiflügeligen Tür und zog sie auf. Einen Augenblick blieb er im Eingangsbereich stehen, schüttelte sich den Regen von den Schultern. Sofort schlug ihm der Gestank in die Nase. Ungewaschene Klamotten, verkochtes Essen und derselbe Bodenreiniger, den sie auch in den Kinderheimen benutzt hatten, in denen er aufgewachsen war.
»Sie müssen der Detective sein.«
Er sah auf.
Ein Mann in einem Anzug mit brauner Strickjacke und karierten Pantoffeln stand vor ihm. »PC Smythe hat gesagt, Sie würden bald kommen«, sagte er.
McCoy streckte ihm eine Hand hin. »Harry McCoy.«
Der Mann schlug ein. »Gerry Swan. Kommen Sie, ich mache Ihnen einen Tee. Sie sind ja völlig durchnässt.«
Fünf Minuten später saß McCoy in Swans Büro, einen Becher Tee in der Hand, Regen prasselte an die Fensterscheibe. Die Wände hier waren genauso erbsengrün wie die in den Gängen, ein Gemälde von Schiffen auf dem Clyde und ein gerahmtes Sicherheitszertifikat hingen daran. Swan saß ihm gegenüber. Er war ein kleiner Mann, höchstens eins sechzig groß, und sah aus wie ein Kind auf dem Stuhl seines Vaters.
Er zog ein Formular aus einem braunen Hefter auf seinem Schreibtisch. »Alistair Drummond«, sagte er. »War noch nicht lange bei uns, gerade mal drei Nächte.«
»Was hat er für eine Geschichte?«
»Ich wünschte, das könnte ich Ihnen sagen«, erwiderte Swan. »Ich glaube, ich bin ihm überhaupt nur einmal begegnet. Wir haben im Schnitt hier so um die sechzig Männer pro Nacht, die kommen und gehen. Einige bleiben eine Nacht, andere sind schon seit Jahren hier. Unsere Stammgäste kenne ich natürlich, aber insgesamt sind es einfach zu viele, um den Überblick zu behalten.«
»Wer hat ihn gefunden?«
»Ich. Ich hab um neun angefangen, erst mal Tee gekocht, bisschen am Schreibtisch gearbeitet, dann bin ich aufgestanden, wollte das Radio für die Nachrichten um halb zehn einschalten und da hab ich ihn am Fenster gesehen. Im Fallen …« Er zögerte kurz, um sich zu fassen. Setzte noch einmal neu an. »Ich dachte, jemand hätte einen Teppichläufer oder so aus dem Fenster geworfen. Erst als er unten aufkam, hab ich's begriffen. So klingt kein Teppich …«
McCoy nahm einen Schluck Tee. Widerlich. Der Gestank setzte ihm allmählich zu. Hieß es nicht, der Geruchssinn würde Erinnerungen wachrufen? Der Bodenreiniger, das war der Geruch seiner Kindheit. Jetzt fehlte nur noch ein Hauch Weihrauch, und er würde sich nicht mehr beherrschen können und einfach rausrennen. Er versuchte sich zu konzentrieren.
»Kommt so was häufiger vor?«, fragte er. »Selbstmord unter den Bewohnern?«
Swan seufzte. »Leider, ja. Viele von unseren Männern haben Probleme. Hauptsächlich mit Alkohol. Andere sind psychisch vorbelastet. Oder wurden von ihren Frauen oder Familien auf die Straße gesetzt. Einige sind einfach am Ende ihrer Kräfte. Wir versuchen, ihnen eine Zuflucht zu bieten, aber manchmal genügt das nicht. Wir können keine Wunder wirken, nur tun, was wir bereits tun.«
»Hatte er denn Freunde, dieser Drummond?«, fragte McCoy, versuchte den Gestank des Bodenreinigers und der falschen Frömmigkeit, die Swan ausdünstete, zu ignorieren.
Swan warf einen Blick in seine Akte. »Bert Cross war sein Zimmernachbar. Vielleicht versuchen Sie's mal bei dem.«
McCoy nickte und stand auf. Auch Swan machte Anstalten, sich zu erheben.
»Bleiben Sie besser hier«, sagte McCoy. »Smythe wird wahrscheinlich Ihre Unterstützung brauchen.«
McCoy wollte auf keinen Fall, dass ihm der Chef der Einrichtung über die Schulter guckte und aufpasste, dass die Männer einhellig beteuerten, was für eine Freude es war, hier wohnen zu dürfen. Zuflucht, von wegen. In Modellunterkünften warteten Männer auf den Tod, hier hatte man das Ende der Fahnenstange erreicht. Sein Dad schlief meist lieber auf der Straße. Nur wenn das Wetter richtig beschissen war, versuchte er ein Bett zu ergattern. Eine Nacht genügte schon, damit er's mit der Angst bekam. Warten im Vorraum zur Hölle, hatte er's mal genannt. Anscheinend hatte Alistair Drummond beschlossen, sich in der Schlange vorzudrängeln.
McCoy stieg die Treppe hinauf, seine Schritte hallten laut auf den Steinstufen, als er sich in den Aufenthaltsraum im zweiten Stock begab. Ihm wurde bewusst, dass er schon eine ganze Weile nicht mehr an seinen Vater gedacht hatte. Er wusste nicht mal, ob er noch lebte. Das letzte Mal hatte er ihn vor ein paar Jahren gesehen. Da hatte er plötzlich eines Abends draußen vor dem Squirrel gestanden. Ohne Schuhe, aber mit einer Flasche in der Hand, und hatte Gott weiß was herumgebrüllt, Leuten nachgerufen, dass sie sich verpissen sollen.
McCoy war so in Gedanken an seinen Dad verloren, dass er beinahe über einen Mann gestolpert wäre, der quer auf der Treppe lag. Der Mann grinste zu ihm hoch, hatte keine Zähne mehr, sein brauner Anzug und sein knallrotes Hemd waren voller Flecken.
»Musste mich bloß mal ausruhen«, sagte er. »Das ist vielleicht eine Scheißtreppe.«
McCoy hielt ihm eine Hand hin. Der Mann guckte erstaunt, nahm sie aber und ließ sich von McCoy auf die Füße ziehen. McCoy versuchte den Gestank zu ignorieren und legte ihm einen Arm um die Schulter. »Komm«, sagte er. »Ich helf dir hoch, dafür tust du mir einen Gefallen.«
»Na klar, mein Freund«, sagte der Mann. »Abgemacht.«
McCoy stieß die Tür zum Aufenthaltsraum mit dem Fuß auf und ging hinein. Es stank nach Elend und Verzweiflung. Verschrammter Holzfußboden, durchgesessene alte Sessel an der hüfthoch verfliesten Wand. In der Mitte zwei lange Holztische mit Stühlen. Kein Fernseher, kein Radio, nur einige gestickte Bibelzitate gerahmt an den Wänden. Wie eine Reise ins viktorianische Zeitalter. Die Männer, die wach genug waren, drehten sich zu McCoy um. Die meisten starrten einfach zu Boden.
McCoy setzte den alten Herrn in einen der Sessel und strich sich über die Klamotten.
»Also, wie kann ich dir helfen?«, fragte der Mann. Er grinste ihn erneut zahnlos an. »Hoffentlich hast du's nicht auf Geld abgesehen, ich hab nämlich keins.«
McCoy schüttelte den Kopf. »Du musst mir nur zeigen, wer Bert Cross ist.«
Der Mann kniff die Augen zusammen und sah sich suchend im Raum um. Dann zeigte er auf einen Mann in einem Sessel am Fenster, der einen drei Nummern zu großen Regenmantel trug. »Der da.«
McCoy bedankte sich bei ihm und ging durch den Raum. Cross las eine zerfledderte Ausgabe von The People's Friend, fuhr mit gelben Fingern die Zeilen entlang. Dann merkte er, dass McCoy vor ihm stand, und blickte auf. Seine Augen strahlten blau in seinem faltigen und ramponierten Gesicht.
»Bert Cross?«
Der Mann guckte misstrauisch.
»Harry McCoy. Detective. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen über das, was heute passiert ist?«
Cross nickte. Lächelte. »Sie dürfen. Aber wissen Sie was? Ein Drink würde meiner Erinnerung vielleicht auf die Sprünge helfen.«
»Es ist zehn Uhr früh am Montagmorgen«, sagte McCoy. »Um die Uhrzeit krieg ich nirgendwo was.«
Cross sah ihn verärgert an. »Oh Mann, du bekommst immer was, wenn du weißt, wo.«
Zehn Minuten später stiegen sie aus dem Fahrstuhl im zehnten Stock der High Flats in der Charles Street, auf der anderen Seite der Royston Road, dem Great Northern gegenüber. Ein dunkelrot gestrichener Gang, Linoleumfußboden, sechs Türen. Cross klopfte an eine gelbe, daneben stand eine Topfpflanze auf einem schmiedeeisernen Ständer. Die dekorative Wirkung wurde durch die ungefähr zwanzig Zigarettenstummel, die ausgedrückt in der Erde steckten, stark beeinträchtigt. Die Tür ging einen Spalt auf und eine Frau mit Lockenwicklern in den Haaren, einem Tuch um den Kopf und in einem Morgenmantel aus Nylon musterte sie von oben bis unten.
»Zeig ihr dein Geld«, sagte Cross.
McCoy zog seine Brieftasche heraus und hielt der Frau zwei Pfundscheine hin. Die Frau lächelte und die Tür ging auf.
In der Wohnung sah es nicht viel anders aus als im Modellprojekt. Hier saßen dieselben alten Männer auf Stühlen und einem durchhängenden Sofa. Der einzige Unterschied war, dass sie hier außerdem tranken. Und zwar wie professionelle Säufer. Dabei wurde nicht geredet, auch nicht ferngesehen. Nur gesoffen. Die Männer hielten die Flaschen fest in den Händen und stierten an die Wand.
Cross nahm McCoy das Geld ab und reichte es der Frau. »Zwei Flaschen, Sadie, und ich muss mich mal kurz in der Küche mit dem da unterhalten«, sagte er.
Sadie nickte, und sie folgten ihr. McCoy gelang es, einen kurzen Blick in eins der Zimmer zu werfen. Ein älterer Mann saß aufrecht in einem gestreiften Schlafanzug im Bett, einen Teddy in den Händen, er guckte ausdruckslos ins Leere, dazu lief leise das Radio.
In der kleinen Küche war es warm und bemerkenswert schmutzig. Geometrisch gemusterte, orangefarbene Tapete schälte sich von der Wand und gab den Blick auf feuchte Stellen im Gipskarton frei, der Boden bestand lediglich aus Hartfaserplatten voller Spritzer und Flecken. Fliegen summten um das aufgestapelte, schmutzige Geschirr neben der Spüle. Die Frau griff in einen Schrank über dem fettverschmierten Herd und holte zwei Irn-Bru-Flaschen mit einer bräunlichen Flüssigkeit heraus und stellte sie auf den Tisch. Danach ließ sie die beiden Männer allein.
McCoy ging zum Fenster und warf einen Blick hinaus, konnte es sich nicht verkneifen. Die Leute meckerten ständig über die Hochhäuser, aber McCoy hätte schon irgendwie Lust, mal in so einer Wohnung zu wohnen. Ihm gefiel die Vorstellung, eine Aussicht zu haben. Selbst im peitschenden Regen konnte er über die Royston Road bis zum Turm der Royston Church sehen. Unter sich sah er eine Frau mit einem Kinderwagen unter einem Regenschutz, ein Kleinkind im Schlepptau. Von hier oben sah er sogar den ausgebrannten Frisiersalon neben dem Getränkeladen. Er war immer noch abgesperrt und ein Streifenpolizist stand davor.
»Willst du was?«
»Was ist das?« McCoy nickte die Flaschen an.
»Frag lieber nicht«, sagte Cross, schenkte sich eine großzügige Dosis in einen schmutzigen Becher mit der Aufschrift World's Best Dad. Dann hielt er ihm die Flasche hin. McCoy schüttelte den Kopf. Selbst ohne Magengeschwür wäre ihm zehn Uhr vormittags ein bisschen zu früh gewesen.
»Wie du willst«, sagte Cross, der sich noch mehr nachschenkte und die Hälfte davon sofort runterstürzte. Kaum war es ihm die Kehle hinuntergelitten, strahlte er. »Nur damit du Bescheid weißt, Mann, mein Gedächtnis ist nicht mehr das, was es mal war, und sobald das Zeug hier wirkt, verschwindet das, was davon übrig ist, auch noch, also mach lieber schnell. Was wolltest du mich fragen?«
»Alistair Drummond«, erwiderte McCoy.
»Arme Sau«, sagte Cross, nahm einen weiteren Schluck. Hob respektvoll seinen Becher. »Auf die frisch Verschiedenen.«
»Waren Sie mit ihm befreundet?«, fragte McCoy, setzte sich, möglichst ohne die klebrige Tischplatte zu berühren.
»Eher nur flüchtig bekannt. Der war ja gerade erst gekommen«, sagte Cross. »Hat bloß auf seinem Bett gehockt und verloren geguckt. Da haben wir uns unterhalten. Ich hab ihm von hier erzählt, und er meinte, scheiß drauf, den Fusel trink ich nicht. Also hat er gesagt, lass uns in eine Kneipe gehen. Ich hab gesagt, ich hab kein Geld, und er meinte, spielt keine Rolle. Dann sind wir im Big Glen gelandet. Er hatte Geld, eine ganze Menge. Ich hab's in seiner Brieftasche gesehen. Wir haben ein paar getrunken und ich hab ihn gefragt, wieso er hier wohnt, wenn er so viel Geld hat. Erst wollte er's nicht sagen, aber ein paar Bier später hat er mir verraten, dass er eine Wohnung hat, aber das da eingebrochen wurde, und jetzt hat er Angst. Er wollte nicht dahin zurück.«
»Angst wovor?«, fragte McCoy.
Cross zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Er wirkte ganz schön nervös, hat sich die ganze Zeit umgesehen. Er meinte, er will einfach eine Weile verschwinden, abtauchen. Musste sogar sein Unternehmen dichtmachen.«
»Und was war das für eins? War er Börsenmakler, oder was?«
»Sehr witzig. Er hat Sachen auf Paddy's Market verkauft. Als ich ihn gefragt habe, was für Sachen, hat er sich nur so an die Nase getippt.«
McCoy lehnte sich zurück. Das konnte nicht sein. »Paddy's Market? Bist du sicher?«
Cross nickte, nahm einen weiteren großen Schluck und wischte sich mit dem Ärmel seines Mantels über den Mund.
»Hat er sich Ally genannt?«, fragte McCoy. »Nicht Alistair?«
»Mein Name ist Ally, hat er gesagt, als wir uns kennengelernt haben.«
»Scheiße«, sagte McCoy. »Den kenne ich! Swan hat gesagt, er hieß Alistair, da wäre ich nie drauf gekommen. Hatte er gelbe Zähne? Und sah er ein bisschen schmierig aus?«
»Also, das hast du gesagt, nicht ich. Ich rede nicht schlecht über Tote. Ich will nicht, dass mich sein verfluchter Geist heimsucht.«
Die Küchentür ging auf und ein Mann in einem abgetragenen Anzug und kaputten schwarzen Ledermokassins kam herein. »Bert, kannst du wohl einen Tropfen entbehren. Ich …«
»Verzieh dich«, knurrte Cross. »Du kriegst nichts.«
Der Mann sah aus, als hätte er mit der Antwort gerechnet und zog die Tür wieder zu.
»Dieser stinkende Drecksack. Der schuldet mir noch eine Flasche Cognac. Bevor der noch mal was von mir bekommt, will ich die haben.«
»Dirty Ally«, sagte McCoy, der die Information noch immer verarbeitete. »Ich kann's nicht fassen. Ich hätte nie gedacht, dass sich Dirty Ally umbringt. Der ist gar nicht der Typ dafür, der ist viel zu gerissen.«
»Na, hat er aber.«
»Vielleicht hat ihn ja einer vom Dach gestoßen.«
Cross griff nach der Flasche. »Nee.«
»Wieso sind Sie da so sicher?«
»Weil ich's gesehen hab. Ich war heute Morgen im Hof, hab im Müll nach Pfandflaschen gesucht, aber keine gefunden. Gerade wollte ich wieder rein, da hab ich Ally auf dem Dach gesehen. Hab hochgeguckt und gewunken, aber er hat nicht zurück gewunken, und bevor ich was tun konnte, ist er gesprungen.«
»Wieso haben Sie Swan nicht gesagt, dass Sie's gesehen haben?«, fragte McCoy.
»Weil das ein blödes Arschloch ist und ich dem nicht mal auf seine Schuhe pissen würde, wenn er mich drum bittet.«
McCoy überließ ihn der zweiten Flasche und kehrte ins Great Northern zurück. Als er ankam, wurde gerade der Leichenfundort gesichert. Smythe und zwei andere Streifenpolizisten versuchten, im strömenden Regen ein Zelt über dem Toten aufzustellen. Er wollte dem Mann eigentlich auf keinen Fall noch einmal in das zerstörte Gesicht sehen, aber er wusste, dass er sich nicht drücken konnte. Er duckte sich unter das Zelt und hörte, wie Smythe dem Fotografen sagte, er solle noch mal kurz warten, sein Chef wolle sich was ansehen.
Der Tote lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, der halbe Schädel fehlte. McCoys Magen muckte wieder auf, als ihm bewusst wurde, dass er Hirnmasse unter den langen nassen Haaren sah. Er musste es einfach hinter sich bringen. Er fasste den Toten an der Schulter und drehte ihn um. Der Kopf drehte sich mit und tatsächlich blickte McCoy jetzt in das leblose, zermatschte Gesicht von Dirty Ally. Er ließ los und trat zurück, hoffte, dass er sich nicht noch mal übergeben musste. Die Übelkeit legte sich wieder, er schob die Plane ein Stück beiseite und trat wieder hinaus in den regnerischen Hof.
»Jetzt gehört er euch«, sagte er zu Smythe und dem Fotografen.
Er ging um das Gebäude nach vorne, stellte sich im Eingang unter und zündete sich eine an. Er konnte nicht fassen, dass der Tote Dirty Ally war. Den kannte er seit Jahren. Er hatte gebrauchte Pornohefte auf Paddy's Market verkauft, Fotos für Leute entwickelt, die mit ihren Filmen lieber nicht zu Boots gingen. Was konnte ihm solche Angst gemacht haben, dass er sich im Great Northern versteckte? Wovor hat er sich so gefürchtet, dass er lieber vom Dach sprang, als sich dem zu stellen?
Ally wusste, wie er klarkommt. Das musste er auch, er machte Geschäfte mit fiesen Typen, mit Zuhältern und zwielichtigen Pornografen, die illegales Zeug druckten und Nacktfotos von kleinen Jungen machten. Viele Jahre hatte er so sein Geld verdient, er war bestimmt keiner, der sich leicht aus der Ruhe bringen ließ. Warum sollte jemand bei ihm einbrechen? Und wieso war das für ihn ein Grund, abzutauchen?
Er merkte, dass Smythe neben ihm stand. »Sir? Ich denke, wir sind hier gleich fertig.«
McCoy nickte. »Dann schnell zurück auf die Wache. Raus aus dem verfluchten Regen.«
»Murray hat gesagt, du bist da«, begrüßte ihn Wattie, als McCoy ins Büro in der Stewart Street kam.
»War ich auch«, erwiderte McCoy, »aber nur ungefähr zwei Minuten.«
In einem Monat Abwesenheit schien sich nichts verändert zu haben. Immer noch dieselben billigen Holzschreibtische und elektrischen Schreibmaschinen, die meistens kaputt waren, darüber eine Wolke aus Zigarettenqualm und das unablässige Klingeln der Telefone.
»Wie geht's dir?«
»Wie immer«, sagte McCoy und zog seinen Regenmantel aus. »Bin fit wie'n Turnschuh. Könnte für Olympia trainieren.«
Wattie schüttelte den Kopf. »Muss dir aber wirklich besser gehen, bist ja schon wieder genauso sarkastisch wie früher. Wo hast du denn gesteckt heut früh?«
McCoy setzte sich an seinen Schreibtisch. Er musste zugeben, dass er froh war, wieder hier zu sein. Viel besser, als Krankenhauswände anstarren.
»Wo ich war? Ich hab gearbeitet. Die eigentliche Frage, Mr Watson ist aber, wo warst du?«
Wattie guckte ein bisschen schuldbewusst. »Ich musste den Kleinen bei seiner Oma abliefern. Mary wurde zum Record gerufen. Wegen heute Morgen brauchen sie alle in der Redaktion.«
»Wundert mich nicht.«
»Sie ist unterwegs, spricht mit den Angehörigen«, sagte Wattie, der versuchte, ein Blatt in die Schreibmaschine zu spannen.
»Die Glückliche«, sagte McCoy und lehnte sich zurück. »Wie sind die Clowns in der Tobago Street eigentlich an den Fall gekommen?«
Wattie zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Normalerweise sind die noch zum Scheißen zu blöd. Anscheinend haben sie eine Wohnung in Roystonhill durchsucht. Ich glaube, weil sie einen Tipp bekommen haben.« Er schaffte es, das Papier unter den Bügeln der Schreibmaschine total zu verknittern, zog es heraus und versuchte es mit einem frischen Blatt erneut. »Ich sag dir was, ich möchte nicht in der Haut dieser Jungen stecken. Ganz Barlinnie freut sich schon auf die drei, und ich kann's ihnen nicht verdenken. Das ist so eine Schande, was da in dem Salon passiert ist. Zerreißt einem das Herz.« Er schüttelte den Kopf, war den Tränen nahe.
Nicht nur Wattie nahm sich die jüngsten Ereignisse zu Herzen. Es hatte den Anschein, als würde ganz Glasgow trauern. Der Brand war in den Nachrichten gezeigt worden, als McCoy noch im Krankenhaus war. An dem Morgen, als darüber berichtet wurde, hatte er ein paar Schwestern weinen sehen, die aufgeschlagene Zeitung vor sich. Für die Sechs-Uhr-Nachrichten hatten sich die Ärzte und Patienten um den Fernseher versammelt. Die Bilder vom Salon und den weinenden Frauen wurden gleich am Anfang gezeigt. Einige schluchzten laut auf, als die kleinen Mädchen in ihren Kommunionskleidern gezeigt wurden. Selbst McCoy fiel es schwer, sich das anzusehen.
»Haben sie rausbekommen, wieso die das gemacht haben?«, fragte er.
»Weiß nicht«, sagte Wattie. »Weiß der Henker, wieso jemand so was macht.« Er gab es schließlich auf, zerknüllte das Blatt und warf es in seinen Papierkorb. »Als ich's gehört hab, musste ich erst mal zu meinem Kleinen und ihn ganz fest in den Arm nehmen. Gott sei Dank ist er …«
»Wie geht's meinem Patenkind überhaupt?«
»Duggie? Kaut auf allem rum, schreit sich die Lunge aus dem Leib. Er bekommt gerade die ersten Zähne. Das ist vielleicht ein Drama.«
»Klingt schlimm. Ich komme ihn besuchen, wenn er über den Berg ist.«
»Kann's dir nicht verdenken. Ich würde mich im Moment auch erst mal fernhalten, ist ein richtiges kleines Arschloch.«
»Übrigens rate mal, wer sich umgebracht hat?«, sagte McCoy.
»Was?«, fragte Wattie zurück, anscheinend war er in Gedanken immer noch bei seinem zahnenden Sohn.
»Da komme ich gerade her. Aus dem Great Northern, und übrigens, sollte ich jemals dort landen, hast du die Erlaubnis, mich zu erschießen.«
»Dein Vater?«
McCoy schüttelte den Kopf. »Den hab ich nicht gesehen. Aber ehrlich gesagt, ich hab auch gar nicht so genau geguckt.«
»Wer denn?«, fragte Wattie.
»Wer denn was?«
Wattie verdrehte die Augen. »Wer hat sich verdammt noch mal umgebracht?«
»Ach so! Dirty Ally.«
In dem Moment, in dem er es sagte, zog sich McCoys Magen schmerzhaft zusammen. Er hielt sich an der Kante seines Schreibtischs fest und wartete, bis es vorbei war.
»Verdammt, ich hab gedacht, der alte Sack ist gar nicht totzukriegen«, meinte Wattie. »Wieso hat der sich umgebracht?«
»Keine Ahnung«, sagte McCoy. »Anscheinend hatte er Angst vor jemandem oder vor etwas. Hat sich ausgerechnet im Great Northern versteckt. Man könnte fast denken …«
»Nein«, sagte Wattie. »Kann man nicht. Er hat sich umgebracht. Ende, aus. Warum, ist nicht unser Problem. Ich weiß, wie du bist, ich sag dir gleich, ich laufe nicht die nächsten Wochen durch ganz Glasgow hinter dir her, um rauszubekommen, warum der alte Drecksack die Reißleine gezogen hat.«
»Na, jetzt hast du's mir aber gegeben«, sagte McCoy.
Um sechs Uhr abends trat McCoy
