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Geschildert wird eine existentielle Krise des Arztes Dr. Peter Hartmann, der, ohne es selbst zu erkennen, an einer chronischen Depression (Dysthymie) leidet. Eheprobleme, finanzielle Schwierigkeiten sowie Komplikationen bei einer Operation führen zu einer extremen Zunahme seiner depressiven Grundstimmung und letztlich zum Suizidversuch. Erst während der anschließenden Psychotherapie erkennt er sein Grundleiden und ändert seine Lebensweise. Es gelingt ihm, seine Ängste zu rationalisieren, mit seiner chronischen Krankheit zu leben und eine gesunde tragfähige Beziehung einzugehen.
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2020
Klaus Neukamp
Mondeskälte
Der Weg aus der Finsternis
©2020 Klaus Neukamp
Herausgeber: Klaus Neukamp
Autor: Klaus Neukamp
Umschlaggestaltung: Marlies Haring
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Taschenbuch:
978-3-347-18361-2
ISBN Hardcover:
978-3-347-18362-9
ISBN e-Book:
978-3-347-18363-6
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
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Kalter Mond und hartes Kissen,
schaurig heult der Wind
Mutterhand früh fortgerissen,
angstvoll einsam ist das Kind.
Dunkles Zimmer, Schrecken, Trauer,
Schatten drohen an der Wand,
kann sich nicht zur Ruhe legen,
sucht verzweifelt nach der Hand.
Sicher war´s im Bauch des Lebens.
War so warm, vertrauensvoll.
Sucht die Wärme längst vergebens,
fühlt nur Angst, so grauenvoll.
Dieser Weg ins Leben
hat ihn hart gemacht.
Mit den Narben kann er leben.
Doch die Angst kommt jede Nacht.
1. Alltäglicher Ärger
Peter spürt ein dumpfes Quälen in der Brust. Am liebsten würde er sofort zurückrufen, aber er reißt sich zusammen, jetzt muss er sich erst um die Patienten kümmern. Er hat es schon früh gelernt, Ängste zu unterdrücken. Während er langsam zur Tür geht, atmet er tief durch und strafft sich, dann bittet er die letzte Patientin der Nachmittagssprechstunde in das Untersuchungszimmer.
Die alte Frau begrüßt den fünfundvierzigjährigen HNO-Arzt Dr. Peter Hartmann, der sie freundlich anlächelt und fragt, was er für sie tun kann. Sie stöhnt und antwortet kurzatmig: „Herr Doktor. Sie müssen mir helfen, ich kann seit Tagen nichts mehr hören.“ Dabei sieht sie ihn bittend an.
Peter legt den Arm um ihre Schulter, führt sie zum Untersuchungsplatz, während sie ernst zu ihm aufblickt. „Meine Ohren sind wie taub. Trotz der Hörgeräte kann ich nichts verstehen.“
Seufzend setzt sich die Achtzigjährige und Peter sagt: „Lassen sie mich in ihre Ohren schauen, vielleicht kann ich ihnen helfen.“
Er untersucht sie mit dem Ohrmikroskop, entfernt routiniert und schmerzlos ihre Ohrenschmalzpfröpfe und blickt sie dann aufmerksam an. „Frau Schröder, können sie mich jetzt wieder besser hören?“
„Oh ja, wie schön“, ruft sie freudig, „ich kann sie wieder verstehen. Sie sind ein Engel!“ Dabei sieht sie Peter glücklich an. Der genießt ihr Kompliment und entspannt sich.
„Frau Schröder, wie geht es sonst? Was macht ihr Mann? Ist er wieder gesund?“ Sie schaut ihn sofort gequält an. „Ach Herr Doktor hören sie auf, es wird immer schwieriger mit ihm, er kann nichts mehr machen und hat nur noch Rückenschmerzen.“ Mitleidig fragt Peter sie, ob es denn gar nicht besser geworden ist.
„Besser? Schlechter!“, ruft sie bestürzt, „Es wird immer schlimmer. Sein Orthopäde findet nichts. Jede Woche sitzt mein Mann stundenlang in seiner Praxis.“
Plötzlich dämpft sie ihre Stimme und guckt Peter vertraulich in die Augen. „Er geht ohnehin nicht gern zu Doktor Neuer, der ist immer so kurz angebunden.“ Sie lächelt Peter liebevoll an. „Es sind nicht alle Ärzte so nett wie sie Herr Doktor.“
Peter senkt bescheiden den Blick und guckt dabei unauffällig auf seine Uhr. „Na ja, ich mache auch nur meine Arbeit.“
Sie schüttelt heftig den Kopf und ergreift Peters Hand. „Ja schon, aber sie sind dabei immer so aufmerksam und freundlich. Ich komme sehr gern zu ihnen.“ Peter wird ungeduldig, steht langsam auf, zieht die Patientin sanft zur Tür und verabschiedet sich mit freundlichen Worten.
Als die Tür schließt, verschwindet sein Lächeln und macht einer besorgten Miene Platz. Er geht zügig zu seinem Schreibtisch, wo der Zettel liegt. Seine Mitarbeiterin hat ihn dort abgelegt. Was die Bitte seiner Steuerberaterin um sofortigen Rückruf wohl zu bedeuten hat? Er spürt wieder das quälende Gefühl, immer wieder diese finanziellen Probleme!
Seufzend wählt er ihre Telefonnummer und hat sie sofort am Apparat. In ihrer unnachahmlichen Art kommt sie ohne Umschweife zur Sache.
Das Finanzamt hat ein Schreiben gesendet, in dem Peter vorgeworfen wird, falsche Angaben hinsichtlich seiner früheren klinischen Tätigkeit gemacht zu haben. Angeblich hat er damals neben seiner Angestelltentätigkeit auch selbstständig gearbeitet. Das würde bedeuten, dass ihm staatliche Zuschüsse für die Praxisgründung vor acht Jahren nicht zustehen und er sie zurückzahlen muss, ein sechsstelliger Eurobetrag.
Peter ist geschockt, Schweißtropfen bilden sich auf seiner Stirn und er sagt erstmal nichts. Dann fragt er mit Stimme kläglich: „Und, was machen wir jetzt?“ Sie antwortet unbeschwert: „Keine Sorge, da finden wir schon eine Lösung. Können sie morgen zu mir kommen?“ Peter sagt zu, sie verabreden sich für den nächsten Tag und beenden das Gespräch.
Seine Stimmung ist am Boden, er legt das Telefon mit unsicherer Hand in die Schale und lässt sich in den Sessel zurückfallen. Das muss er erst mal verdauen.
Wie kommt das Finanzamt auf solche Forderungen? Er hat doch während seiner Tätigkeit als angestellter Oberarzt im Krankenhaus nur gelegentlich kurze Nebenbeschäftigungen ausgeübt.
Plötzlich klopft es an seiner Tür. Ehe er reagieren kann, öffnet seine Sprechstundenhilfe Diana die Tür. Er sieht sie genervt an und fragt unfreundlich: „Was ist denn los?“.
„Wir wollten noch über Sabina reden. Sie macht wieder Probleme.“ Peter explodiert. „Verflucht noch mal, könnt ihr das nicht ohne mich klären? Muss ich mich denn hier um jeden Scheiß persönlich kümmern?“
Diana antwortet unbeeindruckt: „Chef, sie selbst wollten heute noch mit mir darüber reden.“
Peter sinkt beschämt in seinen Sessel. „Ja Diana, Entschuldigung, ist mir so rausgerutscht. Ich bin einfach geschafft. Lassen Sie es uns auf morgen verschieben. Ich muss jetzt nach Hause. Meine Frau erwartet mich zum Empfang der Dorfschönen“.
Diana nickt wortlos und schließt die Tür. Peter ordnet schnell seinen Schreibtisch, zieht sich um, ergreift seine Tasche und verlässt die Praxis.
Auf dem Weg zum Auto hat er immer noch ein schlechtes Gewissen. Warum hat er Diana so angefahren? Er darf sich nicht immer so gehen lassen!
Während der Heimfahrt denkt er an das Gespräch mit der Steuerberaterin. Das fehlt ihm gerade noch. Er wollte mit seiner Familie im Sommer eine Südamerikakreuzfahrt machen, Cornelias Traum. Er hat es erst vor kurzem durchgerechnet. Trotz ihrer allgemein angespannten finanziellen Situation hätten sie sich die Reise noch leisten können. Wenn aber jetzt noch weitere finanzielle Problem dazukommen, werden sie die Auslandreise aufgeben müssen.
Das wird seiner Frau Cornelia nicht gefallen, denn sie prahlt schon seit Wochen vor ihren Freundinnen damit herum.
Er fürchtet sich davor, ihr etwas abschlagen zu müssen, denn er liebt seine Frau sehr, seine Familie ist der Hafen, der ihm Sicherheit gibt.
Heute Abend hat Conny wieder eine Party mit ihren langweiligen Freunden geplant. Peter freut sich keineswegs darauf, zumal er mitten in der Woche abends einfach geschafft ist, aber er muss wohl oder übel seine Rolle als Gastgeber spielen.
Er schaut kurz auf die Uhr. Oh, er muss sich beeilen. Vor ihm der Autofahrer scheint zu träumen. Sieht der nicht, dass die Ampel für die Rechtsabbieger schon seit Sekunden grün ist? Peter hupt nervös.
Endlich bewegt sich der Träumer langsam in die Kurve, die Ampel schaltet derweil auf gelb, Peter beschleunigt seinen Wagen und folgt schnell um die Ecke. Einige Meter hinter der Kurve überholt ihn plötzlich ein Polizeiwagen. Eine aus dem Autofenster gehaltene rot-weiße Kelle zeigt an, dass er folgen soll.
Haben die etwa hinter ihm gestanden, während er bei Rot die Ampel überfahren hat? Peters Herzfrequenz beschleunigt sich und er folgt brav dem Dienstwagen der Polizei.
Nachdem sie in der nächsten Seitenstraße anhalten, steigen zwei Polizisten aus und fordern Peter auf, sein Auto zu verlassen. Der eine fragt Peter sachlich, ob er bemerkt hat, dass er bei Rot die Ampel für die Rechtsabbieger überfahren hat.
Peter schüttelt ärgerlich den Kopf. „Nein, natürlich nicht, es war noch gelb.“ Kurz danach fügt er hinzu: „Sie sind doch fast zeitgleich mit mir um die Ecke gefahren.“
Der Polizist sagt ganz ruhig: „Als wir losgefahren sind, war die Kreuzung wieder freigegeben. Sie aber sind eindeutig bei Rot gefahren. Wir haben direkt hinter ihnen gestanden.“
Peter schäumt fast vor Wut. „Das kann doch wohl nicht wahr sein. Haben Sie nichts Besseres zu tun, als einen viel beschäftigten Mann wegen so einer Lappalie zu verfolgen. Ich habe Niemanden gefährdet, während sie rücksichtslos über die Kreuzung gebraust sind, um mich wie ein Verbrecher zu verfolgen.“
Der Beamte lässt sich nicht aus der Reserve locken, Peter muss seine Papiere zeigen und bekommt einen Strafzettel.
Er kocht vor Wut. Warum das? Während er sich bei Tag und Nacht um die Gesundheit der Mitmenschen kümmert und mit seinen Steuern die Gehälter dieser Krümelkacker bezahlt, wird er wegen so einer Lappalie wie ein Krimineller behandelt.
Wütend fragt er die Polizisten: „Na, fühlt ihr euch jetzt wie die Helden?“
Die Ordnungshüter schweigen dazu, überreichen ihm förmlich seine Papiere und lassen ihn wortlos stehen. Peter atmet tief durch. Die wissen wohl nicht, wer ich bin! Dann schaut er sich verstohlen um. Glücklicherweise hat keiner die Szene beobachtet. Als der Polizeiwagen nicht mehr in Sicht ist, steigt er in sein Auto und setzt die Fahrt fort.
Zu Hause angekommen hat er sich wieder beruhigt, stellt das Auto im Carport ab und betritt leise den Flur. Es ist ungewöhnlich ruhig im Haus. Die Gäste sind offensichtlich noch nicht da. Nur der Hund kommt ihm schwanzwedelnd entgegen. Peter ruft mit lauter Stimme: „Hallo ich bin zu Hause“. Aber außer Bello scheint sich niemand für sein Ankommen zu interessieren.
Nachdem er sich die Hausschuhe angezogen hat, geht er zur Küche und öffnet die Tür. Seine Frau Cornelia, seine fünfzehnjährige Tochter Maren sowie der elfjährige Sohn Hendrik zucken erschrocken zusammen.
Peter fragt leicht verärgert: „Ich störe wohl?“ Seine Frau steht sofort unsicher auf. „Nein, aber wir haben noch gar nicht mit dir gerechnet“.
Sie begrüßt ihn mit einem Wangenkuss, während Hendriks Stimme erklingt. „Papa, hast du an mein Geburtstagsgeschenk gedacht?“ Maren stößt ihn in die Rippen. „Mensch Hendrik, du weißt doch, dass Papa Wichtigeres zu tun hat.“
Peter lächelt seinen Sohn an. „Hendrik, natürlich denke ich an dich. Aber jetzt habe ich erst mal eine Begrüßung verdient, oder?
Er schaut seine Frau an. „Wann kommen denn unsere Gäste?“
„Wieso Gäste?“ Sie guckt ungläubig. „Die Party ist morgen.“ Peter atmet erlöst auf. „Na, dann können wir ja in Ruhe Abendbrot essen.“
2. Böses Erwachen
Als Cornelia beginnt, den Abendbrottisch abzuräumen, springt Maren auf, um ihr zu helfen, während Hendrik sich an ihr vorbeischummelt und aus der Küche rennt. Maren ruft im wütend nach: „Du könntest ruhig mithelfen.“ Hendrik ignoriert sie.
Cornelia fasst ihre Tochter an die Schulter. „Lass ihn doch. Er will bestimmt noch Schularbeiten machen.“ Maren verzieht ihr Gesicht. „Das glaubst du doch selbst nicht. Sein Computerspiel lockt.“
Peter runzelt nervös die Stirn. „Maren, ich muss mit eurer Mutter etwas unter vier Augen besprechen. Lass uns bitte allein.“ Cornelia nickt Maren zu. „Ja geh` ruhig. Ich schaffe das auch ohne dich.“
Nachdem Maren die Küchentür geschlossen hat, räumt Cornelia schweigend, offensichtlich unbeeindruckt weiter den Küchentisch ab.
Peter holt plötzlich tief Luft und eröffnet ihr kurz und emotionslos, dass sie sich zukünftig wegen drohender Steuerzahlungen finanziell einschränken müssen.
Cornelia bleibt abrupt stehen und starrt ihn ungläubig an. „Wie meinst du das?“ Peter windet sich ärgerlich. „Ich soll Steuern nachzahlen, da ich angeblich schon vor der Praxisgründung selbstständig gearbeitet habe.“
Connys Züge entgleisen. „Wieviel Geld wollen sie denn haben?“
„Ungefähr einhunderttausend Euro.“
„Und was wird mit der Schiffsreise?“
Peter antwortet nüchtern: „Die müssen wir wohl abblasen. Ich bin froh, wenn ich nicht in Kürze Pleite mache.“
Cornelia lässt sich auf einen Küchenstuhl fallen, ihr Oberkörper sinkt auf den Tisch, den Kopf verbirgt sie in den Armen. Ihr ganzer Körper bebt plötzlich und sie weint hemmungslos. Peter schweigt betroffen und sitzt hilflos daneben.
Plötzlich hebt sie den Kopf und stößt tränenüberströmt hervor: „Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr. Ich halte es mit dir nicht mehr aus. Am liebsten würde ich mich von dir scheiden lassen.“
Peter blickt sie erschrocken an, er muss sich verhört haben, ein lähmendes Gefühl ergreift ihn. „Cornelia, nun übertreibe nicht gleich, noch sind wir ja nicht Pleite.“
Sie blickt ihn wütend an. „Ich habe mich bisher nicht getraut, es dir zu sagen, aber ich denke schon lange an Scheidung.“
Ihm wird schlecht, er bekommt weiche Knie, während längst vergessen Ängste hervorkriechen. Er schaut seine Frau bestürzt an. „Aber Conny, warum sagst du nicht, wenn du Probleme mit mir hast? Du kannst doch mit mir über alles reden.“
Cornelias Gesicht verzerrt sich zu einer wütenden Fratze. „Mit dir reden, dass ich nicht lache! Du kennst doch nur deine Arbeit.“
Peter schluckt, schaut sich Hilfe suchend um, will antworten, doch seine Worte werden vom Klingelton seines Handys erstickt.
Kurzer Blick aufs Display. „Das hat mir noch gefehlt. Die Klinik“. Er hält das Telefon ans Ohr und fragt: „Was gibt es denn?“ Kurzes Stirnrunzeln. „Ok, ich komme.“ Augenblicklich ist er wieder ganz gefasst. „Conny sei bitte nicht böse, wir reden später darüber. Ich muss sofort in die Klinik.“
Unbeholfen will er sie noch schnell in den Arm nehmen, aber sie wendet sich demonstrativ ab, da eilt er mit dem Handy in der Hand aus dem Zimmer.
Als er im Auto sitzt, wirft er das Mobiltelefon auf den Beifahrersitz, sinkt zusammen und nimmt den Kopf zwischen die Hände. Das fehlt mir noch. Worunter leidet sie? Sie hat doch so ein schönes Leben, so, wie sie es immer wollte. Sie muss sich nicht zwischen Arbeit und Familie zerreißen. Sie kann sich den ganzen Tag um ihre Wunschkinder kümmern. Wir leben in einem schönen Haus, können uns viele Wünsche erfüllen und sie hat ihre Freundinnen. Ich verstehe es nicht.
Krampfhaft verscheucht er diese Gedanken, strafft sich und startet den Motor. Während der Fahrt kreisen seine Gedanken um die Lösung des Problems.
Sein Kollege Werner hatte vor fünf Jahren mit seiner Frau ähnliche Probleme, aber nach einer Paartherapie haben sie wieder zusammengefunden.
Peter muss vermutlich nur mehr Rücksicht auf Conny nehmen und sich auch mit ihren Problemen beschäftigen. Seine Angst lässt spürbar nach, das ist die Lösung. Er atmet tief durch und seine innere Unruhe ebbt langsam ab, er hat einen Ausweg gefunden.
Seine Gedanken konzentrieren sich jetzt auf den Patienten, den er vor drei Tage operiert hat und der jetzt Probleme zu haben scheint.
Peter hat ihn im Nasennebenhöhlenbereich direkt unter dem Gehirn operiert. Eine Verletzung des schützenden, benachbarten Schädelknochens ist eine gefürchtete Komplikation dieses Operationsverfahrens. Gut, dass die diensthabende Schwester so aufmerksam war. Vielleicht irrt sie sich ja auch.
Lieber Gott, lass bitte diesen Kelch an mir vorübergehen! Schon hat Peter die Klinik erreicht, stellt das Auto auf dem Parkplatz ab und eilt auf seine Station.
3. Die Komplikation
Als Peter die Station erreicht, begrüßt er Schwester Monika, die am Stationstresen Patientenakten bearbeitet. Peter schätzt sie, sie ist klug und umsichtig, eine der besten Schwestern der Station.
Sie schaut ihn ernst an. „Herrn Kaiser tropft seit Stunden eine klare Flüssigkeit aus der Nase. Es scheint sich um Liquor zu handeln.“
Peter nickt nur kurz. „Ich schaue es mir gleich an. Bringen sie mir bitte ein kleines Gefäß und Glukoseteststreifen ins Patientenzimmer.“
Während die Schwester die gewünschten Dinge holt, zieht Peter sich um und geht dann zum Patienten. Auf der Station ist es sehr ruhig, ein angenehmer Kontrast zur üblichen Tageshektik.
Als er das Patientenzimmer erreicht, klopft er, wartet kurz und öffnet die Tür. In dem nüchternen Zweibettzimmer liegt nur ein Patient, Herr Hauptmann, der ihn erstaunt ansieht.
„Guten Abend Herr Doktor, sie haben wohl nie Feierabend.“ Peter zeigt keine Emotion. „Guten Abend Herr Hauptmann. Wo ist ihr Bettnachbar?“
„Er hat Besuch von seiner Frau. Sie sind beide spazieren gegangen.“
Peter zieht einen Stuhl ans Bett des Patienten, setzt sich und sagt mit ernster Miene: „Herr Hauptmann, Schwester Monika hat mir berichtet, dass Ihnen seit Stunden eine klare Flüssigkeit aus der Nase tropft.“
Herr Hauptmann nickt. „Ja, aber nur ab und zu. Ich bekomme vielleicht einen Schnupfen.“
Währenddessen betritt Schwester Monika leise das Zimmer, stellt ein Tablett auf den Nachttisch des Patienten und stellt sich schweigend neben das Bett. Peter nickt ihr kurz zu und blickt wieder zum Patienten.
„Herr Hauptmann, ich habe ihnen heute Morgen die Nasentamponade gezogen. Es besteht die Möglichkeit, dass dadurch ein Defekt an der Schädelbasis freigelegt wurde, aus dem jetzt Hirnwasser abtropft.“
„Ein Defekt an der Schädelbasis?“ Herr Hauptmann wird blass. „Wie kann denn das passieren?“
Peter holt langsam und tief Luft. „Herr Hauptmann, wir haben vor der Operation darüber gesprochen, dass bei dem Eingriff auch Komplikationen auftreten können. Eine Verletzung des Schädelbasisknochens tritt mit einer Wahrscheinlichkeit von einer zu hundert Operationen auf.“
Er hält kurz inne, beobachtet den Patienten und wartet auf die Wirkung seiner Worte, Herr Hauptmann schaut ihn aber nur verständnislos an, so dass Peter fortfährt: „Die Nasennebenhöhlen, aus denen ich die Polypen entfernt habe, grenzen unmittelbar an einen Knochen der Schädelbasis, der teilweise dünner als ein Millimeter ist.“
Herr Hauptmann wird unruhig, während Peter weiterredet. „Es ist auch bei sorgfältigster Operation nicht immer vermeidbar, dass es während solcher Eingriffe zu einer Knochen- und damit Hirnhautverletzung kommt.“
Herrn Hauptmanns Gesicht rötet sich, erregt poltert er los: „Und das muss gerade mir passieren.“
Peter ergreift seine rechte Hand und sagt beschwichtigend: „Herr Hauptmann, sie brauchen keine Angst haben. Wichtig ist, dass so eine Verletzung frühzeitig bemerkt und gedeckt wird. Damit werden gefährliche Komplikationen vermieden. Die Perforation an sich ist nicht gefährlich.“
„Was denn für gefährliche Komplikationen?“ Blanke Angst schreit aus den Augen des Patienten. Peter atmet wieder tief durch, Schwester Monika legt ihm eine Hand auf die Schulter.
„Herr Hauptmann beruhigen sie sich bitte. Wir werden jetzt etwas von der Nasenflüssigkeit auffangen und wissen dann mit Sicherheit, ob es sich um Hirnflüssigkeit handelt.“
Herr Hauptmann schweigt betroffen, seine Augen flackern, während Peter sich den kleinen Glaszylinder greift und ihn Herrn Kaiser unter die Nase hält. Nach einigen Sekunden löst sich der erste Tropfen von der Nasenspitze und fällt in den Behälter. Peter beobachtet den Patienten und flüstert Schwester Monika dabei unauffällig etwas ins Ohr.
Die Prozedur dauert einige Minuten. Peter hat unterdessen einen Teststreifen in das Glasgefäß rutschen lassen, der sich an der angefeuchteten Spitze langsam rot färbt.
Er schaut Schwester Monika mehrfach gequält an und sagt abschließend zum Patienten: „So Herr Hauptmann, das war es erst mal.“ Dabei hebt er leicht schüttelnd das Glas. „Wir lassen diese Flüssigkeit jetzt untersuchen und in etwa einer Stunde wissen wir Genaueres.“
Herr Hauptmann sieht Peter misstrauisch an. „Und was passiert dann?“ Peter ist schon auf dem Weg zur Tür, als er antwortet. „Wir reden dann miteinander.“
Am Tresen angekommen sagt er: „Monika, lassen sie sofort und mit Nachdruck die Flüssigkeit untersuchen. Die Verfärbung des Teststreifens spricht dafür, dass es sich um Liquor handelt.“
Sie nickt und fragt leise: „Ist das sehr kritisch?“ Peter lächelt zerknirscht. „Ach Monika, so etwas passiert eben. Es ist eine typische Komplikation, die mir zum ersten Mal widerfährt.“
Dann fasst er Monika an die Schulter. „Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mich sofort informiert haben. Das werde ich ihnen nie vergessen. Alles andere wird gut verlaufen. Kritisch hätte es werden können, wenn die Liquorrhoe unbemerkt geblieben wäre.“
Monika wird puterrot. „Das gerade ihnen das passieren muss.“ Peter lächelt gequält. „Berufsrisiko, da muss ich jetzt durch. Wenn das Laborergebnis da ist, kommen sie bitte mit dem Patienten in mein Untersuchungszimmer. Ich warte dort.“
Er dreht sich abrupt um und geht zum Untersuchungsraum, gleichzeitig sein Klinikarbeitszimmer. Dort lässt er sich erschöpft in den Sessel fallen. Im Moment hat sich wohl alles gegen mich verschworen!
Er reibt sich die Stirn und schließt für Sekunden die Augen. Als er sie wieder öffnet, sieht er unerwartet Herrn Hauptmanns Unterlagen auf dem Schreibtisch liegen, Monika hat sie wohl vorsorglich dort hingelegt. Sie ist wirklich eine Perle. Nicht auszudenken, wenn eine der unterdurchschnittlichen Schwestern Dienst gehabt hätte.
Langsam blättert er sich durch die Patientenakte, findet den Aufklärungsbogen, liest ihn aufmerksam durch und schließt dann beruhigt die Akte. Er entspannt sich, alles korrekt.
Zum Glück ist er hinsichtlich der Patientenaufklärung immer sehr gründlich. Er hat vor der Operation ausdrücklich auf die Möglichkeit einer Perforation des Schädelbasisknochens hingewiesen und Herr Hauptmann hat es mit seiner Unterschrift bestätigt.
Peter schließt die Augen und nickt sofort ein. Plötzlich klopft es an der Tür, er schrickt auf. Was ist los? Er ist wohl kurz eingeschlafen. „Herein!“
Schwester Monika und Herr Hauptmann betreten das Zimmer. Monika reicht Peter das Laborergebnis, er schaut es sich an, runzelt die Stirn und sagt lapidar zu Herrn Hauptmann: „Leider haben sich die Vermutungen bestätigt. Setzen sie sich bitte. Schwester Monika, sie bitte auch!“
Herr Hauptmann lässt sich in einen Sessel falle, sein Blick kreist unruhig umher, dann guckt er zu Boden, ringt mit seinen Händen und plötzlich richtet er sich auf und schaut Peter fragend an. „Wie geht es jetzt weiter?“
Peter guckt ihm fest in die Augen und sagt: „Herr Hauptmann, die Perforation des Schädelbasisknochens muss gedeckt werden, das heißt, ich muss sie noch einmal operieren.“
Herr Hauptmann poltert sofort los: „Noch mal operieren, muss das sein?“ Peter lässt sich nicht beeindrucken. „Es handelt sich nur um einen Kurzeingriff, aber ohne ihn besteht das Risiko, dass sie eine Hirnentzündung bekommen.“
Herrn Hauptmanns Gesicht versteinert sich, während Peter weiter erklärt. „Sie erhalten jetzt ein Antibiotikum und ich werde sie im Laufe des Abends operieren, das heißt, die kleine Perforation verschließen. Danach sind schwerwiegenden Komplikationen sehr unwahrscheinlich.“
Peter schaut den Patienten aufmerksam an. Nachdem dieser nicht reagiert, fragt er: “Sind sie damit einverstanden?“
Herr Hauptmann hebt ruckartig den Kopf, schaut Peter missmutig an und stößt plötzlich hervor: „Ich will in die Uniklinik verlegt werden. Die sollen mich operieren.“
Peter schluckt, hält kurz den Atem an, sagt aber nichts, steht auf, geht kurz durchs Zimmer und reagiert dann mit ruhiger Stimme: „Ich muss ihre Entscheidung akzeptieren und werde das Entsprechende veranlassen. Wenn die Kollegen der Uniklinik zustimmen, werden ich sie sofort dorthin verlegen.“
Herr Hauptmann steht abrupt auf und schaut Peter unsicher an. „Sind sie fertig mit mir?“ Peter nickt zustimmend. Herr Hauptmann dreht sich um und geht ohne ein Wort aus dem Zimmer, Schwester Monika folgt ihm und Peter setzt sich ans Telefon.
4. Die Auseinandersetzung
Das Telefonat mit dem Arzt der Uniklinik ist unkompliziert und kollegial. Herr Hauptmann kann sofort verlegt werden. Peter schreibt noch einen Brief für die weiterbehandelnden Ärzte und bespricht mit Schwester Monika die Formalitäten der Verlegung und begibt sich dann gegen einundzwanzig Uhr auf den Heimweg.
Während der Autofahrt spürt er deutlich seine Erschöpfung und hat ein beklemmendes Gefühl. Herr Hauptmann wird ihm wohl noch Ärger bereiten. In der Uniklinik ist er aber in guten Händen und Peter hat im Moment ein Problem weniger.
Erleichterung kann er jedoch nicht empfinden, denn je mehr er sich seinem Haus nähert, drängen sich wieder die schmerzhaften Gefühle nach Cornelias Geständnis in sein Bewusstsein.
Es hat ihn maßlos schockiert, dass sie sich von ihm trennen will. Damit hat er überhaupt nicht gerechnet. Seit fast sechszehn Jahren sind sie ein Paar und Cornelia hat bisher nie solche Gedanken geäußert. Sie hat zwar häufig Phasen depressiver Verstimmung, er hat diese aber nie mit ihrer Beziehung in Verbindung gebracht, denn sie hat schon in der Jugend permanent darunter gelitten.
Als sie sich beide verliebten, hatte sie gerade ihre langjährige Beziehung mit einem Mann beendete, der keine Familie mit Kindern wollte und sie dazu noch mehrmals betrogen hat. Für Peter war sie nach der Trennung von Claudia die erste Frau, in die er sich richtig verliebte und die seine Vorstellungen bezüglich einer Familie teilte. Bis heute war er davon überzeugt, dass sie ihn als den idealen Ehemann betrachtet.
Als er das Auto im Carport seines Hauses abstellt, sieht er in der ersten Etage, im Wohnzimmer, noch Licht brennen. Leise betritt er den Flur, der auf der Decke liegende Hund hebt den Kopf und schaut ihn schläfrig an. Sein leichtes Schwanzwedeln zeigt, dass er sich über das Erscheinen seines Herrchens freut.
Peter öffnet vorsichtig die Wohnzimmertür. Im Fernsehapparat läuft ein Film, Cornelia sitzt im Sessel, den Rücken zur Tür und reagiert nicht auf sein Eintreten. Langsam geht er zu ihr und setzt sich daneben auf den zweiten Sessel.
Er begrüßt sie leise, sie guckt aber stur weiter auf den Monitor. „Cornelia, es tut mir sehr leid, dass ich vorhin das Gespräch abbrechen musste. Aber es gab Probleme mit einem Patienten, um die ich mich dringend kümmern musste.“
Cornelia stöhnt leise, beugt sich zur Fernbedienung, die vor ihr auf dem Tisch liegt und schaltet den Fernseher ab. Dann schaut sie ihn unfreundlich an.
„Das ist doch immer so mit dir. Wir und unser Leben sind dir doch niemals so wichtig wie deine Arbeit.“ Peter schaut sie entsetzt an, er spürt ihre Worte wie Peitschenhiebe. „Wie kannst du so denken? Ich habe dir immer alle Wünsche erfüllt. Die Kinder sind dein Ein und Alles und du musstest nie teilen zwischen Beruf und Familie.“
Cornelia schnaubt hörbar und schaut ihn verächtlich an. „Denkst du etwa, das Leben mit dir ist leicht. Nie bist du da, wenn man dich braucht.“
Peter hat Mühe, sich zu beherrschen, er schaut sie entgeistert an. Was ist mit ihr los? Dann reißt er sich zusammen.
„Natürlich hat mein Beruf den Nachteil, dass ich nicht immer für die Familie da sein kann, aber ich habe immer geglaubt, dass du stolz bist, mit einem Arzt verheiratet zu sein.“
Cornelia springt auf, schlägt sich wütend an den Kopf. So hat Peter sie noch nie erlebt.
„Mir wäre es lieber, wenn du Handwerker wärst und dich mehr um deine Familie und unsere Freunde kümmern würdest.“
Peter holt tief Luft, seine Hände umklammern die Sessellehne, er fühlt sich erschöpft und elend. „Conny, lass uns bitte nicht streiten. Ich habe nachgedacht und glaube, dass es für uns beide gut wäre, wenn wir eine Paartherapie machen.“
Cornelia schaut ihn missmutig an und macht eine ablehnende Handbewegung.
„Nee, eine Paartherapie kommt für mich nicht in Frage. Ich werde doch nicht unsere Probleme mit fremden Leuten besprechen.“
Peter wird ungehalten. „Das ist doch Quatsch. Kein Mensch erfährt von diesen Gesprächen.“
Sie redet aber unbeeindruckt weiter: „Außerdem muss ich dir sagen, dass ich entschlossen bin, mich von dir zu trennen. Ich bin froh, dass das endlich raus ist.“
Peters spürt ein Dröhnen in seinem Kopf, seine Gedanken rotieren wie wild, er will aufspringen, nur mühsam kann er seine Verzweiflung verbergen. „Warum willst du unser Leben zerstören? Ihr seid mein Ein und Alles. Weißt du nicht, dass ich alles für euch tun würde?“
Cornelia sinkt plötzlich wie ein Häufchen Elend auf ihren Sessel und fängt an zu weinen.
“Das ist es ja gerade. Du liebst mich nicht. Du brauchst mich. Ich möchte aber geliebt werden, endlich mal wieder das Kribbeln im Bauch spüren.“
Sie schluchzt heftig, ihre Schultern beben und sie schaut Peter verzweifelt an.
„Wenn du wüsstest, wie oft ich mich schon umbringen wollte. Nur die Kinder halten mich noch am Leben.“
Peter ist schlagartig still, ein durchdringendes Schwächegefühl lähmt ihn, und er sinkt geschockt in den Sessel. Das ist ja schrecklich und ich habe nichts davon bemerkt. Ihm wird ganz schlecht und eine tiefe Traurigkeit betäubt seine Gedanken.
Nach einer gefühlten Ewigkeit steht er unsicher auf und nimmt Cornelia umständlich in die Arme, was sie nur widerwillig akzeptiert. „Conny ich liebe dich und unsere Kinder. Vielleicht ist es besser, wenn wir uns vorläufig trennen. Ich kann mir ja vorübergehend eine kleine Wohnung mieten.“
Er streichelt ihr Haar und umfasst ihren Kopf und hebt ihn, um ihr in die Augen zu schauen. „Du musst dringend eine Psychotherapie machen. Wenn du willst, kümmere ich mich darum.“
Cornelias sagt mit schluchzender Stimme: „Peter, du verstehst mich nicht, ich will nicht mehr. Ich will nicht mehr mit dir zusammenleben.“
Sie löst sich plötzlich aus seiner Umarmung, geht zur Tür und sagt: „Ich gehe jetzt schlafen.“
Als sie das Zimmer verlassen hat, sinkt Peter in den Sessel und vergräbt seinen Kopf in den Händen, er ist tief traurig und erschöpft. Nach einem kurzen Dämmerzustand beginnen seine Gedanken zu kreisen.
Warum liebt Cornelia mich nicht mehr? Natürlich brauche ich sie, aber sie braucht mich doch auch. Denkt sie denn gar nicht an ihre Kinder? Für sie bricht doch auch eine Welt zusammen, wenn wir uns trennen. Wie sollen wir das den Kindern erklären?
Er versinkt langsam in eine selbstmitleidige Stimmung und trübe Gedanken lullen ihn ein, eine bleierne Müdigkeit lähmt ihn zunehmend und kurz bevor er einschläft, zwingt er sich, aufzustehen.
Benommen wankt er zum Gästezimmer und nachdem er sich umständlich das Gästebett bereitet hat, liegt er noch lange wach und grübelt.
Es ist sicher das Beste, wenn wir uns vorübergehend trennen. Conny kann zur Ruhe kommen und eine Psychotherapie machen. Sie hat schon immer psychische Probleme. Wenn es stimmt, was erzählt wird, hat eine Freundin sie in der Jugend vor einem Suizid bewahrt. Mit Peter wollte sie nie darüber reden. Dieses Thema darf er nicht mal ansprechen. Warum, das hat er nie verstanden.
Ich hätte schon früher darauf dringen müssen, dass Conny sich behandeln lässt, sie ist oft schwierig und geradezu harmoniesüchtig, am wichtigsten scheint ihr zu sein, dass sie von allen Menschen als die liebevolle, verständnisvolle Conny geliebt und gesehen wird. Deshalb liebe ich sie ja auch so, andererseits weiß man bei ihr nie, was sie eigentlich wirklich will.
Morgen kümmere ich mich um die Wohnungssuche, es muss ja keine große Behausung sein und dann müssen wir mit den Kindern sprechen, davor grault mir jetzt schon.
Peters Müdigkeit ist verflogen, er liegt noch lange wach, bis er sich eine Schlaftablette holt, die ihn von der Grübelei befreit. Er braucht seinen Schlaf, morgen ist wieder ein anstrengender Tag.
5. Gespräch mit den Kindern
Peter fühlt sich nach dem Aufstehen noch sehr müde, ihm grault vor dem anbrechenden Tag. Gott sei Dank ist heute Mittwoch und er muss nur die Morgenvisite im Krankenhaus und den Vormittag in der Praxis überstehen, der Nachmittag ist wie üblich frei.
Nach der Sprechstunde telefoniert er mit einem Oberarzt der Uniklinik und erfährt, dass Herr Hauptmann problemlos operiert wurde und höchstwahrscheinlich in einer Woche entlassen wird. Peter fällt ein Stein vom Herzen und er kann sich entspannt der nächsten Angelegenheit widmen.
Er telefoniert mit einem Immobilienmakler, dem er sein Wohnungsproblem schildert. Zu Peters Überraschung bietet dieser ihm sofort eine passende Wohnung an, die er ihm am Nachmittag zeigen will. Peters gedrückte Stimmung steigt langsam.
Bevor er zum Mittagessen gehen will, erledigt er noch schnell die Praxispost, da fällt ihm ein, dass Diana gestern mit ihm über Sabina sprechen wollte. Er schaut auf die Uhr und geht sofort zu ihr.
Als er sie anspricht, schaut sie ihn gequält an. „Ich muss aber spätestens gegen dreizehn Uhr los. Meine Mutter will mich besuchen.“
“Das schaffen wir noch. Was gibt es denn für Probleme mit Sabina?“
Diana verzieht ihr Gesicht. „Sie ist oft maulig, fährt den Patienten über den Mund und wenn man sie darauf anspricht, zeigt sie keinerlei Einsicht.“
Peter wiegt mit ernster Miene den Kopf. „Wie ist Ihre Meinung? Wollen Sie, dass wir uns von ihr trennen?“
Diana schüttelt sofort den Kopf. „Nein, das möchte ich nicht. Es ist sicher auch nicht so einfach, eine bessere Kraft finden. Können Sie nicht mal mit ihr reden? Sie sind der Einzige, vor dem sie Respekt hat.“
Peter hört das gern und er nickt zustimmend. Dann fragt er sie: „Was halten Sie generell von Sabina? Müssen wir uns langfristig nach Ersatz umsehen?“
Diana wehrt ab. „Nein, sie ist ja noch sehr jung und macht ihre Arbeit ansonsten gut. Vielleicht hat ihr die väterliche Strenge gefehlt. Ihr Vater hat die Familie ja schon früh verlassen.“
Peter fühlt sofort einen Stich im Herzen. Er lässt sich aber nichts anmerken. „Ok Diana, ich rede mit ihr und werde sie dabei auch nicht schonen.“
Diana wirkt sofort erleichtert, sie lächelt Peter schelmisch an. „Übertreiben sie es aber nicht mit der Kritik. Ich selbst schätze ja ihr Temperament und ihre Direktheit, aber Sabina ist ziemlich empfindlich.“
Peter schmunzelt und sagt: “Diana, ich verspreche Ihnen, dass ich Sabina auch loben werde. Ich werde meine Kritik nach der Sandwichmethode dosieren. Lob, Kritik, Lob.“
Er dreht sich um, lacht und verabschiedet sich von ihr. Auf dem Weg in sein Zimmer fühlt er sich fast beschwingt. Kurz darauf hört er, wie Diana die Praxiseingangstür von außen verschließt. Er guckt auf seine Uhr, zieht sich um und macht sich auf den Weg, der Hunger nagt und die Besichtigung der neuen Wohnung findet schon in einer Stunde statt.
Nachdem er den Makler vor dem betreffenden Gebäude begrüßt hat, steigen sie gemeinsam die knarrenden Treppenstufen des dreistöckigen, betagten Mietshauses empor. Die Wände könnten einen Neuanstrich gut vertragen, denn das düstere Licht verbirgt nicht alle Mängel und es riecht etwas muffig.
Als sie die zerkratzte Wohnungstür öffnen, ist Peter sofort unangenehm berührt. Das Appartement ist sehr klein, anderthalb Zimmer, Miniküche und fensterloses Bad. Der Blick aus dem Fenster ist auch nicht gerade berauschend, kein Freiblick, von grünen Bäumen ganz zu schweigen.
Peter ist sofort bedrückt und schaut den Makler ernüchtert an. “Ziemlich klein.“
„Sie wollten doch nur eine kleine Wohnung als Übergangslösung, wie sie sagten. Etwas Besseres in dieser Größe habe ich im Moment nicht.“
Peter zögert unsicher und schaut sich jetzt erstmal gründlich die einzelnen Räume an. Sie sind frisch tapeziert, die Kücheneinrichtung ziemlich modern und das saubere Bad verfügt über neue Armaturen und sogar über eine Badewanne.
Eigentlich ist das Appartement gar nicht so schlecht. Ich bin natürlich verwöhnt und lange werde ich hier ja nicht wohnen. Seine Stimmung hebt sich langsam und er entscheidet sich. „Ich nehme die Wohnung.“
Der Makler atmet erfreut auf und wird gleich aktiv. „Eigentlich können sie sofort einziehen. Wenn sie für den laufenden Monat die volle Miete bezahlen, erlasse ich Ihnen die Hälfte der Mietkaution.“
Peter überlegt nicht lange und stimmt zu. Der Makler lässt ihn die Mietverträge unterschreiben, überreicht ihm ein Exemplar und die Wohnungsschlüssel und verabschiedet sich mit dem Hinweis, dass er noch einen weiteren Termin hat.
Als sich die Wohnungstür schließt, freut sich Peter. Wenn sich doch nur alle seine Probleme so einfach in Luft auflösen ließen. Die nächste Angelegenheit wird anstrengender, er denkt an das Gespräch mit seinen Kindern.
