Monas Engel - Regina Esch - E-Book

Monas Engel E-Book

Regina Esch

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Beschreibung

So hat sich Mona ihren Schutzengel bei Gott nicht vorgestellt: ein sturer, ungebildeter Kerl mit fragwürdiger Lebensweise, zudem tollpatschig und nervtötend. Kein Wunder, dass sie so oft Pech im Leben hat, weil dieser himmlische Versager seinen Job nicht versteht. Wenn sie ihre Arbeit als Kellnerin in einer rheinischen Gaststätte so meistern würde wie ihr Engel seine Mission, wären die beiden schon längst arbeitslos. Dabei hätte Mona gerade jetzt nach dem tödlichen Verkehrsunfall von Tim wahrhaft Beistand nötig. Ihre beste Freundin Susanne taugt leider nur bedingt als Trauerexpertin, weil deren vergebliche Suche nach dem perfekten, bedürfnisfreien Gentleman viel Zeit in Anspruch nimmt. Und Monas Engel verfolgt andere Ziele. Er träumt davon, die junge Frau zu sich zu holen, an seinen Ort der Ewigkeit. Ausgerechnet zur Karnevalszeit, wenn Kirchenengel zum Himmel stürmen und Susanne endlich fündig wird, will er seinen Plan verwirklichen.

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Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Der Mensch strebt nach Freiheit, der Engel auch, letztendlich, doch zunächst wäre er auch mit einem eigenen Namen zufrieden, „Schutzengel“ vielleicht.

1 Wie fühlt man sich in den letzten Sekunden davor, dachte Mona und ließ ihren Blick über die schmalen, bunten Blumenbeete schweifen. Spürst du die Bedrohung, ergreift dich unerklärliche Panik oder schwebst du schon die letzten Schritte, sanft und leicht?

Unschlüssig zuckte sie mit den Schultern und ging langsam weiter. Der feuchte Kies knirschte unter ihren Stiefeln und bildete die Form ihres Absatzes nach. Mona hinterließ auf dem ebenen Weg eine vollendete Fußspur und es war, als folgte sie ihren eigenen Schritten. Dann blieb sie stehen und sah sich suchend um.

Wo war Tim nur?

Zwischen den hohen Laubbäumen, die den Weg säumten, drangen einige Sonnenstrahlen auf das leuchtende Feld. In allen Farben strahlten die Herbstblumen, liebevoll eingepflanzt zwischen braunen Haselnusssträuchern und blaugrünen Koniferen, die ihre Zweige über die steinernen Einfassungen hinaus streckten und mehr Platz beanspruchten, als ihnen eigentlich zukam.

Mona kniff die Augen zusammen und versuchte die Namen zu lesen. Dann schüttelte sie den Kopf und überlegte.

Typisch, dachte sie, Tim ist nie dort, wo man ihn vermutet.

Aus der Innentasche ihrer dunklen Lederjacke zog sie eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug heraus.

Während sie sich eine Zigarette anzündete, registrierte sie den vorwurfsvollen Blick einer älteren Dame, die mit einer Gießkanne in der Hand gerade an ihr vorüberging.

„Was ist los?“, rief Mona ihr nach. „Darf man nicht einmal mehr hier rauchen?“

Die alte Frau drehte sich um und legte den Finger auf den Mund. Ihre Augen blickten streng und gnadenlos. Mona wandte sich um und ging weiter.

Armer Tim, dachte sie mitleidig, er wird sich nicht wohlfühlen an einem Ort, an dem man weder sprechen noch rauchen darf, und wer weiß, was hier noch alles verboten ist.

Sie verließ den Kiesweg und betrat einen lehmigen Pfad, der die einzelnen Reihen voneinander trennte. Am Ende des Weges direkt unter den Ästen einer mächtigen Kastanie fand sie ihn schließlich. Die Kränze waren bereits weggeräumt worden und an Stelle von Blumen schmückten bunte Blätter und braune Kastanien in grünen, stacheligen Hüllen das Grab. Auf dem schlichten Holzkreuz stand in schwarzer Schrift sein Name: Tim Linde.

Mona warf die Zigarette auf den Boden und trat sie aus. Schweigend starrte sie auf das Grab.

Was fühlt man in den letzten Sekunden, dachte sie. Hast du geahnt, was dich erwartet? Hast du dir überhaupt Gedanken darüber gemacht?

Mona atmete tief ein.

Mein Gott, woran denkt man schon, wenn man aus dem Kino kommt? Eß ich noch eine Pizza, geh ich nach Hause oder schau ich vorher bei Mona vorbei?

Hast du zuletzt an mich gedacht?

Ihr Blick verwässerte sich leicht, vermutlich weil die Sonne sie blendete. Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen und steckte sich dann eine weitere Zigarette zwischen die Lippen.

Er muss es mir später einmal erzählen, dachte sie, während sie die Zigarette anzündete. Seine letzten Gedanken interessieren mich.

Unschlüssig blickte sie auf das Holzkreuz. Dann bückte sie sich und hob eine Kastanienhülle auf. Vorsichtig fuhr sie mit dem Finger über die Stacheln.

„Das passt zu dir!“, sagte sie leise. „Du bist auch immer so widerspenstig und eigensinnig. Immer machst du, was du willst, ohne Rücksicht auf mich. Wer schreibt jetzt die Texte zu meinen Bildern? Wie soll ich unseren Comic fertig stellen, ohne deine Ideen?“

Sie schluckte und inhalierte tief.

„Warum, zum Teufel, hast du nicht aufgepasst, als du über die Straße gegangen bist?“

Die Kastanienhülle stach ihr in den Finger und sie ließ sie fallen. Ihre Augen folgten der grünen Hülle, die sich leicht in die feuchte Erde eingrub. Der Wind wehte sacht durch die Äste des Baumes und warf ein paar große, dunkelrote Blätter darüber.

Mona schnippte die Zigarette weg und zog einen schwarzen Filzstift aus ihrer Hosentasche. Sie ging die zwei Schritte bis zum Kreuz und hockte sich daneben. Geübt und schnell zeichnete sie unter den Namen ihres Freundes eine kleine, schrille Gestalt. Dann schrieb sie einen Satz darunter und richtete sich wieder auf.

Zufrieden betrachtete sie ihr Werk.

„Damit du mich nicht vergisst!“, sagte sie leise, vergrub die Hände in den Taschen und wandte sich um.

Während sie eilig über den Friedhof lief, dachte sie nur an Tim, an seine hellblond gefärbten Haare, die ungebändigt und chaotisch von seinem Kopf abstanden, an seine warmen, blauen Augen, die fast immer lächelten, auch wenn er wütend war, und an seine hellen, roten Lippen mit den scharfen Konturen, die sie so gerne geküsst hatte.

Ein Gefühl von Liebe und Sehnsucht erfasste ihren Körper, und die Wehmut trieb ihr die Tränen in die Augen. In ihrem Blick verschwammen die grauen Kieswege und die bunten Gräber miteinander und bildeten ein ornamentales Muster. Ohne auf eine Richtung zu achten, bog Mona mal rechts und mal links ab und fand den Ausgang des Friedhofs nicht wieder. Neben einem steinernen Sockel, der sich majestätisch zwischen großen Eichen erhob, blieb sie schließlich stehen und wischte sich energisch die Tränen aus dem Gesicht. Dann hob sie den Blick und versuchte sich zu orientieren.

Die mit üppigen Grabsteinen und Engelsfiguren ausgestatteten Gräber wirkten verwahrlost. Moos zog sich über die Steine und Unkraut wucherte auf den Erdhügeln.

Hier und da blühten wilde Astern und Kornblumen. Wie eine Wächterfigur erhob sich auf dem Steinsockel neben ihr ein lebensgroßer Engel aus Bronze mit grüner Patina.

Staub breitete sich über seine nackten Füße und sein schlichtes, knielanges Gewand aus. Seinen Rücken zierten mächtige Flügel, die über den Sockel hinabreichten. Sie schienen aus unzähligen, filigranen Federn zu bestehen, die der Künstler in das Metall eingraviert hatte. Seiner eigenen, willkürlichen Ordnung folgend, hatte er große Federn neben kleine und schmale neben breite Federn gesetzt. Einheitlich war nur ihre schmutzig-dunkle Farbe, hervorgerufen durch den Staub der Erde und durch faulende Blätter, die die gesamte Rückenpartie der Figur bedeckten. Aus diesem Grund erschienen die Flügel merkwürdig beunruhigend und wenig engelhaft.

Ehrfurchtsvoll blickte die junge Frau nach oben in ein schmales, von langen Locken umrahmtes Gesicht.

Und sie lächelte dem Bronzeengel zu.

Hier, dachte sie, würde es Tim wohl besser gefallen.

Vergessene Gräber und zerfallene Grabsteine, ohne die ordnende Hand eines pflichtbewussten Angehörigen. Das ist eher seine Welt, als die der sorgfältig geharkten Kieswege und liebevoll gepflanzten Blümchen, und auch die Engelsfigur wäre ganz nach seinem Geschmack.

Seufzend wandte Mona sich um und ging langsam den Weg zurück. Als der Regen einsetzte, beschleunigte sie ihre Schritte und entfernte sich schneller von dem Ort ihrer stillen Begegnung.

Dicke Wassertropfen fielen auf die Blätter der alten Eichen, bildeten kleine Pfützen darauf und drängten dann, der Schwerkraft folgend, weiter nach unten. Leise plätschernd ergossen sie sich auf Kopf und Schultern der Engelsfigur, rannen an ihrem Körper herab und hinterließen eine reinigende Spur, die für einen Moment die wahre Farbe ihrer Federn enthüllte, bevor der herbeigewehte Staub sie erneut bedeckte.

Auf dem Parkplatz vor dem Friedhof stieg Mona in ihr Auto. Der Regen hatte sie bis auf die Haut durchnässt. Während sie den Wagen startete, schob sie gleichzeitig eine CD in den CD-Player und drehte an dem Lautstärkeknopf. Begleitet von ohrenbetäubenden Klängen fuhr sie durch die nassen Straßen der Stadt, in denen sich langsam die Dämmerung ausbreitete. Vor einem zweigeschossigen Haus im Stadtzentrum parkte sie ihr Auto und stieg aus.

In dem Altbau wohnte Mona seit vier Jahren. Damals hatte sie das erste Mal ihr Leben in ihre eigenen Hände genommen und beschlossen, nur noch das zu tun, was sie tun wollte. Kurzentschlossen hatte sie ihr Kunststudium abgebrochen und sich von Michael, ihrem Freund, getrennt und so eine mehrjährige, frustrierende Partnerschaft beendet. Dann war sie zu ihrer Freundin Susanne in den ersten Stock dieses Hauses gezogen und hatte schließlich nach einiger Zeit die kleine Dachwohnung im zweiten Stock ergattern können.

Sie liebte ihr neues Zuhause: die beiden geräumigen Zimmer mit den großen Dachfenstern, die kleine Küche und das weißgekachelte Bad. Das Schönste aber daran war, dass es ihre eigene Wohnung war, die sie ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet hatte und die nur von den Menschen betreten werden durfte, die sie mochte.

Susanne war natürlich häufig da. Schließlich lebte sie auch alleine, obwohl sie nicht der typische Single war. Sie suchte immer nach dem perfekten Mann, und trotz klarer Vorstellungen von ihrem Zukünftigen, schleppte sie stets die falschen Männer ab. Entweder waren sie verheiratet oder krankhaft eifersüchtig oder beides, und daher völlig indiskutabel. Denn Susanne war eine emanzipierte Frau, die sich von keinem Kerl einengen ließ. Als Kinderärztin mit eigener Praxis verdiente sie genügend Geld, um sich ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, wesentlich mehr als Mona, die in einer nahegelegenen Kneipe als Kellnerin jobbte.

Manchmal kam auch Anke zu Besuch. Sie wohnte zusammen mit ihrem Ehemann im Parterre des Hauses und Mona hatte sie erst hier kennen gelernt. Anke wirkte ein bisschen bieder, was aber hauptsächlich an Jens, ihrem Mann, lag. Denn der war ein echter Spießer, konservativ in seinen Ansichten und sah zudem noch langweilig aus.

Weil er nur banales Zeug zu erzählen wusste, nannten Susanne und Mona ihn nur den „Blödmann“, wenn sie über ihn sprachen. Natürlich ließen sie dann kein gutes Haar an ihm. Kein Mensch verstand, dass es Anke mit dem Blödmann aushalten konnte. Denn sie selbst war ein liebenswürdiger Mensch, mit dem sich Mona stundenlang unterhalten konnte.

Neben Anke und Blödmann wohnten die Lehmanns, eine Familie mit zwei halbwüchsigen Kindern und einem ausgewachsenen Schäferhund, die häufig für Stimmung im Haus sorgten. Sehr zum Ärger der alten Frau Schulz, die auf Ordnung, Sauberkeit und vor allem Ruhe bedacht war. Die Schulzens wohnten im ersten Stock, gegenüber von Susanne, und Mona traf stets einen der beiden rüstigen Rentner im Treppenflur, egal zu welcher Uhrzeit sie das Haus betrat oder verließ. Meist war dies Frau Schulz, die gerade wieder Susanne ermahnte die Treppe häufiger oder sorgfältiger zu putzen. Um die Dachbodentreppe scherte sich, Gott sei Dank, niemand. Denn Monas Nachbar putzte genau so wenig die Treppe, wie Mona selbst.

Als sie an ihn dachte, seufzte sie leise und betrat ihre Wohnung. In allen Zimmern über den Boden verstreut und auf den Möbeln lag Papier, große und kleinere Blätter übersät mit ihren Zeichnungen, die verrückte Figuren aus der Welt der Comics zeigten. Denn Mona zeichnete an jedem Ort, ganz gleich, ob sie beim Frühstück oder auf der Toilette saß, kurz vor dem Einschlafen oder direkt nach dem Aufwachen. Sie hatte immer einen Bleistift dabei, jederzeit bereit einer skurrilen Phantasiegestalt ein Gesicht zu geben – auf einem Einkaufszettel, einem Busfahrschein oder einem Bierdeckel, egal.

Mit beiden Händen fegte sie schwungvoll die Blätter vom Sofa und ließ sich in die Polster fallen. Sie streckte sich aus und starrte an die Decke. Dann griff sie nach dem Block, der vor ihr auf dem Tisch lag und begann zu blättern. Lustlos las sie ein paar Zeilen und schüttelte den Kopf.

„Scheißgeschichte!“, sagte sie und warf den Block wieder auf den Tisch.

Nein, sie hatte kein Talent zu schreiben. Sie konnte nur zeichnen. Tim musste schreiben. Er konnte Geschichten erzählen, so phantastisch und schön, dass man ihm endlos zuhören wollte. Denn Worte waren seine Leidenschaft. Er spielte mit ihnen, er scherzte und verführte mit ihnen. Und Mona hatte ihn verstanden, seinen Beschreibungen gelauscht und seinen Ideen ein Abbild gegeben.

So war ihr erster gemeinsamer Comic entstanden, eine haarsträubende Geschichte über eine außerirdische Superheldin, die aus dem All gekommen war, um die Welt zu retten.

Mona dachte daran, wie sie hier auf dem Sofa gesessen hatten, um an Namen und Aussehen ihrer Heldin zu feilen. Sie waren sich damals nicht einig gewesen.

Während Mona eher eine muskulöse Amazone mit gnadenlosem Blick vorschwebte, beschrieb Tim ein erotisches Superweib mit Kussmund und Silberblick. Außerdem wollte er ihr gigantische Flügel geben, obgleich Mona ihr längst ein geflügeltes Pferd zur Seite gestellt hatte. Im Grunde hatte er ein engelähnliches Wesen im Sinn, das auch noch ein langes Kleid tragen sollte, obwohl es sie doch beim Reiten behindert hätte, wie Mona ihm immer wieder vergeblich erklärt hatte.

Tagelang hatten sie gestritten und versucht gegen den anderen ihre Vorstellung durch zu kämpfen, bis sie sich endlich einigten. Das Ergebnis war eine sehr weibliche Amazone mit großen Augen, langen Wimpern, schmalen, energischen Lippen und leicht herabgezogenen Mundwinkeln. Um sich fortzubewegen, benötigte sie weder Flügel noch Pferd, sondern flog einfach mit der Kraft ihrer Gedanken. Sie trug ein rückenfreies Top, dazu lange Hosen, manchmal mit einem kurzen Rock darüber und um den Kopf einen Strahlenkranz, ähnlich dem der amerikanischen Freiheitsstatue.

Astrowoman war geboren worden und Tim und Mona waren ihre Eltern.

So hatte alles angefangen. Ein ganzes Jahr hatten sie geschrieben und gezeichnet, gestritten und gelacht und sich irgendwann geliebt – ohne große Worte und Erklärungen. Die Liebe war einfach durch ein offenes Fenster hereingeweht und hatte die beiden in ihren Bann gezogen. Je heftiger ihre Gefühle wurden, umso abenteuerlicher gebärdete sich Astrowoman in ihrer irrealen Welt. Tim schrieb ihr immer größere, absurdere Aufgaben vor, die sie nur unter hohem Risiko bewältigen konnte.

Ihr erster Comic war inzwischen von einem kleinen Verlag gedruckt worden und verkaufte sich ganz ordentlich, so dass eine Fortsetzung folgen sollte. Natürlich hatte Tim schon verschiedene Ideen gehabt, wie es weiter gehen konnte. Astrowoman sollte sich in einen Menschen verlieben und damit ihre Fähigkeit zu fliegen verlieren, weil ihre Gedanken dauernd abgelenkt gewesen wären und so weiter. Seine verrückten Vorstellungen hätten ihr das Leben wieder sehr schwer gemacht, bis sie endlich mit ihrem Schlachtruf „Astrowoman rettet euch“ die aus den Fugen geratene Welt erneut ins Lot gebracht hätte.

Ja, dachte Mona, wenn – wäre – hätte, Astrowoman bleibt im Konjunktiv. Sie fliegt nicht mehr, nicht weil sie sich verliebt hätte, sondern weil sie keine Gedanken mehr hat.

Denn Tim ist tot, überfahren von einem profanen Auto, und keine Superheldin aus dem Weltall hat ihn gerettet und seine Hand ergriffen, als er seine letzten Schritte tat.

Mona stand auf und trat ans Dachfenster. Die Dunkelheit hatte sich wie ein schwerer Vorhang über das Glas gelegt und ließ nur das leise Plätschern der Regentropfen durch. Für einen Moment stellte sie sich vor, wie er dort unten in der Erde lag und das Wasser und die Kälte langsam zu ihm durchdrangen. Dann ging sie zurück zu ihrem Sofa, setzte sich und weinte. Sie ließ ihrem Schmerz, ihrer sinnlosen, von Trauer erfüllten Wut freien Lauf, und als sie sich schluchzend die Tränen trocknete, beschloss sie, dass sie nun das letzte Mal um Tim geweint hatte. Er musste nun selbst sehen, wie er zurechtkam in dieser anderen, unbekannten Welt. Und sie wollte sich um ihre Angelegenheiten kümmern, das Leben war schließlich schwierig genug, besonders ohne Tim.

Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, fühlte sie sich besser und schlich in die Küche, um etwas zu essen.

Doch weil sich der Hunger auch beim Betrachten des Kühlschranks nicht einstellen wollte, kehrte sie mit einer Zigarette in der Hand zurück ins Wohnzimmer. Sie nahm ihren Block erneut in die Hand, schlug eine freie Seite auf und ergriff einen Bleistift. Nun würde sie eine interessante, phantasievolle Geschichte schreiben.

Angestrengt dachte sie nach. Während die Worte zusammenhanglos in ihrem Kopf kreisten, malte sie gedankenlos ein paar Gestalten auf das Papier, hässliche Gesellen mit langen, spitzen Nasen und kleinen, stechenden Augen, die böse und verschlagen hinauf in den Himmel sahen, wo Astrowoman bald erscheinen würde. Sie käme wie ein Blitz aus den Wolken, um die Kreaturen in ihre Löcher zurück zu jagen.

Aber was dann?

Astrowoman konnte sich doch nicht in einen dieser Typen verlieben. Was hatte sich Tim dabei gedacht? So ein überirdisches Wesen interessierte sich einfach nicht für einen schwachen Menschen. Das war doch klar!

Mona atmete tief durch. Dann legte sie den Block beiseite und schaltete den Fernseher ein. Die Wettervorhersage erschien Mona wie eine Prognose für ihr zukünftiges Leben: grau und verregnet. „Der Sommer ist vorbei!“, sagte der Sprecher erbarmungslos und Mona hasste ihn dafür.

Als sie spät am Abend zu Bett ging, hörte sie Hagelkörner auf das Dach trommeln. Ein stürmischer Wind heulte um das Haus und die Wolken hatten im fahlen Mondlicht eine gelbliche Farbe angenommen, so als wären sie aus Schwefel. Gewitter lag in der Luft. Mona konnte es riechen und schmecken, als sie das Fenster einen Spalt öffnete. Dann kroch sie unter ihre Bettdecke und starrte noch eine Weile in die Dunkelheit.

Sie spürte nicht, wie sie einschlief, und sie fühlte nicht die Unruhe, die durch das geöffnete Fenster in ihr Zimmer drang.

Es waren weder Blitz noch Donner, die die stille Atmosphäre des Raumes erschütterten, nicht Sturm noch Regen, sondern eine namenlose Gestalt, über die sich die Luft empörte, weil sie nicht geatmet wurde, und unter deren Füßen sich der Boden wand, weil er nicht betreten wurde. Reglos harrte sie aus, neben ihrem Bett stehend, beobachtend, zeitlos betrachtend, ohne die Lider zu bewegen und ohne das geringste Zucken in den Mundwinkeln. Noch bevor der Morgen dämmerte, verschwand sie lautlos durch das offene Fenster.

Viele Stunden später erwachte Mona mit dem Geschmack von Laub und Regen auf den Lippen. Träge richtete sie sich auf und sah eine Weile auf die Uhr. „Aufstehen!“, sagte eine giftige Stimme in ihrem Kopf, die sogleich von einer anderen, lieblichen Stimme übertönt wurde, die ihr leise ins Ohr flüsterte: „Schlafe, mein Kindlein, schlaf ein!“ Gerade wollte sich Mona in die Kissen zurück fallen lassen, als es rücksichtslos an ihrer Türe klingelte. Sie verzog den Mund, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, stand missmutig auf und trat in eine Wasserpfütze.

„Was ist das denn?“

Empört starrte Mona auf ihre nassen Füße und warf dann einen anklagenden Blick auf die schräge Zimmerdecke. Wieder läutete es an der Tür – laut und herzlos.

„Ja, ich komme doch!“

Mona riss die Tür auf und versuchte schlaftrunken ihr Gegenüber zu identifizieren.

„Meine Güte, Mona! Hast du etwa noch geschlafen?“ Susanne blickte sie verständnislos an, dann ging sie einfach an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Mona schloss die Tür und folgte ihr langsam - jeder Schritt, ein feuchter, lehmiger Fußabdruck.

„Wie siehst du denn aus?“, fragte Susanne kopfschüttelnd und wies auf ihre schmutzig-nassen Füße. „Hast du etwa so im Bett gelegen?“

„Nein!“, Mona rieb sich die Augen. „Das Dach ist undicht. Es hat in mein Schlafzimmer geregnet und ich bin prompt in die Pfütze getreten.“ Stirnrunzelnd betrachtete sie ihre Füße. „Man möchte nicht glauben, wie schmutzig Regenwasser ist.“

„Das Dach ist undicht?“, regte sich Susanne auf. „Das musst du sofort dem Vermieter melden!“

„Ja, das werde ich auch, aber bestimmt nicht so früh am Morgen.“ Mona gähnte. „Das ist nämlich rücksichtslos!“ Grimmig betrachtete sie Susanne. „Wieso bist du nicht in der Praxis? Gibt es keine kranken Kinder mehr.“

„Doch“, Susanne lachte, „reichlich sogar! Alle haben sie Husten, Schnupfen und Fieber.“

„Und warum behandelst du sie dann nicht?“

„Das habe ich, liebe Mona. Aber mittwochnachmittags ist die Praxis geschlossen.“

„Ja, nachmittags.“, erwiderte Mona lahm und sah wieder auf die Uhr.

War der Morgen tatsächlich schon vorbei?

„Hör mal“, Susanne schob einen Stoß Papiere auf Seite und setzte sich auf das Sofa, „so geht das nicht weiter mit dir. Seit einer Woche verkriechst du dich in deiner Wohnung und lässt nichts von dir hören. Ich verstehe ja, dass du trauerst, aber du kannst dich nicht vollständig isolieren.“

„Ich weiß!“

Mona ließ sich in den Sessel fallen und schloss die Augen.

Hinter ihrer Stirn hämmerten Kopfschmerzen.

„Das Leben geht schließlich weiter!“

„Hm!“

„Warum warst du eigentlich nicht auf der Beerdigung?“, fragte Susanne leicht vorwurfsvoll und hob mit spitzen Fingern eine Bananenschale vom Boden auf. „Findest du das in Ordnung dich aus allem herauszuhalten?“

„Meine Güte, Susanne, warum war ich nicht auf der Beerdigung“, wiederholte Mona gereizt und rieb sich die Augen, „vielleicht weil Tim höchst erstaunt gewesen wäre mich dort zu sehen?“

„Ich jedenfalls war erstaunt gewesen dich nicht zu sehen!“

Mona zuckte mit den Schultern. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Niemand konnte ernsthaft von ihr erwarten auf eine verdammte Beerdigung zu gehen und zuzusehen, wie man Tim im Boden verscharrte. Nie hätte sie das über sich bringen können, nie! Es war gestern schon schwierig genug gewesen alleine sein Grab aufzusuchen und so schnell wollte sie nicht noch einmal den Friedhof betreten.

„Und Anke hat auch vergebens Ausschau nach dir gehalten!“, setzte Susanne nach, der das Schweigen zu lang wurde. „Wir haben uns alle sehr gewundert.“

„Tatsächlich?“ Mona sah geistesabwesend aus dem Fenster. „Anke war also auch da gewesen?“

„Selbstverständlich, sie weiß schließlich, was sich gehört! Leider…“, Susanne setzte eine angewiderte Miene auf, „hatte sie auch ihren Blödmann dabei. Mein Gott, er sah grauenhaft aus in seinem schwarzen Kommunionsanzug, vorne zu eng und unten zu kurz.“ Sie beugte sich vor und sah Mona in die Augen. „Du hättest ihn sehen müssen, wie er Trauer heuchelte, dabei hatte er ihn nie leiden können.“

Sie lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander.

„Später im Cafe“, fuhr sie fort, „hat er sich natürlich gleich ein Bier bestellt, der Prolet. Du glaubst nicht, wie peinlich es für Anke war. Alle haben ihn angestarrt und den Kopf geschüttelt. Aber das war ihm gleich. Er hat sofort angefangen über das Regenwetter zu schimpfen und sich beschwert, dass er auf dem Friedhof so nass geworden war.“ Susanne verdrehte die Augen und wand sich vor Abscheu. „Später hat er auch noch haarklein von der Beerdigung seines Vaters berichtet. Irgendwann konnte ich es nicht mehr aushalten und bin gegangen.“ Mona sah sie an.

„Und du“, sagte sie eindringlich, „fragst mich ernsthaft, warum ich nicht auf dieser Beerdigung war?“

Susanne senkte den Blick.

„Na ja, so gesehen“, gab sie kleinlaut zu, „war es wohl gut, dass du dir das erspart hast. Du hättest dich nur über diesen Idioten geärgert.“

Sie setzte sich wieder aufrecht und strich ihren kurzen Rock glatt. Dann fixierte sie Mona, die gerade gedankenverloren nach ihren Zigaretten griff.

„He, du hast doch noch gar nicht gefrühstückt!“

„Bin gerade dabei!“

„Du rauchst zu viel!“

„Weiß ich!“

„Gib mir auch eine!“

Mona warf ihr die Schachtel zu und zündete sich eine Zigarette an. Während sie tief inhalierte, spürte sie den prüfenden Blick ihrer Freundin auf sich gerichtet.

„Was hast du denn die ganze Woche über gemacht?“, wollte Susanne wissen.

„Ich habe an unserem Comic gearbeitet, besser gesagt: ich habe es versucht. Das Problem ist aber, dass ich keine Geschichten schreiben kann. Mir fehlen die Ideen.“

„Du denkst zu viel an...“, Susanne zögerte einen Moment seinen Namen auszusprechen, so als gehöre es sich nicht den Namen eines Toten zu nennen, „na ja, an ihn eben!“

Mona starrte sie an. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, es ist nicht wegen Tim. Ich habe einfach keine Phantasie.“

„Keine Phantasie?“, regte sich Susanne auf. „Das ist doch Unsinn! Ich habe selten so phantasievolle Ausreden gehört wie von dir, wenn du zu spät kommst oder meinen Geburtstag vergessen hast. Du bist im Moment nur blockiert. Das ist...“, sie senkte den Blick und drehte die Zigarette in ihren Händen, „unter diesen Umständen ganz normal.“

Unter diesen Umständen, dachte Mona. Wenn sie nicht so furchtbar traurig gewesen wäre, hätte sie gelacht. Tims Tod ist für sie ein Umstand, ein besonderer zwar, aber immerhin doch nur ein Umstand, einer, der sie blockiert.

„Du hast also“, begann Susanne erneut, „die ganze Woche hier in dieser Wohnung verbracht und getrauert.“

Man konnte direkt sehen, dass ihr bei dem Gedanken ein Schauer über den Rücken lief. In dieser Wohnung!

Mona schwieg. Gedankenverloren zog sie an ihrer Zigarette und blickte in das mitleidige Gesicht ihrer Freundin. Sie meinte es gut mit ihr, aber sie hatte keine Ahnung von ihren Gefühlen. Ihre hilflosen Versuche Trost zu spenden, machten alles nur noch schlimmer. Es wurde Zeit, das Thema zu wechseln.

„Hast du dich eigentlich am Samstag mit Frank getroffen?“, fragte sie daher.

„Nenn bloß nicht diesen Namen! Das regt mich auf!“

„Warum? Du findest ihn doch ganz reizend.“

„Wen? Frank?“, Susanne spuckte den Namen förmlich aus. „Diesen Mistkerl? Ich kann ihn nicht ausstehen!“

„Du hast mir doch kürzlich noch gesagt, wie bezaubernd er ist.“

„Das war, bevor ich erkannt hatte, mit welch einem grauenhaften Macho ich es zu tun habe. Er hat doch tatsächlich von mir verlangt, dass ich meine Termine auf seine abstimme. Ich soll mich nach ihm richten. Hat man so etwas schon gehört?“ Susanne schnaubte verächtlich. „Als ich ihm gesagt habe, dass wir uns gerne treffen können, er aber keine Ansprüche stellen darf, hat er gemeint, dass er dann auch bei seiner Frau hätte bleiben können. Unverschämtheit!“

Sie fuhr sich hektisch durch ihre kurzen, blonden Haare. Die Männer regten sie an und auf. Immer geriet sie an die Falschen, weil es vermutlich keinen Richtigen für sie gab. Wenn jemand ihren hohen Ansprüchen an Aussehen und gesellschaftlichem Ansehen entsprach, war er ein Charakterschwein oder verheiratet, und wenn jemand freundlich, ledig und zuverlässig war, hatte er entweder keine Arbeit oder sah aus wie der Glöckner von Notre Dame. Susanne konnte einem schon leidtun, wenn man keine anderen Sorgen hatte.

„Ich lasse mich einfach nicht kontrollieren!“, fügte sie wütend hinzu.

„Nein, natürlich nicht!“, stimmte Mona ihr zu. Sie stand auf und schaltete das Radio ein. Eine Weile lauschte sie dem Sender, entschloss sich dann aber eine CD aufzulegen. Dann wandte sie sich wieder ihrer Freundin zu.

„Möchtest du etwas trinken?“

Susanne starrte noch immer unzufrieden auf den Tisch.

Sie schüttelte den Kopf. Dann erhob sie sich.

„Ich geh jetzt nach Hause.“, meinte sie. „Meine Wohnung muss noch aufgeräumt werden.“

Provozierend ließ sie ihren Blick durch das Zimmer schweifen und sah dann Mona an, die ihrem Blick aber locker standhielt. „Du hast ja sicher auch noch etwas zu tun.“, fügte sie völlig überflüssig hinzu. „Und wenn du Hilfe brauchst, du weißt ja, wo du mich findest!“ Susanne wandte sich endlich zur Tür. „Und ruf den Vermieter an, wegen der undichten Stelle im Dach.“

„Mach ich! Tschüss Susanne!“

Erleichtert schloss Mona die Tür hinter ihrer Freundin. Hoffentlich kam sie nicht noch einmal auf die Idee sie zu trösten. Sie hatte einfach kein Geschick dafür.

Kurze Zeit später verließ auch Mona die Wohnung. In einer nahegelegenen Imbissstube nahm sie ein fettiges Frühstück zu sich und schlenderte dann durch die Einkaufsstraßen.

Sie hatte beschlossen sich abzulenken.

Nachdem sie in unterschiedlichen Boutiquen Röcke, Hosen und Mäntel anprobiert hatte – ohne etwas zu kaufen, stand sie nun in einer Buchhandlung und blätterte in einem Roman. Der Autor hatte versucht seine Geschichte mit lustigen Bildern zu illustrieren, was ihm, nach Monas Meinung, gänzlich misslungen war. Wie aus dem Nichts befand sich plötzlich ein Bleistift in ihrer Hand und sie besserte ein wenig nach. Hier ein Strich, dort eine Rundung und da ein paar Punkte und schon sahen die Figuren wirklich lustig aus. Zufrieden legte Mona das Buch zurück auf den Tisch und verließ den Laden. Draußen vor der Tür traf sie Uli, einen Stammgast der Gaststätte, in der sie arbeitete.

„Hallo Mona, hab dich ja die ganze Woche nicht gesehen!“, rief er so laut, dass sich die Leute nach ihm umdrehten. „Wie geht’s dir, Mädchen?“

Gut gelaunt klopfte er ihr auf die Schulter.

„Alles okay!“, erwiderte Mona und entwand sich seinen Händen. „Hast du etwa schon Feierabend?“

„Nein, wo denkst du hin“, entrüstete sich Uli, „hab heute noch ein Rendezvous mit ein paar verstopften Klos und überschwemmten Badezimmern. Das gibt noch einen richtig netten Abend, wenn du verstehst, was ich meine!

Hohoho!“

Uli war Installateur, der Beste, wie er sagte, und er hatte immer zu tun. Wenn man ihn traf, kam er gerade aus einem fremden Badezimmer oder war auf dem Weg dahin. Er war von früh morgens bis spät abends unterwegs, was aber hauptsächlich an seiner fehlenden Arbeitsorganisation lag. Er war nicht in der Lage seine Termine so zu gliedern, dass er nur kurze Wege zu seinen Kunden hatte. Er pendelte mehrmals am Tag zwischen Stadtzentrum und Stadtrand, fuhr kreuz und quer durch die Stadt, war überall und nirgends. Es kam vor, dass Mona seinen grauen Handwerkerbus dreimal am selben Tag an ihrem Haus vorbeifahren sah, allerdings zu drei verschiedenen Tageszeiten.

Hinzu kam, dass sich Uli über die Maßen lange bei seinen Kunden aufhielt. Gerne saß er eine geschlagene Stunde auf einem fremden Toilettendeckel, trank vier Tassen Kaffee und hielt ein Schwätzchen. Dabei vergaß er die Zeit, und all die Termine, die er noch hatte, verschoben sich weit in den Abend hinein. Aufgrund dieser liebenswerten Angewohnheiten, hatte Uli schon zwei Scheidungen hinter sich und lebte zurzeit mal wieder alleine. Seine wenige Freizeit verbrachte er in der „Blauen Wolke“, einer gemütlichen Altstadtkneipe, in der Mona am Wochenende jobbte.

„Na Mädel“, fuhr Uli fröhlich fort, „hast du noch Zeit für einen Kaffee?“

„Leider nein“, bedauerte Mona scheinheilig, „ich bekomme heute Abend noch Besuch.“

„Ach so, schade!“ Uli zuckte mit den Schultern.

„Eigentlich habe ich ja auch keine Zeit. Muss jetzt noch in die Wohnsiedlung am Bahnhof und danach hierher zurück in die Bäckerei nebenan“, er wies mit dem Kopf auf die andere Straßenseite, „ein undichtes Rohr flicken. Na ja und später noch in die Bahnhofskneipe. Klo verstopft!

Ha! Dann sehen wir uns am Freitag in der „Wolke“.

Mach‘s gut, Mona!“

„Tschüss Uli!“

Mona sah ihm zu, wie er die Straße überquerte und gemächlich zu seinem Parkplatz ging. Doch noch bevor er in seinen Bus stieg, schlug er einem vorbei eilenden Passanten freundschaftlich auf die Schulter. „Mensch Manni“, hörte Mona ihn laut rufen, „was machst du denn hier?“

Der Regen setzte wieder ein. Fein wie ein endloser Nebelschleier fiel er vom Himmel herab und benetzte sanft alles Irdische. Wer keinen Schirm zur Hand hatte, zog sich seine Kapuze über und eilte schnell nach Hause. Doch Mona hatte weder Schirm noch Kapuze. Der Regen traf sie wie immer unerwartet, und als sie nach Hause laufen wollte, trat sie in eine tiefe Pfütze, in der sich malerisch das Licht der Straßenlaternen spiegelte.

„Verdammt!“

Missmutig betrat sie den Hausflur und stampfte die Treppe hinauf. Im ersten Stock stieß sie auf Frau Schulz, die zunächst empört auf ihre schmutzigen Stiefel starrte, sich dann aber sichtbar zusammennahm, eine zornige Bemerkung unterdrückte und ihr nur mitleidig zunickte.

Mona grüßte kurz und ging ungerührt weiter. In ihrer Wohnung nahm sie erst einmal ein heißes Bad und legte sich dann in ihr Bett. Sie fühlte sich schwach und krank, irgendwie zurückgelassen, irgendwie vergessen. Die Einsamkeit lag neben ihr und Mona wandte sich ihr zu.

Für einen Moment ließ sie sich umarmen, ließ sich fallen in die Abgründe der Traurigkeit. Dann schloss sie die Augen so fest, als wollte sie sie nie wieder öffnen.

„Mona macht mir langsam Sorgen!“

Susanne schlug die Beine übereinander und blickte Anke eindringlich an. „Vor ein paar Tagen habe ich sie besucht und sie hat kaum gesprochen. Ihre Wohnung ist total verwahrlost, schlecht gelüftet und überall liegen ihre merkwürdigen Zeichnungen herum. Einfach katastrophal!“

Sie rückte die kleine Decke auf dem Bistrotisch zurecht, zündete die Kerze an und hielt Ausschau nach dem Kellner. Dann wandte sie sich wieder an Anke, die ihr schweigend zugesehen hatte.

„Du hättest sie sehen müssen!“, sie schüttelte theatralisch den Kopf, um sofort wieder ihre Frisur zu ordnen, „Ich habe sie praktisch aus dem Bett geklingelt, nachmittags um drei! Stell dir das mal vor! Und sie sah immer noch übernächtigt aus. Außerdem raucht sie viel zuviel.“

Susanne griff nach ihren Zigaretten und schob den Aschenbecher näher heran. Sie schüttelte wieder den Kopf und versuchte sich gleichzeitig eine Zigarette anzuzünden. Das sah lustig aus und Anke musste grinsen.

Susanne hob verärgert den Kopf. „Findest du das vielleicht lustig?“, fuhr sie ihre Freundin an.

„Nein, natürlich nicht!“, erwiderte Anke beschwichtigend.

Sie rutschte auf dem Stuhl hin und her, um eine halbwegs bequeme Sitzposition zu finden. Diese schmalen Bistrostühle waren einfach nicht für ihren molligen Körper gemacht. Die Sitzfläche war klein und ungepolstert, die niedrigen Armlehnen standen zu eng beieinander und die Rückenlehne war so zierlich, dass man sich besser nicht anlehnte.

Natürlich hatte Susanne vorgeschlagen in dieses Eiscafe zu gehen. Es hatte gerade erst eröffnet und angeblich galt es als schick sich dort sehen zu lassen. Dabei war es hier richtig ungemütlich: nur kahle, weiße Wände, eine riesige offene Front und Stühle aus Chrom ohne Sitzkissen.

Nun, dachte Anke und blickte unzufrieden in die Fußgängerzone, gesehen wird man hier auf jeden Fall.

Sie rückte ganz nach vorne auf die Sitzkante und stützte sich mit beiden Armen auf dem Tisch ab.

„Stimmt etwas nicht mit dem Stuhl?“, fragte Susanne perfide.

Doch ihre Freundin überhörte die Bemerkung. Sie dachte nach.

Seit zwei Wochen hatte sie Mona nicht mehr gesehen. Sonst kam sie gerne nachmittags auf einen Kaffee zu ihr, aber seit Tim diesen schrecklichen Unfall gehabt hatte, meldete sie sich nicht mehr. Vielleicht hätte sie nach ihr sehen müssen, aber sie wollte ihr Zeit geben, Zeit zum Trauern. Außerdem wusste sie nicht so recht, wie sie sich verhalten sollte. Sie hatte keine Erfahrung mit Menschen, die den Tod eines engen Freundes betrauerten. Erst vor ein paar Tagen hatte sie mit Jens über Mona gesprochen und ihr Mann hatte ihr geraten sich aus fremden Angelegenheiten herauszuhalten. Das gäbe nur Ärger.

„Was sagst du nun dazu?“, drängelte Susanne.

„Mona hat von einem auf den anderen Tag einen geliebten Menschen verloren“, sagte Anke leise, „das ist doch klar, dass sie sich zur Zeit etwas sonderbar verhält. Und die unordentliche Wohnung finde ich nicht besorgniserregend. Mona hat nie viel Wert auf Sauberkeit gelegt.“ Sie lächelte. „In dieser Hinsicht ist sie ganz anders als du!“

„Gut“, erwiderte Susanne, „aber selbst dir...“, Anke zog die Augenbrauen hoch, „...wären die Räume zu schmutzig gewesen.“

Anke blickte ihre Freundin angriffslustig an.

War sie gerade beleidigt worden?

„Was ich damit sagen will, ist“, fuhr Susanne ungerührt fort, „dass wir, ihre Freundinnen, jetzt gefragt sind zu helfen. Mona kommt alleine nicht mehr zurecht. Das kannst du mir glauben!“

„Sie ist aber sehr selbstständig und kann es nicht leiden, wenn man sie bevormundet. Was sollen wir denn tun?

Willst du ihr die Wohnung putzen?“

„Ich?“, fuhr Susanne auf, „Um Gottes Willen! Ich habe doch keine Zeit dafür! Ich hatte da eher an dich gedacht!“

„Vergiss es!“

Anke nahm die Karte in die Hand und studierte das Angebot. Als sie sich entschieden hatte, sah sie Susanne wieder an.

„Ich werde mich Mona bestimmt nicht aufdrängen.“, fügte sie hinzu, „Sie braucht Zeit, um mit dem Gedanken zu leben, dass Tim tot ist. Es wird vielleicht noch eine Weile dauern, aber dann schaut sie wieder nach vorne.“

„Dein Wort in Gottes Ohr!“

Susanne drückte die Zigarette aus und sah sich erneut nach dem Kellner um, der es vorzüglich verstand sich unsichtbar zu machen.

„Verdammt noch mal, wo ist denn dieser blöde Kellner?“ Susanne stand auf, strich sich den Rock glatt und stolzierte wütend durch das Cafe. Laut knallten ihre Absätze auf den schwarzweißen Fliesen und die kahlen, weiß gestrichenen Wände warfen ihren Hall zurück.

Anke hörte ihre aufgebrachte Stimme. Scheinbar hatte sie den Kellner gefunden und machte ihn nun zur Schnecke. Kurz darauf kam sie zurück, im Schlepptau einen blassen, verängstigten Kellner.

„Also“, begann Susanne, mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, „wären sie wohl so freundlich mir eine Tasse Kaffee und ein Glas Mineralwasser zu bringen?“

„Selbstverständlich!“, flüsterte der Kellner.

„Und du?“, fragte Susanne ihre Freundin, „Für dich das Gleiche?“

„Gott bewahre, nein“, entrüstete sich Anke, „ich hätte gerne einen großen Walnusseisbecher mit Sahne.“

Sie schenkte dem Kellner ein freundliches Lächeln, das er zaghaft erwiderte. Er schielte noch einmal zu Susanne hinüber und machte sich dann aus dem Staub.

Susanne blickte Anke strafend an.

„Einen großen Walnusseisbecher? Mit Sahne?“, wiederholte sie streng.

„Ja, genau“, Anke nickte zufrieden, „und danach bestelle ich mir noch eine heiße Schokolade mit Sahne!“

„Ich dachte, du wolltest abnehmen!“

„Das habe ich nie behauptet!“

„Aber wir haben doch schon häufig darüber gesprochen.“

„Du sprichst ständig darüber, ich nicht und Mona übrigens auch nicht!“

„Ach Mona! Was machen wir jetzt mit Mona?“

Anke zuckte mit den Schultern. Sie wusste es auch nicht. Sie mochte Mona, weil sie viel freundlicher war als Susanne. Nie machte sie sich über ihre mollige Figur lustig und es störte sie auch nicht, wenn sie bei ihr in ein unordentliches Wohnzimmer trat. Sie warf nicht ständig prüfende Blicke durch die Räume und zog lautstark die Luft durch die Nase hoch, wenn der Frühstückstisch mittags noch nicht abgeräumt war, so wie es Susanne immer tat. Sie akzeptierten sich einfach gegenseitig. Aber einschätzen konnte sie sie nicht.

Mona kam und ging, wann sie wollte. Sie interessierte sich nicht für Regeln, hatte keine Gewohnheiten und lebte nur in den Tag hinein. Es kam vor, dass Mona drei Tage hintereinander bei Anke vor der Türe stand, um sich dann zwei Wochen lang nicht mehr blicken zu lassen. Sie war undiszipliniert, unordentlich und unzuverlässig, aber sie war nett.

Anke blickte ihr Gegenüber an. Viel netter als Susanne.

„Vielleicht sollten wir abends mal zusammen essen gehen, dann könnten wir in Ruhe mit ihr sprechen.“, schlug sie schließlich vor.

Susanne zog die Mundwinkel herunter.

„Essen gehen!“, presste sie abfällig hervor.

„Oder ins Kino?“

„Mit Cola und Popcorn?“

„Warum nicht?“

Susanne seufzte. „Anke“, sagte sie eindringlich, „ich fürchte, dass du meine Sorge um Mona nicht ernst nimmst. Aber glaube mir, Mona ist auf dem besten Wege in eine Depression. Wir müssen unbedingt mit ihr reden.

Vielleicht schaust du morgen mal bei ihr vorbei, räumst ein wenig auf, kochst Kaffee und ich komme dann am Abend dazu.“

Anke sah Susanne unschlüssig an. Irgendwie schaffte diese Frau es immer wieder sie zu überreden. Dann kam ihr noch eine Idee. Sie beugte sich vor und fasste Susannes Arm. „Ich könnte einen Kuchen backen.“

Lautlos trat der Kellner an den Tisch und stellte das Eis und die Getränke ab. Noch bevor sich die beiden Frauen bedanken konnten, war er wieder verschwunden. Mit Vergnügen ergriff Anke den Löffel und machte sich über das Eis her, während Susanne schmallippig an ihrem Kaffee nippte.

Verächtlich sah sie ihrer Freundin bei der Eisschlacht zu. Natürlich hätte sie auch gern ein Eis gegessen, nicht so einen läppischen Walnusseisbecher, sondern eine dieser tollen Eiskreationen, die hier angeboten wurden, mit Südfrüchten, Marzipanfigürchen und Glitzerfähnchen, aber sie verbat es sich. Nein, niemals würde sie eine solche Kalorienbombe zu sich nehmen. Denn Susanne machte Dauerdiät. Sie lebte regelrecht für ihre Diät und war stolz auf ihre schlanke Figur. Gerne zeigte sie ihre Beine in kurzen Röcken oder engen Hosen. Der Preis für ihre Eitelkeit war der Verzicht auf alles, was gut schmeckte. Das vergällte ihr häufig die Laune und dann lästerte sie böse über vermeintlich Dicke, die mit ihren Pfunden angenehm lebten, so wie Anke. Sie schlemmte, obwohl sie es sich doch wirklich nicht leisten konnte. Und sie wurde von ihrem Blödmann darin noch bestärkt, der immer behauptete, dass er an seiner Frau was zum Anfassen haben wollte. Dieser Sexist! Dieser erbärmliche Provinzaffe!

Susanne biss sich auf die Lippen, dann ergriff sie ihre Zigaretten.

„Stört es dich, wenn ich rauche?“, fragte sie mit leicht gehässigem Unterton.

Anke schüttelte den Kopf und schob sich genüsslich einen Löffel Eis in den Mund.

Dann hielt sie kurz inne.

“Glaubst du wirklich“, begann sie nachdenklich, „dass Mona depressiv wird? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass...“

„Selbstverständlich glaube ich das!“, unterbrach sie Susanne laut. „Und ich kann es mir auch sehr gut vorstellen, schließlich ist sie eine sensible Person!“

„Sie muss Tim sehr geliebt haben.“

„Ach Tim!“

Susanne rückte mit dem Stuhl vom Tisch ab und schlug die Beine übereinander. Wenn sie an Tim dachte, verspürte sie wieder diese zwiespältigen Gefühle, die sie immer dann beherrscht hatten, wenn der junge Mann in ihrer Nähe gewesen war.

„Tim“, meinte sie dann, „war ein verrückter Kerl. Er hat überhaupt nicht zu Mona gepasst.“

„Verrückt, aber süß!“, ergänzte Anke und kratzte mit dem Löffel den Eisbecher aus.

„Süß, aber unberechenbar!“, fuhr Susanne entschieden fort. „Er taucht plötzlich in unserem Haus auf, nistet sich auf dem Dachboden ein, verführt Mona und bastelt mit ihr diese lächerliche Zeichentrickgeschichte.“

„Mir gefällt der Comic gut!“, widersprach Anke.

„Ach, das ist doch Kinderkram. Davon kann niemand leben. Mona hat sich in die Abhängigkeit eines Mannes begeben, von dem wir nichts wissen. Wir kennen weder seine Familie, noch seinen Beruf –wenn er überhaupt einen hatte- oder seine Freunde. Wir wissen nicht, wovon er seine Miete bezahlt hat, woher er gekommen ist...“

„...und wohin er gegangen ist!“, vollendete Anke den Satz. „Nur, liebe Susanne, weil wir nichts von ihm wissen, heißt das nicht, dass auch Mona nichts von ihm wusste.“ „Sie wusste nichts von ihm!“, stellte Susanne nachdrücklich fest. Sie beugte sich vor und sah Anke in die Augen.

„Ich habe sie doch oft genug ausgefragt!“

„Vielleicht hat sie es dir nicht erzählt.“

„Doch“, Susanne trommelte heftig mit den Fingernägeln auf den Tisch, „sie erzählt mir alles, weil wir Freundinnen sind! Außerdem ist sie gar nicht geschickt genug ein Geheimnis für sich zu behalten.“

Sie lehnte sich wieder zurück und sah auf die vorbei schlendernden Menschen. Ein älterer Mann, der seinen Hund spazieren führte, stand direkt vor ihr und starrte sie an. Empört richtete sich Susanne auf und drehte ihm den Rücken zu.

Anke lachte.

„Du wolltest doch gesehen werden!“, rief sie listig.

„Sehr witzig!“ Susanne fuhr sich nervös durch die kurzen, blonden Haare. Dann stellte sie den Kragen ihrer Bluse auf und sah prüfend an sich herunter.

„Wo waren wir stehen geblieben?“, überlegte sie unkonzentriert. „Ach ja, Tim.“ Ihre Stimme wurde wieder selbstsicher. „Er ist, hm, er war ein Rumtreiber. Wenn Mona am Wochenende arbeiten musste, war er verschwunden. Und auch sie“, Susanne blickte Anke bedeutungsvoll an, „wusste nicht, wo er sich an diesen Tagen aufhielt. Er war einfach nicht zu Hause.“

„Vielleicht war er bei seinen Eltern. Tim war doch noch so jung, gerade 24 Jahre alt.“

„Bei seinen Eltern?“, schnaubte Susanne verächtlich. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht! Nein, nein! Vielleicht hatte er noch eine andere Freundin.“ Sie überlegte einen Moment, dann nickte sie. „Ja“, fuhr sie fort, „wahrscheinlich hat er sie hintergangen.“

Anke schob den leeren Eisbecher beiseite und stützte sich auf dem Tisch auf. Sie sah ihre Freundin ernst an.

„Warum redest du so schlecht über Tim?“, fragte sie.

„Bist du etwa sauer, weil er sich für dich nicht interessiert hat?“

„Wie bitte?“, Susanne lachte schrill auf. „Ich höre wohl nicht recht! Tim war mir doch vollkommen egal. Was sollte ich wohl mit so einem kleinen Versager anfangen?

Außerdem war er fast zehn Jahre jünger als ich.“

„Elf!“, sagte Anke bestimmt.

„Egal!“ Susanne ergriff ihr Glas und leerte es in einem Zug.

Ich finde“, begann Anke nachdenklich und blickte auf ihre Hände, „die beiden haben gut zusammengepasst, jeder auf seine Weise chaotisch, aber talentiert. Sie haben sich wunderbar ergänzt und jetzt ist Mona alleine zurückgeblieben. Das ist sehr hart!“

Susanne lehnte sich nach vorne und fixierte Anke ärgerlich.

„Sie ist nicht alleine!“, sagte sie scharf und betonte jede einzelne Silbe. „Sie hat uns. Wir waren mit ihr befreundet, bevor sie Tim kennen lernte und sind es jetzt auch noch. Wir müssen uns um sie kümmern.“

„Wie du meinst“, gab Anke nach, „nur erspare Mona deine Verdächtigungen in Bezug auf Tims Treue.“

„Ich werde ganz reizend zu ihr sein. Wirst du morgen nach ihr sehen?“

„In Ordnung! Was soll ich mitbringen? Schokoladentorte oder Buttercreme?“ Anke lachte.

„Untersteh dich!“

Mona setzte sich ratlos auf ihr Bett. Seit zehn Minuten suchte sie vergeblich nach der undichten Stelle in der Holzdecke ihres Schlafzimmers, doch nirgendwo fanden sich Wasserspuren. Keine Tropfen, kein aufgequollenes Holz, nichts! Das war doch nicht möglich! Irgendeinen Weg musste das Wasser doch nehmen, bevor es sich als lehmig-braune Pfütze auf dem Fußboden direkt vor ihrem Bett breit machte. Jeden Morgen war das Wasser erneut da und ärgerlicherweise trat Mona regelmäßig nach dem Aufstehen in die Pfütze. Gestern Abend hatte sie schließlich einen Eimer an den Ort des Geschehens gestellt und heute Morgen eine Pfütze direkt neben dem Eimer gefunden.

Nachdenklich stand sie auf und ging ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch standen noch die Reste des Käsekuchens, den Anke heute überraschenderweise gebracht hatte. Es war ein netter Nachmittag gewesen. Sie hatten die ganze Zeit über gegessen, Likör getrunken und über belanglose Dinge geredet. Mona hatte sich dabei entspannt und sogar hin und wieder gelacht, wenn Anke Anekdoten aus ihrem Eheleben zum Besten gab. Später war Susanne dazugekommen, die sich zunächst über den Alkoholkonsum ihrer Freundinnen aufgeregt hatte, um dann binnen kürzester Zeit mit Cognac doch aufzuholen, und sturzbetrunken von Anke nach Hause gebracht werden musste.