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In Johannas hüftvergoldetes Leben soll kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag endlich wieder die Liebe einziehen – doch gleich das erste Blind Date mit einer Internetbekanntschaft erweist sich als erotische Fehlbesetzung. Ungeliebt, vom Chef gefeuert und mit unfreiwilliger Familien-WG droht Johanna im Jammertal der Tränen zu versinken. Männliche Rettung naht gleich zweifach, und alles könnte so schön sein. Aber mit einem hat Johanna nicht gerechnet: ihrem Terminkalender.
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2014
Alexandra Gold
Moppel-Leben
(un)perfekt verliebt
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – Bitte mit Sahne
Kapitel 2 – Schwesterherz und Brause
Kapitel 3 – Mann o Mann
Kapitel 4 – Kann denn Ende Anfang sein?
Kapitel 5 – Geblendet im Schatten
Kapitel 6 – Panik im Gepäck
Kapitel 7 – Butter bei die Fische
Kapitel 8 – Wikinger und Puddingbeine
Kapitel 9 – Erst heiß, dann kalt
Kapitel 10 – Hoch die Tassen!
Kapitel 11 – KKK: Kuchen, Klamotten, Klatsch
Kapitel 12 – Frühstück bei Tiffy
Kapitel 13 – Schmetterlinge im Hasenstall
Kapitel 14 – Auf gute Geschäfte!
Kapitel 15 – Für Leib und Seele
Kapitel 16 – Morgenstund hat Stress im Mund
Kapitel 17 – Liebe geht durch den Magen
Kapitel 18 – Tierisch tierisch
Kapitel 19 – Heulen oder toben?
Kapitel 20 – Zeit ist. . . Liebe
Kapitel 21 – Jetzt wird’s ernst
Kapitel 22 – So viel Familie
Kapitel 23 – Inspirierend ist anders
Kapitel 24 – Schnepfe Deluxe und Dessert Surprise
Kapitel 25 - Überraschungen? Überraschungen!
Kapitel 26 – Alle unter einem Dach
Kapitel 27 – Jaaa!
Kapitel 28 – Showdown mit Schampus
Kapitel 29 – Happy Birthday!
Kapitel 30 – So ein Tag. . .
Impressum neobooks
„Du blöde Kuh!“
Rumms. Die Tür ist zu. Richtig zu. Sie ist so zu, dass der angestaubte Türkranz aus Lavendelblüten jetzt nicht mehr meine Tür, sondern Sockes Futternapf schmückt. Die ist daraufhin völlig verstört unter das Sofa geflüchtet, um dort eine Abreibung von Ludwig XIV zu kassieren, der diesen Platz als den seinigen beansprucht. Ich bin mir sicher, ich lebe in einem Irrenhaus. Um mich herum das totale Chaos, und die Zwangsjacke für meine Verabredung heute Abend ist auch noch nicht gebügelt.
Bis vor zwei Wochen war mein Leben noch normal, meine Wohnung in tadellosem Zustand, der Inhalt meines Kühlschranks gehörte mir allein und die Zahncreme hatte ihren Platz in der Tube und nicht in sämtlichen Ecken meines Badezimmers. Zum Verhängnis wurde mir ein kleines Wort: Ja!
Ich bin ein gutmütiges Schaf und ich war schon immer ein gutmütiges Schaf. Auch nur aus dem Grund konnte ich meiner älteren Schwester Linda kein Nein entgegenbringen, als sie mich fragte, ob ich für zwei Wochen ihre zwar drolligen, aber dennoch leicht verzogenen Kinder Wilko und Isgard und die noch verwöhnteren Katzen Socke und Ludwig XIV bei mir aufnehmen würde. Sie wollte mit ihrer neuen Liebe Michael ungestört Urlaub machen, um herauszufinden, ob ihre Schwingungen zusammen passen.
Ich konnte mir schon lebhaft vorstellen, welche Schwingungen da getestet werden sollten, sagte aber nichts. Linda hatte in meinen Augen schon immer einen kleinen Lattenschuss, aber ich mag sie trotzdem sehr. Ich stimmte also zu, und erst abends zu Hause wurde mir so richtig bewusst, auf was ich mich da eingelassen hatte. Kinder! Katzen!
Jetzt habe ich das Elend gleich in vierfacher Ausfertigung an den Hacken. Ich könnte mich in den (zugegebener Maßen) üppigen Hintern beißen, dass ich zurzeit extra nur noch halbe Tage arbeite, um die beiden Bratzen meiner Schwester während deren Abwesenheit gut zu versorgen. Mein Konto ist ohnehin alles andere als gut gefüllt und mein Chef war von meiner Bitte nach einer vorübergehenden Arbeitszeitverkürzung auch nicht begeistert. Zugestimmt hatte er aber trotzdem, denn schließlich bot sich dem alten Geizkragen dadurch die Möglichkeit, selbst Geld zu sparen. Linda hat für ihre Kids bei mir natürlich Kost und Logis zum Nulltarif gebucht, und so muss ich die zwei Kanaillen auch noch auf meine Kosten durchfüttern.
Ich komme mir vor wie eine Glucke. Morgens bringe ich Wilko und Isgard in den Kindergarten – der natürlich ökologisch, dynamisch und nach Lindas Meinung besonders gut ist – nachmittags übe ich mich als Katzen-Animateurin und verteidigte meine neue Couch gegen scharfe Krallen und spitze Zähne. Das alles ist mir bis jetzt zu meiner eigenen Verwunderung auch gut gelungen. Die Kinder sind satt, haben saubere Fingernägel und nur drei Löcher mehr in den Hosen als vorher. Auch die beiden Mini-Tiger habe ich recht gut im Griff, und bis auf eine zerfledderte Yucca-Palma muss ich keine größeren Verluste beklagen. Nur der Dispokredit meines Girokontos ächzt und stöhnt leise vor sich hin. Da werde ich in den nächsten Wochen meinen Gürtel deutlich enger schnallen müssen, was meiner sehr weiblichen und runden Figur sicher nicht schadet.
Mittlerweile haben sich die Wogen zwischen Küche und Wohnzimmer wieder geglättet. Wilko kann seiner jüngeren Schwester verzeihen, dass sie das letzte Stück vom Käsekuchen gegessen hat, und jetzt ist sie keine blöde Kuh mehr, sondern die liebe Isi, die mit ihm Autorennen spielt. Trotz ihres jungen Alters von gerade mal vier Jahren hat Isi schon den Kniff raus, wie man Männer schnell wieder besänftigt und für sich trotzdem das Optimale rausholt. Ein Stück Käsekuchen für zehn Minuten Autorennen ist sicher ein guter Deal.
Ab heute Abend können sie dann sowieso wieder die eigenen Kinderzimmer als Arena für ihre geschwisterlichen Streitigkeiten nutzen. Linda und Michael haben ihre Rückkehr für den späten Nachmittag angekündigt. Ich hoffe nur, dass sie pünktlich hier aufkreuzen, denn ich habe heute Abend eine Verabredung. Mit einem Mann. Genauer gesagt ist es ein Blind Date, denn wir kennen uns bisher nur über das Internet. Fotos haben wir noch nicht ausgetauscht, und da es bekanntlich keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt, will ich vorher zur Outfit-Kontrolle noch zu meiner besten Freundin Tiffy. Allein bei dem Gedanken daran, wie ich Rettungsringe und Reiterhosen am geschicktesten kaschieren kann, bekomme ich jetzt schon Schweißausbrüche. Eigentlich fühle ich mich in meiner Haut ganz wohl, aber in Momenten, in denen es darauf ankommt, im wahrsten Sinn des Wortes eine gute Figur zu machen, überfällt mich oftmals die Panik. Dann ist es mir einfach unmöglich, meinem weichen, kurvigen Körper etwas Positives abzugewinnen. Jede noch so kleine Speckfalte stört mich. Die einzige, die mich in solchen Augenblicken wieder einnorden kann, ist Tiffy.
Tiffy und ich waren schon damals im Kindergarten unzertrennlich, was bis jetzt auch so geblieben ist – und das, obwohl wir recht unterschiedlich sind. Tiffy ist klein, zierlich und hat hellblonde Haare, die mal länger, mal kürzer sind. Zurzeit ist ein kinnlanger Bob angesagt. Tiffy hat Temperament für drei und ist klein aber oho, wie es immer so schön heißt. Ich hingegen bin mit einsachtundsiebzig recht groß geraten, habe üppige Kurven, lange schokobraune Haare und bin längst nicht so quirlig wie Tiffy. Wenn sie schon handelt, denke ich noch zweimal darüber nach, ob das auch der richtige Weg ist. In den vergangenen knapp dreißig Jahren haben wir nicht nur unsere Förmchen geteilt, sondern auch die Fehler in den Mathearbeiten (wir haben aber bestimmt nicht voneinander abgeschrieben, ehrlich), später dann den Urlaub, und nun ist es das Auto. Für ein eigenes reicht bei beiden das Geld nicht, aber ein halbes kann jede von uns ganz gut finanzieren. Da wir sogar in der gleichen Straße wohnen, gibt es dadurch auch ein Parkplatzproblem weniger. Wir haben hier keinesfalls mit Großstadtverkehr zu kämpfen, bei uns geht es eher beschaulich zu, aber auch in einer Kleinstadt – und ganz besonders in ausgewiesenen Spielstraßen – können Stellplätze zur Mangelware werden. Schon einige Male ist es uns passiert, dass ein Knöllchen hinter dem Scheibenwischer klemmte, weil unser Auto auf einer nicht als Parkplatz ausgewiesenen Fläche stand. Dort stört es weder Mann noch Maus, geschweige denn Kind beim Spielen. Aber es verdeckt die freie Sicht auf den kleinbürgerlichen Zaun des Nachbarhauses. Bestimmt sorgt die alte Zicke von gegenüber immer dafür, dass die Dame vom Ordnungsamt in ihrem blauen Kostümchen zufällig gerade dann zur Stelle ist, wenn wir falsch parken. Unsere Nachbarin gehört nämlich zur Spezies der Giftspritzen, lediglich ihren bratwurstförmigen Dackel scheint sie heiß und innig zu lieben. Der arme Hund, er tut mir wirklich leid.
Bei Isgard und Wilko scheint immer noch Waffenstillstand zu herrschen. Aus meinem kleinen und erst kürzlich vollständig mit hellen Holzmöbeln ausgestatteten Arbeitszimmer, das ich nun zum Kinderzimmer umfunktioniert habe, ist kein Mucks zu hören. Na wunderbar, also kann ich endlich mein Outfit für heute Abend bügeln. Ich habe mich für eine schwarze Hose und eine schwarze glänzende Bluse mit kurzen Ärmeln entschieden. Schwarz ist zwar nicht die Sommerfarbe schlechthin, macht aber schließlich schlank und so trage ich gefühlt zwei Kleidergrößen weniger. Dazu habe ich die lange peppige Kette ausgesucht, die ich mir neulich als Belohnung für fünf abgenommene Kilos selbst geschenkt habe. Von meinem Wunschgewicht bin ich zwar noch weit entfernt, aber auch kleine Erfolge müssen schließlich belohnt werden.
„Tante Johanna, komm schnell, es brennt!“
Oh nein, was haben sie jetzt schon wieder angestellt? Wilkos Schrei hat sich nicht nach Spaß angehört, soviel Angst kann auch mein kleiner schauspielerisch talentierter Neffe nicht in seine Stimme legen.
Ich schnappe mir meine Flasche Bügelwasser und laufe nach nebenan. Dort trifft mich fast der Schlag. Flammen züngeln aus meinem ebenfalls neuen Schlafsofa. Mit dem bisschen Bügelwasser kann ich hier nichts mehr retten.
„Schnell, geht aus dem Zimmer!“ Ich habe Angst um die Kinder, die wie angewurzelt vor dem Sofa stehen, dann aber doch ins Wohnzimmer flüchten. Der Putzeimer! Er steht noch gefüllt auf dem Flur. Schnell schnappe ich mir den randvollen Eimer und kippe ihn schwungvoll aus. Die knapp zehn Liter Dreckbrühe reichen aus, um das Feuer zu löschen. Geschafft. Erst jetzt merke ich, wie mir die Beine zittern. Ich muss mich setzen – und tue es auch, springe aber sofort wieder auf, weil ich einen nassen Hintern bekomme. Vielleicht hätte ich mich besser auf meinen Bürostuhl gesetzt, anstatt auf das eben geflutete Sofa. Na ja, das ist jetzt auf jeden Fall hin. Völlig durchnässt und der schöne helle Stoff hat ein beachtlich großes Brandloch. Sollten Möbelstoffe nicht eigentlich schwer entflammbar sein? Oder steht das immer nur auf den kleinen Etiketten, die Plüschtiere am Popo eingenäht haben? Ich bin verwirrt, aber wen wundert’s in so einer Situation.
Vorsichtig stecken Wilko und Isgard ihre blassen Nasen durch die Tür. Mit ihren hellen, leicht rötlichen Haaren sehen sie ohnehin meistens etwas käsig aus, aber im Augenblick sind sogar die vielen Sommersprossen in ihren Gesicherten vor Schreck erblasst.
„Ist wieder alles gut, Tante Johanna?“, fragen sie wie aus einem Munde.
„Ihr sollt mich nicht Tante nennen.“
„Ist okay, Tante Johanna, aber ist denn wieder alles gut?“, hakt Wilko nochmals nach.
Tante Johanna, wie alt sich das anhört. Das habe ich meiner Schwester zu verdanken, die sich daraus immer einen Spaß macht.
„Ja, es ist alles gut. Hauptsache euch ist nichts passiert, und zum Glück ist ja nicht das ganze Haus abgefackelt. Aber wie habt ihr das nur wieder hingekriegt?“
Wilko sieht verzweifelt aus und bekommt nur langsam seine normale Gesichtsfarbe zurück. Auch Isgard ist immer noch ganz bleich und unterscheidet sich kaum von der weißen Wand. Irgendwie tun sie mir beide schrecklich leid, obwohl sie eben mein Arbeitszimmer in Brand gesetzt haben.
„Ich weiß es auch nicht so genau. Wir haben mit deiner Lupe gespielt. Michael hat uns neulich zu Hause gezeigt, dass man mit einer Lupe die Sonnenstrahlen einfangen kann. Das wollten wir auch ausprobieren. Auf einmal fing dann das Sofa an zu qualmen“, erzählt mein kleiner Neffe mit weinerlicher Stimme.
Jetzt wird mir einiges klar. Wilko und Isgard waren unter die Forscher gegangen und hatten meine Lupe und mein Sofa für ihre Experimente benutzt. Ihnen kann man keinen Vorwurf machen, aber Michael gehören die Ohren lang gezogen. Wie kann er nur zwei Kindergartenkindern den Trick mit der Lupe zeigen? Wer weiß, was er ihnen noch alles beibringen wird oder vielleicht sogar schon beigebracht hat? Na warte, der soll mich und vor allen Dingen mein verbranntes und mit Wischwasser getauftes Sofa kennen lernen.
„Kommt Kinder, wir gehen in die Eis-Diele. Das haben wir uns auf diesen Schreck wirklich verdient.“
„Uiiii, fein!“, quietscht Isgard nun schon etwas vergnügter.
„Aber ich esse kein Erdbeer-Eis, da sind tote Läuse drin!“, protestiert Wilko lautstark.
„Quatsch, wo hast du denn so einen Blödsinn her?“, will ich von dem kleinen Zwerg wissen, der nun langsam seine normale Gesichtsfarbe und sein lebhaftes Temperament wieder zurückgewinnt.
„Michael hat erzählt, dass rote Läuse zerquetscht werden und die dann ins Erdbeereis kommen. Die kannste sogar noch sehen, das sind diese kleinen Punkte.“
Der Mensch wird mir immer sympathischer. Blödmann der. Macht sich wahrscheinlich einen Spaß daraus, den Kindern solche Schauergeschichten zu erzählen.
„Nein Willi, das stimmt aber nicht.“
„Du sollt mich nicht Willi nennen, Tante Johanna!“
„Ist gut, Willi.“
Die Eis-Diele ist nur zwei Straßenecken weiter. Giovanni, der Besitzer, steht in der strahlenden Sonne draußen vor der Tür und flirtet mit Tiffy. Er kämpft schon seit einigen Wochen mit viel italienischem Charme um Tiffys Gunst, doch sie lässt ihn zappeln. Sogar seine neueste Eis-Kreation hat er nach ihr benannt, Magic Tiffy. Eine Komposition aus cremigem Vanille-Eis, knackigen Kirschen und Mandelsplittern, die absolut sündig ist und direkt vom Mund auf die Hüften springt.
„Tiffy, Tiffy!“, brüllen Isgard und Wilko schon von weitem und laufen ihr in die weit ausgebreiteten Arme.
„Hallo, ihr zwei Racker! Na, womit habt ihr heute Johanna wieder eine Freude gemacht?“
„Sie haben mein Sofa in Brand gesteckt!“, antworte ich, als wenn es das Natürlichste der Welt wäre.
Tiffy lässt vor Schreck den Rest ihrer Waffeltüte aus der Hand fallen, über den sich gleich die lauernden Spatzen hermachen.
„Kinder, die Geschichte müsst ihr mir aber mal in Ruhe erzählen“, fordert Tiffy und setzt sich mit Isgard und Willi an einen Tisch, während Giovanni wieder hinter seinem Tresen verschwindet.
„Ihr könnt ja schon mal anfangen, ich muss eben schnell noch für kleine Feuerwehrfrauen.“ Ich drehe mich schwungvoll um und schneller als ich gucken kann, klebt mir ein riesiger Eisbecher mit Sahne direkt vor meiner Brust.
„So eine Scheiße!“, entfährt es mir, woraufhin die Kinder entrüstet im Chor antworten „Scheiße sagt man nicht, Tante Johanna!“, und Tiffy sich vor Lachen kringelt. Es ist einfach nicht mein Tag heute.
Der Verursacher der Sauerei steht mit peinlich berührtem Blick vor mir.
„Können Sie nicht aufpassen?“, herrsche ich ihn an.
„Das tut mir wirklich wahnsinnig leid, aber so schnell konnte ich meinen Eisbecher nicht mehr aus der Gefahrenzone bringen.“ Er selbst ist gänzlich unbeschadet davongekommen, nur auf seine fünf Kugeln Schokoladeneis mit Sahne muss er verzichten. „Die Bluse ersetze ich Ihnen natürlich, die Schokoladenflecken werden sicherlich beim Waschen aus dem feinen Stoff nicht rausgehen.“
Ein Mann der Ahnung vom Wäschewaschen hat, wo gibt es denn sowas? Wahrscheinlich hat er aber sogar Recht. Hätte ich mich nach der Arbeit doch lieber umgezogen und nicht die gute cremefarbene Bluse und die neue Jeans angelassen. Letztere hat ja vorhin außerdem schon Freundschaft mit meinem nassen und rußigen Sofa geschlossen.
„Ja, ja, ist schon gut, ich gehe mir jetzt erstmal die Sahne aus dem Ausschnitt wischen.“ Mürrisch und leise vor mich hin fluchend entschwinde ich in Richtung Toilette.
Als ich zurückkomme, ist er verschwunden. „Hat der sich jetzt einfach aus dem Staub gemacht?“
Giovanni kommt auf mich zugeeilt. „Nein, nein, er hatte es eilig und musste zu einem Termin. Das soll ich dir von ihm geben.“ Er drückt mir einen kleinen gelben Zettel in die Hand: Es tut mir wirklich leid. Zur Entschädigung möchte ich Sie gerne zum Essen einladen. Bitte rufen Sie mich an. Frederic Waldstein. Seine Telefonnummer steht auf der Rückseite des Zettels.
„Das ist doch nett von ihm, und so etwas kann schließlich jedem mal passieren“, versucht Tiffy mich zu besänftigen.
Isgard und Wilko haben beide Erdbeereis bestellt und zählen nun, wer mehr Läuse hat. Hauptsache, sie sind gut beschäftigt.
„Tiffy, warum sollte ich mit ihm essen gehen, damit er mir seinen Rotwein auch noch auf die Hose kippt?“
„Das ist jetzt unfair, aber das weißt du selbst. Außerdem sah er doch gut aus und machte wirklich einen netten Eindruck. Besonders sein Lächeln und den Drei-Tage-Bart fand ich gut. Könnte genau dein Typ sein.“
So genau hatte ich ihn mir im Eifer des Gefechts gar nicht angeschaut, ich kann mich nur noch an ein blau kariertes Holzfällerhemd erinnern und daran, dass er ziemlich groß war. Na ja, den Zettel stecke ich erstmal ein, vielleicht überlege ich es mir noch.
Auf dem Weg nach Hause versuchen sich Isgard und Wilko gegenseitig zu übertrumpfen.
„Ich hatte zweihundert Läuse im Eis“, gibt Wilko mit Stolz geschwellter Brust bekannt.
„Bei mir waren es zwölfundfünfzig Mijonen“, hält Isgard dagegen.
Als wir um die Häuserecke biegen, kann ich es kaum glauben: Linda und Michael stehen schon vor der Haustür, beide mit etwas gestressten Gesichtern. Nach einer stürmisch-kindlichen Begrüßung fällt Lindas Blick auf mich.
„Meine Güte, Johanna, wie siehst du denn aus?“, fragt sie verwundert.
„Ich freue mich auch dich zu sehen, Schwesterlein. Zur Feier des Tages habe ich extra in Schokolade gebadet.“
„Das solltest du bei deiner Figur lieber lassen“, rät Michael mir mit einem ekelhaft anzüglichen Lächeln.
Noch bevor ich Luft holen und kontern kann, legt Linda los. „So mein Lieber, jetzt reicht es. Du hältst mir seit Tagen vor, dass ich zugenommen habe, meine Brüste hängen und die Dellen an meinen Oberschenkeln die Größe des Bodensees haben, und jetzt gehst du auch noch auf meine Schwester los. Nimm deine Sachen, du Arsch, und verschwinde aus meinem, nein, unserem Leben.“
Linda schnappt sich energisch Michaels offene Reisetasche und schmeißt sie ihm vor die Füße. So kenne ich sie gar nicht. Ein abartiger String im Tiger-Look, weiße Tennissocken und eine original verschlossene Großpackung Kondome verteilen sich auf der Straße.
Wilko und Isgard staunen über das, was sie da alles zu sehen bekommen, gleichzeitig feuern sie ihre Mutter an. „Gib’s ihm Mama, der ist schuld, dass Tante Johannas Sofa abgebrannt ist.“
„Was?“ Linda traut ihren Ohren offenbar nicht, und so erkläre ich ihr nochmal kurz und bündig, was sich heute in meinem Arbeitszimmer abgespielt hat. „Das darf ja wohl nicht wahr sein, was bist du eigentlich für ein Idiot, den Kindern solche Tricks zu zeigen?“, tobt sie. „Zück dein Portemonnaie und her mit der Kohle, du schleppst doch immer eine ordentliche Marie mit dir rum und machst auf dicke Hose, bist aber zu geizig, die Gebühr für die Strandliege zu bezahlen.“ Wenn Blicke töten könnten, wäre Michael auf der Stelle mausetot. „Was hat dein Sofa gekostet, Johanna?“
„Vierhundertundfünzig Euro. Im Sonderangebot.“
„Also, neunhundert Euronen, schließlich kostet die Entsorgung des alten Sofas auch was und das Angebot wird es sicherlich nicht mehr geben. Oder möchtest du, dass ich deiner Frau erzähle, dass du gar nicht auf Geschäftsreise warst?“ Linda fährt mächtig ihre Krallen aus.
„Der Kerl ist verheiratet?“ Ich kann es kaum glauben.
Michael zögert, zückt dann aber seine Geldbörse und gibt Linda widerwillig das Geld. „Erpresserin!“
„Ehebrecher, Macho, Kinder-zum-Zündeln-Anstifter, Arschgeige . . . zisch endlich ab.“
Ohne Worte sammelt Michael seine auf dem Pflaster verteilten Habseligkeiten ein, schmeißt sie in den Wagen und pfeffert im Gegenzug Lindas Gepäck aus dem Auto. Dann startet er den Motor und fährt mit quietschenden Reifen davon.
„Juhu, den sind wir los“, jubeln Wilko und Isgard und klatschen sich gegenseitig in die Hände.
„So, jetzt lasst uns erstmal nach oben gehen, ich glaube, wir haben uns alle ein Tütchen Brause verdient“, schlage ich vor.
„Du hast Brause? Die haben wir doch schon als Kinder geliebt und zu allen möglichen Anlässen geschleckt. Wenn wir Streit hatten, bei Liebeskummer oder auch, wenn wir mal wieder zusammen was ausgeheckt hatten“, schwelgt Linda in alten Zeiten und ihre Laune bessert sich schlagartig.
„Genau, einfach immer und insbesondere an ereignisreichen Tagen.“
Nach einer Tüte Brause in meinem gemütlichen, im Landhausstil eingerichteten Wohnzimmer sieht die Welt schon wieder anders aus. Die Kinder spielen nebenan Sofafeuerwehr, natürlich ohne Wasser, und Linda erzählt mir von ihrem grauenvollen Trip mit Michael.
„Glaub mir, wir waren kaum gelandet und hatten unser Gepäck vom Band, da hat Michael schon den Macho raushängen lassen. Der war wie ausgewechselt, hat nur an meiner Figur rumgemäkelt und mich von früh bis spät gescheucht. Linda bring mir mal ein Handtuch, Linda hol mir ein Bier an der Bar.“
„So ein Kotzbrocken, sei froh, dass du ihn so schnell wieder losgeworden bist.“
„Können wir heute Nacht noch bei dir bleiben, Jojo?“
„Ja, sicher, die Kinder können im Wohnzimmer auf der Couch schlafen, das Sofa nebenan ist ja nun nicht mehr zu gebrauchen. Du kannst bei mir im Bett schlafen, es ist ja groß genug für zwei. Ich bin aber nachher weg, habe noch ein Blind Date.“
„Du hast was?“ Aus Lindas Stimme ist eine gute Portion Entsetzen zu hören und sie schüttelt ungläubig ihre blonde Lockenmähne.
„Nun spiel hier mal nicht die moralische Mutter Oberin. Wer präsentiert denn eine neue Männerbekanntschaft nach der nächsten?“
„Ich! Aber du bist doch immer so brav und zurückhaltend, was Flirts und Männer anbelangt. Jetzt bin ich echt von den Socken. Erzähl doch mal, was weißt du bisher von ihm? Und wo hast du ihn aufgegabelt? Sieht er gut aus? “
„Ach, da gibt’s nicht viel zu erzählen“, versuche ich dem Ganzen aus dem Weg zu gehen, denn ein wenig mulmig ist mir bei dem Gedanken an unser Treffen heute Abend schon. Schließlich ist es mein erstes Blind Date.
„Nix da, so kommst du mir nicht davon“, bohrt meine große Schwester weiter. Das konnte sie schon immer gut.
„Na ja, ich bin jetzt seit fast zwei Jahren Single, eile schnellen Schrittes auf die Dreißig zu und lerne im echten Leben irgendwie keinen kennen, der zu mir passt. Also habe ich mich neulich in einer Singlebörse im Internet angemeldet. Das ist alles.“
„Liebes Schwesterlein, das ist nicht alles, das ist erst der Anfang! Und, wie viele Männer haben dich angeschrieben?“
Puh, jetzt will sie aber alles wissen. „Na ja“, druckse ich rum „von den durchgeknallten Fetischisten mal abgesehen . . .“
„Was denn für Fetischisten? Jojo, auf was für Seiten treibst du dich rum?“
„Auf ganz normalen, aber abgefahrene Typen gibt es halt überall. Einer hat mich angeschrieben und gleich im zweiten Satz erwähnt, dass er auf große Frauen mit Plateauschuhen steht, ein Anderer geht bevorzugt in Swingerclubs und der Nächste wollte mit mir und meiner Freundin auf dem Biedermeiersofa im Wohnzimmer seiner Oma Sex haben.“
Ich habe Linda selten sprachlos erlebt, aber genau jetzt ist einer dieser denkwürdigen Augenblicke.
„Ich werde verrückt, Jojo, ist das spannend. Und, was hast du mit den Typen gemacht?“, fragt sie nach einem kurzen Augenblick der vollkommenen Stille.
„Nichts. Ich habe die Mails gelöscht. So nötig habe ich es nun auch wieder nicht. Na ja, geblieben ist dann noch Stier35, und mit dem treffe ich mich um acht im Hasenstall.“
Linda bricht in schallendes Gelächter aus und quietscht vor lauter Vergnügen.
„Mama, tut dir was weh?“ Wilko schaut ganz besorgt durch den Türspalt in mein Wohnzimmer.
„Nein Willi, es ist alles okay mit deiner Mama. Geh du wieder mit Isi spielen“, beruhige ich ihn.
Wilko dackelt ohne Protest, dafür aber mit einem verwunderten Gesichtsausdruck wieder ab.
„Johanna, du triffst dich mit einem Typen namens Stier35 in einem Restaurant das Hasenstall heißt? Ich lache mich schlapp, das wird ja bestimmt ein tierischer Abend.“
Linda kriegt sich nicht mehr ein und kringelt sich immer noch vor Lachen. Ich kann sie ja verstehen, es hört sich wirklich alles etwas merkwürdig an. Aber Stier35 heißt tatsächlich Thomas und macht bisher einen wirklich netten, wenn auch schüchternen Eindruck. Auch seine Stimme klang bei unserem bisher einzigen Telefonat sehr nett. Okay, wir haben uns nur recht kurz unterhalten, aber aller Anfang ist eben schwer und es kann nicht jeder so gesprächig sein wie ich. Er ist einsachtundachtzig groß – und somit genau zehn Zentimeter größer als ich, was bedeutet, dass ich ohne Probleme Schuhe mit Absatz anziehen kann – und er mag Frauen mit weiblichen Rundungen. Damit ist er bei mir genau an der richtigen Adresse, denn mit meiner Konfektionsgröße bin ich weit vom Magerwahn entfernt. Ich bin halt ein bisschen mehr Frau. Eigentlich fühle ich mich ganz gut in meinem Körper, aber obwohl ich in der Werbebranche arbeite, lasse ich mich von Hochglanzmagazinen und makellosen Models dennoch verunsichern. Ich kenne zwar die Tricks, mit denen nachgeholfen wird (und das Ergebnis hat mit der Realität oftmals nicht mehr viel gemeinsam), aber trotzdem fühle ich mich beim Anblick gertenschlanker Stars und Sternchen einfach dick und unattraktiv.
Was Thomas beruflich macht, weiß ich nicht, er schrieb bisher nur, dass er ein sehr naturverbundener Mensch ist und auch beruflich viel im Freien arbeitet. Ich werde mich einfach überraschen lassen.
„Sag mal Jojo, hast du eigentlich schon ein Foto von ihm gesehen?“, will Linda nun wissen.
„Nein, Fotos haben wir bisher nicht ausgetauscht. Aber er ist groß und blond und trägt keinen Bart, soviel weiß ich.“
„Na, das ist ja ein ganz schönes Überraschungsei, das du heute Abend knacken wirst. Mensch, bin ich gespannt.“
„Ich auch, Schwesterlein, aber jetzt muss ich mich sputen, sonst schaffe ich es nicht mehr pünktlich in den Hasenstall. Und um Tiffy vorher einen Besuch zum Outfit-Check abzustatten, ist es nun auch schon zu spät. Dann musst du eben einen Blick darauf werfen.“
Frisch geduscht, dezent geschminkt und nach momentanem Empfinden auch recht sexy, stehe ich um fünf vor acht vorm Restaurant Hasenstall. Es ist ziemlich weit draußen gelegen, aber das alte Fachwerkhaus mit den hohen Bäumen und seinem ländlichen Bauerngarten verströmt auf Anhieb eine heimelige Atmosphäre. Überall blühen Blumen und ein leichter Duft von Zitrone und Vanille liegt in der Luft, sodass ich schnell ins Schwärmen und Träumen gerate. Den Treffpunkt hat Thomas wirklich gut gewählt! Der Biergarten ist bei dem herrlichen Sommerwetter reichlich gefüllt, bietet aber hier und da noch einige freie Tische. Ich entscheide mich für einen Platz am leise plätschernden Bach, der sich malerisch durch die Wiese schlängelt. Abgetrennt durch einen luftigen Sichtschutz aus Weidenruten bietet die rustikale Sitzgruppe außerdem ein wenig Privatsphäre. Perfekt also für ein erstes Date und meine romantische Ader, die sich von Zeit zu Zeit bemerkbar macht. Meinen Regenschirm, den wir als Erkennungszeichen vereinbart haben, hänge ich gut sichtbar mit der Krücke an die vordere Tischkante. Da er kräftig rot und somit gut zu erkennen ist, wird meine Verabredung ihn sicher schnell entdecken. Warum es als Erkennungszeichen unbedingt ein Regenschirm sein musste, ist mir immer noch schleierhaft. Vermutlich war Thomas die klassische rote Rose zu auffällig und unangenehm, und die Wahrscheinlichkeit, dass im Hochsommer viele Menschen mit einem Regenschirm herumlaufen, ist auch eher gering. Mir soll es recht sein.
Da ich bislang keinen weiteren Schirm erspähen kann, lasse ich meinen Blick schweifen – und verharre mit den Augen am Nachbartisch hinter dem Sichtschutz, durch den ich schemenhaft etwas erkennen kann. Ist das nicht der Typ, der mir vorhin das Schokoeis auf die Bluse gesaut hat? Hm, was trägt der denn jetzt für ein T-Shirt mit so einer komischen Aufschrift? Hasenjäger. Hat der wirklich Hasenjäger auf dem Shirt stehen? Ich glaube es nicht! Nee, den rufe ich ganz bestimmt nicht an. Der Hasenjäger ist im Hasenstall, wenn das nicht zusammenpasst, dann weiß ich es auch nicht.
„Hallo Freddy!“ ruft ihm jetzt einer der Kellner zu. Scheint ja hier bekannt zu sein wie ein bunter Hund. „Einmal wie immer?“
„Nein danke, ich bin nur auf der Durchreise und muss mich noch um die Rösser kümmern!“, antwortet Freddy offenbar gut gelaunt, steht auf und geht, wobei er mir den Rücken zudreht. Er ist wirklich verdammt groß und der Hintern scheint recht knackig zu sein. Auch seine tiefe, warme Stimme hat was. Aber nein, Johanna, ein Typ der Freddy heißt, Sprüche-T-Shirts trägt und fremden Frauen Schokoladeneis auf den Busen klatscht ist nun wirklich nichts. Aber was hat er bloß damit gemeint, er muss sich noch um die Rösser kümmern? Na ja, vielleicht arbeitet er ja irgendwo als Pferdepfleger auf einem Reiterhof. Es kann mir auch egal sein.
„Johanna?“ Eine Männerstimme reißt mich aus meinen Gedanken.
„Äh, ja, das bin ich“, stammele ich los, erblicke zuerst einen grün-beige-karierten Regenschirm und nehme dann auch den Mann wahr, der dazugehört.
„Ich bin Thomas, Thomas Thorstedt“.
Kann ich meinen Augen wirklich trauen oder halluziniere ich? Vor mir steht ein großgewachsener Mann mit olivfarbenen Cord-Bundfaltenhosen, leberwurstfarbenem Hemd und brav gekämmtem Seitenscheitel. Dieser Look war doch sogar in den Achtzigern schon längst ausgestorben und hat keine Wiederbelebung erfahren. Oder sollte ich irgendwas verpasst haben?
„Johanna Bergström“, antworte ich immer noch etwas irritiert. „Setzt dich doch, freut mich, dich kennen zu lernen.“ Da musst du jetzt durch Johanna, rede ich mir gut zu, schließlich ist es selbst gemachtes Leid, es hat dich niemand zu diesem Date gezwungen.
„Ich hoffe, du hast noch nicht allzu lange auf mich gewartet, ich bin etwas verspätet, weil . . . “ Thomas stockt.
„Weil was?“, hake ich nach, jetzt doch sehr neugierig geworden.
„Na ja, weil . . . weil die Wanda einen Kaiserschnitt hatte und es Komplikationen gab.“
Wer um alles in der Welt ist Wanda? Thomas will mir hier doch wohl nicht gerade schonend beibringen, dass seine Frau soeben entbunden hat?
„Wanda ist eine unserer achtzig Milchkühe. Ich bin Bauer. Jetzt ist es raus“, sagt Thomas mit gesenktem Blick.
„Ach so! Aber was ist denn daran so schlimm?“ Er tut mir fast ein wenig leid, wie er so mit hängendem Kopf auf seinem Stuhl sitzt.
„Du findest es nicht schlimm, dass ich Bauer bin?“, fragt Thomas jetzt schon mit deutlich hoffnungsvollerer Stimme.
„Nein, warum denn auch? Ich mag Tiere, das Land und ohne Milchbauern müsste ich meinen Latte Macchiato ohne Latte trinken – welch grausame Vorstellung.“
Thomas lächelt nun tatsächlich, was ihm sehr gut steht und seine Ausstrahlung um Jahre jünger erscheinen lässt. Jetzt sprudelt es förmlich aus ihm heraus, dass die meisten Frauen bisher immer sofort Reißaus genommen haben, wenn er seinen Beruf genannt hat, und dass er zusammen mit seiner Mutter, seiner unverheirateten älteren Schwester und seinem zweiundneunzigjährigen Opa auf einem Hof hier ganz in der Nähe lebt. So langsam dämmert es mir: Thomas sucht eine Frau, die mit ihm zusammen den Hof schmeißt und gleichzeitig mit der gesamten Familie unter einem Dach lebt. Über ein Leben als Bäuerin hatte ich mir bis heute ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht – und will es eigentlich auch nicht. Ich liebe meinen Job als Werbetexterin und kann mir nicht vorstellen, ihn gegen das Stallausmisten zu tauschen.
„Eigentlich wollte ich auch bei Bauer sucht Frau mitmachen, aber das hat meine Mutter nicht erlaubt“, reißt Thomas mich wieder aus meinen Gedanken.
„Du wolltest im Fernsehen auf Brautschau gehen? Das ist ja stark. Aber wieso hatte deine Mutter was dagegen?“
„Na ja, sie will halt keine Fremden in ihrer Küche und auf ihrem Hof haben. Seit mein Vater die Familie vor zwanzig Jahren verlassen hat und mit einer Jüngeren durchgebrannt ist, herrscht bei ihr ein strenges Regiment und sie ist ziemlich verbittert. Meine Schwester ist ihr da übrigens sehr ähnlich. Nur mein Großvater, der früher den Hof bewirtschaftet hat, ist trotz seines fast biblischen Alters wirklich umgänglich.“
Der arme Kerl, der hat es bestimmt nicht einfach mit zwei so komplizierten Weibern zu Hause. So langsam kommt unser Gespräch in Fahrt und Thomas verliert nach und nach seine Schüchternheit. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt und werden erst von der Kellnerin unterbrochen, die fragt, ob sie uns noch eine letzte Runde vor Lokalschluss bringen kann. Wir bestellen beide noch einen Kaffee zum Abschluss.
„Sag mal Johanna, wie findest du mich denn?“
Oh je, was will er jetzt hören oder anders gefragt, was soll ich jetzt sagen? Ich entscheide mich für die Wahrheit.
„Ich finde dich sehr sympathisch, Thomas. Du bist ein lieber Kerl, aber ganz ehrlich: der Funke ist bisher bei mir nicht gesprungen.“
„Danke, dass du so ehrlich bist.“ Er schaut mich an und nickt leicht mit dem Kopf. „Ich mag dich auch und habe mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten. Aber auch bei mir kribbelt es nicht. Ich habe nach meiner letzten Beziehung, die vor acht Jahren in die Brüche gegangen ist, gedacht, dass ich jede sich mir bietende Chance nutzen muss, um überhaupt noch eine Frau abzukriegen. Aber das ist falsch. Ich glaube noch an die große Liebe und werde es merken, wenn sie da ist.“
Ich bin ehrlich beeindruckt. „Ja Thomas, so sehe ich es auch. Man muss seinem Glück halt manchmal etwas auf die Sprünge helfen, aber nicht auf Biegen und Brechen. Auch wir werden eines Tages die große Liebe finden. Aber sag mal, könntest du dir trotzdem vorstellen, dass wir Freunde bleiben oder besser gesagt, Freunde werden?“
Thomas strahlt über das ganze Gesicht. „Ja, total gerne! Ich würde mich wirklich freuen, wenn wir in Kontakt blieben, schließlich eint uns ja in gewisser Weise das gleiche Schicksal.“
Mit diesem guten Gefühl und einer herzlichen Umarmung verabschieden wir uns und treten beide den Heimweg an, Thomas mit dem Fahrrad, ich mit Tiffys und meinem Stadtflitzer.
Trotz der nächtlichen Stunde brennt in meiner Wohnung noch Licht, wie ich bereits von der Straße aus erkennen kann. Ich hatte schon den ganzen Abend damit gerechnet, dass Linda sicherlich eine brühwarme und detaillierte Berichterstattung haben will. Und genauso ist es auch. Meinen Wohnungsschlüssel brauche ich gar nicht, denn meine Schwester öffnet mir bereits schwungvoll und mit großer Erwartung im Gesicht die Tür.
„Wie war er?“, sprudelt es aus ihr heraus.
„Lass mich doch erstmal rein, oder möchtest du dich in deinem Schlafanzug ins Treppenhaus setzen?“
Zähneknirschend genehmigt Linda mir schließlich auch noch ins Bad zu gehen und ebenfalls den Schlafanzug anzuziehen, dann machen wir es uns beide in meinem großen Bett bequem.
„So, jetzt aber, ich bin gespannt wie ein Flitzebogen.“
Da ich morgen wieder früh aufstehen und arbeiten muss und Linda mir ohne Bericht über mein Blind Date eh keine Ruhe gönnen würde, tue ich ihr den Gefallen und erzähle von Thomas. Mit offenem Mund und hibbelig hin- und herrutschend hört sie mir zu.
„Das ist ja aufregend. Na ja, die große Liebe hast du wohl nicht gefunden, aber dafür einen Kumpel mit Cord-Bundfaltenhosen.“ Linda kichert wie ein Teenager.
„Das ist nicht nett, Linda. Okay, sein Äußeres ist verbesserungswürdig, aber Thomas ist wirklich ein feiner Kerl, der es auch nicht gerade einfach hat. Ich war zuerst auch völlig verunsichert, aber im Lauf unseres Gesprächs habe ich bemerkt, dass Thomas weder altmodisch noch verschroben ist, sondern ein netter, aufgeschlossener Landwirt, der modisch einfach nur den Anschlusszug verpasst hat. Wie du siehst, sind Äußerlichkeiten manchmal einfach nur Schall und Rauch.“
Mit dieser Erkenntnis schlafen wir beide ein und ziehen uns nachts gegenseitig die Bettdecke weg. Das haben wir auch früher schon gemacht, wenn wir ausnahmsweise aufgrund von allzu großer Geschwisterliebe in einem Bett geschlafen haben.
Die Nacht war viel zu kurz, als um sieben mein Wecker klingelt. Wie gerädert quäle ich mich aus dem Bett, Linda zuckt gerade mal mit einem Augenlid und nuschelt etwas, das sich wie „ichbleibnoliegn“ anhört. Zum Glück ist heute Freitag und das Wochenende in greifbarer Nähe. Aber heute ist auch der erste Tag nach zwei Wochen, an dem ich wieder Vollzeit arbeiten muss. Mal sehen, ob sich die Wogen in der Agentur gestern Nachmittag noch geglättet haben, der Chef hatte äußerst schlechte Laune, weil ein Großkunde von jetzt auf gleich abzuspringen drohte.
„Guten Morgen, Bea“, begrüße ich meine Kollegin am Empfang.
„Hallo Johanna“, kommt es betreten zurück. „Mach dich auf was gefasst, der Chef tobt immer noch.“
Na bravo, der Tag fängt ja gut an. Kaum, dass ich mein Büro betreten habe, schrillt schon mein Telefon. Der Chef ruft an.
„Frau Bergström, kommen Sie in mein Büro. Jetzt!“ Zack, aufgelegt. Wow, eine Rolle Stacheldraht strotzt dagegen nur so vor Charme.
„Guten Morgen, Herr Schmidt“, begrüße ich meinen Chef freundlich.
„Brauer & Brauer haben uns die Zusammenarbeit gekündigt“, poltert er ohne Gruß los, „und wissen Sie auch, warum?“
„Nein.“
„Weil die Texte in der neuen Image-Broschüre die Qualität einer aus dem Japanischen schlecht übersetzten Bedienungsanleitung für Rasenmäher haben.“ Schmidt brüllt und hat einen hochroten Kopf. Er ist cholerisch veranlagt, aber so habe ich ihn noch nie erlebt.
„Aber wie konnte das denn passieren?“
„Genau das frage ich Sie, Frau Bergström!“
„Mich?“
„Ja, Sie, oder sehen Sie sonst noch jemanden hier im Raum, der Bergström heißt?“
„Nein, aber ich habe doch weder mit Brauer & Brauer noch mit deren Image-Broschüre etwas zu tun. Das ist Frau Wielands Kunde“, entgegne ich meinem Chef sachlich aber verwirrt.
„Frau Wieland war krank und dann hat der Praktikant die Texte geschrieben, und Sie hätten die Korrektur lesen müssen, was Sie offenbar nicht getan haben.“
„Nein, ich habe die Texte auch nicht gelesen, ich wusste nicht mal, dass der Praktikant getextet hat, weil ich auch nicht Frau Wielands Vertretung bin. Das ist nämlich Herr Meißner“, versuche ich die Situation aufzuklären.
„Meißner sagt, dass Sie dafür zuständig gewesen sind.“
Na klasse, Meißner die blöde Sau, ’tschuldigung, aber was anderes fällt mir zu dem miesen Kerl nicht mehr ein. Hat selbst was verbockt und will nun auf diese Weise seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Da er mit dem Chef zusammen kegelt, ist er natürlich auch hundertmal glaubwürdiger als ich.
„Kurz und gut, Frau Bergström, eine Mitarbeiterin wie Sie ist für unsere Agentur nicht tragbar. Sie sind gekündigt. Fristlos!“
Zack. Mit einem Schlag zieht es mir den Boden unter den Füßen weg, mein Herz stolpert und ich bekomme spontan Schnappatmung. Schmidt drückt mir die Kündigung in die Hand, schiebt mich auf den Flur und schließt die Tür hinter mir. Ich komme mir vor wie im falschen Film. Wie paralysiert gehe ich in mein Büro, packe meine Sachen, lösche meine E-Mails und sämtliche auch nur annähernd privaten Dinge von der Festplatte, verlasse wortlos die Agentur und fahre wie ferngesteuert nach Hause. Erst als Tiffy mir in unserer Straße begegnet, komme ich langsam wieder zu mir.
„Himmel, wie siehst du denn aus? Hast du den Weihnachtsmann gesehen?“. Tiffy ist wie immer gut aufgelegt.
„Gekündigt, einfach gekündigt“, kriege ich nur schwer über die Lippen.
Tiffy erkennt den Ernst der Lage, bugsiert mich in meine Wohnung, wo Linda und die Kinder mich ebenfalls mit großen Augen erwartungsvoll anschauen, und setzt mich auf einen Küchenstuhl. Nach einem Glas Mineralwasser, das zu allem Übel auch noch so viel Kohlensäure hat, dass die mir durch die Nase wieder rauskommt, schaffe ich es, ganze Sätze zu sprechen. Linda und Tiffy können kaum glauben, was ich ihnen erzähle und schauen mich ungläubig an.
„Du brauchst einen Anwalt“, stellt Tiffy energisch fest und greift sich unbeirrt das Telefonbuch. „Hier, Berndorff und Partner, die haben als Schwerpunkt auch Arbeitsrecht. Außerdem sollen die ganz gut sein, wie ich gehört habe.“ Tiffy ist eine Frau der Tat und greift sogleich zum Telefon, um für mich einen Termin zu machen. „Ja, wunderbar, Montag, zehn Uhr, vielen Dank und ein schönes Wochenende“, höre ich sie sagen. Auf einem Zettel schiebt sie mir den Termin und die Adresse zu. „Wollen wir doch mal sehen, ob wir dem Schmidt nicht ganz gefährlich in die Eier treten können.“
„Tiffy!“, entfährt es Linda und mir gleichzeitig.
„Ach, ist doch wahr.“
Der restliche Freitag zieht sich wie Kaugummi, und ich ertrinke fast in Verzweiflung und Selbstmitleid. Linda hat sich entschlossen, das Wochenende mit den Kindern noch bei mir zu verbringen, in meiner jetzigen Situation könne sie mich nicht alleine lassen. Mir ist es sogar ganz recht, so komme ich wenigstens auf andere Gedanken und verbringe die Zeit nicht mit unnützen Grübeleien, zu denen ich ohnehin neige. An Einschlafen ist kaum zu denken, dafür sind meine Gedanken einfach zu wirr. Irgendwann überfällt mich dann aber doch die Müdigkeit.
Der Duft von frischem Kaffee und knusprigen Brötchen weckt mich am Samstagmorgen nach wenigen Stunden Schlaf. Im Traum bin ich zur Verbrecherin geworden und habe Schmidt in dem kleinen Bach am Hasenstall ertränkt und ihn anschließend zum Trocknen über den Sichtschutzzaun aus Weidengeflecht geworfen. Erstaunlich, welche Kräfte man doch im Schlaf entwickeln kann und wie schade, dass nicht zumindest ein bisschen davon wahr wird. Aber wer weiß, was die Zukunft noch so bringt.
