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In einem Internat in Hamburg leben fünf ungewöhnliche Jugendliche: bei Nacht, wenn der Mond auf sie scheint, verwandeln sie sich in Raubtiere. Bei Sonnenaufgang werden sie wieder zu Menschen. Ein anderes Mädchen entdeckt jedoch dieses ungewöhnliche Geheimnis und es bricht Panik aus. Hinzukommt noch ein Fluch, der sie alle versteinern lässt. Nur Lucy ist von den Fünf noch lebendig und hat keine andere Chance, als Clarissa um Hilfe zu bitten. Der Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn auch Lucy ist bald ihrem Schicksal geweiht. Clarissa ist schon bald auf sich alleine gestellt. Wird sie es schaffen, die Halbmenschen aus der Versteinerung zu erlösen?
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Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cosima Klodt-Bussmann
Mondscheingeheimnisse
Im Bann des Fluches
© 2021 Cosima Klodt-Bussmann
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-28105-9
Hardcover:
978-3-347-28094-6
e-Book:
978-3-347-28095-3
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Über mich, die Autorin:
Geschichten schreiben gehört zu einer meiner absoluten Lieblingsbeschäftigungen. Schön finde ich am Lesen oder auch selber schreiben, dass man in der Welt versinken kann und mal Abstand vom Alltag bekommt. (Gerade auch während Corona für mich sehr wichtig). Ich habe dieses Buch angefangen als ich 10 Jahre alt war und habe es mit 13 Jahren beendet. Man merkt an einigen Stellen, dass diese Geschichte nicht von einem Erwachsenen geschrieben wurde, aber genau das macht es, finde ich, auch so einzigartig. Also genießt es und lächelt auch an der einen oder anderen Stelle über den Ausdruck;)
1. Kapitel
Im Zimmer bewegten sich Schatten, schwarz wie die Nacht. Gespenstisch wirkten sie. Fast ganz verschmolzen mit der Umgebung und dennoch erkennbar, wenn man sich anstrengte und versuchte, sie zu sehen. Es waren nicht die Schatten von Menschen. Nur zu wem gehörten die Schatten sonst? Zu Ungeheuern? Zu Monstern? Da! Einer hatte Krallen! Ein anderer hatte mörderscharfe Reißzähne! Jetzt war es eindeutig: Es waren die Formen von Tieren. Nicht von harmlosen, nein, von Raubtieren! Sie schlichen in dem Zimmer umher. In keine genau Richtung. Oder doch? Was war das Ziel dieser Raubtiere? Schlafende Kinder überall. Nichtsahnende Geschöpfe. Unschuldige. Waren sie die Beute? Die stechenden gelben Augen einer Tigerin glitzerten bedrohlich im Dunkeln. Ein weiteres gelb funkelndes Augenpaar tauchte auf. Nun waren es zwei Schatten. Stark genug, um es mit einer ganzen Horde kreischender Menschen aufzunehmen. Wäre jetzt ein Schlafender aufgewacht, hätte er sicher den Schrecken seines Lebens gehabt. Wie am Spieß hätte er geschrien. Doch es schreckte keiner aus seinem Schlaf hoch und somit schrie auch niemand. Zu hören waren allein die Atemgeräusche der wachen und der schlafenden Personen. Leises Schnarchen füllte den Raum aus, doch davon ließ sich niemand irritieren. Einer der Schatten bewegte sich nun zielgerichteter. Er kam einem der Betten gefährlich nahe. Er beugte sich über ein Mädchen mit blonden leicht gewellten Haaren. Wie eine kleine Prinzessin lag sie seelenruhig dort. Nicht wissend, dass sich gerade über sie ein Raubtier beugte. Der Schatten schaute auf sie hinab, die wie ein kleiner Engel dalag. Doch auch sie war nicht, wer sie vorgab zu sein. Wer war denn überhaupt noch normal? „Lass das. Sie wird schon gleich nachkommen. Da bin ich mir sehr sicher“, zischte ein zweiter Schatten genervt. Die andere Gestalt glitt lautlos, aber doch widerspenstig vom Bett des Mädchens zurück und meinte: „Ich wollte sie ja bloß schon wecken, damit sie nichts verpasst. Also Mrs. Ungeduldig. Wolltest du dich nicht beeilen?“ Mit diesen Worten huschte sie zur Tür und verschwand. Das andere Raubtier folgte ihr. Ein kleiner Windstoß ließ die Gardinen flattern, dann war wieder alles still. Als wäre nie etwas Absonderliches geschehen. Sie traten auf den Flur hinaus und schlichen durch das Tor. Auf halbem Weg trafen sie zwei weitere Schatten. Sie folgten ihr. Eine mächtige Garde von Raubtieren. Als sie draußen an der frischen Luft waren, stürmten sie los. Nichts könnte sie jemals aufhalten. Sie spürten keinen Schmerz mehr, keine Furcht. Das Kratzen der Dornen war egal. Einzig und allein ihre Freiheit zählte. Atemlos glitten sie aus den Büschen. Sie glaubten sich in Sicherheit, vor Blicken und Gefahren geschützt. Jetzt konnte man sie erst erkennen. Vor dem Mond zeichneten sich die Raubtiere ab: Ein Bär, eine Leopardin, ein Wolf und eine Tigerin. Der Bann war gebrochen. Schmerz und Furcht, davor würden sie nie bewahrt werden, selbst als Tiere nicht. Die Leopardin begann zu sprechen. Ihre Verzweiflung machte ihre Stimme brüchig. Tränen rollten über das Fell ihrer Wangen: „So können wir nicht weiter machen! Wenn uns jemand sieht, werden wir wahrscheinlich gejagt. Und irgendwann werden sie einen von uns treffen und dann können wir nie wieder ein Mensch bei Tage sein!“ „Ach, du bist ja so eine Heulsuse und denkst immer gleich an das Negative“, erwiderte die Tigerin, doch tief in ihrem Innern spürten sie alle, dass es die Wahrheit war. Ein Keuchen erklang aus dem Gebüsch, ein Ast knackte. Das Geräusch schalte laut durch die Stille als wäre ein Schuss abgefeuert worden. Abrupt drehten sie sich alle vier um. Wer war das? Hatte sie jemand gesehen?
Totenstille. Vor Schock vergaßen sie zu atmen. Rote Fetzen waren zwischen den Blättern zu erkennen. Ein Rascheln war zu hören und noch eins. Die vier Tiere standen dort wie zu Salzsäulen erstarrt. Unfähig sich zu bewegen. Wäre dies ein fremder Beobachter, wären sie ausgeliefert, das war ihnen klar. Die Kälte und die Angst ließen ihre Leiber bibbern. Hellgrüne Augen blitzten zwischen dem satten, dunkelgrünen Blätterwerk hervor.
Langsam, als würde sie den Moment genießen wollen, trat die Gestalt aus ihrer Deckung hervor. Es war kein Mensch. Ein weiterer Schatten? Als alle sie erkannten, traf sie eine Welle der Erleichterung. Sie atmeten wieder aus. Es war nur Lucy, eine Füchsin. „Habe ich etwas verpasst?“, fragte sie zufrieden, als sie die überwältigten Gesichter vom Rest der Garde sah. „Nein, nicht wirklich. Nur das übliche Problem mit Nella. Du weißt ja gar nicht, wie sehr du uns erschreckt hast!“ Ein kleines Lächeln huschte der Füchsin übers Gesicht. Ja, das hatte sie. Obwohl sie es noch nicht einmal vorgehabt hatte. Der große braune Bär stand abseits. Er schaute wie hypnotisiert in den kleinen Fluss, der zu seinen Füßen floss. Er war die Ruhe in Person und dabei war das, was er gleich sagen würde, nicht erfreulich. Ganz im Gegenteil. Seine Stimme war tiefer und hatte einen angenehmen Singsang, als käme der Akzent aus einer anderen Welt. Seine Augen wurden unnatürlich groß. Er sprach wie ein Prophezeiender: Gelassen aber eindringlich. „Großen Ärger wird es geben. Geheimnisse werden sich lüften. Von dem Moment an, wo irgendjemand uns sieht, während wir uns bei Tagesanbruch zurückverwandeln oder wenn wir uns aus dem Internat schleichen, geht alles bergab. Wir werden auf immer Tiere bleiben. Hütet euch vor der goldenen Schlange. Wir haben nur eine Rettung…“
Etwas weiter von ihnen entfern, in dem Internat für Jungen und Mädchen lebte ein besonderes Mädchen. Sie hatte Kochdienst und musste deswegen sehr früh aufstehen. Sie hieß Clarissa, hatte blondes Haar, das ihr über die Schulter fiel, blaue Augen und hatte eine beste Freundin (sie hieß übrigens Lotte). Das Schräge war, dass Clarissa jeden Morgen von leisen Bewegungen geweckt wurde. Sanft war das Aufwachen nie gewesen, denn sie wurde jedes Mal brutal aus dem Schlaf gerissen. An diesem Tag jedoch erwachte sie von selbst. Sie zog ihre Taschenuhr hervor, und nur ein Blick genügte ihr und sie wusste, dass sie noch früher erwacht war, als sonst, an einem normalen Tag.
Aber dies war eben kein normaler Tag. Die Uhr in ihrer Hand war schwer und golden. Wenn man sie anschaute, wusste man sofort, dass sie sehr alt war.
Clarissa ging auf das Internat, weil sie keine Eltern hatte. In den Ferien fuhren die Kinder, die Eltern hatten, nach Hause und die anderen mussten für diese Zeit ins Waisenhaus. Dort war alles viel zu modern und kühl eingerichtet, fand Clarissa. Sie war sehr glücklich, dass sie nicht die ganze Zeit dort bleiben musste. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an die Leiterin des Waisenhauses dachte. Eine knochige, alte Dame mit Adleraugen, denen nichts entging. Wäre ja auch echt der Horror!, dachte sie. Die Uhr hatte sie schon um den Hals hängen, als sie ein ganz kleines Kind war. Sie hatte kaum mehr eine Erinnerung daran, was passiert war, bevor sie vor dem Tor des Waisenhauses abgegeben worden war. Vielleicht hatte sie diese Antiquität ja von ihren Eltern bekommen. Doch dann rief sie sich wieder ins Gedächtnis, dass die Köchin auf sie wartete. Der Gedanke an ihren Dienst brachte sie wieder ins hier und jetzt zurück. Die Köchin freute sich, wenn man früher kam. Also schob sie die Decke beiseite und zog sich an. Clarissa war schon sehr geschickt darin geworden, leise zu sein, da es jeden Morgen so war. Es war schon eine Routine für sie. Sie ging auf den Flur und nahm den Weg zum Speisesaal hinter dem auch die Küche war. Und wirklich, die Köchin freute sich sehr darüber, sie schon früher zu sehen. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen und ließ sie gleich viel freundlicher wirken. Auch Clarissas Stimmung hob sich augenblicklich. Clarissa band sich die Schürze um. An diesem Morgen sollte sie leckere Pfannkuchen, Brot, gekochte Eier, Speck, Wurst und Kaffee zubereiten. Sie schaute aus dem Fenster und verschüttete fast die Milch. Sah sie noch richtig? Clarissa erblickte etwas Merkwürdiges: Tiere. Eher gesagt Raubtiere. Ein Bär, ein Wolf, eine Füchsin, eine Tigerin und eine Leopardin im Gebüsch beim Internat. Hier! Clarissa kniff sich in den Arm, aber das half nichts, denn die Tiere waren immer noch da. Das würde ihr niemand glauben! Und dann passierte noch etwas Komisches. Die Sonne schien gerade mit ihren ersten Strahlen auf die Erde. Sie erwärmte ihr das Gesicht in einem wunderschönen orange. Während dieses schönen Momentes spielte sich das Unfassbare in Blitzgeschwindigkeit ab. Die Pfoten der Tiere begannen zu glitzern. Es sah aus, als würden sie sich in feinen Staub auflösen. Aber wie ging das denn? Anstelle, gar nichts zu hinterlassen, erschienen Menschenbeine. Der Staub und die Tiere verflüchtigten sich. Zurück blieben ganz gewöhnliche Menschen. Die Tiere hatten sich also urplötzlich in Menschen verwandelt. Doch das Schockierendste war, dass die, die eben noch eine hübsche Tigerin gewesen war, jetzt ihre beste Freundin war. Die Anderen kannte sie nicht. Oder doch? War das nicht Lucy? Lotte hatte ihr schon öfters von ihr erzählt.
Clarissa mochte die Köchin, Gerda, sehr gerne, da diese immer nett zu ihr war. Gerade erteilte sie ihr eine weitere Aufgabe und sie musste sich beeilen, weiter zu machen. Also sagte sie sich in Gedanken: Verschieb deine Verwunderung auf später und pass jetzt auf! Gerda ist doch auch sonst schon so geduldig mit dir. Sie bemühte sich, nicht an dieses Ereignis mit den wilden Tieren zu denken und kochte und backte was das Zeug hielt. Es war Samstagmorgen und die Schule begann erst um neun Uhr. Andere Schulen in Hamburg hatten samstags keine Schule, doch das Hamburger Internat für Jungen und Mädchen (die Abkürzung dafür war HIfJuM) war ein Sonderfall. Als Clarissa nach ein paar Stunden mit ihrem Dienst fertig war, zog sie die Schürze aus.
Später, als es Frühstückszeit war, sah sie Lotte. Von außen schien sie putz-munter, doch sie ahnte schon, dass etwas mit ihr nicht stimmte und dass sie etwas bewegte. Sie konnte diese Fassade durchschauen nach so vielen Jahren der Freundschaft. Sie ging zu ihr und den anderen Mädchen an ihrem Tisch und fragte: „Kommst du einmal mit, Lotte?“. Sie musste unbedingt mit ihr über diese „Sache“ sprechen. Sie zog Lotte leicht am Ärmel, um ihr zu verstehen zu geben, dass es dringend war. Sie gingen zusammen in eine Ecke. „Was ist denn los?“, wollte Lotte von ihr wissen.
„Ich möchte mit dir sprechen, über das mit den Tieren und der Verwandlung “, gab Clarissa wahrheitsgemäß zurück. Lotte starrte nur in die Ferne und für einen kurzen Augenblick dachte sie, Angst in ihren Augen gesehen zu haben. Doch der Moment verflog sofort. Irritiert schaute sie Clarissa an und die dachte schon fast sie wäre übergeschnappt und hätte sich alles nur eingebildet. Aber nur fast. Sie konnte sich einfach nicht geirrt haben, oder vielleicht doch? War die Fantasie mit ihr durchgegangen?
„Ich weiß nicht, von was du da gerade sprichst “, meinte Lotte noch, bevor vier Kinder sie riefen und sie zu ihnen ging. Es waren dieselben, wie die, die sie vorhin mit ihr gesehen hatte, als sie sich verwandelt hatten. Sie erkannte Lucy auch wieder. Lotte drehte sich nicht mal mehr zu ihr um und aß mit den anderen. Es versetzte Clarissa einen tiefen Stich ins Herz, den sie verdrängen wollte. Doch er blieb und sie wusste, dass er bleiben würde. In ihrem Inneren war sie verletzt und traurig darüber, dass Lotte ihr nicht die Wahrheit sagen wollte und so tat, als wüsste sie von nichts. Clarissa suchte unentwegt nach einem Platz zum Essen. Doch da alle Kinder abräumten sobald sie in deren Nähe kam, gab es genug freie Tische. Also gab sie die Suche auf und setzte sich an einen leeren Tisch und musste ohne Gesellschaft essen. Sie dachte über das Gesagte beim Frühstück nach. Ein großes Knäuel schien in ihrem Bauch zu sein, denn sie fühlte sich zusammen-gepresst und mies.
Warum lassen alle mich so alleine? Wieso reagiert Lotte so unfreundlich und gereizt? Habe ich mich getäuscht, sie gesehen zu haben? Der Gong erklang und sie räumte ihr Tablett ab. Eilig hastete sie in ihren Klassenraum. Die Schule begann und sie wollte in der Zeit nicht an Lotte denken. Also passte sie gut auf. Doch es fiel ihr schwer, nicht jede Sekunde einen schnellen Blick zu Lotte zu werfen. Clarissa sah sie sich genauer an. Immer, wenn sich ihre Augen trafen, senkte sie sofort ihre Lider. Lotte schrieb etwas auf einen losen Zettel. Was tut sie da?, fragte sie sich. Eine geheime Nachricht vielleicht? Oder doch ein Liebesbrief an irgendeinen Jungen? Clarissas Stimmung war auf einmal wieder gut. Oh ich bin ja so gespannt an wen er ist! Früher haben wir uns immer so etwas erzählt und das tut sie jetzt bestimmt auch noch. Also müsste sie es mir eigentlich bald verraten. Clarissa war fast schon enttäuscht, als der Zettel durch die Luft flog (natürlich als der Lehrer gerade nicht schaute) und auf ihrem Platz landete. Dort stand in krakeliger Schreibschrift:
Clarissa,
ich muss später mit dir sprechen. Du weißt weshalb!
Es war kurz und verständlich. Doch irgendwie war das frech. Keine Entschuldigung und keine Erklärung. Etwas genervt schrieb sie zurück:
Schreib es mir doch! Das wird schon kein anderer lesen. Ehrlich… Aber antworte nicht so geheimnisvoll!
Sie faltete das Blatt, wie Lotte es zuvor getan hatte, zu einem Papierfalter. Dann blies sie es von unten in die Luft zu Lotte. Doch der Lehrer sah es und schaute sie verärgert an. Clarissa wurde wütend. Lotte schrieb aber nichts mehr sondern schaute aufmerksam in die Klasse. Und bedeutete dem Lehrer zu dem was er sagte, nickend, dass sie aufpasste und mitmachte. Das machte Clarissa nur noch wütender. Sie schaute Lotte für eine Ewigkeit nicht an. Auch als sie einen ganz sachten und leichten Windstoß spürte, schaute sie sich nicht um. Unmittelbar danach landete ein Zettel auf ihrem Tisch. Dieses Mal war es aber kein kleiner Zettel sondern ein großes Blatt Papier, das gefaltet worden war. Clarissa nahm ihn auseinander. Dort stand:
Liebe Clarissa,
ich weiß, dass du weißt, dass ich ein Geheimnis habe. Es ist wirklich nicht über oder gegen dich, aber ich konnte es dir noch nicht erzählen. Es war -und ist eigentlich immer noch-zu gefährlich. Für mich, aber auch für die Anderen. Mein ganzes Leben hängt an diesem Geheimnis! Keiner darf etwas davon mitbekommen, der nicht in unserer Gruppe ist. Jeder hat ein Schicksal, aber nicht immer kann man es sich aussuchen. Hätte ich es gedurft, hätte ich mich bestimmt dagegen entschieden, ein halbes Tier zu sein. Ich verwandele mich in der Nacht in eine Tigerin, wie du sicherlich auch gesehen hast. Jede Nacht treffen wir uns, wenn ihr anderen alle schlaft…
Clarissa, ich flehe dich an, verrate niemanden etwas von dem was du gesehen hast!
Danke!
Deine allerbeste Freundin Lotte
Das war wieder ihre Freundin, fand sie. Also die, die sie mochte und kannte. Die, mit der sie schon fast ihr ganzes Leben verbracht und gespielt hatte. Auch wenn wir viel weniger Zeit zusammen verbringen als früher, finde ich, dass ich sie noch wiedererkenne. Manchmal ein bisschen melodramatisch, aber auch offen und irgendwie frei, dachte sie. Endlich hatte sie seit langem mal wieder das Gefühl eine gute Freundin zu haben. Sie war nicht mehr wütend, eher … glücklich. Als sie den Brief noch ein zweites Mal durchgelesen hatte, schaute sie wieder auf. Der Unterricht konnte nun für sie weiter gehen. Und wie durch ein Wunder erschien ihr die Stunde nicht mehr ganz so lange. Vielleicht hatte sie sogar ein bisschen Spaß an den Aufgaben des Lehrers. Bald ertönte auch das Schulläuten. Die Schule war vorbei. Alle Kinder strömten erleichtert aus dem Klassenraum und auf dem Flur war es sehr voll. Alle Kinder drängelten.
2. Kapitel
Clarissa stand an diesem schönen Sonntagmorgen noch früher auf, als am Tag zuvor. Das Einzige was sie dazu trieb, war es, mehr über Lottes Geheimnis zu erfahren und es selbst nochmal mit eigenen Augen zu sehen. Sie konnte es sich nicht vorstellen, verrückt zu sein. Daher stieg sie aus ihrem Bett und zog die Gardine auf. Sie sah aber nichts von dem, was sie sehen wollte. Stattdessen zeichneten sich hinter dem Glas Bäume, Büsche und Blumen ab. Denn der Platz, wo sich die Halb-Tier und Halb-Mensch Kinder trafen, lag vor dem Küchenfenster und nicht vor dem Mädchenzimmer. Hinter ihr regte sich ein Mädchen und blaffte sie an, wieso sie denn so früh die Gardine öffne und offen ließe. Da zog Clarissa den Vorhang ganz schnell zu. Das Mädchen legte sich murrend wieder hin. Wie jeden Morgen zog sie sich ihre Sachen an und ging in die Küche. Dort schaute sie aus dem Fenster. Hinter ihr regte sich etwas, aber sie schaute nur verblüfft hinaus. Dort war kein Anzeichen von ihrer Freundin und den Anderen- oder doch! Die ihr allmählich vertrauten Schatten schlichen in Richtung Internatseingang. Für Clarissa war die Entscheidung nicht schwer, sie musste denen hinterher! Vielleicht erfuhr sie ja sogar ein Geheimnis!
Aber ihr war klar, dass niemand sie sehen durfte. Nicht Lotte mit ihren Freunden, noch irgendjemand anderes. Kurz gefasst, es durfte sie einfach niemand sehen. Sie drehte sich um und wollte ihr Vorhaben in die Tat umsetzten, doch da stand ein hübsches Mädchen vor ihr und wollte sie etwas fragen. Clarissa wurde bei dem Anblick des Mädchens neidisch. Denn sie war das einzige Kind im Internat, dessen Eltern reich waren, es zudem noch liebten und es nur abgeben mussten, weil sie zu viele Arbeitsreisen (wegen ihrer Jobs) machten und so zu wenig Zeit für ihr Kind hatten. Und jetzt wollte dieses Kind sie zum ersten Mal etwas fragen. Aber es war eine ganz andere Frage, zu einem ganz anderen Thema, als sie gedacht hatte. Denn sie sagte: „Ich komme von Konrad und er hat mir aufgetragen, dich zu fragen ob du ihn liebst. Und, liebst du ihn?“, fragte sie spöttisch. Naja, ehrlich gesagt war sie ein bisschen in ihn verknallt, aber das wollte sie ihr nicht gestehen. Deshalb sagte sie angeekelt: „Nein, wieso sollte ich?“ „Könnte ja sein. Aber da es nicht so ist, musst du es ihm klar machen. Hmm… Du könntest ihm ins Gesicht schreien, dass du ihn nicht magst und ihm eine Backpfeife geben.“ Clarissa war zu überrascht von dieser neuen Situation, als dass sie einen klaren Gedanken hätte fassen können. „Aber muss das denn sein?“, fragte Clarissa besorgt. „Bist du jetzt in ihn verliebt oder nicht? Ich habe ihm meine Meinung auch schon Mal ins Gesicht geschrien und ihm eine Backpfeife gegeben. Das klappt wirklich.“
„Okay, ich… ich mache es“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Du hast aber lange gebraucht, darüber nachzudenken. Egal, ich hole jetzt ein Kissen, damit wir das Schlagen üben. Das hast du, so wie du aussiehst, bestimmt noch nie gemacht“, sagte das viel zu hübsche Mädchen und verschwand in Richtung Mädchenschlafzimmer. Immer noch besorgt, ergriff Clarissa die Chance, den anderen und Lotte doch noch folgen zu können und gleichzeitig dem Mädchen, das mit ihr das Schlagen üben wollte, zu entwischen. Und sie hatte Glück, denn genau in dem Moment, als sie hochguckte, glitten die Schatten gerade an der Tür des Essbereichs vorbei. Schnell und flink folgte Clarissa ihnen. Schon bald hatte sie die anderen eingeholt. Doch plötzlich drehte sich einer von ihnen um.
Ihr Herz schlug ihr in Sekundenschnelle bis zum Hals. Gerade noch rechtzeitig sprang sie hinter eine Kommode. Sie wunderte sich, weshalb dieser Gegenstand sich in einem sonst komplett leeren Flur befand, aber das machte ja nichts aus. Die Hauptsache war, dass sie dadurch nicht aufgeflogen war. Also bis jetzt noch nicht.
Sie wagte einen Blick hinter der Kommode hervor und blickte einen kurzen Augenblick lang in andere Augen. Sie waren grün mit braunen Sprenkeln. Sie gehörten einem Jungen und Clarissa fürchtete schon, er hätte sie entdeckt. Also musste sie hier weg. Rundherum war kein Gegenstand oder Lebewesen, hinter dem sie sich verstecken konnte. „Was ist denn los, Marley? Hast du jemanden gesehen?“, fragte ein Mädchen. „Nein, ich weiß es nicht, aber ich glaube, dass sich dort hinten irgendetwas bewegt hat.“
Puh, sie atmete erleichtert aus. Ups, nicht so laut Clarissa, sonst hören sie dich noch!, ermahnte sie sich selbst in Gedanken. „Oh nein, jetzt ist es passiert!“, jammerte ein anderes Mädchen. „Jemand hat uns entdeckt. Das ist der Anfang vom Untergang.“
„Ach hör schon auf. Wenn wir vorsichtig sind, kann er oder sie uns nicht folgen. Und wer weiß, ob sich Marley nicht vertan hat und da doch niemand ist?“, meinte Lotte.
„Na gut, dann aber weiter jetzt“, sagte Marley genervt. Finster dachte er:“ Aber ich würde etwas anderes machen.“ Da setzte sich die kleine Gruppe wieder in Bewegung. Clarissa folgte ihnen. Jetzt jedoch vorsichtiger und mit mehr Abstand. Die Truppe ging die ganze Zeit geradeaus und der Flur schien Clarissa viel zu lang. Wenn man nach vorne schaute konnte man auch kein Ende entdecken. Doch da, als sie schon fast aufgeben wollte, hielt die kleine Gruppe vor ihr an. Zu dem Glück von Clarissa bemerkten sie nicht, dass sie immer noch da war und kaum zehn Meter entfernt hinter einer Säule stand und zuguckte. Lotte klopfte mit der Faust die Wand entlang und hielt dann knapp vor der Säule an, hinter der Clarissa sich versteckte. Sie holte aus ihrer Hosentasche einen kleinen, filigranen Ring, den sie dann in eine Mulde in der Wand schob. Er passte perfekt. Man hörte es klirren und knacken. Holzriegel wurden von innen zur Seite geschoben. Eines der drei Mädchen gab der Wand einen Tritt und die Mauer ging wie eine Tür auf. Die Fünf gingen hinein und Clarissa tat es ihnen leise und unbeobachtet nach. Dann schloss der Junge, der bisher noch nichts getan oder gesagt hatte, die Tür (Wand). Hätte er das nur ein klein wenig früher getan, hätte er Clarissa direkt ins Gesicht geschaut. Dann wäre alles gut gewesen, aber so war es nun mal nicht. Daher kam sie unversehrt nach drinnen, wo sehr viel mehr Zeug stand, als auf dem leeren Flur. Dadurch fand sie so schnell ein Versteck, dass auch die anderen nichts bemerkten. Lotte ging zu der Stelle an der Wand, wo sie das Schmuckstück rein getan hatte (nur, dass sie jetzt auf der anderen Seite stand) und versuchte, den Ring aus der Mulde zu bekommen. Sie schaffte es nicht. „Nella könntest du mir helfen, ihn da heraus zu holen?“, fragte sie und zeigte das Problem.
„Na klaro!“, sagte das Mädchen, das Nella hieß und zog kräftig daran. Ihr Gesicht war vor Anstrengung verzerrt und es sah so aus, als wollte auch sie gerade aufgeben. Doch plötzlich machte es plopp!- der Ring war draußen. Der bis jetzt so dunkle Raum wurde auf einmal hell. Das Licht war angegangen. Schon gleich fühlte sich Clarissa wohler. Dunkelheit und Ungewissheit konnte sie echt nicht ausstehen. „Aber wirklich: da war jemand“, fing der eine Junge nochmals nachdrücklich mit dem Thema an. Clarissa konnte ihn jetzt schon nicht leiden. Weshalb machte er denn so ein großes Gewese daraus? Lotte antwortete:“ Ich habe nichts und niemanden gesehen. Mach doch nicht immer gleich so ein Drama daraus, wenn nur ein paar Schatten tanzen. Außerdem können das auch unsere eigenen gewesen sein.“
„Aber wenn nicht“, knurrte Marley bedrohlich „Dann zeig ich ihm wo der Haken hängt!“
„Jetzt hör schon auf mit dem Quatsch! Ist etwas los, Lucy?“ „Ich glaube, ich habe dort drüben etwas gehört“, sagte sie verunsichert.
„Seid ihr jetzt etwa alle durchgeknallt?!?“, fragte Lotte. „Erst Marley, dann Nella und jetzt auch noch du, Lucy!“
„Ich möchte dich gerne darauf hinweisen, dass ich auch noch da bin“, meinte der Junge, der die Tür geschlossen hatte.
„Natürlich habe ich dich nicht vergessen, Michael“, verteidigte sich Lotte und bei dem Versuch, in ihrer Stimme den Ärger zu ersticken, kam nur noch ein gepresstes Piepsen heraus, das dazu auch noch schrill klang. Für Clarissa war es, als würde Lotte sie in Schutz nehmen, obwohl sie gar nicht wusste, was los war. Aus unbewusstem Instinkt. Sie war versehentlich gegen ein paar Möbel gestoßen, da ihre Glieder steif wurden und sie ihre Position aus der verrenkten Haltung ändern musste. Sie hatte sich anlehnen wollen, um besser hören zu können, was die Halb-Menschen sagten. Es kam ihr vor, als wären schon Stunden vergangen. Doch dabei waren es bis jetzt kaum Minuten gewesen, in denen sie dort gesessen hatte. Ihre Augenlider wurden schwer und sie dachte noch, dass es aber nur ein ganz leises Geräusch gewesen war, das sie verursacht hatte. Ein normaler Mensch hätte es niemals bemerkt. Aber da fiel ihr wieder ein, dass die Fünf auch keine gewöhnlichen Kinder waren. Clarissa wurde es dann schnell zu langweilig und sie schief ein.
Lucy lauschte nach einer Zeit wieder. Ein ganz leises Schnarchen drang an ihr Ohr. „Aber Lotte, jetzt musst du uns wirklich zustimmen. Wir hatten Recht. Da schnarcht wer. Das musst ja selbst du hören“, meinte Lucy, überzeugt in ihrer Sache. Voller Inbrunst redete sie weiter: „Ich habe es euch ja gesagt: Uns verfolgt jemand.“
„Ich habe euch ja als Erster gesagt, dass uns jemand verfolgt", sagte Marley stolz, dass er den Verfolger als Erster wahrgenommen hatte und funkelte Lotte gleichzeitig voller Hohn an, dass sie es nicht bemerkt und immer abgestritten hatte. Falls Lotte dies mitbekommen hatte, ließ sie sich jedoch nichts anmerken. Sie tat nämlich so, als wäre es keine Kritik, die an sie gerichtet war. "Ich frage mich nur immer noch, wer das sein sollte. Keiner, den ich kenne, steht so früh auf", wehrte sie die Beschuldigungen ab. Dann gab sie Lucy ein Zeichen. Die verstand sofort, was sie tun musste und rannte los. Schnell und flink schlängelte sie sich ihren Weg zu der Schlafenden durch. Der Raum war nämlich voll von alten Tischen, Regalen, Stühlen und was es sonst noch alles gab. Die Wände konnte man nicht sehen, weil sie von allen jemals möglichen Dingen verdeckt wurden. Und auch jede gerade noch so freie Lücke war irgendwie gefüllt worden. Es wirkte wie eine magische Kammer voller Gerümpel.
So kam sogar Lucy, die eigentlich die Flinkste der kleinen Truppe war, nur langsam voran. Da war es gut, dass Clarissa sich nicht weit entfernt von ihnen versteckte. Und als sie dann schließlich bei der immer noch Schlafenden ankam, hielt sie überrascht einen Atemzug inne. Dann sagte sie belustigt: „Oh Lotte, das wird dir bestimmt sehr gut gefallen."
„Kannst du den Schnüffler hier her zu uns anderen bringen?", fragte Lotte entnervt wie immer, aber doch ein wenig unsicher geworden, als Erwiderung.
„Ich bin schon gespannt, wer so etwas gewagt hat!", meinte Marley. Daraufhin weckte Lucy Clarissa. Die hatte noch ganz schläfrige Augen und starrte sie noch ein bisschen benebelten Blickes an. "Schnarchnase", sagte Lucy den Kopf schüttelnd. „Setz dich in Bewegung. Lotte wird sich bestimmt sehr über deine Anwesenheit freuen." Ihr Verhalten war im Gegensatz zu Nellas sehr gefasst. Sie trieb Clarissa zur Eile, doch die ging ganz langsam und gesittet daher. Also musste sie Clarissa wohl oder übel, ob sie es wollte oder nicht, tragen. „Macht die Augen zu. Ich sage euch, wann ihr sie wieder öffnen dürft", sagte Lucy zu ihren Freunden und legte die Schlafmütze auf den Boden. Sie genoss es, obwohl es eigentlich viel zu ernst war, um darüber Scherze zu machen. Nella hatte recht gehabt. Einmal in ihrem Leben war ihr Drama nicht übertrieben, denn es war die Wirklichkeit. Der Anfang des Unterganges war so eben eingeläutet worden. „Jetzt könnt ihr sie wieder auf machen.“ Sofort tat dies auch jeder der vier. Erst war gar nichts zu hören, doch diese Stille hielt nur ein paar Sekunden lang an. Denn da ertönte ein kurzer und schriller Schrei. Ein anderer schnaubte wütend und Nella keuchte vor Überraschung und Entsetzten. Michaels Mine jedoch war als einzige neutral. Völlig unberührt schaute er auf das Mädchen, das vor ihm lag, herab.
Der Schrei war aus Lottes Mund entschlüpft, denn sie hatte ihre Freundin Clarissa sofort erkannt. Fassungslos starrte sie auf den Spion. Sie konnte es einfach nicht verstehen. Sie war so davon überzeugt gewesen, dass niemand hinter ihnen her geschlichen war! Und nun hatte sie sich geirrt. Ihre Wangen liefen rot an. Das alles war nur ihre Schuld. Hätte sie Nella, Marley und Lucy geglaubt, wäre all dies nicht geschehen. Die Scham stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr wurde unnatürlich heiß. Und es machte für sie alles nur noch schlimmer, als es eh schon war, dass Nella auch noch zu jammern anfing:“ Oh nein! Oh nein! Oh nein!“ Nella begann zu wimmern. „Jetzt, genau in dieser Minute, ist es vorbei. Unser Leben ist zerstört!“ Michaels Augen waren verschleiert und stierten in die Ferne. Dann sagte er es so sarkastisch, dass selbst eine Computerstimme mehr Gefühl dabei hätte: „Unser Geheimnis wurde gelüftet.“ Lotte hatte versucht, sich in der Zeit, in der Nella gesprochen hatte, zu beruhigen. Das hatte aber nur so halb geklappt. Jetzt sagte sie mit der ruhigsten Tonlage, die trotzdem noch leicht zitterte und die sie in der Situation gerade hinbekam: „Es ist noch nichts passiert. Wenn meine Freundin hier-“, damit zeigte sie auf Clarissa „-nichts verrät, von dem, was sie über uns weiß und was sie bis jetzt darüber herausgefunden hat, dann ist noch immer alles gut. Also bitte nicht immer so voreilig handeln.“ Clarissa wusste nicht, ob Lotte nur sich selbst oder auch die anderen damit trösten wollte.
„Ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt alle wieder zurückgehen. Sonst erfährt Clarissa möglicherweise noch etwas über uns. Dann hätte sie ja nur noch mehr zum Ausplaudern“, meinte Nella schniefend. Clarissa hatte die ganze Zeit gehört, was die anderen sagten und dennoch schien es ihr, als würde sie gar nicht da sein. Lotte und ihre Freunde sprachen, als würden sie sich ohne ihre Anwesenheit über sie unterhalten, denn sie redeten immer von ihr in der dritten Person. Lucy blickte zu der großen Standuhr, die gleich neben ihnen stand. Sie stellte fest, dass es eh schon gleich Frühstückszeit sei. „Was? Es ist schon so spät?!?“, fragte Clarissa erstaunt. „Tja, die Zeit verfliegt halt eben wie im Flug, wenn man anderen Leuten nachspioniert, sie belauscht und verfolgt.“ Das meinte Marley, der immer unentwegt brummte, gehässig.
„Und außerdem ist Sonntag. Deshalb musst du heute nicht in der Küche helfen. Da hast du richtig Schwein gehabt, was?!? Wir können dich also gleich dort abliefern.“
„Andere Frage: Setzen wir sie einfach da vorne ab, damit sie zum Essen geht oder nehmen wir sie mit und weihen sie ganz in unser Geheimnis ein?“, fragte Lucy halb ernst und halb im Scherz. Warte, dachte Clarissa. Dann geht ihr Weg also noch weiter, als nur bis hier hin? Dies ist nicht das große Geheimnis, dass ich erwartet hatte? Es ist sogar noch riesiger! Oh man, ist das aufregend. Ich muss unbedingt noch bleiben. Aber wie soll das gehen? Sie wollen mich ja sowieso nicht dabei haben. Doch da schlug Michael etwas vor, dass so gar nicht ihrem Vorhaben entsprach. Und zwar meinte er, dass es klüger wäre jetzt erst mal essen zu gehen und währenddessen über die weitere Vorgehensweise nachzudenken. Alle waren einverstanden, nur Clarissa grummelte vor sich hin. Doch die wusste schon, dass ihre Stimme nicht zählen würde. Deshalb hielt sie den Mund, denn sie war ja ohnehin schon überstimmt: Fünf gegen Einen. Außerdem wurde sie auch gar nicht gefragt. Und wenn, dann hätten sie wahrscheinlich das Gegenteil von dem genommen, für das Clarissa sich entschieden hätte, aber das taten sie jetzt eh schon. Lotte steckte wieder den Ring in die Mulde. Sofort setzten sich die Riegel und Schlösser in Bewegung. Von dieser Seite aus erschien ihr die Tür noch viel riesiger. Clarissa fand, dass es richtig eindrucksvoll wirkte und fühlte sich auf einmal ganz klein und unbedeutend. Wahrscheinlich hätte sie dieses Specktakel anders gesehen (also schön und prächtig), hätte sie zu der kleinen Gruppe dazugehört. Auf ihrem Internat gab es nämlich öfters Cliquen von bis zu zehn Personen. Eigentlich hatte fast jeder so seine besten Freunde, doch plötzlich wurde Clarissa schmerzlich bewusst, dass sie nicht wirklich eine hatte. Und konnte sie Lotte ernsthaft noch als ihre BFF bezeichnen?
Selbstzweifel kamen in ihr hoch. Gerade jetzt wünschte sie sich, bei den Fünf dabei zu sein. Doch sie schob den Gedanken ganz schnell beiseite. Die Halb-Tiere umringten sie und nahmen sie in die Mitte. Nella zog den Ring auf der anderen Seite wieder raus, als sie draußen waren. Die Tür (…äh, Wand) schloss sich abermals und wirklich: von dort sah es viel kleiner aus, als in dem versteckten Raum. Komisch… Dass sie Clarissa in ihrer Gruppe einschlossen, hatte bestimmt den Grund, dass sie nicht abhauen und ja nichts an irgendjemanden verraten konnte. Der Flur war zwar auch immer noch derselbe, doch er erschien ihr ganz anders, als zuvor. Das lag vor allem daran, dass ihr Ziel, der Essenssaal, nicht näher zu kommen schien. Viel mehr war es ihr, als würde er sich immer weiter entfernen. Die anderen gingen diesen Weg anscheinend wohl jeden Tag, denn niemand wunderte sich. Sie sind bestimmt schon an die Länge gewöhnt, redete sie sich gut zu. Clarissa hatte keine Ahnung wie lange sie noch gehen musste und wusste nicht, wann der Flur endlich endete. Sie dachte schon, dass ihre Beine ihr bald den Dienst versagen würden. Aber da waren sie auch schon bei der Tür zum Essbereich angekommen. „Den Pass bitte vorzeigen“, sagte ein Junge, der auf seiner Liste abhakte, ob alle Kinder zum Frühstück gekommen waren. „Übrigens seid ihr die Letzten.“
Clarissa kannte den Jungen. Es war Nick. Sie zeigten ihm ihre Pässe, auf denen stand, dass sie Schüler dieses Internats waren. Er nickte. Das war das Signal, dass er sie durchgehen ließ. Nun war es bestätigt, dass sie dort gewesen waren. Clarissa hatte ein bisschen Mitleid mit Nick, denn er hatte auch am Sonntag seine Arbeit zu verrichten. Doch wenn alle Kinder eingetroffen waren, durfte auch er frühstücken gehen. Es gab altes Brot vom Vortag,
Käse, Wurst, Butter, Croissants, Marmelade und noch vieles mehr. Clarissa nahm sich ein paar der Sachen und wollte sich gerade zu einer kleinen Mädchengruppe setzen, da räumten diese auch schon ab, weil sie mit dem Essen fertig waren. So ging es dann auch mit den anderen Kindern weiter. Wo Clarissa hinkam, gingen sie weg. Und innerhalb von fünf Minuten war der gesamte Saal wie leer gefegt. Bis auf eine Gruppe von genau fünf Kindern. Die Halb-Tier „Menschen“. Es war eigentlich Clarissas Absicht gewesen, nicht neben Marley, Lotte, Michael, Lucy und Nella zu sitzen. Doch jetzt waren sie die einzigen Personen im Raum und was sie gar nicht wollte, war es, alleine zu sein und einsam zu frühstücken. Also gab sie sich einen Ruck und ging zu dem letzten Tisch, an dem noch jemand saß. „Kann ich mich zu euch setzen?“, fragte sie zögernd. Alle Fünf guckten sie misstrauisch an und sie fand, dass keiner von ihnen wirklich nett aussah. „Ja, du darfst“, sagte Lotte vorsichtig und langsam, da sie sich nicht sicher war, wie die Übrigen darauf reagieren würden. Jeder hatte genug Zeit, ihr zu widersprechen. Es sagte aber keiner etwas dagegen. Kurz wartete sie noch ab, dann setzte sie sich. Insgeheim war sie erleichtert, dass niemand was eingewendet hatte.
Als sie fertig gegessen hatten, hatte noch immer niemand etwas gesagt. Kein einziges Wort war über ihre Lippen gekommen. Es war ein sehr schweigsames Frühstück gewesen. Währenddessen hatte Clarissa über vielerlei Dinge nachgedacht. Danach räumte sie ihr Geschirr ab und als sie wieder an dem Tisch vorbeiging, an dem sie gegessen hatte, hörte sie die Fünf schon tuscheln. Ach, was soll´s, die werden mich bestimmt nie mögen, dachte sie betrübt und fragte sich selbst, wieso ihr diese Erkenntnis einen Stich versetzte. Sie mochte die anderen doch sowieso nicht so gerne. Da sollte es ihr eigentlich egal sein, dass die „Besonderen“ sie nicht leiden konnten. Und jetzt, wo sie ein Teil des Geheimnisses wusste, kam ihr Lotte auch nicht mehr wie ihre einstmals Beste Freundin vor. Eine BFF (oder wie man sie heutzutage nennt) vertraut einem nämlich jedes Geheimnis an und das hatte Lotte auf jeden Fall nicht getan. Sie hatte ihr etwas verschwiegen, etwas vollkommen Wichtiges. Etwas, dass man seiner besten Freundin erzählt. Vielleicht war Clarissa auch so missmutig gelaunt, weil sie am liebsten ein Teil dieser Gruppe gewesen wäre. Dabei zu sein, sich zu gehörig zu fühlen und etwas Besonderes zu sein, waren ihre Wünsche. Gegenüber Clarissa wirkte Lotte ebenso feindselig und abstoßend auf sie, wie auch die anderen vier. Marley war natürlich eine Ausnahme. Sie könnte schon spucken, wenn sie nur eine seiner Bemerkungen an den Kopf geschmissen bekäme, so sehr verachtete sie seine Art. Gerade wollte sie durch die Tür gehen, da kam ihr auch schon eine Person entgegen. Es war ein Mädchen. Sie war hübsch. Kein Zweifel- das war das Mädchen, das mit ihr hatte Backpfeifen geben, üben wollen. Oh, nein! Clarissa hatte sie schon ganz vergessen! Weiter konnte sie nämlich nicht denken, denn ihr Gegenüber fing sogleich an zu sprechen: „Da bist du ja endlich! Wolltest du dich vor mir verstecken, oder was? Aber ich sag dir eine Sache: vor mir kannst du dich nicht drücken. Als ich mit dem Kissen zurückgekommen bin, warst du nicht mehr zu sehen. Egal, jetzt bist du ja wenigstens da. Komm mit mir in die Bibliothek. Da stört uns nämlich keiner.“ Wieder regten sich Furcht und Angst in ihr. Sie wollte gar nicht daran denken, wie diese Geschichte ausgehen sollte. Doch sie setzte sich in Gang und folgte dem Mädchen. Irgendetwas Faszinierendes hatte sie an sich. „Ich heiße übrigens Victoria“, meinte sie. Victoria blieb kurz stehen und scannte Clarissa von oben bis unten mit einem abschätzigen Blick. In diesem kurzen Moment kam ihre wahre Person zum Vorschein. Die, die sich besser fühlte als alle anderen und alles in ihrer Macht stehende tat, um zu erreichen, was sie wollte. Nichts tat sie ohne eigene Absichten, doch das wusste Clarissa nicht. Dieser kurze Moment dauerte nur einen Wimpernschlag. Danach lächelte sie wieder und schien so freundlich wie nie. Sie drehte sie sich wieder um und stolzierte voran in Richtung der Bibliothek (oder auch „Lesesaal“ wie andere sie nannten). Clarissa kam der Weg sehr lang vor, obwohl sie nur wenige Meter entfernt vom Essenssaal war. Das zeigte ihr auch ihre Taschenuhr, denn als sie vor der Bibliothek darauf schaute, schien kaum eine Minute vergangen zu sein, seitdem sie losgegangen waren. Die Bibliothek war ein Ort, an dem man in den Pausen der Schulzeit oder einfach am Nachmittag lesen, sich entspannen und etwas lernen konnte. Der Raum hatte schöne und hohe Wände, an denen Bilder von besonders guten oder talentierten Schülerinnen oder Schülern hingen. Die Bibliothekarin begrüßte sie freundlich, doch Clarissa hatte gerade keinen Kopf dafür, ihr zu antworten. Sie kannte die Frau persönlich, denn ihr vertraute sie alle ihre Sorgen an- außer jetzt. Die Bibliothekarin hatte immer ein offenes Ohr für sie. „Ich suche uns schon mal einen schönen Platz zum Üben“ sagte Victoria und ging. „Geht es dir gut, Clarissa? Du siehst ja ganz zerstreut aus.“ „Ja, alles bestens“, log sie, strich sich durch die Haare und versuchte sie zu glätten. Sie hoffte inständig nun ein bisschen weniger zerstreut auszusehen. Für sie war es schrecklich, die Frau an zu lügen, denn ehrlich gesagt, hatte Clarissa echt Angst und das hätte sie ihr auch wirklich gerne gesagt. Doch irgendetwas hielt sie davon ab. „Naja, dann ist ja anscheinend alles in Ordnung“, sagte Maria, die Bibliothekarin. Ihre Augen blitzten jedoch vor Neugier, sie hielt sich aber zurück und fragte sie nicht weiter. Dann wandte sie sich wieder ihren Bücherstapeln zu. Da kam Victoria auch schon des Weges auf sie zu und zog sie am Ärmel ihres Pullovers zu einem kleinen blauen Sofa. „Das ist der einzige Platz, der noch frei war“, meinte sie als Begründung. Und wirklich- Kinder saßen überall. Auf dem Teppich, den Stühlen und (wie es sich nicht gehörte) auf den Tischen. Nur das Sofa einzig und allein war noch nicht besetzt. Victoria ließ sich hineinfallen und Clarissa tat es ihr nach. „Ich habe das Kissen aus dem Mädchenschlafzimmer nicht mitgenommen, weil ich erst essen gegangen bin. Natürlich können wir aber auch dieses hier nehmen.“ Damit zeigte sie auf ein schönes dunkelblaues Kissen, das auf dem Sofa lag. „Also ich habe dir ja schon erzählt, was du machen musst. Zähl doch mal auf, was du tun wirst, um Leo klar zu machen, dass du ihn nicht liebst. Dann wird er dir auch nicht mehr nachspionieren und außerdem nimmt er so etwas ziemlich ernst, also musst du es ihm nur heute sagen“, meinte Victoria. Und das mit dem „nachspionieren“ stimmte wirklich. Er hatte Clarissa und Lotte immer mit seinem besten Freund John heimlich verfolgt. Aber nach dem heutigen Tag würde es sich ein für alle Mal ändern. Er würde es sich bestimmt nicht mehr trauen, davon war sie sehr überzeugt. Entschlossenheit benebelte jeden anderen Gedanken. Doch da kam schon eine von Victorias Freundinnen und sie erzählte ihnen noch mal, was sie vorhatten. Lana begegnete Clarissas Blick und versuchte sie aufzumuntern: „Das schaffst du schon“, sagte sie. „Komm, schlag einfach auf dieses Kissen hier ein. Ungefähr dort wird seine Wange sein.“ Sie zeigte auf die Stelle. Doch Clarissa zögerte immer noch. Deshalb nahm Victoria schließlich ihre Hand. Sie war bockig und zog ihre Finger so schnell es ging wieder aus ihrem Griff heraus. Vor Verzweiflung fing sie an zu betteln: „Können wir die Backpfeife nicht einfach auslassen? Bitte! Bitte!?!“ „ Das schaffst du schon“, wiederholte Lana ihre Worte. Sie sollten ermutigend sein, doch dadurch fühlte sich Clarissa nur noch verlorener… und nach etlichem Jammern, fragenden Blicken der Bibliothekarin und denselben Ermunterungen von Lana, war die Sache endlich abgeschlossen.
Lotte blickte ihr hinterher, als sie aufstand. Clarissa war irgendwie anders als sonst. Neben ihr fing Nella gerade wieder an zu jammern, wie nah am Abgrund sie gerade wären und was für eine Katastrophe es sei, dass Clarissa nun von ihrem Geheimnis wusste. Außerdem hatte sie während des Frühstücks sichtlich Schwierigkeiten gehabt, den Mund zu halten, weil ja dieses Mal ein normales Mädchen dabei gewesen war, das wusste Lotte. Insgeheim war sie stolz auf die Heulsuse, dass sie es geschafft hatte, für wenigstens diesen einen Moment zu schweigen. Bevor Clarissa sich zu ihnen gesetzt hatte, hatte sie den anderen nämlich ein Zeichen gegeben, damit sie still waren. Lotte hatte ihnen ausdrücklich versprochen, später über alles zu sprechen. Aber warte- das kann doch jetzt nicht wahr sein, oder? Das ist doch diese Tusse Victoria neben ihr! Ich dachte, Clarissa würde sie nicht kennen!, dachte deren beste Freundin entrüstet. Nella sagte: „Hoffentlich verrät sie uns nicht an die da.“ Anscheinend hatte sie dieses viel zu eingebildete Kind auch gesehen. „Sie wird uns auf gar keinen Fall verpetzen“, meinte Lotte und wollte auch sich selbst davon überzeugen. Doch Marley konnte nicht mehr an sich halten und konterte sogleich: „Ach ja, stimmt, dass müsstest du doch am Besten wissen. Du warst ja so zuversichtlich, dass uns niemand gefolgt ist und schau, jetzt haben wir den Salat!“ Er funkelte Lotte wütend an. „Ihr beide habt in gewissem Maße Recht. Noch ist nicht alles verloren. Wir können noch hoffen“, sagte Michael. „Lasst uns doch mal vergessen, was heute Morgen passiert ist und gehen nach draußen. Frische Luft dürfte uns allen gut tun. Später können wir uns auch noch weiter den Kopf darüber zerbrechen.“ Alle stimmten Lucy zu. Doch Marley beharrte darauf, sein Croissant mit Marmelade noch zu Ende essen zu dürfen. Nach ungefähr fünf Minuten war auch er dann bereit, loszugehen. Sie wollten die Tür des Haupteinganges nehmen, doch auf Höhe der Bibliothek blieben sie überrascht stehen. Dort stand vor ihnen eine nur allzu gut bekannte Person. Clarissa. Es sah so aus, als wartete sie auf etwas. Auf was nur?
Clarissa trat aus ihrem Versteck hinter der Tür hervor. Sie hatte ihn entdeckt. Kurz bevor sie hervortrat, hatte sie vor Angst gezittert. Doch Victorias Worte hatten in Clarissas Ohren nachgehallt, wieder und wieder. Ein nicht verhallendes Echo: „Dann wird er dir auch nicht mehr nachspionieren und wird dich endlich in Ruhe lassen.“ Ach, das wäre schön! Sie konnte nicht mehr unterscheiden, ob dieser Gedanke ihre eigene Meinung war oder ob Victoria ihn ihr einverleibt hatte. Da verwandelte sich ihre Angst plötzlich in Unerschrockenheit und Entschlossenheit um. Victoria war so nett gewesen und hatte Leo geholt. Ein paar Leute standen ringsherum, aber niemanden scherte es, was da vor sich ging. Jedenfalls bis jetzt noch nicht, doch das sollten sie bald ändern. Als Leo sie entdeckte, drehte er sich um und rannte in Richtung Jungentoilette. Jetzt oder nie, dachte sich Clarissa. Sie atmete einmal tief ein und schrie dann: „Hau ab! Ich hasse dich! Geh weg!“ Jetzt kamen auch die anderen Kinder dazu und scharrten sich um den Schauplatz. Recht so. Dann wird jeder bezeugen können, was ich gesagt habe! Leo war gerade hinter der Tür verschwunden. Hoffentlich hatte er sie gehört! Und wenn nicht, dann schreie ich es ihm nochmal entgegen, sobald er wieder herauskommt. Ewig kann er sich da ja nicht verstecken. Ich werde warten, egal wie lange es dauert,
