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Niklas Baum pendelt zwischen Japan und Deutschland. Während er sich in Deutschland ein neues Leben als Anwalt aufgebaut hat, ist seine Verbindung zu seiner Frau Noriko und den beiden erwachsenen Kindern, die in Tokio blieben, ungebrochen. Im November 2024 kehrt er für zwei Wochen nach Japan zurück. Diese Reise wird nicht nur ein Wiedersehen mit seiner Familie und eine Erinnerung an sein früheres Leben, sondern auch eine Erkundung der herbstlichen Landschaften und der japanischen Kultur.
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2025
Andreas Kaiser
Momiji
Ein japanischer Herbst
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Einleitung
Erstes Kapitel: Flug nach Tokio
Zweites Kapitel: Wiedersehen in Tokio, Abend in der Deutschen Botschaft
Drittes Kapitel: Bei den Eltern in Fujisawa, Ein unerwarteter Anruf
Viertes Kapitel: Gerichtsverhandlung, Shopping in Sakura-Shinmachi
Fünftes Kapitel: Ein Tag in Toyosu, Fischmarkt und Onsen
Sechstes Kapitel: Samstag in Sakuramachi
Siebtes Kapitel: Sankt Michael in Nakameguro, Ebisu Garden Place
Achtes Kapitel: Fahrt nach Takayama, Das Abendessen
Neuntes Kapitel: Morgen in Takayama, Ausflug nach Shirakawa-gō
Zehntes Kapitel: Letzter Tag in Takayama, Das Takayama Jin’ya
Elftes Kapitel: Im Haus der Schwiegereltern, Geburtstagsüberraschung der Kinder
Zwölftes Kapitel: Nachmittag mit Erik dem Geschäftsmann
Dreizehntes Kapitel: Ausflug nach Futako-Tamagawa, Vielfalt der Kimonos
Vierzehntes Kapitel: Japanische Alltagserfahrungen
Fünfzehntes Kapitel: Abschied von Japan
Impressum neobooks
1.
Es war im Jahr 1999 an einem warmen Herbstmorgen, als Niklas zum ersten Mal in Japan ankam, und er erinnerte sich noch genau an das Gefühl, als er den Flughafen verließ und die frische Luft Japans einatmete - eine seltsame Ahnung von Moderne und Tradition, von Meer und Kiefer. Diese erste Reise nach Japan war der Beginn seiner tiefen Faszination für dieses Land und seine Menschen.
Noriko holte ihn damals am Flughafen Narita ab. Sie strahlte, als sie ihn sah, und in ihrem Lächeln lag die ganze Vorfreude auf das, was er in ihrer Heimat erleben würde. Er war neugierig auf dieses Land, das er bisher nur vage aus Büchern und Filmen kannte.
Schon damals wusste er, dass die Japaner als ein tapferes und diszipliniertes Volk galten. Ihnen wird eine beeindruckende Fähigkeit, sich den Herausforderungen ihres Lebensraums anzupassen nachgesagt. Ihre Kultur ist geprägt von der ständigen Konfrontation mit Naturkatastrophen wie Erdbeben, Taifunen und Vulkanen.
Diese Widrigkeiten haben ein tiefes Bewusstsein für Vergänglichkeit und den Willen geschaffen, trotz aller Hindernisse weiterzumachen und mit Schicksalsschlägen gefasst umzugehen.
Ebenso beeindruckend ist ihr starker Gemeinschaftssinn, der durch die begrenzte Fläche und die hohe Bevölkerungsdichte Japans notwendig wurde. Das Wohl des Kollektivs steht oft über dem des Einzelnen, was sich in der hohen Effizienz und der Zusammenarbeit zeigt, die das tägliche Leben und die Arbeitswelt bestimmen.
Hinzu kommt die tief verwurzelte Liebe zum eigenen Land, zur Geschichte und Kultur. Dies wird sichtbar in der Pflege von Traditionen, dem Respekt für die Natur und in der Ästhetik des Alltags. Die Natur wird nicht als etwas vom Menschen Getrenntes, sondern als Teile des lebendigen Ganzen verstanden, was sich auch in der Shintō-Religion widerspiegelt, wenn etwa ein Baum oder ein Stein als Gottheiten verehrt werden.
Japan ist ein Land der Gegensätze - wild und sanft, modern und traditionsreich. Doch in all diesen Facetten offenbaren sich die drei Eigenschaften, die das Wesen dieses Volkes ausmachen: Tapferkeit, Gemeinschaftssinn und Liebe zur Heimat.
2.
Nun, über zwei Jahrzehnte später, stand er erneut vor einer Reise nach Japan, diesmal am Martinstag 2024. „Es wird eine besondere Reise sein“, wusste er, nicht nur, weil er nach einem Jahr der Abwesenheit zurückkehrte, sondern auch, weil seine Frau Noriko ein sorgfältig geplantes Programm zusammengestellt hatte, das die Schönheit des japanischen Herbstes in den Mittelpunkt stellte.
Die Reise wird nach seiner Ankunft in Tokio beginnen, wo sie gemeinsam als Familie einige Tage verbringen werden. Die geschäftigen Straßen, die prächtigen Parks, ihr Zuhause in Tokio, ihre beiden Kinder und die vertraute Wärme von Norikos Eltern - all das wird wieder Teil seines Alltags sein. Danach führt sie der Weg aufs Land, in die ruhigen Regionen Japans, die im Herbst besonders eindrucksvoll sind. Die leuchtenden Farben der Ahornblätter und die klare, frische Luft versprachen unvergessliche Momente.
Sie werden gemeinsam mit den Schwiegereltern in die bergigen Landschaften von Gifu reisen. Wenn ein jüngeres Ehepaar mit Eltern reist, die über achtzig Jahre alt sind, ist eine gute Planung essenziell, um den Bedürfnissen und Einschränkungen aller Beteiligten gerecht zu werden. Noriko und ihre Mutter waren in dieser Hinsicht zuverlässige Reiseplaner, so dass Niklas sich keine Gedanken zu machen brauchte.
Es wird nicht nur eine Gelegenheit sein, neue Orte kennenzulernen, sondern auch die alten, vertrauten Plätze mit neuen Augen zu sehen. Japan ist wie die ganze asiatische Welt in stetem Wandel begriffen - man steigt auch hier nicht zweimal in denselben Fluss. Im Wandel der Zeit erlebt der Mensch die Welt und sich selbst ständig neu.
Die Zeit mit der Familie, das Wiedersehen mit alten Freunden und die stille Reflexion über Vergangenes und Zukünftiges würden diese Reise zu etwas Einzigartigem machen. Ein neuer Herbst in Japan - und wieder fühlte es sich gut an, nach Hause zurückzukehren.
1.
Entspannt am Flughafen
Der kalte Hauch des Novembers lag über Deutschland, als er sich von Stuttgart aus auf den Weg zum Flughafen Frankfurt Main machte. Er hatte sich bewusst Zeit genommen, frühzeitig am Flughafen zu sein. Der Montagmorgen vor seinem Abflug bot ihm somit noch ein kurzes Zeitfenster, um an einer dringenden Fristsache zu arbeiten, die ihn trotz aller Vorbereitung auch während seiner Reise begleiten würde. Er war sich sicher, dass die Frist eingehalten werden konnte - er hatte alles vorbereitet, bis ins kleinste Detail. Dennoch war er als erfahrener Anwalt darauf eingestellt, flexibel reagieren zu müssen. Fristen dulden keine Verzögerung, auch nicht, wenn man gerade verreist.
Niklas Baum war in Japan schon lange kein Fremder mehr. Zwei Jahrzehnte war Tokio sein Lebensmittelpunkt gewesen, bevor er vor zwei Jahren nach Deutschland zurückkehrte, um Partner einer auf internationales Wirtschaftsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei zu werden. Die ersten Jahre in Japan hatten ihn mit den Eigenheiten des Geschäftslebens vertraut gemacht, mit den Nuancen der japanischen Sprache, den höflichen Formen, hinter denen oft mehr liegt, als es den Anschein hat. Er hatte eine Familie gegründet, zwei Kinder großgezogen, die sich mühelos in zwei Kulturen bewegten. Japan war ihm zur zweiten Heimat geworden - eine, die ihn weiterhin nicht losließ.
In der Lounge saß er an einem der ruhigen Tische, das Notebook vor sich aufgeklappt, das WLAN stabil und schnell. Er war eingeloggt, seine Unterlagen digital griffbereit. Dank der modernen Technologie konnte er seine Arbeit von überall ausführen - ein Segen, wie er immer wieder feststellte. Die Fähigkeit, sich jederzeit nahtlos in seine Systeme einzuwählen, verschaffte ihm eine Freiheit, die bei seinen Mandanten und den oft komplexen Fällen, an denen er arbeitete, unverzichtbar war.
Als er gerade seinen Bildschirm wieder herunterklappte, weil er die letzten Handgriffe für den Morgen erledigt hatte, fiel sein Blick auf seine Uhr. Es war exakt 11:11 Uhr, am 11.11. Ein breites Grinsen zog über sein Gesicht. Die fünfte Jahreszeit hatte begonnen. „Der Karneval ist eröffnet!“, sagte er fröhlich vor sich hin.
Ein Reisender, der in der Lounge neben ihm saß, blickte ihn fragend an. Er entschied sich, den Moment zu teilen, auch wenn sein Sitznachbar wohl kein Deutsch verstand. Er wechselte ins Englische und erklärte mit einem Schmunzeln: „It’s the start of the carnival season in Germany. At this exact time, people begin to celebrate - costumes, parades, and all that. You should try it one day!“ Der Mann, ein offensichtlich international Reisender, nickte höflich, schien aber nicht ganz zu wissen, was er damit anfangen sollte. Niklas musste innerlich lachen. Der deutsche Karneval war eben ein Phänomen, das man erst begriff, wenn man mitten im Geschehen stand.
Der Karnevalsbeginn wäre eigentlich ein guter Moment für ein Glas Sekt, aber nicht, wenn man allein anstößt. Also holte er sich einen doppelten Espresso, genau so, wie er ihn mochte - kräftig, mit viel Zucker und nahm sich dazu die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Niklas ließ seinen Blick über die Schlagzeilen der FAZ wandern - Politik, Wirtschaft, Karneval. Dann blieb er an einer Überschrift hängen: „Neuwahl in Japan, der dösende Ministerpräsident“.
Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Japan hatte also eine neue Regierung - oder besser gesagt, eine neue Minderheitsregierung. Der frisch gewählte Ministerpräsident von der Liberal Demokratischen Partei (LDP), hatte den Wahltag wohl nicht so spannend gefunden wie die restliche politische Elite des Landes. Denn während sich das Parlament in Tokio durch eine knappe Stichwahl kämpfte, hatte er sich im Plenarsaal eine kleine Inemuri-Pause gegönnt - ein kurzes Dösen, das in Japan nicht etwa als Nachlässigkeit gilt, sondern als stilles Ehrenzeichen eines hart arbeitenden Menschen. Niklas stellte sich vor, wie in Deutschland das Medienecho ausfallen würde, wenn ein Kanzlerkandidat während der eigenen Wahl im Bundestag wegdämmere. In Japan? Ein paar Lacher in den sozialen Medien, aber letztlich kein großer Aufreger.
Dabei hätte der Ministerpräsident allen Grund gehabt, hellwach zu bleiben. Sein Sieg war alles andere als ein Selbstläufer gewesen. Am Morgen hatte ein Boulevardmagazin Fotos von dem Vorsitzenden der Demokratischen Volkspartei (DVP), auf deren Stimmen er angewiesen war, veröffentlicht. In einem grauen Kapuzenpullover hatte er sich unauffällig aus einer Bar geschlichen, dicht gefolgt von einer jungen Frau, die eindeutig nicht seine Ehefrau war. Blöd nur, dass der Parteivorsitzende genau an diesem Tag als Königsmacher für den Wahlsieg des Ministerpräsidenten dienen sollte. Die Affäre war also nicht nur privat ein Problem, sondern drohte auch, die politische Balance zu kippen. Doch der Parteivorsitzende der DVP tat, was japanische Politiker in solchen Momenten am besten können: Er verbeugte sich tief, entschuldigte sich öffentlich - und erklärte, dass er mit seiner Familie „noch nicht über alles gesprochen habe.“ Damit war das Thema für den Tag vom Tisch, und der neue Ministerpräsident konnte im zweiten Wahlgang die nötige Mehrheit holen.
Niklas legte die Zeitung zur Seite. Ein Ministerpräsident, der sich mitten in seiner eigenen Wahl einen Powernap gönnt. Vielleicht war das der wahre Ausdruck politischer Gelassenheit. Er nahm den letzten Schluck Espresso. Japan wurde also weiterhin von der LDP regiert, wenn auch mit wackeligen Mehrheiten.
Mit einem zufriedenen Gefühl der Informiertheit lehnte er sich zurück und verweilte einen Moment in der Ruhe. Bald würde sein Flug nach Japan starten, und mit ihm das nächste Kapitel seiner Reise, die wie immer Arbeit und Abenteuer miteinander vereinen würde.
2.
Am Abflug-Gate
Als er durch die langen Gänge des Flughafens schlenderte, spürte er diese unverkennbare Spannung, die immer in der Luft lag, wenn man sich dem Abflug-Gate nähert. Es war eine Mischung aus Abschied und Aufbruch, Vorfreude und Routine, ein Moment auf dem Fahrsteig, in dem Zeit und Raum sich zu dehnen schienen - als würde man im Transit zwischen zwei Welten schweben.
Sein Blick fiel durch die große Fensterfront auf das Jumbo-Jet, das ihn und die anderen Mitreisenden nach Haneda bringen würde. Gut erkennbar war seine lange, schlanke Rumpfform mit der charakteristischen doppelstöckigen Bugsektion und den vier Triebwerken. Bodenfahrzeuge und Verladeaktivitäten waren im Gange, Mitarbeiter in Sicherheitswesten gingen routiniert ihren Aufgaben nach. Der Boden auf dem Vorfeld war nass und an der Fensterscheibe liefen Regentropfen hinunter.
Dieses ikonische Flugzeug, die Königin der Lüfte, strahlte Kraft und Eleganz aus. Die Boeing 747-8 mit dem Taufnamen „Hannover” und der erkennbaren Registrierung D-ABYJ ist Teil der Lufthansa-Flotte. Es bietet Platz für 364 Passagiere und verfügt über eine moderne Kabinenausstattung, die den Passagieren ein komfortables Reiseerlebnis ermöglicht. Doch am Heck fiel ihm etwas Besonderes auf: das alte Lufthansa-Logo, der blaue Kranich im gelben Kreis. „Interessant“, dachte er, „diese Maschine trägt noch das alte Design, während die meisten Flugzeuge längst das neue Logo mit dem weißen Kranich auf blauem Hintergrund haben.“ Der gelbe Kreis erinnerte ihn an die Wärme und Vertrautheit der Vergangenheit, während das neue Design die moderne, aufgeräumte Zukunft repräsentierte.
Am Abflug-Gate war die Szene ganz wie erwartet: Menschen saßen in Grüppchen auf den Sitzen, standen mit ihrem Handgepäck in der Nähe der Anzeigetafel oder versammelten sich an den großen Fenstern. Vor dem Schalter hatte sich bereits eine kurze Schlange gebildet. Die Atmosphäre war gedämpft, aber keineswegs still. Manche sprachen in leisen Tönen, andere scrollten auf ihren Smartphones. Einige Kinder spielten aufgeregt, während ihre Eltern einen beruhigenden Ton suchten, um die Unruhe zu mildern. Es gab die routinierten Vielflieger, erkennbar an den eleganten Trolleys und der Gelassenheit, und die Erstflieger, die aufgeregt die Flugdetails auf ihren Tickets überprüften.
Eine Durchsage ertönte: Das Boarding verzögerte sich, da das Flugzeug erst noch gereinigt werden musste. Während die Ansage auf Englisch wiederholt wurde, nahm Niklas einen Sitzplatz an der Fensterfront. Einige Passagiere starrten genervt auf ihre Uhren, andere schüttelten den Kopf. Neben ihm saß ein Herr mit Dreitagebart und einem senfgrünen Schal, der Niklas mit einem Gesichtsausdruck ansah, als wollte er sagen, „das kann doch nicht wahr sein.“
Niklas lehnte sich leicht zu seinem Platznachbarn und murmelte trocken: „Entweder müssen noch die letzten Konfettireste von der Karnevalsfeier entfernt werden oder der Reinigungsroboter ist ausgebüxt und putzt jetzt das Rollfeld.“
Er musterte Niklas kurz und fragte skeptisch: „Echt jetzt?“
Niklas zuckte mit den Schultern, als wäre es das Normalste der Welt. „Naja, bei der Pünktlichkeit heute würde mich nichts wundern…“
Der Mann mit dem senfgrünen Schal kicherte amüsiert, doch das Warten zog sich für Niklas unangenehm hin.
Er dachte an die bevorstehende Reise, aber auch an die vergangenen Male, die ihn auf diese Route geführt hatten. Ein Flug nach Japan war für ihn der Übergang in eine andere Welt, und gleichzeitig eine Rückkehr nach Hause. Seine Aufmerksamkeit war umso geschärfter, weil immer etwas Unvorhergesehenes passieren konnte - sei es, dass er jemanden begegnete, den er kannte, oder eine interessante Bekanntschaft machte und zu Hause etwas zu erzählen hatte.
Seine Gedanken wanderten. Neben ihm befand sich eine Familie, die sich leise unterhielt, und ein junges Paar, das gemeinsam auf einem Tablet etwas ansah - vielleicht eine Reisedokumentation über Japan? Die Vielfalt der Reisenden beschäftigte ihn. Er fragte sich, was wohl all diese Menschen in Japan suchten. Viele von ihnen schienen Japaner zu sein. Für sie bedeutete dieser Flug eine Heimkehr, zurück nach einer Urlaubs- oder Geschäftsreise.
Die anderen Passagiere, darunter eine bunte Mischung aus Touristen und Geschäftsleuten, waren unterwegs in ein Land, das in den letzten Jahren immer mehr ins Rampenlicht gerückt war. Japan übt eine besondere Anziehungskraft auf Menschen weltweit aus - sei es wegen seiner einzigartigen Kultur, der hochmodernen Städte oder der friedvollen Natur. Manche mögen von den Tempeln Kyotos träumen oder das pulsierende Leben Tokios erleben wollen. Andere reisen mit klaren geschäftlichen Zielen und strikten Zeitplänen. Jeder dieser Reisenden brachte seine eigene Geschichte mit, und doch würden sie bald alle im selben Flugzeug sitzen, das in Richtung Osten durch die Nacht fliegen würde.
Interessanterweise traf Niklas in Deutschland immer häufiger auf Menschen, die bereits nach Japan gereist waren, eine Reise planten oder zumindest davon träumten. Ein Gedanke, der ihn ein wenig nostalgisch machte, weil er selbst mit dem Land eng verbunden war und es berührend fand, dass seine zweite Heimat auch in den Herzen und Träumen sehr vieler Menschen gegenwärtig war.
„Vielleicht noch eine Stunde warten und dann endlich abheben“, dachte er, aber er wusste, dass sein Kopf voller Gedanken bleiben würde. Auf dem Flug würde er die nächsten Schritte in seinen Fällen überdenken - aber auch ein paar Stunden Schlaf einplanen. Er blickte auf die Uhr. Bald würde das Boarding beginnen, und dann gäbe es kein Zurück mehr - nur noch Vorfreude auf das, was kommen würde. Japan wartete.
3.
Business Class
Nachdem er seinen Platz in der Business Class aufgesucht hatte und den älteren japanischen Herrn auf dem Sitz zur Linken begrüßte, verstaute er seinen Rucksack und seine Jacke in dem Gepäckfach über ihm und ließ sich in den breiten Sitz sinken.
Bald trat eine lächelnde Flugbegleiterin an ihn heran. Auf einem silbernen Tablett balancierte sie Gläser mit Sekt, Orangensaft und Wasser, daneben lag eine kleine braune Papiertüte mit gerösteten Nüssen, die sorgfältig mit einem dunkelblauen Klebesiegel mit dem Logo der Fluggesellschaft verschlossen war.
„Willkommen an Bord, Herr Baum. Möchten Sie ein Getränk zur Begrüßung?“, fragte sie mit freundlicher Stimme.
Er ließ einen Blick über das Tablett gleiten. Er entschied sich für ein Glas Sekt, griff mit der anderen Hand nach der kleinen Tüte und nickte der Flugbegleiterin zu. „Vielen Dank“, sagte er höflich und stellte beides auf die seitliche Ablage neben dem Sitz. Der prickelnde Sekt und die schlichte Eleganz der Verpackung der Nüsse erinnerten ihn daran, dass er sich hier in einer Welt befand, in der jeder Moment mit Sorgfalt gestaltet war. Während er einen ersten Schluck nahm, ließ er den Blick zum Fenster hin schweifen. Der Welcome Moment war zwar nur eine kleine Geste, aber für ihn fühlte es sich an wie der Auftakt zu einer Reise, die ihn nicht nur physisch, sondern auch gedanklich in eine andere Welt entführen würde.
Er begann nachzudenken. Warum entscheiden sich Passagiere, Business oder sogar First Class zu fliegen? Es scheint, dass die Gründe so vielfältig sind wie die Persönlichkeiten an Bord. Der Luxus dieser Klassen ist offensichtlich, doch was treibt einen Menschen dazu, so viel mehr zu investieren, als es für einen einfachen Flug nötig wäre?
Für viele war es sicherlich der Komfort. Ein Sitz, der sich in ein Bett verwandelt, ausreichend Platz, um nicht mit den Knien den Vordersitz zu berühren - wer könnte das nicht schätzen, besonders auf einem Langstreckenflug? Diese Menschen wollten entspannt und ausgeruht in Tokio ankommen, bereit, den Tag mit voller Energie zu beginnen. Vielleicht wartete ein dichtes Programm auf sie, und die Möglichkeit, während des Fluges bequemer zu schlafen, war nicht nur angenehm, sondern schlichtweg notwendig.
Dann gab es die Geschäftsreisenden, die mit ihrer Laptop-Tasche und konzentrierten Blicken auffielen. Für sie war die Business Class kein Luxus, sondern ein Arbeitsraum. In der Abgeschiedenheit und Ruhe dieser Kabine konnten sie E-Mails schreiben, Präsentationen vorbereiten oder Strategien für anstehende Meetings ausarbeiten. Für diese Passagiere war es keine Frage des Komforts allein - es war eine Investition in ihre Produktivität und Professionalität.
Natürlich waren da auch jene, die ihren Erfolg sichtbar machten. Sie flogen nicht nur, sie „reisten“ mit Stil. Der Flug war für sie ein Symbol - eine Bestätigung des eigenen Lebenswegs, ein kleiner Triumph über die Strapazen des Alltags. Diese Reisenden schienen das Erlebnis selbst zu genießen: die exklusiven Lounges, die Menüs mit Gourmetgerichten und die Aufmerksamkeit der Flugbegleiter, die jeden Wunsch erahnten.
Lange Reisen sind selbstverständlich auch mit körperlichen Strapazen verbunden. Einige Passagiere sahen müde aus, vielleicht oft unterwegs, und die Business Class war für sie eine Notwendigkeit, um die Belastungen des Vielfliegens zu mildern. Für ältere Reisende oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen war es eine pragmatische Entscheidung, die ihre Reise erleichtern sollte. Der zusätzliche Platz und die Ruhe waren nicht nur ein wohltuender Komfort, sondern eine Erleichterung für Körper und Geist.
Auch gab es die Glücklichen, die von Vielfliegerprogrammen profitierten. Sie hatten klug Punkte gesammelt und belohnten sich nun mit einem Upgrade. Für sie war es ein kleines Abenteuer, ein luxuriöser Bonus, der die Mühen vergangener Reisen wettmachte. Einige von ihnen schienen das Erlebnis regelrecht zu feiern, ihre Augen leuchteten, als der Sekt serviert wurde.
Und schließlich die Romantiker: diejenigen, die sich eine besondere Reise gönnten. Vielleicht war es eine Hochzeitsreise, ein runder Geburtstag oder einfach der Wunsch, eine seltene Gelegenheit zu genießen. Für sie war die Business Class nicht nur ein Nebenaspekt, sondern ein wesentlicher Teil des Erlebnisses, das den Urlaub oder die Reise bereits an Bord beginnen ließ.
Er fragte sich, wie er selbst in dieses Bild passte. Langstrecken mochte er nicht mehr mit Economy fliegen, doch First Class musste es für ihn auch nicht sein. War er hier, um ausgeruht zu sein, um einen Moment des Luxus zu genießen, oder um seine Reise zu etwas Besonderem zu machen? Vielleicht war es von allem ein wenig. Doch eines stand für ihn fest: Die Art des Reisens spiegelt immer auch wider, welche Ziele, Wünsche und Prioritäten jeder Reisende in seinem Leben verfolgt.
4.
Reisebegegnungen
Nachdem das Flugzeug mit einer Stunde Verspätung abhob und über den Wolken dahinflog, hörte er um sich herum Gespräche in verschiedenen Sprachen. Vor allem Deutsch, Japanisch und Englisch konnte er im Stimmengewirr ausmachen. Einige Passagiere sprachen leise miteinander über ihre Reisepläne, vielleicht erste Eindrücke oder über ihre Vorfreude auf das Ziel. Andere unterhielten sich angeregt, schauten einen Film, während andere ganz in ihre eigenen Gedanken versunken schienen, die Augen geschlossen hatten oder ein Buch lasen.
Allein reisen kann bei einem Flug von gut vierzehn Stunden langweilig sein - muss es aber nicht. Niklas erinnerte sich gerne an eine nette Begegnung, die ihm unvergesslich blieb. Bei einem seiner letzten Flüge saß er in der Business Class zufällig neben dem prominenten japanischen Fußballspieler Takuma Asano. Es war eine überraschende Begegnung, die Niklas nachhaltig beeindruckte. Asano, damals Stürmer des VfL Bochum in der Bundesliga und der japanischen Nationalmannschaft, war nicht nur ein talentierter Athlet, sondern zeigte sich auch als ausgesprochen höflicher und sympathischer Gesprächspartner. Beim Essen entschied sich Niklas spontan, das gleiche Menü wie Asano zu bestellen - eine kleine Geste, die verstanden wurde, das Gespräch auflockerte und sofort eine zwischenmenschliche Verbindung herstellte. Sie führten ein angeregtes Gespräch über Sport - Niklas konnte immerhin mit seinem Deutschen Sportabzeichen in Gold aufwarten, während Asano über seine Leistungen im Profifußball erzählte.
Asano war vielen durch sein Tor gegen Deutschland bei der WM 2022 in Katar ein Begriff, ein Moment, der das Ende der deutschen Träume in der Vorrunde besiegelt hatte und Asano in seiner Heimat zum Helden machte. Obwohl Niklas ein leidenschaftlicher Fan des deutschen Fußballs war und beim Gedanken an dieses Spiel ein Hauch Enttäuschung mitschwang, konnte er den Japanern diesen Erfolg gönnen. Die Begegnung mit dem Fußballhelden hatte etwas Beiläufiges und doch Verbindendes, eine Erinnerung und ein gemeinsames Foto, das Niklas später gerne in Japan zeigen konnte.
5.
Westliches Abendessen
Die Flugbegleiterin, eine freundliche Japanerin, die perfekt Deutsch sprach, reichte ihm lächelnd die Speisekarte. Zwischen japanischem und westlichem Menü wählend, entschied er sich für Letzteres.
Als Vorspeise gab es marinierte Rote Bete mit körnigem Frischkäse, Quitte, Petersilien-Mayonnaise und einen frischen Salat aus Quinoa-Linsen, Gurken und gerösteten Kürbiskernen. Als Wein wählte er einen Rosé 2023er Pfefferer Pink aus Südtirol. Dieser hatte einen ansprechenden, aromatischen Duft und eine leuchtend zartrosa Farbe. Beim ersten Schluck war zu spüren, wie die zarten Beerenaromen den Geschmack des Gerichts ergänzten, während die mineralische Frische des Weins die herzhafte Textur des Brotes und die nussigen Kürbiskerne im Salat auflockerte. Die fruchtige Frische und die subtilen Noten von Beeren harmonierten perfekt mit den erdigen Aromen der roten Bete und dem milden Frischkäse, zudem setzte die leichte Säure des Weins einen feinen Kontrast zur süßlich-würzigen Quitte und der cremigen Mayonnaise. „Ein harmonisches Zusammenspiel“, dachte er zufrieden.
Die Hauptspeise, Kabeljau Finkenwerder Art mit Weißweinsauce und Röstkartoffeln, war ein Genuss, der an deutsche Küsten erinnerte. Dazu eignete sich ein Weißwein, der 2022er Kallfelz Riesling Schiefer von der Mosel als Begleiter, weil dessen mineralische Eleganz und ausgewogene Säure perfekt zu der herzhaften Kombination aus Kabeljau, Specksauce und Röstkartoffeln passten. Die feinen Aromen von Steinobst und die dezente Schieferwürze des Weins harmonierten ideal mit der milden, saftigen Textur des Fischs und setzten gleichzeitig einen frischen Kontrast zur würzigen Specksauce. Beim Trinken empfand er den Riesling als belebend und klar, mit einer präzisen Struktur, die das Gericht wunderbar ergänzte. „Ein perfekt abgestimmtes Duo“, befand Niklas, während die mineralischen Noten des Weins noch auf seiner Zunge nachklangen.
Schließlich wurden verschiedene Sorten Käse serviert. Auf Empfehlung der Flugbegleiterin entschied er sich dazu für einen Portwein. Dessen reichhaltige Süße und Tiefe erwiesen sich als eine ideale Ergänzung zu den vielfältigen Aromen der Käseplatte. Die cremige Textur des Montagnolo harmonierte besonders gut mit den fruchtigen Noten des Portweins, während die kräftigen, nussigen Aromen des Mölltalers und die Milde des mittelalten Goudas durch die Süße des Ports elegant hervorgehoben wurden. Der Portwein griff zudem die Fruchtigkeit des Aprikosen-Chutneys auf und brachte alle Komponenten zusammen. „Ein würdiger Abschluss für ein gelungenes Abendessen", fand Niklas.
Während Niklas in der einigermaßen warmen Flugzeugkabine noch den restlichen Portwein genoss, trugen ihn seine Gedanken zurück in den herbstlichen deutschen Wald.
Der Wald im Herbst ist ein Ort voller Romantik und Ruhe, ein Spiel der Farben und ein Tanz des Lichts. Die tiefstehenden Sonnenstrahlen, die schräg zwischen den Stämmen von Buchen, Eichen und Tannen hindurchfallen, tauchen die Blätter in ein goldgelbes Leuchten. Bei jedem Windstoß lösen sich Blätter und verwandeln den Waldboden in einen raschelnden Teppich aus Farben und Formen, ein Mosaik, das mit jeder Brise neugestaltet wird.
Die letzten Blüten des Jahres halten den Morgentau, als hätten sie die Nacht durchgetanzt und blieben nun stehen, um sich zu erholen. Zarte Spinnweben glitzern in der Sonne und lassen den Wald im Morgenlicht fast magisch erscheinen. Das Moos bedeckt Steine und Wurzeln wie ein grünes Fellkissen, und die feuchte Erde atmet einen Geruch aus, der die Sinne mit köstlicher Frische füllt. Über Nacht sprießen Pilze aus dem Boden, geheimnisvolle Botschafter des Herbstes.
Für Künstler wie Caspar David Friedrich und Dichter wie Goethe oder Eichendorff war der deutsche Wald ein Ort der Sehnsucht. Hier, im geheimnisvollen Land der Märchen, leben Riesen wie Rübezahl und die Figuren unserer Kindheitserinnerungen - Hänsel und Gretel, die sich im Dickicht verlaufen. Der Wald ist ein Raum, der seinen eigenen Rhythmen und Regeln folgt, und das ist vielleicht sein Geheimnis, das er an uns Menschen weitergibt. Viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauert es, bis ein Baum seine volle Größe erreicht; er lebt im Rhythmus der Jahreszeiten, einem uralten Takt, der in unserer schnelllebigen Zeit fast vergessen scheint.
Im Wald vergeht die Zeit langsamer, sagen viele. Die Menschen fühlen sich dort wie in einer anderen Welt, ein wenig entrückt von der Hektik der Zivilisation. Eine innere Ruhe stellt sich ein, und vieles, was vorher wichtig schien, wird bedeutungslos. Hier, in der Höhe der Wolken, auf dem Weg über Ozeane und Kontinente, nahm er sich vor, diese Erinnerung an die Stille des Waldes zu bewahren - als einen stillen Begleiter auf seinem Weg zurück nach Japan, in sein zweites Zuhause.
6.
AirPods sorgen beim Flug für Stille
Er lehnte sich entspannt in seinem Sitz zurück, das monotone Brummen der Flugzeugturbinen kaum mehr wahrnehmbar. Seine AirPods Pro saßen bequem in den Ohren. Die aktive Geräuschunterdrückung dieser kabellosen Ohrhörer reduzierte das dröhnende Grundrauschen des Flugzeugs auf ein kaum hörbares Summen, als ob die Außenwelt hinter einer schalldichten Barriere lag. Was für ihn ein kleines technisches Wunder war, basiert auf dem physikalischen Prinzip der destruktiven Interferenz, wobei Störgeräusche neutralisiert werden, indem entgegengesetzte Schallwellen erzeugt werden. Besonders wirksam ist dieses Verfahren bei gleichmäßigen, tiefen Geräuschen – etwa dem Dröhnen eines Flugzeugs. Die Silikonaufsätze der AirPods Pro dichten den Gehörgang zusätzlich ab und sorgen so für eine passive Dämmung, die die Wirkung der aktiven Geräuschunterdrückung verstärkt.
Diese Stille umhüllte ihn. Es war nicht die absolute Ruhe, die man in einem abgelegenen Tempel oder Kloster erleben konnte, aber sie war ausreichend, um den Geist klar bleiben zu lassen.
Der Silikonaufsatz sorgte auch dafür, dass die AirPods im Ohr angenehm an Ort und Stelle blieben, doch er wusste aus Erfahrung, dass sie bei einer unbedachten Bewegung leicht herausfallen konnten. Er hatte sich angewöhnt, regelmäßig zu prüfen, ob sie sicher saßen - ein schneller Griff zum Ohr genügte.
Trotzdem war er vorsichtig. Während der Sicherheitsdurchsagen schaltete er die Geräuschunterdrückung ab und aktivierte die Transparenzfunktion der AirPods, die Umgebungsgeräusche verstärkte, sodass er jedes Wort der Crew verstehen konnte. Diese Funktion schätzte er sehr - sie war nicht nur praktisch, sondern auch ein kleiner Beitrag zur Sicherheit.
Er erinnerte sich daran, die Akkulaufzeit im Auge zu behalten. Die AirPods hielten mehrere Stunden, aber bei einem Langstreckenflug nach Japan war es unvermeidlich, dass er sie irgendwann im Ladecase aufladen musste. Vorsorglich hatte er das Case griffbereit in der Brusttasche seines Hemdes verstaut, wo es sicher lag und nicht in den Tiefen seines Handgepäcks verschwinden konnte.
Manchmal überlegte er, ob diese kleinen, modernen Kopfhörer wirklich zu ihm passten. Sie waren technologisch beeindruckend, ja, aber auch leicht zu verlieren. Einmal war ihm ein AirPod während eines Flugs herausgerutscht und unter den Sitz seines Nachbarn gerollt. Seitdem achtete er penibel darauf, keine zu schnellen Bewegungen zu machen.
Und so saß er über den Wolken, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Die Welt draußen war gedämpft, die Gedanken in seinem Kopf jedoch klar und frei. Mit seinen AirPods schuf er sich einen Raum der Ruhe, mitten in einem vollbesetzten Flugzeug - ein Stück Komfort, das ihn ganz bei sich bleiben ließ.
7.
Die Route nach Japan hat sich geändert
Niklas blickte zum Fenster und dachte darüber nach, wie sich die Route nach Japan wegen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine verändert hatte. Nach dem Beginn des Krieges verhängte die EU-Sanktionen gegen Russland, darunter ein Flugverbot für russische Airlines im europäischen Luftraum. Als Gegensanktion sperrte Russland den eigenen Luftraum für europäische und nordamerikanische Fluggesellschaften. Seither umflogen Europas Fluggesellschaften den russischen Luftraum, was Asienflüge länger und teurer machte. Früher war der Weg über die Großkreisroute direkter und schneller gewesen - quer über Nordeuropa, Russland, über die Weite Sibiriens und schließlich über das Japanische Meer. Doch das gehörte jetzt der Vergangenheit an.
Nun führte der Weg deutlich südlicher. Nach dem Überflug über Österreich, Ungarn und Rumänien, mit einem weiten Bogen über das Schwarze Meer und über Georgien und durch Zentralasien - über Usbekistan und Kirgisistan, hinein nach China. Schließlich über Südkorea und das Japanische Meer nach Japan, bevor die Maschine zur Landung auf dem Flughafen Tokio-Haneda ansetzen würde.
Es war eine ungewöhnliche Route, die ihn wieder daran erinnerte, wie sich die Welt verändert hatte. Energiepreise waren gestiegen, Lieferketten unterbrochen und Millionen Menschen mussten aus ihrer Heimat fliehen, während sich alte Bündnisse neu formierten - die Europäer in der NATO rückten enger zusammen, Russland suchte neue Partner in China und Indien. Während in der Ukraine Menschen und Tiere den Horror des Krieges erleben mussten, Städte zerstört und Landschaften verwüstet wurden, litt nicht nur die unmittelbare Umwelt unter den Folgen von Bombardierungen, Bränden und verseuchten Böden – auch global hinterließ der Krieg tiefe Spuren: Vor allem Länder im Nahen Osten, in Afrika und Südasien, die in hohem Maße auf Weizen- und Düngemittelexporte aus der Ukraine und Russland angewiesen waren, sahen sich mit drastischen Preissteigerungen, Versorgungsengpässen und wachsender sozialer Instabilität konfrontiert. Die Energiepreise schnellten weltweit in die Höhe, und insbesondere einkommensschwache Staaten gerieten durch Inflation, Schuldenlast und politische Spannungen zusätzlich unter Druck.
Die Route mochte länger sein, doch sie war für Niklas mittlerweile vertraut geworden. Und obwohl sie einen Umweg bedeutete, blieb eines für ihn gleich: das Ziel, das ihn jedes Mal aufs Neue willkommen hieß - Japan.
8.
Die Sonne geht unter
Niklas bat eine Frau am Fensterplatz auf Japanisch, mit seinem Handy ein Foto des herrlichen Sonnenuntergangs über dem Wolkenmeer zu machen und bekam sein Handy zurück mit dem gewünschten Bild. Er bedankte sich höflich und erhielt noch dazu ein freundliches Lob für seine Japanisch-Kenntnisse.
Durch das kleine Fenster beobachtete Niklas, wie die Sonne langsam am Horizont verschwand. Die Farben am Himmel - ein Spektrum von glühendem Orange bis zu tiefem Purpur - waren so lebendig und flüchtig, dass sie wie ein Gemälde wirkten, das sich vor seinen Augen auflöste. Es war ein Schauspiel der Vergänglichkeit, das Niklas jedes Mal aufs Neue bewegte.
Jeder Sonnenuntergang ist nicht nur ein Ende, sondern auch ein Anfang. Die Sonne verschwindet nicht, sie zieht sich nur zurück, um an einem anderen Ort erneut aufzugehen.
Genau wie seine Reise. Er verließ den Westen, einen Ort voller vertrauter Muster und Gewohnheiten, und bewegte sich nach Osten, zum Land der aufgehenden Sonne, wo alte Tradition auf hochmoderne Technologie trifft. Der Sonnenuntergang markierte nicht den Abschied von einer Welt, sondern den Übergang in eine andere. Es sind diese Übergänge - zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Altem und Neuem -, die das Leben im Besonderen ausmachen.
Er fühlte sich leicht, während das letzte Sonnenlicht verging. Was auch immer hinter ihm lag, blieb dort. Vor ihm war der Morgen Japans, ein neuer Tag, ein neuer Rhythmus.
9.
Ruhe im Kopf
Niklas lehnte sich zurück, die Geräuschunterdrückung seiner AirPods tauchte ihn in eine fast unwirkliche Stille. Das Abendessen war eine gelungene Komposition aus Genuss und Ästhetik gewesen, aber doch nur ein Vorgeschmack auf das, was ihn kulinarisch in Japan erwarten würde, und nun ließ er seinen Blick über die Bildschirme der anderen Passagiere gleiten. Szenen von Actionfilmen, romantischen Komödien und animierten Abenteuern blitzten auf - eine Flut an Eindrücken, die ihn nicht reizte oder die er sich versagte.
Während die Welt unter ihm in schimmernde Farben der Dämmerung getaucht wurde, empfand Niklas etwas, das für viele heute eine Seltenheit war: Ruhe. Für ihn wurde dieser Teil der Reise ein kostbarer Moment der inneren Einkehr. Und nichts störte diese friedliche Stimmung mehr als die lauten Bilder, die um Aufmerksamkeit buhlten, oder die rhythmischen Klänge, die seine Gedanken übertönten. Fern von zuhause war das Flugzeug für Niklas ein Rückzugsort. Ein Ort, an dem er nicht funktionieren, sondern einfach nur sein wollte - mit einem klaren Kopf und dem Bewusstsein der stillen Weite über den Wolken.
Den Wert der Stille hat er auch in Japan entdeckt, eine Stille, die ihm Klarheit schenkte. In der Ruhe über den Wolken konnte er die Gedanken fließen lassen, frei von den Narrativen anderer. Die Welt war für ihn faszinierend genug, wenn man sie nicht gefiltert bekam, sondern den Blick offenhielt. Während das Flugzeug gleichmäßig in Richtung Japan flog, wusste Niklas, dass er hier - in diesem Zustand der Ruhe - genau dort war, wo er jetzt sein wollte.
10.
Das Heike Monogatari
Nachdem Niklas seinen Sitz in eine angenehme Position gebracht hatte, legte er sich die weiche Lufthansa-Decke über die Beine, die eine angenehme Wärme brachte. Das Kissen, das er hinter seinen Kopf klemmte, stützte ihn perfekt, sodass er bequem sitzen konnte. Er griff zu dem Buch, das er in der Tasche neben sich aufbewahrt hatte: eine neue deutsche Übersetzung des Heike Monogatari - Der Sturz des Hauses Taira. Als eine der großen klassischen Erzählungen Japans beschreibt es die dramatischen Ereignisse des Genpei-Krieges (1180-1185), einer historisch belegbaren Auseinandersetzung zwischen den Taira (Heike) und den Minamoto (Genji), die schließlich zur Niederlage und zum Untergang des mächtigen Hauses Taira führte.
Er öffnete die Seite, die er zuletzt gelesen hatte - über das Mordkomplott am Kaiserhof.Taira no Tadamori, ein Krieger und Emporkömmling am Kaiserhof, erkannte die ihm drohende Gefahr: Hofadelige planten, ihn in eine Falle zu locken. Eine Waffe am Kaiserhof zu tragen war verboten, doch Tadamori trug ein silberbeschichtetes Holzschwert. Als er es zog, gerieten seine Gegner in Panik - überzeugt, es handle sich um eine scharfe Klinge. Ohne Blutvergießen vereitelte er den Anschlag und bewies mit klarem Verstand, Gelassenheit und taktischer Raffinesse seine Überlegenheit. Der Kaiser lobte ihn für seine Umsicht, und Tadamoris Einfluss wuchs. Diese Episode markiert den Beginn des Aufstiegs des Schwertadels und der späteren Samurai als politische Macht am Kaiserhof.
Niklas fuhr mit den Fingern leicht über die Ränder des Buches, als wollte er die Verbindung zu dem Werk spüren, bevor er zu lesen begann. Die Geschichte war eine bewegende Mischung aus heroischen Schlachten, persönlichem Leid und tiefgründiger Reflexion über die Vergänglichkeit allen Lebens - ein zentrales Thema in der japanischen Kultur, bekannt als mujō (Vergänglichkeit).
Niklas bewunderte die kunstvolle Sprache der Übersetzung, die die Poesie und die tiefen Emotionen des Originals eingefangen hatte. Er war fasziniert von den Schicksalen der Protagonisten, den opferbereiten Kriegern und den tragischen Momenten der Machtlosigkeit.
Während das Flugzeug stetig durch die Nacht glitt, schien die Zeit für Niklas stillzustehen. Die Welt um ihn herum verblasste, und nur die epische Geschichte des Hauses Taira blieb. Es war, als hätte er nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit überwunden, um in die mittelalterliche Welt Japans einzutauchen.
11.
Die Nacht vergeht im Flug
Niklas erhob sich von seinem Platz, eine Anzeige zeigte die Toilette als frei an und er ging leise den Gang entlang. Die Kabine war in schummriges Licht getaucht, die meisten Mitreisenden schienen bereits zu schlafen. Als er vor der kleinen Toilettentür stand, schob er sie zur Seite - eine klappbare Falttür, die beim Öffnen leise knarrte und sich wie eine Ziehharmonika zusammenschob. Praktisch konstruiert, dachte er, um in diesen engen Räumen Platz zu sparen. Mit einem kurzen Klick schob er den Riegel vor, und das Licht in der Kabine ging automatisch an.
Der Raum war funktional, minimalistisch, und doch bot er alles, was er brauchte. Niklas öffnete seinen Kulturbeutel und zog seine hölzerne Zahnbürste hervor. Er drückte etwas Zahnpasta aus der kleinen Tube auf die Borsten und begann, sich die Zähne zu putzen. Die leichten Bewegungen des Flugzeugbodens unter seinen Füßen erinnerten ihn daran, dass sie noch immer in großer Höhe flogen - über welchem Land oder Gewässer, wusste er nicht genau. Vielleicht das Schwarze Meer oder irgendwo über Zentralasien? Der Gedanke war flüchtig, und er konzentrierte sich wieder auf seine Routine.
Nachdem er gründlich gespült hatte, wusch er sich die Hände und warf noch einen prüfenden Blick in den Spiegel. Die Flugzeugbeleuchtung ließ seine Züge etwas härter erscheinen, aber er war zufrieden. Seine Augen wirkten müde, aber seine Vorfreude auf Japan war ungebrochen.
Zurück an seinem Platz machte er sich fertig zum Schlafen. Er stellte den Sitz in eine flache Liegeposition, zog die weiche Liegedecke hervor und rollte sie so aus, sodass die richtige Seite nach unten zeigte. Er sank in die waagerecht gestellte Liege, fühlte das leichte Nachgeben der Polster und atmete erstmals auf, als hätte er sein privates Refugium über den Wolken gefunden. Das Kissen schob er sich bequem unter den Kopf, legte die Schlafmaske an und steckte seine AirPods wieder in die Ohren. Die Geräuschunterdrückung schirmte ihn von den Geräuschen der Kabine ab, und er schloss die Augen.
Der Schlaf kam nur langsam, und Niklas driftete allmählich in einen lebhaften Traum. Er war wieder in den japanischen Nordalpen, umgeben von den dichten Wäldern von Kamikōchi. Die klare Luft füllte seine Lungen, und die Geräusche des Waldes - das Plätschern eines Bergbaches, das Rascheln von Blättern im Wind - waren so real, dass er den festen Boden unter seinen Wanderstiefeln spürte. Er sah sich selbst steigen, Schritt für Schritt höher, bis er die kargen, felsigen Höhen des Hotaka-Massivs erreichte. Der Wind war kühl, fast beißend, und dennoch erfüllte ihn die erhabene Aussicht mit Wärme. Er war auf dem Dach Japans, über den Wolken, die sich wie ein unendliches Meer unter ihm erstreckten.
Doch plötzlich veränderte sich die Szenerie. Die schroffen Berge wichen einer lieblichen Landschaft. Seine Frau tauchte in seinem Traum auf, ihr Lächeln voller Vorfreude auf seine Ankunft. Sie sprach von der Präfektur Gifu, von Takayama und den heißen Quellen, den Onsen, die sie besuchen wollten. Niklas sah sich in einer anderen Welt - nicht auf steilen Bergpfaden, sondern in einem dampfenden Becken aus warmem Quellwasser, umgeben von herbstlich gefärbten Bäumen.
In seinem Traum glitt das Bild von einem Moment zum nächsten, doch die Nordalpen blieben in Sichtweite. Von Takayama aus konnte man die majestätischen Gipfel am Horizont erkennen - die gleichen Berge, die er einst erklommen hatte. Es war, als lägen Vergangenheit und Gegenwart übereinander. Der Kontrast zwischen der rauen Wildheit der Dreitausender und der friedlichen Idylle der Landschaft der Präfektur Gifu faszinierte ihn.
Er sah sich und seine Frau in Takayama, wo sie durch die gut erhaltenen Straßen mit ihren alten Holzhäusern schlenderten. Sie probierten regionale Spezialitäten - Hida-Rindfleisch, süße Reiskuchen und den berühmten Sake der Region. Die Sonne schien mild, und ein frischer Wind trug den Duft von Kiefern heran.
Der Traum führte ihn weiter: Ein Ausflug zu einem Tempel, verborgen in den Bergen von Gifu. Der Pfad war von moosbewachsenen Steinen gesäumt, und die Stille wurde nur vom Zwitschern der Vögel durchbrochen. Der fröhliche, klare Gesang der Kohlmeise ist fast ein akustisches Symbol des ländlichen Japans. Dort, am Fuße der Nordalpen, spürte Niklas eine tiefe Verbindung - nicht nur zu den Bergen, auf denen er so oft unterwegs war, sondern auch zu diesem für sie neuen, ruhigeren Teil Japans, den er mit seiner Frau entdeckte.
Als er schließlich langsam aus seinem Traum erwachte, blieb das Gefühl von Harmonie und Vorfreude. Die Reise würde anders sein als seine früheren Abenteuer, doch sie versprach, genauso erfüllend zu werden. Über den Wolken in der Dunkelheit der Flugzeugkabine lächelte Niklas leicht, zog die Decke fester um sich und ließ sich erneut in den Schlaf sinken.
Mit diesem Gedanken, der Vorfreude auf Altbekanntes und doch Neues und dem leisen Dröhnen des Flugzeugs ließ sich Niklas schließlich doch in den Schlaf wiegen. Wo auch immer sie gerade flogen - unter den Sternen und über unbekannten Landschaften - war er für diesen Moment ganz im Einklang mit sich selbst.
12.
Japanisches Frühstück
