Mora und...was bleibt. - Elsa Merten - E-Book

Mora und...was bleibt. E-Book

Elsa Merten

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Beschreibung

Der Roman schildert das prallgefüllte Leben der Protagonistin Mora, das so nur deshalb stattfinden konnte, weil ihr etwas erspart geblieben ist. Rückblickend bewegt sie sich noch ein einziges Mal mit ihrer Tochter von den ungewöhnlichen Anfängen ihres Lebens, dem Jahr 1926 an, bis hin zum Jahr 1992. Das Auf- und Ab zwischenmenschlicher Beziehungen, das die Leidenschaft ebenso wenig zu kurz kommen lässt, wie die Vergänglichkeit politischer Abläufe und die Probleme aus der Zugehörigkeit zu verschiedenen Religionsgemeinschaften, verweist latent und offen auf bestehende, gelebte wie auch auf verborgene Ängste. Mora erkennt letztendlich, dass es nicht hilfreich ist, wenn sie sich ihrer Herkunft verweigert. So nimmt sie die Herausforderung des Romans an und fordert dazu auf, die jüdische Zugehörigkeit in der Familie nicht der Angst zu überlassen. Gleichzeitig tut man sich jedoch noch schwer mit der abramitischen Klammer, die Christen, Juden und Moslems auf gleicher Höhe vereinnahmen möchte.

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Elsa Merten

Mora und...was bleibt.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1.Kapitel: Erinnerungen.

2. Kapitel: Zum Anfang.

3. Kapitel: Kinder- und Jugendzeit.

4. Kapitel: Kriegsjahre.

5. Kapitel: Die erste Liebe.

6. Kapitel: Kriegsende.

7. Kapitel: Eine eingefädelte Ehe.

8. Kapitel: Vor und nach der Währungsreform.

9.Kapitel: Der Text einer langen Nacht zum Leben einer mittlerweile erwachsenen Frau und Mutter.

9.1 Kapitel: Man schrieb mittlerweile das Jahr 1955.

9.2 Kapitel: Sich anbahnende Veränderungen.

9.3 Kapitel: Rückblicke und Neuanfänge.

10. Kapitel: Nach einer langen Nacht und einem langen Blick hinter aufgerissenen Vorhang.

11.Kapitel: Brief an Mora.

12. Kapitel: Was bleibt.

Impressum neobooks

1.Kapitel: Erinnerungen.

Mora und…was bleibt.

"Mir ist nichts erspart geblieben." Diese fünf Wörter, in die Mitte eines Zettels geschrieben, der einem Notizbuch entrissen worden war, starrten mich aus grellweißem Papier an.

Fast schien es mir, als würden sie mich abwartend mustern, so wie Mora mich in

ernsten Augenblicken zu mustern pflegte und sie begannen damit, diese paar Wörter,

mich zu erinnern, zu erinnern und füllten dabei den ganzen Raum aus, in dem ich

stand.

„Du hast noch erfahren konnte, was Dir erspart geblieben war“, ging es mir durch den

Kopf.

Den Zettel an mich nehmend, verließ ich das kleine schmale, rechteckig geschnittene

Zimmer, in das nur Licht durch die nach Süden ausgerichtete Balkontür eindringen

konnte. Es war ihr in den letzten Jahren, nachdem wir aus dem Haus waren, eine Art

Arbeitszimmer geworden.

In diesem kleinen Zimmer ließ sie anrührende Verse und Heimatgeschichten entstehen,

die in ihr auf selbstverständliche Art und Weise lebten, sie gar bedrängten, bis sie sie

dann aus sich herausgelassen und niedergeschrieben hatte.

Gedankenverloren ging ich auf die Küchentür zu. Fast behutsam, als würde ich noch

einmal ihre warme Hand spüren können, drückte ich die Türklinke herunter.

Dort, in dieser Küche, hatten die spontansten Gespräche stattgefunden und sich die

ehrlichsten und intimsten Gedanken offenbart und eingenistet.

Ich stand am großen Fenster, das den Blick zum Vorgarten und zur Straße hin frei gab

und ließ zu, dass mein Durchatmen kurz stotterte.

Von der Flut der immer wieder hier eintauchenden Morgensonne war jetzt nichts zu

spüren. Mattigkeit atmete der Raum an diesem späten Nachmittag. Ich sah hinaus in

den von ihr angelegten Vorgarten, in dem es verschwenderisch blühte. Es war nicht zu

übersehen, dass Mora das hatte, was man den grünen Daumen nannte. Die meisten der

farbig verschiedenartig blühenden Sträucher und Blumen hatte sie selbst gezogen. So

auch die kleinwüchsigen rosa und weiß blühenden Wild-Rosenbüsche, die beidseitig und

dicht gedrängt den Weg zum Gartentürchen säumten. Sie drückten sich eng aneinander, schoben dabei ihre Blüten dem Betrachter entgegen und es schien mir, als würden die vom Westen her einfallenden letzten Sonnenstrahlen an diesem Nachmittag den Weg und die Röschen von nie vorher gesehener Helligkeit ausleuchten.

Den Zettel hatte ich noch immer in der Hand, gepresst zwischen Daumen und

Zeigefinger.

Die Pracht der Blüten im Vorgarten erreichte mich nicht mehr, als ich mich dem kleinen Tisch in der Ecke zuwandte. Ein kleines Notizbuch inmitten des Tisches zog mich an. Ehe ich es berührte hakte mein Blick fest an dem gefalteten Papierblatt darunter.

Ich erkannte den Brief, meinen letzten Brief an sie und die eben noch eingetretenen wärmenden Gedanken schienen schlagartig zu fliehen.

Unvorbereitet zeigten mir meine Erinnerungen ihre zuletzt schmal gewordene Gestalt. Hochaufgerichtet stand sie vor meinem inneren Auge erneut vor mir. Ihr von Zorn gerötetes Gesicht ließ mich unwillkürlich einen Schritt zurückweichen. Dann hörte ich sie noch einmal, diese schneidend kalte Stimme, wie ich sie davor von ihr noch nie so vernommen hatte. Die aus ihrem aufgebrachten Ich herausgeschleuderten Worte durchmaßen auch jetzt nochmal grell den Raum: „ In der Familie W., da gab es weiß Gott nirgendwo einen Sebulon, da hat sich kein Sebulon herumgetrieben. Vielleicht hättest Du nicht nach Buchenwald….“

Ruckartig unterbrach ich hier meine Gedanken und fragte tonlos in den Raum: „Warum hast Du aus Deinen gerne verbreiteten, vielschichtigen Erzählungen die Ungereimtheiten nicht ausgeleuchtet?“

Ich wandte mich wieder dem Fenster zu.

„ Das war die Wende in unseren engen Beziehungen“, sagte ich mit ungewohnter Härte in der Stimme. So weit ich zurückdenken konnte, hatte ich sie auf einen Sockel der Bewunderung und Verehrung gestellt. Keinerlei kritische Gedanken ließ ich um sie herum zu. Dann war das anders. Ich konnte sie dennoch nicht vom Sockel holen, aber es fiel mir auch schwer, sie dort zu lassen.

Zusammenhangslos hörte ich mich murmeln: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung, sagen sie das nicht so von alters her?“. Und sie schoben sich wieder heran, die zurückliegenden Zeiten mit auffordernden Erinnerungen. Der hochgewachsene Nadelbaum im Vorgarten schien meiner Gedankenwelt Vorschub leisten zu wollen. Seine schweren Äste waren wie Arme nach oben ausgebreitet. Dichtes Grün quoll aus einer Vielzahl von Zweigen, ohne eine Last oder Schwere zu signalisieren. Ich ließ zu, dass meine Blicke an den Ästen auf und ab wanderten und tastete mich hoch zur Spitze des Baumes, wo schon junge Zweiglein mit jeweils einer Knospe ein Krönchen zu bilden schienen. Dann meinte ich mich von Mora unvermittelt untergehakt zu wissen und sie raunend sagen hören: „Komm mit, noch einmal begleite mich, auf all meinen Wegen, zrucko und hiefüa, ein letztes Mal!“ „Oder hiefüa und zrucko?“, murmelte ich fragend.

Und so kam ich denn mit, berührte gedanklich ihre Anfänge im Woid und blieb danach noch einmal Begleiterin wie einst im wirklichen Leben. Diese gedankliche Reise, den Inn entlang, dann kurz Passau berührend, danach der Ilz flussaufwärts folgend, sollte uns in das karge Tal führen, das sich leicht auf und ab bewegt um dann nach Osten hin anzusteigen bis zum dunkelgrünen Ansatz der böhmischen Wälder, wo Moras Leben ihren Anfang nahm. Ich ahnte, es würde keine kurze Zeitreise sein, in einer Umarmung, aus der ich mich nicht vor ihrer Beendigung herauswinden konnte. Von unten hörte ich die Stimmen der weitläufigen Familie und meiner Kinder, die gekommen waren um von Mora Abschied zu nehmen. Unschlüssig sah ich mich nach einem ruhigen und bequemem Plätzchen um, das mich für die Dauer unserer Zeitreise aufnehmen sollte. Mein Blick fiel hinüber in das geräumige Wohn- Esszimmer und ich steuerte den dicken, bequemen Polstersessel an, der Mora nicht nur ein lieber Platz zum Ausruhen gewesen war. Das rote und dicke Polster schob sich wie von selbst bereits in meine Kniekehlen, als ich schräg gegenüber auf einer Ablage das dicke grau-blaue Fotoalbum bemerkte.

„Ich werde es brauchen können um nicht von meinem Weg mit Dir abzukommen“, hörte ich mich wieder einmal, ehe ich mich damit in die Polster fallen ließ.

2. Kapitel: Zum Anfang.

Inzwischen war der Nachmittag zwielichtig geworden und hüllte sich und mich langsam in die beginnende Dämmerung ein. Ehe ich das Album aufgeschlagen hatte, war ich mit den Gedanken vorausgeeilt und war bereits bei den wie wahllos hingeworfenen Ansiedlungen angekommen, die sich in den Waldtälern des Bayrischen Waldes, abseits von den Dörfern, geschickt und schutzsuchend an die Wälder und Wiesenhaine hin ducken. Zwei bis drei Häuser jeweils, von eigener Hand aus Holz und Granit gebaut. „In einer davon bist Du zuhause gewesen und auch mir bleiben sie in lieber Erinnerung“, sinnierte ich.

In grauer Vorzeit schon, kamen Menschen aus verschiedenen Himmelsrichtungen zum Bleiben an in diesen Tälern, die ihnen trotz der Mühsal beim Roden der Wälder und der Bearbeitung des kargen Bodens, geliebte Heimat wurde. Im rauen Klima waren sie im Schutz der Tannen und Fichten gut aufgehoben. „Eure Sangesfreude und die Begabung, ohne Noten ein Musikinstrument zum Klingen zu bringen, war keinem von Euch der Rede wert“, lächelte ich in mich hinein. Ich wusste, es war ihnen Entspannung nach harter Arbeit und so konnte man regelmäßig in der Stille der beginnenden Nacht aus den Talsenken heraus, die Hänge hinauf, das Echo der anrührenden Lieder hören, die von der Herkunft der Siedler und auch vom Heimweh der Vorfahren erzählten.

„Du kanntest diese Lieder alle auswendig“, wandte ich mich an Mora. Ich wusste um ihren Hang, bereits in Kindheitstagen die Lieder mit gekonnter Gestik zu unterstreichen.

„Der harte Alltag ließ eine diesbezügliche Entwicklung nur bis zum Ansatz zu“, bemerkte ich gedankenverloren.

Es wurde nun Zeit, an ihren Anfang im Woid zu erinnern, aber es fiel mir enorm schwer und so blieb das Album erst nochmal geschlossen. Ich stand stattdessen auf und strebte in Richtung Küche um nach Kaffee zu suchen. Ihr abgegriffener Becher stand da noch, sauber auf der Spülablage. Die Kaffeemaschine und der noch vorhandene Kaffee ließen bald das aromatische schwarze Gebräu entstehen, das mir Wärme gab um den unterbrochenen Gedankenfluss wieder aufnehmen zu können.

„Wann hast Du davon erstmals erfahren und dann, wie bist Du in all den Jahren damit umgegangen?“, fragte ich zwischen zwei Schlückchen und meinte damit die Tage ihrer Geburt. Ich spürte ihn förmlich, den kalten Oktobertag 1926, an dem sie in dem Bauernhaus in der Dorfsenke, unmittelbar an der harten Straßenkante der durch das Tal ziehenden Landstraße, zur Welt kam.

„Du warst unwillkommen, weil Bankert der ledigen Tochter des Hauses und eines mittellosen, wenn auch selbstbewussten Sohnes des Viehhändlers im Dorf“, bemerkte ich für mich und starrte auf das Foto im jetzt aufgeschlagenen Album, das ein behäbiges Bauernhaus zeigte. Ich hob den Kopf und suchte in meinen mit Last gefüllten Erinnerungen nach dem Bild von Moras Großmutter, jener Großmutter, die im Haus in der Dorfsenke die Fäden in der Hand hielt und von der es kein Foto gab. Also grub ich es aus mir heraus, das Bild jener Urgroßmutter. Ich fand es wieder. Vor meinem inneren Auge sah ich eine hagere, mittelgroße Frau, aus dem Böhmischen stammend, mit tiefliegenden fast schwarzen und wachen Augen, die ihr Gesicht mehr beherrschten, als das dauernd getragene dunkle Kopftuch.

„Heute halte ich Deinem intensiv forschendem Blick stand“, murmelte ich, während ich ihn bei mir ausruhen ließ. Gleichzeitig verdrängte ich erfolglos das anschleichende schlechte Gewissen, das mir vorhielt, wie häufig meine Cousine und ich uns in Kindheitstagen über die eingedeutschten Laute und die etwas singende Tonlage in ihrer Aussprache lustig machten. Vor allem bei ihren Schelten über den jeweils verursachten braunen Abdruck unseres Balles, den wir zu gerne an ihre weiße Hausmauer donnerten. Erneut betrachtete ich das Bauernhaus auf dem Foto und ließ es auf mich wirken. Ich meinte, noch auf dem Bild den grellweißen Rauputz der Außenwände zu sehen, der sich fortsetzte bis hinein zu den Innenwänden jenes Zimmers, einer Nebenkammer, die der Ort von Moras Geburt geworden war. Aus Moras Erzählungen wusste ich, dass diese ungeheizte Kammer nichts enthalten hatte, als zwei aneinander geschobene und aus Fichtenholz gefertigte Bettgestelle mit prall gefüllten Daunenbetten, die Moras Mutter als Teil der Aussteuer zugedacht waren.

Später erzählte man sich noch, dass Mora nach dem ersten Schrei, den sie in die Kammer gestoßen hatte, von der Großmutter in ein aus naturbelassenem Leinen gefertigtes Wickelkissen gesteckt und so in die Ritze zwischen den Betten platziert worden war. Ich meinte die tägliche Stille von damals um Mora herum körperlich zu spüren und wandte mich nochmal an meine Urgroßmutter: „Du hattest zusammen mit Deinem Mann, meinem Urgroßvater, das Bauernhaus von einem Bauern ohne Erben gegen eine günstige sogenannte Austrags-Leistung erworben und durchgehend Wert auf das strahlende Weiß gelegt. „ Ein weißer Fleck, einem unbeschriebenem Blatt Papier ähnlich?“, grübelte ich. „Aber auf welchem Weg bist Du in die Dorfsenke gekommen?“. Darüber hatte man weder zu ihren Lebzeiten noch danach geredet und wenn, dann kam nur Spärliches daher. Nur so viel, dass sie aus dem Böhmischen gekommen war.

„Auf dem Weg der Säumer, über den Goldenen Steig“, setzte ich feststellend nach, entfernte mich für ein paar Momente vom Album und blieb auf dem Säumer-Weg.

Auf diesem jahrhundertealten Steig, einem Handels- und Schmugglerweg durch das Tal, wurde auf Pferden, Ochsen, Maultieren und nicht selten auch auf dem Rücken der Menschen, Salz nach Böhmen und Glas in entgegengesetzter Richtung nach Passau transportiert. Mein Blick streifte kurz über das Album und haftete am kleinen Portrait-Foto fest, das Moras Vater in Uniform zeigte. „Dahin will ich noch nicht“, entfuhr es mir. Jedoch vermochte ich nicht, mich ganz und gar dem schwarzweißen Foto zu entziehen. Ich sah dahinter den bis ins Alter schlank gebliebenen Großvater mit dünnem Haarwuchs, der, ehe er grau geworden war, als rotblond bezeichnet werden konnte. Seine etwas zu groß geratene Nase zwischen lebhaften, schmalen, fast listigen hellblauen Augen im von Sommersprossen übersäten ovalen Gesicht, gab ihm Würde.

Ich hatte immer Respekt und Achtung vor ihm, aber keinen Zugang zu ihm gefunden.

„Du bist schon hier im Tal geboren, wie nachweislich schon Dein Vater und Großvater und Euren Namen habt Ihr wie eine kostbare Außergewöhnlichkeit vor Euch hergetragen und auch in dieser Art so weitergegeben, ohne dass jemals jemand den Grund hierfür hinterfragt hätte. Aber auf welchem Weg die Deinigen, die Familie W., anno dazumal ins Tal gekommen war, darüber gab es nur vielschichtiges Achselzucken.“ Spärliche Erzählungen hierüber gaben lediglich preis, dass seine Mutter auch aus dem Böhmischen stammte.

Meine Recherchen hatten mir jedoch schon Antwort gegeben. Damit pilgerte ich gedankenverloren in die Passauer Altstadt zur Luvago-Gasse, Nahe am Domplatz.

Dort befindet sich das Archiv des Bistums Passau, das Einblicke in die Ahnenforschung zulässt. „Aus Italien und Böhmen, so die alten Aufzeichnungen, waren sie gekommen, die Deinen. Der Goldene Steig war demnach auch einer ihrer Wege und nicht nur von Böhmen her, sondern auch von Passau her“, resümierte ich. Stimmlos wurde ich mitgenommen zu althergebrachtem und historischem Wissen: „In der Altstadt von Passau gab es neben der katholischen Kirchen bis 1427gar noch eine Synagoge, die dann abbrannte. Bis1478 gab es Juden nur mehr in der Ilz-Stadt, dann jedoch, ab 1867, fast 100 Jahre nach der Reduzierung des bischöflichen Machtbereiches von Passau und ca. 60 Jahre nach der Säkularisation, begann eine erneute Zuwanderung von Juden.

„Ich liebe Passau, die Ausstrahlung einer deutsch-italienischen Architektur von Neugotik bis Barock und den Punkt der Verschmelzung von Ilz und Inn mit der Donau. Vor allem liebe ich den Fuß-Weg am Inn entlang, der an der Fünferl-Brücke vorbeiführt bis hin zur Landspitze und das hat seinen Grund“, ergänzte ich aus einer Vielzahl von Empfindungen und ließ nun Fantasie und Gedanken miteinander spielen. Dazu tastete ich mich behutsam hin zu den Ufern des Inns und ließ vor meinem inneren Auge die damaligen Zuwanderer, Juden und Nichtjuden aus Italien, Österreich oder aus der Schweizer Bergwelt kommend, in Grüppchen stromabwärts vorbeiziehen. Ihre Habseligkeiten auf einer Kraxe festgezurrt, die schwer auf die jeweiligen Rücken gedrückt haben musste, sah ich sie ächzend ihren Weg suchen.

„Übergesetzt zur Ilz und am Goldenen Steig angekommen, war der Weg noch weiterhin beschwerlich, aber es war nicht mehr allzu weit in eine neue und sie schützende Heimat“, ging es mir durch den Kopf.

Ich bemühte meine diesbezüglichen Visionen der Zuwanderung immer wieder gerne, so auch jetzt, im Angesicht des graublauen Albums, aus dem heraus mich die Gesichter der Familie W. fixierten. Mit diesen Gedanken drängte es mich, mehr feststellend als fragend, hin zu den vielschichtigen Namen im Tal. „Die eingedeutschten Namen, die habt Ihr auch auf Euren gekrümmten Rücken schon mitgebracht. Mit dabei waren wohl auch jene, die sich der jeweilige Träger nicht aussuchen durfte und die dazu angetan waren, ihn damit zu beleidigen oder ihn zu demütigen. Mittlerweile tragen sie den ehemals selbst ausgesuchten oder ihnen aufgedrückten Namen mit einer Souveränität, die keine Blässe mehr zeigt. Sie alle haben im Tal ein Zuhause gefunden und sind eingebettet in eine Solidargemeinschaft auch mit jenen, die aus den Bauernhöfen der Südtiroler Berge ausziehen mussten, weil Lohn und Brot fehlten. Für keinen war und ist es jemals Sache gewesen, irgendeine Herkunft zu hinterfragen“, murmelte ich abschließend. Mir jedoch war es ein unerklärliches Bedürfnis und dies nicht zum ersten Mal, die erst vor kurzem erworbenen Kenntnisse zur Namensbildung vor mir auszubreiten. Danach hatten die Juden Ende des 18. Jahrhunderts in absolutistisch regierten Staaten Mitteleuropas deutsch lautende Namen zu übernehmen um Spuren zu ihrer ursprünglichen Herkunft auszulöschen. Im Gegenzug dazu hatte es für sie erweiterte Bürgerrechte gegeben. „Um diese Zeit haben wohl auch viele der Zugewanderten den herkömmlichen jüdischen Glauben verlassen und bekannten sich nach langem Leidensweg, den die Ahnen schon kaum mehr zu schultern vermochten, zum landesüblichen Christentum“, ging es mir durch den Kopf.

Später sollte sich mein diesbezügliches Wissen aufstocken. Nämlich dahingehend, dass mit einer im November 1932 eingeführten Verordnung und dem Rund- Erlass des preußischen Reichsinnenministeriums dazu, Richtlinien im Dezember desselben Jahres geschaffen wurden, die es den Juden unmöglich machen sollten, einen als jüdisch geltenden Familiennamen abzulegen. Damit gab es wohl bereits die verwaltungstechnischen Voraussetzungen für den Ende 1941 beginnenden Holocaust.

Noch auf dem gedanklichen Weg mit Mora, hin zu ihren Anfängen und im dicken Polster sitzend, wusste ich das nicht.

Das Fotoalbum lag noch aufgeschlagen auf meinem Schoß, als ich nach einer Möglichkeit suchte, die vorher angestoßenen und mich bedrängenden Gedanken um den im Hause W. festgemachten Katholizismus auszuleuchten. Da war das Foto von Moras Mutter, meiner Großmutter, das mich hierzu begleitete.

„Der Katholizismus war ihr Zeit ihres Lebens ein besonderes Anliegen.

Ihr Tun und Lassen orientierte sich an dem, was die Kirche und die damit verquickte Hierarchie verlangte. Demütig lebte sie die aufgepfropften und vorgegebenen Gesetzmäßigkeiten der katholischen Kirche.

In diesen Reihen suchte sie, so wie es im Tal üblich war, ihre Anerkennung und ihren festen Platz“, erinnerte ich mich. Vom Hörensagen wusste ich, dass es in den Wintermonaten Tage gegeben hatte, an denen diese zierliche Gestalt, zusätzlich zum Sonntagsgottesdienst, weitere zwei Mal die Woche in frühester Morgenstunde in das Nachbardorf zur Frühmesse stapfte und sich von keiner noch so hohen Schneewehe aufhalten ließ. „Sie hat nebenher nicht versäumt, auch Dir ihren Glauben ans Herz zu reden und darin war sie nicht recht erfolgreich, dennoch verfingst Du Dich darin“, wandte ich mich mit undefinierbarem Unterton an Mora und bemühte nochmal das Foto um Aussagen.

Das braune dichte und schulterlange Haar trug sie tagsüber ihr Leben lang zu einem Knoten im Nacken zusammen gesteckt. „Hatte sie jemals graues Haar?“, fragte ich mich und hatte dabei ihre hellbraunen Augen im ovalen Gesicht vor mir, die gewohnheits-mäßig das jeweilige Gegenüber aufmerksam zu mustern pflegten. In mir war seit Kindheitstagen eine stille und innige Zuneigung zu ihr vorhanden. In unzähligen Zwiegesprächen mit ihr ließ ich sie an meinem Leben teilhaben und meinte durchgehend, ihre helfende Hand zu spüren, vor allem dann, wenn ich in Nöten war.

Nicht ein Mal war mir in früheren Jahren bewusst geworden, wie sehr sie, mit der katholischen Kirche im Schlepptau, die Gangart der Familie W. zu bestimmen wusste. Aus etlichen Erzählungen Moras wusste ich jedoch, dass ihr Vater, mein Großvater, diese Gangart regelmäßig durchkreuzte. Ein Lächeln machte sich in mir breit, als ich spontan mit meinen Erinnerungen an Überlieferungen darüber andockte. Eine davon erzählt von Tagen, an denen Gewitter das Tal heimsuchten.

Da sah ich tiefhängende schwarze und grollende Gewitterwolken, aus denen heraus grelle Blitze die Einwohner im Tal aufschreckten. „Deine Mutter wurde panisch an solchen Tagen oder Nächten“, wandte ich mich an Mora und fuhr fort: „Bei jeder Tages- und Nachtzeit musstet Ihr für die Zeit des Gewitters um den hölzernen Tisch in der Küche sitzen, auf dem eine von der Wallfahrt mitgebrachte schwarze und geweihte Kerze flackerte“. Demütige Häufchen da am Küchentisch, gemurmelte Gebete, die an den Küchenwänden empor krochen, während der Vater mit ironischem Gesichtsausdruck und seiner Mundharmonika an den Lippen auf der überdachten Treppe vor dem Hauseingang saß und die hell aufzuckenden Blitze am geschwärzten Himmel und das ihnen nachfolgende Donnern aufmerksam beobachtete. Dabei zählte er die Sekunden, die den Abstand zwischen Blitz und Donner ausmachten um die Entfernung des Gewitters zum Haus einschätzen zu können. „Seine dabei leise gespielten Melodien drangen ins Haus und zupften an Dir“, so hast Du mir erzählt und sie ließen Deine Angst vor dem Himmelsgepolter kleiner werden.

Vom Hörensagen wusste ich, dass er es war, der Mora wenige Tage nach der Geburt von der Dorfsenke weg- gebracht hatte. Meine Gedankenwelt beschäftigte sich gerne mit den Schilderungen darüber, wie er mit leicht schlenkernden Bewegungen und glitzernden Augen die erst wenige Tage alte Tochter in einer erstandenen hölzernen Wiege, die er abwechselnd mal auf der linken und mal auf der rechten Schulter balancierte, seinem Elternhaus zuführte. Das Haus, einsam gelegen und sich geschickt hinter ein paar hervorgetretenen Tannen verbergend, hatte Mora, inmitten der Großeltern und einer noch jungen Schar von Onkeln und Tanten, Liebe und Geborgenheit in den nachfolgenden Jahren bis zur Einschulung gegeben. Von diesen Tagen im Haus des Viehhändlers W. konnte sie später nicht oft genug mit viel Wärme in der Stimme erzählen.

Was außerhalb der schützenden Tannen diese Jahre, die Jahre von 1926 bis 1933 bestimmte, in der eine junge Demokratie erste ungelenke Schritte gemacht hatte, war keinem der Rede wert. Mit unverhohlener Ironie in der Stimme hörte ich mich sagen: „Rückblickend zu dieser Zeit erzählte man sich lediglich gerne in der Familie, dass

im Jahr 1933 das von Moras Eltern gebaute Haus, in Nähe der Dorfsenke, bezugsfertig geworden war. Hier wurde mir bewusst, dass ich auf dem Weg durch Moras Leben, der sich durch eine Zeit von politischen Umwälzungen hanteln würde, nicht nur geschichtliche Erkenntnisse heranführen, sondern auch die jeweilige Politik mit auf den Weg nehmen musste, weil deren Auswirkungen die nachfolgenden Generationen mit sich zu schleppen hatten und haben.

Mir gegenüber hing an der Wand ein Portrait-Foto von Mora aus ihren letzten Tagen.

Direkt wandte ich mich nun halblaut an sie: „Als ich Dich fragte, ob Du Dich noch an den Januar 1933 erinnern könntest, da hast Du mich nur verständnislos angesehen. Es war dies das Jahr Deiner Einschulung und auch das Jahr, in dem Hitler an die Macht gekommen war. Barfuß bist Du im Sommer zur Schule gelaufen und barfuß war auch sie, die junge Demokratie, die mit Blasen und Schrunden an Hitler vorbeizukommen suchte und dann doch scheiterte.“ Meine Stimme hatte einen ärgerlichen Ton angenommen, denn es war mir unerklärlich, warum in Moras Familie, in der ebenso gerne wie ich es mit ihr später auch zeitlebens tat, über die Politik diskutiert worden war, aber zur Hitlers Machtergreifung nur überliefert worden war, dass man nun die Haustüre wieder unverschlossen halten konnte und die Wäsche nicht mehr von der Wäscheleine gestohlen wurde.

Draußen setzte die Dunkelheit ein. Hinter mir war Moras kleine Leselampe. Sollte ich jetzt nicht doch meine Erinnerungen und die gedanklichen Zwiegespräche mit Mora für heute abbrechen? Sollte ich mir ihr nicht einfaches Schicksal und das Schreckliche der Jahre nach 1933 noch vor Augen führen oder mich lieber unter die lärmenden Trauernden mischen?

Aber dann meinte ich die Kraft ihres auffordernden Blickes zu spüren, der mich zu ihren Lebzeiten fast immer in ihre Spur gebracht hatte. „Na gut, hast gewonnen,“ hörte ich mich leise. Dann bewegte ich meine Füße in Richtung Küche. Die nun von draußen eingedrungene Dunkelheit ließ ich zu, ich empfand sie meiner Stimmung entsprechend und vermied es deshalb, den Lichtschalter zu drücken. Gleichzeitig war ich froh darüber, dass durch die Straßenlaterne von der Straße her, etwas Licht in die Küche einsickern konnte um eine eindeutige Finsternis zu verhindern. Vorsichtig füllte ich den Kaffeebecher erneut mit dem heißen Gebräu und murmelte: „Ist gut, so wie es ist, warum nicht weiterhin den Erinnerungen Platz machen, warum ihnen nicht Zeit geben, ehe sie von der Vergänglichkeit eingeholt werden und bis zur Unkenntlichkeit verblassen?“

Da saß ich nun wieder im Polsterstuhl und griff nach hinten um die kleine Leselampe anzuknipsen, dabei meinte ich einen Wimpernschlag lang, den Mora eigenen warmen Hautgeruch zu spüren. Weit öffnete ich nun das Zeitfenster einer Vergangenheit, durch das hindurch ich Mora eine Weile zusehen und zuhören wollte. Darin sah ich auch jene Zeitspanne, in der Hitler das rosa Kaninchen von Judith Kerr gestohlen hatte.

3. Kapitel: Kinder- und Jugendzeit.

Tief beugte ich mich über das Foto, das Mora in einem geblümten Kleidchen und mit einem Schulranzen auf dem Rücken zeigte und aus weiter Ferne hörte ich ihre leise Stimme erzählen: „ Ich bin gerne zur Schule gegangen. In dieser Zeit war ich befreit von den Haus- und Feldarbeiten und vor allem dem Geschrei der Geschwister und dem Meckern der Geißen. In den Sommermonaten freute ich mich besonders auf den Schulweg. Dieser Weg zu unserer kleinen Dorfschule war zuerst nur ein schmaler, von uns und den Tieren ausgetretener, Fußweg, der sich entlang schlängelte an graubraunen Feldern und dunkelgrünen Wiesen, dabei heranführte an den Hohlweg mit dicht bewachsenen Büschen, hohen Gräsern und würzig riechenden Kräutern bis hin zur steinigen Landstraße, die sich bald danach durch das Dorf windete und letztendlich an der Volksschule vorbei schlich um die umliegenden Dörfer miteinander zu verbandeln. Leise murmelte ich: „Bereits zwei Jahre nach Deiner Einschulung begannen junge Männer damit, die inzwischen zu einem Arbeitsdienst verpflichtet worden waren, dieser Landstraße und auch anderen Straßen im Land, ihr harmloses Gesicht zu nehmen. Und dies habt Ihr zu spät gemerkt.“

Weil ich das kleine und magere Mädchen auf dem Foto noch nicht verlassen wollte, hielten sich meine Gedanken eine Weile an Moras Gesichtsausdruck fest.

Etwas schrägstehende graublaue Augen sahen mich mit forschem Blick aus einem mit Sommersprossen übersäten Gesichtchen an, das von zwei dünnen, rotblonden Zöpfen umrahmt wurde.

Banalitäten, die das Foto u.a. erzählten, beschäftigten mich kurz. Ich fragte mich, ob der Schulranzen aus Leder oder Holz gefertigt worden war. Schuhe aus Leder waren für Kinder zur damaligen Zeit im Woid höchst selten. Im Sommer waren ihre flinken Füße überwiegend barfuß unterwegs. Mitunter trugen sie auch, wie die Erwachsenen, Holzschuhe und dies vor allem an Regentagen und auch zur Winterszeit, an ihren kleinen Füßen. Wärme und Schutz gaben die aus Schafwolle gestrickten Strümpfe, die mit Gummibändern o.ä. am jeweiligen Oberschenkel befestigt worden waren.

„Ihre in späteren Jahren gemachten Äußerungen über kratzende Schafwolle, hatte wohl hier ihren Ursprung“, sinnierte ich beiläufig lächelnd.

Während ich das üppig bewachsene Umfeld auf dem Foto näher in Augenschein nahm, vor allem den Wegrain, in dessen Gräser ihre Hand spielerisch hinein geglitten war, meinte ich erneut ihr noch dünnes Stimmchen zu vernehmen, das mich jedoch schon die tiefere Bedeutung ihres Woides ahnen ließ: „Manchmal, nachdem ich die von Mutter aufgetragenen Arbeiten erledigt hatte, gelang es mir, ihr zu entschlüpfen. Dann bin ich barfuß und leichtfüßig zum Hochwald hinauf, hab sein hörbares Atmen und sein weiches Rauschen in mich aufgenommen, hab ihm meine heimlichen Gedanken und Empfindungen preisgegeben und mich wiegen und beruhigen von ihm lassen.

Der Hochwald hat seine ganz besondere Bedeutung, musst wissen, die Winde aus allen Richtungen, selbst die Winde aus dem Osten, die sogenannten harschen Ostwinde, verfangen sich seit eh und je in den Ästen und Zweigen des Hochwaldes, der ihnen seinen Rhythmus aufzwingt, ihnen das Atmen erleichtert um sie dann loszulassen, damit sie zur sanften Brise für die auslaufenden Weiten werden können.“

Mora und der Woid waren irgendwie eins und in der Tiefe ihres Herzens hat sie das zeitlebens genossen, so wie sie es zeitlebens genossen hat, mit ihrem Mädchennamen, dem seit alters her von der Familie W. mit Stolz hochgehaltenen Familiennamen, im Woid ein Begriff zu sein.

Hier erinnerte ich mich daran, wie sie auch noch als Erwachsene wie unter Zwang mitunter in das Unterholz eines Jungwaldes kroch, dann zurück kam mit Spinnweben, Tannen- und Fichtennadeln im Haar und mit dem ihr eigenen Glitzern in den Augen, das zeitlebens ihre Augen überzog, wenn Wahrgenommenes mit der Erkenntnis darüber verschmolz. Es war ein Glitzern, einem geschliffenen Edelstein ähnlich, in dem sich die Vielfalt des Lichtes zu brechen schien. Oft, wenn es die jeweilige Jahreszeit zuließ, trug sie dabei den sanft-würzigen Geruch der dem Waldboden entwundenen Pilze mit sich, der dies Glitzern noch zu verstärken schien.

„Merk es Dir“, hörte ich sie raunen, „dort, wo die schönen, roten, aber giftigen Fliegenpilze wachsen, dort kannst auch den prallen und schmackhaften Steinpilz finden, musst die Augen nur richtig aufmachen. Ist halt genauso wie im wirklichen Leben.“

„Pilze…“, murmelte ich unvermittelt und gedankenverloren fuhr ich fort: „Wald-Pilze wissenschaftlich definiert, sind dies Organismen der Superlative, die sich im gegenseitigen fruchtbaren Austausch mit den Bäumen des Waldes inspirieren und am Leben erhalten…“

Ich war im Augenblick nicht dazu fähig, diesem Satz noch Gedanken oder Interpretationen hinzuzufügen oder ihn gar irgendwie weiterzuspinnen.

Ich blieb lieber träge und gedanklich wieder bei ihr untergehakt und unterwegs mit ihr, spürte erneut ihre vermeintliche Anwesenheit und meinte sie wispern zu hören in einer Sprache, die mit versteckten Lauten, so schien es mir, agierte und die ich noch nicht zu entschlüsseln vermochte.

Reglos hielt ich all den Gedanken stand, die überrumpelten und gleichwohl Aufmerksamkeit verlangten.

Fragen zum Leben der Familie W., die sich immer wieder an der politischen Entwicklung des Landes festmachten, wälzten sich förmlich an mich heran. Eine nicht definierbare Unruhe ließ mich aufstehen. War es Zufall, dass nun mein Blick direkt hinein fiel in das älteste der Fotos, die mir gegenüber an der Wand hingen und die alle für sich ihren Stellenwert besaßen. Ich nahm darauf einen alten Mann wahr, der, den Ellbogen auf der Tischkante aufgesetzt, den Kopf sorgenvoll und abgewandt mit der Hand stützte.

Der Anlass für das Foto war ein Familienfest. Bisher hatte ich noch nie über den, für ein Familienfest ungewöhnlichen Ausdruck im Gesicht, nachgedacht. Jetzt meinte ich, ihn als unbegreifliche Enttäuschung definieren zu müssen. Dieser Eindruck verstärkte sich beim näheren Hinsehen auf seine Frau mit Kopftuch neben ihm. Ihr Gesichtsausdruck signalisierte verbitterte Ratlosigkeit und zerfurchte Ergebenheit.