Moments like Stars - Mila Marten - E-Book
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Moments like Stars E-Book

Mila Marten

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Beschreibung

Erstaunlich, welche Macht Zeit besitzt. Glück verwandelt sie in Sekunden, Einsamkeit in eine Ewigkeit.

Für einen kurzen Moment ist das gemeinsame Glück für Jenna und Ryan zum Greifen nah. Doch in der Welt des Superstars dreht sich alles darum, den Schein zu wahren - und der erlaubt es nicht, dass Jenna an Ryans Seite bleibt.
Mit gebrochenem Herzen kehrt sie nach Abschluss der Dreharbeiten allein nach L.A. zurück und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen.
Aber wie hält man durch, wenn das Wichtigste fehlt?
Jenna sehnt sich zurück zu Ryan, sie kann ihn und die wundervolle Zeit, die sie zusammen in Kanada verbracht haben, einfach nicht vergessen.

Traut sie sich, noch einmal nach den Sternen zu greifen? Und findet Ryan den Mut, aus den Zwängen der Scheinwelt auszubrechen? Lässt Hollywood am Ende Träume wahrwerden?

Ein berührender Wohlfühlroman über eine Liebe, die kämpfen muss, über Hoffnungen und Träume, die kaum greifbar scheinen, und den Mut, ihnen dennoch zu folgen.

"Moments like Stars" ist das Finale der berührenden Canada-Love-Dilogie.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum
Über die Autorin
Canada-Love-Playlist
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Epilog
Eine Bitte an dich
Danksagung
Weitere Bücher von Mila

Moments like Stars

Mila Marten

Impressum

3. Auflage

Originalausgabe Juli 2021

© 2024 Mila Marten

Mila Marten

c/o WirFinden.Es

Naß und Hellie GbR

Kirchgasse 19

65817 Eppstein

Cover: Emily Bähr – www.emilybaehr.de

Alle Rechte vorbehalten.

Texte dieses Buches sind urheberrechtlich geschütztes Material und ohne explizite Erlaubnis des Urhebers, Rechteinhabers und Herausgebers für Dritte nicht nutzbar.

Die Handlung und alle handelnden Protagonisten sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt.

Über die Autorin

Mehr von Mila Marten:Moments like Stars (Das Finale der Canada-Love-Dilogie)

Wenn heute wieder gestern wird & Wenn heute auch morgen ist

Zwei zwischen den Jahren Zwei zwischen der Wahrheit

Über die Autorin:Mila Marten wurde an einem windigen Novembertag an der Nordseeküste geboren und lebt heute mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Herzen Bayerns. Nach ihrem Studium arbeitete sie viele Jahre als Freie Redakteurin. Der Traum vom eigenen Roman klopfte jedoch immer wieder an ihre Tür – so lange, bis sie ihn endlich hereinließ und zu schreiben begann. Wenn sie heute ihren Laptop öffnet, verfasst sie Geschichten, in denen die Liebe eine Hauptrolle spielt. Außerdem ist sie als selbstständige Lektorin und Korrektorin tätig, um auch anderen dabei zu helfen, Manuskripte in wundervolle Bücher zu verwandeln.

Mehr Informationen sind auf Instagram, Facebook oder ihrer Webpage zu finden: www.milamarten.de

Für alle, deren Zweifel laut rufen.

Hört nicht hin.

Ihr seid genug.

Canada-Love-Playlist

Try – Pink

Sweet But Psycho – Ava Max

Come Undone – Robbie Williams

Sanctuary – Welshly Arms

Never Be The Same – Camila Cabello

Hallelujah – Bon Jovi

Wicked Game – Chris Isaak

Ja – Silbermond

Something Just Like This – Coldplay

With Or Without You – U2

Time After Time – Cyndi Lauper

Go Your Own Way – Fleetwood Mac

Rewrite The Stars – Zac Efron & Zendaya

If You’re Gone – Matchbox Twenty

Ich will nur, dass du weißt – SDP & Adel Tawil

Wie es mal war – Wincent Weiss

Skyscraper – Demi Lovato

Feel – Robbie Williams

Kapitel 1

Jenna

Ruckartig setze ich mich auf.

Mein Blick rast durch das Hotelzimmer. Über den Boden, auf dem unsere Klamotten kreuz und quer lagen, als ich meine Augen geschlossen habe, doch der plötzlich leergeräumt ist. Hin zum Sessel, auf dem sich meine Kleidungsstücke stattdessen ordentlich stapeln – meine, nur meine. Hinüber zum Bad, das im Dunkeln liegt, weil niemand darin ist.

Eben noch haben mich die Sonnenstrahlen sanft geweckt. Jetzt reißen sie sich den orangeroten Wohlfühlfilter von der Linse und bringen beißend grelle Klarheit: Ich bin allein.

Doch sollte es eigentlich nicht sein. Ryan sollte neben mir liegen. Hat er nicht gestern auf dem Weg vom Chalet zur Lodge gesagt, dass er heute erst am späten Vormittag Termine hat? Mit Sicherheit gibt es eine plausible Erklärung dafür, warum er dennoch verschwunden ist.

Hoffentlich gibt es eine.

Natürlich! Bestimmt hat Ryan mir eine Nachricht hinterlassen, hat mir auf einem Zettel ein paar Zeilen geschrieben, in denen er den Grund für seine Abwesenheit erklärt.

Hektisch blicke ich mich um, hebe ein Kissen nach dem anderen hoch, schaue sogar unter die Decke. Doch weder im Bett noch auf einem der beiden Nachttische finde ich irgendeine Art von Notiz.

Vielleicht ist sie runtergefallen? Weggeweht vom Windstoß, als Ryan die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hat.

Ich beuge mich über die Bettkante, suche den Boden ab.

Nichts.

Mein Handy! Dass ich daran nicht gleich gedacht habe. Ryan hat mir sicherlich von unterwegs geschrieben. Hastig erwecke ich das Gerät zum Leben. Der Newsletter eines Online-Shops ploppt auf und wirbt mit Angeboten für Last-Minute-Weihnachtsgeschenke.

Ansonsten: nichts.

Keine Nachricht.

Kein Ryan.

Er ist ohne ein Wort gegangen. Einfach so.

Unsere Nacht war für ihn nichts weiter als ein One-Night-Stand. Einer von vielen.

Mit einer von vielen.

Die Wahrheit drückt mich zurück auf die Matratze. Ich sinke darauf, rolle mich zur Seite und ziehe die Beine an. Mein Blick fällt auf das Kissen, auf dem Ryan lag. Alles in mir drängt mich dazu, es an mich zu drücken, meine Nase darin zu vergraben und einen tiefen Atemzug zu nehmen. Bestimmt riecht es noch nach ihm.

Mit voller Wucht schmeiße ich das Kissen quer durch den Raum. Am Schrank gegenüber prallt es ab und landet dumpf auf dem Boden. Ich ziehe die Decke über den Kopf, will nichts sehen, nichts hören und erst recht nichts riechen. Am liebsten nichts denken. Doch wann klappt das schon mal?

Sobald er von dir hat, was er will, bist du vergessen – so wie alle anderen vor dir.

Lucys Worte hallen durch meinen Kopf. Schon wieder. Immer noch. Ich wünschte, ich würde sie nicht an mich heranlassen. Sie nicht und auch nicht ihre Worte. Ich wünschte, ich könnte beiden mit abgebrühter Gleichgültigkeit gegenübertreten.

»Ja, und?«, möchte ich cool entgegnen, dabei am besten noch vor lauter Langeweile gähnen. »Schon mal darüber nachgedacht, dass ich ebenfalls bekommen habe, was ich wollte? Dass nicht er mich benutzt hat, sondern ich ihn? Dass die letzte Nacht für mich auch nicht viel mehr war als ein netter und vor allem befriedigender Zeitvertreib?«

Ja – das wäre ein besonnener, emotionsloser Konter. Blöd, dass er kein bisschen der Wahrheit entspricht. Noch blöder, dass sich dieser angebliche One-Night-Stand absolut nicht wie einer angefühlt hat.

Unter meine Decke schnaube ich verächtlich, kann über mich selbst nur den Kopf schütteln. Als ob ich wüsste, wie sich ein One-Night-Stand anfühlt. Ich habe doch keine Ahnung. Das war schließlich mein Erster.

Nur, weil unsere gemeinsame Nacht für mich etwas war, dass ich nicht nur einmal erleben möchte, sondern öfter, am liebsten für immer, heißt das noch lange nicht, dass Ryan genauso denkt.

Wie naiv bin ich?

Natürlich hat er all die Gefühle, die ich meinte, in seinen Blicken und Berührungen zu spüren, geschauspielert. Hat einfach aus seinem Repertoire geschöpft. Das ist für ihn ein Leichtes – und mich hat er damit leicht rumbekommen. Es ist ja auch nicht so, als hätte ich mich sonderlich gesträubt. Ich wollte es doch nicht anders. Ich wollte ihn. Wollte alles, was er bereit war, mir zu geben.

Blöd, dass mein Bedarf – meine Nachfrage – sein Angebot übersteigt.

Dabei hat Ryan die Rahmenbedingungen von Anfang an klar definiert und nur von dieser einen Nacht gesprochen. Ein einziges Mal wollte er Hollywood verbannen, danach läuft das Leben in gewohnten Bahnen weiter. Er kann nichts dafür, dass ich kurz vor dem Einschlafen, in seinen Arm gekuschelt, Synonyme für das Wort einmalig gefunden habe. Dass ich es, benebelt von ihm, seinen Küssen und seinem irreführenden Herzschlag, mit sinnverwandten Ausdrücken ersetzt habe. Ausdrücke, die das kleine Wort um einiges größer machen. Ausdrücke wie phänomenal, gewaltig, sagenhaft. Zukunftsweisend.

Ryan dagegen hat dem Begriff nichts anderes als seine wortwörtliche Bedeutung zugemessen: ein Mal. Punkt.

Wir sprechen nicht dieselbe Sprache.

Das weiß ich doch.

Ich fühle drei Worte, er denkt drei Buchstaben.

Dementsprechend muss ich mich nicht wundern, dass ich jetzt allein hier liege. Ich darf mich ärgern, dass er sich davongeschlichen hat, dass er es noch nicht einmal für nötig hielt, sich zu verabschieden. Aber wundern muss ich mich nicht.

Vielleicht verhält man sich normalerweise so nach einem One-Night-Stand? Ich würde die Frage ja verneinen, würde denken, dass allein aus Höflichkeit ein paar Worte des Abschieds angebracht wären. Doch was weiß ich schon? Ich bin schließlich ein Laie auf dem Gebiet, Ryan ist der Experte, der Profi, der König der einmaligen Nächte.

Auch die Decke riecht nach ihm. Rastlos schlage ich sie auf, strample sie weg. Bis ans Fußende des Bettes. Bis selbst meine Zehenspitzen sie nicht mehr berühren.

Dennoch ist sein Geruch überall. Ich kann ihn nicht mehr ertragen, krabble aus dem Bett und reiße das Fenster auf, beuge mich weit über das eiserne Schutzgitter und nehme tiefe Atemzüge. Die kalte Bergluft strömt in meine Lungen, doch nimmt Ryans Duft nicht mit hinaus. Mein Innerstes bleibt verseucht.

Ich muss duschen und dann sofort weg aus diesem Zimmer, das einmal mein sicherer Hafen war. Doch das jetzt mit Erinnerungen kontaminiert ist.

Das Fenster bleibt sperrangelweit offen, als ich ins Bad gehe und in die Dusche steige. Heiß fließt das Wasser auf mich herab, versetzt den kleinen Raum innerhalb kürzester Zeit in eine Dampfsauna. Minutenlang stehe ich bewegungslos da und lasse mich abwaschen. Spüle Ryans Berührungen von meinem Körper und wünschte, ich könnte das Gleiche auch mit den Gedanken tun, die ebenso wie die Wassertropfen unermüdlich auf mich niederprasseln. Die chaotische Fülle in meinem Kopf hinterlassen und einsame Leere überall sonst.

Als ich das Wasser abstelle, höre ich mein Handy klingeln. Nass und nackt stürze ich aus dem Bad, hin zum Nachttisch, auf dem mein Telefon liegt. Mit wild klopfendem Herzen reiße ich es an mich. Doch auf dem Display steht nicht Ryans Name, sondern Taylors, und mein Herz wird prompt leiser.

Eigentlich müsste ich mich freuen, endlich von meiner besten Freundin zu hören. Aufgrund des Zeitunterschieds nach Australien haben wir es in den letzten Tagen kaum geschafft, zu telefonieren, haben nur geschrieben oder Sprachnachrichten ausgetauscht. Aber irgendwie ist Freude gerade eine Emotion, die echt schwer zu fühlen ist.

»Hi«, begrüße ich Taylor, stelle den Lautsprecher an und tapse auf Zehenspitzen zurück ins Bad, um mich abzutrocknen.

»Stimmt es, dass es bei dir acht Uhr morgens ist?«

»Ja.«

»Puh, dann bin ich froh.« Taylor lacht, während im Hintergrund Stimmengewirr und Musik zu vernehmen ist. »Sechszehn Stunden vor oder zurück? Ich kann es mir einfach nicht merken.«

»Wo bist du? Auf einer Party?« Ich wickle mich in mein Handtuch und schließe eilig das Fenster, als ich aus dem Bad zurück ins mittlerweile klirrend kalte Zimmer trete. Der Versuch, die Erinnerungen an letzte Nacht hinauszuwehen oder gar erfrieren zu lassen, hat leider nicht geklappt – sie hängen immer noch in jeder Ecke.

»Ich bin bei Freunden von Jacob, dem heißen Surfer, von dem ich erzählt habe. Aber das ist alles völlig uninteressant. Ich will wissen, was es bei dir Neues gibt. Sag schnell und bitte in Kurzfassung – mein Akku ist fast leer.«

»Alles scheiße.« Das fasst es eigentlich ziemlich gut zusammen.

»Immer noch oder schon wieder?«

»Schon wieder.«

Taylor hinkt mit ihrem Wissensstand hinterher. Das letzte Mal haben wir geschrieben, als Ryan nach unserem ersten Kuss überstürzt mein Zimmer verlassen hat. Alles, was danach passiert ist, weiß Taylor noch nicht.

Ich lasse mich auf die Bettkante sinken. »Okay, die Kurzfassung: Gestern Abend ist Ryan überraschend im Chalet aufgetaucht, wo ich zufällig war, und hat mir mal eben zwischen Duschtür und Spionglasfenster verkündet, dass seine Beziehung mit Cathy zu PR-Zwecken nur vorgetäuscht ist. Danach haben wir eine wundervolle Liebesnacht verbracht, die sich vor circa zehn Minuten als One-Night-Stand entpuppt hat.«

»Aber …«, setzt Taylor an, doch verstummt. Es ist selten, dass ich sie sprachlos erlebe. »Okay, eins nach dem anderen«, sagt sie dann, hat sich offenbar gefangen. »Die Beziehung ist nicht echt?«

»Ja.«

»Und was heißt ›vor zehn Minuten als ONS entpuppt‹?«

»Ich bin aufgewacht, und er war weg. Keine Nachricht. Kein Nichts.«

»Wie bitte?«

Ich zucke mit den Schultern, obwohl sie das nicht sehen kann. Das Gelächter der Partygäste klingt durch die Leitung. Sorglosigkeit am anderen Ende der Welt. Ich wünschte, ich wäre dort.

»Was ein Arsch.«

»Hm.«

»Ist er keiner?«

»Doch. Ich denke schon …« Hilflos schüttle ich den Kopf. »Ach, ich weiß auch nicht. Obwohl es ganz eindeutig so scheint, als hätte er sich heimlich aus dem Staub gemacht, kann ich es einfach nicht glauben. Ich dachte wirklich, er sei anders …«

»… sagen alle Sitzengelassenen am Morgen danach«, fügt Taylor trocken an.

Ich lache, obwohl es nicht lustig ist.

»Och Mensch, Jenna. Das tut mir so leid. Im Outback habe ich eine Schamanin gesehen, die kennt sich bestimmt mit Voodoo aus. Wenn du willst, fahr ich noch mal zurück und frag, ob sie uns eine Puppe von Ryan zaubert. Dann piksen wir Nadeln rein und treffen ihn, wo es richtig weh tut. Mittig – du verstehst.«

Ich quäle mir ein weiteres Lachen ab. »Wenn ich wirklich sicher weiß, dass er mich nur ausgenutzt hat, klingt das nach einer vielversprechenden Idee.«

»Dann finde es heraus! Geh hin und frag. Er ist dir diese Erklärung schuldig. Oh, verdammt, Jenna, mein Akku. Nur noch ein Pro–«

Damit ist sie weg. Feiert weiter an einem traumhaften Strand in Australien. Und ich sitze hier, auf der Bettkante, und starre blind auf mein Telefon. Ihre Worte schwingen in meinem Ohr. Sie hat recht. Ryan ist mir eine Erklärung schuldig – und ich werde sie mir holen.

Entschieden stehe ich auf, ziehe mich an, schlüpfe hastig in frische Jeans und mein Oversized-Sweatshirt. Beides schwarz, denn das ist bunt genug.

Ich trockne meine Haare und lege – schwarze – Wimperntusche auf. Dann greife ich nach meinem Handy, schultere meine Laptop-Tasche und marschiere zur Tür, ohne einen weiteren Blick auf das Bett zu werfen, auf die zerknüllten Laken und die Bilder, die sie erzählen. Ich werde diesen Raum erst wieder betreten, wenn das Putzpersonal ihn desinfiziert hat.

Bis dahin suche ich Ryan, um mit ihm zu sprechen. Und wenn er mir sagt, was ich nicht hören will, werde ich darauf mit nichts als abgebrühter Akzeptanz reagieren. »Okay, du fühlst nicht das Gleiche wie ich – was soll’s?«, werde ich erwidern und gleichgültig mit den Schultern zucken. Ich werde beweisen, dass ich, die Amateurin der One-Night-Stands, durchaus in der Lage bin, zu leisten, was in der Profiliga verlangt wird.

Und danach werde ich Taylor zurück ins Outback schicken.

Kapitel 2

Jenna

Ich ziehe die Tür hinter mir zu und mache mich auf den Weg zur Treppe, um hinunter in den Frühstückssaal zu gehen. Nicht, dass ich glaube, Ryan säße dort gemütlich bei Schokodonut und Espresso, so schwarz wie meine Laune. Nein, ich steuere dieses Ziel an, weil ich Nervennahrung benötige.

Beim Laufen hole ich mein Handy aus der Hosentasche, um Max zu schreiben. Wenn einer weiß, wo Ryan ist, dann er.

»Jenna«, ertönt Ryans Stimme in diesem Moment.

Mein Blick fährt vom Display hoch. Mit allem habe ich gerechnet, nur nicht damit, ihn so schnell zu sehen. Ihn zu finden, ohne nach ihm gesucht zu haben.

Ich stoppe direkt am Treppenabsatz. Er steht drei Stufen unter mir und ist mir damit ausnahmsweise auf Augenhöhe.

»Ich hatte gehofft, du schläfst noch.« Er wirkt abgehetzt und außer Atem. Seine Wangen und die Nasenspitze sind gerötet. Die kalte Morgenluft, die in meinem Zimmer hängt, umgibt auch ihn.

»Tue ich nicht«, erwidere ich, obwohl das offensichtlich ist.

»Dann hast du dich bestimmt gewundert, wo ich bin.«

»Schon.« Falls ich meinen Plan von der Gleichgültigkeit ernsthaft verfolgen will, sollte ich den zickigen Unterton schnellstens aus meiner Stimme verschwinden lassen. Ich räuspere mich.

Ryan schaut die Treppe hinab in die Lobby, danach über meine Schulter in den Flur hinter mir. Geräusche dringen zu uns. Klapperndes Geschirr, das Rauschen eines Staubsaugers, irgendwo schließt sich eine Tür. Das Hotel lebt. Doch niemand ist zu sehen. Im Augenblick sind wir allein, und Ryan greift nach meinem kleinen Finger. Nur ganz leicht. Nur ganz vorsichtig.

Seine Berührung fährt wie ein Stromschlag in meinen Bauch. Er erweckt meine Schmetterlinge zum Leben. Unbedarft, wie sie nun mal sind, werfen sie im Nu ihre schwarzen Klamotten von sich, breiten ihre bunten Flügel aus und flattern wild und farbenfroh drauf los.

Dumme Verräter.

Sie sind viel zu leicht zu beeinflussen.

Ich ziehe meine Hand weg, und Ryan zuckt zurück.

Er fährt sich durch sein Haar. »Jenna«, sagt er, in seiner Stimme ein Drang, der es mir schwer macht, mich nicht ebenso wie die treudoofen Schmetterlinge zu verhalten. »Ich wollte nicht heimlich abhauen, und ich wollte erst recht nicht, dass du denkst, dass ich es tue. Miles hat sich ganz früh wegen Problemen mit einem der Investoren gemeldet. Ich dachte, wir treffen uns kurz in der Lobby, um das abzuklären, und danach kann ich sofort zurück zu dir. Leider war es doch etwas Größeres, und ich musste gemeinsam mit Paul ein paar Telefonate führen.« Sein Blick gleitet über mein Gesicht. Wachsam und liebevoll. Er wartet auf meine Reaktion und hofft, dass ich ihm glaube.

»Eine Nachricht wäre nett gewesen.« Ich schaffe es tatsächlich, vorwurfsvoll, aber nicht beleidigt zu klingen.

»Ich weiß. Es tut mir ehrlich leid. Ich möchte mir nicht vorstellen, was du gedacht haben musst, als du aufgewacht bist.« Er verzieht schmerzhaft das Gesicht, beinahe so, als täte ihm der Gedanke weh, dass ich einsam und traurig in meinem Bett lag. »Wenn ich gewusst hätte, dass ich so lange weg sein würde, hätte ich dir eine Nachricht geschrieben. Aber ich dachte wirklich, ich komme sofort zurück. Und später konnte ich mich nicht melden, weil ich ununterbrochen am Telefon hing – mit Paul und Miles über meiner Schulter.« Erneut fährt er sich durchs Haar und wirkt plötzlich so hilflos, dass abgebrüht das Letzte ist, das ich in seiner Gegenwart sein möchte. »Ich kann’s nicht anders sagen, Jenna: Es ist scheiße gelaufen.« Er zuckt mit den Schultern, sein Blick weiterhin abwartend und voll Sorge. »Ich bin von Paul weg, so schnell ich konnte. Nur eine Sache habe ich vorher noch gemacht: alle Termine für heute abgesagt.«

Ich höre die Fragezeichen laut und deutlich, die an Ryans Satzende mitschwingen. Mit denen er mich um Antwort bittet, ob ich ihn bei mir haben möchte. Den ganzen Tag zusammen allein.

Und ja, ich möchte. All meinen Sorgen von eben zum Trotz. Keine Ahnung, ob das naiv von mir ist, leichtsinnig oder schlichtweg dumm.

Andererseits – wieso sollte es überhaupt eines davon sein? Ryan hat nichts Schlimmes getan. Ich habe es mir nur eingebildet. Manchmal entpuppen sich Dinge, die riesengroß erscheinen, als unbedeutend klein. Du malst dir Horrorszenarien aus, doch am Ende ist der Grund für deine Sorgen eine Verkettung dummer Zufälle. Es ist scheiße gelaufen. So spielt das Leben eben.

Wenn ich es mir genau überlege, hat nicht Ryan einen Fehler gemacht, sondern ich. Ich habe vorschnelle Schlüsse gezogen, habe mich von seinem Ruf und meinem dummen Minderwertigkeitskomplex blenden lassen. Ohne es groß anzuzweifeln, war ich davon überzeugt, dass Ryan nach nur einer gemeinsamen Nacht genug von mir hat.

Dabei steht er jetzt hier und bittet mich um mehr. Auch er legt den Begriff einmalig nicht wortwörtlich aus. Ihm gefällt unser Zusammensein. Vielleicht hat er dafür sogar die gleichen Synonyme gefunden wie ich. So hoffnungsvoll, wie er mich ansieht, könnte das durchaus möglich sein.

»Ich möchte den Tag wirklich gerne mit dir verbringen«, sagt er leise, nachdem ich auf seine Andeutung noch nicht eingegangen bin. »Willst du das auch?«

Ich nicke und nehme seine Hand – gleich die ganze, nicht nur den kleinen Finger.

Sein Gesicht erhellt sich. Er schenkt mir sein Wahnsinnslächeln und atmet dabei erleichtert aus. Dann umgreift er meine Hand und drückt sie fest.

Als im nächsten Moment jedoch aus dem Foyer laute Stimmen ertönen, lässt er sie sofort wieder los. Zwei Damen des Reinigungspersonals laufen durch die Halle und steuern auf die Treppe zu, auf der wir stehen. Beide sind so vertieft in den Zettel, den die eine hält, dass sie uns noch nicht gesehen haben.

»Schnell weg.« Ryan zieht mich am Ärmel mit sich und marschiert los, in Richtung meines Zimmers. Nur ein paar Schritte später bleibt er fluchend stehen und noch dazu so abrupt, dass ich beinahe in seinen daunenjackenwattierten Rücken rumple. »Die sind einfach überall.«

Über seine Schulter hinweg linse ich in den Flur. Meine Zimmertür steht offen, ein Putzwagen parkt davor, und ein Staubsaugerkabel schlängelt sich über den Boden in den Raum hinein. Sie putzen die Erinnerungen weg. Dabei muss das gar nicht mehr sein.

Hoffe ich.

Ryan dreht sich zu mir. »Lass uns abhauen.« Abenteuerlust funkelt in seine Augen und legt sich kribbelnd in meinen Bauch, noch bevor ich überhaupt genau verstehe, was er plant. »Hol deine Jacke, deine Zahnbürste und ne frische Un-äh-Hose und dann treff mich draußen vor dem Nebeneingang.«

»Willst du etwa …«, setze ich an, doch verstumme, als ich die beiden Damen vom Putzservice hinter mir höre. Grüßend laufen sie an uns vorbei und lächeln Ryan dabei verträumt zu.

»Willst du etwa über Nacht wegfahren?«, starte ich flüsternd einen zweiten Versuch, kaum sind die zwei außer Hörweite.

»Hast du keine Lust?« Verunsicherung versucht, das Funkeln aus Ryans Augen zu vertreiben. Offensichtlich interpretiert er mein Erstaunen falsch.

Das lasse ich nicht zu.

Wie ein Spion sehe ich mich um, schaue über meine Schulter und über seine, überprüfe den Flur in sämtliche Richtungen. Als ich sicher bin, dass wir allein sind, stelle ich mich auf die Zehenspitzen und presse meine Lippen auf seinen Mund. Nur ganz kurz. Nur ganz vorsichtig. »Gib mir fünf Minuten.«

Kapitel 3

Ryan

Jenna läuft in ihr Zimmer. Fast möchte ich erleichtert auflachen oder meine Faust wie John Bender am Ende von The Breakfast Club siegessicher gen Himmel strecken. Sie hat meinem spontanen Vorschlag zugestimmt.

Als sie eben am Treppenabsatz aufgetaucht ist, den Blick eisern und verschlossen, war ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt noch jemals mit mir sprechen würde. Mir nicht eher den Mittelfinger zeigt und mit ihrer Laptop-Tasche über der Schulter dahin abrauscht, wo sie ursprünglich hinwollte.

Zum Glück konnte ich sie rechtzeitig abfangen.

Ich habe mich so beeilt, hatte so gehofft, dass sie noch schläft und mein Verschwinden nicht mitbekommen hat. Doch natürlich ist sie zwischenzeitlich aufgewacht und hat ihr Zimmer leer vorgefunden. Ohne eine Nachricht von mir. Ohne mich.

War sie zwar traurig und enttäuscht, aber womöglich gar nicht überrascht? Hatte sie ohnehin angenommen, dass ich nun mal der Typ bin, der sich am Morgen danach heimlich aus dem Staub macht?

Fürs Protokoll: In einem früheren Leben war ich dieser vielleicht. Damals wollte ich es nicht anders.

Heute schon.

Heute wollte ich liegenbleiben, mit Jenna in meinem Arm und ihrer Hand auf meinem Herz. Ich habe erst Miles verflucht, weil er mich von Jenna weggezogen hat, und später mich, weil ich so naiv war, anzunehmen, ich bräuchte keine Nachricht zu hinterlassen, ich würde nur kurz etwas klären und sei dann sofort zurück. Als hätte das bei irgendeinem der filmbezogenen Probleme je geklappt.

Doch egal, welche Unklarheiten heute noch auftauchen sollten, ich kümmere mich nicht darum. Dieser Tag gehört Jenna und mir.

Ich sprinte die Treppe hinab ins Foyer und aus der Tür hinaus auf den Parkplatz. Mein Ziel ist mein Auto – und vor allem dieses zu erreichen, ohne jemandem zu begegnen.

Allen voran Cathy.

Sie muss erst heute Nachmittag drehen, kann mir also jeden Moment bei ihrer morgendlichen Joggingrunde über den Weg laufen. Ebenso wahrscheinlich ist es aber auch, dass sie auf dem Wohnzimmerboden unserer Suite ihre Yoga-Routine vollführt. Daher verzichte ich besser darauf, mir aus meinem Zimmer Wechselklamotten zu holen. Das Risiko ist zu hoch. Besonders, falls Cathy mitbekommen hat, dass ich letzte Nacht nicht in meinem Bett geschlafen habe. Sie würde mir endlose Vorwürfe machen und wahrscheinlich direkt nach der Schadensersatzforderung rufen. Außerdem würde sie mich garantiert nicht ohne Weiteres eine Tasche für die nächste Übernachtung packen lassen. Eine Übernachtung, die ebenso wie die vorherige dermaßen gegen meine vertraglichen Auflagen verstößt, dass es schlimmer nicht mehr geht.

Ich muss so was von aufpassen, muss vollkommen unter dem Radar fliegen. Wo auch immer wir hinfahren, was auch immer wir machen, niemand darf mich erkennen.

Verdammt, wenn das mal nicht eine richtig dumme Idee ist.

Am Auto angekommen steige ich hastig ein, schnalle mich an und düse los, hin zum Nebeneingang. Dort sollte Jenna ungesehen einsteigen können.

Wir werden es schon hinbekommen.

Es ist machbar.

Im Rückspiegel betrachte ich mein Gesicht. Ein Zweitagebart ist deutlich zu erkennen. Perfekt zur Tarnung. Dazu die Mütze tief ins Gesicht ziehen und die Sonnenbrille aufsetzen. An einem wolkenlosen Tag wie heute ist ein solcher Aufzug nicht ungewöhnlich.

Es wird schon klappen.

Es muss.

Die Seitentür der Lodge geht auf und Jenna tritt heraus, eingepackt in die olivgrüne Jacke ihrer Freundin und ihren dicken schwarz-weiß gemusterten Schal. Auf dem Rücken trägt sie einen Rucksack, quer über der Schulter hängt neben ihrer Laptop-Tasche zusätzlich eine kleine Handtasche. Als sie mich sieht, lächelt sie.

Und ich weiß: Nein, es ist keine dumme Idee.

Es ist die beste, die ich seit langem hatte.

Ebenso wie die letzte Nacht die beste war, die ich seit langem hatte. Mit Jenna zusammen zu sein, wiegt alles andere auf. Und ich spreche nicht nur vom Sex, ich spreche von allem. Von ihr und mir zusammen. Von unseren Gesprächen, unserem Lachen, unserer Lie–

Mit ihrer Laptop-Tasche donnert Jenna gegen die Autotür und reißt mich aus meinen Gedanken. Aus meinen extremen Gedanken, die möglicherweise extrem verfrüht sind. Extrem.

Ich räuspere mich, räuspere die Heiserkeit weg, die die Gedanken in meine Stimme gelegt haben. Als Jenna lächelnd die hintere Tür öffnet, um ihr Gepäck auf die Rückbank zu werfen, lächle ich zurück.

»Alles okay?«, fragt sie.

»Mehr als das.«

Kaum ist sie neben mir eingestiegen, gebe ich Gas. Die Antriebskraft drückt sie in den Sitz.

»Hey, ich bin noch nicht angeschnallt.« Lachend krallt sie sich an dem Griff in der Türlehne fest.

»Dann mach. Wir haben es eilig.«

»Das merke ich.« Sie richtet den Blick auf das Gurtschloss, in das sie die Schnalle einschiebt. »Aber wieso?«

»Weil ich mit dir allein sein will.«

Ihr Kopf fährt hoch. Ihre Wangen verfärben sich, und ihr Lachen wird zu einem Lächeln, das in mir den Drang auslöst, rechts ranzufahren, um sie in den Arm zu nehmen und zu küssen. Es ist schon viel zu lange her.

Sie murmelt etwas, das möglicherweise wie »Zusammen allein« klingt, und verknotet ihre Hände in ihrem Schoß.

Ich würde sie so gern auf meinen ziehen.

Sie wendet den Blick nach vorn auf die Straße, auf die ich mittlerweile vom Hotelparkplatz abgebogen bin, und auch ich konzentriere mich besser auf den Verkehr. In ein paar Minuten erreichen wir den Trans-Canada Highway. Welche Richtung soll ich dann einschlagen? Der Vorschlag, abzuhauen, war eine solche Kurzschlusshandlung, dass ich mir überhaupt keine Gedanken über unser Ziel gemacht habe. Wohin könnten wir fahren? Nach Osten Richtung Calgary oder nach Westen, weiter hinein in die Rockies? Zum Lake Louise vielleicht? Diesem eindrucksvollen Flecken Erde, der dank des heutigen Traumwetters sicherlich unvergesslicher denn je wirkt?

Wäre der Icefields Parkway aufgrund der Schneefälle der vergangenen Tage nicht gesperrt, könnten wir ihn entlangfahren, einfach immer der Nase nach. Wir könnten die atemberaubende Natur genießen. Die imposanten Gletscher, die majestätischen Bergformationen und, darin eingebettet, die unzähligen Seen, von denen im Sommer einer türkisblauer funkelt als der andere.

Ende September waren Paul und ich hier in Alberta, um uns persönlich ein Bild der Drehorte zu machen, die das Locationteam gefunden hatte. Spontan haben wir ein paar Tage angehängt, uns ein Auto gemietet und sind den Parkway bis nach Jasper gefahren. Wir haben angehalten, wo wir wollten, sind zu Wasserfällen gewandert, die sich links und rechts der Straße verstecken, und saßen stundenlang an den Ufern der Seen, ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Wir haben die klare Luft inhaliert und vor allem die Stille. Die unwiderstehliche, energiereservenfüllende Stille.

Jetzt im Winter liegt der Schnee meterhoch, und alle Seen sind zugefroren. Manche, wie der Moraine Lake – für mich der schönste von allen – sind aufgrund von Lawinengefahr gar nicht zu erreichen, andere nur auf Schneeschuhen. Was hätte ich Lust, eine solche Wanderung mit Jenna zu unternehmen. Ihr zu zeigen, was mir so viel bedeutet. Hier mit ihr zusammen allein zu sein.

Das Problem ist, am Lake Louise wären wir es nicht. Dort tümmeln sich Busladungen voll Touristen, Busladungen voll potentieller Gefahr. Massen von Menschen, die anstatt die sagenhafte Naturkulisse zu fotografieren, ihre Kameras lieber auf mich halten. Und auf Jenna.

Wir erreichen die Straßenkreuzung. Ein großes grünes Schild mit weißem Rand deutet die beiden Richtungen an. Rechts nach Calgary, links nach Lake Louise.

»Wohin?«, frage ich.

Jenna zuckt mit den Schultern. »Warst du schon mal an dem See?«

Ich nicke. »Du?«

Sie schüttelt den Kopf. »Nein, leider noch nie.« Sehnsucht schwingt deutlich in ihrer Stimme mit.

Ich setze den Blinker links.

Kapitel 4

Jenna

Noch nie habe ich Ryan so unbeschwert erlebt wie in der letzten Stunde, noch nie so viel und so lange reden gehört. Mit Gesten untermalt hat er von dem Trip geschwärmt, den er mit Paul hier in der Gegend im letzten Herbst unternommen hat. Die gesamte Fahrt über hat er nach links und nach rechts gezeigt, hat von einem heimlichen Bad im eiskalten Bow River erzählt, der sich neben dem Highway entlangschlängelt, und begeistert von den Athabasca Falls berichtet, die weiter nördlich liegen. Ein gespenstisches Wasserwesen scheint darin zu wohnen. Zumindest ist dessen Gesicht auf den Fotos, die Ryan von den Wasserfällen auf seinem Handy gespeichert und mir gezeigt hat, deutlich zu erkennen. Das Wesen schaut ähnlich erschrocken wie das in dem berühmten Bild von Edvard Munch. Vielleicht gehört das Gesicht tatsächlich zu einem Geist, vielleicht wollten die Gesteinsformationen einfach mal berühmte Maler sein.

Während Ryan gesprochen hat, haben seine Augen geleuchtet – bis hinein in mein Herz. Seine Lachfalten haben sich glücklich in seine Haut gegraben und tun es noch. Ich konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, meine Finger auszustrecken, um sie nachzufahren.

Obwohl wir nun schon so lange unterwegs sind, habe ich es noch nicht geschafft, mich und meinen Puls an die Tatsache zu gewöhnen, dass ich mich auf einem Ausflug mit dem tollsten Mann der Welt befinde. Nur wir beide. Ganz allein.

Niemand, der an die Tür klopft. Niemand, der sexuelle Fantasien in sein Ohr haucht und Zweifel in mein Herz.

Nach einem kurzen Stopp an einem Café, in dem ich Proviant besorgt habe und für Ryan im Supermarkt daneben eine Zahnbürste, rollen wir nun auf einen der drei großen Parkplätze am Lake Louise. Gleich hinter den Bäumen, die den Parkplatz umrahmen, liegt der See. Einige Autos stehen bereits hier, aber voll ist es nicht.

Ryan stellt den Motor ab und setzt sich erst eine verspiegelte Sonnenbrille auf die Nase, dann seine graue Wollmütze auf den Kopf. »Wir haben Glück, es ist wenig los. Das liegt bestimmt an der Jahreszeit.« Erleichterung schwingt so überdeutlich in seiner Stimme mit, dass ich mir gut vorstellen kann, was es für ihn bedeuten würde, wenn viel los wäre. Wenn Menschenmassen den See belagerten und damit zwangsläufig auch ihn. Dann wären wir die letzte Zeit allein gewesen. Und Ryans Lachfalten würden wieder verblassen.

»Wir müssen da nicht rausgehen, wenn es zu gefährlich ist«, sage ich, als er gerade nach seiner Jacke auf der Rückbank greift.

In der Bewegung innehaltend dreht er sich zu mir und schiebt sich die Brille ein wenig von der Nase, damit ich seine Augen erkennen kann. »Es ist nicht zu gefährlich. Ich muss nur ein bisschen aufpassen, das ist alles.«

»Bist du sicher? Es wäre völlig okay für mich, wenn –«

»Für mich nicht«, fällt er mir ins Wort. »Für mich wäre es nicht okay. Du kannst nicht in der Nähe des Lake Louise gewesen sein, ohne ihn besucht zu haben.«

»Aber –«, versuche ich es nochmals, doch erneut hält er mich davon ab, meinen Einwand zu beenden. Diesmal unterbricht er mich nicht mit Worten, diesmal legt er seinen Zeigefinger auf meine Lippen.

Ich schlucke.

»Ich will dir den See zeigen. Niemand hält mich davon ab.« Er zieht seinen Finger zurück, sein Blick bleibt jedoch auf meinem Mund liegen.

Eine Sekunde, zwei.

Ich bin kurz davor, meine Augen zu schließen, meine Lippen zu einem Kussmund zu formen und mich vorzubeugen. Ihm, so wie Albert Brennaman es in Hitch gelernt hat, neunzig Prozent des Weges entgegenzukommen und dann darauf zu warten, dass er die letzten zehn überbrückt. Dass er mich endlich küsst.

Doch er tut es nicht.

Er schiebt sich seine Sonnenbrille zurück über die Augen. »Wir werden beobachtet«, sagt er, während er sich abwendet, um seine Jacke zu nehmen.

Ich schrecke aus meiner Vor-Kuss-Trance und sehe mich suchend um. »Wo?«

»Zwei Uhr.« Er öffnet die Tür, den Blick gesenkt.

Meiner fliegt in die angegebene Richtung. Tatsächlich. Ein paar Meter entfernt lehnen zwei Frauen mit Thermosbechern in der Hand an einem Auto und schauen zu uns herüber. Sie scheinen Ryan jedoch nicht erkannt zu haben, sonst würden sie bestimmt nicht mehr stillstehen, sondern wären schon längst zu ihm gerannt und hätten ihn aufgeregt um ein Selfie gebeten.

Ich habe die beiden nicht wahrgenommen, war viel zu abgelenkt, viel zu eingenommen von der Sehnsucht nach Ryans Lippen auf meinen. Er dagegen hat sich deutlich besser im Griff. Er lässt sich von etwaigen Gefühlen nicht aus der Spur bringen, hat seine Prioritäten gesetzt. Er weiß, er muss immer und überall auf der Hut sein, muss mögliche Risiken permanent erkennen und sofort minimieren, wenn nicht sogar direkt eliminieren.

Will ich mit Ryan zusammen sein, muss ich das auch lernen. Ich muss den doofen Sicherheitsabstand stets wahren. Hinter jeder Ecke lauert die Gefahr alias der Fan. Und nur, weil die zwei Frauen Ryan auf die Ferne nicht erkannt haben, bedeutet das nicht, dass es nicht die nächste tut, die ihm über den Weg läuft. Oder ihn fremdküssend im Auto sitzen sieht.

Schnell krame ich meine Sonnenbrille aus meiner Handtasche und setze sie mir auf die Nase. Dann grabe ich mein Kinn in meinen Schal, stülpe meine Kapuze über den Kopf und steige aus.

Ryan grinst, als er mich sieht. Er deutet zwischen den parkenden Autos hindurch auf den Weg, der uns ein paar Schritte weiter vom Parkplatz zum See führt. »Da entlang.«

»Am besten nenne ich dich zur Tarnung ab sofort Jack«, überlege ich laut, während wir nebeneinander herlaufen, Sicherheitsabstand inklusive.

»Jack? Wie kommst du denn darauf?«

»Von Jack Bauer aus 24.«

Er lacht. »Weil ich voll der coole Bad Ass bin?«

»Nein.« Ich seufze gespielt-genervt. »Weil du wie er immer agentenmäßig die Lage sondierst.«

»Langweilig.«

»Okay, vielleicht bist du auch cool … ein bisschen jedenfalls.« Ich will ihm spaßeshalber mit meinem Ellenbogen stupsen, doch ziehe meinen Arm zurück. Zwei Pärchen biegen um die nächste Kurve und kommen direkt auf uns zu. Ihre Wangen leuchten rot vor Kälte, über ihren Schultern baumeln Schlittschuhe. Ich halte die Luft an und die Augen fest auf den Weg vor mir gerichtet. Bloß keinen Blickkontakt mit dem potentiellen Feind.

Die Gruppe läuft an uns vorbei, ohne Ryan wahrzunehmen, und ich traue mich, auszuatmen. Ich traue mich, mich ein wenig zu entspannen. Vielleicht erkennt ihn doch nicht jeder.

Plötzlich spüre ich Ryans Fingerspitzen warm an der Außenfläche meiner Hand. Sie streifen über meine Haut, nur der Hauch einer Berührung, federleicht. Doch die Bedeutung, dass sie es tun, wiegt tonnenschwer. Er hat auch Sehnsucht. Er hat sich doch nicht so gut im Griff.

Langsam verflechten sich unsere Finger.

Er verschiebt seine Prioritäten.

Ich blicke auf unsere Hände. »Ist das nicht zu gefährlich?«, frage ich kaum hörbar, kann nicht lauter sprechen. Der Teil in mir, der unvernünftige, der fürchtet, dass Ryan mir zustimmt und mich wieder loslässt, hindert mich daran.

Doch Ryan tut nichts dergleichen. Im Gegenteil, er drückt meine Hand noch ein wenig fester. »Schau nach vorn, Audrey«, flüstert er, und nicht nur seine Stimme, auch die Worte selbst fühlen sich an wie seine Berührung: warm und bedeutungsschwer.

Mein Blick fliegt von unseren verwobenen Händen hinauf in sein Gesicht. Ich will in seinen Augen lesen, ob mein Gefühl stimmt. Ob es etwas zu bedeuten hat, dass er mich Audrey genannt hat.

Audrey – Jacks große Liebe.

Doch durch die verspiegelte Sonnenbrille, die Ryan trägt, kann ich seine Augen nicht erkennen.

Ich sehe nur meine. Groß und voll Verwunderung blicken sie mir entgegen.

Mit einer Kopfbewegung bedeutet Ryan mir erneut, nach vorn zu schauen. Also tue ich es.

Ich wende den Blick von meinem zweifachen Spiegelbild ab, sehe in die Richtung, die Ryan mir vorgibt, und erblicke den Lake Louise. »Wow.«

Da liegt er vor uns, dieser Traum von einem See. Zugefroren und halb umrahmt von Bergen, deren schneebedeckte Gipfel in der Sonne glitzern und sich kontraststark gegen den blauen Winterhimmel abheben. Geradeaus steht der gigantische Victoria Gletscher und hält seine Füße ebenso in das Seewasser wie seine beiden Bergnachbarn links und rechts.

Gleich vorn, nicht weit vom Ufer entfernt, lädt eine vom Schnee befreite Eisfläche zum Schlittschuhlaufen ein. Ein paar Menschen ziehen darauf ihre Bahnen, andere stehen am Ufer, fotografieren sich selbst oder das pittoreske Postkartenmotiv im Hintergrund.

»Das ist ja wirklich traumhaft.« Staunend laufe ich los und überquere die letzten Meter bis zum See.

Ryan macht keine Anstalten, meine Hand loszulassen. Im Gegenteil. Kaum sind wir am Ufer angekommen, zieht er mich aufs Eis und rennt beinahe übermütig weit hinaus. Lachend schlittere ich hinter ihm her, umgreife seinen Arm für besseren Halt, aber verliere dennoch das Gleichgewicht. Ich wedle mit den Armen durch die Luft, aber Ryan reißt mich reflexartig in seine. Kurz kommt er selbst ins Wanken, findet seine Balance jedoch wieder und bewahrt uns beide vor einem Sturz, der garantiert etliche Blicke auf uns gezogen hätte.

»Nicht so stürmisch, Audrey.« Lachend hält Ryan mich fest. Fest in seinen Armen.

Ich schlinge meine um ihn und kuschle mich näher. So nah ich kann.

Er schaut auf mich herab, ich blicke zu ihm hinauf. Doch statt seiner Augen sehe ich wieder nur mein Spiegelbild. Meinen Schmetterlingen ist das egal. Sie erinnern sich an all die Male, in denen Ryan mich mit seinem Blick festgehalten hat, und sind davon überzeugt, dass er es jetzt ebenso tut. Vor lauter Freude darüber, ihm endlich nah zu sein, haben sich meine ungestümen Freunde bereits die Schlittschuhe angezogen und drehen eine wilde Eislaufrunde nach der anderen durch meinen Bauch. Sie könnten aufgeregter nicht sein, springen dreifache Axel und doppelte Toeloops, denn sie sind sich sicher, dass es bei dieser Umarmung nicht bleibt.

Sondern ein Kuss folgt.

Bestimmt wäre das keine gute Idee. Doch je länger Ryan mich hält und mir so wunderbar nah ist, desto mehr vergesse ich, warum.

»Deine Brille nervt«, sage ich, um zu reden, anstatt zu küssen. »Ich kann deine Augen nicht sehen.«

Schelmisch grinst Ryan hinter seiner Brille hervor. »Ich deine schon.«

»Dann siehst du ja, wie sie sich gerade gen Himmel bewegen.« Ich setze meine Brille ab, um sicherzugehen, dass er mein Augenrollen auch wirklich erkennt.

Sein Grinsen verwandelt sich in ein Lachen, so echt, dass sein Brustkorb vibriert. Ich spüre es durch unser beider Jacken. Hoffentlich lässt er mich nie wieder los.

»Nimm meine nervende Brille ab«, fordert er mich auf.

»Aber was ist mit deiner Tarnung?« Über seine Schultern hinweg checke ich Jack-mäßig die Lage. Neben uns ziehen ein paar Schlittschuhläufer ihre Runden. Andere Besucher spazieren hier und da über den See, die meisten stehen jedoch in deutlicher Entfernung am Ufer. Ryan hat ihnen den Rücken zugewandt und sieht ebenso wie sie in Richtung des Gletschers. Wobei – das stimmt nicht ganz. Die Touristen blicken zu dem monströsen Berg. Ryan blickt auf mich.

»Du bist Tarnung genug. Also, nimm mir die Brille ab. Ich kann mich nicht bewegen.«

»Weil wir sonst ausrutschen?«

Er schüttelt den Kopf. »Weil ich dich nicht loslassen will.«

Oh, Herz.

Mit zittrigen Fingern nehme ich ihm die Brille von der Nase und stecke sie in meine Jackentasche, behutsam darauf bedacht, das sicherlich mehrere hundert Dollar teure Teil nicht zu zerkratzen.

Endlich kann ich Ryans Augen sehen – und darin versinken.

»Ich will dich nicht loslassen«, wiederholt er, seine Stimme so tief wie der See, auf dem wir stehen, »weil ich seit Stunden darauf warte, dich zu halten und zu berühren und zu …« Er presst seinen Mund auf meinen, lässt Taten sprechen, wo Worte nicht vonnöten sind.

Endlich liegen unsere Lippen aufeinander. Seine auf meinen, sanft und fordernd zugleich. Meine auf seinen, die erste Sehnsucht gestillt, doch mit unendlich viel Verlangen nach mehr.

Er drückt mich ganz fest an sich, hat die Arme ebenso eng um mich geschlungen wie ich meine um ihn. Die Welt um uns verschwindet, plötzlich sind nur noch wir. Zusammen allein.

Er schmeckt nach Leben und riecht nach Freiheit. Nach purem Glück und immer, immer wieder nach der Hoffnung auf mehr. Auf etwas Großes. Größer und unumstößlicher als der mächtige Victoria Gletscher, der am Ende des Sees auf uns hinabsieht.

Ich fahre mit meinen Händen Ryans Rücken hinauf, über seine Jacke, die viel zu dick ist und es beinahe unmöglich macht, ihn darunter zu erfühlen. Doch zwischen seinem Jackenkragen und der Mütze ertaste ich einen schmalen Streifen Haut. Er erschaudert, als ich meine Finger darübergleiten lasse. Seine streicheln meine Wange. Mein Kopf schmiegt sich in seine Hand.

Dieser Kuss wärmt mich von innen, obwohl mir gar nicht kalt ist. Die Berührung unserer Lippen, unserer Hände und unserer Körper, sie kribbelt durch mich hindurch, setzt sich in mein Herz und in meinen Bauch.

Von ganz weit weg dringt Stimmengewirr an mein Ohr. Nach und nach bahnt es sich den Weg in unser Allein-Universum. Es bringt Unruhe, wo eben noch Stille war, und es bringt ein ungutes Gefühl. Je mehr Menschen sich hier versammeln, desto höher ist das Risiko, dass einer davon Ryan erkennt – und bemerkt, dass es nicht seine Freundin ist, die er im Arm hält und um den Verstand küsst.

Alles in mir sträubt sich dagegen, aber ich lasse von Ryans Lippen ab und linse über seine Schulter in Richtung der Geräuschkulisse. Der Platz vor dem See ist voller Schüler. Bestimmt mehrere Busladungen voll.

»Scheiße.«

Ryans Stirn fällt an meine. »Was ist es?«, presst er hervor, seine Stimme so heiser, als läge sie noch in unserem Kuss und hätte nicht wirklich Lust, dort nicht mehr zu sein.

»Lauter Jugendliche. Bestimmt ein Schulausflug oder so.«

»Scheiße.«

»Sag ich ja.«

Er grinst an meine Lippen und berührt sie flüchtig. Seine Stirn liegt immer noch an meiner, als er tief Luft holt und versucht, seine Atmung zu beruhigen. Die wegen mir aus dem Takt gekommen ist. Wegen mir und unseres Kusses.

Noch einmal drücke ich meine Lippen auf seine, nur für einen letzten Nachschub. Ganz kurz. Wir sollten gehen. »Ich fürchte, es ist Zeit, deine Sonnenbrille wieder aufzusetzen, Jack.«

»Mach du«, fordert er mich auf und fügt dann mit seinem süßen Grinsen hinzu: »Ich kann mich nicht bewegen.«

Lächelnd küsse ich ihn erneut. Und noch einmal. Dann setze ich ihm die Brille auf.

Doch anstatt loszulaufen, legt er beide Arme um meinen Nacken und sein Kinn auf meinen Kopf. Ich spüre seine Haut und seinen leichten Bart auf meinem Haar, denn meine Kapuze ist ein wenig heruntergerutscht. Er zieht mich an sich, und ich schmiege mich in unsere Umarmung, lege meine Wange an seine Brust und schlinge meine Arme um seinen Rücken. Ich kuschle mich ein. Bei niemandem geht das so perfekt wie bei ihm.

Weil er genau einen Kopf größer ist.

Kapitel 5

Ryan

Ich will nicht gehen.

Ich möchte ewig so stehen bleiben, genauso. Mit Jenna in meinen Armen. Sie passt perfekt. Perfekt an meinen Körper. Perfekt zu mir.

Ich drücke einen Kuss auf ihr Haar. Der Duft ihres Vanilleshampoos kitzelt in meiner Nase, vermischt sich mit der klaren Bergluft und der Kraft, die die Landschaft auf mich ausstrahlt. Doch die vor allem Jenna mir gibt.

Sie ist die Ruhe in meinem Chaos.

Ich atme sie ganz tief ein.

»Alles okay?« Sie schielt zu mir hoch.

»Mehr als das.« Ich küsse ihre Stirn und hole noch einmal Luft.

Sie seufzt und schließt die Augen.

Ich will wirklich einfach überhaupt nicht gehen.

Doch die Stimmen um uns werden lauter, die Schulkinder erobern das Eis. Es hilft alles nichts, wir müssen verschwinden.

»Ich fürchte, wir müssen echt los«, spricht Jenna meine Gedanken laut aus und sieht dabei ebenfalls nicht sonderlich froh aus.

»Können wir auf demselben Weg zurück, oder ist es schon zu voll?«

Jenna blickt sich um, sucht nach der besten Fluchtroute für mich. »Ich glaube, da links geht es ganz gut«, überlegt sie laut, die Augenbrauen konzentriert zusammengeschoben. »Wir müssen nur schnell sein. Aber auch nicht zu schnell, sonst ist es auffällig.« Sie zieht sich die Kapuze weit über die Denkerfalten und setzt sich die Sonnenbrille zurück auf die Nase, stülpt sich ihre Tarnung über.

Ich weiß nicht, ob ich das Lächeln je weggewischt bekomme, das sich bei ihrem Anblick auf mein Gesicht legt. Und erst recht nicht das, das sich in mein Herz gräbt, wenn ich merke, wie ernst sie meine Situation nimmt. Sie könnte auch anders reagieren. Sie könnte sich ihre fünf Minuten Ruhm abholen.

Als wir letzte Woche am Ice Lake waren, hat sie gesagt, dass sie kein Geist mehr sein möchte, dass sie nicht länger im Verborgenen leben will. Hier und heute hätte sie die perfekte Chance dazu, diesen Vorsatz Wirklichkeit werden zu lassen. Sie müsste nur der Menschenmenge um uns verraten, dass ich es bin, den sie im Arm hält, müsste nur einmal kurz meinen Namen nennen, und der Hype würde beginnen. Fotos und Videos würden das Internet überfluten, und Jenna wäre auf jedem einzelnen zu sehen. Es ist nicht schwer, auf meiner Aufmerksamkeitswelle mitzusurfen. Und falls die Gerüchteküche über mein Fremdgehen anhaltend brodelt, ist sogar mehr als nur ein schneller Ritt drin.

Jenna bietet sich gerade die ideale Möglichkeit, ihr Schattendasein zu beenden. Nach Jahren im Dunklen könnte sie endlich ins Licht treten und der Welt zeigen, dass sie es wert ist, gesehen zu werden. Es stünde ihr mehr als zu.

Doch anstatt die einmalige Chance zu nutzen, ihr Leben zu verändern, hilft sie mir dabei, meines zu ertragen. Nein, sie hilft mir nicht nur dabei, es zu ertragen, sie macht es besser.

Sie macht es lebbar.

»Bereit?«, fragt sie, Entschlossenheit in der Stimme, die über die Sorge auf ihrem Gesicht nicht ganz hinwegtäuschen kann.

Lächelnd presse ich meine Lippen auf ihre. »Bereit.«

»Aber denk dran: keinen Blickkontakt.« Bevor ich sie daran erinnern kann, dass mir durchaus bewusst ist, mit welchen Maßnahmen ich kreischenden Fans ausweiche, schüttelt sie den Kopf. »Quatsch, das weißt du natürlich.«

Ich streiche ihr eine Strähne aus dem Gesicht. »Keine Sorge. Es wird problemlos klappen.«

Hoffentlich.

»Okay.« Sie nickt tapfer, und mein Herz lächelt noch mehr.

Dann gehen wir los. Mit großem Abstand laufen wir nebeneinander her. Falls mich jemand erkennt, ist es sicherer so. Falls derjenige uns zuvor schon küssend gesehen hat, nicht wirklich.

Dennoch – wir wahren unsere Distanz, haben die Köpfe eingezogen und die Blicke gesenkt. Wir marschieren nicht genau durch die Menge, die sich zum Glück inzwischen auf dem großen See gut verteilt hat, aber auch nicht im riesengroßen Bogen drumherum. Wir versuchen, uns so normal wie möglich zu verhalten. Sind unauffällig, ohne auffällig zu sein.

Es klappt. Wenige Minuten später sitzen wir im Auto.

Mit einem Stöhnen lässt Jenna sich in den Sitz sinken, kaum hat sie die Tür hinter sich zugezogen. »Was für eine Anspannung! Hast du den Typen mit der roten Mütze gesehen? Der, der so komisch geschaut hat? Ich dachte, er spricht dich jeden Moment an. Aber, puh, hat er ja nicht. Es ist alles gutgegangen, oder?«

»Ich denke schon«, erwidere ich nickend, behalte meine Mütze und die Sonnenbrille aber besser noch auf. Denn ja, ich habe den Typen gesehen. Und er hat wirklich komisch geschaut.

Jenna greift nach dem Kaffeebecher in der Mittelkonsole, den sie vorhin gekauft hat, und schüttelt ihn leicht. »Leer. Wie ich befürchtet habe.« Ihr Kopf fällt an die Lehne, bevor sie ihn zu mir dreht, scheinbar mit letzter Kraft. »Ich brauche Kaffee. Viel davon. Schnell. Das schicke Auto hier kann nicht zufällig welchen kochen?«

Lachend schüttle ich den Kopf. »Leider nein.«

»Schade.« Sie seufzt aus tiefstem Herzen. »Sonst hätten wir picknicken können.«

Ich deute auf das Chateau Lake Louise, das Hotel direkt am See. Durch die Bäume blitzt das riesige majestätische Gebäude hervor und ähnelt mit seinen hellgetünchten Türmen und den Rundbogenfenstern tatsächlich einem Schloss. »Dort hätten wir sicherlich eine Kaffeemaschine.«

»O ja, gute Idee!« Jennas Gesicht erhellt sich. »Bestimmt verkaufen sie welchen zum Mitnehmen, an einer Bar oder so. Ich hol uns zwei Becher.« Sie ist bereits dabei, die Autotür zu öffnen, als ich sie am Arm zurückhalte.

»Ich dachte eigentlich eher, dass wir uns den Kaffee selbst kochen.«

Verwirrt sieht sie mich an, sie kann mir nicht folgen.

»Mit der Maschine im Zimmer …«

»Oh.« Ein Lächeln wischt die Verwirrung weg. »Die Idee ist noch besser.« Zu dem Strahlen in ihren Augen legt sich Röte auf ihre Wangen. Sie versteht, was ich ihr wirklich vorschlage – und dass das nichts mit Kaffeekochen zu tun hat.

»Okay.« Sie nimmt ihre Handtasche aus dem Fußraum. »Dann checke ich uns ein. Und schaue auch gleich, wie du unbemerkt ins Haus kommst.«

Ohne lange zu überlegen, und ohne, dass es sich kompliziert anfühlt, schafft sie mir Raum zum Sein. Einfach so. Und das Unglaublichste an der Sache: Sie verfolgt dabei kein eigennütziges Ziel. Sie will weder ein Stück von meinem Ruhm noch mein Geld.

»Mist!«, fluche ich, als mir bei diesem Gedanken einfällt, dass ich eine wichtige Komponente vergessen habe. »Ich habe nicht so viel Bargeld dabei.«

Die Verwirrung kehrt zurück auf Jennas Gesicht. »Brauchen wir doch nicht.«

»Aber du kannst ja nicht mit meiner Karte bezahlen. Ich könnte höchstens meinen Assistenten anrufen, dass er –«

»Quatsch«, fällt sie mir ins Wort. »Ich mach das.«

Jetzt bin ich es, der verwirrt schaut. »Wie? Du?«

Sie kann unmöglich meinen, dass sie die Rechnung für das Hotelzimmer übernimmt. Niemand bezahlt, wenn er mit mir unterwegs ist. Niemals.

---ENDE DER LESEPROBE---