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Vergessen kann man nur, was einem nichts bedeutet.
Jenna Scott hält sich mit ihrem Kellner-Job über Wasser, während sie versucht, sich als Drehbuchautorin einen Namen zu machen. Bisher ohne Erfolg. Doch dann bekommt sie einen Anruf: Einer der bedeutendsten Regisseure Hollywoods möchte sie für seinen Film engagieren. Der Cast steht schon fest, die männliche Hauptrolle wird Hollywood-Superstar Ryan Williams spielen. Hin- und hergerissen zwischen purem Glück und der zermürbenden Sorge, ihrer Aufgabe nicht gewachsen zu sein, reist Jenna ans Set im tief verschneiten Kanada. Als sie auf Ryan trifft, merkt sie schnell, dass er nicht nur im Film eine Rolle spielt. Jenna fühlt sich zu dem aufmerksamen Mann hingezogen, der immer wieder durch die Fassade des Weltstars hindurchscheint. Doch sie unterdrückt ihre Gefühle, denn Ryan ist vergeben ... Oder?
Ein emotionaler Wohlfühlroman über die Liebe am Filmset, zwei Welten, die nicht zusammen passen, und die Frage, ob das Herz sich an Regeln hält.
Moments like Snowflakes ist der Auftakt der berührenden Canada-Love-Dilogie. In Moments like Stars findet sie ihren gefühlvollen Abschluss.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Moments like Snowflakes
Mila Marten
3. Auflage
Originalausgabe Dezember 2020
© 2025 Mila Marten
Mila Marten
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Cover: Emily Bähr – www.emilybaehr.de
Alle Rechte vorbehalten.
Texte dieses Buches sind urheberrechtlich geschütztes Material und ohne explizite Erlaubnis des Urhebers, Rechteinhabers und Herausgebers für Dritte nicht nutzbar.
Die Handlung und alle handelnden Protagonisten sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt.
Mehr von Mila Marten:Moments like Stars (Das Finale der Canada-Love-Dilogie)
Wenn heute wieder gestern wird & Wenn heute auch morgen ist
Zwei zwischen den Jahren Zwei zwischen der Wahrheit
Über die Autorin:Mila Marten wurde an einem windigen Novembertag an der Nordseeküste geboren und lebt heute mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Herzen Bayerns. Nach ihrem Studium arbeitete sie viele Jahre als Freie Redakteurin. Der Traum vom eigenen Roman klopfte jedoch immer wieder an ihre Tür – so lange, bis sie ihn endlich hereinließ und zu schreiben begann. Wenn sie heute ihren Laptop öffnet, verfasst sie Geschichten, in denen die Liebe eine Hauptrolle spielt. Außerdem ist sie als selbstständige Lektorin und Korrektorin tätig, um auch anderen dabei zu helfen, Manuskripte in wundervolle Bücher zu verwandeln.
Mehr Informationen sind auf Instagram, Facebook oder ihrer Webpage zu finden: www.milamarten.de
Für meinen Papa.
Du fehlst.
Try – Pink
Sweet But Psycho – Ava Max
Come Undone – Robbie Williams
Sanctuary – Welshly Arms
Never Be The Same – Camila Cabello
Hallelujah – Bon Jovi
Wicked Game – Chris Isaak
Ja – Silbermond
Something Just Like This – Coldplay
With Or Without You – U2
Time After Time – Cyndi Lauper
Go Your Own Way – Fleetwood Mac
Rewrite The Stars – Zac Efron & Zendaya
If You’re Gone – Matchbox Twenty
Ich will nur, dass du weißt – SDP & Adel Tawil
Wie es mal war – Wincent Weiss
Skyscraper – Demi Lovato
Feel – Robbie Williams
Jenna
Ich hatte schon mal bessere Ideen.
Ein Tablett mit elf Gläsern auf einmal zu beladen, mag im ersten Moment effizient erscheinen – ist es aber nicht. Nicht, wenn ich das übervolle Tablett durch eine übervolle Bar balancieren muss, vorbei an dicht besetzten Tischen, von denen Menschen ohne Vorankündigung aufspringen, mir ihren Ellenbogen in die Seite rammen und den Stuhl gegen das Bein. Nicht, wenn ich das Tablett dabei zwar überraschend geschickt austarieren kann, ohne dass Gläser zu Boden fallen, ihr Inhalt jedoch im hohen Bogen überschwappt und statt in den Kehlen der Gäste auf mir landet.
Ich ziehe scharf die Luft ein, als sich Bier und Daiquiri in mein Shirt saugen und ich sie kalt und feucht auf Brust, Bauch und Gesicht spüre.
»O nein, das tut mir leid«, ruft der Rempler erschrocken und zupft hektisch Servietten aus der metallenen Box, die ihm sein Sitznachbar vom Tisch reicht.
»Ist nicht schlimm«, antworte ich und komme dabei in den Genuss, das Gemisch zu probieren, das von meinen Lippen tropft. Daiquiri-Bier – gar nicht so schlecht.
Zerknirscht hält mir der Typ ein paar dünne weiße Tücher unter die nasse Nase.
Leider habe ich keine Hand frei.
»Soll ich?«, fragt er unsicher und fängt schon an, mir über Wangen und Augen zu tupfen, bevor ich ihm sagen kann, dass er das nicht zu machen braucht. Dass es schon geht. Dass ich lieber ganz schnell auf die Mitarbeitertoilette verschwinde, um mich selbst abzutrocknen. Bevor ich inmitten des bis auf den letzten Platz gefüllten Dave’s noch weiter auf dem Präsentierteller stehe und auch der letzte Gast in der hintersten Ecke mitbekommt, was mir wieder einmal Peinliches passiert.
»Danke, ist schon viel besser.« Lächelnd trete ich zwei Schritte zurück und bringe Abstand zwischen mich und den mich umsorgenden Gast.
»Bist du sicher?«
»Absolut. Alles wunderbar.« Ich nicke tapfer und danke meinem Chef Dave im Stillen, dass er für uns Kellnerinnen ein schwarzes und kein weißes T-Shirt als Uniform gewählt hat. Sonst wäre ich jetzt die ideale Kandidatin für den Wet-T-Shirt-Contest zwei Kneipen weiter.
»Okay, aber ich entschädige dich auf jeden Fall für den Verlust«, verspricht der Gast. »Schreib die Getränke auf meine Rechnung. Ich runde das dann auf.«
»Vielen Dank.« Erneut lächle ich ihn durch daiquiriverklebte Wimpern an, bin aber diesmal ehrlich dankbar. So gerne ich sein Angebot höflich ausschlagen würde, ich kann mir keine falsche Bescheidenheit leisten. Ich brauche das Trinkgeld, brauche jeden Cent. Meine Freundin Taylor soll diesen Monat nicht wieder die komplette Miete allein übernehmen.
Der nächste Performer der heutigen Open Mic Night betritt die Bühne, und die Menschen im Raum schenken ihm ihre volle Aufmerksamkeit. Mich begossenen Pudel nimmt zum Glück kaum mehr jemand wahr, als ich mich mit meinem Tablett voll halb leerer Gläser zwischen den Tischen hindurch zurück zur Bar schlängle, hinter der Dave mit einer Weihnachtsmütze auf dem Kopf Getränke mixt.
Thanksgiving ist kaum vorbei, da hat er bereits die Weihnachtsdekoration vom Dachboden geholt, wenn auch eine recht spezielle. Bunt blinkende Lichterketten aus Saxofonen und Schlagzeugen hängen überall im Raum verteilt an den Backsteinwänden. Auf den Tischen stehen kleine Porzellanengel, die mit einer E-Gitarre in der Hand und einem gedrehten Tuch um die Stirn eher an Mitglieder einer Neunzigerjahre-Rockband erinnern als an das friedliche Fest. Manch einer mag Daves Geschmack als kitschig bezeichnen, aber immerhin hat er dieses Jahr darauf verzichtet, musizierende Wichtel mit Schneespray an die Fenster zu sprühen. Schnee in Santa Monica, Kalifornien – das passt einfach schlecht. Egal, ob rockig oder nicht.
Als ich an den Tresen komme, erwartet mich Dave mit einem Handtuch und einem mitleidsvollen Blick. Offensichtlich hat er das ganze Dilemma mit angesehen. »Alles okay?«
»Geht schon.« Ich nicke tapfer. Ich bin gut im tapfer Nicken. Habe jahrelange Übung.
Dave nimmt mir das Tablett ab, drückt mir das Handtuch in die Hand und deutet auf das Telefon, das hinter ihm neben dem Regal voll Hochprozentigem an der Wand hängt. »Ein Anruf für dich. Am besten gehst du in meinem Büro ran, da ist es ruhiger. Ich übernehme deine Bestellungen.«
Verdutzt schaue ich unter dem Handtuch hervor, mit dem ich mir die letzten klebrigen Tropfen aus dem Gesicht getrocknet habe. »Ein Anruf? Für mich?«
»Wenn du dich erst umziehen willst, sag ich, dass er sich später noch mal melden soll.«
Ich schüttle den Kopf. »Nein, ist schon gut.« Das Umziehen kann warten, ich bin viel zu neugierig, wer mich im Dave’s anruft. Über das Festnetz. Benutzt das heutzutage überhaupt noch jemand?
Schnell öffne ich die schwere, mit Postkarten und Postern beklebte Eisentür gleich links vom Tresen und trete in den schmalen Flur, der geradeaus zum Hinterausgang und rechts zu Daves Büro führt. Ich trete ein, schließe die Tür und bin zum ersten Mal seit Stunden von absoluter Stille umgeben. Leider auch von ziemlicher Kälte, die mich unangenehm an mein klitschnasses Shirt erinnert. Ich ziehe es so weit wie möglich von meiner Haut weg, nehme den Hörer vom Telefon und drücke die Taste neben dem blinkenden Lämpchen.
»Hallo?«
»Spreche ich mit Jenna Scott?«, fragt eine mir unbekannte Männerstimme.
»Ja.«
»Die Drehbuchautorin Jenna Scott?«
»Ja …« Ich werde hellhörig. Könnte das …?
Nein.
Oder doch?
Könnte das eine Rückmeldung auf eine meiner Bewerbungen sein? Auf eines meiner Jobgesuche, von denen ich im letzten Jahr so viele verschickt habe, dass ich sie nicht mehr zählen kann?
Nur die Anzahl der Zusagen, die kenne ich ganz genau: null.
Ist der Moment gekommen, in dem daraus eine Eins wird? In dem mir ein Mitarbeiter einer Produktionsfirma oder einer Drehbuchagentur mitteilt, dass ihm meine Arbeitsprobe gefällt? Dass meine Skriptidee vielversprechend ist?
Hoffnung klopft leise an, doch ich wage es kaum, sie hereinzulassen. Und höre ganz weg, als mir einfällt, dass ich diese Nummer auf keiner meiner Bewerbungen erwähnt habe.
»Du bist es?«, ruft der Mann erleichtert. »Endlich! Ich wusste doch, ich finde dich!«
Irritiert schaue ich auf das Display des Telefons. Wer ist der Typ? Leider leuchtet mir kein Name, sondern nur eine Nummer mit der Vorwahl von Los Angeles entgegen.
»Ich bin Miles Andrews«, beantwortet er meine stumm gestellte Frage, »der Produktionsleiter von Paul McAllisters neuem Film. Wir brauchen dich. Unbedingt. Sofort.«
Paul McAllister, einer der größten Regisseure Hollywoods, will mich engagieren? Ja, is klar, natürlich.
Ich lache auf, ohne dass ein Ton über meine Lippen kommt. Weil mir nicht zum Lachen zumute ist. »Das ist ein Witz, oder?«
»Nein. Wieso?« Der Spaßvogel schafft es tatsächlich, vollkommen ernst, wenn nicht sogar verwundert zu klingen.
»Weil Paul McAllister mich nicht kennt. Er weiß nicht, dass es mich gibt, also kann er mich auch nicht einstellen wollen.« Ich möchte zu gern gleichgültig klingen, doch meine Stimme ist eine miese Verräterin. Sie offenbart in jeder einzelnen Silbe, welch wunden Punkt der Scherzkeks getroffen hat, dessen Spezialgebiet wohl Galgenhumor sein muss, wenn er solch schmerzhafte Späße macht. Wenn er mir meinen großen Traum, einmal das Drehbuch für einen bedeutenden Hollywoodfilm zu schreiben, so vor die Füße knallt.
»Doch, Paul weiß es«, fährt er ernst fort. »Denn du hast das Drehbuch für seinen Film begonnen – und jetzt musst du es retten.«
»Welches Drehbuch?« Ich habe seit über einem Jahr keines mehr geschrieben.
»Canada Love.«
»Das ist nicht von mir.« Niemals würde ich einen dermaßen langweiligen Titel wählen.
»Tatsächlich? … Einen Moment mal, bitte …« Der unlustige Komödiant blättert deutlich hörbar durch Papier. »Ach, stimmt«, sagt er dann, »der Titel kam erst später. Muss auch geändert werden.«
»Ich glaube, hier liegt eine Verwechslung vor«, erwidere ich gepresst, gebe meiner Stimme wenig Spielraum, damit sie mir nicht wieder in den Rücken fällt. Damit sie meine Enttäuschung diesmal für sich behält. »Ich muss jetzt weiterarbeiten. Schönen Abend noch.«
»Warte!«, ertönt es laut aus dem Hörer, als ich diesen gerade auflegen will. »Du hast doch für Dolores Gatsbee gearbeitet, oder nicht?«
Regungslos verharrt meine Hand in der Luft, auf halbem Weg zur Telefongabel. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, wie jedes Mal, wenn ich diesen Namen höre.
Fragen überschlagen sich in meinem Kopf. Ich wage es nicht, auch nur eine davon auszusprechen.
Ich darf es nicht.
»Ah, ich verstehe, du hast eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben. Okay, dann anders: Nehmen wir mal an, du hättest für die eben genannte Dame gearbeitet und eines deiner letzten Projekte wäre ein Drehbuch für eine romantische Komödie gewesen, die in den Bergen Kanadas spielt und von einer Geschäftsfrau handelt, die sich in einen Lodge-Besitzer verliebt …«
Ach du Scheiße!
Ich sinke auf den Schreibtischstuhl hinter mir. Kann keine Sekunde länger stehen.
»Wenn dem so wäre, würde Paul dich dringend bitten, dieses Projekt so vielversprechend zu Ende zu führen, wie du es begonnen hast.«
Ach du Scheiße!
»Das Problem ist nämlich, dass nur der erste Akt zufriedenstellend ist, den du geschrieben hast – angenommen natürlich, du hättest ihn geschrieben … Den übrigen Szenen, die nach deinem Weggang jemand anders verfasst hat, fehlt es leider an Witz, Spannung und Gefühl. Und das Ende ist sowieso alles andere als rund.«
Es ist wahr.
Ja, ich habe dieses Drehbuch begonnen.
»Jenna? Bist du noch dran?«
»Ja«, quietsche ich, bin so geschockt, dass ich vergesse, auf meine Stimme zu achten. Sie ist um mindestens drei Oktaven angestiegen.
»Also kann ich davon ausgehen, dass du die Jenna Scott bist, die ich suche?«
»Ja!«, quietsche ich erneut. Ich räuspere mich, bevor ich weiterspreche. »Und wie heißt du noch mal?«
Mein Gesprächspartner lacht. »Ich heiße Miles, und ich bin mehr als froh, dich endlich gefunden zu haben. Bitte, bitte sag mir, dass du in keinem anderen Projekt feststeckst und jetzt sofort Zeit hast. Ich flehe dich an!«
Er fleht mich an. Ein Produktionsleiter höchstpersönlich fleht mich an, für den großen Paul McAllister zu arbeiten. Mich!
Unfassbar.
Wird mein Traum wahr? Jetzt, hier, einfach so? Zwischen zerfledderten Zeitschriften, die sich im Regal an der Wand stapeln, drei halb leeren Kaffeebechern auf dem Schreibtisch und Frittenfett vom Diner nebenan in der Luft?
»Ja! Ja, ich habe Zeit!«, rufe ich durch das Hämmern meines Herzens hindurch. Natürlich habe ich Zeit. Selbst wenn ich gerade hundertdreiundzwanzigtausend andere Jobs gleichzeitig erledigen müsste, hätte ich Zeit.
»Wirklich?«, fragt Miles erleichtert, und ich nicke. Ich nicke und nicke und nicke. Ich kann nicht mehr aufhören zu nicken. »Wir haben Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dich zu finden. Du glaubst nicht, was das für ein Stress war. Und der Zeitaufwand, so ein Risiko …«
Ich verstehe kein Wort, aber ich nicke weiter. Und ich merke, mein Kopf kann sich zwar noch äußerlich bewegen, kann mechanisch arbeiten, meinem Gehirn fällt das jedoch zunehmend schwerer. Es ist voller Fragen. So voll, dass es für Miles’ Sprudel an Worten keinen Platz mehr hat. Sie einfach draußen vor der Tür lässt.
Mein Herz dagegen arbeitet mit Vollstoff. Es schlägt in einem Affenzahn, so schnell, dass ich Angst habe, es galoppiert mir gleich davon. Ich lege meine Hand darüber, um es festzuhalten. Doch wer weiß, wie lange sie das schafft – sie zittert viel zu sehr.
Erwache ich jeden Moment aus dem Traum? Findet dieses Gespräch wirklich statt? Wie ist das nur möglich? Wie kann das nur sein?
Woher weiß Paul McAllister, dass ich existiere?
Ich bin ein Geist.
Miles redet und redet, immer weiter. Er merkt nicht, dass ich ihm nicht folge. Er führt das Gespräch über meinen Traum allein, spricht für uns beide. Ich höre seine Stimme, aber die Bedeutung seiner Worte kommt nicht bei mir an. Ich bin nur noch halb hier, schaue mir von oben zu. Sehe mich ganz vorn auf der Kante des ledernen Schreibtischstuhls sitzen, den Rücken angespannt, eine Hand auf die Brust gepresst, die andere am Hörer. Verzweifelt versuche ich, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Aber auf meinem Platz hoch über mir weiß ich, ich werde es nicht schaffen.
Konzentrier dich, verdammt! Konzentrier dich!
Mein bescheuertes Gehirn, es gehorcht mir nicht. Es hat nichts Besseres zu tun, als genau in diesem Moment, diesem alles verändernden Moment, ein seltsames außerkörperliches Phänomen zu durchleben. Es nimmt nicht auf, was meine Ohren hören. Es konzentriert sich einzig darauf, was meine Augen sehen. Zum Beispiel den kleinen weißen Plastikweihnachtsbaum, der auf dem Tisch steht und dessen blinkende Lichter eine verteufelt hypnotisierende Wirkung haben, oder den orangeroten Flyer, der neben der Tastatur liegt und eine längst vergangene Veranstaltung im Dave’s ankündigt. Premiere feierte damals die Coverband, die mittlerweile einmal pro Woche einen Stammplatz auf der Bühne hat. Seit ein paar Monaten springe ich für die schwangere Sängerin aushilfsweise ein. Weil ich das Geld brauche. Weil mich in meinem richtigen Job als Drehbuchautorin keiner wollte.
Bis jetzt.
Ich zucke zusammen und erwache schlagartig aus meiner Trance.
»… kurzum: Wir haben leider viel zu viel Zeit verloren. Paul hatte zwischenzeitlich beinahe die Hoffnung aufgegeben. Aber jetzt wird er so froh sein. Du ahnst gar nicht, wie glücklich du ihn machst.« Endlich dringen Miles’ Worte zu mir durch. Dazu seine Erleichterung. Sie sprüht durch die Leitung und lässt mich lächeln. Lässt mich langsam, aber sicher verstehen, was mir gerade Wahnwitziges passiert.
Mein Lächeln wird breiter. Und breiter. Es breitet sich über meinem gesamten Gesicht aus. Es breitet sich in mir aus. Ich strahle. »Ihr ahntgar nicht, wie glücklich ihr mich macht. Vielen, vielen Dank!«
»Wir danken dir! Wirklich, du kannst dir nicht vorstellen, unter welchem Druck wir stehen. Wir brauchen das beste Drehbuch aller Zeiten, sonst sind wir verloren. Aber dank dir bekommen wir es nun. Du rettest uns.«
Von jetzt auf gleich mischen sich Unsicherheit und Panik in mein eben gefundenes Glück. Sie stechen mir in den Magen und lassen mich scharf die Luft einziehen. Meine Hand rutscht ein Stockwerk tiefer, von meinem Herzen zu meinem Bauch. Jetzt muss ich ihn festhalten, ihn beruhigen. Und mich. Ich darf mich auf keinen Fall wieder verlieren. Muss hierbleiben, muss dranbleiben. Es gibt doch noch so viel, das ich nicht verstehe.
Alles, eigentlich.
»Ich kapiere nicht ganz … Wieso ich? Woher weiß Paul, dass es mich gibt?«
»Na, weil Ryan es rausgefunden hat.«
»Ah.« Schon wieder bin ich sprachlos. Und mein Kopf ist voll tausend neuer Fragen. Wer ist Ryan? Und wie hat er Dolores dazu gebracht, meinen Namen preiszugeben?
»Ich würde sagen, alles Weitere besprichst du mit Paul und Ryan in Ruhe beim Treffen morgen Abend, okay? Hast du was zu schreiben? Dann gebe ich dir schnell Ryans Adresse.«
Mit zittriger Hand kritzle ich auf den Rand des Flyers, was Miles mir diktiert.
»Ist dann erst mal alles so weit okay?«
»Ja.« Ja, ja, ja! Tausendmal ja! Abgesehen von der klitzekleinen Panikattacke, die in mir keimt, ist alles absolut okay. Doch ich schiebe sie beiseite, und schon ist alles besser als okay. Okay ist gar kein Ausdruck, es ist megawahnsinnssupergeilomatengeil-okay!
»Gut, dann bis morgen. Wir freuen uns!«
»Und ich mich erst!« Ich strahle von einem Ohr zum anderen. Lege auf, springe auf. Nichts kann mich mehr auf dem Stuhl halten. »Oh! Mein! Gott!«, schreie ich so laut, dass es bestimmt noch vor der dicken Eisentür zu hören ist. Ich reiße meine Arme in die Höhe, trample wie wild auf dem Boden und drehe mich juchzend im Kreis. Falls jemand reinkäme und mich so sähe, wäre mir das völlig egal. Ausnahmsweise einmal wäre es mir völlig egal.
Ich muss sofort Taylor anrufen, muss ihr alles erzählen. Sie wird es nicht fassen können.
Genauso wenig wie ich.
Ich mag vielleicht noch nicht einmal die Hälfte von dem gehört haben, was Miles mir über den Job verraten hat. Ganz bestimmt habe ich jede Menge wichtiger Informationen verpasst. Vorhin, als ich nicht zugehört habe. Weil mein Kopf voll war, und ich nur halb da. Aber auch das ist mir völlig egal. Dies ist die Chance meines Lebens. Ich muss sie ergreifen, mit beiden Händen fest an mich drücken und niemals wieder loslassen.
Seit mich mein Vater als kleines Kind mit seiner Liebe zum Film angesteckt hat, träume ich von nichts anderem, als meine eigenen Worte auf der großen Leinwand verfilmt zu sehen. Wie oft haben wir uns alternative Plots und Endungen für einen Film überlegt, den wir zuvor nebeneinandergekuschelt und mit einer großen Schüssel Popcorn auf dem Schoß gemeinsam angeschaut hatten? Nur wir beide. Meine Mutter saß derweil am anderen Ende des Landes und hat sich mit ihrer neuen Familie amüsiert. Aber das war nicht wichtig, wir hatten uns und unsere Ideen, aus denen ich Drehbücher verfasst und sie ihm dann stolz präsentiert habe. Ich war seine Königin des Spannungsaufbaus. Er hat mich ermutigt in meinem Traum. In unserem Traum. Den ich viel zu früh allein träumen musste. Aber ich hielt daran fest. Für ihn. Für mich. Ich dachte schon mal, er ginge in Erfüllung, doch wurde bitter enttäuscht. Das passiert mir nicht wieder.
Bei der Besprechung morgen bei Ryan Wem-auch-immer werde ich penibel darauf achten, dass all meine Forderungen im Vertrag festgehalten sind. Ich werde mit klarem Kopf an dem Gespräch teilnehmen und mir sämtliche Fragen in Ruhe beantworten lassen. Vor allem werde ich das Rätsel lösen, wie sie herausgefunden haben, dass ich es war, die dieses Skript begonnen hat. Denn ja, natürlich habe ich dafür, wie für jede meiner Arbeiten, eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben. Dolores wäre schön blöd, hätte sie diese gebrochen und ihr größtes Geheimnis selbst verraten.
Morgen werde ich mehr wissen.
Und wenn ich schon dabei bin, mein neues Leben zu verhandeln, dann lege ich gleich richtig los. Was auch immer sie mir für meine Arbeit bieten wollen, ich werde das Doppelte verlangen.
Ach, was rede ich, das Dreifache.
Aber so was von!
Jenna
Ich glaube, ich muss mich übergeben.
Jetzt hier, genau vor dem Haus, dessen Adresse mir Miles genannt hat. So was sieht das schicke Malibu sicherlich nicht alle Tage.
Hinter mir schlängelt sich der Pacific Coast Highway durch die Dunkelheit, und irgendwo auf der anderen Seite des Anwesens, vor dem ich mir die Beine in den Bauch stehe, schwappen die pazifischen Wellen an den Strand. Ich lungere schon so lange hier herum, ich schmecke bereits das Salz auf meinen Lippen. Eigentlich müsste ich auch das Rauschen des Meeres hören, doch stattdessen weht der Wind harte Beats an mein Ohr. Irgendjemand hat ungeheuer laut Musik aufgedreht. Ich versuche, eine Melodie zu erkennen, würde gerne mitsingen, um meine angespannten Nerven ein wenig zu beruhigen, doch das wenig rhythmische Bum-Bum-Bum, das zu mir herüberschallt, erinnert mich einzig an mein vor Aufregung rasend schnell klopfendes Herz. Nervosität und Zweifel wirbeln im gleichen Takt durch meinen Magen, den ganzen Tag heute schon. Genau genommen tauchten sie fünf Minuten nach Miles’ Anruf auf, obwohl ich sie doch beiseitegeschoben hatte. Aber das war ihnen egal. Hätte ich gleich wissen können. Euphorie und ich, wir feierten gerade so richtig schön ausgelassen, da klingelten die beiden Sturm, drückten mir als Gastgeschenk noch Appetitlosigkeit in die Hand und drängelten sich schon durch die Tür. Seitdem wälzen sie sich ohne Unterlass durch mein Inneres und haben sich auch mit dem Sekt nicht rausspülen lassen, der von Taylors Geburtstag noch im Kühlschrank stand.
Ich wollte mir Mut antrinken, aber ich fürchte, der Versuch ging nach hinten los. Jetzt bin ich nicht nur nicht mutig, sondern auch leicht beschwipst. Nur ganz leicht.
Auf jeden Fall traue ich mich nicht, den kleinen silbernen Klingelknopf zu drücken, der an der hohen weißen Steinmauer angebracht ist, vor der ich seit Minuten von einem Fuß auf den anderen tipple.
Was ist bloß aus meiner Großspurigkeit geworden? Aus Aber so was von? Und Ich lege richtig los?
Knappe vierundzwanzig Stunden später ist davon nicht mehr viel übrig. Um nicht zu sagen, gar nichts. Ich bin den Anforderungen dieses Projekts nicht gewachsen. Ich weiß es. Die Filme von Paul McAllister spielen in der obersten Liga. Ich bin nur ein kleiner Ersatzspieler. Ein Niemand, der sich gerade vollkommen übernimmt. Der es noch nicht mal schafft, eine verdammte Klingel zu drücken. Damit das große einschüchternde Tor den Weg öffnet.
Den Weg in ein neues Leben.
Ich bin nicht gut genug. Dolores hat recht.
Nein! Nein, hat sie nicht.
Ich schüttle den Kopf, schüttle mich, will diese zermürbenden Gedanken loswerden und weiß doch im selben Atemzug, dass mir das niemals gelingen wird. Ich kann sie wieder und wieder tief hinabdrücken, sie finden immer ihren Weg an die Oberfläche zurück. Wie die kleinen Wasserstrudel im Schwimmbad, die ich als Kind versucht habe, zuzuhalten. Kaum habe ich nicht mehr mit aller Kraft draufgedrückt, blubberten schon die ersten Spritzer unter meinen Fingern hervor. Bis mir kurz danach der gesamte Strom entgegenschoss und meine Hand beiseitefegte. Was früher Wasser war, sind heute Worte und Gedanken, Erinnerungen und Erfahrungen. Wenn ich nicht aufpasse, sie nicht stets mit voller Kraft hinabdrücke und verdränge, schnellen sie hoch und werfen mich um.
Mein Telefon vibriert in der Blazertasche. Ich muss nicht auf das Display schauen, um zu wissen, wer es ist: Taylor. Es ist nicht das erste Mal, dass sie anruft.
Zaghaft schiebe ich den weißen Balken nach rechts. Meine beste Freundin wird nicht mehr viele freundliche Worte für mich Angsthasen übrig haben.
»Hallo?«
»Von wegen Hallo! Warum gehst du immer noch ran? Schau, dass du zu der Besprechung kommst. Du stehst noch draußen – ich kann es hören.«
Verdammte Autos.
»Ich bin schon so gut wie drin.«
Taylor schnaubt. »Wer’s glaubt. Los! Geh rein da – jetzt!«
Das letzte Wort brüllt sie so laut ins Telefon, dass ich mir das Gerät vor Schreck vom Ohr halte. Au, das tat weh. Aber ich verdiene es nicht anders. Es ist nicht das erste Mal, dass sie das sagt.
Sie seufzt. »Ehrlich, Jenna, auf was wartest du denn noch?«
Ich muss auch seufzen. Vielleicht warte ich darauf, dass Paul McAllister zu mir hinauskommt und mich abholt? Damit ich sicher sein kann, dass wirklich ich es bin, die er engagieren möchte. »Was, wenn der Anruf doch nur ein dummer Scherz war?«
»Auf keinen Fall!«, widerspricht Taylor. »Es war von Anfang an klar, dass sich über kurz oder lang jemand melden würde. Du hast viel zu viel Talent, als dass es unbemerkt bleiben könnte.«
»Aber es weiß doch keiner, was ich geschrieben habe.«
»Doch, die, deren Namen mir Würgereiz beschert, weiß es. Und ganz offensichtlich hat Paul es bei ihr in Erfahrung gebracht. Vielleicht hat sie ihm dabei ja auch gleich von dem Preis erzählt, den sie dir geklaut hat. Vielleicht hat er sie gefoltert und es aus ihr rausgeprügelt. Oder sie bestochen. Egal. Wie auch immer. Er will dich, glaub es endlich!«
»Aber was ist, wenn ich nicht gut genug bin?«, flüstere ich.
»Ach, Süße, natürlich bist du das.«
Ich seufze abermals. Aus tiefstem Herzen. Taylor hat mir das alles schon so oft gesagt. Sie wird nicht müde, sich zu wiederholen, und ich werde nicht müde, ihr zuzuhören. Aber ihre Worte, so aufbauend sie auch sein mögen, kommen nie vollständig bei mir an. Zu viele Zweifel versperren den Weg.
Eigentlich müsste ich mittlerweile wissen, dass ich gar nicht so schlecht bin in meinem Beruf als Drehbuchautorin. Taylor hat recht, der Screenplay Award beweist das schließlich in all seiner vergoldeten füllfederförmigen Pracht.
Doch obwohl er mir gebührt, steht er nicht in meinem Regal. Obwohl ich das Werk verfasst habe, das er honoriert, ist nicht mein Name im Sockel eingraviert, sondern der, von dem Taylor Würgereiz bekommt. Der meiner alten Chefin: Dolores Gatsbee.
Und die Sache ist nun mal die: Wenn niemand außer dir eine Wahrheit kennt, ist es furchtbar schwer, daran festzuhalten. Wenn niemand weiß, dass du gut bist in dem, was du tust, verlierst auch du irgendwann den Glauben daran.
Du verlierst den Glauben an dich.
Besonders, wenn dir jahrelang das Gegenteil eingetrichtert wurde.
»Jenna, hör jetzt auf mit deiner verdammten Überdenkerei«, dringt Taylors Stimme an mein Ohr. »Schalt das ab. Sag deinem Gehirn, es soll die Klappe halten. Das hat es ja gestern Abend auch zur Genüge getan.« Sie kichert, und ich verziehe beim Gedanken an das Telefonat mit Miles kläglich das Gesicht.
Als Taylor mich später mit Fragen über das Projekt gelöchert hatte, war die einzige Antwort, die ich ihr wieder und wieder geben konnte, ein gejammertes »Weiß ich nicht«.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich für die Überarbeitung bekomme, nehme aber an, dass es aufgrund der Dringlichkeit, die ja offensichtlich herrscht, nicht allzu viel sein kann. Ich weiß nicht, wann der Dreh beginnen soll, vermute aber, dass es bald sein wird. Ich weiß nicht, welche Schauspieler mitspielen sollen oder ob in Kanada gedreht wird, wo die Geschichte spielt.
Ich weiß gar nichts.
»Ich weiß, welch Ehrfurcht du vor Paul hast«, redet Taylor weiter auf mich ein. Immerhin weiß sie Dinge. »Aber Schatz, wirklich, schraub die runter – der Mann ist auch nur ein Mensch. Und zwar einer, der so viel von dir hält, dass er dich engagieren möchte! Also geh da jetzt rein und zeig allen, wie toll du bist. Denn das ist genau das, was sie wollen. Sie wollen dich!«
»Sie wollen mich«, wiederhole ich roboterhaft.
Sie wollen mich. Sie wollen mich. Sie wollen mich.
»Mit ein bisschen mehr Überzeugung bitte.«
»Sie wollen mich!«
Sie wollen mich! Sie wollen mich! Sie wollen mich!
»Na also, geht doch. Dann jetzt los! Rock das Ding! Und wenn du nach Hause kommst, feiern wir. Ich bin wahnsinnig stolz auf dich!«
Ach, Taylor, meine liebste, meine allerbeste Freundin auf der ganzen weiten Welt. Sie baut mich immer auf. Sei es mit Worten oder Taten. Hätte sie mir nicht Unterschlupf gewährt, als ich mir nicht mal mehr das bahnhofsklogroße Zimmer in der versifften Wohnung in Anaheim leisten konnte, ich wüsste nicht, wo ich heute wäre.
»Und wenn du es versaust, rede ich nie wieder auch nur ein einziges Wort mit dir!«
Zack, damit legt sie auf.
O-kay.
Ich atme tief durch. Ich geh da jetzt rein und rock das Ding!Und wenn ich wieder rauskomme, feiern wir! Bis die Wolken lila sind! Stellt schon mal den Champagner kalt!
Mit zitternden Fingern drücke ich den Klingelknopf. Leider ist nirgendwo ein Namensschild oder ein Hinweis zu finden, bei wem ich läute, wer dieser Ryan überhaupt ist. Ich vermute, dass es sich um einen Produzenten handelt oder sonst ein hohes Tier eines Filmstudios. Auf alle Fälle ist er wichtig. Also das Gegenteil von mir – wie er sicherlich nach einem Blick auf mein erbärmliches Outfit erkennen wird. Obwohl Taylor und ich heute Nachmittag Stunden damit verbracht haben, ein passables Business-Ensemble aus meinen dafür wenig passablen Klamotten zu kreieren. Aber was bitte trägt frau zu einem Geschäftsmeeting mit Hollywoods Top-Riege, wenn sie zur arbeitslosen Flop-Riege gehört?
Ich hoffe inständig, dass meine schwarzen Nullachtfünfzehn-Pumps und das hellblaue Sommerkleid in Kombination mit Taylors dunkelblauem Blazer wenigstens ein bisschen Professionalität rufen. Auch wenn sie sicherlich nicht annähernd so laut schreien wie die maßgeschneiderten Anzüge, die mich hinter diesem Tor ganz bestimmt erwarten werden.
Wie aufs Stichwort setzt es sich in diesem Moment summend in Bewegung, schiebt sich langsam zur Seite, ohne dass ich mich über die Sprechanlage ankündigen muss. Bestimmt hat mich Ryan Dingens oder einer seiner Angestellten durch die Überwachungskamera gesehen, die oben links an der Mauer hängt. Ich lächle mit falscher Zuversicht hinein, stehe wie eine Zinnsoldatin erhobenen Hauptes und mit durchgestrecktem Rücken da und versuche, mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen. Das Zittern meiner Hände verstecke ich, indem ich zum hundertsten Mal den feinen Stoff meines Kleides glatt streiche, das oberhalb der Taille eng anliegt, danach aber luftig meine Beine umspielt. Auch den Saum des Blazers ziehe ich noch einmal straff. Jetzt noch räuspern, dann Schultern zurück, Brust raus, Kinn vor. Und los.
Das Tor steht so weit offen, dass es mir freie Sicht gewährt – auf niemanden. Vor mir erstreckt sich einzig eine lange Auffahrt, an deren Ende eine riesige, hell erleuchtete Villa thront. Links und rechts des geschotterten Weges parken Autos. Auch der Platz vor dem Haus ist voll davon.
Die Musik, von der ich angenommen hatte, dass sie aus einem der Nachbaranwesen herüberschallt, kommt aus der Villa. Oder dem Garten dahinter. Oder beidem. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, sie ist extrem laut. Partymäßig laut, keinesfalls geschäftsmeetingmäßig.
Ich kann hier unmöglich richtig sein, beim besten Willen nicht. Hektisch krame ich den Flyer aus der kleinen schwarzen Kunstlederhandtasche, deren Riemen mir ständig von der Schulter rutscht, und überprüfe meine Kritzelei von gestern mit der Hausnummer, die klein, aber lesbar neben der Klingel steht. Doch – sie stimmt. Ebenso die Straße.
Seltsam.
Das Tor beginnt sich zu schließen, und bevor ich lang über meinen nächsten Schritt nachdenke, mache ich ihn einfach – nach vorn. Ich husche durch das Tor und setze mich zögernd in Bewegung, die Auffahrt hinauf. Der Kies knirscht unter meinen Pumps. Ein paarmal rutsche ich gefährlich weg. Hohe Hacken und ich – wir passen nicht zusammen. Erst recht nicht laufenderweise.
Je näher ich zum Haus komme, desto mehr vernehme ich Stimmengewirr. Durch die offenen Fenster dringen Gelächter und Gesprächsfetzen nach draußen auf den Vorhof, werden nur von Ava Max übertönt, die von süßen, aber psychisch gestörten Wesen singt.
Keine Frage, ich bin hier definitiv falsch. Offensichtlich habe ich die Adresse nicht richtig notiert. Ich sollte mir Avas Worte zu Herzen nehmen und schnell davonrennen. Bevor es peinlich wird.
Überstürzt drehe ich mich um und will die Einfahrt zurückstolpern, als jemand meinen Namen ruft.
»Jenna Scott, bist du das?«
Ich fahre herum und sehe Paul McAllister auf mich zueilen. Paul McAllister! Er ist es wirklich.
Wahnsinn!
Über den breiten Holzsteg, der von der Haustür zum Vorplatz führt, kommt er mir entgegen. Trägt ein Champagnerglas in der Hand und sein charismatisches Lächeln auf dem Gesicht. In seinen Interviews wirkt er immer so sympathisch, ich hoffe, er ist es in Wirklichkeit auch.
»Ja, ich bin Jenna«, krächze ich und bin kurz davor, ihm sein Glas aus der Hand zu reißen und den Inhalt in einem Zug runterzukippen. Um meine Nervosität zu ersäufen. Dabei weiß ich doch schon, dass das nicht funktioniert.
»Oh, wie schön! Ich bin Paul und so was von froh, dich zu sehen.« Strahlend streckt mir diese Koryphäe der Filmkunst ihre Hand entgegen, die ich wie ferngesteuert ergreife.
Ein vor Ehrfurcht quietschendes »Hi« verlässt meine Lippen. Hoffentlich schreit mein Outfit doch ein wenig lauter Professionalität, denn meine Stimme tut es nicht.
Paul scheint das nichts auszumachen. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, drückt er mich an seine Brust. »Du ahnst nicht, wie erleichtert ich bin, dass wir dich endlich gefunden haben und du unsere kleine Filmfamilie bereicherst! Ich muss dich gerade einfach mal drücken, ja?«
Wie so oft in letzter Zeit ist einzig mein Kopf in der Lage, sich zu bewegen. Er nickt, während der Rest meines Körpers stocksteif dasteht, von Unfassbarkeit gelähmt. Hauptsache, mein Gehirn schaltet sich nicht wieder aus. Bitte, Synapsen, bleibt bei mir.
Paul lässt ein Stück von mir ab, hält mich nur mehr an den Oberarmen fest. Mit Augen, so hellblau wie mein Sommerkleid, lächelt er mich durch seine randlose Brille glücklich an. »Ich freu mich so, dass du da bist.«
»Ja, nein … Sorry, dass ich so lange gebraucht habe«, stammle ich, während er mich noch einmal in seine Arme zieht. Scheinbar tut er das gerne. Ich habe nichts dagegen. Meine Nerven und ich, wir können jede Umarmung gut gebrauchen.
»Macht überhaupt nichts.« Er zeigt hinter sich auf das Haus, dem selbst der Begriff Villa nicht würdig wird. »Wie du wahrscheinlich schon gemerkt hast, haben wir mit einer kleinen unvorhergesehenen Planänderung zu kämpfen …«
»Eine Party?«
»Ja, leider.« Paul verzieht das Gesicht und bedeutet mir mit einer Kopfbewegung, ihm über den Holzsteg zu folgen. »Ein paar Leute haben beschlossen, Ryan eine Überraschungsparty zu seinem Geburtstag zu schmeißen«, erklärt er, während wir über den Steg laufen und unter uns ein Schwarm bunter Fische schwimmt. Abgefahren. Wer bitte plant einen Teich direkt vor den Eingang? Aquaman? »Wir wussten davon leider nichts, und wenn ich ehrlich bin, waren wir auch nicht sonderlich begeistert. Aber was soll man machen, wenn die einfach in der Tür stehen?« Er zuckt mit den Schultern, und ich nicke verständnisvoll.
»Ach so. Ja, klar. Ich habe mich nur gewundert, weil ich –« Weiter komme ich nicht, denn Paul öffnet die Tür, und ich vergesse, was ich sagen wollte. Mein Mund steht sperrangelweit offen.
Ach du Scheiße!
Ach du Scheiße zu allem, was ich sehe.
Erstens: Ein paar Leute? Das ist wohl die Untertreibung des Jahrtausends. Hier tummeln sich mindestens hundert Menschen. Nein, zweihundert. Oder mehr. Sie stehen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich, entweder drinnen im riesigen offenen Erdgeschoss, in dem Foyer, Wohnzimmer und Küche nahtlos ineinander übergehen, oder draußen auf der Terrasse, die durch mehrere Türen in einer gigantischen Fensterfront erreichbar ist. Die komplette Wand mir gegenüber besteht aus Glas. Von oben bis unten, von links nach rechts. Ich möchte hinübergehen und meine Nase daran platt drücken, möchte mich durch die Menschenmenge drängen, um freie Sicht zu haben auf den spektakulären Blick über den Pazifik, der sich mir dort ganz bestimmt offenbart.
Zweitens: Luxus. Purer Luxus strömt mir entgegen. Nicht nur von den illustren Gästen, auch von der in gemütlichen Beige-, Braun- und Weißtönen gehaltenen Einrichtung. Einfach von dem kompletten Haus, diesem atemberaubenden Anwesen, dessen Immobilienpreis sich in einer Liga befindet, bei der mir schwindelig wird. Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ein einzelner Mensch in der Lage ist, so viel Geld zu bezahlen. Würde ich hier wohnen, hätte ich auch keinen Namen auf dem Klingelschild.
»Komm, lass uns versuchen, Ryan zu finden. Vielleicht können wir uns wenigstens kurz zusammensetzen.« Paul bahnt uns einen Weg durch die Menschenmenge in Richtung Fensterfront.
Wie Adam aus Blast from the Past, der nach Jahren im Bunker das erste Mal die Außenwelt entdeckt, stolpere ich mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen hinter Paul her. Auch mein Mund steht immer noch offen. Ich weiß, ich müsste ihn schließen. Aber ich kann nicht.
OMG! Ist das Katy Perry da drüben?
Auf einen kurzen Blick über die Gästeschar erkenne ich mindestens zehn berühmte Gesichter. Ich sehe Schauspieler, Sänger, Blogger-turned-Influencer und würde bestimmt noch viele andere Stars und Sternchen entdecken, wenn ich weiter so unverhohlen starren würde wie bisher.
Vielleicht kommt Brendan Fraser auch gleich um die Ecke?
Ein paar Leute mustern mich pikiert. Sie können bestimmt nicht nachvollziehen, was Paul McAllister mit einer so unscheinbaren Person wie mir zu tun hat. Ich steche negativ aus der Menge, falle unangenehm auf. Nicht nur aufgrund meiner schäbigen Klamotten, auch dank meiner stümperhaften Frisur. Habe ich doch, im Gegensatz zu den perfekt gestylten Frauen um mich herum, für den heutigen Anlass nicht extra den Friseur meines Vertrauens ins Haus bestellt, um mir einen Look zaubern zu lassen, der so viel kostet wie meine letzten drei Monatsverdienste zusammen, inklusive Trinkgeld. Nein, ich habe lediglich den Kampf mit meinem Steinzeit-Glätteisen aufgenommen, in der naiven Hoffnung, meinen langweiligen dunklen Haaren zu Glanz und Glorie zu verhelfen – oder sie wenigstens so zu bändigen, dass sie nicht wie üblich wild und wirr über die Schultern fliegen. Hat beides nicht geklappt. Nach einer vertanen Stunde habe ich laut fluchend aufgegeben, die unzähmbaren Dinger zu einem Dutt hochgesteckt und eine Extraportion Klammern nachgeschoben, um auch die letzten frechen Strähnen im Zaum zu halten.
Die Damen halten Gläser voll prickelndem goldenem Gesöff in den zarten Händen. Ein solches könnte ich jetzt auch gut gebrauchen. Allerdings nicht mehr nur, um meine Nervosität zu ertränken, sondern ebenso das Gefühl, fehl am Platz zu sein, vollkommen fehl.
Paul und ich schieben uns weiter durch die millionenschwere Menge, die lacht, trinkt und fröhlich den Geburtstag eines Freundes feiert. Ist doch das Normalste der Welt.
Nur, dass hier nichts normal ist.
Wo bin ich? Oder vielmehr: bei wem?
Endlich haben wir die Fensterfront erreicht. Wie erwartet, bietet sich mir eine freie Sicht auf die Küste. Geheimnisvoll verschwindet das Meer in der Dunkelheit und lässt sich am Ende des weitläufigen, mit unzähligen weißen Lampions in jeder erdenklichen Größe geschmückten Gartens nur erahnen. Bestimmt führen Stufen über die Klippen hinab zum Strand, irgendwo neben dem grünlich schimmernden Infinity-Pool, dessen Wasser seidig glatt ins dunkle Nichts zu fließen scheint. Wie schön wäre es, sich ganz vorsichtig hineingleiten zu lassen und ein paar ruhige Bahnen zu ziehen.
»Ich sehe Ryan nirgendwo«, schreit Paul über die Musik hinweg. »Du?«
Ähm …
Peinlich berührt verziehe ich das Gesicht. »Ich muss dir etwas gestehen … Ich weiß nicht, bei welchem Ryan wir sind …«
Paul mustert mich verwundert, dann prustet er los und zeigt auf seine Ohren. »Herrlich«, brüllt er lachend. »Ich habe verstanden, dass du nicht weißt, bei welchem Ryan wir sind.«
Mittlerweile donnert die Musik regelrecht, irgendwer muss sie noch ein, zwei Dezibel höher gedreht haben. Bestimmt platzt gleich ein Lautsprecher, falls so was möglich ist.
Meine Stimme überschlägt sich beinahe, als ich antworte: »Ja! Genau so ist es!«
Paul versteht mich dennoch nicht. »Waaaas?«
»Ich weiß nicht, wer Ryan ist«, versuche ich es ein weiteres Mal und reibe mir über den Nacken, um die feinen Härchen zu bändigen, die sich aufgrund des dröhnenden Basses automatisch aufgestellt haben.
»Waaaas?«
»Wer. Ist. Ryaaaan?«, brülle ich aus voller Kehle, genau in dem Moment, in dem sich jemand dazu entschieden hat, die Musik komplett auszuschalten. Meine kreischende Stimme hallt durch den Raum, sämtliche Konversationen um uns herum verstummen, alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich weiß es. Ich kann sie spüren. Sie brennen sich in meinen Rücken und bringen meine Wangen zum Glühen.
»Das bin dann wohl ich«, sagt eine Stimme hinter mir.
O Gott.
Ich blicke hilflos zu Paul. Doch er grinst nur. Er amüsiert sich köstlich.
Ich mich weniger. Mir ist heiß und kalt zugleich.
Das mag auch daran liegen, dass mir die Stimme in meinem Rücken seltsam bekannt vorkommt. Es liegt mir auf der Zunge, woher ich sie kenne, aber ich bin zu durcheinander. Ich kann die Lösung nicht greifen. Stattdessen läuft mir eine komische Vorahnung kribbelnd den Nacken hinab.
Ich drehe mich langsam um und …
… vergesse, zu atmen.
Ach du Scheiße!
Ich weiß, ich habe diese drei Worte in den letzten vierundzwanzig Stunden wahrlich genug gebraucht. Ich habe sie überbraucht. Aber erst jetzt sind sie wirklich angemessen. Was davor war, war nichts. Jetzt ist alles.
Vor mir steht niemand geringerer als Ryan Williams.
Ryan. Williams.
Der Ryan, in dessen Haus ich bin, ist Ryan Schauspielgott Williams. Die Stimme, die ich erkannt und doch nicht erkannt habe, ist seine. Natürlich ist sie das. Und natürlich kenne ich sie. Denn ich kenne ihn. Die ganze Welt kennt ihn. Doch ich bin sein größter Fan. Größter, größter Fan. Aller Zeiten. Ohne Übertreibung.
Okay, vielleicht ein bisschen.
Aber – er ist so toll!
Als die hoffnungslose Träumerin, die ich nun mal bin, habe ich mir bereits ein-, höchstens zweimal ausgemalt, ihn persönlich zu treffen. Habe mir vorgestellt, wie ich mit ihm spreche, dabei ganz locker meine Witze reiße, total cool und lässig drauf bin, und er mich natürlich wahnsinnig aufregend findet.
Die Tatsache, dass er eigentlich liiert ist, lasse ich dabei kurz außer Acht. In Träumen, besonders in solch unrealistischen, ist schließlich alles erlaubt.
Ich weiß, eigentlich bin ich mit meinen sechsundzwanzig Jahren aus dem Alter des kreischenden, in Fantasiewelten lebenden Fans lange raus, bin ihm entwachsen, seit ich die letzten Starposter von den Wänden meines Zimmers genommen habe.
Doch für Träume ist man nie zu alt.
Deswegen habe ich so viele davon.
Und jetzt wird einer wahr. Während die Geräuschkulisse um uns herum ansteigt, die Gäste sich wieder ihren zuvor abgebrochenen Gesprächen zuwenden und ihre Stimmen über die erneut ertönende Musik erheben, stehe ich diesem Wahnsinnsmann gegenüber, dem tollsten Mann der Welt.
Mein armes Herz, es schlägt wie verrückt. Meine Hände sind schweißnass, meine Atmung geht stoßweise. Bestimmt kippe ich jeden Moment um.
»Scheinbar sollte ich mich besser vorstellen«, sagt der Wahnsinnsmann mit seiner rauen Stimme, die mich erst letzte Woche im Kino verträumt in mein Popcorn hat seufzen lassen. »Hi, ich bin Ryan.« Er streckt mir seine Hand entgegen.
Ich kann nur ungläubig darauf starren. Die verschlungenen Lederbänder um sein Handgelenk verschwimmen vor meinen Augen, und auch den kleinen eintätowierten Stern an der Innenseite seines Zeigefingers nimmt mein Unterbewusstsein bloß am Rande wahr.
Am liebsten würde ich meine schweißnasse Hand noch schnell an meinem Kleid abwischen, bevor ich sie ihm reiche. Doch das wäre zu peinlich. Ich muss einfach hoffen, dass er nicht bemerkt, wie feucht sie ist. Oder es gewohnt ist, schwitzende Hände zu umfassen. Bestimmt können all seine anderen Trillionen Fans ihre Körperreaktionen ebenso wenig unter Kontrolle halten wie ich in diesem Moment, diesem unfassbaren Moment.
Ich zwinge meine Hand dazu, nicht zu zittern, als ich seine nehme – kreisch! – und schüttle.
»Jenna Scott. Hi.« Unerklärlicherweise klinge ich ziemlich gefasst. Ich schaffe es sogar, ihn anzulächeln.
Und er lächelt zurück.
Er schenkt mir sein atemberaubendes Lächeln. Lächelt nicht nur mit seinem wundervoll geschwungenen Mund, sondern auch mit seinen faszinierenden Augen. Diese graublauen Augen, die kalt wie ein Eissee schimmern, wenn er im Film den Bösewicht jagt. Und die dunkel glühen, wenn er seine Partnerin in den Armen hält und ihr direkt in die Seele zu blicken scheint.
Ich wette, Ryan Williams wickelt jede Frau der Welt in Sekundenschnelle um seinen tätowierten Finger – einfach nur mit seinem Blick.
Und jetzt sieht er mich an.
Wenn auch durch recht glasige Augen. Das Bier in seiner Hand scheint nicht das erste am heutigen Abend zu sein.
Ich muss etwas sagen, irgendetwas, sonst dreht er sich um und geht. Das darf nicht passieren. Ich bin noch nicht bereit, dass mein Moment mit ihm zerplatzt.
»Herzlichen Glückwunsch«, krächze ich. Mein Herz klopft so stark in meinem Hals, es hat meine Stimme nun doch verscheucht. »Ich wusste leider nicht, dass du Geburtstag hast, sonst hätte ich dir ein Geschenk mitgebracht.«
Auf halbem Weg zum Mund hält Ryan mit der Flasche in der Hand inne und schaut mich verwundert an. »Macht nichts …«
Sein Blick bleibt auf mir liegen, als er sich durch die dunkelblonden Haare fährt. An den Seiten sind sie kurz geschnitten. Oben haben sie genau die richtige Länge, um immer ein wenig Ich-bin-eben-erst-aufgestanden-zerzaust auszusehen. Zum Dahinschmelzen. Seufz.
Zwischen all den aufgetakelten Gästen in ihren extravaganten Fashion-It-Pieces, ihren Armani-Anzügen und goldenen Rolex-Uhren wirkt er in seinen verblichenen blauen Jeans, dem einfachen weißen T-Shirt und den hellgrauen Converse sympathisch normal. Würde ich nicht in seinem irrsinnig teuren Haus stehen, umgeben von lauter irrsinnig berühmten, irrsinnig reichen Menschen, die sich Champagner einflößen, als wäre er Leitungswasser, ich würde denken, Ryan Williams ist ein ganz normaler Typ. Wie du und ich.
Nur, dass er tausendmal besser aussieht.
Das finden wohl auch die zwei Blondinen, die plötzlich aus der Menge treten und sich von beiden Seiten an Ryans muskelbepackte Brust schmiegen.
»Hier bist du. Wir haben dich schon vermisst«, haucht Blondie I, deren weißes Minikleid so eng an ihr klebt, dass sich jeder Zentimeter ihres Size-Zero-Körpers deutlich abzeichnet. Fantasie braucht man bei ihr keine mehr.
»Wir haben dich überall gesucht.« Blondie II, die sich ebenfalls in ein Kleid gezwängt hat, das keinen Millimeter Luft zwischen Stoff und Haut lässt, zieht einen Schmollmund. Ihr Ausschnitt sitzt so tief, dass ich mich frage, ob sie ihr Kleid vielleicht falsch herum trägt. Sollte ich sie darauf hinweisen, dass ihre zu stolzem Umfang operierten Boobies jeden Moment den Weg ins Freie finden? Andererseits drückt sie die beiden so nah an Ryans Körper, dass seine Brust die zwei auffangen würde, purzelten sie tatsächlich aus dem Kleid. Na dann. Dann ist ja gut.
Mit ihren falschen, ultralangen, ultrapinken Nägeln fährt sie über Ryans Wange, dann langsam seinen Hals hinab zum Kragen seines Shirts. Nur einen winzigen Moment verweilt sie darauf, schon wandern ihre Finger darunter. Und tiefer. Jeden Moment wird sie bei dem Schriftzug angekommen sein, der quer über seiner Brust eintätowiert ist.
Never give up. Always believe.
Vielleicht, oder auch nicht, habe ich mir den Mann schon ein, höchstens zweimal auf Bildern näher betrachtet. Aber das war es auch schon.
»Wir wollten doch in den Whirlpool. Du hast es versprochen.« Blondie I gibt sich alle Mühe, ebenfalls einen Schmollmund zu ziehen. Wenn auch ihrer nicht so überzeugend aussieht wie der ihrer Freundin. Mag sein, dass ihre Lippen einfach zu wenig aufgespritzt sind.
»Ja, und uns ist echt heiß«, stimmt Blondie II eifrig zu. »Wir könnten eine Abkühlung gut gebrauchen.«
Vielleicht wäre ihr weniger warm, würde sie ihre Finger aus Ryans Shirt nehmen – oder ihren gesamten Körper weg von ihm.
Außerdem: im Whirlpool abkühlen? Was für ein selten dämlicher Vorschlag ist das bitte?
»Gute Idee«, sagt Ryan. Er ist nicht so spitzfindig wie ich.
Er legt den Arm um die Wespentaille von Blondie I, tauscht dann die volle Bierflasche von Blondie II mit seiner leeren und nimmt einen kräftigen Schluck. Über den Rand der Flasche hinweg fällt sein Blick auf mich. Aus Augen, die inzwischen einem Eissee im Nebel ähneln, mustert er mich langsam von oben bis unten. So, als nehme er mich erst jetzt richtig wahr. Vorhin war er scheinbar zu abgelenkt von meiner Verpeiltheit. »Hast du Bock, uns Gesellschaft zu leisten?«, fragt er, mittlerweile recht schleppend.
Wer? Ich?
Verdutzt schaue ich über meine Schulter, ob er möglicherweise jemand anderen meint. Beispielsweise seine Freundin? Aber hinter mir befinden sich nur das Fenster und die dunkle Nacht.
»Ich?« Ungläubig zeige ich mit dem Finger auf mich.
Ryan nickt. So benebelt sein Blick auch ist, es liegt etwas Anzügliches darin, das mir schmeicheln müsste. Doch das tut es nicht. Es lässt ein dumpfes Gefühl der Enttäuschung in mir aufkeimen. Ein leeres. So hatte ich mir den tollsten Mann der Welt nicht vorgestellt.
Und das macht mich nicht nur zu einer hoffnungslosen, sondern viel mehr zu einer naiven Träumerin. Alle Welt weiß doch von den Eskapaden dieses Typens, dem sein Ruhm ganz offensichtlich zu Kopf gestiegen ist. Bevor er vor gut einem Jahr mit seiner Schauspielkollegin, der wunderschönen und unglaublich talentierten Cathy James, zusammengekommen ist, verging kaum ein Tag, an dem keine Negativschlagzeile über ihn zu lesen war. Alkohol, Drogen, Frauen – immer die gleiche Leier. Doch Cathy hat ihn gerettet. Seitdem sind die beiden unzertrennlich.
Bis auf heute Abend, wie es scheint.
Erneut setzt Ryan die Bierflasche an seine Lippen, trinkt sie in einem Zug aus und schaut sie dann mit zusammengezogenen Augenbrauen verwirrt an. Als könne er nicht nachvollziehen, wieso das verdammte Ding schon wieder leer ist. Er drückt sie Blondie II in die Hand, blickt sich suchend um und greift nach Pauls halb vollem Champagnerglas.
Paul, der zwar immer noch neben mir steht, sich aber mit einem Mann zu seiner Rechten unterhält, ist sichtlich überrascht, kommentiert Ryans Handlung aber nicht. Muss er auch nicht. Die Sorge in seinen Augen ist unverkennbar.
Ryan bemerkt sie nicht. Er ist zu beschäftigt damit, seinen Blick auf mich zu fokussieren, ihn scharf zu stellen. Es gelingt ihm nicht.
»Also, was is? Kommst du mit?«, fragt er und hat merkliche Schwierigkeiten, die Worte zu formulieren.
Sein Verhalten ernüchtert mich, doch ich darf mich nicht so anstellen, darf mir diesen einzigartigen Moment nicht selbst kaputt machen. Nur, weil dieser Hollywoodgott anders ist, als ich es mir erträumt habe. Nur, weil er ein betrunkener, fremdgehender Angraber-Arsch ist.
Ich sollte mir ein Beispiel an den beiden Blondinen nehmen. Sie freuen sich darüber, dass Ryan es mit der Treue nicht so eng sieht.
»Also?«, wiederholt er. »Kommst du mit?«
Nein.
Doch.
Nein.
Ich schüttle den Kopf. Ich mach so was nicht. Ich kann so was nicht. »Ich habe keinen Badeanzug dabei.«
Oh, bitte nicht.
