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Nach einer wahren Begebenheit: Das Kind Anna Maria wird in Tschetschenien am Schwarzen Meer 1738 geraubt und als Sklavin nach Konstantinopel verkauft. Einige Jahre später gelingt ihr die Flucht in ein Kloster. Trinitariermönche kaufen Anna Maria frei und führen sie mit anderen aus der Sklaverei Freigekauften nach Wien. In Konstantinopel wird 1738 der reiche Bankier Battista von Mohrenheim im Auftrag von Sultan Mahmud I. mit einer seidenen Schnur erwürgt. Die Familie Mohrenheim verbannt den ältesten Sohn Johann in ein Kloster. Dort springt er vom Dach und flieht zum Hafen. Dort findet ihn ein Kaufmann aus Wien und nimmt ihn mit nach Wien. Dort beschäftigt er den Jungen in seinem vornehmen Tuchladen. Anna Maria fällt bei einer Veranstaltung freigekaufter Sklaven der Kaiserin Maria Theresia auf. Diese adoptiert 1745 die ehemalige Sklavin. Johann Mohrenheim begegnet Anna Maria am Kaiserhof. Anna Maria und Johann heiraten 1747 in Wien. Maria Theresia ist Trauzeugin, auch der Kaiser ist anwesend. Die Kaiserin Maria Theresia ernennt den jungen Johann von Mohrenheim zum Römisch-Katholischen Courier des kaiserlichen Hofes.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Kapitel I: Im Lande der Tscherkessen am Schwarzen Meer 1738
Kapitel II: Konstantinopel, größte Stadt der Welt, 1738
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI: Konstantinopel 1745
Kapitel VII: Wien im Sommer 1745
Kapitel VIII: Wien im September 1745
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Bildnachweis
In meinem Besitz befindet sich ein Wappen der Familie Mohrenheim aus Boppard am Rhein, verliehen von König Rupert 1402. Über deren Geschichte ist in meiner Familie wenig bekannt. Mich aber reizte diese schon immer.
Jetzt gibt es das Internet. Ich machte mich darin auf die Suche und entdeckte das Buch „Maria Theresias Türkenkind" von Dr. Irene Montjoye, Literaturprofessorin in Wien, erschienen 2000. Darin fand ich das unglaubliche, fantastische Leben derer von Mohrenheim. Was für ein Glücksfall! Frau Montjoye verschaffte mir Kontakt zur Familie Gerhardus in Wien, in deren Besitz sich die Unterlagen für „Maria Theresias Türkenkind" befinden. Dafür danke ich Frau Montjoye sehr.
Und wieder hatte ich Glück. Die Familie Gerhardus besitzt ein wertvolles Dokument:
Ein Schulheft, in das Elise Dierkes, geborene Mohrenheim, im Jahre 1804 die wunderbare Geschichte ihrer Eltern aufgeschrieben hatte. Herr Dr. Christian Gerhardus machte sich die Mühe, es für mich zu kopieren.
Voller Freude ging ich jetzt an die Ahnenforschung in den Archiven Wien, Linz, Passau und Landshut. Alle Ergebnisse deuten darauf hin, dass es sich bei den Aufzeichnungen um meine Ahnen handelt. Endlich hatte sich das Geheimnis des Wappens gelöst und schnell entstand der Wunsch, mich 300 Jahre zurück in das Leben meiner Vorfahren hineinzudenken und -fühlen und ihr fantastisches, unglaubliches Leben in einen Roman zu weiten. Die Familie Gerhardus gab mir dazu ihr Einverständnis. Ich danke ihr von Herzen dafür.
Weiterer herzlicher Dank gilt meiner Familie für die Geduld mit mir und die stets unterstützende Hilfe, dann Herrn Eberhard Ried für die Hilfe bei der Bucherstellung und dem Layout sowie Herrn Stefan Teplan für das Lektorat und meinem Neffen Herrn Stefan Brandhuber für die Auswahl der Bilder. Mein besonderer Dank gilt auch Frau Elisabeth und Herrn Dr. Christian Gerhardus für die Überlassung der historischen Aufzeichnungen, ebenso Frau Prof. Dr. Irene Montjoye, die mich mit ihrem Buch auf die Spur meiner Ahnen gebracht hat.
Es gibt unter dem Titel Türkenkind auch eine Kammeroper gleichen Inhalts, die im Schlosstheater Schönbrunn 2011 uraufgeführt wurde, eine Produktion der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.
Und so wie ich es geschrieben habe könnte es vielleicht gewesen sein, aber sehen Sie selbst:
Die Nacht ist sternenklar auf 2000 Meter Höhe im Großen Kaukasus. Aus der Ferne hört man Hundegebell. Manchmal blökt ein Schaf. Auf der Veranda einer Berghütte, deren Wände aus Schieferstein aufgeschichtet sind, sitzt Otari und träumt von daheim. Es ist Spätsommer. Bald schon zieht er mit seinen tausend Schafen ins Tal, wo er mit den Tieren überwintern wird, um im Frühjahr aufs Neue in die wilden Berge aufzubrechen. Ins Tal am Meer, zu seiner Familie, dem Bruder mit seiner Frau und den beiden Töchtern. Er selbst ist noch nicht verheiratet. Es ist schwer, hier oben eine Frau zu finden. Doch seine große Liebe ist die grandiose Landschaft des Kaukasus mit seinen riesigen Bergen und den fruchtbaren Bergwiesen. Hier ist sein Paradies. Seine und noch rund siebzig andere solcher Herden sind der Reichtum der Region. Schafe und Ziegen sowie ein paar tausend Kühe grasen im Sommer auf den Bergwiesen Tscherkessiens. Otari ist müde. Er zieht sich zurück in seine Hütte mit seinen Träumen über den vergangenen Sommer.
Morgen wird es noch ein Fest geben zum Abschied mit den Hirten aus der Umgebung in einem nahen kleinen Dorf.
Am nächsten Morgen, als die Sonne schon über den Weiden liegt, die Tiere langsam erwachen, macht sich Otari auf den Weg. Seine Gehilfen, ein riesenhaft junger und ein alter, bleiben bei der Herde. Eine Stunde zu Fuß über Almmatten, vorbei an alten, zum Teil verfallenen Wehrdörfern und -türmen aus dem elften und zwölften Jahrhundert. Von solchen Bauwerken aus warnten die Hirtenfamilien früher die Bewohner der Nachbardörfer mit Leuchtfeuern, wenn feindliche Truppen anrückten. An einem der Türme brachten sie sogar die aufgespießten Hände besiegter Feinde an.
Die Hirten haben ihr ganz eigenes Wissen. Als Tscherkessien im vierten Jahrhundert mit Waffengewalt christianisiert wurde, flüchteten sie mit ihren Herden in die abgelegenen Bergregionen des Kaukasus und opferten hier oben weiterhin ihren Naturgöttern. Erst im neunten Jahrhundert nahmen viele die neue Religion an. Auf seinem Weg kommt Otari vorbei an zahlreichen Kultstätten, einfachen Steinkreisen, an denen immer wieder den Göttern Tieropfer dargebracht werden. Auch heute, am diesjährigen Abschiedsfest der Hirten auf den Sommerweiden wird sich Heidnisches und Christliches vermischen. Nur ein Leben mit den Ahnen ist ein gutes Leben, denn sie kümmern sich um ihre Nachkommen. Auch Otaris Leben wird nur gelingen, wenn er alle Traditionen beibehält. Das alles weiß er, als er das kleine Bergdorf erreicht.
Hier enden die fruchtbaren Weiden, spärliche Vegetation wechselt mit dichtem Wald. Vor einer Kirche warten schon einige Hirten auf ihn. Auch sie wurde erbaut für die Toten. Die Ahnen wohnen dort, Hirten und Dorfbewohnern ist der Zugang verwehrt. Ein Bauer zieht einen kräftigen Ochsen herbei, dreimal führt er ihn um die Kirche. Dann bilden die Männer einen Kreis um ihn, fesseln ihn. Einer schneidet ihm unter archaischen Gesängen vor aller Augen die Kehle durch, zerlegt das Tier und entnimmt ihm das Herz. Wieder singen die Wartenden, während das Herz in die Kirche zu den Ahnen gebracht und dort geweiht wird. Otari kennt die Zeremonie zum Abschiedsfest der Hirten, das alljährlich gefeiert wird, damit aller Anwesenden Leben gelinge. Doch er erschauert jedes Jahr aufs Neue.
Dann beginnt das Fest. Rechts sitzen Hirten und Männer aus dem Dorf, links streng von ihnen getrennt, die Frauen. Doch nicht lange. Ein schmächtiges Männlein mit listigen Augen spielt auf einer Flöte alte kaukasische Weisen, fordert auf zum Tanz und es weiß eine Geschichte, die auch zur jährlich sich wiederholenden Zeremonie gehört:
Als die Welt noch jung war hat Gott jeder Nation ein Stück Land versprochen. Am nächsten Morgen versammelten sich Gesandte aus allen Teilen der Erde vor seinem Thron und erhielten für ihr Volk Land zugeteilt. Die Kaukasier jedoch feierten die Nacht durch und kamen zu spät. „Wir haben dich doch die ganze Nacht mit unseren Liedern und Trinksprüchen gepriesen" schmeichelten sie dem Allmächtigen. Da war Gott so gerührt, dass er den Kaukasiern das Stück Land überließ, das er eigentlich für sich selbst reserviert hatte: das Paradies.
Voller Freude über das schon so oft Gehörte wird jetzt aufgetischt: „Ziegenkäse, Quark, Fladenbrot, Gemüse in geheimnisvollen Soßen, das über dem Feuer gebratene Fleisch des soeben geschlachteten Ochsen und selbstgebrannter Schnaps.
„Gaumatsches!" rufen die Männer.
„Prost, auf die Berge!" Und immer wieder:
„Auf die Hirten!"
„Denn nur wer die Schäfer kennt, kann Tscherkessien verstehen", sagt der Schmächtige mit den listigen Augen und spielt wieder auf seiner Flöte. Und da ist noch das hübsche Mädchen Timo mit dem langen schwarzen Haar und dem ansteckenden Lachen. Nur scheue Blicke wagt Otari, aber im nächsten Jahr, wenn er wieder die Schafe auf die hohe Weide treibt, wird er manchmal im Dorf vorbeischauen. Er will Käse und Quark bei ihrer Mutter kaufen, um sie wiederzusehen.
Langsam geht das Fest zu Ende. Die Hirten müssen zurück zu ihren Herden. Morgen beginnt der Abtrieb. Bevor die Dunkelheit hereinbricht, ist Otari an seiner Hütte angekommen. Dort warten schon seine beiden Gehilfen, der riesenhaft junge und der stille alte, auf ihn. Es war nichts Auffälliges passiert während seiner Abwesenheit. Kein Wolf hatte ein Schaf gerissen, was sehr wohl während des vergangenen Sommers öfter vorgekommen war. Die Männer nehmen ein bescheidenes Mahl zu sich, bevor sie sich auf ihren Schaffellen ein letztes Mal zur Nachtruhe in den Bergen begeben. Der junge Riese schläft tief, Otari und der Alte nur unruhig und in kurzen Abschnitten. Auf sie warten drei anstrengende Tage, achtzig Meilen Abtrieb der tausend Schafe zu den Winterplätzen.
Aufbruch! Der neue Tag beginnt, die Sonne gießt wie zum
Abschied ihr Licht über die Herde.
„Hooooo" erklingt Otaris tiefe Stimme.
„Hooooo, hooooo!"
Die Schafe trollen sich auf sein Kommando aufgeregt zusammen. Dann pfeift er schrill durch die Zähne und läßt seinen Stab durch die Luft wirbeln. Aufbruch! Die wolligen Leiber laufen und hoppeln bergab. Einige folgen der Straße, andere rennen einfach querfeldein. Viertausend Hufe trippeln in wildem Durcheinander über Wiesen, Felsen und Sträucher. Erst mit der Zeit fassen sie Tritt. Vier Hirtenhunde unterstützen die drei Hirten. Nach fünf Stunden legen Mensch und Tier die erste Rast ein. Gegen Abend regnet es.
„Jetzt kommen die Wölfe und Braunbären näher", befürchtet Otari, „wenn es regnet, können die Hunde ihre Fährten nicht so gut aufnehmen."
Am nächsten Tag gießt es nach wie vor in Strömen. Und trotz des Unwetters ist kein einziges Schaf verloren gegangen. Es geht nun wieder steil bergan. Tausend Höhenmeter sind es noch bis zum Abanopaß.
„Hooooo." Der Regen wird zu Schnee. Wind kommt auf. Trotzdem: Sie überwinden den Paß.
Noch eine Nacht in der Kälte. Kein Tier wird gerissen. Es riecht streng nach Bock. Jetzt geht es nur noch bergab, vorbei an Felsen und Fichtenhainen in Kälte und Schnee. Doch schon auf dem nächsten Bergrücken ist die Ebene zu sehen, Palmen und das Meer. Hinter ihnen die eiskalten Fünftausender. Wie sie sich freuen auf Verwandte und Freunde, wie sehr auf ein warmes Quartier! Der Winter ist ziemlich mild dort an der Küste. Ist sie doch geschützt von den nahe an das Meer herantretenden Kämmen des Kaukasus.
Endlich nähern sie sich dem Heimatdorf in der Nähe des späteren Sotschi. Schon dämmert es. Die Schafe müssen noch vor der Dunkelheit in die Ställe gebracht werden. Eine merkwürdige Stille liegt über dem Dorf. Niemand ist zu sehen. Kein Bauer, keine spielenden Kinder, keine Frauen am Brunnen, kein Tier auf den Weiden, kein Hund. Hinter einer Scheune liegen einige tote Hühner, merkwürdiger Geruch liegt in der Luft. Otari befällt ein dumpfes Gefühl, ebenso den jungen Riesen und den stillen Alten. Stumm sehen sie einander an.
„Was ist los? Treiben wir die Schafe in die Ställe!" Dann bewegen sie sich zögernd zu ihren Familien. Neben dem Haus von Otaris Bruder stapelt sich wie gewohnt eine Menge Holz. Er ist Schiffbauer. Es sieht hier aus, als hätte er seinen Arbeitsplatz plötzlich ungeordnet verlassen. Die Haustüre ist verschlossen. Otari klopft. Nichts rührt sich. Wieder klopft er, heftiger.
„He, ich bin es, Otari. Ich bin mit den Schafen zurück, öffnet mir!" Nichts rührt sich.
„He, macht auf!"
Ganz leise hört er das Bewegen eines Riegels, langsam öffnet sich die Tür.
Anna Maria, die etwa sechsjährige Tochter seines Bruders steht vor ihm mit unendlich traurigen Augen, dünnen Ärmchen und Beinen.
„Anna Maria!"
Da fliegt sie in seine ausgebreiteten Arme und weint herzzerreißend.
„Komm!"
In der Stube, in eine Ecke gekauert, findet er ihre kleine Schwester in ähnlich erbärmlichem Zustand.
„Was ist los, was ist passiert?"
Anna Maria greift nach seiner Hand, wortlos, und führt ihn in die Nebenkammer. Auf ihrem Lager liegen die Eltern. Beide tot, mit Geschwüren übersät. Die Pest war in der Gegend ausgebrochen! „Die gewöhnliche Landplage des osmanischen Reiches", wie sie die Leute hier nennen, hatte sich rasch ausgebreitet im Dorf, Jung und Alt dahingerafft.
Auch die beiden Schwestern blieben nicht verschont. Sie zeigen Otari ihre Narben an Armen und Beinen. Niemand kümmerte sich um die Kinder, auch die Nachbarn nicht, die selber todkrank oder verstorben waren. Noch immer sprechen die Mädchen nicht, kein Wort.
„Wartet hier, ich komme gleich wieder zurück, bringe euch zu essen und bleibe bei euch."
Otari drückt noch einmal beide Mädchen an sich. Er geht von Haus zu Haus, schaut in die Fenster. Kein lebender Mensch ist zu sehen. Da und dort eine Leiche, ein winselnder, halb verhungerter Hund, eine streunende Katze. Nur draußen auf dem Meer liegen zwei Galeeren, wie sie oft an der Schwarzmeerküste zu sehen sind.
Die beiden Mädchen verstecken sich nicht mehr. Otari ist ja gekommen. Er wird ihnen zu essen und zu trinken bringen. Auch den großen Riegel schließen sie nicht mehr an der Türe.
Otari ist ja bald zurück ...
Plötzlich stürzen zwei schmutzige, häßliche Männer in die Stube. Harte Arme packen die Mädchen, zerren sie mit sich, schleppen sie hinunter ans Meer. Die Mädchen schreien und schlagen wild um sich – vergebens. Die Entführer stört das nicht. Ein Boot liegt am Ufer, zwei weitere Männer warten schon. Dann wird verhandelt, hin und her, Geld wechselt den Besitzer, die beiden Mädchen werden in das Boot gehoben. Schon greifen die Ruder das Meer, hinein in Dunkel und Ungewissheit.
Abb. 1 : venetianische Galeere
Niemand hat das Geschehen gehört, niemand gesehen. Auch nicht Otari. Er kommt zurück mit Speisen und Getränken. Die Mädchen sind verschwunden, nirgendwo im Haus zu finden. Eine dunkle Ahnung überkommt ihn, wird zur Gewissheit, als er die beiden Galeeren in einiger Entfernung sieht – Sklavenhändler! Schon öfter wurden junge Frauen entführt, jedoch keine kleinen Mädchen. Keine Spur mehr von ihnen ist zu sehen und nichts zu hören. Otari ist verzweifelt.
Die Kinder sitzen eng umklammert im Boot, die Schreie sind erschöpftem Weinen gewichen. Die Umrisse zweier Galeeren kommen in Sicht. Grobe Männerhände trennen die kleinen Körper gewaltsam voneinander, hieven die kleinere der Schwestern, die den Tod ihrer Mutter noch gar nicht verstanden hat, in die erste Galeere.
„Mama, Mama!"
Dann verstummt der verzweifelte Schrei. Noch weiß sie nicht, dass sie auch ihre Schwester Anna Maria nie wieder sehen wird.
An der zweiten Galeere wird Anna Maria schließlich dem Kapitän übergeben. Im Achterdeck drängen sich vier junge Frauen aneinander. Ergeben in ein ungewisses Schicksal, erwarten sie die kommende Nacht. Verwunderte Blicke sind auf das Mädchen gerichtet. „Ein Kind, ein Kind als Sklave?" Eine tritt aus der Gruppe, nimmt das weinende Bündel in den Arm, streicht ihm übers Haar.
„Wie heißt du, Mädchen?"
„Anna Maria"
„Ich heiße Theresa."
Die Frau drückt sie an sich, weitere Worte findet sie nicht. Einer bringt Essen für die Gruppe und Wasser. Essen! Dem Hungertod nahe, verschlingt das Kind gierig, was man ihm reicht.
Endlich wird auch der Durst gelöscht. Schon geht es ihm etwas besser. Müde und erschöpft fällt Anna Maria auf ein karges Lager und in einen tiefen, langen Schlaf.
Als am nächsten Tag Ruderschläge zu hören sind, erwacht Anna Maria langsam. Die anderen Frauen unterhalten sich im Flüsterton, um das Kind nicht zu wecken. Die verschlafenen Augen Anna Marias finden sich nicht zurecht im Halbdunkel des beginnenden Tages.
„Mama, Mama!" Ein weicher Arm umschlingt das Mädchen, drückt es an einen warmen Körper.
„Anna Maria", ich bin jetzt deine Mama. Schau, die Sonne kommt schon durch die Wolken, bald gibt es etwas zu essen."
Still sitzen die anderen Frauen und schauen voller Mitleid auf das Mädchen. Sie alle haben keine Kinder, keine Männer. Geraubt an den Stränden Tscherkessiens harren sie voller Angst und Unsicherheit ihrer Zukunft. Ein schmaler Laufsteg führt durch die Mitte des Schiffes. Dort lehnen einige Männer. Das Kind fürchtet sich. Soldaten sind es, sie interessieren sich nicht für das kleine Mädchen. Schon eher für die vier jungen Frauen, die den Männerblicken verschämt ausweichen. Eine nur hat kecke Augen und wiegt ihren schlanken Körper hin und her. Auf einer Plattform rechts des Laufsteges steht ein Kochherd. Ein kleiner, dicker Kerl rührt in einem großen Kessel. Es gibt Suppe und Brot. Brot und Suppe wird die Nahrung sein in den nächsten Tagen, am Morgen, Mittag und am Abend. Dazwischen Wasser für den Durst. Und Wasser ist zu sehen, nichts als Wasser, tagelang. Und die Ruder, die zu beiden Seiten des Schiffes das Wasser teilen, bewegt wie von Geisterhand. Zu hören sind dumpfe, gleichmäßige Schläge auf einer Trommel, wie sie Anna Maria kennt, wenn zuhause ein Fest gefeiert wird. Aber jetzt befiehlt dazu eine Männerstimme die Schläge, laut, manchmal leiser. Das Schiff ist viel größer, als der Vater sie gebaut hatte.
Und die Sonne! Es ist Herbst, ihre Kraft sticht noch ungebrochen haarscharf auf die Galeere. Zum Glück gibt es vorne beim Kapitän ein Zeltdach, unter dem sich die Frauen und das Kind vor der Sonne schützen dürfen. Es wechseln Tag und Nacht, einmal, zweimal.
Dann kommt der Sturm. Es ist später Nachmittag. Wolken nähern sich, bringen kräftigen Wind. Er türmt die Wellen, höher, immer höher. Anna Maria kennt das tosende Meer. Die Mutter holte die Kinder immer schnell ins Haus, wenn es zu toben begann. Aber jetzt ist Anna Maria mitten auf dem Meer, ist den Wellen ausgesetzt, klammert sich voller Angst an Theresa.
Die Ruderschläge werden schneller, dann unregelmäßig, die Stimme aus der Tiefe ertönt lauter, aufgeregter, die Trommelschläge klingen bedrohlich. Hin und her geworfen wird das Schiff im tosenden Meer. Wasser klatscht auf das Deck, die Frauen drücken sich an einer noch trockenen Stelle zusammen, nehmen das Kind schützend in ihre Mitte. Der Zugang in den schützenden Rumpf des Schiffes ist ihnen auch jetzt untersagt. Das Schiff droht zu kentern.
Fluchend und jammernd, beinahe die Wellenschläge übertönend, bangt der Kapitän um sein Leben, seine kostbare Fracht, seine Soldaten, seine Rudersklaven. Stundenlang tobt das Meer, hinein in die Nacht.
Gegen Mitternacht beginnt es sich zu beruhigen. Immer wieder türmen sich die Wellen hoch, furchterregend. Niemand schläft. Bald stehen alle der Reihe nach am Rand des Schiffes und übergeben Suppe und Brot dem Meer. Erst als der Morgen graut, das Schiff wieder ins Gleichgewicht kommt, ist der Spuk vorbei. Erneut zeigt sich das Meer in seiner unendlich scheinenden Weite, ebenso wie der Himmel.
Jetzt wird gesäubert, geputzt, getrocknet. Auch die Frauen müssen zupacken. Dann fallen alle in tiefen Schlaf auf den harten Lagern, Anna Maria geborgen in den Armen Theresas. Nur die Ruder bewegen sich wieder, unsichtbar bewegt im Takt der Trommel und führen das Schiff näher an das geplante Ziel. Auch Brot und Suppe gibt es wieder, als Meer und Menschen wieder Ruhe gefunden haben. Der Kapitän atmet tief durch, seine Augen sind gütiger geworden, seine Stimme milder. Er nähert sich dem Kind. Mit sanftem Druck zieht er es an sich und beruhigt es in sonorem Türkisch. Seine Worte versteht Anna Maria nicht, seine Wärme schon. Zögernd schmiegt sie sich an ihn. Auch die Sonne ist wieder da. Die Frauen und das Kind suchen Schutz unter dem Zeltdach vor ihr.
„Müssen wir jetzt immer auf dem Schiff bleiben, Theresa?
Es stinkt so!"
„Nein, nein, bald werden wir an Land gehen, du wirst schon sehen!"
„Und wohin gehen wir dann?"
„Ich weiß nicht, nein, wir wissen es alle noch nicht."
Gute Freunde sind die beiden geworden, voll Bangen ihr zukünftiges Schicksal erwartend.
Wieder wird es Abend.
Das Meer hat sich nicht weiter getürmt. Plötzlich hört man laute Schreie aus dem Rumpf der Galeere, auch Schläge wieder und wieder. Was soll das, was ist geschehen? Es wird dunkel.
Jetzt kommen zwei Männer von unten. Sie tragen, kaum verhüllt, einen leblosen Körper und kippen ihn über Bord in das Meer. Die Frauen erschauern, wenden sich entsetzt ab. Das Kind hat es nicht verstanden. Die Nacht bricht herein, kalt und stumm.
Der neue Tag bringt Brot und Suppe – und große Aufregung auf dem Schiff. Die Sonne steht schon im Mittag.
„Land, Land, ich habe Land gesehen!"
„Ich auch, ich auch, dort, dort drüben!"
Besatzung und Frauen laufen wild durcheinander, Anna Maria hinterher.
„Wo sind wir, wohin fährt das Schiff"?
Aber es gibt keine Antwort, doch unbekanntes Land, das im Laufe des Tages langsam besser sichtbar wird. Die Aufregung ist groß, wird größer und größer. Bei Anbruch der Dunkelheit verschmelzen Meer und Land, doch es bleibt die Hoffnung auf das baldige Ende der Horrorfahrt. Vielleicht nur noch diese eine Nacht? Nur einmal noch Suppe und Brot? Die Frauen mit Anna Maria in ihrer Mitte versuchen zu schlafen in dieser von Unruhe und bangen Hoffnungen erfüllten Nacht. Nur eine schläft nicht. Die mit den kecken Augen und den wiegenden Hüften. Etwas abseits beobachtet sie der Kapitän. Ein kurzer, unauffälliger Wink, die junge Frau erhebt sich leise, beide verschwinden rasch an der Treppe. Sie führt hinunter zur Kapitänskajüte, der einzigen Kajüte auf dem Schiff.
Am nächsten Morgen, schon beim Aufgang der Sonne, stehen Besatzung und Frauen an der Reling, angespannt, nervös, voller Erwartung und Hoffnung. Ihre Augen suchen angestrengt.
Abb. 2: Konstantinopel
Da, hinter dem Dunst des Morgens, Land! Es kommt näher, nur langsam, Stunde um Stunde.
Gegen Mittag sind Häuser zu erkennen, Türme, runde Kuppeln - und ja, ein Hafen, viele Schiffe. Die Ruderschläge werden langsam kürzer. Konstantinopel!
Und endlich legt das Schiff an - es steht. Anna Maria drückt sich fest an Theresa. Immer größer werden ihre Augen, der Atem kürzer. Dunkle, ausgemergelte, schmutzige Männer entsteigen dem Rumpf der Galeere. Mit eisernen Ketten aneinander gebunden, schlürfen sie langsam an Land. Und sie stinken ganz fürchterlich, tagelange Notdurft mit sich tragend.
Dann sind die Frauen und das Kind an der Reihe, die Handgelenke an ein dickes Hanfseil geschnürt. So führt der Kapitän seine kostbare Fracht an Land, es gibt kein Entkommen.
Welch ein Lärm im Hafen! Handelsschiffe mit großen und kleinen Segeln werden be- und entladen. Es gibt so vieles zu schauen! Doch der Kapitän zieht am Seil, ruckartig, bis hin zu einem mit Pferden bespannten Wagen. Dort stehen zwei Männer bereit, sie heben und stoßen die Frauen und Anna Maria auf das Gefährt. Auch aus anderen Schiffen werden Frauen und Männer an Seilen herangeführt, aber keine Kinder. Anna Maria ist das einzige kleine Mädchen, das es zu verkaufen gilt. Immer noch an den Händen gebunden sucht sie die Nähe Theresas, ihrer so lieb gewordenen Beschützerin.
Als sich der Pferdewagen in Bewegung setzt, weicht die große Angst in ihren Augen einem ungeheuren Staunen. Meist aus Holz gebaute Häuser wechseln mit solchen aus Stein. Die Pferde ziehen über breite Straßen durch das Tor einer riesigen Mauer. Jetzt sind die Häuser noch größer und schöner. Viele Menschen bewegen sich dort: Frauen, in weite Umhänge gehüllt, manche mit Schleier vor dem Gesicht. Es ist sehr heiß. Die Sonne sticht erbarmungslos in diese Stadt. Der Kapitän sitzt bei den Frauen auf dem Boden des Pferdewagens. Da ist wieder eine Spur von Wärme in seinem Blick, der eine Weile auf dem kleinen Mädchen ruht. Bleierne Stille macht sich breit zwischen den Frauen. Sie ahnen ihr Los, sind doch schon andere aus ihrer Heimat spurlos verschwunden und nicht mehr zurückgekehrt. Eine der Entführten fehlt auf dem Wagen. Sie scheint es besser zu haben. Die mit den kecken Augen und den wiegenden Hüften. Sie kam am Morgen nicht zurück aus der Kajüte des Kapitäns.
Kurze Zeit noch traben die Pferde, dann ziehen sie auf einen breit angelegten Platz, reich mit Rosen bepflanzt und einer Galerie: „Awret", der Basar für weibliche Sklaven in Konstantinopel. Welch schöner Platz für einen so grausamen Zweck!
„Alle aussteigen!"
Noch am Seil festgebunden zieht der Kapitän die Verängstigten aus dem Wagen. Da warten schon andere Frauen auf ihr Schicksal. Die einen weinen, einige fluchen, wieder andere stehen da in großer Trauer und Hoffnungslosigkeit. Nacheinander werden sie gruppenweise von den Seilen entbunden, in nahestehende Buden geführt, gewaschen, in neue Kleider gehüllt, um dann in den Galerien zum Kauf angeboten zu werden. Allmählich füllt sich der Platz mit Männern. Lange mustern sie die einzelnen Frauen, demütigen sie mit abschätzenden, lüsternen Blicken. Es wird laut, das Geschäft beginnt. Die Händler zeigen auf ihre Ware, preisen ihre Vorzüge. Die Käufer nicken oder schütteln die Köpfe, machen abwertende oder zustimmende Bewegungen und Bemerkungen. Manch einer geht wieder. Es gefällt ihm die Ware nicht oder sie ist ihm zu teuer. Schon werden die ersten Sklaven verkauft und unter Wehklagen weggeführt.
Plötzlich herrscht große Unruhe auf dem Awretplatz. Verkäufer und Interessenten laufen wild durcheinander. Die Anbieter holen ihre Ware hastig aus den Galerien, schieben sie schreiend wieder in die nahestehenden Buden, alle. Draußen treiben sie einen Mann vom Platz, er trägt keinen Turban und auch sonst fremde Kleidung, ist kein Muslim.
„Weg mit dem Ungläubigen, er darf sie nicht sehen!"
Sein Blick auf die Angebotenen beschädigt die Ware, die Preise würden sinken. Der Eindringling wehrt sich heftig, streitet, schreit. Doch die Menge schiebt ihn mit Gewalt vom Platz. Erst allmählich kehrt wieder Ruhe ein. Ein Wächter wird vor den Eingang des Awretplatzes gestellt, um das weitere Eindringen eines Ungläubigen zu verhindern. Erst jetzt werden die Frauen wieder in die Galerien gestellt, es wird erneut verhandelt, gefeilscht, verkauft.
Tscherkessinnen sind gefragt wegen ihrer natürlichen Schönheit. Doch wer kauft schon ein Kind? Was soll man mit der Kleinen, was kann sie arbeiten? Sie groß zu füttern kostet nur Geld.
Lange steht Anna Maria an der Hand Theresas.
Doch dann schiebt sich ein älterer Muselmann durch die Feilschenden. Längere Zeit schon hatte er das Mädchen beobachtet. Es gefällt ihm; anmutig ist es, sieht gesund aus. Wenn es heranwächst, steigt sein Wert bei einem Wiederverkauf. Gut hätte das Kind die Fahrt auf der Galeere überstanden und allzu teuer sei es auch nicht. Schon ist der Handel perfekt.
Dann geht alles schnell. Der Kapitän gibt Anna Maria in die Hand des Käufers. Doch sie will nicht, klammert sich an Theresa.
„Geh nur, geh, es wird schon alles gut."
„Nein, nein!"
Das Mädchen, jetzt Sklavin, weint, schreit, sträubt sich. Doch der Käufer zieht sie weg vom Sklavenmarkt, hinaus in die Straßen der Stadt in den Stadtteil Fatih. Er ist berühmt für seine Moscheen und Schulen für islamische Wissenschaften, Medresen genannt, ein Bezirk der Gelehrten und Dichter. Eines der historischen Zentren der Stadt. Anna Marias neuer Besitzer hat Mühe mit der Widerspenstigen, bis sie zum prächtigen Haus der Familie Akbay nahe der Moschee kommen, das von einer hohen Mauer umgeben ist.
Ein Türwächter hütet den Eingang. Als die beiden durch das Tor in das Haus treten, wirft er einen verwunderten, liebevollen Blick auf die Kleine. Die Gattin des Hausbesitzers, drei Töchter und ein erwachsener Sohn, sitzen auf prächtigen Diwanen, die Rückkunft des Hausherrn erwartend. Es gibt bereits viele Sklaven hier, was wird er wohl dieses Mal gekauft haben, eine Frau, einen Mann? Mit einem kleinen Mädchen hatten sie nicht gerechnet. Die Gattin schüttelt den Kopf, die Töchter lachen, aber der Sohn staunt. Die Familie diskutiert heftig. Anna Maria steht schüchtern daneben, versteht kein Wort. Zuletzt ist nur noch die bestimmende, klare Stimme ihres künftigen Gebieters zu hören. Die anderen schweigen. Mit einem leichten Lächeln führt er das staunende Kind in eine große Küche. Mehrere Sklavinnen sind dabei, ein Abendessen zu bereiten.
„Du, Fatma, kümmere Dich um die Kleine. Gib ihr zu essen, zu trinken und dann ein Bett, sie ist müde. Ich gebe sie in deine Obhut. Sie schläft in Zukunft bei dir. Du wirst ihr unsere Sprache und den Koran lehren und sie in der Küche beschäftigen."
Scheu und bittend betrachtet das Mädchen die etwas dickliche ältere Sklavin, während der Gebieter ihrer beiden Hände zusammenfügt in eine neue Zukunft Anna Marias, in ihr weiteres unbekanntes Leben.
Eine vergleichsweise lange Friedensperiode folgt kriegerischen Auseinandersetzungen mit Österreich. Teure und verlustreiche Kriege brachten keine wesentlichen Veränderungen des osmanischen Territoriums. Ein riesiger Mauerkomplex umschließt die Stadt zum Schutz vor weiteren Feinden. Imposante Tore ermöglichen Reisenden und Händlern den Zugang zur Stadt. Am südlichen Ende der Mauer nahe dem Marmarameer erhebt sich das größte und prächtigste der eindrucksvollen Stadttore, das „Goldene Tor". Sechsundsechzig Meter breit, zwanzig Meter hoch mit drei Durchgängen, flankiert durch zwei massive Türme. Hier endet auch die Hauptgeschäftsroute, die von Rom über den Balkan nach Konstantinopel führt.
Zwei vollbepackte Planenwagen, gezogen von sichtlich erschöpften Pferden, ziehen durch das Tor in die Stadt. Endlich am Ziel, kommen sie zum Stehen. Zwei ebenso müde Männer steigen aus.
„Wo ist die Bank?"
„Kann nicht mehr weit sein von hier. Nahe dem „Goldenen Tor, so bin ich informiert."
Ihre Blicke suchen die Straße auf und ab.
„Dort!"
Wieder müssen die Pferde ziehen, bis vor ein großes ansehnliches Haus, „Bank Battista Nobile de Mohrenheim".
Eingetreten durch eine schwere Holztüre, wundern sich die beiden Händler über die reiche Ausstattung des vornehmen Raumes.
„Battista de Mohrenheim", stellt sich ein nobler, gut aussehender Herr mittleren Alters vor.
„Was wünschen die Herren?"
„Ihr Haus hat einen guten Ruf in Italien. Wir kommen aus Venedig mit wunderbaren Waren aus Glas: Leuchter, Schüsseln, Teller und einiges mehr. Alles werden wir hier verkaufen. Doch zunächst möchten wir unser Geld bei ihnen deponieren. Haben wir gute Geschäfte gemacht, so möchten wir sie über ihre Bank abwickeln und unser Geld weiterhin bei ihnen deponieren."
Der Bankier ist kein Türke. Er spricht mehrere Sprachen, auch Italienisch. Geboren in der Stadt Chiorlu in Tracien, kam er als junger Mann nach Rhodost, um sich in Sprachen und Bankwesen zu bilden. Da er aus einer adeligen und sehr angesehenen Familie stammt, war es nicht schwer, mit der Unterstützung des Vaters selbst eine Bank in einem großen Haus zu eröffnen. Er heiratete eine ihm standesgemäße Frau, bald schon wurde der Sohn Johann Evangelista geboren. Doch es zog ihn nach Konstantinopel. Er weiß, in der Weltstadt kommt viel Geld zusammen. Schon nach kurzer Zeit ist er wohlhabend und einflussreich, die Geschäfte gehen gut. Auch das mit den Venezianern wird Gewinn bringen.
„Gegen eine Gebühr von zehn Gulden nehme ich ihr Geld in Gewahrsam."
Rasch ist das Geschäft abgeschlossen, die beiden Händler ziehen weiter mit Pferd und Wagen, um ihre Ware mit möglichst hohem Gewinn in der Stadt anzubieten.
Es geht gegen Abend. Battista winkt einem Diener, die Bank für heute zu schließen und begibt sich in die Wohnräume des Hauses. Teure Vornehmheit prägt alle Räume. Im Esszimmer erwarten ihn seine Frau und die drei Söhne:
Johannes Evangelista, fünfzehn Jahre alt, Diotatus zehn und Takovar sieben. Der Tisch ist reich gedeckt. Ein Diener trägt die Vorspeise auf: Kalte Meze, ein Gericht aus Joghurt. Dann folgt Kuru Fasulye, der Eintopf aus weißen Bohnen und Reis. „Und die Nachspeise, die Nachspeise?" Der kleine Takovar kann eine in Sirup getränkte Nachspeise kaum erwarten. Es gibt im Hause von Mohrenheim keine Sklaven, jedoch eine Reihe von bezahlten Dienern mit verschiedenen Aufgaben. Ein im Dienst ergrauter älterer Diener holt das Geschirr vom Tisch, nachdem sich die Familie satt gegessen hat. Der Vater hat noch in der Bank zu tun, die Mutter sieht nach dem Rechten in der Küche.
Johann zieht sich zurück. Sprachen will er lernen, so viele wie nur möglich. Sein Ehrgeiz ist groß, sein Talent ebenso. Auch eine Banklehre verlangt der Vater von ihm, ein Mann von Welt soll aus ihm werden. Die anderen beiden Buben, Diotatus und Takovar, stürmen noch übermütig durch das Haus, ärgern und hänseln die Diener, bis sie müde in ihre Betten fallen.
Bald ist es Nacht in der Stadt am Meer, ruhig schaukeln die Schiffe im Hafen, Menschen und Tiere schlafen. Der Mond steht als Sichel in der sternklaren Nacht. Vom Hafen kommend verlieren sich dunkle Gestalten in den Fluchten der Stadt auf der Suche nach ein bißchen Glück und Wärme.
Doch glücklos ist diese Nacht, gefährlich, tückisch und grausam. Johann brütet noch über seinen Sprachen, bald wird er eine Prüfung ablegen. Die Mitternacht ist schon gegangen, da dringt Unruhe an sein Ohr von draußen, von der Straße. Am Fenster flackert rot-gelbes Licht.
Feuer!
Johann stürmt zu den beiden Brüdern.
„Auf, steht auf, es brennt!"
Die beiden haben Mühe, wach zu werden, den Schlaf abzustreifen.
„Nein, nicht!"
Johann zieht sie hoch, hinüber zu den schlafenden Eltern.
„Vater, Mutter, es brennt!"
Sofort stehen alle an den Fenstern. Die Flammen lodern, knistern ein paar Straßen weiter.
Wenn es gelingt, sie zu löschen, wird es für das Haus Mohrenheim und die unmittelbare Umgebung keine Gefahr geben. Es gibt ja die Feuerwehr, Gott sei Dank seit 1720, gegründet von Brahim Pascha, dem Großvesir des Sultans Achmet II. Er war fasziniert von einem zum Islam übergetretenen Franzosen, namens Davut, der mit Genehmigung des Sultans eine tragbare hölzerne Handdruck-spritze, Tulumba genannt, in der Stadt einführte und die Spritzenabteilung aufbaute. Jetzt beträgt die Zahl der Feuerwehrcorps hundert Mann, rekrutiert aus dem Garde Corps der Janitscharen. Sie sind die Elitetruppe des Sultans, seine Leibwache. Nur sie erreichen höchste Positionen im osmanischen Staatswesen. Die Tulumbatschi werden das Feuer löschen, noch bevor es auf ihr Haus übergreift, da ist sich Vater Battista Mohrenheim sicher. Er beruhigt seine Frau, drückt seine beiden kleinen Söhne an sich.
„Habt keine Angst, bald ist es vorbei." Schon öfter haben sich die Tulumbatschi bewährt.
Konstantinopel hat sein Gesicht verändert. Der europäische Einfluß ist groß. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts entstehen prachtvolle Häuser, Paläste und Serails aus Stein, Brunnen und Parks im Stil des Barock. Sie alle verdrängen allmählich die hölzernen Häuser der Vergangenheit. Dennoch kommt es immer wieder zu verheerenden Bränden, sterben Mensch und Tier in den Flammen. Die Tulumbatschi haben große Mühe in dieser Nacht, das Feuer zu löschen. Noch greift es weiter um sich.
„Geht jetzt wieder schlafen!"
„Nein Vater, wir haben Angst, können nicht schlafen", bitten die Buben.
„Habt keine Angst, bald ist der Brand gelöscht, er kommt nicht an unser Haus."
Johann, dem großen Bruder, den sie so verehren, den sie so lieben, gelingt es, Diotatus und Takovar wieder in den unterbrochenen Schlaf zu führen. Auch ihm sitzt die Angst in allen Knochen, doch vertraut er den Worten des Vaters und dem Können der Tulumbatschi. Der üble Geruch des Feuers dringt durch die Ritzen der Fenster und die Spalten der Türen.
Inzwischen ist es unruhig geworden im gesamten Haus. Auch die Diener hat der Brand aus dem Schlaf geholt. Hin und her laufen sie, suchen aufgeregt ihren Herrn. Der versucht auch sie zu beruhigen. Die Flammen lodern und lodern, doch sie verbreiten sich nicht bis in ihre Nähe. Dennoch stehen, sitzen und bangen der Herr und die Frau des Hauses, Johann und die Diener in dem großen, schönen Salon und hoffen, dass der Spuk bald zu Ende gehen wird. Einige sind eingeschlafen auf ihren Stühlen, die anderen wachen, bis am frühen Morgen nur noch kurze Flammen zu sehen sind und eine weithin alles bedeckende Rauchwolke zum Himmel steigt. Wieder einmal ist die Gefahr vorbei. Noch kennt man die Schäden nicht. Oft schon loderte es um das Haus Mohrenheim. Jetzt sind alle todmüde und schlafen in den Tag hinein. Nur einer nicht, Battista, der Chef des Hauses und der Bank. Die Geschäfte müssen weitergehen. Vielleicht nach dem Brand besser als zuvor.
Seine Söhne sind noch geschockt von der Nacht des Grauens. Der Geruch des erloschenen Feuers zieht durch die Straßen, tagelang. Auch der Wind, vom Meer kommend, ändert daran kaum etwas. Die Menschen meiden den Ort der Katastrophe, umgehen ihn in großem Bogen. Im Hause Mohrenheim muß trotzdem wieder Normalität einkehren, das Bankgeschäft weiter florieren, müssen die Kinder zur Schule gehen. Vor erst gar nicht langer Zeit kamen sie mit dem Schrecken davon, als ein Erdbeben die Stadt erschütterte und die Menschen aus den Häusern flüchteten. Zum Glück gab es keine Toten. Nur leicht Verletzte, auch keine größeren Schäden an Gebäuden.
Das Haus Mohrenheim ist ein gastfreundliches Haus, besonders was die Verbindung zu Geschäftsleuten und einflussreichen Persönlichkeiten der Stadt betrifft. Davon auch reiche Ausländer, besonders Kaufleute aller Art, bevölkern die Stadt. Heute hat die Frau des Hauses einige Bankiers aus England zu Tisch. Eine Süßspeise aus Nüssen, Pistazien, Zimt, Zucker und Butter, genannt Baklava,
