Montagsmeeting - Kai Preißler - E-Book

Montagsmeeting E-Book

Kai Preißler

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Beschreibung

Thomas Krallmann, von seinen Freunden "Hirni" genannt, hat ein endloses Germanistikstudium und die unfreiwillige Trennung von seiner neureichen Freundin Imke hinter sich. Er jobbt in einer Autowaschanlage und verdient seinen Lebensunterhalt mit der Teilnahme an diversen Fernsehquizshows. Als Hirni am Montagmorgen seinen Briefkasten leert, sich über eine Schikane seiner Nachbarin ärgert und sich auf ein belebendes Bad freut, ahnt er noch nicht, dass dieser Tag sein Leben von Grund auf ändern wird. Auf seinem Anrufbeantworter findet er die Zusage auf seine Bewerbung bei LIVE COMMUNICATION, einer angesagten Eventagentur in Dortmund. Weil die Stelle kurzfristig zu besetzen ist, sagt Hirni zu, noch am selben Tag zur Unterschrift seines Arbeitsvertrags in der Agentur zu erscheinen. Vor Ort entpuppt sich die Stelle jedoch als unterbezahlter Praktikumsplatz. Trotzdem unterschreibt Hirni zähneknirschend und nimmt gleich darauf am Montagsmeeting teil, bei dem die gesamte Belegschaft anwesend ist: die einfältige Praktikantin Whitney, die langweilige Pinella, der großkotzige Macho Danny, seine sympathischen Kollegen Pia und Ben sowie - Hirnis Highlight an diesem Tag - die attraktive Kathrin, die aber eindeutig charakterliche Defizite aufweist. Die Sitzung verläuft chaotisch und hält für Hirni nicht nur eine Menge neuer Eindrücke, sondern auch Fettnäpfchen bereit. Sie ist der Auftakt zu seiner bevorstehenden Zeit in der Agentur, die alles andere als glänzend verläuft. Ob er seine Wohnung flutet, vollkommen betrunken in einem Club auf seine Kollegen trifft oder präzise Zeitpläne durchkreuzt - Hirni scheint das Chaos anzuziehen. Und plötzlich findet er sich als Eventplaner der Hochzeit seiner Exfreundin wieder. Die Katastrophe ist vorprogrammiert!

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Seitenzahl: 414

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Kai Preißler

Montagsmeeting

© 2014

1. Auflage September 2014

©2015 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM GmbH, Dortmund

Verlag:

OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de

Printed in Germany

ISBN 978-3-942672-28-3 (Print) ISBN 978-3-942672-29-0 (eBook)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Dies gilt auch für die fotomechanische Vervielfältigung (Fotokopie/Mikrokopie) und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Über dieses Buch

Thomas Krallmann, von seinen Freunden „Hirni“ genannt, hat es geschafft! Nach dreiundzwanzig Semestern Germanistikstudium hat er endlich den Abschluss in der Tasche und beginnt seinen ersten richtigen Job – als unterbezahlter Praktikant in einer Eventagentur. Gefangen im aberwitzigen Irrsinn des Agenturalltags stolpert er von einer Absurdität in die nächste. Bis er gebeten wird, das Projektteam für „Private Events“ bei der Planung einer opulenten Hochzeitsfeier zu unterstützen. Die Braut ist keine Geringere als seine Ex-Freundin Imke. Hirni ahnt, dass er in den kommenden Wochen verdammt clever improvisieren muss.

Inhaltsverzeichnis

Pappkameraden

Sechzehntausend

James Bond

Der Arschlutscher

The Sky is the Limit

Einen im Tee

Ausgeblasene Eier

Wasser findet immer einen Weg

Voll auf die Zwölf

Dampfbad

Pfefferspray

Brockhaus

Die Kuh auf dem Eis

Vitello tonnato

Top of the Flops

Niederkunft

Simarik

Mission Impossible

Hohlraumdübel

Pappkameraden

„Ja, ist die denn bescheuert?“, denke ich und starre auf einen kleinen handgeschriebenen Zettel, den ich gerade eben in meinem Briefkasten gefunden habe. Um zu begreifen, lese ich die Zeilen noch einmal:

Herr Krallmann,

da ihr Fahrrad trotz mehrfacher Ermahnung erneut im Hausflur neben den Briefkästen stand, habe ich mir erlaubt, selbiges den Entsorgungsbetrieben zu übergeben.

Gruß E. Rieke

Mein Blick wandert nach rechts und tatsächlich steht dort nichts, das auch nur annähernd an mein altes Hollandrad erinnert.

„Rieke, du blöde Kuh“, murmele ich und stapfe entschlossen hinaus auf die Straße, doch auch dort findet sich nicht der Hauch einer Spur meines Rades.

Passanten auf dem Weg zur Arbeit trotten an mir vorbei. Einige mustern mich geringschätzig, andere schmunzeln und zwei Jugendliche mit Rucksäcken lachen sich schlapp. Schadenfreude kann offenbar so schön sein! Aber woher wissen die denn bitte, was passiert ist? Hat Frau Rieke ihren Brief etwa auch als Anzeige im Lokalteil der Zeitung geschaltet? Auf Facebook gepostet? Getwittert?

Ich zeige den beiden Jugendlichen einen Vogel und will die andere Hand möglichst lässig in meiner Hosentasche vergraben, nestle aber etwas unbeholfen dort herum, wo die Finger in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben und in diesem Fall auch gar keine Tasche ist. Ich blicke an mir herab, richte meinen Blick dann wieder auf und atme tief durch. Es sind nicht allein meine für einen Mann recht untypischen Hausschuhe im Bärentatzen-Look, die die Leute amüsieren, auch nicht meine vom Kopfkissen zerknautschte Frisur im Stil eines Rosettenmeerschweinchens. Es ist schlichtweg vor allem mein alter Pyjama, der für Erheiterung und Unverständnis sorgt – das Oberteil nach ungezählten Maschinenwäschen schlabberig und die Hose so aus der Form geraten und eingelaufen, dass sie den UFA-Filmschauspielerinnen der Zwanzigerjahre schon fast wieder stehen würde. Ich sehe aus wie eine vermännlichte Marlene Dietrich, die der Nervenheilanstalt entflohen ist.

Damit die hübsche Verkäuferin aus der Kamps Bäckerei schräg gegenüber nicht auch noch herüberschaut, drehe ich mich langsam um und gehe auf den Eingang des Mehrfamilienhauses zu, in dem ich seit einigen Wochen eine winzige Wohnung mit Blick auf einen Parkplatz gemietet habe. Ich habe die Tür fast erreicht, da öffnet sich diese einen Spalt und ein grauer Pudel an einer Leine tritt hinaus. Am Ende der Leine folgt ihm eine erschreckend rüstige Frau von gut und gerne achtzig Jahren. Ihre graue Krause, wie man die Dauerwelle hier im Ruhrgebiet nennt, ist Ton in Ton mit ihrer Garderobe und harmoniert prächtig mit der des Pudels. Elvira Rieke, meine Nachbarin, tritt hinaus und wirft einen fachkundigen Blick zum fast wolkenlosen Himmel. Sie entscheidet, ihren mitgeführten Knirps nicht aufzuspannen, womit in diesem Fall nicht der Pudel gemeint ist, und marschiert energisch los, nicht ohne mir einen ‚guten Start in den Tag‘ zu wünschen. Mein Gesicht bekommt einen wächsernen Ausdruck, so wie bei Auftragskillern im Film, unmittelbar bevor sie ihren Job erledigen.

Mit einem kurzen Nicken zieht sie an mir vorbei und ich blicke ihr fassungslos hinterher. Die Art, wie sich diese ehemalige Oberstudienrätin mit Altersstarrsinn im Endstadium triumphierend entfernt, macht mir Angst und vor meinem geistigen Auge entwickelt sich der Plan zum Gegenschlag. Im Hausflur ist nämlich heute ein Parkplatz freigeworden und ich sollte mal schauen, ob das nichts für meinen alten Polo wäre.

Im Moment freue ich mich jedoch auf ein wohlduftendes Wannenbad, um mich einzustimmen auf eine feucht-fröhliche Schicht im ,Wash & Go‘, wo ich diese Woche Dienst am Hochdruckreiniger habe und die in knapp zwei Stunden beginnt. Nein, ich arbeite nicht als Friseur, sondern ich jobbe in einer Waschstraße. Das ist zwar keine Tätigkeit, die man sich in den Lebenslauf schreiben würde, aber solange ich noch nicht Programmdirektor beim ZDF oder Werbetexter bei Mercedes-Benz bin, kommen so einige Hundert Euro im Monat zusammen, mit denen ich mir wenigstens die Miete für meine Wohnung unter Elvira Rieke und den Sprit für meinen Polo leisten kann. Grundsätzlich sind zwei Stunden natürlich eine Menge Zeit, um zur Arbeit zu gelangen, nicht jedoch, wenn man den ,Wash & Go‘-Overall am Vortag mit Himbeersirup versaut, über Nacht in der Waschmaschine vergessen hat und mit einem handelsüblichen Reiseföhn wird trockenblasen müssen. Da der Morgen bisher nicht besonders glücklich begann und gewiss noch das ein oder andere Pech dazukommen wird, habe ich gute Chancen, den Tag in klammen Klamotten verbringen zu müssen. Halbnasse Overalls kleben gerne am Körper und tragen in der Regel auch unschön auf. Das mag bei Brad Pitt ganz sexy sein, bei mir weckt es eher Mitleid.

Als ich meine kleine Wohnung betrete, höre ich meine eigene Stimme. Nein, ich bin nicht reif für die Klapse, obwohl ich für die schon das passende Outfit trage, sondern stolzer Besitzer eines automatischen Anrufbeantworters, auf dem ich soeben einen Anrufer begrüße.

„Hallo, hier ist der Anschluss von Thomas Krallmann. Ich bin gerade nicht da, aber hinterlasst mir doch einfach eine Nachricht.“

Dann erfolgt ein kurzes Piepsen und eine Frauenstimme, der es gelingt, durchgängig in einer Tonhöhe zu sprechen, räuspert sich.

„Guten Morgen Herr Krallmann, Pinella Dahlke von LIVE COMMUNICATION. Sie waren vor einigen Wochen zum Gespräch bei uns und wir würden uns über einen Rückruf freuen …“

Ein weiterer Piepston und mein Anrufbeantworter lässt mich mit ähnlich gleichgültiger Stimme wissen, dass der Speicher voll ist und die Restspeicherzeit noch null Minuten beträgt. Bingo!

Für einen Moment bin ich geneigt, meine durch Frau Rieke angestaute Wut an diesem verdammten Gerät auszulassen, besinne mich jedoch eines Besseren. Im heillosen Durcheinander meines Schreibtisches finde ich die Telefonnummer von Frau Dahlke. Auf ihrer Visitenkarte wird sie als ,Assistance Hospitality and Promotions‘ ausgewiesen, was beeindruckend klingt und auf eine bedeutende Tätigkeit in einer der kreativsten Eventagenturen des Landes hinweist. Bei LIVE COMMUNICATION hatte ich vor Wochen ein Vorstellungsgespräch und den Laden ehrlich gesagt schon fast vergessen. Nervös und etwas zu hastig wähle ich die Nummer. An irgendeiner Stelle muss ich gepatzt haben, denn statt der Dortmunder Agentur meldet sich die Duisburger Fettschmelze. Da ich mir gar nicht vorstellen mag, was das ist, lege ich kommentarlos auf und wähle erneut. Nach mehrmaligem Tuten habe ich auch tatsächlich die Frau am Apparat, deren Stimme so aufregend klingt wie eine Homöopathiebehandlung gegen Nagelpilz.

„Pinella Dahlke von LIVE COMMUNICATION?“, meldet sich Frau Dahlke beeindruckend emotionslos, jedoch mit fragendem Singsang in der letzten Silbe. Ich will spontan mit ‚ja‘ antworten, beschließe dann jedoch, mich einfach nur vorzustellen, da Frau Dahlke den Mördergag sicher nicht verstehen würde.

„Guten Tag Frau Dahlke, Thomas Krallmann hier – Sie baten um einen Rückruf.“

„Ach, das ging ja schnell. Ich hatte schon befürchtet, Sie seien bereits unterwegs.“ Den Satz hatte sie ohne die geringste Satzmelodie geschafft – stark!

„War ich im Prinzip auch schon. Bin aber noch mal kurz reingekommen“, lüge ich und mache mich so wichtig wie möglich.

„Wir wollten fragen, ob Sie noch Interesse an der Stelle haben. Bei uns haben sich kurzfristig ein paar neue Projekte ergeben und wir wollen das Team erweitern. Müsste aber schnell gehen.“

„Wow“, sage ich. „Dann habe ich Sie also tatsächlich überzeugt?“

„Ich habe hier eine Liste mit zwanzig Personen. Durch Zufall sind Sie der Erste. Wenn Sie sagen, Sie kommen, kann ich mir die weiteren Telefonate sparen, ansonsten wird’s halt der Nächste.“

Frau Dahlke ist ein richtiger Schatz mit ihrer wunderbaren Art, dass man sich gleich willkommen fühlt.

Ich überlege einen Moment, der für Frau Dahlke offenbar zu lang ist, denn sie bellt in den Hörer: „Hallo, hör’n Sie? Sind Sie noch da?“

„Ja, sicher. Ab wann brauchen Sie mich denn?“

„Na, sofort!“, antwortet sie, was aber eher wie eine empörte Frage klingt.

„Heute schon?“, frage ich offenbar einen Tick zu ungläubig.

„Dann müssen wir uns jetzt nach einer Alternative umschauen. Wir haben hier wirklich ’ne Menge zu tun.“

Das ist zwar keine Antwort auf meine Frage, sagt aber dennoch alles über Pinella Dahlke aus. Ihr Tonfall, den in dieser Form fast nur Frauen drauf haben, klingt unangenehm genervt.

„Sagen Sie mir einfach, wann ich da sein soll“, beruhige ich sie.

Die Antwort, die ich erhalte, könnte blöder nicht sein: „Vor ’ner halben Stunde.“

Wie ätzend ist DAS denn? Auf die Art von Terror stehe ich ja nun gar nicht. Wahrscheinlich wird man bei denen auch mit ‚Mahlzeit‘ begrüßt, wenn man fünf Minuten zu spät im Büro erscheint. Wochenlang melden die sich gar nicht und dann machen die den totalen Alarm.

Ich atme tief durch und sage: „Lassen Sie mich schnell ein paar Dinge erledigen und ich komme so bald ich kann. Wäre neun Uhr denn noch okay?“

„Prima, dann bereiten wir schon mal alles vor für den Arbeitsvertrag. Um zehn ist dann unser Montagsmeeting. Da lernen Sie alle kennen.“

,Geht doch‘, denke ich, ,das klingt doch schon viel netter.‘

Nach dem Telefonat sinke ich in meinen professionellen Regieklappstuhl aus dem Video-Planet, meiner ehemaligen Lieblingsvideothek. Als die vor fünf Jahren Insolvenz anmelden musste, war ich als Erster zur Stelle, um mir die Deko unter den Nagel zu reißen. So finden sich seither in meiner Wohnung nicht nur der Stuhl, sondern als riesige Pappkameraden auch Spiderman, Rocky Balboa und Mike Glotzkowski, das laufende Auge aus der Monster AG.

Ich versuche meine Gedanken zu sortieren und erinnere dabei ein wenig an Woody Allen, dem man gerade offenbart hat, dass sein Lebenswerk für die Goldene Himbeere nominiert wurde.

Um neun Uhr! Aber um zehn muss ich doch zur Waschstraße!

„Scheiß auf die Waschstraße“, sagt mir eine innere Stimme, „wenn ich bei LIVE COMMUNICATION erst mal durchgestartet bin, brauche ich den Job ohnehin nicht mehr.“

Oh Gott, was ziehe ich bloß an? Ich hätte nie geglaubt, dass es Situationen gibt, in denen sich auch Männer diese Frage stellen. Ich ermahne mich aber sogleich zur Ruhe und entwerfe einen Schlachtplan für die nächsten achtundfünfzig Minuten. Ich stehe unschlüssig vor meinem überschaubaren Kleiderschrank und entscheide mich für eine legere Kombination aus T-Shirt und Anzug. Von meinen vier Anzügen entschließe ich mich für den einzigen, der nicht zur Gattung der Schlafanzüge gehört, und kombiniere diesen mutig mit einem T-Shirt von P&C. In Ermangelung passender Schuhe wähle ich die sportliche Variante und schlüpfe in meine Sneaker, Modell ,Beckenbauer Allround‘. Die neigen zwar dazu, nach einem halben Tag Tragezeit ein wenig unangenehm zu riechen, jedoch gehe ich nicht davon aus, meine Schuhe ausziehen zu müssen, schließlich gehe ich zur Arbeit und nicht zu einem Rückbildungskurs für junge Mütter. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass für einen Kaffee die Zeit fehlt. Auf meinem Weg zum angehenden Kreativchef werde ich zukünftig allerdings mehr Kaffee konsumieren, als meinen Herzklappen langfristig guttun wird. Mit etwas Glück wird man mir sogar meinen eigenen Vollautomaten ins Büro stellen – da kommt es auf diese letzte Tasse wohl nicht mehr an.

Ich bin fertig und liege alles in allem verdammt gut in der Zeit. Mit einem tiefen Atemzug trete ich hinaus auf die Straße in die klare Luft dieses Morgens, wo ich heute schon einmal war. Ich bin bereit für meinen Weg in eine erfolgreichere Zukunft.

Sechzehntausend

Eine erfolgreichere Zukunft? Ja, richtig – erfolgreicher. Die ersten fünfunddreißig Jahre meines Lebens entsprachen nicht gerade dem, was man sich unter einer Bilderbuchkarriere vorstellt, zumindest findet man nicht viel Verwertbares, wenn man meinen Namen bei Google eingibt. Jedenfalls nichts, das wirklich mich betrifft. Noch vor wenigen Wochen befand ich mich, mit fünfunddreißig Jahren, in der heißen Endphase meiner Ausbildung zum Vollakademiker und gehörte so zu einer Gruppe von Menschen, deren Alltag meist vollkommen falsch eingeschätzt wird.

Mein Leben als Student war nämlich weit weniger lustig, als oftmals angenommen wird, und Ferien hatte ich prinzipiell nie. Lediglich zweimal drei Monate vorlesungsfreie Zeit ließen mir kurze Atempausen zur Erholung. Mein Germanistikstudium absolvierte ich dank meines enormen Eifers knapp unter der dreifachen Regelstudienzeit in schlappen dreiundzwanzig Semestern. Ja, von den nackten Zahlen bin auch ich selbst immer wieder sehr beeindruckt, aber die Zeit vergeht einfach viel zu schnell, wenn man nur genug Interessen abseits der Uni hat.

Ein Praktikum hier, ein anderes dort und dazwischen eine ganze Reihe bedeutungsloser Auftritte als Gitarrist einer vollkommen unbekannten Band namens ‚Narcotic Mushrooms‘, deren Name mein Kumpel Armin verbrochen hat – Sänger und Frontmann der Mushrooms, in der neben uns noch ein Bassist, ein Keyboarder und ein Schlagzeuger mitwirkten. Gemeinsam träumten wir von Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll.

In meinem persönlichen Fall war das Angebot an Sex überschaubar und die Drogen beschränkten sich auf Bier und geschnorrte Zigaretten. Rock ’n’ Roll aber hat es tatsächlich gegeben. Wer erinnert sich nicht an unseren legendären Auftritt als Vorgruppe von Silbermond? Als wir um 14 Uhr wie in Zeitlupe die Bühne betraten, konnten wir ahnen, wie sich Stars in einer solchen Situation fühlen müssen. Ahnen, wohlgemerkt. Man sagt, von einer beleuchteten Bühne aus sei das Publikum so gut wie nicht zu erkennen. Es stimmt. Als ich voller Energie meine Gitarre in die Höhe reckte, konnte ich das Publikum tatsächlich nicht sehen. Wie auch, es war gar keins da. Außer uns lief dort lediglich ein halbes Dutzend Bühnentechniker herum, die mit professioneller Routine die Lichtshow für Silbermond programmierten. Dass die singenden Wimmerpimpanellen ihren Auftritt erst sieben Stunden nach uns haben sollten, war uns nicht wirklich klar gewesen. Auch nicht, dass erst nach uns und vor drei weiteren Bands, die im Gegensatz zu uns sogar die Fahrtkosten erstattet bekamen, der offizielle Soundcheck stattfinden sollte. Im Nachhinein ist mir noch heute peinlich, dass ich einen der schwarz gekleideten und noppenbehandschuhten Bühnenroadies angeblafft hatte, meine Monitorbox würde brummen – das sind jene Lautsprecher, die lässig auf der Bühne herumliegen und dafür sorgen, dass die Musiker ihre eigene Musik hören können. Natürlich nur, wenn sie in Betrieb sind. Meiner hat de facto nicht einmal gebrummt. Schlimmer noch – er war, wie ich hinterher sah, zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht verkabelt.

Dennoch gingen wir in der Rolle von Rockstars voll auf. Besonders glaubwürdig fand ich meinen Einfall, mit dem Schlussakkord einen dieser beweglichen High-End-Scheinwerfer umzutreten. Woher zum Teufel sollte ich auch wissen, dass High-End in dem Fall bei neuntausend Euro anfängt? Solche Missgeschicke sind es, die dafür gesorgt haben, dass ich bei meinen Freunden auf den Spitznamen ‚Hirni‘ höre und den, wie ich finde, unbegründeten Ruf genieße, nicht immer nur Entscheidungen von bestechender Sinnhaltigkeit zu treffen. ,Thomas‘ nennt mich außer meinen Eltern eigentlich kaum noch einer.

Es war aber irgendwie eine tolle Zeit. Man träumte vom ersten Plattenvertrag, von Groupies in der Hotelsuite und langen Fahrten im Tourbus – kurz: von Wein, Weib und Gesang. In meiner Suite, die ich dank einer mutig kalkulierten BAföG-Anleihe monatsweise mietete und mir mit drei weiteren Personen teilte, wartete nur ein Groupie, nämlich Susi, eine dickliche Jurastudentin, die jeden vierten Tag Spüldienst hatte und von einer wirklichen Sahneschnitte etwa so weit entfernt war, wie Barbamama von Shakira.

Und dann gab es da noch Imke. Imke war kein Rauhaardackelweibchen, wie der Name im ersten Moment irreführend suggerieren mag, sondern meine Freundin. Ja, sie war! Zuletzt vor drei Jahren, zehn Monaten und achtundzwanzig Tagen. Seitdem bin ich notgedrungen Single. Was als Notlösung begann, funktioniert inzwischen ganz gut. Was sage ich, es klappt prächtig, sodass ich mich gar nicht beklagen will. Bei genauer Betrachtung hätte ich die drei Jahre davor mit einem Rauhaardackel sogar deutlich entspannter und erfüllter verbringen können. Imke fand mich im Großen und Ganzen zwar gut, aber das meiste von dem, was ich tat, scheiße. Mein Studium fand sie belanglos, meinen Einsatz bemitleidenswert und die Mushrooms schlichtweg unterirdisch. Ihr eigenes BWL-Studium fand sie spannend, das von Papa gesponserte BMW-Cabrio sexy und ihre tranige ,Café del Mar‘-Mucke endgeil.

Imke gehörte zu jener Lifestyle-Generation, der ein Lounge-Würfel allemal lieber ist als mein alter Ohrensessel, an dem zwar viele Erinnerungen, aber eben auch eine gehörige Portion Patina haften.

Alte Ohrensessel gehörten in ihrer Welt auf den Sperrmüll, wie auch mein alter Röhrenfernseher, seinerzeit ein Hammerteil, aber leider ohne Ambilight und unbestreitbar tiefer als 4,9 Zentimeter.

Nach einer Weile muss Imke dann wohl klar geworden sein, dass aus mir weder ein wirklicher Rockstar, noch ein legitimes Mitglied im Nespresso-Club werden würde, sodass ich kurz und schmerzlos aus dem Drehbuch ihres Lebens gestrichen wurde. Mit wenigen Worten war die Sache beendet und der Ohrensessel ein frischer Single.

Ihr Vater, ein schnauzbärtiger Geschäftstyp irgendwo zwischen Dieter Zetsche von Mercedes und Antje, dem NDR-Walross, der allmonatlich ein kleines Vermögen mit seinem BMW-Autohaus scheffelt und Lieferantenrechnungen gerne mal ignoriert, muss darüber so erfreut gewesen sein, dass er seiner Tochter spontan einen Allrad-SUV spendierte, der im Skiurlaub ohnehin viel praktischer ist als jedes Cabrio. Gut erkannt!

Noch heute wirbt Imkes Vater, nennen wir ihn einfach den ,Imker‘, mit jenen Werbeslogans, die ich ihm vor Jahren getextet hatte, ohne dafür jemals einen einzigen Cent gesehen zu haben. Ein richtig feiner Kerl also, dieser Imker, und meine Ex ist die Garantie dafür, dass die besten seiner Charaktereigenschaften der Nachwelt erhalten bleiben.

Dennoch stellte meine Ausmusterung damals natürlich einen Einschnitt dar, der erst einmal alles durcheinanderwirbelte. In meinem persönlichen Fall löste er gleich eine ganze Reihe von Ereignissen aus, deren auffälligstes ein neuer Haarschnitt war – besser gesagt, überhaupt ein Haarschnitt – sowie ein ausgefeilter Businessplan zur Restfinanzierung meines Studiums, verbunden mit einem ersten Grobkonzept für meine Magisterarbeit, die knappe drei Jahre später auch tatsächlich fertiggestellt war und feierlich dem Prüfungsamt übergeben wurde, als handele es sich um die erste Gutenberg-Bibel überhaupt.

Von noch deutlich subtilerer Finesse war indes mein Finanzplan, der ohne jede richtige Arbeit auskam und im Wesentlichen eine Reihe von Besuchen in deutschen Fernsehquizshows vorsah. Den Start meiner Quizkarriere wagte ich mit einer Bewerbung bei Jörg Pilawa. Da ich mich mit dem Quizkonzept offenbar nicht ausreichend befasst hatte, klärte mich eine Redaktionsassistentin freundlich, aber bestimmt per E-Mail auf, dass nur Paare und keine Einzelkandidaten ausgewählt würden und man mich daher nicht für das Auswahlcasting vorgesehen hätte. Kurzzeitig war ich versucht, mich erneut zu bewerben, jedoch hätte mein Kumpel Armin sicher alles versaut, was er nämlich meistens tut.

Da ich mir ein Vorsingen bei ,Deutschland sucht den Superstar‘ oder eine Blamage bei ,Schlag den Raab‘ ersparen wollte und ich von ,Germany’s next Top Model‘ garantiert eine Absage erhalten hätte, blieben mir in Ermangelung von Wim Thoelke nur kleine Formate wie ,Quiztaxi‘ oder das Einsenden unscharfer Handyvideos bei ,Ups – die Pannenshow‘, bei der ich nach einer Reihe allzu schlechter Fakes auf dem Index stand.

Ich hätte jedoch nie geglaubt, dass man sich auf die Art geschlagene drei Jahre über Wasser halten kann. Beinahe hätte es sogar für ein halbes Leben gereicht. Den größten Batzen meines Etats, nämlich sechzehntausend Euro, erwirtschaftete ich schließlich bei Günther Jauch. Das klingt für einen Studenten spontan nach richtig viel Geld. Der routinierte Fernsehzuschauer weiß jedoch, dass die Zahl ‚Sechzehntausend‘ bei ,Wer wird Millionär?‘ nur zwei Dinge bedeuten kann: Entweder der Kandidat kennt zwar alle deutschen Sprichwörter, hat aber die Allgemeinbildung eines Viertklässlers oder aber er ist Opfer seines Halbwissens geworden und hat eine Menge sicher geglaubten Geldes verloren, respektive verzockt. Bei mir war Letzteres der Fall. Nach einem glanzvollen Start – keiner der übrigen Kandidaten hatte die Bremer Stadtmusikanten schneller von oben nach unten sortiert als ich – marschierte ich souverän durch eine ganze Reihe mehr oder weniger intelligenter Fragen und Günther Jauch schien hocherfreut, einen Kandidaten präsentieren zu dürfen, der nicht nur gebildet, sondern auch halbwegs unterhaltsam, charismatisch und eloquent ist. Zumindest war das mein Eindruck, bis ich erstmals bewusst auf die Monitorgrafik sah, der zufolge mich vom Gewinn der Million nur noch zwei läppische Fragen trennten. Doch dann kam der ungebremste Sturz aus den Höhen des gefühlten Geldadels in die Niederungen von Dortmund-Persebeck. Mit noch allen verfügbaren Jokern war ich bei der 500.000-Euro-Frage felsenfest davon überzeugt, dass Mangoldt entweder ein jüdischer Komponist war oder ein Botaniker mit Vorliebe für Gemüse. Einen Nationalökonom aus dem 19. Jahrhundert hatte ich definitiv nicht auf der Rechnung. Günther, der mir auf der anschließenden Aftershowparty spontan das Du anbot, offenbar auch nicht. Wenn man auf dem Weg zur Million beim Einbiegen auf die Zielgerade von einem Mann weggegrätscht wird, dessen Name klingt wie eine Zahnfüllung, hat man alles Recht der Welt, sein Hirn mit geistigen Getränken zu sedieren, insbesondere, wenn diese von RTL bezahlt werden. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Wodka Cola ich an dem Abend getrunken habe und auch nicht, wer mir das Taxi gerufen hat.

Irgendwann zwischen meinem sechsten und siebten Glas stupste mich Peggy, die sympathisch sächselnde Aufnahmeleiterin, an und fragte:

„Herr Krallmann, menen Se nisch, Sie söllten longsam uf e pure Cola umsteigen?“

„Peggy“, bäuerte ich etwas unappetitlich hervor, „Punkt A, ich bin der Hirni, kannst ruhig ,du‘ sagen und Punkt B, Alkohol ist zwar keine Lösung“, jetzt bekam ich nicht nur Schluckauf, sondern musste zudem kurz, aber intensiv aufstoßen, „Cola aber auch, ups, aber auch nicht. Also pö-prösterchen!“, sprach ich verwaschen wie Harald Juhnke nachts um halb drei an der Hotelbar und führte das Glas weltmännisch zum Mund, wie es vor mir und Harald allenfalls Dean Martin auf der Bühne in Las Vegas gelungen sein mochte.

„Hirni, isch bitte disch.“ Blick und Tonfall waren nun flehend, was ich bei einer knackigen Neunzehnjährigen vermutlich ziemlich aufregend gefunden hätte – nicht jedoch bei einer Fünfundvierzigjährigen vom Fuße des Erzgebirges, die zudem noch den gleichen Namen hat wie das Pflegepferd meiner Cousine Lisa. Seither kann ich Peggy, also das Pferd, nicht mehr am Hals tätscheln, ohne den Geschmack von Jack Daniels, Cola und Erbrochenem auf der Zunge zu haben.

Höre ich seit jenem Abend Namen ostdeutscher Postmoderne, wie Peggy, Mandy oder Doreen, tauchen sie auf, wie von Geisterhand hingezaubert, diese unverkennbaren Symptome eines neunschwänzigen Katers – von leichtem Schwindel kaum zu unterscheiden, für mich, als an Seele und Körper versehrtem RTL-Veteran, jedoch eindeutig spürbar.

Mit exakt diesen Symptomen, nur ungleich intensiver ausgeprägt, hatte ich mich damals im Hotelbett wiedergefunden. Zu gern wüsste ich, wie sich der Dialog zwischen mir und dem Taxifahrer abgespielt haben muss, an den ich mich jedoch partout nicht erinnern kann. Als ich am Morgen erwachte, lag ich, komplett bekleidet, im komfortablen Doppelbett. Meine Jacke fand ich schließlich in der Minibar und die Schuhe fein säuberlich im Schrank, kunstvoll auf zwei Kleiderbügeln arrangiert. Weniger überzeugend war der Anblick des Badezimmers. Nach meiner nächtlichen Ankunft hatte ich offenbar die vielen Gläser Cola mit Schuss noch loswerden wollen und mich, da ich prinzipiell nicht im Stehen uriniere, auf die Toilette begeben. Nie wieder, so viel steht nach meinem Kölnausflug fest, werde ich in einer Quizshow am Joker und damit am falschen Ende sparen und noch viel weniger werde ich jemals wieder vergessen, einen Klodeckel aufzuklappen.

James Bond

Auf dem Parkplatz von LIVE COMMUNICATION finde ich eine kleine Parklücke zwischen zwei schicken Kombis, die offenkundig Teil des firmeneigenen Fahrzeugpools sind und ahne, dass mein Polo von seinen großen Kollegen schon jetzt gemobbt wird.

Es ist genau 8.59 Uhr. Ich beginne meine Karriere als Eventprofi mit einer Punktlandung und bin mir sicher, dass ich sogar Pinella Dahlke vor Begeisterung aus den Frotteesocken hauen werde.

„Herr Krallmann ist jetzt da“, informiert eine junge, dunkelhaarige Dame am Empfang, von der ich erfahre, dass sie Praktikantin ist, eine Kollegin am Telefon. Dann legt sie auf und weist auf eine moderne Ledercouch am Fenster.

„Frau Dahlke ist gleich bei Ihnen. Warten Sie doch am besten da. Möchten Sie vielleicht ein Wasser?“

Ich lehne in Vorfreude auf einen mahlfrischen Cappuccino dankend ab und bewege mich fünf Schritte nach rechts zur Couch, wo bereits ein gewisser Benjamin Ficus auf seinen Termin wartet, dem aber offensichtlich kein Wasser angeboten wurde.

Ich nicke ihm freundlich zu und setze mich. Während ich meinen Blick durch den Empfangsbereich der Agentur schweifen lasse, kommt mir der beklemmende Gedanke, dass Benjamin bereits tot sein könnte. Im Film gerät der, der die Leiche entdeckt, immer gleich in den Kreis der Verdächtigen. Da ich meinen ersten Arbeitstag nicht mit faden Rechtfertigungen und der Suche nach einem Alibi beginnen will, beschließe ich, meinen Verdacht unerwähnt zu lassen.

Auf einem Glastisch vor mir liegen verschiedene Fachzeitschriften rund um die Themen Event, Gastronomie und Marketing, aber auch Society- und Lifestylemagazine, wie Bunte, Vogue oder Cosmopolitan. Ich vermisse Sport- und Auto-BILD und suche instinktiv die Kinderecke mit den Wimmelbilderbüchern sowie den unvermeidlichen Hinweis auf die nächste Grippeimpfung und die Praxisgebühr.

„Sind Sie schon lange hier?“, beginne ich mit der Praktikantin ein möglichst unverfängliches Gespräch.

„Seit acht“, lässt sie mich wissen. Ich schlucke. Entweder steckt ein Plan dahinter oder bei LIVE COMMUNICATION arbeiten vorwiegend Idioten. Nach Darwin überleben nur die Angepassten. Ich will hier überleben, also passe ich mich an.

Ich nicke ihr daher debil zu und sage stolz: „Ich bin seit neun hier.“

„Ich weiß“, sagt sie fröhlich und lächelt etwas schüchtern. Sie fühlt sich nicht einmal ansatzweise verarscht und am liebsten würde ich ihr noch erzählen, dass ich gerade hier auf der Couch sitze, will es am ersten Tag aber nicht gleich übertreiben.

In mir keimt der beklemmende Verdacht, dass in dieser Agentur Benjamin zu Lebzeiten der interessanteste Gesprächspartner gewesen sein könnte, und für einen kurzen Moment kommt mir der Gedanke, dass ich es sogar noch rechtzeitig zur Waschstraße schaffen könnte.

Ich verwerfe diesen absurden Gedanken unverzüglich und wage einen zweiten Anlauf, da ich der Auffassung bin, dass Führungskräfte alle Mitarbeiter genau kennen sollten und ohnehin jeder eine zweite Chance verdient.

„Wie heißen Sie denn?“, frage ich und ertappe mich dabei, wie ich eine Handvoll passender Namen bereits im Kopf habe.

„Whitney.“

Stille!

Okay, ich gebe zu, ich hatte eine Michele oder Chantal auf der Liste, aber Whitney übertrifft meine Erwartungen bei Weitem. Innerlich balle ich eine Becker-Faust und würde mir am liebsten mein P&C-Shirt vom Körper reißen, um es in die Fankurve zu schleudern.

„Und Sie?“

„Immer noch Thomas.“ Ich spüre, wie es mich innerlich fast zerreißt und platze regelrecht vor Vorfreude auf die anderen Kollegen. Wenn Pinella Dahlke und Whitney schon solche Konversationskracher sind, mag ich mir die Geschäftsleitung kaum vorstellen. Prinzipiell könnte ich Whitney jetzt erklären, dass mich die meisten Leute ,Hirni‘ nennen, lasse es aber, um sie nicht neidisch zu machen, da sie diesen Namen sicher binnen kürzester Zeit auch für sich beanspruchen würde.

Für Whitney ist das Gespräch an dieser Stelle offenbar vorerst beendet, denn sie beginnt, ihr Mobiltelefon zu streicheln. Das sieht von meinem Platz aus extrem bescheuert aus, sodass ich aufstehe, um etwas besser sehen zu können. Ich erkenne, dass sie sich offenbar durch die Apps ihres iPhones navigiert. Ihre aufwendig lackierten Fingernagelattrappen machen dabei höchst unschöne Geräusche und ich höre das Display förmlich um Hilfe schreien.

Inzwischen sind dreißig Minuten vergangen, ohne dass Whitney und ich ein weiteres Wort miteinander gewechselt haben. Ich frage mich, wofür Frau Dahlke einen solchen Stress gemacht hat und fürchte, ebenso in Vergessenheit geraten zu können wie Benjamin. Hätte ich doch jetzt nur das Wasser!

Noch ist zwar genug Zeit, um bis zu meinem ersten Meeting um zehn die Verträge zu unterzeichnen, doch hätte ich mich, bevor ich erstmals mein Wort an die Belegschaft richte, gerne noch ein wenig mit den aktuellen Zahlen der Agentur auseinandergesetzt.

„Herr Krallmann“, schreckt es mich aus meinen Gedanken und ich blicke auf. Exakt um 9.42 Uhr erscheint Pinella Dahlke am oberen Absatz einer großzügigen Wendeltreppe und schreitet diese hinab wie Krystle Carrington aus dem Denver-Clan in ihren besten Zeiten. Vor ihrem Bauch trägt sie eine schwarze Mappe und das unvermeidliche Smartphone. Ihr todlangweiliges Businesskostüm wirkt irgendwie unpassend knitterig und während sie die Treppe hinunterstakst, stelle ich bestürzt fest, dass der Reißverschluss ihres Rockes definitiv offen ist. Bloß nicht hingucken! Immer ganz entspannt das Gesicht fixieren! Ich sehe, dass ihre Wangen glühen und ich verwette meinen Arsch darauf, zu wissen, was die gerade getrieben hat. Nur nicht, mit wem. Meine Vorfreude auf den Job wächst mit jeder Stufe der Wendeltreppe, die sie hinabsteigt, wenngleich Frau Dahlke nicht wirklich mein Fall ist. Aber, was soll’s? Ich bin seit über drei Jahren Single und für den Einstieg ist sie allemal in Ordnung.

Ich erhebe mich langsam von der Couch in dem mir inzwischen vertraut gewordenen Wartezimmer und rechne fest mit den Worten ,Der Nächste, bitte‘, bekomme stattdessen aber eine nasskalte, frisch gewaschene Hand entgegengestreckt mit den Worten: „Dann kommen Sie mal mit.“

„Zu dir oder zu mir“, will ich spontan fragen, trotte dann aber nur hinter ihr her, die Wendeltreppe hinauf in ein großzügiges Büro. Vor einem bodentiefen Fenster steht ein Mann Mitte Vierzig und wendet uns den Rücken zu. Er telefoniert und raucht und erinnert mich an eine Parodie auf James Bond. Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, dass Frau Dahlke in der vergangenen Dreiviertelstunde keine Runde auf dem Laufband gedreht hat. Bonds elegante zweireihige Anzugjacke passt nicht ganz zum Stil der dunkelblauen Jeans, wohl aber zu den glänzenden schwarzen, garantiert rahmengenähten Schuhen. Seine Haare sind einen Tick zu lang und mit Haarwachs in Form gebracht. Er beendet sein Telefonat, in dem es offenbar um eine Verabredung zum Kartfahren geht, und dreht sich zu uns um. Während er mich mustert, lutscht er lässig seine Zähne sauber, zieht noch mal an seiner Zigarette und geht mit maskulinem Gang bis zur Kante seines Schreibtisches, wo er stehen bleibt und sein Kinn vorschiebt. Testosteron liegt in der Luft und ich bin mir sicher, dass es nicht meins ist. Für Frauen, die auf Porschefahrer und Puffgänger stehen, ist dieser Typ garantiert das personifizierte Weihnachten. Für alle anderen ein neureicher Prolet. Mit einer zackigen Bewegung schüttelt er seine Rolex hervor und legt die Stirn in Falten.

„Lasst uns hinne machen. Gleich ist Meeting.“

Er streckt mir die Hand entgegen. „Danny Hahn. Und du bist?“

Alles klar, wir sind beim Du. Ich schüttele die Hand, die Minuten zuvor wahrscheinlich noch Frau Dahlkes Hintern umklammert hielt. Ein Odeur aufdringlichen Rasierwassers und Zigarettenrauchs weht mir entgegen. Seine Hand fühlt sich zudem nicht ansatzweise so frisch gewaschen an wie die von Frau Dahlke.

„Thomas Krallmann. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“

Danny Bond Hahn sieht mich fragend an. Dann wandert sein Blick zu seiner Kollegin.

„Das ist doch der Support für Pias Team“, klärt sie ungewohnt temperamentvoll auf. Offenbar gerät sie beim Anblick von Danny schon wieder in Wallung.

Danny Hahn schaut sie fragend an. „Ach, der Hiwi?“

Pinella Dahlke nickt.

Support? Hiwi? Alles klar! Hier weiß eine Hand nicht, was die andere tut. Ich räuspere mich. Damit es nicht noch peinlicher wird, kläre ich die Situation mit wenigen Worten auf.

„Ich war vor zwei oder drei Monaten zum Vorstellungsgespräch bei Herrn Kuhn.“

Danny Hahn macht ein gleichgültiges Gesicht, das er sich garantiert bei den James-Bond-Bösewichten abgeguckt hat. Ich bin mir jetzt sicher, dass er die gesamte DVD-Collectors-Edition im Billyregal hat.

„Herr Kuhn ist nicht mehr bei uns beschäftigt.“ Ich merke, wie die Temperatur im Raum binnen Sekunden gen Gefrierpunkt fällt.

Er lässt den Satz im Raum stehen und überlässt es meiner Fantasie, mir vorzustellen, was mit Herrn Kuhn wohl geschehen sein könnte. Entlassen? Geflohen? Liquidiert? Einen Moment herrscht Schweigen.

Muss ich jetzt was sagen?

Es gibt Situationen, da sollte man einfach nur die Schnauze halten und dennoch redet man sich um Kopf und Kragen. Meine Worte sind nicht wirklich wohlüberlegt, aber offenbar ist genau das Danny Hahns Sprache.

Im Tonfall eines Oberarsches frage ich nämlich: „Was hat er gemacht? Werbekulis geklaut oder in der Agentur ’nen Tripper verbreitet?“

Danny Hahn blickt mich an, als hätte ich ihm eben erzählt, Sean Connery sei schwul und Pierce Brosnan im wirklichen Leben Stewardess bei British Airways. Pinella Moneypenny Dahlke hat plötzlich noch mehr Farbe im Gesicht und droht zu platzen.

„Okay“, denke ich, ,das war’s dann wohl. Dann verbringe ich den Tag halt nicht beim Meeting, sondern im klammen Overall.‘

Danny Hahn beugt sich ein wenig nach vorn, als wolle er mir etwas anvertrauen.

„Der ist mit unserem wichtigsten Kunden zur Konkurrenz nach Düsseldorf.“

Oha. Da lag ich mit dem Tripper wohl gründlich falsch. Womöglich habe ich Alphamännchen Hahn jetzt erst auf die Idee gebracht, dass auch andere in diesem Laden die Schreibtische nicht ausschließlich zum Schriftverkehr gebrauchen. Statt mich jedoch aus der Agentur zu schmeißen, liegt Anerkennung in seinem Blick. Habe ich etwa genau seinen Ton getroffen?

„Ziemlich schlechter Stil, oder?“, frage ich.

„Aber so was von!“, sagt Danny Hahn und blickt mich an, als hätte ich den komplexesten Sachverhalt der Welt endlich durchschaut.

Er überlegt noch einen Moment und wendet sich dann ruckartig an Pinella Dahlke, die immer noch aussieht, als wäre bei ihr eine Klinikpackung Betablocker fällig.

„Komm, lass uns den Vertrag fertig machen.“ Er kneift mir ein Auge zu. Ich freue mich wie ein junger Hund und wedele unauffällig mit dem Schwanz. Das lasse ich jedoch ganz schnell wieder sein, um eine gewisse professionelle Distanz aufrecht zu halten. Das Letzte, was ich schließlich will, ist eine Männerfreundschaft mit Danny Hahn und gemeinsame Videoabende mit gerührtem Martini.

Pinella Dahlke, die knapp am nervösen Zusammenbruch vorbeigeschrammt ist, schiebt mir ein paar Unterlagen herüber und ich setze mich auf einen der Besucherstühle, um die Zeilen zu überfliegen. Wie ein Idiot bin ich nicht in der Lage, mich zur zweiten Zeile vorzuarbeiten, da ich immer wieder in der ersten hängen bleibe. Säße ich nicht bereits auf einem Stuhl, würde ich spätestens jetzt um einen bitten. Nach einer gefühlten Ewigkeit blicke ich auf und sehe die beiden an wie Rudolph Mooshammer, der von Daisy zum Oralverkehr genötigt wird. Mein Mund formuliert ein Wort, das halb Frage, halb Feststellung ist.

„Praktikumsvertrag?!“

Vier große Augen blicken mich an. Pinella Dahlke ergreift als erste das Wort. „Was stimmt denn nicht?“

Ich überlege, ob ich darauf tatsächlich antworten oder kommentarlos gehen soll.

„Das ist ein Praktikumsvertrag“, wiederhole ich betont sachlich und spüre, wie mir die Galle den Hals hinaufkriecht. „Ich hatte mich auf eine Festanstellung beworben.“

Schmierlapp Bond atmet durch und zieht ein Schüppchen. „Das ist bei uns ein ganz normaler Vertrag.“

Meine Verwirrung wächst. „Inwiefern?“

„Solche Verträge haben bei uns fast alle.“

„Alle haben Praktikumsverträge? Sie auch?“

Danny Hahn schiebt brüskiert sein Kinn hervor. „Ich nicht. Ich bin ja ein Leader.“

Ein Leader, so so.

„Und Sie?“, wende ich mich an Pinella Dahlke.

„Ich auch nicht. Ich bin ja …“ Sie stockt. Offenbar hat sie vergessen, was sie hier macht.

,… die, die der Boss poppt‘, vollende ich in Gedanken.

„Und wer hat hier Praktikumsverträge?“, frage ich.

Danny setzt sich in seinen gigantischen Chefsessel, der aber offenbar nicht so teuer war, wie er aussieht und Geräusche macht, um die ihn jedes Furzkissen beneiden würde.

„Die meisten haben hier Praktikumsverträge“, erklärt er mir im Tonfall des Ertappten. „Das sind aber eigentlich keine Praktikanten, sondern die haben Aufgaben wie richtige Angestellte.“

Er sagt dies, als sei es die größte Selbstverständlichkeit der Welt. „Praktikumsverträge lassen sich nur halt besser aufheben“, schließt er seine Erklärung ab.

Ich blicke ihn fragend an. „Die kann man schneller kündigen?“

„Richtig“, raunt Danny, als habe ich die Millionenfrage beantwortet. Um seiner Anerkennung Nachdruck zu verleihen, schnipst er und deutet mit dem Zeigefinger auf mich, als sei ich der Schnellmerker schlechthin.

Ich bin mir sicher, dass er mir nach der nächsten clever beantworteten Frage anerkennend in die Wange kneift und mich spontan zum Mitarbeiter des Tages ernennt.

Gut, normale Angestellte sind in Dannys bunter Welt also Praktikanten. Kommen wir zum nächsten heiklen Punkt meines Vertrages, wenngleich ich weiß, dass Danny die Frage nicht gefallen wird, zumal er doch hinne machen wollte.

„Und werden alle Praktikanten so bezahlt, wie in diesem Vertrag?“

Danny Hahn macht ein spitzes Mäulchen, das einen Tick zu weibisch rüberkommt und sagt fast beleidigt: „Nun, es ist ein Praktikumsvertrag, da wäre ein höheres Gehalt nicht rechtens.“

Ich überlege und nicke dabei anerkennend, als sei seine vollkommen bescheuerte Argumentation bewundernswert schlüssig.

Pinella Dahlke wittert ihre Chance, Tempo in den Vorgang zu bringen und sagt: „Wie gesagt, andere Verträge haben wir hier fast kaum.“

Fast kaum! Ich könnte diese Frau für ihre Blödheit küssen und frage: „Also beinahe selten?“

Sie sagt nichts und blickt mich irritiert an. Ich merke, wie sich ihr Hirn gerade erhängt und aus der Konversation verabschiedet. Könnte sie jetzt Strg, Alt und Entf drücken, sie täte es garantiert. Ich rechne fest mit der typischen Microsoft-Fehlermeldung. Gleich wird sie mich sicher fragen, ob sie den unvermeidlichen Fehlerbericht senden soll.

Ich blicke auf meinen Vertrag und überfliege alles erneut. Soll ich das wirklich unterschreiben? Diese Frechheit auf Papier? Andererseits: Wenn dieser Job auch kein Knaller wird, so bietet sich vielleicht wenigstens eine Perspektive. Bestimmt muss ich nur erst mal reinkommen und kann dann weitersehen. Am liebsten würde ich natürlich aufstehen und wortlos gehen, doch die Alternative sind ein klammer Overall und ein Job, dessen definitiv einzige Perspektive der Aufstieg ins Innenpflegeteam ist. An Sauger, Polsterschaum und Cockpitspray wird bei Wash & Go nämlich noch lange nicht jeder gelassen.

Mit dem verwegenen Mut eines Großstadtabenteurers greife ich zum Stift und schreibe unter den triumphierenden Blicken von Pinella Dahlke und Danny Hahn grimmig entschlossen meinen Namen. Als ich den Kugelschreiber auf den Tisch lege, wird mir klar, dass mir hier wohl kein Cappuccino gereicht wird und seufze. Ich habe mit fünfunddreißig Jahren gerade einen Vertrag unterschrieben und mich an fünf Tagen in der Woche von neun bis achtzehn Uhr an diese Agentur verkauft, um im Gegenzug das fürstliche Gehalt von eintausend Euro im Monat zu kassieren. Brutto wohlgemerkt! Trost spendet mir in diesem Moment der Gedanke, dass ich mich ja immer noch bei der Kocharena bewerben kann oder besser noch in der Pizzeria bei mir um die Ecke – als Spezialist für die kleinen Brötchen.

Der Arschlutscher

Der Konferenzsaal wird beherrscht von einem riesigen Tisch, der in der Form eines Os locker fünfundzwanzig Menschen Platz bietet. Exakt so viele Stühle sind um den Tisch platziert und warten auf ihre Herrchen. Vierundzwanzig, um genau zu sein, denn auf einem Stuhl sitze bereits ich.

„Warten Sie doch einfach schon mal hier“, hatte Pinella Dahlke gesagt, nachdem sie mich schweigend und mit noch immer offenem Reißverschluss am Rock hierher geführt hatte, „die Kollegen werden gleich alle kommen.“

So so, sie werden gleich alle kommen. Ich hatte den schwanzgesteuerten Danny Hahn vor Augen und stellte mir vor, wie die gesamte Belegschaft kollektiv aufstöhnen würde, sagte aber nichts und nickte. Seither sitze ich hier und warte.

Mein Blick ruht abwechselnd auf vier großen Bildern, die jeweils locker als Matratzen französischer Doppelbetten durchgehen könnten. Der Künstler hat die weiß angestrichenen Leinwände mit Hunderten bunter Federn beklebt – einmal mit roten, dann mit blauen, gelben und schließlich, auf dem vierten Bild, mit allen zusammen. Wenngleich den Bildern ein gewisser dekorativer Pfiff nicht abzusprechen ist, erinnern sie erschreckend an das, was an der Volkshochschule entstehen könnte, in Kursen wie „Kreatives Basteln für Unbegabte“, „Grundkurs Farbenlehre – wahrnehmen und gestalten“ oder „Raus aus dem Alltag – ein bunter Workshop für Hausfrauen in den Wechseljahren“.

Ich bin so fasziniert von den albernen Bildern, die bei jedem sensiblen Menschen eine üble Migräne auslösen könnten, dass ich fast meinen jungen Kollegen übersehen hätte, der soeben den Raum betritt und mich mit einem vitalen „Moschen“ begrüßt, der lässigen Version des „Morgen“.

Ich antworte höflich mit „Guten Morgen“, womit die zart sprießende Konversation jedoch schon wieder abreißt, da mein Kollege sich bereits mit seinem Notebook beschäftigt und sich über irgendwas Lustiges, das er dort vorfindet, demonstrativ beömmelt. Okay, noch ein Idiot. Ein paar Versuche hat LIVE COMMUNICATION ja noch.

Als nächstes betreten zwei junge Damen den Raum, die mich überhaupt nicht beachten und aussehen, als gehörten sie eigentlich zu Douglas. Also tue ich es ihnen gleich und verhalte mich so, als wären wir noch immer zu zweit – ich und Kollege Moschen, dessen Heiterkeit inzwischen zu einem miserabelst gespielten, aber wenigstens stillen Lachkrampf ausgewachsen ist. Nicht mal vor dem abgedroschenen Schenkelklopfer macht er halt. Ich kann seinen stummen Schrei nach Aufmerksamkeit regelrecht hören. Wenn ich jetzt jedoch darauf eingehe und ihn danach frage, was es denn dort Lustiges auf seinem Laptop gibt, habe ich den Typ bis zur Rente an der Backe. Wahrscheinlich ist er der, den schon in der Schule keiner mochte. Ich mag die arme Sau irgendwie auch nicht und schätze, dass die beiden Douglas-Tussen wenigstens da auf meiner Wellenlänge liegen.

Nach und nach trudeln immer mehr Kollegen ein und nur die wenigsten nehmen mich wirklich wahr. Darunter sind eine ganze Reihe skurriler Gestalten – blutarme Computer-Nerds, glatzköpfige Kreative, die schwarze Rollis unter dem gleichfarbigen Armani-Anzug tragen und ständig an irgendwelchen Blackberrys rumfingern, und ab und an hübsche Partymäuse, von denen ich später erfahre, dass sie studentische Hilfskräfte sind und im Dienstrang theoretisch noch unter mir rangieren. Danny Hahn jedenfalls rangiert sicher ganz gerne mal über ihnen. Wahrscheinlich sind die rangierwilligen Hollister-Schnecken sogar noch leichter zu kündigen als ich.

Dann betritt ein Typ den Raum, der irgendwie nicht so recht in die Szenerie passen will. Jeans, T-Shirt, Sneakers. Er blickt in die Runde und sagt „Morgen zusammen“, erhält aber nur vereinzelt eine Antwort. Ein unpassend offensives und viel zu lautes „Morgen Boss“ erhält er von dem Kollegen mit dem inzwischen abgeklungenen Lachkrampf, der auf einen freien Platz neben sich deutet.

,Boss?‘, frage ich mich. ,Der Typ? Wie ein Vorgesetzter sieht der nicht gerade aus und keiner nennt seinen Chef allen Ernstes Boss, zumal Danny Hahn hier doch der unangefochtene Leithengst sein muss.‘

Der Typ jedenfalls winkt freundlich ab und ignoriert den freien Platz geflissentlich. Er mag den Affen scheinbar auch nicht. Mir fällt fast ein Stein vom Herzen, denn der Neuankömmling ist hier im Raum der Einzige, den ich spontan als sympathisch bezeichnen würde.

Offenbar denkt er das auch über mich, kommt näher und fragt: „Ist der noch frei?“

„Klar“, sage ich und mache eine einladende Geste.

„Neu hier?“

„Flatschneu“, antworte ich etwas unsicher und frage dann ziemlich dämlich: „Und Sie? Du?“

„,Du‘ ist schon richtig. Gefühlte Ewigkeit. Ein Jahr.“

Klingt ja schon mal super.

„Ich bin Ben“, stellt er sich vor.

„Thomas“, antworte ich. Nach einer kurzen rhetorischen Pause ergänze ich, warum auch immer: „Meine Freunde nennen mich Hirni.“

„Ich glaube, dann nenne ich dich lieber Hirni. Thomas heißt der Vogel da drüben nämlich auch.“ Er deutet unauffällig auf Kollege Moschen. „Thomas Vogel.“

Mir schießen spontan eine ganze Handvoll Mördergags zum Namen ,Vogel‘ durch den Kopf, behalte sie aber für mich und sage stattdessen: „Alles klar. Und warum nennt der dich Boss?“

„Ach das. Ich habe mal den Fehler gemacht, dem Ochsen anzuvertrauen, dass ich gerne Bruce Springsteen höre. Seitdem glaubt der, wir wären so was wie Kumpel.“

„Verstehe. Und was machst du hier so?“

„Konzepte und Planung. So was halt in der Art.“

„Klingt ziemlich interessant.“

„Ja, ist ganz in Ordnung. Und du?“

„Ich habe bisher Werbetexte gemacht“, strunze ich. „Hab Germanistik studiert. Bin mal gespannt, was mich hier so erwartet.“

„Dem Himmel sei Dank! Ein Mann von Bildung. Dann kommt vielleicht doch mal so was wie Niveau in die Bude hier“, freut sich Ben und lacht.

„So schlimm?“

„Na, guck dir die ganzen Pfosten hier doch mal an. Die meisten bekommen nicht mal Groß- und Kleinschreibung auf die Kette. Du musst mal sehen, wie die E-Mails schreiben.“

Ich blicke ihn ratlos an und Ben zieht leicht resigniert die Schultern hoch.

„Sag mal“, fragt Ben, nachdem er mich einige Momente nachdenklich gemustert hat, „habe ich dich schon mal irgendwo gesehen?“

„Mich?“, frage ich ahnungslos. „Keine Ahnung, wüsste nicht, wo.“

„Kommst mir irgendwie bekannt vor.“

Ich zucke die Achseln und hoffe inständig, dass er mich nicht in einer der Quizshows gesehen hat.

„Warst du vielleicht mal Kandidat bei ,Wetten dass …?‘?“

Klarer Fall – er kennt mich wirklich aus einer Quizshow, wenngleich er mit ,Wetten dass …?‘ gehörig danebenliegt.

„Muss dich leider enttäuschen.“

Ben überlegt noch einen Moment, schüttelt dann aber ratlos den Kopf.

„Wo hast du denn dein Büro?“, fragt er schließlich.

„Hab ich noch nicht. Ich weiß eigentlich noch gar nichts. Weder, wo ich hin soll noch, was mich erwartet.“

„So geht’s mir jeden Tag.“ Er lacht und ich habe den Eindruck, dass man den Laden hier nur lachend ertragen kann.

„Habe nur mitbekommen, dass ich ins Team von irgendeiner Pia soll.“

Ben reicht mir ein zweites Mal die Hand und sagt: „Partner, willkommen, wir sind in einer Band“, als hätte ich es in den Recall der zweiundsechzigsten PopStars-Staffel geschafft.

Ich steige darauf ein und recke meine Faust, als hätte Dieter Bohlen mir einen Vertrag auf Lebenszeit gegeben.

„Und“, frage ich, „wie ist diese Pia so?“

„Super. Die ist echt super. Macht keine Riesenwelle und von den anderen hier kann der eigentlich keiner das Wasser reichen.“

Ich nicke anerkennend.

Dann betritt eine Frau den Raum und für einen Moment herrscht in meinem Kopf vollkommene Stille. Die kann noch keine dreißig sein und ist definitiv waffenscheinpflichtig. An ihr stimmt ausnahmslos alles und der Weg zu ihrem Platz bei den Douglas-Tussen wird augenblicklich zum Catwalk. Stünde sie vor Heidi Klum, wäre sie diejenige, die sagt: „Ich habe heute leider kein Foto für dich“ und Heidi verließe weinend den Raum.

Ich tippe Ben an und frage: „Ist das Pia?“

Ben schüttelt den Kopf und lacht. „Nee, Gott bewahre – das ist nicht Pia.“

„Schade.“

Ben schmunzelt und beugt sich zu mir rüber: „Vorsicht! Verpackung und Inhalt sind zwei Paar Schuhe. Wie immer in unserer Branche.“

„Egal“, entfährt es mir.

Ben sieht mich an, als hätte ich ihm anvertraut, dass ich Mike Tyson die Handtasche stehlen will.

„Wer ist das denn?“, frage ich leise und Ben antwortet verschwörerisch: „Kathrin! Ein ganz heißer Knaller. Aber ein Charakter aus blanker Scheiße.“

Ein schönes Bild, das ich nun vor meinen Augen habe! Ich will ihn fragen, ob die Konsistenz wenigstens formbeständig ist oder weich und breiig, doch Ben scheint meinen Gedanken erraten zu haben und flüstert: „Einer dieser Haufen, die man ganz lange unter den Schuhen hat, wenn man reingetreten ist. So tief in den Rillen, weißte?“

Ich versuche mir diesen Traum von einer Frau aufrechtzuerhalten, indem ich mir eine plausible Erklärung für Bens Abneigung zusammenreime. Wahrscheinlich hat sie ihm den Korb seines Lebens gegeben und seitdem missgönnt er auch jedem anderen diesen Ferrari in engen Jeans.

„Darf ich dich mal was fragen?“, frage ich nach einer Weile und senke meine Stimme so, dass bloß keiner mithören kann.

Ben beugt sich zu mir.

Ich räuspere mich. „Hast du hier einen richtigen Vertrag?“

„Einen Vertrag? Ja klar habe ich einen Vertrag“, lacht er, wobei sein Lachen einen Hauch zu bitter klingt.

Ich nicke und schaue resignierend auf den Tisch.

„Fragt sich nur, was für einen Vertrag“, sagt er genüsslich. „Nämlich einen Scheißvertrag! Die meisten kriegen hier Praktikantenverträge und eine Bezahlung unter aller Sau.“

„Du auch?“

„Natürlich. Du etwa nicht? Wir sind hier doch nur die Deppen.“

„Und ich hatte schon gedacht, ich bin der Einzige, der hier verarscht wird.“

„Keine Sorge, Hirni. Richtige Verträge mit entsprechender Bezahlung haben hier nur die wenigsten. Außer dem Chef nur der Hahn, die Dahlke und ein paar Idioten aus der IT.“

„Ist Danny Hahn denn nicht der Chef?“

„Ach woher? Der leitet hier den Vertrieb und akquiriert die meisten Kunden. Sozusagen unser oberster Klinkenputzer. Aber wirklich zu sagen hat der nichts. Hätte er nur gerne.“

Interessant! Fast so interessant wie der Auftritt von Whitney, mit der ich ja bereits ein anregendes Gespräch an Benjamins Grab hatte.

Mit ihrem Hintern drückt sie die Tür auf, um einhändig ein Tablett mit zwei Thermoskannen und mehreren Tassen, Untertassen, Löffeln, Zucker und Milch zu balancieren. In der anderen Hand hält sie ein schnurloses Telefon, ihr iPhone und eine Tüte Chupa-Chups-Lutscher. Sie wirkt für ihre Verhältnisse hochkonzentriert, da sie der Balanceakt offensichtlich nicht nur motorisch, sondern auch kräftemäßig maximal auslastet.

,Jetzt bloß nicht auf die Uhr gucken, Whitney‘, denke ich beschwörend.

Auch Ben verfolgt gespannt jede ihrer Bewegungen.

„Ein Zuckerstick mehr und der Arm bricht ab“, flüstert er mir zu.

Whitney ist inzwischen in leichter Not und das Tablett neigt sich merklich, aber keiner der Anwesenden greift ein und hilft. Als wäre das Schicksal ein Charakterschwein, beginnt nun zu allem Überfluss noch das Telefon zu piepen. In ihren Augen flackert die Panik und sie versucht tatsächlich, das Telefon in ihrer vollen Hand zu wenden, um den Anruf entgegenzunehmen. Wenn ihr das gelingt, ohne dass sie hier einen halben Polterabend vom Zaun bricht, ist sie definitiv reif für das Zirkusfestival von Monte Carlo oder wenigstens für ein Stipendium an der Artistenschule in Berlin. Warum nur kommt ihr denn keiner zu Hilfe? Sollte ich als Agentur-Novize etwa derjenige sein, der hier den Retter spielt?

Erneut scheint Ben meine Gedanken zu erraten, hebt beschwichtigend die Hand und flüstert: „Nichts machen, nur genießen.“