Moosland - Sonja Unger - E-Book

Moosland E-Book

Sonja Unger

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Beschreibung

Geheimnisvolle, kleine Wesen leben im Verborgenen in der Hochebene von Moosland. Sie haben kräftige Flügel auf dem Rücken und sind gerade einmal 16 Eichellängen groß. Die mächtigen Eichen des Waldes sind ihr Zuhause. Sie haben gelernt sich vor den Großen zu verstecken, doch einem Feuer sind sie schutzlos ausgeliefert. Familien werden auseinandergerissen, auch Kilpa, der 13-jährige Moosfliegerjunge ist verschwunden. Eine abenteuerliche Suche beginnt. Für Kilpa ist es die Suche nach dem Heimweg, für seine Familie die Suche nach ihm. Freundschaft, fremde Wesen, ein geheimnisvoller Bund und der Geist der Zeiten helfen Kilpa durch Gefahren hindurch, nicht nur den Weg nachhause, sondern auch seine Bestimmung zu finden.

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Autorenbiographie

Mit meditativen Bildbetrachtungen und kurzen Theaterstücken begann Sonja Unger, geb. 1967 in Ansbach, in der Jugend mit dem Schreiben. Die Werke waren und sind als Bereicherung für Gottesdienste gern gesehen. Sie verfasst Predigten im Auftrag der evangelischen Kirche und hält Sonntagsgottesdienste.

Auch für das Laientheater ist sie unterwegs, als Co-Regie für die Freilichtbühne Villenbach.

Beruflich ist sie als Koordinatorin und Krankenschwester in der ambulanten Hospizarbeit tätig.

Sie lebt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Augsburg mit Mann und Hund und hat einen erwachsenen Sohn.

In ihrem Haus gibt es ein ganzes Zimmer voller Fantasy-Bücher wie „Die Chroniken von Narnia“ oder „Tintenherz“. Die Kulisse Wald ist, als Frau eines Jagdaufsehers, ihr zweites Zuhause.

Als sie 2017 begann diesen Roman zu schreiben, verschwendete Europa noch keinen Gedanken an eine weltweite Seuche, geschweige denn an einen Krieg vor der eigenen Haustüre. So werden Teile des Romanes auf einmal erschreckend aktuell.

Inhalt

1

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Personen und Tiere Mooslands

Moosflieger

Tiere im Hocheichenwald

Moostaucher

Tiere am Heulensee

Waldzwerge in der Hochebene

Waldzwerge im Pelikantal

Tiere im Tal

Forscherteam

Menschen (Großmoosler, Moosriesen)

und der Geist der Zeiten

Maßeinheiten

Danke!

Karte von Moosland

1.

Aus den hellgrauen Schatten der vergehenden Nacht erhob sich eine schwarze Gestalt. Grell leuchtete die Fackel in seiner Hand. Stundenland hatte er in der Kälte ausgeharrt bis zum Morgengrauen. Jetzt waren sie da! Ungefähr sieben Eichenlängen von ihm entfernt schienen sie urplötzlich hinter einem der Berge aufgetaucht zu sein. Sein gieriger Blick legte jeden vernünftigen Gedanken lahm. Die wilde Schönheit dieser Pferde faszinierte ihn und er wollte sie besitzen um jeden Preis.

Das war sein Moment. Er senkte den Arm und sogleich loderten die Flammen auf. Sie bahnten sich in rasender Geschwindigkeit einen Weg durchs hohe Elefantengras und fraßen sich gierig tiefer in die Steppe. Erschrocken über das Ausmaß seiner Tat, ließ er die Fackel fallen und suchte eiligst Deckung an der nahen Felswand.

Die Pferde galoppierten in Richtung der Schlucht, die durch die Berge führte. Ihr Anblick ließ ihn die möglichen Folgen des Feuers aus seinem Gedächtnis streichen. Zufrieden mit sich und seiner Tat lief er den panischen Tieren hinterher. Sein Plan war aufgegangen, er hatte sein Ziel erreicht.

Etwas abseits im Schutz einer krummen Kiefer sprang atemlos eine ältere Frau vom Pferd. Ihre kleinen Flügel flatterten aufgeregt am Rücken. Sie schnappte sich einen herumliegenden Ast und lief wütend und verzweifelt auf das Feuer zu. Ein Bergantilopenhorn baumelte wild am Gürtel ihres Kleides. Ihr Pferd schnaubte und scharrte ängstlich im Staub, verharrte jedoch treu an seinem Platz. Es würde seine Reiterin nie im Stich lassen.

Weiter unten im Eichenwald hing eine trügerische Ruhe in der Luft. Die Morgensonne blinzelte durch die Baumwipfel und verfing sich in der Krone eines Baumes. Sie strahlte eine Kugel aus Moos an, die dort wie zufällig befestigt war. Für fremde, unwissende Augen unsichtbar mitten im dichten Blattwerk war eine Bewegung wahrzunehmen.

Kilpa, der Moosfliegerjunge reckte und streckte sich wohlgelaunt in seinem Bett.

Gestern war sein dreizehnter Geburtstag gewesen, ein besonderer Tag für jeden Moosflieger. Der Weg vom Kindsein hin zum Erwachsenwerden hatte begonnen.

Dazu versammelte sich die ganze Moosfliegergesellschaft unter dem Blätterdach der großen Eiche. Der „Geist der Zeiten“, der die Moosländer beschützte, war dort deutlich zu spüren. Die Geburtstagskinder erhielten an diesem Tag einen Segen, der sie behüten und begleiten sollte. Für Kilpa war es ein beindruckender und aufregender Moment gewesen.

Als die alte Nora den Segen gesprochen hatte, bewegten sich die Zweige der Eiche auf geheimnisvolle Weise zu ihm herab. Ein zarter Klang drang an seine Ohren, als ob die Blätter sangen. Irritiert hatte er um sich geblickt, doch außer ihm schien keiner etwas gehört zu haben. Kilpa hätte nie für möglich gehalten, dass ihm das Ganze so nahe gehen würde. Wenn seine Mutter früher über den „Geist der Zeiten“ gesprochen hatte, hielt er das immer für Hokuspokus und hörte gar nicht so genau hin. Doch diesem Geburtstagssegen konnte und wollte er sich nicht entziehen. Seine besondere Bedeutung für sein zukünftiges Leben hatte er deutlich wahrgenommen.

Gerade keimte in ihm das Gefühl, seit gestern gewachsen zu sein. Er stellte sich auf sein Bett. Genau eine Handbreit bis zur Mooskugeldecke. Mist! Das war wohl doch eher ein inneres Wachstum gewesen. Er war immer noch 12 Eichellängen groß und keine Stiellänge mehr.

„Was solls! Das wird schon noch werden!“, dachte Kilpa, zuckte mit den Schultern und war voller Tatendran.

Er schwang sich auf die Leiter, kletterte zu seiner Schwester Pami ins Zimmer und ließ sich mit einem sehr uneleganten Plumps auf deren Bett fallen.

„Spinnst du!“ Pami fuhr erschrocken hoch.

„Pst! Weck doch Mama und Papa nicht auf mit deinem Geschrei!“ Kilpa grinste unverschämt über das ganze Gesicht. Pami rollte mit den Augen und warf ein Kissen nach ihrem Bruder. Dabei schimpfte sie leise vor sich hin. Wer allerdings den liebevollen Blick bemerkte, den sie ihrem Bruder zuwarf, würde ihren Worten keinen Glauben schenken. Kilpa schleuderte das Kissen zurück und eine ausgelassene Schlacht begann.

Die Mooskugel tanzte leicht im aufkommenden Wind, als ob sie Freude an der Ausgelassenheit der Geschwister hätte.

Ein kleiner Baummarder kletterte hektisch auf dem Nachbarbaum herum und schob sein Näschen immer wieder nervös in die Höhe. Es roch ganz fein nach Rauch, allerdings noch weit aus der Ferne.

Die Kissenschlacht war inzwischen in vollem Gange. Das ging nur so lange gut, bis eines der Geschosse aus Versehen ins elterliche Schlafzimmer flog, wo Mutter Jola und Vater Sikko noch schliefen. Doch damit war es nun vorbei, was die Mutter gar nicht lustig fand.

„Was treibt ihr schon wieder für einen Unfug“, rief sie aufgebracht. „Kann man nicht mal morgens etwas Ruhe haben?“

Kilpa kicherte, als ihn auch schon ein Kissen direkt ins Gesicht traf. Das hatte gesessen! Sein Vater verfehlte selten ein Ziel. Die Schlacht ging weiter. Diesmal flogen die Kissen quer durch die Mooskugel, bis Kilpa den Tonkrug traf, der in der Küche auf dem Tisch stand.

„Pass auf!“, rief Sikko.

Jola hielt die Luft an.

Nur Pami reagierte, schwang sich vom Bett und startete im Sturzflug Richtung Küche. Ihre Flügel bewegten sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Sie flog eine Kurve, die es in sich hatte. Kurz bevor der Krug auf dem Boden aufkam, hatte sie ihn erreicht und bekam den Henkel noch zu fassen. Beide landeten sanft und in einem Stück auf dem Grund der Mooskugel. Kilpa klatschte heftig in die Hände unter dem ermahnenden Blick seiner Eltern.

„Glück gehabt!“, Jola atmete erleichtert auf und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Pami, die eigentlich Pamela hieß, hatte die Flugschule in vier Jahren mit Bravour durchlaufen und galt jetzt mit ihren 16 Jahren als vollwertiges Mitglied der Moosfliegergemeinschaft. Sie hatte eine schlanke, wendige Gestalt und war noch nicht ganz ausgewachsen. Moosflieger wurden maximal 16 Eichellängen groß. Pami besaß die gleichen leuchtenden blaugrünen Augen wie ihr Bruder und hellbraunes bis goldenes Haar wie alle Moosflieger. Es fiel ihr in leichten Wellen über die Schulter fast bis zur Hüfte und war mit dunkelgrünen Strähnen durchzogen, was ihr bestens zur Tarnung in den Bäumen diente. Ihre zarten Flügel trugen ein braunes Federkleid. Die Kinderfedern leuchteten in warmem Gelb, zwei waren noch übrig. Die vielen bereits ausgefallenen hatte sie fein säuberlich in einem kleinen Weidenkörbchen aufbewahrt, das wohlbehütet neben ihrem Bett stand. Auf so eine Idee wäre Kilpa nie gekommen. So etwas konnte auch nur Mädchen einfallen.

Er hatte die Flugschule erst letztes Jahr im Herbst begonnen und stellte sich nicht halb so geschickt an wie seine Schwester. Dafür kletterte er gerne und war viel im Wald unterwegs. Die Ausflüge gingen auch schon mal etwas weiter weg. Seine Mutter sah das nicht so gerne. Wenn sie gewusst hätte, dass er einmal im streng verbotenen Nebelmoor gewesen war, dann hätte sie ihn gar nicht mehr weggelassen. Kilpa verstand im Nachhinein sogar die Dringlichkeit des Verbotes und das mochte schon was heißen.

Vom Nebelmoor erzählte man sich viele unheimliche Geschichten, dass es Lebewesen aller Art verschlucken würde. Die Stämme der Bäume leuchten in fahlem, trübem Weiß, Espen mit gruselig raschelnden und zitternden Blättern. Diese Bäume wuchsen nur im Moor. Grauer Nebel machte die Wege unsichtbar und ließ die Wanderer auf nimmer Wiedersehen verschwinden.

Kilpa hatte sich nur ein kurzes Stück hineingewagt, doch das hatte gereicht. Das Moor war wirklich gefährlich gewesen, aber auch wunderschön, irgendwie magisch. Dabei hatte er das Gefühl gehabt, dort nicht allein gewesen zu sein. Irgendwer oder irgendwas hatte ihm geholfen wieder herauszufinden. Deshalb zog er es vor über den Vorfall mit niemandem zu reden, außer mit Pami. Sie konnte ein Geheimnis bewahren. Gestern nun während des Segens war ihm ein Licht aufgegangen. Darüber wollte er unbedingt mit Pami sprechen. Doch das hatte Zeit bis nach dem Frühstück.

Jola stieg seufzend aus dem Bett, an Schlaf war ja jetzt ohnehin nicht mehr zu denken. Sie begann ihr langes Haar, das zwischendrin immer wieder weinrot wie die Herbstblätter schimmerte, zu einem Zopf zu flechten. Sikko kletterte schwungvoll an der Strickleiter nach unten. Er war genau die ältere Ausführung seines Sohnes, die gleichen lausbubenhaften Gesichtszüge und die wilden braunen Locken, nur seine Augen waren grün wie die Blätter der Eichen. Die Kinder hatten Jolas Augen.

Sikko warf einen Blick nach draußen und runzelte die Stirn. Auf seine Ohren konnte er sich immer verlassen. Die Geräusche der Natur waren heute irgendwie verändert. Ein beunruhigendes Gefühl kroch in ihm hoch, doch es war nichts zu sehen.

Moosland, die Heimat der Moosflieger, lag auf einer kleinen geschützten und unentdeckten Hochebene. Im Hinterland erstreckte sich eine riesige Grassteppe, die nahtlos in das Gebirge überging, eine trostlose und verlassene Gegend, die nur ab und zu von vorbeiziehenden Tierherden durchstreift wurde. Die einzigen Lebewesen, die zäh genug waren, um dort zu überleben, waren die Wildpferde. Sie ernährten sich vom Weide- und Elefantengras, das an den Ufern der zahllosen kleinen Bäche wuchs. Diese durchzogen die karge Ebene ein kurzes Stück, eh sie unterirdisch weiter flossen. Oben an den steilen Felshängen, an denen das Wasser herabstürzte, hatten sich Berggämsen und Steinböcke angesiedelt.

Die Moosflieger lebten ein Stück weiter unten auf den Bäumen des lichten Hocheichenwaldes. Nicht, dass dieser nur aus Eichen bestand, aber es waren auffällig viele und besonders hohe Exemplare dort zu finden. Sonst gab es noch jede Menge Fichten und Tannen, einige Rotbuchen und Faulbäume. Bei letzterem handelte es sich allerdings eher um einen Strauch, der überall im Überfluss wuchs und deshalb von den Moosfliegern vielseitig verwendet wurde. Beeindruckend waren die riesigen Moosflächen, die sich zwischen den Bäumen erstreckten. Hier tauchten die Bäche aus dem Hinterland wieder auf, teilten sich in zahllose Rinnsale auf und sorgten so für vielfältiges Leben und fruchtbare Ebenen.

In die hohen Eichen bauten die Moosflieger ihre gigantischen Mooskugeln. Als Gerüst dienten die Ruten des Faulbaumes. Frisch geerntet stanken seine Zweige faulig, doch sie waren extrem biegsam und der Geruch verflüchtigte sich schnell. So war es ein Kinderspiel daraus eine Kugel mit etwa neunzig Eichellängen Durchmesser zu formen. Diese wurde dann in der Krone einer Eiche befestigt. Jedes Mitglied der Familie hatte seinen eigenen Bereich, dazu wurden Grasteppiche geflochten, die dann von der Decke der Mooskugel, an Schnüren aus Elefantengras hingen. So schwebten die Zimmer frei im Raum, vollkommen ungeeignet für nicht schwindelfreie Waldbodenbewohner. Die Moosflieger dagegen lebten gerne so, weil sie einigermaßen passable Flieger waren und vor allem gute Kletterer. Die Räume waren deshalb durch Strickleitern miteinander verbunden. Jede Moosfliegerfamilie wohnte in so einer Kugel.

Sikko stand immer noch am Eingang der Mooskugel. Die friedlich wirkende Stille wurde plötzlich durchbrochen, als das Warnsignal des Bergantilopenhorns erklang.

Der Baummarder sah sich angstvoll um und suchte eiligst das Weite.

Sikkos Gehör hatte sich also nicht getäuscht.

Alle Bewohner des Eichenwaldes wussten nun, dass etwas Schreckliches passiert sein musste.

Den Moosfliegern konnte normalerweise so schnell nichts etwas anhaben. Das Moos, das sie überall umgab, beinhaltete einen Stoff, der unsichtbar machte und sie damit vor neugierigen Augen und Feinden schützen konnte. Genauer gesagt war es der weiße Staub der winzig kleinen Blüten, die Ende Mai den ganzen Hocheichenwald verzauberten.

Ein Moosflieger der ersten Generation in der Hochebene des Mooslandes namens Harry hatte das seltsame Phänomen nur durch Zufall entdeckt. Er stand inmitten des Blütenmeeres, als ein plötzlicher Windstoß ihm den Blütenstaub ins Gesicht trieb. Zum Entsetzen der anderen Moosflieger war mit einem Mal sein Kopf verschwunden, was doch sehr merkwürdig aussah. Es dauerte zwei Tage, bis er wieder sichtbar wurde. Die ganze Zeit jammerte und quasselte Harry ununterbrochen vor lauter Verzweiflung und Aufregung. Er zog die unmöglichsten Grimassen und brach sogar ab und zu in Tränen aus. Das war natürlich für keinen zu sehen. Nur seine Stimme war in einem Fort zu hören, was die Situation nur noch bizarrer machte. Zum Glück waren Moosflieger keine religiösen Fanatiker, oder glaubten gar an böse Geister. Sonst hätten sie ihn vielleicht auf der Stelle gelyncht. Hinter das Geheimnis wären sie dann allerdings nie gekommen. Sobald die Neugier über die Angst siegte, begannen sie ihn näher zu untersuchen. Sie tasteten seinen unsichtbaren Kopf ab und da sich alles so anfühlte wie es sein sollte, fingen sie an, abzuwarten. Reihum wurde Harry beobachtet und als er nach zwei Tagen wieder unbeschadet sichtbar wurde, versuchte es ein anderer mit seiner Hand. Das war nun nicht ganz so gruslig, eher praktisch. So glaubte zumindest dieser und versuchte hinter dem Rücken seiner Frau ein Glas des leckeren Beerenkompottes aus dem Vorratsregal zu stibitzen. Dafür fing er sich eine ordentliche Ohrfeige ein, weil sein Kopf und auch der Arm, der zu der Hand gehörte, ja weiterhin sichtbar geblieben waren.

Sie führten noch wochenlang Experimente durch, bis der Blütenstaub verweht war. Selbstverständlich waren die Moosflieger so schlau, einige von den kostbaren Staubkörnchen in Ledersäckchen aufzufangen. Jede Familie durfte eines mit nach Hause nehmen, den Moosstaub aber nur im Notfall benutzen. Wenn aufkam, dass jemand Unfug damit trieb, musste er sein Säckchen beim Moosfliegerrat abgeben und nahm damit in Kauf, dass seine Familie für ein Jahr schutzlos war bis zur nächsten Moosblüte.

Ein weiterer Warnton des Antilopenhornes war zu hören. Das bedeutete, die Gefahr war nicht durch Moosstaub in den Griff zu kriegen. Es gab nur zwei Dinge, die in Frage kamen und das waren die Axt der Moosriesen, wenn sie zum Bäume fällen in den Wald kamen und Feuer. Letzteres kam kurz nach Sonnenaufgang bedrohlich näher. Die Vögel waren verstummt, kaum dass sie ihr erstes Lied angestimmt hatten und dann brachen die Herden durchs Dickicht. Unaufhaltsam nahm die Katastrophe ihren Lauf. Als Sikko erneut nach draußen blickte, tauchten die Flammen am Horizont auf. Mit rasender Geschwindigkeit trieb der Wind sie in ihre Richtung.

„Schnell wir müssen fliehen! Kilpa geh zu deiner Mutter, Pami zu mir.“ Ruhig, aber sehr bestimmt gab der Vater die Kommandos. Jola packte eilig ein paar Vorräte zusammen und drückte jedem einen Rucksack und zwei kleine Ledersäckchen in die Hand. Und schon kletterte die Familie nach draußen. Pami prüfte die Windrichtung. Sie flog los, Richtung Südosten den Herden hinterher. Der Vater folgte ihr, dann kam Kilpa und zum Schluss Jola.

2.

Aus dem Wind war inzwischen ein richtiger Sturm geworden, was das Fliegen nicht gerade erleichterte. So kämpften sie sich vorwärts in Richtung des großen Waldes, eine gefährliche Gegend jenseits der Grenzen Mooslands. Keiner sprach ein Wort. Der ganzen Familie war klar, dass sie im Begriff waren, ihr Zuhause zu verlieren. Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet und die Augusthitze war nur im Wald erträglich gewesen. Die angrenzende Steppe mit dem Elefantengras war bereits vollkommen ausgedörrt. Das Feuer würde also genug Nahrung finden, um sich gierig durch das Land zu fressen.

„Halt!“, die Stimme kam von der hohlen Kiefer, die vor Pami auftauchte. „Ihr fliegt in die falsche Richtung! Meine Oma schickt mich, euch alle zu warnen!“

„Hey Kalei, jetzt ist keine Zeit für deine Märchen, komm mit uns, wir müssen weg vom Feuer.“ Sikko hatte ihn gleich erkannt. Kalei war der Enkelsohn der alten Nora und die war etwas wunderlich, sah Dinge, die sonst niemand sah. Von den meisten wurde sie nur belächelt. Doch gerade die Älteren verehrten sie, weil sie durch ihre Visionen schon manches Unheil vorhergesagt hatte.

Kalei blieb unerbittlich: „Ihr müsst nach Südwesten, so glaubt mir doch“, flehte er. „Ihr sollt zur großen Eiche, nur da seid ihr in Sicherheit, hat meine...“

„Aber der Wind kommt von Norden und treibt das Feuer direkt auf unseren Eichenwald zu. Ich habe das überprüft, bevor wir losgeflogen sind!“, fiel Pami ihm ins Wort. „Schau doch, die Tiere, sie fliehen alle nach Osten! Wieso solltest du es besser wissen?“

„Meine Oma hat es gesehen! Der Wind wird sich drehen, der Eichenwald wird verschont bleiben. Der Sturm wird das Feuer zum Heulensee treiben.“

„Wann hat sie das gesehen?“, fragte Jola.

„Letzte Nacht, sie hatte wieder eine ihrer Visionen. Es war schrecklich, sie hat so geschrien. Heute Morgen ist sie dann gleich auf Lotte los geritten Richtung Berge.“

„Richtung Berge, wieso das denn?“, fragte Sikko.

„Von dort kommt das Feuer“, antwortete Kalei. „Irgendjemand hat es angezündet, um die Wildpferde einzufangen. Doch dann ist wohl alles außer Kontrolle geraten. So hat Oma es gesehen. Sie wollte es noch verhindern, deshalb ist sie ganz früh aufgebrochen. Als das Horn ertönte, wusste ich, dass es schon zu spät gewesen sein musste. Deshalb bin ich gleich los.“

„Und sie hat wirklich gesehen, dass der Wind sich dreht und wir nach Westen fliehen sollen?“ Jola sah Kalei sehr eindringlich an.

„Ja, doch! Oma hat gesagt, wenn sie es nicht rechtzeitig schafft, soll ich euch alle warnen und unbedingt zur großen Eiche schicken.“

„Wir haben keine Zeit mehr“, kam die mahnende Stimme von Sikko. „Wir müssen uns jetzt entscheiden!“

„Ich glaube ihm!“, sagte Jola. „Ich vertraue den Visionen seiner Oma. Doch wie wird sie sich selbst vor dem Feuer retten können?“, wandte sie sich nun an Kalei. „Sie ist schließlich nicht mehr die Jüngste!“

„Aber sie hat doch Lotte“, lächelte Kalei, „die ist schnell, wie keine andere!“

„Wer ist Lotte?“, fragte Kilpa, der bisher kein Wort herausgebracht hatte, seit sie die Mooskugel verlassen hatten.

„Lotte ist ein Wildpferd und was für eins“, meinte Pami. „Da hat Kalei schon recht, wenn es ein Pferd schafft, dann Lotte. Also was nun?“ Pami sah fragend in die Runde. „Osten oder Westen?“

Unter dem flehenden Blick von Kalei tönte es einstimmig: „Westen!“

„Das wäre entschieden, nun aber los. Kalei kommst du mit uns?“, fragte Sikko.

„Nein ich muss noch Ausschau halten nach den anderen Familien. Ich habe es Oma versprochen!“

„Aber vergiss nicht, dich selbst rechtzeitig in Sicherheit zu bringen!“, ermahnte ihn Jola.

„Keine Sorge, ich bin fast so schnell wie Lotte.“ Kalei grinste unverschämt.

„Angeber!“, maulte Pami. Im Stillen wäre es ihr jedoch deutlich lieber gewesen, wenn Kalei sie begleitet hätte. Sie kannte seine draufgängerische Art nur zu gut.

Die Familie brach auf und flog weiter Richtung Westen.

Eng aneinander gedrängt kämpften sie gegen den Sturm, immer weiter, Richtung große Eiche. Diese lag im Zentrum des Hocheichenwaldes und galt als eine Art Heiligtum.

„Bleibt dicht zusammen!“, mahnte die Mutter

Doch das sollte nicht lange gut gehen! Ein kräftiger Windstoß erfasste Kilpa und schleuderte ihn gegen einen Baum. Er rutschte den Stamm hinunter und landete genau auf den Hörnern einer Antilope, die gerade in wilder Panik in die Richtung rannte, aus der sie eben gekommen waren.

„Halt dich fest!“, schrie Jola. „Wir treffen uns bei der großen Eiche. Vertrau dem Geist der Zeiten, er wird dich...“

Die restlichen Worte der Mutter verhallten im Wind. Und überhaupt war das mit dem Festhalten gar nicht so einfach. Die Antilope war über ihre zusätzliche Last nicht besonders erfreut und versuchte Kilpa abzuschütteln. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihr das gelingen würde.

„Vertrau dem Geist der Zeiten!“ Die Stimme seiner Mutter klang in ihm nach. So schnell also brauchte er diesen Segen. Und er wusste doch so gut wie gar nichts über die Dinge, die ihm seine Mutter erklärt hatte. Wenn er doch nur all die Jahre ein kleines bisschen aufmerksamer gewesen wäre. Sie glaubte an diesen Geist, der im Wind und auch im Wasser präsent war.

Man sagt, dass er von der ewigen Quelle, hoch in den Bergen ausgeht. Deren Ursprung hatte jedoch noch nie ein Bewohner Mooslands gesehen. Gut, irgendwo musste das Wasser ja herkommen. Das leuchtete Kilpa ein. Aber, dass es eine Verbindung zwischen ihrer großen Eiche und der ewigen Quelle geben sollte und dass der Geist der Zeiten alles bewegte, das konnte und wollte Kilpa nicht begreifen. Seine Mutter vertraute fest auf die Kraft dieser übernatürlichen Mächte. Sie würden die Moosländer beschützen! Das hatte sie immer wieder betont. Doch wo blieb die Hilfe? Jetzt, da er sie dringend brauchte! All die guten Wünsche und der Segen schienen wie vom Wind weggeblasen.

Die Antilope ging nicht gerade sanft mit ihm um. Er wurde ordentlich durchgeschüttelt. Inzwischen waren sie schon weit abgekommen vom Weg zur großen Eiche. Ehe er sich versah, hatten sie den Hocheichenwald verlassen und waren in die Moosebene hinausgelangt. Kilpa hielt sich tapfer auf dem Rücken des Tieres und sah sich um. Alles war in Bewegung, Hasen, Rehe, große Krähenschwärme und ein Bussard hoch am Himmel.

Der Geruch des Feuers stieg in Kilpas Nase. Er war jetzt irgendwie froh, dass die Antilope so schnell war. Wenn es doch bloß nicht die falsche Richtung gewesen wäre! Hatte Kalei recht, dann ritt er direkt vor dem Feuer her.

Kein Geist! Keine Hilfe! Also musste er sich selbst etwas einfallen lassen. Er benötigte unbedingt einen Vorsprung, um gefahrlos die Route ändern zu können. Vor ihnen tauchten bereits die ersten Bäume des großen Waldes auf und das Gelände begann steil nach unten abzufallen. Schon hatten sie die Grenze von Moosland erreicht. Hier würde er sich gar nicht mehr auskennen. Also musste der Abstand zum Feuer genügen. Der beißende Geruch des Rauches war glücklicherweise etwas schwächer geworden.

Kilpa beschloss sein Reittier freiwillig zu verlassen. Er wollte zurück zur großen Eiche, zurück zu seiner Familie! Vor seinen Augen tauchte eine Fichte mit weit herunterhängenden Ästen auf. Wenn er den niedrigsten erreichen würde, dann könnte er sich daran festhalten und hochschwingen. Gedacht, getan! Als die Antilope auf den Baum zu trabte, wagte er den Sprung nach oben und bekam einen kräftigen Ast zu fassen. Er spürte einen Ruck und einen reisenden Schmerz in der rechten Schulter.

„Aua, so ein Mist!“ schrie Kilpa. „Jetzt ist der dumme Rucksack auch noch weg!“

Etwas hilflos am Ast baumelnd sah er seinem Proviant hinterher, wie dieser am Gehörn der Antilope hängend um die Ecke verschwand. Er bündelte seine ganze Kraft und schwang mit den Beinen hin und her. Auf diese Weise holte er sich den nötigen Schwung. Wenige Sekunden später saß er obenauf und war erst einmal froh, sicheren Halt gefunden zu haben. Zwar konnte ihn das dumme Vieh nun nicht mehr abwerfen, aber vor den Flammen war er noch lange nicht in Sicherheit und der Weg zur Eiche sehr weit.

Zusätzlich tat ihm die Schulter weh. Er tastete sie vorsichtig ab. Es schien noch alles dran zu sein, aber eine nicht unerhebliche Zerrung war es allemal. Das konnte er jetzt gerade gar nicht brauchen. Zum Glück hatte er die beiden Säckchen, die die Mutter verteilt hatte in die Jackentasche und nicht in den Rucksack gesteckt. In einem der Lederbeutel war jener kostbare Moosblütenstaub und im anderen dunkles Strahlenmoos aus dem Eichenwald. Dies wirkte entzündungshemmend und kühlend. Er zog die Jacke aus und legte die feuchte grüne Pflanze auf seine Schulter. Sofort lies der Schmerz nach. Dann zog er die Jacke vorsichtig wieder darüber.

Kilpa sah sich um. Welche Richtung sollte er einschlagen? Das Feuer war tückisch und kam jetzt von zwei Seiten auf ihn zu. Es war schon wieder bedrohlich nähergekommen. Er musste sich schnell entscheiden, also flog er über ein endlos erscheinendes Dickicht und gelangte dabei unbewusst immer tiefer in den großen Wald hinein. So ein Mist, das war genau die Richtung, in die er so ganz und gar nicht wollte.

Vollkommen anders sah hier alles aus. Dicht drängte sich Fichte an Fichte. Sehen konnte Kilpa nur wenig. Er flog so lange, bis er an eine etwas lichtere Stelle kam. Dabei entdeckte er ein paar Kaninchen, die unten vorbeiliefen. „Also dann, zu Fuß weiter! Die Langohren haben bestimmt gute Spürnasen. Sieht aus, als liefen sie Richtung See, da muss ich hinterher, nur raus aus dem großen Wald“, dachte Kilpa, dem die fremde Gegend nicht geheuer war. Er landete auf dem weichen Waldboden und rannte so schnell er konnte. Eine Weile hielt er gut Schritt, dann ging ihm langsam die Puste aus. Die Kaninchen entschwanden aus seinem Blickfeld und er war allein.

„Ich schaffe das!“, sprach er sich selbst Mut zu und lief weiter.

Die Gegend wurde zunehmend steiler und er musste immer häufiger um ein Dornengestrüpp herumlaufen. Dies kostete ihn wahnsinnig viel Zeit, also flog er lieber wieder.

Das Feuer hatte er jetzt ein gutes Stück hinter sich gelassen und die Richtung zum Wasser stimmte seinem Gefühl nach. Er kletterte wieder auf einen Baum, um sich einen Überblick zu verschaffen. Puh, er hatte es fast geschafft, bald lag der große Wald hinter ihm. Innerhalb Mooslands Grenzen fühlte er sich deutlich sicherer. Vor ihm lag der Heulensee. Er schimmerte zwischen den Bäumen hindurch. Dies war der unterste Teil von Moosland. Der See war vom Hocheichenwald nur über den Grashügeldamm zu erreichen und normalerweise kein geeigneter Aufenthaltsort für ihn. Wasser oder gar Schwimmen war für Moosflieger nichts. Doch heute schien es ihm die einzige Rettung. Also flog er weiter. Schon wurden die Bäume lichter und er konnte die sumpfige Schilfzone mit ihren mächtigen Sandbirken und den erheblich kleineren Trauerbirken erkennen. Sicher würde es gefährlich sein auf diesem Wege weiterzugehen. Auf dem schlüpfrigen Untergrund kam man kaum vorwärts und die hohe Luftfeuchtigkeit erschwerte das Fliegen erheblich. Doch Kilpa war unerlaubterweise schon öfter im Bereich des Uferstreifens gewesen, allerdings bisher nur von der Moosebene aus und noch nie von der Seite des großen Waldes. Er hatte gelernt, sich die Birken, die am Rand der Zone standen, zu Nutze zu machen. Ihre ausladenden Äste waren wunderbar dazu geeignet, sich von Baum zu Baum zu hangeln. Das ging jedoch nur bei den niedrigen Trauerbirken, da die Sandbirken an ihren einjährigen Trieben mit klebrigen Harzdrüsen versehen waren. Daran war er einmal hängen geblieben, als er das erste Mal am Heulensee unterwegs gewesen war. Nur mit Mühe gelang es ihm damals, sich zu befreien. Er hatte daraus gelernt und war inzwischen geübt im Suchen und Finden von geeigneten Bäumen und Ästen.

So landete er sicher auf einem der Grashügel in der Nähe des Ufers.

Die erste Hürde war geschafft. Jetzt musste er nur noch zurück über die Moosebene, dann könnte er fast zeitgleich mit den anderen bei der großen Eiche eintreffen. So dachte er zumindest. Doch er sollte sich geirrt haben.

3.

In der Richtung, in die er wollte, wurde eine riesige Staubwolke sichtbar, oder war das der Rauch? Richtig! Kalei hatte ja gesagt, dass das Feuer direkt zum Heulensee ziehen würde, wie hatte er das nur vergessen können. Gehetzt sah er sich um! Jetzt kam auch noch ein donnerndes Geräusch dazu. Was zum Geier? Und dann sah er sie! Die Herde der Dreihornmufflons! Sie kam über den Grashügeldamm, mitten durch die Moosebene, die einzige Verbindung zwischen Eichenwald und dem See. Demnach waren die Flammen nun schon bis dorthin gelangt. Sein Rückweg war abgeschnitten! Mist!

Wohin sollte er? Ihm blieb keine Zeit zum Nachdenken! Nur weg, egal wohin!

Mit dem spitzen Horn der Mufflons, das mittig zwischen den zwei anderen herausragte, wollte Kilpa auf keinen Fall in Berührung kommen.

Man erzählte sich in den Wäldern von der besonderen Weisheit und der Sanftmut der Tiere in dieser Gegend. Eine Legende besagte, dass einmal eines dieser Mufflons einem Einhorn das Leben rettete. Zum Dank hatte dieses ihm sein Horn geschenkt. Seitdem wächst bei jeder Generation der blitzweiße Spies aus der Stirn.

Die Tiere kamen schnaubend immer näher und von ihrer Sanftmut fehlte jede Spur.

Der Wind heulte und fegte um die Ecken, als ob ihn das nahende Feuer zornig gemacht hätte.

Kilpa versuchte zu starten. Eine besonders starke Böe brachte ihn jedoch komplett aus dem Gleichgewicht. Fast wäre er in die alte Weide geflogen, die ihre Zweige gefährlich ausladend in den Wind hängte. Er zog den Kopf ein und riss den rechten Flügel leicht nach oben. Eiligst landete er dann trudelnd und etwas ungeschickt direkt am Wasser des Heulensees. Er keuchte auf und sah sich unsicher um. Die Herde würde ihn unweigerlich mitreißen! Doch was tut ein Moosflieger, wenn er die Wahl hat zwischen Ertrinken und zertrampelt werden? Moosflieger meiden das Wasser, sie können nämlich nicht schwimmen und wenn ihre Flügel richtig nass werden stürzen sie ab und gehen unter, wie ein Stein.

Er musste sich dennoch jetzt entscheiden!

Mit einem Senkrechtblitzstart, der ihm bestimmt ein dickes Lob bei seinem Fluglehrer Arpox eingebracht hätte, rettete Kilpa sich auf das offene Wasser. Er wusste genau, dass bei diesem Wetter der See nur neue Gefahren für ihn bereithielt. Doch was blieb ihm schon übrig, die Herde trampelte alles in wilder Panik nieder, was in der Fluchtlinie lag. So musste er einfach den riskanten Flug hinüber zur kleinen Felseninsel wagen, die ungefähr 100 Meter vor ihm aus dem See ragte.

Die Wellen des Heulensees peitschten im Wind hin und her. Schwarz und düster kamen sie der Flugbahn des Moosfliegerjungen gefährlich nahe. Kilpa kämpfte trotzdem tapfer weiter. Er wusste genau, würden ihn die Wellen erst einmal erreichen, so wäre er verloren. Sein Volk war stark und so leicht gab ein Moosflieger sich nicht geschlagen. Das hier jedoch ging nun wirklich an die Grenzen seiner Kräfte. Seit heute Morgen war er nur auf der Flucht, stets mit der Angst im Nacken, vom Feuer verschlungen zu werden. Jetzt reichte es ihm! Hinzu kam noch die abrupte Trennung von seiner Familie und das Wissen, nun ganz auf sich selbst gestellt zu sein.

Er konnte und wollte nicht mehr. Einfach aufhören mit den Flügeln zu schlagen und alles wäre vorbei.

Doch dann sah er ihn, den Heulenstein. Düster ragte er aus dem Wasser! Kilpa jedoch kam er wie ein strahlender Stern vor, der ihm die Rettung wies. Der Heulenstein war ein Felsmassiv auf der kleinen Insel in der Mitte des Heulensees. Der Moosflieger biss die Zähne zusammen und kämpfte sich die letzten Meter vorwärts. Ein erneuter Windstoß kam diesmal von unten, schleuderte ihn nach oben und ließ ihn dann einfach fallen. Er verlor jeglichen Halt in der Luft und stürzte in die Tiefe. Ein schwarzer Schlund tat sich unter ihm auf. Na, wenigstens kein Wasser dachte Kilpa noch, dann krachte er gegen harten Stein und blieb benommen liegen.

Vorsichtig bewegte er die Beine, es schien alles in Ordnung zu sein. Sein Schädel tat ihm weh. Bildete sich da etwa eine kleine Beule? Er rieb sich die schmerzende Stelle und lauschte dem wilden Pochen in seiner Brust. Das war knapp gewesen.

Wo war er eigentlich genau gelandet? Die hellbraunen Locken hingen ihm wirr und feucht ins Gesicht und verdeckten den Blick auf seine neue Umgebung. Energisch strich er sich eine besonders widerspenstige Haarsträhne zur Seite und sah sich vorsichtig und etwas ängstlich um.

Er befand sich tatsächlich im Krater des Heulensteins, stellte er erleichtert fest. Der Boden, auf dem er saß, war trocken, die Wände tiefschwarz mit silbernen Fäden durchzogen, die sich ab und zu in einer unübersichtlichen Vertiefung verloren. Kilpa war jedoch ausnahmsweise nicht in Stimmung, in so ein Loch hineinzugreifen. Sonst war nichts Aufregendes zu entdecken. Er atmete tief durch. Seine Anspannung lies langsam nach. Also machte er es sich bequem, soweit das möglich war. Seine Flügel hatten die Anstrengung unbeschadet und weitgehend trocken überstanden.

Die zahllosen Federn schillerten in vielen Grün- und Brauntönen, wie bei allen Moosfliegern. Einige dunkelviolette Kinder-Federn besaß er noch, was mit dreizehn Jahren völlig normal war, sie würden erst im Alter von achtzehn alle ausgefallen sein.

Behutsam legte Kilpa seine Flügel am Rücken an und strich sie mit den Händen glatt. Gute Gefiederpflege war wichtig und konnte ihm unter Umständen das Leben retten, wenn er plötzlich starten musste. Er rieb sich seine von Wasser und Wind geplagten Augen. Sie waren von einem hellen, klaren Blaugrün, als ob sich ein Wasserfall darin spiegelte, so schwärmte zumindest immer seine Mutter. Kilpa quittierte das stets nur mit einem Augenrollen. Mütter können manchmal so was von peinlich sein! Doch was gäbe er jetzt dafür, bei ihr und seiner ganzen Familie sein zu können. Kilpa seufzte und gab sich erst einmal damit zufrieden vor Wasser, Feuer und Dreihornmufflons in Sicherheit zu sein.

Die Beule an seinem Kopf wurde immer größer. Er kramte in seinen Taschen nach dem Strahlenmoos. Das war heute scheinbar sein wichtigster Besitz. Er legte einen Teil auf seine schmerzhafte Schulter und kühlte mit dem Rest die Schwellung am Kopf. So zum Nichtstun verdonnert, döste er ein wenig vor sich hin. Seine Gedanken wanderten.

Der Heulensee und seine Umgebung war kürzlich Thema gewesen in einer Schulstunde. Gut, dass er in Heimatkunde aufmerksam gewesen war, als der Lehrer eine Karte des Sees und seiner Insel mit allen Details gezeigt hatte. Die Mulde an der Spitze des Heulensteins, in der er jetzt saß, war ihm in Erinnerung geblieben, weil die Klasse in der Pause darüber eifrig debattiert hatte. Die unspektakuläre Erklärung des Lehrers, dass sich dort seit Jahrzehnten nur noch das Regenwasser sammeln würde, war der Klasse entschieden zu langweilig gewesen. So gingen die Theorien in alle Richtungen. Ein Vulkan könnte dort im Innern brodeln und demnächst zum Ausbruch kommen und den ganzen Heulensee vernichten, mutmaßten die einen.

„Das ist der Kochtopf der Moosriesen, die kochen in den heißen Quellen ihr Fleisch“, witzelte ein anderer. „Vielleicht ist das der Zugang zu einem Schatz“, träumten ein paar Abenteurer und man beschloss, auf alle Fälle die Sache einmal näher zu untersuchen. Bis jetzt war aber nie etwas daraus geworden. Sämtliche Moosfliegereltern wären sofort auf die Barrikaden gegangen, hätten sie von den Plänen ihrer Kinder auch nur etwas geahnt. Nun jetzt konnte er ganz genau berichten, wie es hier aussah und bestrafen würde ihn dafür auch niemand. Dass er hier gelandet war, ist ja nun wirklich nicht seine Schuld gewesen. Trotzig schob er das Kinn nach vorne, rappelte sich auf, kletterte nach oben und blickte sehnsuchtsvoll zum sicheren Ufer.

Viel war ja nicht zu erkennen. Der See lag wie so oft in grauem Nebel und verbarg viele Geheimnisse und fremdartige Wesen in sich. In der Schule hatten alle Moosfliegerkinder gelernt, sich deshalb von ihm fernzuhalten. Es gab immer nur Warnungen, aber keine plausiblen Erklärungen. Die Gesteinsschichten und die Ufervegetation, ja die waren wichtig und wurden bis ins Detail besprochen, ebenso Frösche, Lurche und die zahllosen Fischarten. Aber die wirklich interessanten Bewohner des Heulensees blieben unerwähnt. Kilpa war mit solchen Unterrichtsstunden äußerst unzufrieden.

Der Einzige, der einmal Genaueres erzählt hatte, war sein Großvater gewesen. Er hatte ihm von merkwürdigen Wesen, die im See unter Wasser lebten, berichtet. Schillernde Haut in blau und violett hätten sie, Größe und Statur ihre Größe und Struktur waren ähnlich wie die der Moosflieger, nur dass die Flügel als eine Art Schwimmflossen dienten. Kilpa war total aufgeregt und wollte diese Wesen unbedingt kennenlernen. Als sein Großvater dann sogar vorschlug, mit Kilpa zum See zu gehen, war seine Mutter stinksauer gewesen und hatte mit Opa aufgeregt getuschelt. Dieser hatte dann sehr schuldbewusst in den Boden geschaut, mit den Schultern gezuckt und gemeint, dass das früher alles normal gewesen wäre. Mama hatte nur gemeint, Opa würde übertreiben, diese Wesen entsprängen seiner Fantasie und Kilpa möge die Geschichte nicht überbewerten. Einige Tage später hatte ihm der Großvater heimlich ein paar Bilder der Wesen zugesteckt und dazu verschwörerisch gelächelt.

„Du musst ja schließlich wissen, was dich am See erwartet“, hatte er gemeint. So gab es vieles in Moosland über das nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Kilpa konnte diese ganze Geheimniskrämerei überhaupt nicht verstehen. So beschloss er ziemlich oft den Dingen selbst auf den Grund zu gehen, vor allem den unheimlichen Geschichten, die man sich im Hocheichenwald vom See erzählte. Gefahr und Abenteuer zogen ihn magisch an. Schon ein paar Mal war er unerlaubterweise hier gewesen. Etwas wirklich Interessantes oder Gefährliches hatte er bisher nicht zu Gesicht bekommen. Vielleicht könnte das heute ja anders sein.

Kilpa kletterte wieder nach unten und sammelte vorsorglich das Strahlenmoos ein. Wer weiß, wie oft er es heute noch brauchen würde. Die Beule war auf jeden Fall deutlich kleiner geworden.

Er seufzte und sehnte sich zurück nach den fröhlichen und friedvollen Minuten des heutigen Morgens. Kilpas Tag hatte doch so gut begonnen und nun war er im Begriff alles zu verlieren, was ihm lieb und wichtig war. Wie ging es seiner Familie? Welchen Schaden würde das Feuer in Moosland anrichten?

Er liebte seine Heimat über alles, die hohen Gebirgsketten im Hinterland, die endlosen Weideflächen mit dem hohen Elefantengras davor und dann seinen Wald mit den vielen prächtigen Eichen. Welche Teile davon brannten bereits? Was würde nie mehr so wie vorher sein? Hatten sie überhaupt noch ein Zuhause? Er musste einfach dringend zu seiner Familie. Seine Mutter würde sich bestimmt große Sorgen machen und Pami, die rastete komplett aus.

Was war jetzt mit dem Geist der Zeiten? Auf ihn sollte er doch vertrauen. Anstatt Kilpa zu helfen, schien er eher alles noch schwieriger zu machen. Kilpa seufzte.

Wie konnte es sein, dass jemand bei dieser Trockenheit ein Feuer legte. So dumm durfte niemand sein. Oder so gierig? Seine Gedanken rasten wütend und verzweifelt über ihn hinweg. Die Wildpferde waren frei. Sie gehörten niemandem, nur sich selbst. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Die alte Nora hatte vor ein paar Jahren ein verlassenes Fohlen am Fuß der Berge entdeckt. Von der Mutter fehlte jede Spur. Das arme, kleine Wesen wäre allein dem sicheren Tod ausgeliefert gewesen. Wildpferde ließen ihren Nachwuchs nie ohne zwingenden Grund im Stich, das wusste Kilpa. Was auch immer geschehen war, meist hatten die grässlichen Moosriesen ihre Finger im Spiel. Und jetzt hatten sie mit diesem Feuer seine Heimat und vor allem seine Familie in Gefahr gebracht. Wie er sie hasste. In Kilpas Kopf purzelten eine Vielzahl an Überlegungen vollkommen durcheinander.

Darüber hätte er fast vergessen, dass er ja immer noch im Loch des Heulensteins steckte. Brandgeruch erreicht seine Nase und zwang ihn erneut, über seine Lage nachzudenken. Er richtete sich auf und schaute vorsichtig von der Spitze des Hügels hinüber zum Ufer. Die Herde war schon um die nächste Biegung und er hörte nur noch das Getrappel in der Ferne. Dieser Staub wollte sich einfach nicht legen und es zog ein beißender Geruch herüber, der Kilpa erst einmal einen gewaltigen Hustenanfall bescherte. Schnell zog er sich zurück in seine schützende Höhle. Mit blankem Entsetzen kam ihm jetzt die Erkenntnis, was er da eigentlich gerade gesehen hatte. Das Feuer! Es war wieder viel näher und hatte die Herde so in Panik versetzt. Erschrocken sah er hinüber zum Ufer. Tatsächlich, hinter den Bäumen leuchteten die Flammen schon hervor und bahnten sich eine Schneise zum Ufer. Wie gut, dass der Wind die grelle Gefahr nahezu am See vorbeitrieb, zum Land der Moosriesen. So konnte sich das Feuer wenigstens nicht weiter im Wald und auf der Moosebene ausbreiten. Kalei hatte also doch recht gehabt, bzw. seine Oma, die alte Nora. Der Wind hatte sich gedreht. Doch momentan war dies leider schlecht für Kilpa. Der Rauch war viel hartnäckiger als die Flammen, legte sich immer tiefer aufs Wasser und trieb direkt zur Insel herüber. Kilpa bekam kaum noch Luft.

Jetzt musste dringend eine Idee her. Der kleine Moosflieger zerbrach sich den Kopf. Wieder hinaus in den Sturm? Um erneut zu fliegen, war die Erholung viel zu kurz gewesen und der Wind tobte unverändert über ihm. Er musste raus hier, und zwar schnell. So sprang er aus dem Loch, ehe der Rauch die Öffnung ganz versperren konnte. Die Luft war unerträglich geworden. Kilpa drohte zu ersticken, auch konnte er die Hand nicht vor Augen sehen. Er geriet ins Rutschen und kullerte heftig hustend den Heulenstein hinunter. Unten angekommen tat ihm zwar jeder einzelne Knochen und vor allem wieder die Schulter weh, aber er konnte besser atmen. Der Qualm schwebte nun über ihm. Kilpa rannte los, weg vom Feuer in Richtung anderes Ufer. Moosflieger sind kleine Leute und da Kilpa noch nicht ganz ausgewachsen war, kam er gut unter der grauen Decke hindurch. Schneller als ihm lieb war, hatte er das andere Ufer erreicht. Jetzt musste schon wieder eine neue Idee her. Doch das Glück war auf seiner Seite.

Er lief direkt auf einen etwas klapprigen Holzsteg zu, an dessen Ende sich ein kleiner Anleger befand. Dort war ein alter Kahn befestigt, mit zwei Rudern im Innern. Gemächlich schaukelte dieser im Wasser hin und her, vollkommen unberührt von der nahenden Katastrophe. Das friedliche Bild täuschte. Langsam, aber unausweichlich senkte sich der graue Dunst zu Kilpa hinunter. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit. Das Boot schien fahrtauglich zu sein. Nun, Begeisterung rief dieser Fluchtweg bei dem Jungen nicht gerade hervor. Schon wieder Wasser! Und diesmal nicht darüber hinweg, sondern mitten rein? Heute blieb Kilpa gar nichts erspart! Der einzige Rettungsweg ging ab hier wohl nur noch mitten durch den See.

Er blickte noch einmal zurück und sah, wie sich die Ausläufer des Feuers unaufhaltsam näherten. Seufzend band er die Leine des alten Kahns los und sprang hinein.

4.

Das Boot geriet gefährlich ins Wanken und Kilpa wäre beinahe über Bord gegangen. Im letzten Moment bekam er eine der Querplanken zu fassen. Als er das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, sah er sich zitternd um. So nah war er dem Wasser noch nie gewesen, was ihn nicht gerade zuversichtlich stimmte. Der Kahn trieb bereits auf den See hinaus, ehe der Junge auch nur eine Ahnung davon bekam, wie er die Kontrolle über das Boot erlangen könnte. Der Rand war viel zu hoch und die Ruder zu lang. Dieser schwimmende Kasten war ganz klar für größere Lebewesen gemacht, keinesfalls für Moosflieger. Erschwerend kam hinzu, dass er auf dieser Seite des Sees noch nie gewesen war. Das Boot trieb immer weiter hinaus auf das offene Wasser, aber wenigstens weg vom beißenden Geruch des Feuerqualms. Kilpa kletterte auf den Sitz, um endlich etwas sehen zu können, dabei schlotterten ihm gehörig die Knie. Der Kahn wollte einfach nicht stillhalten, was wohl vor allem an den starken Windböen lag, die das Wasser unruhig hin und her trieben. An die vielen Wesen, die dort unten im See lauern könnten, wollte er lieber gar nicht denken.

„Nun reiß dich mal zusammen“, dachte er bei sich, „dass bisschen Wasser kann doch einen Moosflieger nicht erschüttern.“ „Wenn ich nur sehen könnte, wo das andere Ufer ist“, murmelte er vor sich hin.

„Ich könnte dir ja den Weg zeigen!“, klang eine oberschlaue Stimme aus der Tiefe. Kilpa zuckte zusammen und das Boot begann noch mehr zu schaukeln. Jetzt ging das schon los mit den Wesen.

„Was?“, rief er teils zu sich selbst, teils auf die trübe Oberfläche des Sees. „Jetzt höre ich schon Stimmen, ein Wunder wäre das ja nicht in dieser verlassenen und öden Gegend“, brummelte er.

„Hey, das ist hier immerhin mein Zuhause, das du da so runtermachst. Aber wenn du meine Hilfe nicht brauchst, dann schwimme ich eben weiter“, klang es eindeutig direkt neben dem Boot. Kilpa traute sich nicht über den Rand ins Wasser zu sehen, aus Angst der Kahn könnte doch noch kippen.