Moonborn - Das Licht der Dunkelheit - Tom Luca Fromm - E-Book

Moonborn - Das Licht der Dunkelheit E-Book

Tom Luca Fromm

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Beschreibung

Luna ist Teil des Ordens des Mondes, ein Orden in den Bergen Nam-Tans. Seine Mitglieder waren vom Mond auserwählt worden, die Magie des Mondes selbst tragen zu dürfen. Luna kam bereits in ihren ersten Tagen als Waise zum Orden und begann die Ausbildung zur Kriegerin. Bei der Zeremonie, in der Luna schließlich zur Kriegerin ernannt werden sollte, geht aber alles schief. Eine düstere Kraft macht sich in ihrem Inneren bemerkbar und lässt sie an sich selbst zweifeln. Der ganze Orden beginnt, sich gegen sie zu wenden. Zu allem Unglück breitet sich zusätzlich eine weitere düstere Macht im Land aus, die droht, Luna und alles Leben zu verschlingen...

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Seitenzahl: 849

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Luna ist Teil des Ordens des Mondes, ein Orden in den Bergen Nam-Tans. Seine Mitglieder waren vom Mond auserwählt worden, die Magie des Mondes selbst tragen zu dürfen. Luna kam bereits in ihren ersten Tagen als Waise zum Orden und begann die Ausbildung zur Kriegerin. Bei der Zeremonie, in der Luna schließlich zur Kriegerin ernannt werden sollte, geht aber alles schief. Eine düstere Kraft macht sich in ihrem Inneren bemerkbar und lässt sie an sich selbst zweifeln. Der ganze Orden beginnt, sich gegen sie zu wenden. Zu allem Unglück breitet sich zusätzlich eine weitere düstere Macht im Land aus, die droht, Luna und alles Leben zu verschlingen…

Tom Luca Fromm

Moonborn

Das Licht der Dunkelheit

Fantasy

Copyright © 2021 Tom Luca Fromm

Originalausgabe

Deutsche Erstausgabe Juni 2021

Autor: Tom Luca Fromm

Umschlaggestaltung: Cindy Uhlmann

Illustration der Karte: Tom Luca Fromm

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN 978-3-347-29995-5 (Paperback)

ISBN 978-3-347-29996-2 (Hardcover)

ISBN 978-3-347-29997-9 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

[Prolog]

hr wollt wirklich dorthin?«

Richard war alles andere als überzeugt von der überaus leichtsinnigen Idee seiner Freunde.

»Natürlich, was ist denn schon dabei. Kommst du mit uns oder bleibst du hier?«

Richard seufzte und blickte Matt in die Augen. Matt war ein Draufgänger. Das war er schon immer und das würde sich wohl auch nie ändern. Aber hoch ins Gebirge klettern und in die heulende Schlucht hinabsteigen? Das war purer Selbstmord. Jeder kannte die Geschichten der Leute, die nie wieder zurückkehrten. Jeder hatte von den Monstern und grauenhaften Kreaturen gehört, die aus der Gegend dieser Todesschlucht entsprungen sein sollen. Einige im Dorf erzählten sogar, sie hatten in der Vergangenheit schon einen Angriff dieser Monster überleben müssen. Aber Matt wollte nun einen Blick in diesen Todesschlund werfen. Richard konnte ihn verstehen, seine eigene Neugierde war mindestens genauso groß wie die seines Freundes. Aber war er wirklich bereit, sein Leben dafür aufs Spiel zu setzen?

»Komm schon Richard, was die Leute sich hier erzählen sind doch alles bloß Geschichten! Oder hast du schon einmal eines dieser Monster mit eigenen Augen gesehen?«

Lonn stieß ihm mit der Faust sachte gegen die Schulter und lachte. Er hatte Recht. Gesehen hatte Richard noch nie eines. Es konnten genauso gut nur dumme Schauergeschichten sein, welche die Alten den Kindern erzählten, damit sie artig waren. Dennoch wurde Richard das Gefühl nicht los, dass in diesen Geschichten ein Fünkchen Wahrheit steckte.

»Gib dir einen Ruck, Richie«, drängte ihn nun Drew, der letzte ihrer Vierergruppe. »Das wird sicher Spaß machen und wir werden schon in ein oder zwei Tagen zurück sein.«

Richard blickte seine Freunde einen nach dem anderen an. Alle waren sie bereits zwei Jahrzehnte alt - und doch noch Kinder. Aber er selbst war schließlich auch nicht besser. Er holte tief Luft, seufzte einmal laut und nickte schließlich langsam.

»Also gut, Männer«, sagte er und zuckte mit den Schultern, »sieht wohl so aus, als wäre ich dabei.«

Sofort jubelten die drei Kindsköpfe los und schlossen Richard in ihre Arme.

»Ich wusste du würdest ja sagen!«, behauptete Matt und machte wieder einen Schritt zurück. Richard sah ihm in die Augen und wartete darauf, dass er weitersprach. »Ich würde sagen: lasst uns unsere Ausrüstung holen und um Mittag treffen wir uns auf dem Marktplatz!«

Allgemein zustimmendes Gemurmel ertönte. Richard blieb stumm in Gedanken versunken.

»Bis später, Freunde!«, verabschiedete sich Matt und stapfte los in Richtung seiner kleinen Hütte. Richard und die anderen machten sich ebenfalls auf den Weg nach Hause, um alle nötigen Vorbereitungen zu treffen.

Gedankenverloren stapfte Richard durch das kleine Dorf zu seiner Hütte. Manchmal fragte er sich, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, aus den Wäldern Elderwheres in das Gebirge in Voxum zu ziehen. Hier schien alles trister und trostloser, als es in den Wäldern war. Das Land hier war kahl, der Boden um diese Jahreszeit gefroren, das Gras war zu Eis erstarrt, die Tiere mussten sogar im Stall noch frieren. Eisige Winde fegten über die Hügel aus gefrorener Erde und Grashalmen und heulten, wenn sie zwischen den überall herumliegenden Felsbrocken hindurchzischten.

Jedes Mal, wenn Richard all das hier hinterfragte, fiel ihm eine Sache wieder ein: die Minen. Deshalb war er hier. Er war hierhergekommen, um in den Minen arbeiten zu dürfen - und war angenommen worden. Als kleines Kind hatte er schon davon geträumt, untertags Gold, Eisen und andere wertvolle Mineralien aus den Bergen holen zu dürfen, genau wie sein Großvater es immer getan hatte. Früher hatte er ihm immer Geschichten davon erzählt. Und es bereitete Richard nun tatsächlich Spaß. Eine bessere Lebensaufgabe konnte er sich kaum vorstellen. Und nur aufgrund dieser Entscheidung hatte er seine Freunde hier kennengelernt. So falsch konnte es also gar nicht sein, nun hier zu leben.

In Gedanken bei der Packliste für ihre Expedition schloss Richard seine Haustür auf und begann, alle nötigen Gegenstände zusammenzupacken.

-----

Am Mittag fanden sich alle vier jungen Männer auf dem Marktplatz ein, allesamt bepackt mit einem großen Rucksack, ausreichend Proviant und allerlei Kletterutensilien. Immerhin hatten sie vor, ein Gebirge zu besteigen. Es gab zwar eine Art Trampelpfad zur weinenden Schlucht, aber auch dieser war gefährlich. Es konnte nicht schaden, sich ausreichend abzusichern.

»Also, Männer, seid ihr bereit?«, fragte Matt in die Runde und blickte einem nach dem anderen in die Augen.

»Eigentlich nicht, aber ich glaube das ist auch nichts neues«, erwiderte Richard trocken und die Gruppe lachte los. Das war genau ihr Humor.

»Na dann.«

Matt drehte sich immer noch kichernd um und schritt los. »Folget mir, meine Herren. Auf ins Land der unendlichen Möglichkeiten! Oder Gebirge. Oder so. Ihr wisst, was ich meine!«

Richard grinste und stapfte den anderen hinterher, auf in die Berge. Sie liefen weiter und weiter. Der Weg wurde immer steiler und steiler, die Spitzen der Berge schienen jedoch immer in derselben Entfernung zu verharren. Die Sonne wanderte langsam hinter das Gebirge und würde die vier Männer bald schon im Dunkeln zurücklassen. Sie schritten immer weiter den stetig enger werdenden, ungesicherten Weg hinauf. Sie stiegen über Geröll und kleine Dornenbüsche und ließen ihr Zuhause immer weiter hinter sich.

Ohne Zwischenfall erreichten sie ein kleines Plateau, auf dem sie zum ersten Mal Rast machten. Sie hatten bereits ein gutes Wegstück zurückgelegt, seitdem sie losgezogen waren. Gemeinsam setzten sie sich und aßen ein wenig, stärkten sich für den weiteren Weg. Die anfangs noch gerissenen Witze verstummten. Die meiste Zeit über schwiegen sie, um ihre Kräfte für den Aufstieg zu sparen.

Als alle zu Ende gegessen hatten, warteten sie ein wenig und unterhielten sich darüber, was sie wohl erwarten würde. Von einer wunderschönen, idyllischen Oase bis hin zu einer simplen Felsschlucht, durch die der Wind heulte, war jeder Vorschlag vertreten. Letztendlich wusste aber keiner von ihnen, was sie wirklich finden würden.

Schließlich standen sie gemeinsam wieder auf und setzten ihren Marsch fort. Die Sonne versteckte sich bereits westlich des Gebirges. Also packten sie alle ihre Fackeln aus, damit sie den Weg noch erkennen konnten und schritten weiter voran. Der schmale Pfad führte teilweise in den Felsen des Berges, wand sich um spitze Türmchen aus Steinen oder führte dicht am Abgrund entlang. Richard bildete das Ende der Vierergruppe, immer darauf bedacht, niemanden zu verlieren. Es wurde immer dunkler. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden schließlich vollständig hinter den Bergen. Richard musste sich anstrengen, die Augen offen zu halten, um sehen zu können. Eiskalte Winde fegten über den Weg hinweg und drohten, sie zu Eis erstarren zu lassen. Sie alle trugen dicke, warme Kleidung, die sie jedoch zeitgleich auch in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkte. Richard blickte auf den Boden, um zu sehen, wohin er trat. Sie kamen nur noch langsam voran, die Dunkelheit bremste sie immer weiter aus.

Plötzlich ertönte über ihnen ein leises Knacken. Richard drehte sofort seinen Kopf nach oben, konnte aber nichts erkennen. Das Knacken und Klackern hörten nicht mehr auf und wurden immer lauter.

»Leute?«, rief Richard nach vorn um den Wind zu übertönen. »Hört ihr das auch?«

Matt drehte sich um und blickte ihn an. Zumindest ließ das der schwache Schein seiner Fackel vermuten. Er hielt kurz inne, dann nickte er. Das Klackern wurde immer lauter, doch durch den dichten Nebel konnte keiner von ihnen einen Ursprung der Geräusche ausmachen. Plötzlich wurde Richard von etwas am Kopf getroffen. Ein kleiner Kiesel schlug auf seiner warmen Mütze auf, prallte ab und flog weiter in den Abgrund. Sein Herz blieb für einen Moment stehen, stolperte aber binnen Bruchteilen einer Sekunde wieder weiter. Ein Erdrutsch? Eine Steinlawine?

»Leute!«, schrie er und versuchte sie zu warnen, doch es war bereits zu spät. Eine gewaltige Lawine aus kantigen Steinen, riesigen Felsen und Geröll rutschte vor ihnen über den Weg und verfehlte sie nur knapp. Allesamt duckten sie sich und hielten die Hände über den Kopf, um sich vor den vereinzelten verirrten Steinchen zu schützen.

Doch auf einmal ertönte ein Schrei und Matt wurde von den Steinen mit in die Tiefe gerissen. Richards Puls schoss in die Höhe. Lonn sprang bereits nach vorn und versuchte, Matt noch zu erwischen. Adrenalin schoss durch Richards Adern, als sie alle nach vorne preschten, um Matt zu halten. Doch Lonn erreichte ihn nicht rechtzeitig. Matt rollte schreiend den Abhang hinunter und kurze Zeit später herrschte Totenstille.

Keine weiteren Steine rollten mehr hinab. Kein Matt schrie mehr. Keiner von ihnen sagte etwas. Das Einzige, das Richard hören konnte, waren sein eigener Herzschlag und das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Hatten sie gerade Matt verloren? Richard blickte Lonn und Drew in die Augen. Ihnen stand der Schock förmlich ins Gesicht geschrieben. Sie alle dachten dasselbe. Richards Herz pochte und drückte gegen seinen Brustkorb. Das beklemmende Gefühl schien ihn zerdrücken zu wollen. Doch plötzlich ertönte ein weiterer Schrei, der das Rauschen in Richards Ohren sogar noch übertönte.

»Leute?!«, ertönte Matts Stimme von unten. »Ihr werdet nicht glauben was ich gefunden habe!«

Ungläubig starrten sie alle drei über den Abhang nach unten, konnten jedoch durch den Nebel nichts erkennen.

»Matt?«, rief Richard nach unten und versuchte, seine Stimme zu lokalisieren.

»Rutscht langsam den Abhang hinunter, dort wo ich auch gefallen bin! Ihr müsst euch das hier ansehen!«

Vollkommen perplex starrten sich die drei an und schienen nicht verstehen zu können, was gerade passierte. Richard nahm schließlich all seinen Mut zusammen und begann, langsam auf den Abgrund zuzugehen und sich nach unten gleiten zu lassen. Der Abhang wurde immer flacher und nach kürzester Zeit fand er sich auf einem riesigen Plateau wieder, das ihnen durch den Nebel nicht sichtbar gewesen war. Matt stand in der Mitte und sprang auf ihn zu.

»Ich dachte ich würde sterben, Richard!«

Matt schloss ihn kurz in die Arme, bevor er sich den anderen beiden zuwandte, die auch gerade unten ankamen. Richards Gedanken kreisten noch wie verrückt. Sein Kopf kam auf die Situation nicht klar. Doch er gesellte sich zu seinen Freunden und erblickte, was Matt gefunden hatte. Vor ihnen befand sich ein halb verschütteter Torbogen. Die Rahmen waren in den Stein gehauen und schienen ein Muster aufzuweisen, das Richard nicht identifizieren konnte. Waren das etwa Schriftzeichen?

Vorsichtig machten die vier ein paar Schritte auf den Bogen zu und begutachteten ihn genau. Von einem Torbogen so weit oben hatte nie jemand etwas erzählt. Wo kam er her und was bedeutete das? Matt begann schließlich damit, einzelne Brocken vom Eingang zu entfernen.

»Helft mir mal, da drinnen können wir vielleicht die Nacht verbringen«, bat er die restliche Gruppe und warf einen schweren Felsbrocken über den Rand des Plateaus. Richard konnte hören, wie er den Hang hinunterrollte.

»Wir wissen doch nicht einmal, ob da drin vielleicht etwas lebt!«, stellte Richard verunsichert fest, packte jedoch auch mit an und räumte einige Felsen weg.

»Das stimmt«, gab Matt ihm Recht und beäugte den mittlerweile halbwegs freien Eingang, »aber hast du eine bessere Idee?«

Er blickte ihm entgegen und Richard wusste, dass dieser Torbogen ihre einzige Möglichkeit war, nachts nicht im eiskalten Wind zu erfrieren oder gar von einem weiteren Steinhagel getroffen zu werden. Langsam schüttelte er den Kopf.

»Siehst du? Ich nämlich auch nicht. Also, lasst uns da drin ein kleines Lager aufschlagen und eine Runde schlafen. Einer von uns kann immer wach bleiben, für den Notfall. Ich würde sagen, wir wechseln uns damit ab.«

Gemeinsam stellten sie binnen Sekunden einen Plan für die Nacht auf, gingen wenige Schritte durch den Torbogen und schlugen ihr Lager auf. Richard blickte den Gang entlang. Er schien endlos zu sein. Seine Wände waren von einem violett schimmernden Material durchdrungen, das den Gang sogar ausreichend erhellte, um sehen zu können, wohin man ging. Richard hatte noch nie ein solches Material gesehen. Und das, obwohl er in der Mine arbeitete. Staunend betrachtete er die Wände, ging auf eine zu und analysierte das Mineral. Wenn man es genau betrachtete, schien es zu pulsieren, als hätte es einen Herzschlag. Richard zog seinen Handschuh aus und strich mit den Fingern leicht über das violette Leuchtmedium. Es war kalt und fühlte sich an wie Glas oder Kristall. Die Steinwände um das seltsame Material herum waren grau und strahlten eine merkwürdige Wärme ab. So etwas eigenartiges hatten sie noch nie erlebt. Aber sie waren allesamt zu müde, um sich weiter darüber Gedanken zu machen. Richard übernahm die erste Wache, seine Freunde legten sich schlafen.

Alles blieb ruhig. Draußen heulte ganz leise der Wind, aus dem Inneren der Höhle schien ein warmer, schwacher Luftzug der Eiseskälte des Außenwindes entgegenwirken zu wollen. Richard verstand die Welt nicht mehr. Er wusste nicht, von was er hier umgeben war, oder was das zu bedeuten hatte. Er kannte weder den warmen Fels, noch das leuchtende Kristall.

Während er dort auf dem Boden saß und wartete, dachte er über all das nach. Versuchte, eine Lösung zu finden. Als Lonn ihn schließlich ablöste, hatte er noch immer keine gefunden und schlief gedankenverloren auf dem warmen, weichen Felsboden ein.

-----

Die Sonne musste wohl gerade die Berge im Osten erklimmen, da wurde Richard schon von Drew wachgerüttelt. Ihre Expedition musste fortgesetzt werden. Langsam wachten sie alle auf und aßen stumm eine Kleinigkeit. Sie fühlten sich unwohl und geborgen zugleich in dieser warmen, verrückten Höhle.

Nach ihrem Frühstück standen die vier Männer auf und machten sich auf den Weg tiefer in den Berg hinein. Einen Weg vom Plateau herunter gab es nicht, der Tunnel war also ihr einziger Ausweg. Es dauerte nicht lange, bis sie einen weiteren Torbogen erreichten. Dieser führte sie in einen weiteren Gang, jedoch war dieser nicht mehr nur in den Felsen geschlagen. Er bestand aus soliden Mauern. Die Ziegelsteine dafür schien man aus dem Felsen dieses Berges gefertigt zu haben. Sie waren vom selben Kristall durchzogen, die violetten Fäden waren nur um einiges dünner und feiner. Es kam ihnen beinahe so vor, als würde alles hier zu einer Art Kerker gehören.

Aus dem Tunnel, in dem sie nun umherirrten, führten ein paar weitere, befestigte Gänge immer tiefer in das Innere des Berges. Richard fand keine Worte für das, was sie hier gefunden hatten. Den Anderen schien es genauso zu ergehen. Keiner wusste, was er dazu sagen sollte. Schweigend und staunend wanderten sie planlos durch die hohen Gänge. Sie betrachteten die seltsamen Bilder und Apparaturen an den Wänden und liefen an Pflanzen vorbei, die zwischen den Ziegeln aus dem Boden oder den Wänden sprossen, oder in Töpfen angepflanzt waren. Es schien beinahe so, als wäre dieses Gewölbe seit hunderten von Jahren verlassen. Kein Lebewesen schien hier unten zu existieren. Nicht einmal eine kleine Ratte.

Nach einiger Zeit des Herumirrens fanden die vier schließlich einen etwas größeren Raum, den sie näher begutachten wollten. Mitten im Inneren stand ein Hocker aus Metall, eine Wand bestand aus eigenartigen Apparaturen und Mechanismen. über dem Hocker hingen einige brutal aussehende Werkzeuge herab, in einer Ecke stand eine riesige Wanne herum. Richard war sich sicher, dass hier früher Gefangene gefoltert worden sein mussten. Er konnte nur nicht so recht einordnen, was es mit all den Mechanismen und Hebeln auf sich hatte. Er kannte diese Technik nicht. Wofür sie hier tief unten im Berg in einem riesigen Labyrinth aus Gängen wohl gebraucht wurde?

»Leute?«, wandte sich Richard an die Gruppe, die gesamte Aufmerksamkeit zog aber sofort Drew im Nebenraum auf sich, der alle herbeirief.

»Männer, das müsst ihr euch unbedingt anschauen! Ich glaube, wir haben die schreiende Schlucht gefunden!«

Sofort strömten alle wieder auf den Gang und in das Zimmer, aus dem Drew gerufen hatte. Ihr Freund stand vor einer gewaltigen Glasfront, die sich über ein paar Schritte entlang einer gewaltigen Schlucht zu erstrecken schien. Das Glas bot einen perfekten Blick auf die riesigen Felswände gegenüber. Richard kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. War das etwa wirklich die heulende Schlucht?

Alle vier Männer klebten förmlich an der Glasscheibe und starrten die riesigen Felswände an. Ihre Blicke wanderten hoch bis zu dem vergleichsweise schmalen, aber überaus langen Riss in der Oberfläche der Erde, der sich weit über ihnen erstreckte. Sie befanden sich am Boden der Schlucht. Links von ihnen führte eine Treppe zu einer schweren, dicken Tür aus solidem Metall, die sie von der Schlucht trennte. Matt schritt die Treppe hinunter und versuchte, die Tür zu öffnen.

»Richard, hilf mir mal«, bat er schließlich, als die Tür sich kein bisschen bewegen wollte. Richard eilte die Treppenstufen nach unten, dicht gefolgt von Lonn und Drew. Zu viert stemmten sie sich gegen die gewaltige Tür, drückten die Klinke nach unten und versuchten, sich den Weg in die Schlucht freizumachen.

Plötzlich schwang die Tür mit einem Ruck nach außen auf und die vier stolperten aus dem Kerker nach draußen. Sie hatten den Boden der Heulenden Schlucht erreicht. Sofort drang ein ohrenbetäubender Lärm an ihre Ohren. Es war, als würden tausende Kranke und Sterbende stöhnen, als würden Kinder schreien und verstorbene Weinen. Die Schreie wurden mal lauter, mal leiser, verstummten und brachen dann mit noch größerem Ansturm wieder auf die Gruppe herein. Die heulende Schlucht. Nun wussten sie um die Herkunft des Namens.

Es war grauenhaft. Richard wollte sich in diesem Moment am liebsten selbst von einem hohen Felsen stürzen. Das Gestöhne und Gemurmel zerrten an seinen Nerven, zogen seinen Verstand an den Rand des Wahnsinns. Vorsichtig blickten sie sich dennoch um und sogen jeden Sinneseindruck tief in sich auf, um später alles haargenau wiedergeben zu können.

Auf einmal stolperte Richard über etwas und konnte seinen Sturz gerade noch so verhindern. Er blickte nach unten auf den Boden und zuckte bei dem Anblick, der sich ihm bot, erschrocken zusammen. Er war direkt über ein menschliches Skelett gestolpert. Die einzelnen Rippen hatten ihn beinahe zum Fallen gebracht. Der Kopf starrte ihm direkt von unten in die Augen und schien seine Seele aus ihm heraussaugen zu wollen. Richard erschien es beinahe so, als würde der Schädel ihm etwas sagen wollen, als würde sein Kiefer sich bewegen, doch er verwarf diesen Gedanken blitzschnell wieder. Die vielen Winde, die nach Heulen und Stöhnen klangen, verdrehten ihm die Sinne. Hastig schloss er wieder zu der Gruppe auf und stapfte ihnen vorsichtig hinterher. Ihm fielen die zahlreichen Skelette auf dem Boden auf. Teilweise hingen an den Knochen noch Kleidungsfetzen oder Überreste von Fleisch. Richard musste aufpassen, sich nicht zu übergeben. Den Anderen schien es ähnlich zu ergehen. Hunderte, wenn nicht tausende Skelette lagen überall verstreut herum, teilweise am Stück, teilweise durcheinander gewürfelt, manche waren nicht einmal menschlich.

Matt stapfte immer weiter voran, bis sie auf einmal einen Abgrund am Ende der Schlucht erreicht hatten. Hier ging es nicht mehr weiter. Richard warf einen vorsichtigen Blick über die Kante und hinab in das tiefe, dunkle Loch. Er konnte nichts außer Dunkelheit erkennen.

»Was denkt ihr ist da unten wohl?«, fragte er in die Gruppe, löste seinen Blick aber nicht von der Schwärze des Abgrunds und des niemals endenden Nichts.

»Wer weiß, vielleicht sind dort ja die ganzen Monster?«, versuchte Drew zu scherzen und erntete dafür nichts als böse Blicke. »Ist ja gut, tut mir leid«.

»Vielleicht ein weiteres Höhlensystem mit einer riesigen Stadt?«, überlegte Matt und kramte in seinem Rucksack herum. »Ich meine, wenn wir hier schon so ein Gewölbe aus Treppen, Gängen und Räumen finden, muss hier ja irgendwo jemand auch gelebt haben.«

Richard nickte zustimmend, während Matt sich wieder vom Boden erhob.

»Oder es ist einfach nur eine tiefe, dunkle Höhle, in die niemals auch nur ein Lichtstrahl gelangen wird«, überlegte Lonn während er sich vorsichtig einen Schritt von den Knochen neben ihm entfernte.

»Ich würde sagen, bringen wir mal den ersten Lichtstrahl dort unten hin«, schlug Matt vor und hielt eine Fackel in die Höhe, die sie in der Mine immer benutzten, um die Tiefe von Löchern in den Schächten herauszufinden. Man zündete sie an und warf sie nach unten, zählte die Sekunden bis zu ihrem Aufprall und konnte dann in etwa sagen, wie tief das Loch war. Richard fragte lieber nicht nach, warum Matt eine solche Fackel aus der Mine hatte mitgehen lassen. Stattdessen reichte er ihm sein Feuerzeug und Matt zündete die Fackel an.

»Also, mein Freund, enthülle, was dort unten ist.«

Und dann ließ er die Fackel fallen. Schlagartig verstummte das Geheule. Die Fackel fiel in das Loch hinein und alle warteten gespannt darauf, dass etwas passierte. Matt schien in Gedanken die Sekunden bis zum Aufprall zu zählen. Richard achtete nur darauf, etwas sehen zu können. Die Fackel fiel und fiel immer weiter, wurde immer kleiner. Sie war schon sehr tief gefallen und wurde noch immer nicht aufgehalten. Richard kniff die Augen zusammen und starrte dem mittlerweile viel zu winzigen Lichtpunkt hinterher. Doch schließlich verschwand er. Er wurde von der vollkommenen Dunkelheit einfach verschluckt. Ungläubig starrte Richard in die tiefe Dunkelheit. Matt unterdessen trat verwirrt von der Kante zurück und starrte verwirrt seine Freunde an.

»Ist sie…«

Er schluckte kurz, bevor er weitersprach.

»Ist sie gerade einfach verschwunden?«

Drew nickte zustimmend, Lonn entfernte sich langsam rückwärts vom Abgrund.

»Ich glaube, wir können sie einfach nur nicht mehr sehen, weil sie so tief gefallen ist«, versuchte Drew eine beruhigende Erklärung zu finden, verunsicherte sich selbst aber nur noch weiter. Irgendetwas stimmte hier nicht. Und zwar ganz gewaltig. Richard kniff die Augen noch weiter zusammen und blickte stur weiter in den Abgrund. Die Dunkelheit schien sich zu bewegen und schien zu pulsieren zu beginnen.

»Leute?«, fragte er leise, wurde jedoch von der Diskussion seiner drei Freunde übertönt. Das Pulsieren begann stärker zu werden. Bildete er sich das etwa nur ein?

»Leute!«, rief er seinen Freunden zu, doch sie überhörten ihn immer noch. Lautstark diskutierten sie über die Fackel und was mit ihr geschehen war, versuchten rationale Erklärungen zu finden. Das Pulsieren wurde immer intensiver. Es konnte einfach keine Einbildung sein. Die Dunkelheit schien herumzuwabern, schien sich zu bewegen, sich selbständig zu machen.

»Leute!«, schrie Richard die drei Diskussionspartner an und sofort drehten sie sich erschrocken zu ihm um. »Seht nur.«

Richard deutete in den Abgrund hinab und alle liefen wieder zur Kante zurück, um sehen zu können, was Richard entdeckt hatte. Sprachlos starrten sie in das tiefe Nichts nach unten und betrachteten das pulsierende Wellennetz aus Dunkelheit. Die Wellen schlugen immer höher, erreichten unvorstellbare Größen und schlugen immer weiter aus. Richards Herzschlag beschleunigte sich. Sein Körper bereitete sich auf eine Flucht vor. Was geschah dort unten nur?

Der Puls der Dunkelheit beschleunigte sich beinahe ins Unendliche, wurde immer schneller und plötzlich brach die Dunkelheit auseinander. Ein riesiges, klaffendes Loch tat sich auf, die Ränder erstrahlten in violetten Fasern und Brocken. Auch der letzte Windhauch verstummte nun. Die Luft schien zu stehen, die Zeit war wie angehalten. Die violetten Ränder des klaffenden Loches im Schatten pulsierten wie im Rhythmus eines Herzschlags und ermöglichten den Blick auf die pure Finsternis. Das Loch schien jegliches Licht in sich aufsaugen zu wollen, schien alles Erleuchtete zu verschlingen. Richard kam es so vor, als würde es auch an ihm zerren, als würde er einfach davon angezogen werden. Die Totenstille breitete sich immer weiter über die Schlucht aus. Keiner konnte seinen Blick mehr von dem klaffenden Riss im Schatten lösen. Es war fast so, als würde der Schatten zerreißen und Platz für die endlose, gähnende Leere machen. Die pulsierenden Ränder trennten die eine von der anderen Welt, schienen wie eine Art Grenze.

Plötzlich zog sich der klaffende Spalt aus Leere zusammen, und spitzte sich zu, als würde er etwas ausspucken wollen. Bruchteile einer Sekunde vergingen, bis ein violetter Feuerball aus der Mitte der Leere geschossen wurde und rasend schnell in die Höhe flog. Die klaffende Wunde im Schatten entspannte sich wieder, die Wogen glätteten sich. Doch der violette Ball aus purer Energie schoss stetig weiter nach oben. Im Flug wandelte er seine Gestalt, schien wie ein wabernder Klumpen aus Schleim und Feuer.

Richard gefror das Blut in den Adern. Das Adrenalin konnte seine Wirkung nicht mehr entfalten, seine Gliedmaßen waren wie gelähmt. Er konnte nur noch diese Energiewolke anstarren, seinen Blick nicht mehr davon lösen. Die Wolke nahm langsam eine Gestalt an und verlangsamte ihre Geschwindigkeit, je näher sie ihnen kam. Richards Herz versuchte krampfhaft, seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Es versuchte, die Angst durch seine Gliedmaßen zu jagen und ihn zum Fliehen zu bringen. Doch er war nicht mehr der Herr seines Körpers. Die violette Wolke kam auf einmal direkt vor ihnen über dem Loch zum Stillstand und blieb wie in der Luft klebend an Ort und Stelle schweben. Doch es war keine Wolke und kein Energieball mehr.

Das merkwürdige Ding aus dem klaffenden Spalt hatte Gestalt angenommen. Die Gestalt einer Frau. Klein, zierlich, dünn. Ihre Haare waren lang und schwarz, wie die Dunkelheit, aus der sie gekommen war. Ihre Haut war blass, als hätte sie nie in ihrem Leben das Licht der Sonne erblickt. Sie trug kaum Kleidung. Ein Fetzen aus violett pulsierendem Stoff bedeckte ihre Hüfte und ein weiterer nur spärlich ihre Brust. Langsam schlug sie die Augen auf. Ihre wunderschönen langen Wimpern glänzten im violetten Licht ihrer pulsierenden Kleidung. Ihr Blick schien Richard die Seele aus dem Leib zu zerren, ihre Augen waren gefärbt in einzigartigem Orange. Ihre feinen Gesichtszüge machten sie unglaublich attraktiv, ihre Ausstrahlung zog jeden einzelnen der vier jungen Männer wie magisch an.

Richards Gedanken waren wie weggeblasen. Er konnte nicht mehr klar denken. Die junge Frau füllte seinen gesamten Kopf aus. Ein wenig verlegen schien sie dort vor ihnen in der Luft zu schweben, sich ein wenig dafür zu schämen, wie sie vor ihnen auftrat.

Plötzlich begann langsam ihre Kleidung zu sprießen, als wären es Pflanzen, die sich um ihren Körper rankten. Der Stofffetzen um ihre Brust wanderte und verwuchs zu einem ansehnlichen Oberteil, ließ jedoch Bauch und Schultern, sowie Dekolleté frei. Der Stofffetzen um ihre Hüfte verzweigte sich, schien einzelne Ranken über ihren Bauch zu entwickeln, wand sich ein Stück weit an ihren Beinen nach unten, verwuchs eng an ihnen, bildete langsam einen knielangen Rock. Wie gebannt starrte Richard auf die Evolution ihrer Körperbedeckung, sein Geist nach wie vor ausgefüllt von nichts als der wunderschönen Dame.

Als die in allen möglichen Violetttönen leuchtenden und pulsierenden Ranken zum Stillstand kamen, färbten sie sich zu einem tiefen Schwarz. Die junge Frau bewegte sich elegant auf den Rand des Abgrunds zu. Ihre Füße setzten langsam und sanft auf dem Boden auf. Leichtfüßig machte sie ein paar Schritte im Kreis und freute sich wie ein kleines Kind. Wer war diese Frau? Und wie war das möglich? Richards Gedanken kamen nach und nach zurück. Träumte er etwa?

Die anderen drei jungen Männer starrten die junge, hübsche Frau mit geöffnetem Mund an. Auch sie konnten nicht glauben, was gerade passiert war. Doch Drew schüttelte kurzerhand den Kopf, als wolle er Platz für seine Gedanken machen, dann trat er ein paar Schritte auf die seltsame Frau zu. Richard konnte ihr Alter nicht schätzen. Sie könnte so alt wie er sein, aber genauso gut auch jünger oder bereits über 30 Jahre alt. Etwas an ihrer Ausstrahlung verzauberte und verwirrte ihn. Sie schien beinahe zu perfekt.

»Ich…«

Drew musste sich einmal räuspern. Sein Mund musste wohl vom zu langen Starren ausgetrocknet sein. »Ich bin Drew. Was…«

Drew wurde jäh von der anmutigen Frau unterbrochen, die sofort auf ihn zu ging und flink um ihn herumlief.

»Drew…«, sprach sie mit geheimnisvoller Stimme.

»Du riechst sehr angenehm«, stellte sie fest, stellte sich auf die Zehenspitzen, drückte seinen Kopf nach unten und steckte ihre Nase in seine Haare.

»Zum Fressen gut…«

Plötzlich griff sie grob mit ihrer linken Hand in Drews Haare, riss seinen Kopf nach hinten und packte seinen Hals. Richards Puls schoss augenblicklich wieder in die Höhe. Adrenalin flutete seine Adern, seine Augen konnten kaum glauben, was sie gerade erblickten. Wie erstarrt konnte er nicht anders, als der Frau zuzusehen. Ihre rechte Hand quetschte Drews Hals zusammen und verwehrte ihm die Luft zum Atmen. Seine Hände zuckten nur leicht, als könne er sie nicht bewegen, als sei er gelähmt. Die Gesichtszüge der jungen Frau verzogen sich zu einem hämischen Grinsen, ihre Lippen entblößten ihre Eckzähne, so spitz wie Nadeln. Ihre rechte Hand lies von Drews Hals ab, wanderte zärtlich zu seiner Brust hinunter, strich sanft über seinen Oberkörper. Richard konnte sich nicht von der Stelle rühren. Er war wie festgewachsen.

»Hab keine Angst, Drew«, sprach sie mit sanfter Stimme auf Richards Freund ein. »Dir wird nichts passieren. Alles wird gut, du wirst sehen.«

Drews Körper entspannte sich augenblicklich. Seine Arme hingen nur noch schlaff herunter. Er wehrte sich nicht mehr. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, seine Augen schlossen sich langsam. Leise formten seine Lippen die Worte »Alles gut« immer und immer wieder. Die drei anderen standen entsetzt daneben und beobachteten ihren Freund. Keiner war in der Lage, wegzulaufen oder ihm zu Hilfe zu kommen. Die junge Frau strich weiter zärtlich mit der Handfläche über seine Brust, bis sie schließlich an einer Stelle verharrte.

»Zum Fressen gern!«, wiederholte sie, nahm die Hand ruckartig von seinem Körper und stieß sie mit Schwung direkt in seine Brust hinein. Ihre Finger glitten durch seine Haut und sein Fleisch wie ein Messer durch Butter. Blut spritzte aus seinem Körper und befleckte den Boden und den Körper der Verrückten. Ein irres Lachen entfuhr ihrem Mund und ihr Körper bebte im Rhythmus ihrer Freude.

Schlagartig begannen das Heulen und Stöhnen wieder, wurden lauter und lauter und schienen Richards Trommelfelle zum Platzen bringen zu wollen. Die junge Frau wühlte in Drews Oberkörper herum, verteilte überall sein Blut, griff nach etwas und riss es heraus.

Es war sein Herz.

Ohne zu zögern biss sie hinein. Blut quoll aus dem lebenswichtigen Organ, das noch immer im ruhigen Puls eines schlafenden Schlug. Mit wenigen Bissen hatte sie das Herz verschlungen und widmete sich wieder Drews Körper. Massenweise Blut trat aus dem riesigen Loch in seiner Brust, floss an den Armen der jungen Frau nach unten und sammelte sich in einer Lache am Boden. Energisch biss die Frau in den Hals des leblosen Körpers und riss ein gewaltiges Stück daraus heraus. Richard konnte nicht mehr zusehen. Sein Herz wollte genauso sehr fliehen wie er. Sein Körper begann, ihm wieder zu gehorchen. Ohne einen weiteren Moment zu zögern warf er seinen Rucksack zur Seite sprang zu seinen beiden lebenden Freunden und riss sie an ihren Armen mit.

»LAUFT!«, brüllte er einfach nur und zog die beiden mit sich. Hinter ihnen ertönte das schrille, grausige Lachen der jungen Frau, welches sogar das Heulen und Stöhnen der Schlucht übertönte.

»Lauft nur, ihr Narren! Ich werde euch finden und ich werde euch dasselbe Glück wie eurem Freund Drew zuteilwerden lassen!«, rief sie ihnen seelenruhig hinterher, bevor sie sich wieder genüsslich daran machte, Drews leblosen Körper auszusaugen und zu verunstalten.

Richard ignorierte ihre Worte. Matt und Lonn liefen ihm mittlerweile eigenständig hinterher. Doch Lonn stolperte plötzlich und rollte über den Boden. Etwas hatte nach seinem Bein gegriffen. Es zog sich langsam immer näher zu ihm. Es war eines der Skelette, die überall auf dem Boden verteilt herumlagen. Jedes einzelne von ihnen begann, sich zu bewegen.

»Lonn!«, rief Richard und rannte zurück, doch es war zu spät. Noch bevor Lonn etwas sagen konnte, riss ihn das Skelett bereits in zwei Hälften, trennte ihn genau in der Mitte durch. Blut spritzte auf den Boden, sammelte sich in Bächen und floss zu einem stetig größer werdenden See zusammen. Richard drehte auf der Stelle wieder um. Der Bach aus Blut schien ihm hinterherzueilen. Matt war nur wenige Schritte vor ihm und steuerte die Tür an, aus der sie gekommen waren.

Das Blut auf dem Boden kam nicht mehr weiter. Richard warf einen Blick über seine Schulter und ein letztes Mal erblickte er seine beiden Freunde. Beide lagen sie leblos am Boden. Die vollkommen verrückte, junge Frau stand merkwürdig schief neben dem, was von Drews Körper noch übrig war und starrte Richard genau in die Augen. Er wusste, dass sie grinste. Er konnte es spüren. Und er wusste genau, dass sie ihn im Visier hatte. Blitzschnell rasten Matt und er durch die noch geöffnete Stahltür und versuchten, diese zu schließen. Doch sie schien von einer unsichtbaren Macht festgehalten zu werden. Richard stemmte seine Beine mit voller Kraft in den Boden und zog an der Tür. Matt gab sein bestes, die Tür zu drücken.

Doch plötzlich bewegte sie sich mit einem kräftigen Ruck und fiel ins Schloss. Die Wucht der Bewegung schleuderte Richard gegen die Wand im Inneren und benebelte seine Sinne. Matt war noch dort draußen. Matt! Die Angst um seinen letzten Freund ließ ihn wieder einen klaren Gedanken fassen. Sofort eilte Richard die Treppenstufen hinauf und blickte zur Glasscheibe hinaus. Matt war verschwunden. Er konnte ihn nirgendwo erblicken. Die Schlucht schien wie leergefegt, als wäre dort nie etwas passiert. Doch ein Blick nach links zeigte Richard, dass alles passiert war. Lonns lebloser Körper lag auf den zackigen Felsen. Wo war Drew? Richards Gedanken rasten. Er musste etwas tun. Er musste einen Ausweg finden.

Plötzlich schoss etwas mit hoher Geschwindigkeit gegen die mehrere handbreit dicke Glasscheibe. Richard zuckte augenblicklich zusammen, hob die Arme zum Schutz nach oben und fiel rückwärts zu Boden. Sofort ertönte ein schmatzendes Geräusch. Blut spritzte über die Scheibe und Gedärme rutschten langsam an der Front hinunter. Das musste Drew gewesen sein.

Richard befand sich in einem Schockzustand. Aus dem Augenwinkel konnte er die junge Frau erkennen, wie sie lachend und kichernd mitten in der Luft schwebte. Aus ihrem Rücken waren Flügel gewachsen. Federn so schwarz wie die Nacht, so dunkel wie die Ranken, die ihre Kleidung gebildet hatten. In einer Hand hielt sie Matts abgetrennten Kopf. Richard konnte ihr Kichern förmlich durch die Scheibe hören. Es war, als wäre es in ihm. Das Geräusch zerrte an seinem Verstand, verzehrte seine Gedanken. Er musste überleben! Er war der letzte. Er wäre als nächstes dran.

Hastig stand er auf, drehte sich auf dem Absatz um und rannte los. Ein weiterer Knall ertönte und erneut wurde etwas gegen die Scheibe geschleudert. Doch diesmal endete der dumpfe Knall gefolgt vom klirrenden Splittern des Glases. Millionen von Glasfragmenten schossen durch die Luft und hagelten auf Richard nieder. Einige davon trafen genau in seinen Rücken, machten ihn bewegungsunfähig, lähmten seinen gesamten Körper. Er konnte sich nicht mehr rühren, seine Gedanken waren gefüllt von kreischendem Schmerz. Das Heulen und Stöhnen der Schlucht drangen erneut an seine Ohren und zerrten an ihm, wie dutzende kleine Hände.

Er war nahe am Rand zur Verzweiflung. Er hatte keine Chance mehr. Er war geliefert. Sein Herz schien förmlich aus seiner Brust herauszubrechen, seine Gedanken waren überall im Raum verstreut. Langsam kam die blutverschmierte Frau in den Raum geflogen und landete sanft, wie auf Samt. Ihre Flügel entwickelten sich langsam zurück und verschwanden in ihrem Körper. Ihre stechenden Augen fokussierten genau die von Richard, fanden seinen Blick und zogen ihn in ihren Bann.

Augenblicklich war alles gedämpft. Die Schreie und das Stöhnen verschwanden beinah vollständig unter der Aura der wunderschönen Gestalt, die langsam auf ihn zukam. Alles schien auf einmal wieder schön und normal. Die anmutige Frau trat vorsichtig auf Richard zu und kniete zu ihm nieder. Ihr Blick versprach Besorgnis und Fürsorge, erfüllte ihn mit einem wohltuenden Gefühl. Richard entspannte sich. Er fühlte sich sicher und geborgen. Sein Geist war wie benebelt von der Ausstrahlung der jungen Frau, die sanft auf ihn einzureden schien, während sie sich an die Wand setzte und seinen Körper vor ihren zog. Vorsichtig legte sie Richard zwischen ihren Beinen ab, riss ihm die Kleidung vom Oberkörper und zog die Glassplitter aus seinem Rücken. Sie strich dabei sanft mit einer Hand über seine Haut. Langsam lehnte sie seinen Rücken an ihre Brust, legte beide Arme um ihn und streichelte sanft seine Muskeln. Ihre Haare hingen in Richards Gesicht hinein. Sie dufteten sanft nach Lilien und einem Hauch Lavendel. Ihre zarten, weichen Hände wanderten immer weiter nach unten, bis sie schließlich seine Lenden erreichten. Ihre Finger begannen sanft und angenehm ein Loch in Richards Bauch zu bohren. Beruhigend warmes Blut quoll aus der Öffnung, floss über die Hand der Frau und tropfte sanft auf den Boden. Vorsichtig und langsam arbeiteten sich ihre Finger immer weiter voran. Richard verliebte sich langsam in das Gefühl, das sie ihm gab, als sie in das Innere seines Körpers vordrang. Sein Geist war seelenruhig und er verspürte nichts als vollkommenes Glück.

Die Hand in seinem Inneren glitt immer weiter nach oben. Gewaltige Mengen des roten Glücks tropften auf den Boden, zogen in seine Kleidung ein, benetzten die sanfte und weiche Haut der wunderschönen, jungen Frau. Richard konnte spüren, wie ihre Hand seine Lunge erreichte und sanft darüberstrich, bevor sie weiter nach oben glitt und nach seinem Herzen griff. Ihre andere Hand streichelte ihn weiterhin ununterbrochen, während die Frau ihre Hand um sein Herz legte und langsam darüberstrich. In einem letzten Moment wurde Richard ein letztes Mal vom vollkommenen Glück erfüllt, bevor die junge, wunderschöne Frau schließlich sein Herz aus seinem Körper riss.

Der Boden färbte sich zunehmend rot, der Körper in ihren Armen erschlaffte. Die Frau nahm die zweite Hand auch von Richards Körper und biss genüsslich in sein Herz hinein, bevor sie sich aufrichtete und verrückt zu grinsen begann. Ihr Blick richtete sich langsam auf den langen Spalt der Schlucht ins Freie und sofort sprossen wieder Flügel aus dem Rücken der jungen Frau.

Matts kopfloser Körper lag reglos auf dem Boden. Drews Eingeweide lagen zwischen den Glassplittern herum. Lonns Hälften bluteten langsam aus und benetzten den felsigen Boden mit roter, warmer Flüssigkeit. Langsam setzte die wunderschöne Frau sich in Bewegung.

»Ich bin zurück, oh ihr Kreaturen dieser Welt! Ihr konntet mich nicht für immer wegsperren«, sprach sie leise und stieß hinauf in den Himmel der Nacht.

[1]

ubelrufe, lautes Klatschen und Getöse rollten durch die gigantische Halle. Der Lärm war so laut, dass man denken konnte, die majestätisch verzierten, riesigen Säulen könnten unter dem enormen Druck des Schalls zerbersten und auseinanderbrechen. Laute Paukenschläge füllten die gigantische, in den Fels geschlagenen Halle, als die zukünftigen Kriegerinnen durch die Menge nach vorn zu dem pompösen Altar geführt wurden, eine jede von ihrer Lehrmeisterin begleitet. Die Anwohner der umliegenden Städte und Dörfer jubelten ihnen zu, riefen aufmunternde Zusprüche, bedankten sich für den Schutz und zeigten ihre Unterstützung bei dieser Zeremonie.

Gemeinsam traten die fünf Schülerinnen an der Seite ihrer jeweiligen Lehrmeisterin durch die turmhohe Eingangspforte. Die Flügeltüren waren sperrangelweit geöffnet worden. Das durchdringende Licht des Vollmondes tauchte den gigantischen Saal, die Menschenmenge und die Schwestern des Mondes in ein helles, weiches Licht. Die gesamte Halle war mit Fackeln und Öllampen bestückt, welche die dunklen Ecken in ein angenehmes Licht hüllten. Vorn am Altar wartete bereits die Älteste, blickte den jungen Damen grinsend entgegen und wartete auf das Ende der Paukenschläge. Ein schallender Gong ertönte und sofort verstummten die Trommelwirbel. Schlagartig kehrte Ruhe ein. Jeder einzelne Anwesende hielt förmlich den Atem an. Alle warteten auf den Beginn der Zeremonie.

»Luna?«

Ihre Meisterin sah sie aufmunternd und mit einem Lächeln auf dem Gesicht an. Luna wandte ihr den Kopf zu und blickte ihr tief in die Augen.

»Du weißt, was wir besprochen haben. Bleib einfach ruhig, es kann nichts schief gehen. Wir laufen gemeinsam nach vorn, stellen uns auf und sobald du an der Reihe bist trittst du zum Altar, um dein Amulett in den Mondstrahl zu legen.«

Ihre lächelnden Augen drangen tief in Lunas Verstand vor, beruhigten sie von innen heraus und schienen ihr jegliche Nervosität zu nehmen. Stattdessen machte sich eine wohltuende Sicherheit in Lunas Brust breit und verdrängte das beklemmende Gefühl und die Angst. Sie kannte den Ablauf. Sie wusste genau, was passieren würde. Sie würde das hinbekommen, immerhin war sie bestens auf diesen Augenblick vorbereitet worden.

Vorsichtig legte Luna die rechte Hand über das mondlichtfarbene Amulett an ihrem Hals. Der einst vollständig durchsichtige Kristall hatte sich bis zum Rand mit einer mondlichtfarbenen Flüssigkeit gefüllt. Das Zeichen dafür, dass sie bereit war, die Zeremonie zu durchlaufen. Das Zeichen dafür, dass sie bereit war, eine Kriegerin zu werden. Dass sie soweit war, den Orden des Mondes mitsamt all seinen Schwestern, seiner Meister und seiner Schülerinnen, sowie alle naheliegenden Städte und Dörfer gegen jegliche böse Präsenz zu verteidigen, die dort draußen existierte. Nach dem Ende der Zeremonie würde es ihre Aufgabe sein, zu wachen und zu schützen. Sie konnte es kaum erwarten.

Die Stille wurde elegant von einem rhythmischen Trommeln hinfort geweht, als die Paukenschläge langsam wieder einsetzten. Gleichmäßig und in langen Abständen schlugen die Trommler auf das Leder der Pauken. Die satten Klänge der Instrumente erfüllten den gigantischen Saal, prallten von den Wänden ab und wurden in der Tiefe der Nacht verschluckt. Ein Chor aus Frauen summte melodisch zu dem Rhythmus der Trommeln. Es klang so atmosphärisch, dass Luna ein Schauer über den Rücken jagte.

Ein seltsames Gefühl kroch unter ihre Haut und stellte die Härchen auf ihren Armen zu Bergen. Die mystische Stimmung der Zeremonie gab ihr ein eigenartiges Gefühl, das auf eine merkwürdige Art und Weise unglaublich angenehm war. Langsam setzten sich die vier Schülerinnen vor ihr in Bewegung und Schritten die wenigen Stufen zum Altar hinauf. Die Meister blieben vor dem Treppenabsatz stehen. Ihre Schülerinnen wurden jetzt zu Kriegern. Sie brauchten keine leitende Hand mehr, die ihnen zeigte, wohin; die sie lehrte, was sie wissen sollten. Sie waren jetzt bereit. Bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Luna stellte sich als letzte neben den anderen vier baldigen Kriegerinnen auf und wandte ihren Blick den ganzen Leuten zu, die gebannt darauf warteten, dass die Älteste das Wort ergriff. Keiner von ihnen machte auch nur einen Mucks. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Allesamt schwiegen sie und starrten angespannt und erwartungsvoll die fünf Mädchen auf der untersten Stufe zum Altar an.

Lunas Handflächen wurden feucht. Ihre Lehrmeisterin stand mit den anderen ein wenig abseits, doch Luna konnte ihre Präsenz wahrnehmen, spürte ihre Unterstützung. Die zuvor verflogene Nervosität kehrte in kleinen Schüben zurück, auch wenn Luna genau wusste, dass sie keine Angst zu haben brauchte. Sie würde das schon irgendwie hinbekommen. Sie hatten das oft genug durchgespielt. Lunas Herz begann immer stärker zu schlagen und pochte gegen ihre Rippen. Ihr kam es so vor, als plane es, bald durch die Schichten aus dem dünnen, blauen Stoff auf ihrer Brust hinaus in die Freiheit zu springen und davonzurennen. Ihr Mund wurde trocken. Sie war doch nervöser, als sie dachte. Das war das Problem. Sie dachte zu viel.

Luna warf einen vorsichtigen Blick auf das kleine, runde Fenster über den riesigen Flügeltüren, die gespickt waren mit mondlichtfarbenen Steinen. Das Mondlicht bündelte sich in der Mitte des runden Fensters und fiel genau in das Zentrum des Altars, das eine kleine Mulde bildete. Dort sollte sie ihr Amulett in den dunkelgrauen Stein des Schreins legen. Dort würde sie als letzte der fünf das Schmuckstück hineinlegen und den Wandlungsprozess durchlaufen. Den Prozess, bei dem ihr dieselbe Macht zu Teil wurde, wie sie alle der Kriegerinnen bereits erhalten hatten.

»Meine lieben Kinder«, ergriff die Älteste das Wort und Luna huschte ein weiterer Schauer über den Rücken, als ihre vom Alter geprägte und dennoch kräftige Stimme ertönte. »Heute ist euer Tag! Einige Jahre sind seit dem Beginn eurer Ausbildung vergangen, bei der einen mehr, bei der anderen weniger. Doch ihr alle habt den weiten Weg geschafft. Ihr seid nun bereit. Bereit für euer Schicksal. Bereit für die Macht des Mondes. Bereit, eine Kriegerin des Mondes zu werden!«

Die Menschenmenge begann augenblicklich zu jubeln und zu grölen. Ihre Schreie und das Geklatsche hallten von den Wänden wider, dröhnten beinahe schon in Lunas Ohren. Dort saßen und standen tausende Menschen und allesamt hatten sie eine große Erwartung an sie: die Zeremonie ordnungsgemäß zu durchschreiten. Ohne Zwischenfall. Ohne Nervosität. Ohne zittrige Hände. Würde sie das schaffen?

Die Trommeln und der Chor verstummten. Luna blickte von einem Gesicht zum nächsten. Alle waren außer sich vor Freude und Begeisterung. Sie konnten kaum noch den Beginn der Zeremonie erwarten. Je mehr Gesichter Lunas Augen erblickten, desto nervöser wurde sie. Doch schon nach kurzer Zeit stieß die Älteste ihr Zepter dreimal lautstark auf den Boden und drei gigantische Schläge ertönten, welche die Säulen zum Vibrieren und die Menge zum Verstummen brachten.

»Schüler des Mondes, lasset euch die Macht zuteilwerden, legt die Bürde der zu Lehrenden ab! Nehmt den Status einer Schwester des Mondes an!«, rief die Älteste in die Halle und augenblicklich setzten die Pauken wieder ein. Das rhythmische Trommeln hallte von den glatten Wänden wider und schallte hinaus durch die offenen Tore in die Nacht. Die Menge blieb stumm. Niemand wollte verpassen, was gleich passieren würde. Die Zeremonie war das Spektakulärste, was die meisten jemals gesehen hatten und jemals sehen würden. Ein Schauspiel aus Licht, Magie und Macht.

Die erste Schülerin setzte sich in Bewegung und ging eleganten Schrittes auf den Altar zu. Luna und die verbleibenden Schülerinnen wandten sich ihr zu und beobachteten sie mit aufmunternder Miene. Sie waren alle füreinander da, auch wenn ihnen während der gesamten Zeremonie nicht gestattet war, zu sprechen. Ihre Lehrerinnen standen unweit von ihnen und beobachteten das Spektakel gleichermaßen. Luna spürte, wie ihr Herz weiter gegen ihre Rippen trommelte. Sie würde als letzte dort nach vorne schreiten. Und sie war die Nervöseste von allen.

Plötzlich spürte sie eine kleine Berührung an ihrer rechten Hand. Die Schülerin rechts von ihr strich sanft an ihr vorbei, spendete ihr ein wenig Kraft und nahm ihr ein Stück der Nervosität. Ihr Name war Yara. Sie war wohl die Einfühlsamste der fünf. Sie hatte genau gespürt, wie aufgeregt Luna war. Ohne es offensichtlich zu zeigen drückte Yara kurz Lunas Hand, den Blick weiter nach vorn gerichtet. Luna blickte ebenfalls weiterhin die erste Schülerin an, die inzwischen vor dem Altar angekommen war, und erwiderte den sanften Druck. Das Mädchen am Altar griff langsam an ihren Hals und band die Schnur auf, die das Amulett um ihren Hals hielt. Sie legte das runde, vollständig mit mondlichtfarbener Flüssigkeit gefüllte Gefäß in die Mulde im Altar. Das Mondlicht brach sich in dem Kristall des Behälters, die Lichtstrahlen wurden an die Wand und die hohe Decke reflektiert.

Ein paar Sekunden vergingen, in denen die gesamte Halle den Atem anzuhalten schien. Dann begann die mondlichtfarbene Flüssigkeit langsam aus dem Amulett hinauszufließen. Sie rann die dünnen Rillen in der Oberfläche des großen, dunkelgrauen Altars entlang, bildete schließlich das Symbol des Mondes und kam zum Stillstand. Die Schülerin nahm das Amulett wieder aus der Mulde und legte es an den Rand des Altars. Die mondlichtfarbene Flüssigkeit begann, in der Mulde langsam zu leuchten. Doch plötzlich begann sie schlagartig zu brennen. Ein mondlichtfarbenes Feuer zischte über die Oberfläche und die Rillen entlang, entzündete die Flüssigkeit und ließ den Altar in grellem Mondlicht erstrahlen. Alle blickten erstaunt und gebannt auf die Flammen, ließen den Blick starr auf das Geschehen vor dem Altar gerichtet. Ein weiterer Schauer huschte Lunas Rücken hinunter, als sie die junge Frau vorne beobachtete.

Bläulicher Rauch stieg von den Flammen auf und schwebte nun über dem Altar. Er begann, eine Wolke zu bilden. Das Mondlicht wurde von der Flüssigkeit auf den Rauch reflektiert und die Wolke schien es vollständig aufzusaugen. Der Qualm begann, immer heller zu leuchten und erreichte eine unsagbare Helligkeit. Als die Flüssigkeit vollständig verbrannt war, passierte kurze Zeit gar nichts. Doch dann schnellte plötzlich eine mondlichtfarbene Leine aus der Wolke hervor und traf die linke Schulter der Schülerin. Sofort flog eine zweite durch die Luft und saugte sich an ihrer rechten Schulter fest. Die Schülerin wurde mit einer Leichtigkeit vom Boden gehoben und schwebte nun vor der Wolke in der Luft.

Gebannt blickte Luna auf das Ereignis vor ihren Augen. Bereits als Kind war sie fasziniert davon gewesen und nun sollte ihr genau das passieren. Die Schülerin in der Luft schloss die Augen und entspannte ihre Gliedmaßen. Die Leinen aus Rauch hielten sie ohne Probleme in der Luft. Schlagartig schoss eine Schnur aus Rauch auf sie zu, traf sie an der Brust genau über dem Herzen und drang in ihren Brustkorb ein. Die Wolke begann allmählich, sich aus ihrer Form zu lösen und hüllte die Schülerin vollständig ein. Zischende Geräusche ertönten, ein leises Knistern war zu hören. Die Wolke um die Schülerin herum glühte mondlichtfarben auf und zog langsam in ihre Haut ein. Allmählich sank die Schülerin auf den Boden zurück, ihr Körper noch immer schlaff, ihre Augen geschlossen. Ihre Füße setzten sanft mit den Zehenspitzen zuerst auf dem Boden auf und langsam öffnete sie ihre Augen wieder. Sie hatte es geschafft. Sie war nun eine Kriegerin des Mondes. Ihre Augen glühten noch in einem grellen Farbton, als der letzte Fetzen Rauch in ihrer Haut verschwand. Mit eleganten Schritten ging die Schülerin zum Altar, nahm ihr Amulett auf, stellte sich schließlich gegenüber der restlichen vier Schülerinnen auf und blickte ihnen überglücklich entgegen.

»Willkommen, Kriegerin Nathalia!«, rief die Älteste in den Saal hinein und klopfte mit ihrem Zepter einmal auf den Boden. Hoch oben über ihnen wurde in ein Horn geblasen. Ein lauter, tiefer Ton ertönte und brachte Luft und Boden zum Vibrieren. Das Horn war sicherlich noch meilenweit zu hören. Es sollte den Städten und Dörfern unter dem Schutz der Schwestern signalisieren, dass es eine Kriegerin mehr gab, die über sie wachte.

Alle Anwesenden wiederholten die Worte der Ältesten lautstark und riefen sie in die Nacht hinaus. Das Licht des Mondes, schien zu pulsieren, als wolle es sie ebenfalls willkommen heißen. Nathalia machte eine elegante Verbeugung, so wie sie es alle gelernt hatten, schwenkte den Arm und schenkte der Menge mit einem strahlenden Lächeln eine glitzernde Wolke aus mondlichtfarbenen Partikeln, die sie aus dem Nichts mit ihrer Hand zu erzeugen schien. Auch das gehörte dazu.

Lunas Gedanken rasten, während die nächsten beiden Schülerinnen dieselbe Prozedur durchliefen. Würde Yara nicht immer wieder sanft an ihr entlangstreifen, würde sie womöglich noch den Kopf verlieren. Das Blut schoss ihr durch die Adern bei dem Gedanken daran, gleich selbst an der Reihe zu sein. Yara drückte ein letztes Mal ihre Hand, bevor sie mit eleganten, großen Schritten zum Altar ging. Lunas Herz blieb für einen Moment stehen, bis Yara sich von ihr entfernt hatte.

Yara war ihre beste Freundin unter den Schülerinnen. Sie hatten sich immer blendend verstanden und waren quasi unzertrennbar gewesen, obwohl sie doch so unterschiedlich waren.

Lunas Gedanken beruhigten sich allmählich, als ihre Freundin nach vorne ging. Sie musste jetzt stark sein. Sie würde das schon hinbekommen. Ihr Puls verlangsamte sich allmählich wieder, ihr Atem wurde flacher und gleichmäßiger. Tief im Inneren spürte sie den Stolz ihrer Lehrerin, die spürte, dass Luna endlich ruhiger wurde. Es war schwer, aber Luna nahm all ihren Mut zusammen.

Auch Yara legte ihr Amulett in die Mulde im Altar, durchlief die Zeremonie einwandfrei und ohne Probleme. Luna stand die ganze Zeit da, sah ihr zu und war stolz auf sie. Schließlich schickte Yara ihre Glitzerwolke in die Menge, um den Menschen ihren Schutz zu symbolisieren und blickte Luna entgegen. Sie kniff kurz die Augen zusammen, um ihr ihren Beistand zu symbolisieren und ihr Mut zu machen.

»Willkommen, Kriegerin Yara!«

Das Horn dröhnte ein weiteres Mal über die Berge und brachte die Luft zum Vibrieren. Die Älteste wandte ihren Blick nun Luna zu und wies sie damit an, sich in Bewegung zu setzen. Lunas Herz pochte mit einer enormen Kraft gegen ihre Rippen, doch sie beherrschte sich, ruhig zu bleiben. Ihr Puls blieb niedrig, ihr Atem regelmäßig. Sie würde das hinbekommen.

Mit langsamen und eleganten Schritten setzte sie sich in Bewegung. Ihr Kopf war wie leergefegt. Kaum ein irreführender Gedanke machte sich in ihr breit, nichts konnte sie aus der Ruhe bringen. Die Augen der Menge folgten ihr. Sie konnte ihre stechenden Blicke beinahe wie Nadeln auf ihrer Haut spüren. Das tiefblaue, mit silberner Spitze verzierte Kleid wehte um ihren Körper herum, als sie zum Altar schritt. Der hauchdünne und durchsichtige, weiche, mit silberner Spitze verzierte Stoff ihrer Armbekleidung rieb angenehm über ihre Haut. Ein kühler Luftzug spielte um ihre Beine herum und ließ den Rock des Kleides voll und wundervoll wirken.

Am Altar angekommen hielt Luna kurz inne. Sie atmete einmal tief durch und konnte den stummen Zuspruch ihrer Lehrerin und Yara fühlen. Vorsichtig hob sie nun ihre Arme, bahnte sich einen Weg durch ihre silbernen Haare und öffnete den Knoten, der ihr Amulett vor ihrer Brust hielt. Langsam nahm sie die Schnur und senkte das Schmuckstück herab, zog die Schnur heraus und legte sie auf den Altar. Luna nahm das magische Gefäß vorsichtig mit beiden Händen und betrachtete die mondlichtfarbene Flüssigkeit darin. Diese Flüssigkeit war ihr im Laufe ihrer Ausbildung gegeben worden. Je nachdem wie weit sie war, kam welche dazu oder entfernte sich. Ob sie bereit war, entschied einzig und allein der Mond. Auf magische Art und Weise füllte oder leerte er die Amulette aller Schülerinnen.

Respektvoll blickte Luna durch das Kristall hindurch und senkte schließlich das Amulett vorsichtig ab, um es in die Mulde zu legen. Als sie ihre Hände zurückzog, begann die Flüssigkeit sofort, durch die Hülle des Gefäßes zu fließen und bahnte sich ihren Weg, um das komplette Symbol des Mondes auszufüllen. Als die vielen Vertiefungen vollständig ausgefüllt waren, nahm Luna das Amulett wieder auf und legte es zu der Schnur beiseite. Das Mondlicht schien sich auf der Oberfläche der Flüssigkeit zu brechen und beleuchtete Lunas Gesicht, Wand und Decke des Saals. Die Blicke der Menge bohrten sich tief in ihren Rücken. Luna konnte ihre Anspannung förmlich spüren.

Plötzlich begann die Flüssigkeit, sich zu entzünden. Das Feuer raste die Rillen entlang und hüllte alles in seinen Schein. Doch das Feuer leuchtete nicht in der üblichen Farbe des Mondlichts. Es war schwarz wie die Nacht. Es verströmte kein Licht, schien hingegen jegliches davon in sich aufzusaugen. Lunas Herz begann unweigerlich zu rasen. Irgendetwas stimmte nicht. Sie konnte das Entsetzen der Menge spüren. Alle begannen, leise zu tuscheln und zu murmeln. Wie erstarrt blickte Luna auf das Feuer vor ihr, dessen tiefschwarzer Rauch alles Licht in sich hineinfraß. Die brennende Flüssigkeit verdampfte vollständig zu Rauch, noch bevor jemand etwas unternehmen konnte. Der tiefschwarze Qualm bildete eine Wolke, genau wie bei den Schülerinnen vor ihr auch. Doch diese Wolke saugte alles Licht in sich auf und funkte im Inneren gleißend hell. Aus dem Augenwinkel konnte Luna erkennen, wie sich die Älteste in Bewegung setzte. Kurz darauf ertönte ihre kräftige Stimme und hallte durch den Saal, begleitet von einem grollenden Donner aus der Wolke.

»Beendet die Zeremonie, sofort!«

Die fünf Lehrmeisterinnen sprangen allesamt die Stufen zum Altar hinauf und eilten rasch auf Luna zu. Diese hingegen konnte sich kein bisschen bewegen. Sie schien wie paralysiert. Ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Plötzlich schoss eine Leine aus Finsternis aus der Wolke heraus und bohrte sich in ihre Schulter. Luna konnte spüren, wie ihre Lehrerin sie an der Hüfte packte und versuchte, nach hinten zu ziehen. Doch es war zu spät. Die Wolke entsandte einen kräftigen Impuls und sofort wirbelten alle fünf Frauen durch die Luft. Ein zweiter Arm aus Finsternis schoss auf Luna zu und bohrte sich in ihre andere Schulter. Luna konnte das Entsetzen der Menge spüren. Mehr als deutlich. Noch viel schlimmer hingegen war das Gefühl, das Yara ihr vermittelte. Es war pure Angst.

»Haltet es auf!«, schrie die Älteste durch den Saal und versuchte, das Donnern und Rauschen zu übertönen.

Ein starker Windstoß fegte durch die Halle, als sich die Wolke in Bewegung setzte und auf Luna zuschoss. Alles war wie von einem Sturm umhüllt. Die Säulen ächzten, als könnten sie dem Druck des Windes kaum standhalten. Die Trommler mussten aufhören, auf die Membranen zu klopfen, da diese vom Wind schon beinahe zerrissen wurden. Das Murmeln der Menge wurde zu einem wilden Gekreische.

»Tut etwas!«, schrie die Älteste in die Menge.

Die fünf Frauen rappelten sich wieder auf und versuchten, die Kraft des Mondes zu nutzen, um die Wolke von Luna fernzuhalten. Doch ihre Versuche waren vergebens. Mit einem kräftigen Ruck setzten sich plötzlich die Flügel des riesigen Tores in Bewegung. Schlagartig schlossen sie sich. Ein lauter Knall ertönte und fegte durch den Raum, als sie ins Schloss fielen. Die Menge stand kurz davor, in allgemeine Panik auszubrechen. Alle hatten Angst. Der Wind fegte durch den Saal. Donner grollte. Die Älteste schrie die Wachen um Hilfe an. Eine Pauke rollte von der Empore weit oben hinunter und schlug in die Menge ein. Weitere Schreie ertönten, gefolgt von einem schmatzenden Geräusch, als die schwere Trommel einen Menschen unter sich zerquetschte. Finsternis hüllte Luna vollständig ein. Sie sah nur noch schwarz und ein paar wenige, gleisende Funken. Ihre Gedanken drehten sich wie wild. Sie wusste nicht, was mit ihr geschah. Panik breitete sich in ihrem Körper aus. Der Rauch schirmte sie komplett von der Außenwelt ab. Kein Geräusch drang mehr zu ihr hindurch, sie spürte keinen Blick mehr in ihrem Nacken. Sie war allein. Allein im schwarzen Nebel. Allein im schwarzen Rauch. Und plötzlich vernahm sie ein leises, hauchendes Flüstern in ihrem Ohr. Die Stimme war beruhigend und versetzte ihren Körper in einen Zustand der Entspannung.

»Ganz ruhig«, flüsterte die weibliche Stimme in ihr Ohr. »Entspann dich, dir wird nichts geschehen, vertrau mir.«

Sofort wich die Anspannung aus Lunas Körper und ihre Gliedmaßen hingen schlaff herab. Ihr Geist wirkte wie benebelt, ihre Gedanken schienen sich durch Honig zu bewegen. Sie waren zäh und träge. Aber es fühlte sich richtig an. Der Nebel lullte sie ein, beruhigte ihren Körper und kümmerte sich um sie. Er nahm ihr jede Sorge und jeden störenden Gedanken aus dem Kopf. Der Honig schien sie komplett auszufüllen. Sie war die Ruhe selbst. Langsam schloss Luna die Augen. Sie fühlte sich unglaublich müde. Die Wolke wiegte sie hin und her, als wolle sie Luna zum Einschlafen bringen. Sie kümmerte sich um sie wie eine Mutter sich um ihr Neugeborenes. Allmählich verschmolz Luna mit dem Honig.

Doch auf einmal riss sie ein stechender Schmerz aus ihrer Trance. Der Rauch setzte sich blitzschnell in Bewegung. Er wirbelte um Luna herum. Tausend kleine Nadeln schienen in ihre Haut zu stechen, als der lichtverschluckende Qualm in sie eindrang. Ein weiterer Strahl aus Rauch bahnte sich seinen Weg zu ihrem Kopf. Ohne anzuhalten schoss er direkt durch ihren leicht geöffneten Mund in ihren Körper hinein. Plötzlich war Lunas gesamter Verstand erfüllt von Schmerzen. Sie konnte nichts anderes mehr wahrnehmen. Sie fühlte sich, als packe sie jemand am Hals und würde sie in die Höhe halten. Sie bekam keine Luft mehr. Der Honig war verschwunden. Alles war dem Schmerz und dem Donnern gewichen.