Moonshine - Stadt der Dunkelheit - Alaya Johnson - E-Book

Moonshine - Stadt der Dunkelheit E-Book

Alaya Johnson

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

The Golden Twenties … Illegale Bars florieren und das Nachtleben in den Jazz-Clubs ist ausgelassen wie nie zuvor. Doch New York hat auch eine dunkle Seite: Kriminalität und Korruption gehören zum Alltag und die Schwachen werden ausgebeutet – egal, ob es sich dabei um Frauen, Immigranten oder Vampire handelt. Zephyr Hollis tut alles, um diese Welt ein bisschen gerechter zu machen. Den Djinn Amir amüsieren ihre Bemühungen, trotzdem bittet er sie um Hilfe: Zephyr soll den Vampir Rinaldo, einen Drogenboss, für ihn finden. Sie macht sich auf die Suche, anfangs weil sie das angebotene Geld braucht, später aus viel persönlicheren Gründen. Dabei gerät sie in ein tödliches Netz aus Hass, Machtgier und Ignoranz … Moonshine - Stadt der Dunkelheit von Alaya Johnson: Fantasy im eBook!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2010

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Alaya Johnson

Moonshine

Stadt der DunkelheitRoman

Aus dem Amerikanischen von Christiane Meyer

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

The Golden Twenties … Illegale Bars florieren und das Nachtleben in den Jazz-Clubs ist ausgelassen wie nie zuvor. Doch New York hat auch eine dunkle Seite: Kriminalität und Korruption gehören zum Alltag und die Schwachen werden ausgebeutet – egal, ob es sich dabei um Frauen, Immigranten oder Vampire handelt. Zephyr Hollis tut alles, um diese Welt ein bisschen gerechter zu machen. Den Djinn Amir amüsieren ihre Bemühungen, trotzdem bittet er sie um Hilfe: Zephyr soll den Vampir Rinaldo, einen Drogenboss, für ihn finden. Sie macht sich auf die Suche, anfangs weil sie das angebotene Geld braucht, später aus viel persönlicheren Gründen. Dabei gerät sie in ein tödliches Netz aus Hass, Machtgier und Ignoranz …

Inhaltsübersicht

Für alle Ungeküssten – damals [...]

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Für alle Ungeküssten – damals wie heute.

Ich hoffe, Sie finden ebenso viel Gefallen an diesem Buch wie an Mr. Darcy im See.

1.

Ich geriet auf der vereisten Straße ins Schleudern, als ich um die Ecke auf die Lafayette Street bog. Nur meine jahrelange Erfahrung rettete mich, als ich in die kaum dreißig Zentimeter breite Lücke zwischen einer Pferdedroschke und einem Model-T schlitterte. Der alten Dame, deren Hände in den weißen Handschuhen das Steuer des Wagens umklammerten, war ihr eigenes motorisiertes Fahrzeug offenbar ähnlich unheimlich wie eine Katze, die regelmäßig bei Vollmond verschwand, und so raubte ihr der Anblick meines Fahrrades, das anmutig an ihr vorbeiglitt, den letzten Rest an Selbstbeherrschung. Ich kann mir nicht vorstellen, was sie an mir so erschreckend fand. Es sei denn, es war das Grinsen, das ich mir nicht verkneifen konnte, als ich der Eisglätte im Januar trotzte. Mein Daddy sagte immer, dass ich im Winter zu leichtsinnig sei.

Die Dame schrie und entdeckte den Verwendungszweck des kleinen Knopfes in der Mitte ihres Lenkrades. Ihr Wagen kam ins Schlingern – glücklicherweise weg von den Pferden, die inzwischen vor Aufregung wieherten. Ich schaffte es gerade noch an der Droschke und dem Auto vorbei. Keinen Augenblick zu früh, denn eines der Pferde begann mit einem Mal zu steigen und schlug mit den Hufen gegen den hinteren Kotflügel des Model-T. Ich zuckte zusammen. Zwei Sekunden später und es wäre mein Magen gewesen.

Verdammte Tammany Hall, dachte ich wütend. Würde es diese Mistkerle in der schon sprichwörtlich gewordenen Geschäftsstelle der Demokratischen Partei denn umbringen, wenn sie zwischen ihren Wahlsiegen auch einmal etwas Nützliches taten – wie zum Beispiel die Straßen zu befestigen?

Heute Abend waren die kriminell engen Straßen allerdings fast menschenleer. Kein anständiger Bürger hatte das Bedürfnis, nach Sonnenuntergang noch draußen unterwegs zu sein, zumal bei Neumond. Ich warf einen Blick auf meine Uhr – Viertel vor acht – und trat in die Pedale. Für eine Lehrerin gehörte es sich nicht, zu spät zur eigenen Unterrichtsstunde zu kommen. Vor allem nicht zu dieser Unterrichtsstunde. Und auf keinen Fall heute Abend.

In diesem Moment sah ich es. Nur ein zusammengekauerter Schatten in einer unsagbar dreckigen Seitengasse, an der heute vermutlich schon Hunderte Menschen vorbeigelaufen waren, ohne etwas zu sagen. Auch ich fuhr erst daran vorbei, bevor ein unbestimmtes Gefühl mich dazu brachte, zu bremsen, umzudrehen und zurückzufahren. Es war nicht so, als hätte mein Nacken geprickelt, und es war auch kein vielsagendes Kribbeln über meinen Rücken gekrochen. Dieses Talent besitze ich nicht – was auch immer meine Schüler hinter meinem Rücken über mich sagen mögen. Aber ich habe die Gabe, extrem aufmerksam und geistesgegenwärtig zu sein. Es ist eine Fähigkeit, die mein Daddy gefördert hat, da ich kein bisschen mit der Pistole umgehen und nicht einmal einen Goldfisch im Glas erschießen kann. Er wollte, dass seine Älteste irgendetwas richtig gut beherrscht.

Um möglichst schnell anzuhalten und umzudrehen, trat ich also gegen die Speichen, riss den Lenker scharf nach rechts und steuerte gleich wieder gegen. Ich holperte über die Entwässerungsrinne und rutschte auf den abgelaufenen Sohlen meiner Stiefel über den Gehweg. Tief in den Schatten eines gigantischen, schmutzigen Fabrikgebäudes kam ich zum Stehen. Beim Anblick solcher Gebäude muss ich unwillkürlich an hohläugige Einwandererkinder denken, die von skrupellosen Aufsehern in einen Raum gesperrt werden, damit sie nicht flüchten können. Meistens übernahmen Vampire in solchen Drecklöchern die Aufgaben der Wächter. Ich erschauderte und warf instinktiv einen Blick zurück auf die Straße. Verlassen. Ich denke, die Härchen in meinem Nacken hätten sich in diesem Moment aufgerichtet, wenn der mustergültig gestärkte Kragen meiner Bluse sie nicht daran gehindert hätte.

Ich trat näher an den engen Spalt zwischen einem Mietshaus und dem ehemaligen Waffen- und Munitionslager heran – der Abstand war zu schmal, um als »Gasse« bezeichnet werden zu können. Eine Ratte, die über mein Näherkommen offenbar überrascht war, huschte über ein graues Häufchen, das von dem restlichen Unrat kaum zu unterscheiden war, und verschwand im Rinnstein neben meinem Fahrrad. Allmählich gewöhnten meine Augen sich an die Dunkelheit. Endlich konnte ich die schwachen Umrisse des auf den ersten Blick harmlos wirkenden kleinen Haufens erkennen, der meine Aufmerksamkeit geweckt hatte. Jetzt bemerkte ich, dass er mit einer Kinderjacke zugedeckt war, die nach nasser Wolle roch. Zitternd – denn ich werde mich bei Gott niemals an so etwas gewöhnen, egal wie lange ich schon in dieser Stadt lebe – zog ich die Jacke zur Seite. Ich erblickte einen kleinen Jungen, dessen Haar röter war als meine eigenen rötlich braunen Haare. Seine Haut war unter den unzähligen Sommersprossen so bleich, dass ich wusste, was geschehen war, noch ehe ich die verräterischen Spuren an seinem Hals entdeckte.

Ich hockte mich auf die Fersen und biss die Zähne zusammen. Am Hals des Jungen zählte ich nicht weniger als sieben Wunden: oberflächlich und ungleichmäßig, als hätten sie mit ihm gespielt. Sicherlich hätte ich, wenn ich das Kragenhemd und die Anzugjacke – aus feinem Stoff hergestellt, aber abgetragen – geöffnet hätte, noch mehr Wunden auf seinem Rücken und an den Armen gefunden. Es sah fast aus wie eine Folterung, gepaart mit Rache. Es sah aus wie eine Tat der Turn Boys. Ein Grund mehr für mich, sie zu verachten. Die Bande von jugendlichen Vampiren herrschte rücksichtslos über ihr selbstgewähltes Königreich, das sich von Little Italy bis zur Lower East Side erstreckte. Der Fundort dieses armen Kindes war für ihren Wirkungskreis eigentlich schon etwas zu weit die Lafayette Street hinab, aber ich zweifelte keinen Augenblick daran, wer dem Jungen das angetan hatte. Ich hatte genügend ihrer Opfer gesehen, um sicher sein zu können.

Ein vereinzeltes Auto raste hinter mir die Straße entlang und spritzte eisigen Schneematsch über mein Fahrrad und auf meinen blauen Tweedrock. Wieder sah ich auf meine Uhr: zehn vor acht. Verdammt! Mir würde gerade noch genug Zeit bleiben, um zur Polizeistation zu fahren, den Fund zu melden und zur Schule zu hetzen. Doch ich wusste, was die Polizei mit dem Jungen tun würde, wenn sie ihn in die Finger bekam. Man ging kein Risiko ein, vor allem nicht, wenn es sich um irgendein namenloses Immigrantenkind handelte. Zu viele Kinder wurden vermisst, um wertvolle Zeit damit zu vergeuden, in einem der unzähligen Mietshäuser in Lower Manhattan nach einer verzweifelten Mutter zu suchen, die vermutlich nicht einmal Englisch sprach. Also nahmen sie die Kinder mit in die Leichenhalle, schalteten das elektrische Licht an und pfählten sie. Manchmal trennten sie ihnen, um auf Nummer sicher zu gehen, auch noch den Kopf ab, wenn es wahrscheinlich war, dass das Kind sich wandeln würde.

Dieser Junge würde seinen Kopf auf jeden Fall verlieren.

Er erinnerte mich ein bisschen an meinen kleinen Bruder Harry, der noch immer in Montana lebte. Dieselben Sommersprossen, derselbe rote Haarschopf. Der Junge trug einen einzelnen blauen Fäustling, den anderen musste er im Kampf verloren haben.

»Zephyr«, sagte ich streng und versuchte, meinem vor Schreck gelähmten Hirn etwas Vernunft einzubleuen, »Harry lacht noch immer darüber, dass er dir mal ein Stückchen Bienenwabe in den Schlüpfer gelegt hat. Das hier ist nicht er.«

Obwohl ich so überaus überzeugend und mitreißend an meine Vernunft appelliert hatte, erwischte ich mich im nächsten Moment dabei, wie ich den jämmerlich leichten Körper vom Boden aufhob und zu meinem Fahrrad trug.

Ich wusste nicht genau, was ich da eigentlich tat. Ich schwöre, dass das meistens so ist – ich lasse mich eigentlich immer von meinen Instinkten und meinem gesunden Selbsterhaltungstrieb leiten. Kurz entschlossen legte ich mir den Jungen über die Schulter, richtete mit aller Kraft den Lenker aus und bog wieder auf die Straße. Ich konnte ihn erst einmal im Schulgebäude unterbringen. Dort sollte er sicher sein.

Ich schnaufte und trat fester in die Pedale. Vor Anstrengung begann ich zu schwitzen. Der Junge war nicht schwer, aber ich war nie besonders stark gewesen. Außerdem kam ich geradewegs von einem Zwischenfall auf der anderen Seite der Brücke in Brooklyn zurück. Eine russische Einwanderin mit Ehemann und Kindern, die vor einer Woche gewandelt worden war, hatte offenbar die Warnung vor Alkohol nicht mitbekommen. Oder vielleicht hatte sie sie auch gehört und sie zusammen mit dem Rest des himmelschreienden Unsinns der Abstinenzbewegung einfach ausgeblendet. Ich selbst mochte vielleicht wenig Erfahrung mit dem Dämon Alkohol haben, aber es war kein Vergleich zwischen dem, was er mit meiner kleinen Schwester angestellt hatte, als sie den Geheimvorrat meines Vaters entdeckt hatte, und dem, was er mit den Anderen machte, die unglücklich oder leichtsinnig genug waren, sich zu betrinken. Ein Kicheranfall und der Kater am Morgen danach waren nichts gegen … nun ja, das.

Die Haut der russischen Vampirin war rot geworden, hatte man mir erzählt. Nicht nur leicht gerötet, wie man es von normalen Betrunkenen in einer Bar kannte. O nein, blutrot. Ihr Blut hatte Tröpfchen auf der Haut gebildet, fast wie Schweiß, und es war aus ihrem Mund geronnen. Ihre Kinder waren natürlich schockiert gewesen. Niemand hatte ihnen erzählt, was mit ihrer Mutter geschehen war, nur, dass sie krank war. Das legal erworbene Blut einer ganzen Woche war auf den Boden gelaufen und hatte eine Lache aus übel riechendem Gift gebildet, das sich durch das Holz gefressen hatte. Das älteste Kind und der Vater waren weggelaufen. Das jüngste Kind war scheinbar gelähmt gewesen – vor Schock, Angst, Ungläubigkeit, Gott weiß was –, denn es war bei seiner Mutter geblieben. Der Vater hatte es erst bemerkt, als es zu spät gewesen war. Die Mutter – blutdurstig, betrunken, gewandelt und mehr als nur ein bisschen rasend – hatte sich ihrem Kind zugewandt und von seinem Blut getrunken. Erst als sie satt gewesen war, hatte sie begriffen, was sie da getan hatte. Zu spät.

Troy Kavanaghs Defender waren die Ersten, die vor Ort gewesen waren. Er hatte mir erzählt, dass die Frau sie angefleht hatte, sie zu pfählen. Sie hatten ihr den Gefallen getan und den Jungen gleich mit gepfählt. Es ist zu gefährlich, zuzulassen, dass Kinder sich wandeln. Das behaupten zumindest Defender wie Troy, den ich von früher kenne. Noch von vor meiner Zeit in New York. Bei einer großen, legendären Yeti-Jagd in Nordmontana hatte er Daddy kennengelernt. Als ich nach New York gekommen war, hatte ich eine Zeitlang mit ihm zusammengearbeitet. Ich weiß zwar nicht gut mit einer Pistole umzugehen, aber man kann nicht als älteste Tochter des besten Dämonenjägers von Montana aufwachsen, ohne ein paar Tricks zu lernen. Ich hatte meinen Beitrag geleistet, doch ich hatte die Defender verlassen müssen. Die Anderen mögen nicht menschlich sein, aber sie sind immer noch Geschöpfe dieser Welt, verstehen Sie? Troy schien das nicht zu begreifen.

Er hatte mich also während der Säuberungsaktion herbeigerufen, damit ich mich um den Witwer und seinen Sohn kümmerte. Er hatte gemeint, die Situation schreie geradezu nach einer »zarten Hand«. Troy denkt, dass eine maskuline Kinnpartie eine lausige Persönlichkeit wettmachen kann.

Also war ich schon den ganzen Tag mit dem Fahrrad unterwegs, und mein Steißbein fühlte sich mittlerweile an, als hätte jemand es mit dem Holzhammer bearbeitet. Außerdem hatte ich einen toten Jungen über der Schulter hängen, der aussah wie ein vampirisches Nadelkissen und dessen Verwandlung man unter keinen Umständen zulassen durfte. Zumindest wenn es nach ignoranten Leuten wie Troy ging, die eine ausgeprägte Phobie vor den Anderen hatten. Es war also kein Wunder, dass ich einige verstörte Blicke auf mich zog, als ich schnaufend über die Kreuzung der belebten Canal Street fuhr. Warum passierten solche Dinge eigentlich immer mir?

Ich musste lachen und beobachtete, wie mein Atem in kleinen weißen Wölkchen im Schimmer der elektrischen Straßenbeleuchtung davontrieb.

Weil ich verrückt bin.

 

Um zwei Minuten vor acht schoss ich am Verkehrschaos in der Bowery vorbei und hielt an der Ecke Rivington und Chrystie. Schweiß rann mir den Nacken hinab, und meine Bluse klebte mir am Rücken. Mein Hintern war noch immer feucht, meine Zehen spürte ich kaum noch. Zitternd stützte ich mich auf den Lenker und rang keuchend nach Luft. Hinter mir erhob sich das heruntergekommene Gebäude der Chrystie-Elementary-Schule, vom Rauch der Fabrikschlote verkrustet und nur gelegentlich beheizt. Lediglich drei der Klassenräume waren mit elektrischem Licht ausgestattet, und auch das war so zuverlässig wie ein liebestoller Sukkubus. Eine Schule für Einwanderer, unter ihnen auch etliche Andere, war für unsere reizende Stadtverwaltung nicht gerade ein Projekt von höchster Dringlichkeit.

Der Junge auf meiner Schulter begann zu stöhnen. Es war kein normales Stöhnen – Sie wissen schon, gebildet aus Luft und mit Stimmbändern und nach natürlichen biologischen Gesetzen. Nein, dieses Stöhnen war eindeutig jenseitig. Es war ein Stöhnen, das ein kleines Kind wie dieses eigentlich nicht hätte ausstoßen sollen. Es war zu laut und klang fast wie das Nebelhorn eines Schiffes in meinen Ohren. Bis auf den Mund bewegte der Körper sich dabei überhaupt nicht. Keine Luft drang in die Lunge ein oder entwich. Ich erschauderte.

»Vampire sind auch Geschöpfe unserer Erde«, sagte ich leise, um mich zu beruhigen. Ich war nicht oft dabei gewesen, wenn Vampire erwachten, doch meine Kenntnisse reichten aus, um zu wissen, dass mir nicht mehr viel Zeit blieb, den Jungen sicher unterzubringen. Er war augenscheinlich nicht älter als elf Jahre und würde sicher wilder als die meisten anderen sein. Mühsam kletterte ich vom Fahrrad, als der Junge auch schon anfing, sich ernsthaft zu rühren. Seine Bewegungen erwischten mich unvorbereitet, und im nächsten Moment fand ich mich, mit einem zwar schwachen, aber dennoch wehrhaften Vampir ringend, der Länge nach auf dem vereisten Fußweg im Schatten der Schule liegend wieder.

»Oh, verdammter Mist«, murmelte ich. Gut, eins nach dem anderen. Steh auf, Zephyr. Du musst in einer Minute zum Unterricht erscheinen. Mit grimmiger Entschlossenheit stellte ich einen Fuß auf eine wie durch ein Wunder eisfreie Stelle des Gehwegs und kam schwankend in die Hocke. Ich begann, ein Schlaflied zu summen, das meine Mama so gern gesungen hatte, als ich noch ein Kind war – möglicherweise wirkte es ja genauso beruhigend auf kleine Vampire? Doch der Junge wurde stärker, und das Stöhnen entwickelte sich zu einer Art ersticktem Schrei. Die wenigen Leute, die in dieser düsteren, schlecht beleuchteten Gegend noch unterwegs waren, hasteten an mir vorbei und hielten den Blick fest auf den Gehweg gerichtet.

»Ich könnte hier gerade sterben!«, schrie ich ihnen hinterher. So. Verdammte, herzlose Stadt. Mit der linken Hand hielt ich den Jungen fest, der sich aus meinem Griff zu winden versuchte, während ich mit der anderen mein Fahrrad aus dem Rinnstein zog. Dann schleppte ich beide zur Treppe, die zum Eingang der Schule führte.

»Brauchen Sie vielleicht Hilfe, Miss Hollis?«

Einen Moment lang erstarrte ich. Unwillkürlich umklammerte ich den Lenker meines Fahrrades so fest, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten. Ich kannte diese Stimme. Und ich konnte nicht sagen, dass ich sehr erfreut war, sie zu hören. Mit einem Lächeln, das vermutlich mehr als ein bisschen gestresst wirkte, wandte ich mich zu ihm um.

Die Arme lässig vor der Brust verschränkt, lehnte er auf halber Höhe der Treppe an der Steinbrüstung. Amir, wie er sich vorgestellt hatte, als er in der letzten Woche zum ersten Mal in meinem Unterricht aufgetaucht war. Kein Nachname – oder jedenfalls keiner, den er mir nennen wollte.

Er erinnerte mich an Rudolph Valentino in Der Scheich: fremd, gutaussehend, gefährlich, aber dunkler, die Züge breiter und insgesamt ein bisschen attraktiver. Zwar hatte er einen sonderbaren Akzent, doch ansonsten sprach er makelloses Englisch. Bis auf ein einziges Mal: Als ich ihn nach der ersten Unterrichtsstunde gefragt hatte, warum um alles in der Welt ausgerechnet er einen Kurs in »Lesen, Schreiben und Rhetorik« bräuchte, hatte er nahezu perfekt einen russischen Einwanderer nachgeahmt, der erst vor zwei Monaten von Bord gegangen war.

»Der Junge ist gerade erst gewandelt worden«, stellte er nun fest und wies mit einem Nicken auf das Kind, ohne sich jedoch zu rühren.

Ich biss die Zähne zusammen. »Das ist mir auch klar, Amir.«

»Sie haben die Situation also unter Kontrolle?«

Just in diesem offenbar vorherbestimmten Moment gab der Junge ein ohrenbetäubendes Knurren von sich und schlug seine vorpubertären Fangzähne in den (mittlerweile recht zerknitterten) Kragen meiner Bluse.

»Du kannst ein Kleidungsstück nicht aussaugen, du idiotischer …« Ich war gezwungen, meinen kleinen Vortrag zu unterbrechen, weil der Junge mit einer unglaublichen Geschwindigkeit die Beine um meine Taille geschlungen und mich zu Fall gebracht hatte.

Amir erreichte mich eine Sekunde später und versuchte, den Jungen von mir zu lösen, der wie ein übernatürlicher Blutegel an mir hing.

»Wie spät ist es?«, schrie ich über die wimmernden Laute hinweg, die der Junge machte, während er sich weiterhin bemühte, meinen Hals freizulegen. Ja, ja, die unerkannten Vorteile konservativer Blusen.

Amir hielt inne. Er wirkte ziemlich verblüfft, was mich trotz der widrigen Umstände außerordentlich freute. »Ist das Ihr Ernst?«, fragte er.

Ich schlug die Hand des Jungen weg, die noch immer in dem Fäustling steckte und nun über meine Brust wanderte, während ich den Rücken gegen die Steinbrüstung der Treppe presste. »Absolut.«

Es war Amir gelungen, einen Arm des Jungen zu ergreifen, daher musste er nun etwas unbeholfen mit der linken Hand nach einer Taschenuhr greifen, die vermutlich nur an Präsident Coolidge nicht deplaziert gewirkt hätte.

»Eine Minute nach acht«, sagte er. »Sollen wir dem blutgierigen Vampir erklären, dass Sie spät dran sind? Vielleicht ist er höflich genug, seine Attacke zu verschieben, bis Sie fertig sind.«

Ich funkelte ihn an. Doch bevor ich etwas Passendes erwidern konnte, spürte ich Zahnfleisch und schnell schärfer werdende Zähne, die über meinen plötzlich entblößten Hals kratzten. Ich fluchte und löste mich mühsam von dem suchenden Mund.

Amir hatte den Jungen inzwischen an der Taille gepackt und zog ihn von mir herunter. »Hat er Sie gebissen?«, stieß er hervor.

Erfreut stellte ich fest, dass er tatsächlich besorgt zu sein schien. »Vampirzahnfleisch ist nicht tödlich, soweit ich weiß.«

»Oh, soll ich ihn dann einfach loslassen? Da Sie offensichtlich kein Problem damit haben …«

»Ich bin durchaus in der Lage, selbst mit ihm fertig zu werden, Amir«, hörte ich mich sagen – trotz der Flut von Beweisen, die dagegen sprachen.

Ein seltsames, gefährliches Lächeln auf den Lippen, senkte Amir die dichten Wimpern und ließ den Jungen los. Mit einem Laut, der an eine Katze erinnerte, die an einem Haarball zu ersticken droht, sprang der Junge mir an den Hals. Die Fangzähne waren zwar noch nicht sehr scharf, aber bei seinem Angriff schaffte er es, meine Haut damit zu verletzen. Ich schrie auf – noch immer eher aus Verärgerung denn aus Angst – und griff tief in meine Tasche, um mein Messer herauszuziehen. Die Klinge bestand aus purem, geweihtem Silber. Mein Vater hatte mir das Messer geschenkt, bevor ich von zu Hause fortgegangen war. Nachdem ich Troy verlassen hatte, hatte ich es nie mehr benutzen müssen. Ich hatte schon fast vergessen, dass ich es überhaupt besaß.

Mit einer geübten Handbewegung drückte ich die stumpfe Seite der Klinge auf die entblößte bleiche Haut am Schlüsselbein des Angreifers. Er wich zurück, als er spürte, wie das geweihte Metall auf seiner Haut brannte. Dieser Augenblick der Unaufmerksamkeit reichte Amir, um den Jungen von mir zu heben. Für einen Moment betrachtete ich aus meiner Perspektive am Boden einen kleinen Vampir, der aussah wie eine Kakerlake, die auf dem Rücken lag und strampelte.

Ich stand auf. Aus den winzigen Wunden an meinem Hals war nur wenig Blut ausgetreten, trotzdem wischte ich es sorgfältig ab und zupfte meinen zerknitterten Kragen zurecht.

»Er hat Sie gebissen?«, fragte Amir mit ruhiger Stimme. In seinen Armen wurde der Vampir ein wenig stiller und wehrte sich nicht mehr so heftig. Offensichtlich sah er in Amir eine weniger leckere Mahlzeit.

Ich zuckte die Schultern. »Es ist nur ein Kratzer«, sagte ich. Dennoch raste mein Herz.

»Es wurden schon Leute durch weniger gewandelt.«

Meine Güte, wie ernst er klang. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verbeißen. »Oh, machen Sie sich keine Sorgen um mich. Wie spät ist es?«

Vorsichtig griff er nach seiner Uhr, die an seiner Weste baumelte. »Drei Minuten nach acht.«

Ich fluchte und hob mein Fahrrad auf. »Ich muss los. Könnten Sie … Bitte, es gibt einen Raum im Keller, in dem man ihn unterbringen könnte. Würden Sie mir einen Gefallen tun und sich um ihn kümmern? Nur, bis ich fertig bin. Ich würde Sie normalerweise nicht darum bitten, aber …«

Er lächelte, auch wenn das Lächeln seine dunklen Augen nicht ganz erreichte. »Sie sind spät dran. Gehen Sie. Dann werde ich den lieben Mr. Hamilton heute Abend eben verpassen.«

Sein leicht spöttischer Ton fiel mir kaum auf, da ich bereits die Stufen hinaufgerannt war und die Tür zur Schule aufriss. Mir war auch klar, dass die Föderalistenartikel als Unterrichtstext nicht die beste Wahl waren, aber ich war der Meinung, dass kürzlich in dieses Land eingewanderte Menschen wenigstens schon einmal von den Leitgedanken gehört haben sollten, die bei der Gründung dieser Nation gehegt worden waren – auch wenn sie in der Realität nicht erfüllt worden waren.

»Danke«, sagte ich verlegen. Er stand noch immer auf der Treppe. Der Vampir schien ihm keine Schwierigkeiten zu bereiten. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, was genau Amir war. Sicherlich kein Mensch.

»Zephyr«, sagte er, bevor ich die Tür hinter mir schloss. »Woher wussten Sie, dass Sie sich nicht wandeln würden?«

Seine Stimme klang so fremd und so gar nicht spöttisch, dass ich innehielt und ihm – zu meiner eigenen Überraschung – eine Antwort gab. »Na ja, weil ich nicht gewandelt werden kann. Ich bin immun.«

»Ist das … normal für Menschen?«

Ich zuckte die Achseln. »Ich habe noch nie jemanden getroffen, bei dem das auch so ist.« Und ich hatte schon vor langer Zeit aufgehört, meine Eltern nach dem Grund dafür zu fragen.

»Oh«, war alles, was er dazu sagte.

Seit ich in die Stadt gezogen war, hatte ich diese Besonderheit vor allen Menschen außer meiner Mitbewohnerin geheim gehalten. Ich hätte mich bestimmt gefragt, warum ich es Amir so unbekümmert anvertraut hatte, wenn ich nicht so wahnsinnig spät dran gewesen wäre.

 

»Guten Abend zusammen«, sagte ich, als ich die Tür öffnete.

Ein paar Schüler brachten ein angespanntes »Guten Abend, Miss Hollis!« hervor. Ich empfand es nicht als Unhöflichkeit, schließlich hatten wir Neumond.

»Wir fahren heute mit Alexander Hamiltons Föderalistenartikel Nummer zehn fort«, sagte ich und hoffte, die Arbeit würde sie von der Tatsache ablenken, dass ich wie ein begossener Mungo aussah. Papier raschelte, und über uns flackerte das elektrische Licht.

Ob Amir den Jungen in den Keller gebracht hatte? Würde er allein mit ihm fertig werden? Der Unterricht war mir noch nie so lang vorgekommen, und anschließend wollte zu allem Überfluss auch noch fast die Hälfte meiner Schüler mit mir reden. Ich konnte meine Ungeduld kaum noch verbergen, als Sarra, eine durch und durch menschliche Russin, zu mir kam. Sie besuchte meinen Abendkurs, weil sie tagsüber in der Textilfabrik arbeiten musste, und nun bestand sie darauf, mich über die korrekte Auslegung des 18. Zusatzartikels zur Verfassung auszufragen.

»Also sagt Artikel nur, dass Verkauf von Alkohol illegal ist?«, wiederholte sie mit Nachdruck. Offensichtlich lag ihr das Thema sehr am Herzen, seit sie hatte erkennen müssen, wie unerbittlich dieses Land dem Nationalgetränk ihres Heimatlandes gegenüberstand.

»Weil«, fuhr sie fort, »Boris hat Cousin, Naum. Vielleicht Sie haben von ihm gehört? Er ist vor zwei Jahren hergekommen und hat eine … Sie wissen schon, Methode entwickelt, mit Kartoffeln in Badewanne …« Sie verstummte, als ob sie erwartete, dass ich nach dem Rezept fragte.

Innerlich erschauderte ich, aber ich gab einen unbestimmten Laut von mir, der durchaus als Anerkennung gedeutet werden konnte. Meine einzige Erfahrung mit richtigen Spirituosen (Scotch – das schlimmste Gebräu, das ich je hatte trinken müssen) machte mich mehr als skeptisch, wenn ich von Gin aus einer Badewanne hörte, ganz zu schweigen von Kartoffel-Wodka.

»Aber, Miss Hollis, Naum gehört zur Familie, und es ist doch ganz wenig Alkohol und …«

»Es ist ein Geschenk, nicht wahr?«, unterbrach ich sie schnell. »Sie geben ihm kein Geld dafür?«

Sie schürzte die Lippen, nickte jedoch zufrieden. »Geschenke. Geschenke erlaubt, ja?«

Ich lächelte leicht. »Es ist nicht illegal, Alkohol zu trinken, Sarra. Nur der Verkauf ist verboten.« Ein sonderbares Hintertürchen, das ein paar hundert Gin-Kneipen ihre halb legale Daseinsberechtigung gab. »Sie müssen sich keine Sorgen machen.«

Erleichtert nickte sie. »Gut. Ich werde Ihnen nächstes Mal was mitbringen. Einen schönen Abend noch, Miss Hollis.«

Damit gab sie mir das abgegriffene Unterrichtsexemplar der Föderalistenartikel zurück und wandte sich zum Gehen. Ich stellte es zu den anderen auf das Regal und wappnete mich innerlich gegen das, was inzwischen mit Amir und dem Vampirjungen geschehen sein mochte. Als ich mich umdrehte, erblickte ich Giuseppe Rossi, der ruhig an der Tür stand. Giuseppe war ein Vampir, der in einer Kellerwohnung in Little Italy lebte und meinen Unterricht seit einem Jahr besuchte. Bisher war er nach der Stunde nie länger geblieben – seine Familie war groß und seine Frau verschwunden, so dass er nie viel Zeit hatte. Neugierig schob ich die letzten Unterlagen in meine Tasche und hängte sie mir über die Schulter. Giuseppe sprach sehr gut Englisch, nur das Lesen bereitete ihm noch immer Schwierigkeiten.

»Miss Hollis«, begann er, als ich fast bei der Tür war.

Ich blieb stehen. Seine Haut wirkte in dem gelblichen Licht der elektrischen Lampen bleich. Keine Spur von Blut färbte seine Lippen oder Fingerspitzen. Augenscheinlich war es lange her, dass er seinen Hunger gestillt hatte. Besorgt trat ich näher. Gab es einen höflichen Weg, zu fragen, woher er seine Blutvorräte bekam? Ich kannte ein paar Menschen, die ihm sicher helfen würden, wenn er es sich nicht länger leisten konnte, Blutkonserven von dubiosen Händlern an der Straßenecke zu kaufen.

»Ja, Giuseppe?«, sagte ich.

»Ich … habe ein Problem. Ich hätte Sie nicht damit belastet, aber ich habe Angst um meine Familie, und Sie sind die Einzige, die mir helfen kann.« Er hob den Blick. »Oder, vielleicht, helfen wird?«

Ich ging einige Schritte weiter, bis ich vor ihm stand, und drückte kurz seine Hand. »Natürlich, Giuseppe. Seien Sie versichert, dass ich alles tun werde, was in meiner Macht steht.«

Erleichtert lächelte er. »Ja, das hatte ich gehofft … Hören Sie, Miss Hollis, als ich in dieses Land kam, war ich noch nicht das, was ich jetzt bin. Ich hatte eine Frau, die mir drei Kinder schenkte und unser viertes unter dem Herzen trug. Es war eine schwere Zeit, aber wir waren trotz allem glücklich. Und dann, eines Nachts, als ich spät aus der Fabrik kam, fanden sie mich …«

Mein Hals fühlte sich mit einem Mal staubtrocken an. Ich hatte schon viele dieser Geschichten gehört, doch jede Erzählung traf mich von neuem tief. Daddy sagt immer, ich sei zu mitfühlend, aber das bin ich nicht. Er ist ein Dämonenjäger. Er spürt einfach zu wenig.

»Wer?«, fragte ich.

»Die Bande von jungen Vampiri, der Rinaldo freien Lauf lässt.«

O Gott. Genau wie bei dem kleinen Jungen, der, von Bisswunden übersät und wahnsinnig geworden, im Keller eingesperrt war. »Die Turn Boys«, sagte ich.

Es war keine Frage, doch er nickte. »Sie haben mich gewandelt. Meine Frau hat versucht, damit zu leben, aber nach einem Jahr rannte sie davon. Sie sagten, das habe ich nun davon, keine gute Italienerin geheiratet zu haben. Ich brauchte Blut und Geld. Die Arbeit im Tunnel …« Er zuckte die Schultern.

Ich hatte vergessen, dass er an dem neuen Tunnel arbeitete, der schon bald von der Canal Street nach New Jersey führen sollte. Ein guter Job für einen Vampir – auch für einen jungen, also einen noch nicht vor allzu langer Zeit gewandelten (und somit gegen Sonnenlicht widerstandsfähigen) Vampir wie Giuseppe. Nur verdiente er damit nicht annähernd genug für sich und seine vier Kinder.

»Also bin ich zu Rinaldo gegangen«, fuhr er fort. »Ich habe für ihn ausgeliefert. Nur ein paarmal die Woche. Und er hat mir dafür Blut und Geld gegeben. Eine Zeitlang funktionierte es ganz gut, aber letzte Woche … Ich lieferte gerade etwas außerhalb seines Gebietes aus, als ein paar Kerle aus einer anderen Gang mich angriffen. Vermutlich die Westies, aber ich kann es nicht beweisen. Sie haben mir alles abgenommen. Rinaldo sagt, dass es ihm egal sei und ich ihm das Geld trotzdem schulde.«

Wie ich diese Mafiabosse hasste, diese selbsternannten Könige der Nachbarschaft, die das Leben eines Mannes so eiskalt zerstören konnten. Als wäre es Giuseppes Schuld, dass eine rivalisierende Bande ihm die Lieferung gestohlen hatte.

»Wie viel?«, fragte ich und fürchtete mich vor der Antwort.

»Zweihundert Dollar.«

Zwischen zusammengebissenen Zähnen atmete ich scharf ein. Das war mehr, als ich als Lehrerin in drei Monaten verdiente.

»Ich habe einhundert«, sagte er, »aber ich muss mir den Rest leihen. Er sagt, er wird … meine Kinder …«

Giuseppe war den Tränen nahe, und mir fiel auf, dass ich noch nie einen Vampir hatte weinen sehen. Ohne groß darüber nachzudenken, legte ich meine Hand auf seine und sah ihm fest in die unnatürlich klaren, blutleeren Augen.

»Sie werden es schaffen, das verspreche ich Ihnen.« Ich griff tief in meine Tasche und zog einen kleinen Stapel zusammengefalteter Geldscheine hervor. Das Geld hatte ich an diesem Morgen vom Bürgerrat erhalten, der mir jeden Monat ein schmales Gehalt zahlte. »Hier«, sagte ich und drückte ihm die Scheine in die Hand, »das sind fünfzig Dollar. Wenn Sie in Zukunft Hilfe brauchen, hoffe ich, dass Sie entweder mich oder den Bürgerrat fragen … sogar Tammany Hall wäre besser gewesen als Rinaldo.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, was in ihn gefahren war, dass er sich an den berüchtigten Schmuggler, Ausbeuter der Anderen und Gangster gewandt hatte. Er war immerhin dafür verantwortlich, dass die Turn Boys tun und lassen konnten, was sie wollten – und die Turn Boys hatten Giuseppes Leben zerstört.

Giuseppe drückte die Geldscheine kurz an seine Wange und wandte sich dann ab, als wollte er sich über die Augen wischen.

»Mir fehlen die Worte«, sagte er schließlich. »Ich schwöre, dass ich Ihnen alles zurückzahlen werde, Zephyr.«

Beim Klang meines Vornamens kehrten meine Gedanken schlagartig zu Amir zurück. »Geben Sie mir einfach das, was Sie können«, erwiderte ich. Mit einem Mal hatte ich es eilig, von hier wegzukommen. Wie viel Zeit hatte ich schon vergeudet?

Zum Glück drückte Giuseppe nur kurz meine Hand, bevor er ging. Ich wartete, bis ich die Eingangstür hinter ihm ins Schloss fallen hörte, ehe ich das Licht löschte. Im Dunkeln suchte ich meinen Weg durch die verlassenen Schulkorridore bis in den Keller.

Während ich die Gänge entlanglief, dämmerte mir allmählich, dass ich in einem Moment spontanen Mitgefühls mein gesamtes Monatsgehalt weggegeben hatte. In drei Tagen war meine Miete in der Pension fällig – ganze zwölf Dollar, in bar und im Voraus. Mrs. Brodsky würde kaum Anteilnahme an meiner Situation zeigen. Vielmehr konnte ich mir sicher sein, mitten im New Yorker Winter mit all meinem Hab und Gut auf die Straße gesetzt zu werden. Schon der Gedanke daran ließ mich erschaudern. Mrs. Brodsky war zwar bereit, mir Mahlzeiten ohne Fleisch zu kochen – wieso sollte sie sich auch beschweren, wenn einer ihrer Gäste günstigeres Essen für denselben Preis wollte? –, doch sie ließ eindeutig die Grundlagen menschlichen Mitgefühls vermissen.

»Tja«, sagte ich zu mir und bemühte mich, so fröhlich wie möglich zu klingen, »dann bleiben dir immerhin noch drei Tage in diesem zerlumpten Bett.«

»Reden alle Weltverbesserer so oft mit sich selbst wie Sie?«

Amir stand unterhalb von mir auf der Kellertreppe, hielt eine Öllampe in der Hand und sah genauso gut aus wie vor zwei Stunden, als er noch nicht in einem verlassenen Schulkeller mit einem gerade gewandelten Vampir hatte ringen müssen. Das machte mir mehr zu schaffen, als es sollte, und neben ihm fühlte ich mich regelrecht schäbig.

»Belästigen alle Tunichtgute unschuldige Frauen im Treppenhaus?«, erwiderte ich. Es war lieblos und undankbar von mir, wenn man bedachte, dass er meinetwegen gerade Leib und Leben riskiert hatte. Auch wenn man es ihm nicht ansah.

Er lachte – es war ein volles, warmherziges Lachen, und ich musste im schwachen Licht der Lampe blinzeln. »Ich bin ein Tunichtgut? Welcher Tunichtgut besucht schon Abendkurse für Einwanderer?«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und zwang mich dazu, tief durchzuatmen. »Das habe ich bisher nicht herausgefunden.«

Wieder lachte er. Ein solches Lachen hatte ich noch nie zuvor gehört. »Kommen Sie jetzt herunter, oder wollen wir uns die ganze Nacht auf der Treppe streiten?«

Mit einem Mal fühlte ich mich ausgesprochen dumm und folgte dem schwankenden Schein seiner Laterne die Stufen hinab.

»Geht es Ihnen gut?«, zwang ich mich zu fragen, als das Schweigen beinahe eine halbe Minute angehalten hatte. Ich war überrascht, wie ernst ich die Frage meinte.

Er zuckte die Achseln. »Der Junge kann mir nicht weh tun. Ich bin verblüfft, wie lange Sie sich gegen ihn wehren konnten.«

Ich verbuchte das mal als Kompliment. »Wie geht es ihm?«

Amir blieb vor einer geschlossenen Tür stehen, die ein paar Schritte von der Treppe entfernt war. »Er schläft. Ich habe ihm ein paar Blutkonserven gegeben, um seinen Hunger zu stillen.«

Seine Miene war unergründlich – wehmütig und wütend zugleich. Beinahe hätte ich den Ärmel seines grauen Wollpullovers berührt, doch mein Selbsterhaltungstrieb meldete sich sofort und hielt mich davon ab. Irgendwie ahnte ich, dass Amir zu berühren nichts von der rein mitfühlenden und freundschaftlichen Geste hätte, Giuseppes Hand zu ergreifen. Amir war düster und mysteriös und einer der Anderen – eine Mischung, die zu faszinierend war, um ungefährlich zu sein.

»Warum ein so kleines Kind?«, fragte er leise. »Welchen Sinn soll das haben …«

Seine Frage wirkte seltsam naiv. »Spaß«, entgegnete ich. »Die Turn Boys spielen mit Menschen, wie Katzen mit Mäusen spielen. Nur viel grausamer.«

»Was werden Sie mit ihm machen?«

Überrascht blickte ich Amir an. »Ich … ich fürchte, darüber habe ich noch nicht nachgedacht«, erwiderte ich. »Ich habe ihn einfach nur gesehen und konnte ihn nicht da liegen lassen.«

Die plötzliche Erkenntnis, in welcher Klemme ich steckte, ließ mich verstummen. Was zur Hölle konnte ich denn tun? Ich konnte ihn wohl kaum mit in die Pension nehmen und riskieren, dass er in seinem Wahn auf die anderen Mädchen losging. Ich konnte ihn hierlassen – nur was geschah, wenn er während des Unterrichts ausbrach? Ich hätte ihn ja zu einer der gemeinnützigen Gruppen gebracht, die sich um frisch gewandelte Vampire kümmerten, aber sie pfählten grundsätzlich jeden, der unter sechzehn war. Wenn sogar sie Angst vor den Kindern hatten, was sollte ich dann ausrichten?

Seufzend lehnte ich mich an die Wand neben der Tür. Ich spürte, wie sich hinter meinen Schläfen die Vorboten heftiger Kopfschmerzen bemerkbar machten. Es war ein langer Tag gewesen.

Amir blickte mich an. Ich meine, er blickte mich mit diesen gefährlich dunklen Augen mit den absurd dichten Wimpern an und musterte mein Gesicht, bis ich fühlte, wie mir die Röte in die Wangen stieg. Sein Verhalten erschien mir unverschämt und vollkommen unangemessen, doch ich konnte kein Wort sagen.

»Ich werde ihn mitnehmen«, sagte er, als ich gerade dachte, durch seinen intensiven Blick dahinzuschmelzen. »Ich kenne einen Ort, an dem er sicher ist. Er wird wieder zu sich kommen. Bei Kindern mag es etwas länger dauern, aber irgendwann finden sie alle zurück zu sich selbst.«

Gott, wie sehr ich mir wünschte zu wissen, was er war. Oder zumindest, wer er war. Er war rätselhaft und dennoch gänzlich körperlich, hier in diesem feuchten, kalten Keller und nur einen Schritt von mir entfernt.

»Warum?« Ich war stolz auf mich, zumindest dieses Wort herausgebracht zu haben.

Er lächelte. »Ich habe meine Gründe. Und ich muss Sie dafür um einen Gefallen bitten.«

Es ist nur ein Lächeln. »Und der wäre?«

»Ich nehme an, die Welt zu verbessern ist kein besonders gut bezahlter Job, habe ich recht? Nun ja, es ist eine einfache Bitte, die ich habe, und ich kann Ihnen viel Geld dafür bieten. Geld haben Tunichtgute nämlich jede Menge – sie lenken damit von ihrem mangelnden Verstand und ihrer fehlenden moralischen Stärke ab.«

Ich konnte nicht genau sagen, ob er sich über sich selbst oder über mich lustig machte. Es war keine Überraschung, dass er Geld besaß. Jemand, der sich so gut kleidete wie er und zugleich so wenig Wert auf Äußerlichkeiten legte, konnte nicht arm sein.

»Was brauchen Sie?«, fragte ich. Damit kannte ich mich wenigstens aus.

»Ich möchte, dass Sie einen Vampir für mich ausfindig machen.«

Ich blinzelte langsam, doch er war noch immer da. »Warum glauben Sie, dass Sie mit dieser Bitte bei mir an der richtigen Adresse sind?«

»Weil Sie immun sind. Außerdem würde niemand einen Verdacht gegen Sie hegen, denn Ihre unnatürliche Zuneigung für Blutsauger ist in dieser Stadt bekannt.«

Ich wurde gerade noch rechtzeitig wütend. »Warum um alles in der Welt sollte ich Ihnen helfen, ein unschuldiges Geschöpf zu verletzen?«

Sein Lächeln wirkte kühl und hart. »Irgendwie glaube ich, dass es Ihnen nichts ausmachen wird. Wollen Sie wissen, um wen es sich handelt?«

»Vermutlich habe ich gar keine andere Wahl.«

Er neigte zustimmend den Kopf. »Das stimmt.«

»Also, um wen geht es?«

»Rinaldo.«

2.

Amir spuckte das Wort aus, als wäre es Vampirgift, und ich konnte praktisch vor meinem inneren Auge sehen, wie der Name ein Loch in die Wand hinter mir brannte. In den tiefen Schatten, die die Öllampe warf, wirkten seine sonst so beeindruckenden Züge geradezu dämonisch – und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe schon einige Dämonen gejagt. Die Verachtung, die ich vor wenigen Minuten noch für den Mafiaboss empfunden hatte, verblasste angesichts von Amirs Hass. Was auch immer zwischen ihnen stand, es war zweifelsohne gefährlich.

»Ich soll ihn finden?«, stieß ich hervor und durchbrach damit Amirs verschlossenes und abwartendes Schweigen. »Aber alle wissen von Rinaldo.«

Er bewegte sich leicht, und das Licht der Lampe bildete ein etwas beruhigenderes Muster auf seinem Gesicht: volle, weiche Lippen, ausgeprägte Wangenknochen und mandelförmige Augen, die ihn außergewöhnlich und reizvoll aussehen ließen. »Hat irgendjemand ihn tatsächlich mal gesehen? Die meisten seiner Untergebenen wissen nicht mal, dass er ein Vampir ist.«

»Ach, ist er das?«

Einen Moment lang hätte ich schwören können, dass seine Augen wie Kohlen glühten. »O ja.«

Bevor ich jedoch herausfinden konnte, ob es sich nur um eine Reflexion der Lampe gehandelt hatte, hatte er sich umgedreht und entriegelte die Tür. Der Raum dahinter war dunkel, doch ich konnte gerade so den Jungen erkennen, der auf dem rauhen, mit Ziegeln gepflasterten Fußboden lag. Seine Augen waren geschlossen, und sein Brustkorb hob und senkte sich langsam – vielleicht alle zehn Sekunden einmal. Seine Haut war noch immer sehr blass, aber seine Fingerspitzen waren leicht gerötet. Die Lippen konnte ich nicht erkennen. Ich will nicht leugnen, dass ich in diesem Moment Panik verspürte. Vampire mögen Geschöpfe dieser Welt sein, doch sie sind ganz sicher nicht menschlich. Sie sind wie Löwen in unserer Mitte – zwar irgendwie zu Empfindungen fähig, aber wir sind unbestreitbar ihre natürliche Beute.

Amirs Finger glitten kurz über meinen Nacken, wo die winzigen Wunden, die der Junge mir bei seinem Angriff zugefügt hatte, bereits abheilten. Vielleicht war diese Berührung ein Versehen, vielleicht war es ein Moment stummen Trosts und Bestärkung, doch es fühlte sich an wie das Kribbeln von Laudanum-Sirup, der meine Kehle hinabfloss. Ich wartete neben der Tür, während er den Jungen vom staubigen Fußboden hob und ihn sich über die Schulter legte. Die Geste wirkte fast zärtlich, seine Miene dagegen war undurchdringlich. Der Junge rührte sich, als Amir ihn anfasste, aber auch wenn seine Bewegungen unnatürlich schnell waren, schien er nicht angreifen zu wollen. Amir hatte sogar den einzelnen blauen Fäustling in die Manteltasche des Jungen gesteckt. Ich wusste nicht viel über das Erwachen von unlängst gewandelten Vampiren und erst recht nicht über das Erwachen von Kindern. Allerdings wusste ich, dass es eine Phase beinhaltete, die möglicherweise über Wochen hinweg anhielt und in der sie wie Tiere auf der Suche nach Futter und zudem extrem verwirrt waren.

»Sind Sie sich sicher?«, fragte ich und wies mit einem Nicken auf den Jungen. Amirs schlichte Lösung für mein Problem warf viel zu viele Fragen auf. Wer sind Sie? Wieso wissen Sie, dass es sicher ist? Warum scheinen Sie sich genauso zu sorgen wie ich? So viele Fragen – und keine, die ich ihm stellen konnte.

»Für gewöhnlich mische ich mich nicht in Ihre Angelegenheiten ein, aber diesmal habe ich ein persönliches Interesse.«

Meine Angelegenheiten? Ich sah ihn finster an. »Wie überaus edelmütig.«

»Wenn Sie meine Hilfe nicht wollen, sagen Sie es einfach.«

Ich sah weg. Einen Moment noch spürte ich seinen Blick auf mir, dann reichte er mir die Lampe und lief los. Ich folgte ihm und hatte unerklärlicherweise Angst, ihn und den Jungen in der Dunkelheit zu verlieren. Schweigend stiegen wir die Treppe hinauf und gingen durch die Korridore. Das Klacken meiner Absätze auf dem Steinfußboden hallte nervtötend. In der Eingangshalle holte ich mein Fahrrad und befestigte meine Tasche daran. Amir war an der Tür stehen geblieben. Ich wartete.

»Also, werden Sie mir helfen?«, fragte er, ohne mich anzusehen.

Das rote Haar des Jungen stand dreckstarrend nach allen Seiten ab. Rinaldo zu finden war alles andere als eine einfache (oder ungefährliche) Bitte, doch ich hatte kein Geld und nicht viele Alternativen, bis Sonntag welches aufzutreiben. Außerdem war da der Junge. Oh, ich wusste, dass ich Amir etwas schuldig war, und ihm war es ebenfalls bewusst. Hatte er mir deshalb mit dem Jungen geholfen?

Machte das genau genommen einen Unterschied? Noch nie in meinem Leben hatte ich jemandem meine Hilfe verweigert, wenn er mich darum gebeten hatte. Ich konnte wohl kaum jetzt damit anfangen, nur weil derjenige, der mich gefragt hatte, die rätselhafteste Person war, die ich je getroffen hatte.

»Ich werde mehr Informationen brauchen«, sagte ich.

Er wandte sich ein Stück zu mir um, so dass das Licht der Lampe sein Lächeln vergoldete. »Ich fürchte, ich weiß nicht viel mehr über Rinaldo. Sonst würde ich ihn selbst suchen.«

»Warum …«

Seine Miene wirkte plötzlich gebieterisch und unerbittlich. »Meine Gründe gehen nur mich etwas an. Denken Sie darüber nach. Ich werde morgen mit Ihnen darüber sprechen.«

Ich stellte die Öllampe auf einen Vorsprung neben der Tür und löschte sie. »Na ja, ich habe den Mitarbeitern der Suppenküche in der Third Street versprochen, morgens auszuhelfen, und am Mittag muss ich an der Mahnwache für gerechte Löhne für Nachtarbeiter vor dem Rathaus teilnehmen … Vielleicht habe ich anschließend Zeit, um mit Ihnen zu sprechen. Allerdings findet um sechs Uhr das Treffen der Ortsgruppe der Suffragetten statt, und das dauert immer eine halbe Ewigkeit, und danach …«

Ich verstummte. Das konnte ich ihm unmöglich erzählen. Er hatte die Augenbrauen auch so schon genug in die Höhe gezogen.

»Ich dachte immer, Sie schreiben nur theatralische Briefe an Tammany Hall. Schlafen Sie eigentlich auch mal?«

»Ich kann eben keine Ungerechtigkeit ertragen.« Ich wusste, dass ich schroff klang, aber es war mir egal. Wie konnte er es wagen, mich anzusehen, als würde er mich überhaupt nicht ernst nehmen?

»Offensichtlich nicht. Also bin sogar ich es wert, mir etwas Gutes zu tun?«

»Ich kenne Sie doch kaum.«

Er öffnete die Tür, und ich keuchte auf, als mir ein Schwall eisiger Luft entgegenschlug. Eilig schloss ich die letzten Knöpfe meines Mantels und zog meine Handschuhe hervor.

»Ihr Vater hat Ihnen sicherlich eingeschärft, fremden Männern nicht zu helfen, oder?«

Er machte sich schon wieder über mich lustig. Ich sah ihn an und schenkte ihm mein allerschönstes unnahbares Lächeln. »Es ist Ihr Glück, dass ich nicht auf meinen Daddy höre.«

Er lachte – wieder dieses außergewöhnliche, schöne Lachen – und schlug den Kragen meines Mantels hoch. »Miss Hollis, was muss ich da feststellen … ist das etwa ein Akzent?«

Noch ehe ich etwas erwidern konnte, noch ehe ich rot werden konnte, war er verschwunden, und die Tür fiel leise hinter ihm ins Schloss. Einen Moment lang nahm ich seinen Duft noch wahr. Ein Duft nach Orangen und Weihrauch und Feuerholz.

Nach etwas Übernatürlichem – und nach nichts, das ich benennen konnte.

 

Langsam fuhr ich auf dem Fahrrad nach Hause. Die Menschen, Pferde und Automobile, die um mich herum auf der Straße unterwegs waren, nahm ich kaum wahr. Amir faszinierte mich schon, seit ich ihm zum ersten Mal in meiner Klasse begegnet war. Jetzt fühlte ich mich jedoch, als hätte er mein Gehirn entnommen und sich selbst an dessen Stelle in meinen Kopf gepflanzt. Es war ein seltsames Gefühl. Ich sollte ihm helfen, einen skrupellosen Mafiaboss und Vampir ausfindig zu machen, der die Einwanderer in der Stadt terrorisierte und beinahe alle Gin-Bars jenseits der Fourteenth Street mit Schmuggelware belieferte. Einen Vampir, der seinen Aufenthaltsort anscheinend nicht einmal seinen eigenen Untergebenen verriet. Amir dachte allen Ernstes, ich könnte ihn finden, weil ich immun gegen Vampirbisse war und niemand einen Verdacht gegen eine Frau hegen würde, die für wohltätige Organisationen arbeitete?

Dennoch musste ich zugeben, dass die Idee mich reizte. Rinaldo hatte unsere Gemeinde lange genug in Angst und Schrecken versetzt. Nun, da sich mir die Gelegenheit bot, hatte ich wohl kaum eine andere Wahl, als ihn zu stoppen. Einen »Blaustrumpf« nannte Daddy mich manchmal – und er meinte das nicht als Kompliment. Gebildet und mutig, aber unweiblich. All das war ich offenbar, sonst hätte ich den Jungen nicht gerettet. Amir gelang es vielleicht, ihn im Moment zu bändigen, doch irgendwann … Ich wusste, dass wir ihn trotz aller Bemühungen möglicherweise am Ende würden pfählen müssen. Der Junge hatte bestimmt eine Familie, und ich musste wenigstens sie finden.

Ich hätte versucht sein können, die ganze Sache als Traum abzutun, wenn da nicht die Schlammspritzer auf meinem Rock und die Bissspuren an meinem Hals gewesen wären. Die Wunden würde ich vor Mrs. Brodsky verstecken müssen. Fünf Minuten nachdem ich die Schule verlassen hatte, bog ich von der Delancey Street auf die Ludlow Street und kam schlitternd vor Haus Nummer siebenundachtzig zum Stehen. Eilig verstaute ich mein Fahrrad hinter dem Gitter unter der Treppe, bevor ich förmlich durch die makellos saubere Eingangstür ins Haus fiel. Mrs. Brodsky hatte vielleicht ein Herz in der Größe einer Erbse, aber sie machte ihre Schwächen mit dem Schrubber mehr als wett.

Das moderne Wunderwerk menschlichen Erfindergeistes, genannt Elektrizität, hatte seinen Weg noch nicht in mehr als zwei der Zimmer unseres sorgfältig geschrubbten Winkels des Universums gefunden. Daher suchte und fand ich lediglich anhand der Gerüche und meiner Erfahrung den Weg durch den stockfinsteren Korridor in die Küche. Katya stand am Herd und schöpfte den Inhalt eines gusseisernen Topfes in eine große Schüssel. Keines der anderen Mädchen war zu dieser Zeit unten, also zog ich mir einen Stuhl an die schmale Anrichte und ließ mich darauf fallen. Mit einem Mal wurde mir klar, wie hungrig ich war. Wann hatte ich zum letzten Mal etwas gegessen? Zum Frühstück? Ich hätte mich bestimmt bewusster um etwas zu essen bemüht, wenn ich es mir hätte leisten können. Troy lud mich manchmal zum Abendessen ins Algonquin oder in ein anderes sagenhaft exklusives Restaurant ein, weil er wusste, dass ich es mir niemals erlauben würde, abzulehnen. Ich hasste es, wie er sein Geld zum Fenster hinauswarf, während so viele andere so dringend Unterstützung brauchten. Ich bemühte mich jedes Mal, ihn durch peinliche und seltsame Wünsche nach fleischlosem Essen zu irritieren, doch Troy lächelte mir immer nur zu und gab dem Kellner ein extra großzügiges Trinkgeld. Zephyr Hollis mit einem Dämonenjäger beim Dinner im Algonquin. Wahrscheinlich war jeder Mensch bereit, seinen Prinzipien ein bisschen untreu zu werden, wenn er nur hungrig genug war.

Nachdem ich Platz genommen hatte, stellte Katya die dampfende Schüssel zusammen mit einem schweren Zinnlöffel und einem großen Glas Wasser vor mich auf den Tisch. Inzwischen bewegte sie sich sehr langsam – sie war im achten Monat schwanger und sah aus, als würde sie jeden Moment platzen.

Ich dankte ihr und nahm schnell ein paar Löffel von der heißen Suppe mit Matzenbrot-Bällchen und Karotte. Die Brühe war dünn und versalzen, aber es fiel mir kaum auf. Nach zwei Jahren mit Mrs. Brodskys fleischloser Suppe hatte ich aufgehört, mir zu wünschen, sie würde besser schmecken, und war stattdessen dankbar, dass es überhaupt etwas gab. Es war zu leicht, in der Anonymität dieser Großstadt einfach zu verhungern.

»Wo ist sie?«, fragte ich, als mein Magen endlich aufgehört hatte, sich so anzufühlen, als würde er sich selbst verdauen.

Katya lächelte schief und deutete nach oben.

»O nein, Mr. Brodsky schon wieder?« So nannten wir heimlich den unverheirateten Seemann, den unsere sonst so steife und ehrenwerte Wirtin ab und an auf einen »Tee« mit in ihre Räumlichkeiten nahm. Nicht im Traum hätten wir es gewagt, sie darauf anzusprechen, doch auf diese Weise hatten wir immer etwas zu tratschen, wenn sie einer von uns einen Vortrag über die Sperrstunde hielt, die mal wieder nicht eingehalten worden war.

Katya lachte und begann, die restlichen Küchenutensilien wegzuräumen. Ich wusste nicht, ob sie sprechen konnte, denn in den sieben Monaten, die sie nun schon bei uns lebte, hatte ich sie nie auch nur ein Wort sagen gehört. Ihr Ehemann, ein Bauarbeiter, war ums Leben gekommen, als der Tunnel für die Untergrundbahn, den er mit ausgehoben hatte, in sich zusammengestürzt war. Er war unter dem Schutt erstickt. Eine Woche später hatte Katya festgestellt, dass sie schwanger war. Das war übrigens in Mrs. Brodskys Augen auch der einzig akzeptable Umstand, der sie dazu hatte bewegen können, ihre bekanntermaßen strengen Moralvorstellungen etwas zu lockern und einem schwangeren Mädchen zu gestatten, in ihrer Pension zu wohnen. Katya lebte von der mageren Rente ihres Ehemannes und half Mrs. Brodsky im Haushalt.

Nachdem ich meine Schüssel abgewaschen hatte, wünschte ich Katya eine gute Nacht und stieg die Treppe hinauf in mein Zimmer im vierten Stock. Meine Beine fühlten sich wie Brandpaste an, als ich endlich mit rotem Gesicht und völlig außer Atem oben ankam.

»Schlafen Sie eigentlich auch?«, hatte Amir mich gefragt. Gott, ich fühlte mich, als könnte ich eine ganze Woche Schlaf gebrauchen. Aileen war natürlich noch wach, als ich unser Zimmer betrat. Rauchend saß sie auf ihrem Bett, aschte aus dem Fenster und hielt einen billigen erotischen Roman mit einer anatomisch äußerst fragwürdigen Coverabbildung in der linken Hand.

Sie hatte sich eine Strumpfhose aus Kunstseide um ihre schwarzen Locken gewickelt, als Ersatz für einen der derzeit angesagten seidenen Turbane, die sie sich wohl kaum leisten konnte. Dazu trug sie einen Body, der ungefähr zwei Nummern zu groß war, und schaffte es trotzdem, modisch perfekt auszusehen. Aileen war – trotz ihres unauslöschlichen irischen Akzents – durch und durch ein New Yorker Vamp. Sie verbrachte Stunden damit, ihren Lebensstil zu pflegen, auch wenn sie in der Fabrik nur einen Hungerlohn verdiente. Sie schraubte die Deckel auf Flaschen mit Weihwasser – eine Arbeit, die mich persönlich in den Selbstmord getrieben hätte, ihr dagegen anscheinend nicht so viel ausmachte. Einmal hatte sie mir verraten, dass sie die Kunst, Flaschen zuzuschrauben, perfektioniert habe und nebenher sogar noch lesen könne, wie andere Menschen sich miteinander vergnügten.

Sie blickte auf. »Ich habe dir doch gesagt, dass du bei Neumond nicht unterrichten sollst. Haben sie dich aus dem Gebäude gejagt? Oder hast du dich einfach nur so aus Spaß in der Gosse gewälzt?«

»Auf jeden Fall aus Spaß«, erwiderte ich und lehnte mich an die Tür, um wieder zu Atem zu kommen.

»Heilige Muttergottes!«, stieß sie hervor, als ich meinen Mantel auszog und sie den Schlamm entdeckte, der inzwischen auf meinem Hinterteil trocknete. »Bist du dir sicher, dass du nicht doch lieber in der Fabrik arbeiten möchtest?«

Ich knöpfte meinen Rock auf und schleuderte ihn auf den Fußboden zwischen unseren Betten. »Nach dem heutigen Tag werde ich ernsthaft darüber nachdenken.«

Sie lächelte mitfühlend. »Tja, ich weiß, was dich aufheitern wird. Diese Autorin hier«, sie hielt inne und warf einen Blick auf das Cover ihres Liebesromans, »Verity Lovelace, ist sehr gewandt, was gewagte Umschreibungen angeht.«

Meine Bluse gesellte sich zu dem Rock auf den Boden, und ich zog einen Morgenmantel aus meinem Schrankkoffer.

»Besser als ›von Tau benetzte Liebeskluft‹?«, fragte ich, während ich den Verschluss meines Büstenhalters öffnete.

»Oh, das kannst du dir nicht vorstellen. Hier.« Sie blätterte zu einer Seite, die ein Eselsohr hatte. »›Ihr Anus war der Inbegriff makelloser Schönheit, die jungfräulichen Fältchen rötlich wie Apfelbäckchen, mit einer köstlichen knospenden Kirsche in der Mitte.‹«

Ich machte das letzte Häkchen auf und atmete tief und befreit durch. »Oje«, entgegnete ich grinsend. »Erzähl mir nicht, dass er die Kirsche … pflücken will?«

Aileen lachte und drehte sich auf den Bauch. »Es ist schockierend. Und ziemlich unschön, wenn man Madame Lovelace vertrauen kann.«

»Aileen, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass du nicht abgeneigt bist.«

Vergnügt hob sie die Hand. »Oh, wer weiß? Mit dem richtigen Mann könnte ich mir alles vorstellen.«

»Wenn Mrs. Brodsky ihn nicht vorher in die Finger bekommt.«

Aileen seufzte.

»Sie führt sich auf wie deine Ersatzmutter«, neckte ich sie.

»Meine Mutter – Gott hab sie selig – war allerdings kein verdammter Bewährungshelfer.«

Unsere Vermieterin war völlig vernarrt in Aileen und überaus interessiert an ihren Angelegenheiten. Mich hielt sie selbstverständlich für schlechten Einfluss. Es gab Zeiten, in denen ich versucht war, ihr Aileens Sammlung von erotischen Groschenromanen zu zeigen. Ich knotete den Gürtel meines Morgenmantels zu und ergriff ein Frotteehandtuch. »Ist noch heißes Wasser übrig?«

»Nur, wenn du es dir selbst aufwärmst. Mr. Brodsky ist schließlich da.«

Ich verzog das Gesicht. »Natürlich. Na ja, sag mir Bescheid, wenn du noch auf weitere Kleinode der erotischen Literatur stößt.«

Mit großen Augen nickte Aileen mir verschwörerisch zu, und ich ging durch den schwach beleuchteten Flur ins Badezimmer. Zuerst lief noch lauwarmes Wasser in die Porzellanwanne mit den verschnörkelten Füßen, doch schon im nächsten Moment war es eiskalt. Mein Tagesablauf bedeutete zwar, dass ich des Öfteren in kaltem Wasser baden musste, dennoch warf ich einen finsteren Blick zur Decke, die mich von Mr. Brodsky trennte. Ich war mir sicher, dass er sich nicht damit herumplagen musste, seine Haare mit Wasser zu waschen, das nur unwesentlich wärmer war als eine zugefrorene Pfütze. Sicher, er musste dafür den ohne Zweifel beängstigenden Hunger von Mrs. Brodsky stillen. Ich ging jede Wette ein, dass sie ihn eigenhändig schrubbte. Mit Stahlwolle. Nach exakt zweieinhalb Minuten sprang ich aus der Badewanne und rieb meine prickelnde Haut hastig mit dem Frotteehandtuch ab. Nass berührte mein Haar meine Schultern, doch wenn es trocknete, bildete es krause Locken um meinen Kopf. Nur selten fand ich die Zeit, es zu bändigen. Mamas Haare sind rotblond und hängen ganz gerade bis hinab zu ihren Oberschenkeln, während ich das widerspenstige Haar von meinem Daddy geerbt habe. Wie sollte es auch anders sein?

Als ich zurück ins Zimmer kam, hatte Aileen die Lampe heruntergedreht, lag verkehrt herum auf ihrem Bett und starrte an die Decke. Die Strumpfhose hatte sie abgenommen und auf den Fußboden geworfen. Ich zog ein Baumwollnachthemd an, das meine Mutter mir zu meinem zwölften Geburtstag geschenkt hatte, und sank auf mein Bett. Es mochte eine alte, abgenutzte Matratze sein, doch nach einem Tag wie diesem fühlte sie sich wie ein kleines Stück Himmel an.

»Ist irgendetwas Aufregendes passiert?«, fragte ich.

»Sie tun es gerade im Speisewagen des Orient Express.«

Ich dachte darüber nach. »Findest du das nicht unbequem?«

»Ich glaube, vor allem Verity Lovelace findet es unbequem. Also«, sagte sie und starrte noch immer an die Decke, »was ist geschehen?«

»Die Turn Boys. Sie haben einen kleinen Jungen erwischt, und ich schwöre, dass er unglaubliche Ähnlichkeit mit Harry hatte. Ich …« Auf einmal war ich mir nicht sicher, ob und wie ich den Rest erzählen sollte.

Aileen drehte den Kopf und sah mich an. »Hat die Polizei ihn gepfählt?«

»Na ja, nein, äh … Eigentlich habe ich ihn mit in die Schule genommen, und dort hat einer meiner Schüler … also, er besucht einen Kurs, obwohl er es ganz sicher nicht nötig hat. Na ja, egal. Er ist auf jeden Fall kein Mensch, und er wirkte, als könne er mit dem Jungen fertig werden, außerdem sagte er, er werde sich um ihn kümmern, wenn ich ihm dafür einen Gefallen täte.«

Aileen brauchte fast eine Minute, um die zusammenhanglose Flut an Informationen aufzunehmen. Ihre Miene war noch undurchdringlicher als sonst. »Sind das Bissspuren an deinem Hals?«, fragte sie schließlich.

Unwillkürlich griff ich mir an den Hals und wünschte mir, ich wäre so geistesgegenwärtig gewesen, die Wunden zu verdecken. Aileen hielt nicht viel von den meisten »Risiken« (wie sie es nannte), die ich einging, und ich hasste es, sie unbewusst bestätigt zu haben. »Das war nur der Junge«, erwiderte ich abwehrend. »Er war im Blutrausch.«

Missmutig schürzte Aileen die Lippen. »Das kann ich mir vorstellen. Und was bist du? Im Wohltätigkeitsrausch?«

»Das ist unfair.«

»Ach? Damals in Dublin habe ich gesehen, wie ein gerade gewandeltes Kind dreißig Fabrikarbeiter und zwei Polizisten getötet hat, bevor es ihnen gelungen ist, es zu pfählen. Verflucht noch mal, Zephyr, du solltest am besten wissen, wie gefährlich sie sind. Du hast jeden Tag mit ihnen zu tun!«

Verdammt, sie hatte recht. Ich hatte gewusst, dass es verrückt war, als ich den Jungen mit in die Schule genommen hatte. Doch jede andere Lösung war für mich nicht in Frage gekommen – und daran hatte sich auch jetzt nichts geändert. Es kam mir ungerecht vor, wenn das ohnehin schon tragische Schicksal von Kindern, die gewandelt wurden, darin gipfelte, dass man sie viel zu jung pfählte.

»Obwohl ich nicht glaube, dass es einen Kreuzritter wie dich interessiert, aber du und dein Schüler habt gegen das Gesetz verstoßen. Und dann auch noch gegen eines, das sie tatsächlich verfolgen und mit aller Macht durchsetzen.«

»Amir … Ich weiß nicht wie, aber ich bin mir sicher, dass er damit zurechtkommt. Niemand wird es jemals erfahren. Nicht, solange du nicht vorhast …«

»Zephyr!«

»Tut mir leid.«

Sie schwieg so lange, dass ich mich schon fragte, ob sie möglicherweise eingeschlafen war. Doch mit einem Mal setzte sie sich auf, um die Lampe zu löschen.

»Also«, sagte sie und lag wieder rücklings auf dem Bett. »Möchte ich wissen, um was es sich bei diesem Gefallen handelt?«

Ich muss einen Vampir und berüchtigten Mafiaboss finden, damit Amir ihn umbringen kann. »Vermutlich nicht.«

Sie seufzte. »Oh, Zephyr. Warum kannst du nicht einfach tanzen gehen, wie wir anderen auch?«

 

Am nächsten Morgen dachte ich während der gesamten Schicht in der Suppenküche über Amir und Rinaldo nach. Versonnen schöpfte ich dickflüssigen Haferbrei in Schüsseln und teilte sorgfältig den braunen Zucker ein. Ich hatte mich nie für eine rachsüchtige Person gehalten. Doch nachdem ich erfahren hatte, was Rinaldo Giuseppe angetan hatte, und nachdem ich im Laufe der Jahre noch so viele andere entsetzliche Geschichten gehört hatte, stellte ich fest, dass ich begierig war, dafür Sorge zu tragen, dass er endlich seine gerechte Strafe bekam. Ganz sicher würde die Polizei sich nicht um ihn kümmern – vermutlich wurde sie von ihm geschmiert. Und Gruppen wie die Defender um Troy waren zu sehr damit beschäftigt, im Auftrag von scheinheiligen Bürgern kleine Vampire zu pfählen oder Nester von Anderen auszuheben, um sich um das wirklich Böse zu kümmern. Natürlich wusste ich um die Gefahren, und ich hätte dieser Sache niemals blind zugestimmt. Doch wenn es den Hauch einer Chance für mich gab, sollte ich es probieren. Amir hatte recht – wer würde mir gegenüber schon einen Verdacht hegen? Niemand hier wusste von meiner Immunität.

Aber zuerst musste ich ein paar Nachforschungen anstellen. Sobald sich in der Suppenküche die Gelegenheit ergab, zog ich mich höflich zurück und beschloss, die vierzig Minuten zu nutzen, die mir noch bis zur Mahnwache blieben. Wie eine Wahnsinnige radelte ich in die Canal Street und schob mein Fahrrad dann über Dreck und Berge von Schutt auf die Baustelle. Die Arbeiter wollten gerade Mittagspause machen. Ein Blick genügte, um festzustellen, dass keiner der Männer, die am helllichten Tag auf den Winden oder auf dem Boden saßen, ein Vampir war. Nein, die Blutsauger waren noch immer tief in dem Tunnel, die Sonne trennte sie von diesen normalen, sterblichen Männern.