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Der Richter und verheiratete Familienvater Hagen Thiemann führt ein Doppelleben. Nahezu niemand ahnt etwas von seiner Homosexualität, die er verborgen und nur in flüchtigen One-Night-Stands auslebt. Erst der Auszug der erwachsen gewordenen Tochter setzt den Startschuss, endlich aus dem vorgetäuschten Familienidyll auszubrechen. Von dieser Entscheidung gezwungen, muss seine Ehefrau Corinna ihr Leben neu gestalten, was ihr anfänglich nichts als Frustration einbringt. Hagen hingegen genießt seine neue Freiheit mit dem attraktiven Musiker Jonas. Zum ersten Mal verliebt, verfällt er dem jungen Künstler. Es entwickelt sich eine Abhängigkeit, aus der er sich selbst dann nicht lösen kann, nachdem sich herausstellt, dass Jonas der feste Freund seiner Tochter ist. Das von ihm schuldbeladen fortgesetzte Dreiecksverhältnis belastet sein Gewissen schwer. Hagen droht, an seiner moralischen Zerrissenheit zu zerbrechen und fasst einen fatalen Entschluss… Komplett überarbeitete Neuauflage. Hinweis: Dieser Roman enthält moderate homoerotische Beschreibungen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
An einem Samstag im Oktober …
»Ich fahr dann jetzt. Danke für die gemeinsame Zeit.« Passierte dies gerade wirklich? Ließ ihr Mann sie tatsächlich nach dreiundzwanzig Ehejahren sitzen? Gegen seine Umarmung zum Abschied sperrte Corinna sich bewusst, stattdessen machte sie ihrem Ärger und der Enttäuschung Luft: »Ist das alles? Nicht mehr als die paar Worte bekomme ich von dir zu hören? Nach allem, was ich für dich getan habe? So oft habe ich für dich gelogen und mich selbst komplett zurückgenommen. Die beste Zeit meines Lebens habe ich dir geschenkt und das war es nun? Dass du ein solcher Egoist sein kannst, hätte ich niemals geglaubt.«
Den unerwartet verbitterten Gefühlsausbruch seiner Frau noch deutlich im Ohr, folgte Hagen dem Möbelwagen auf der regennassen Autobahn in südwestlicher Richtung. In dem Kleinlaster waren die Einrichtungsgegenstände verladen, die er aus dem gemeinsamen Hausstand für sich beanspruchte. Aus dem Autoradio ertönte Musik, doch er hörte kaum hin. Das soeben Erlebte beschäftigte ihn, überlagerte die Freude über den bevorstehenden Neuanfang merklich. Seine ansonsten sehr ausgeglichene und rücksichtsvolle Ehefrau hatte ungewöhnlich schroffe Worte gewählt – Beschimpfungen und Vorwürfe, die seines Erachtens nach nicht gerechtfertigt waren. Schließlich hatte er seine Pläne ausgiebig mit ihr besprochen und ihr die Argumente, die dafür sprachen, mehrfach dargelegt. Bei jedem dieser Gespräche hatte Hagen an das Verständnis seiner Frau appelliert, welches sie zunehmend weniger hatte aufbringen können, je näher der Tag seines Auszugs herangerückt war. Die beste Zeit meines Lebens geschenkt … rief er sich ihre sehr einseitige Sichtweise ins Gedächtnis zurück. Es war jederzeit ein gegenseitiges Geben und Nehmen gewesen. Darüber hinaus hatte sie früh genug erfahren, worauf sie sich mit mir einlässt und welche Kompromisse es einzugehen gilt, dachte er. Zweifellos war es nicht immer leicht, gestand er bereitwillig ein, doch ihm die Lebensweise anzulasten, für die Corinna sich trotz aller Widrigkeiten entschieden hatte, hielt er für reichlich unfair. Nachdem die gemeinsame Tochter vor knapp einem Jahr das Haus verlassen hatte, war der Auszug seines Dafürhaltens mehr als überfällig geworden, ebenso wie die Ehescheidung, um die er seine Frau nach einer angemessenen Dauer des Getrenntlebens würde bitten wollen.
Die Scheibenwischer hatten konstant zu tun – unablässig fegten sie Regentropfen von der Windschutzscheibe, die sich zu der aufwirbelnden, schmutzig-nassen Gischt des vorausfahrenden Kraftwagens gesellten. Den Blick konzentriert nach vorn gerichtet, verwünschte der 44-Jährige den dichten Verkehr. Er konnte es nicht abwarten, die altvertraute und zugleich verhasste Kleinstadt hinter sich zu lassen und trommelte voller Ungeduld mit den Fingern auf das Lenkrad. Der Möbelwagen blieb beharrlich auf der rechten Fahrspur. Nicht lange und Hagen wurde der grau-weißen Rückansicht des kleinen LKWs überdrüssig. Er setzte den Blinker und überholte das sperrige Gefährt; mit jedem zügiger vorankommenden Meter spürte er hiernach, wie seine Laune anstieg.
Derart dunkel, wie sich die Regenwolken über den gesamten Himmel erstreckten, war es auch um Corinnas Stimmung bestellt, als sie nach Hagens Verabschiedung in Tränen ausbrach und in das Einfamilienhaus zurückkehrte, in dem sie so viele Jahre zusammengelebt hatten. Weinend hängte sie ihren Hausschlüssel in das Metallkästchen neben der Eingangstür, wobei ihr Augenmerk auf den einzig freien Haken fiel: Dass der Schlüssel ihres Mannes trotz seines Fortgangs im Schlüsselkasten fehlte, hatte seine Richtigkeit. Sie waren darin übereingekommen, dass er ihn vorerst noch behielt – sollte er beim Packen der Umzugskartons vereinzelte Kleinigkeiten übersehen haben, könnte er diese nachträglich und ohne großen Umstand aus dem Haus holen.
Niedergeschlagen und völlig außerstande, einen anderen Gedanken zu fassen als die schier unbegreifliche Tatsache, dass ihr Mann sich soeben von ihr und dem Leben, das ihnen in einträchtiger Koexistenz zu führen geglückt war, abgewendet hatte, warf Corinna sich schluchzend auf das Bett. Sie ließ den Tränen freien Lauf, gab sich dem Schmerz hin und fühlte sich verloren wie lange nicht. Was sollte sie nur tun, jetzt, da er nicht mehr bei ihr war? Sich entfalten und endlich einmal an sich selbst denken, wie Hagen es ihr geraten hatte? Sie wüsste nicht, wozu – im Gegensatz zu ihm brauchte und wollte sie diese Art der Veränderung nicht. Schniefend fischte sie ein Papiertaschentuch aus ihrer Hosentasche hervor und schnäuzte sich die Nase. Natürlich hat er recht, gab sie widerstrebend zu, wenn er sagt, dass es mir ebenfalls nicht ausreichen sollte, ein Eheleben zu führen, das nur auf dem Papier besteht und ich genauso ein Anrecht auf Leidenschaft hätte, wie er. Doch ist mir das wirklich wichtig? Nein, konnte sie sich die Frage auf Anhieb selbst beantworten, sie hatte die Fassade der intakten Ehe, hinter der es ihnen gelungen war, ihre Tochter Ann-Sophie behütet aufwachsen zu lassen und Hagens guten Ruf vor dem Gerede der Kleinstadt zu schützen, mehr als liebgewonnen. Bei der Überlegung, wie es weitergehen und was sie den Nachbarn sagen könnte, die sie sicherlich zu den Umständen des Auszugs ihres Mannes befragen würden, schlief sie erschöpft ein.
Kurz nach zwanzig Uhr …
Das Auspacken der Umzugskisten war schnell erledigt. Bedeutend langwieriger hatte sich das Einräumen seines Arbeitszimmers gestaltet, welches von Hagen komplett aus dem Haus mitgenommen und von den Umzugsprofis in allen Einzelteilen wieder aufgestellt worden war. Computer und Drucker waren angeschlossen und die unzähligen Gesetzbücher, Ordner und Akten in die wandfüllenden Bücherregale und Schränke einsortiert. Hierbei hatte der Jurist sich gleichzeitig den Ehering abgestreift, den er von nun an in einer der Schubladen seines Schreibtisches verwahren würde. Im Anschluss, so war es geplant, wollte er noch ein ausgesuchtes Bild an die Wand hängen, doch als er auf die Uhr schaute, verwarf er den Gedanken an jene Aktion sofort. Dass das laute Hämmern die Ruhe der Nachbarn stören könnte, war nur einer der Gründe. Der weit reizvollere Anlass, jegliche Maßnahmen zur Wohnungsverschönerung zu vertagen, lebte zwei Stadtteile entfernt: Jonas Seiler, ein 27-jähriger Musiker, smart, sexy und unwiderstehlich attraktiv.
Nach den Anstrengungen des Umzugs frisch geduscht, löschte Hagen die Lichter in den Räumen und verließ, gut gekleidet und in einen dunklen Mantel gehüllt, seine Wohnung. Der Regen hatte nachgelassen; mit jeder Faser seines Körpers zog es ihn zu Jonas. Die Lust war geradezu greifbar und er wollte sie mit dem Menschen ausleben, den er von allen am stärksten begehrte und mit dem er sich eine gemeinsame Zukunft ausmalte. Mit ihm, nach dessen Body, Stimme und Lachen er sich in jeder Minute des Tages verzehrte und dem es gelang, ihm durch die bloße Erinnerung an vergangene Nächte ein unverschämt breites Grinsen zu entlocken.
Der Weg war mit dem Auto nicht weit und führte ihn durch die abendlich beleuchtete Innenstadt. Inmitten des Lichtermeers der Straßen fühlte er sich automatisch in den Spätsommer vor wenigen Wochen zurückversetzt, in dem er seinem Freund im Nachtleben der Großstadt zum ersten Mal begegnet war. In einer kurzen Rückblende sah Hagen die Tür der kleinen Bar erneut vor sich, aus der er den Klang der Livemusik bis hinaus auf den Gehweg gehört hatte. Hiervon angelockt war der Berufsrichter, der knapp zehn Monate zuvor an das ansässige Oberlandesgericht gewechselt war, kurzentschlossen in das Innere des lauschigen Gayclubs getreten. Sofort hatte sein Blick den gutaussehenden Künstler erfasst, der, auf einem Barhocker sitzend, mit der Gitarre auf dem Oberschenkel eine Auswahl seiner Songs spielte. Dass diese wohlklingend, jedoch gleichzeitig mit unkonventionell–frechen Texten unterlegt waren, hatte ihn ebenso fasziniert wie die raue Stimme des Musikers, die ihm anregend unter die Haut gegangen war. An jenem Abend inmitten der Woche hatte sich in dem Club, der fast ausnahmslos von Männern besucht wurde, eine eher begrenzte Menge an Publikum versammelt. So war die Anzahl derer, die Jonas’ Liveauftritt gelauscht hatten, derart überschaubar geblieben, dass der Solist rasch auf den großen, dunkelhaarigen Gast aufmerksam geworden war, der nicht anders gekonnt hatte, als ihn unentwegt anzusehen.
Nach dem Ende des Gigs waren die interessierten Blicke tiefer gegangen und hatten wie von selbst den Weg in Richtung eines ersten Kusses geebnet. In jeder Sekunde ihres anschließenden, erotisch-sinnlichen Beisammenseins waren Hagens Endorphine förmlich übergesprudelt und hatten ihn, entgegen seinem üblichen, äußerst bedachtsamen Vorgehen, dazu animiert, den charmanten Musiker nach dessen Telefonnummer zu fragen.
Zu seiner Freude war Jonas einem erneuten Treffen nicht abgeneigt gewesen, das bald darauf in dessen bescheidener Studentenbude stattgefunden hatte. Dass der Künstler eine solche besaß, verdankte er weniger den spärlichen Gagen für seine gelegentlichen Auftritte, als vielmehr dem gut gefüllten Geldbeutel seiner erzkonservativen Eltern. Einzig für die monatlichen Überweisungen hielt er deshalb das Wirtschaftsstudium aufrecht, welches sie von ihm verlangten und das ihn zu Tode langweilte. Sein Herz gehörte ganz der Musik – von einem Studium in diesem Bereich hatten Vater und Mutter jedoch nichts hören wollen. Und da er nicht daran dachte, die Bequemlichkeit und den Komfort des elterlichen Geldflusses aufzugeben, hatte er das Texten und Musizieren in die Freizeit verlegt und mimte bei Besuchen den braven Sohn, der sein exzessives Privat- und Nachtleben wohlweislich vor ihnen verheimlichte.
Bedingt durch die Tatsache, dass er Jonas inzwischen mindestens einmal pro Woche traf, hatte ihre Verbindung in Hagens Augen paarähnliche Züge angenommen – eine Entwicklung, die er durchaus begrüßte und forcierte. Aus diesem Grund waren lustbringende Ausflüge, wie jener, den er am Abend ihres Kennenlernens unternommen hatte, zu einem strikten Tabu für ihn geworden. In der Vergangenheit jedoch waren die schnelllebigen Abstecher in die homoerotische Subkultur der Großstädte unverzichtbar für ihn gewesen. Ohne sie hätte er die männerliebende Seite in sich und den Druck, den sie tief in seinem Inneren verursacht hatte, niemals ausgehalten.
Nachdem Hagen sich kurz nach Ann-Sophies erstem Geburtstag vor Corinna geoutet und ihr mit zitternder Stimme seine Homosexualität gestanden hatte, war es nicht länger von Nöten gewesen, ihr die glühende Sehnsucht zu verschweigen, die ihn so machtvoll von ihr fortzog. Nur aus diesem Grund hatte er ihr die Vereinbarung vorgeschlagen, die es ihnen erlaubte, sich außerhäusig zu verschaffen, was sie im Ehebett nicht fanden. Entgegengesetzt zu ihm hatte seine Frau von dieser Übereinkunft nie Gebrauch gemacht. Ihr fehlte es dabei an Romantik; sie betrachtete die von ihm praktizierte Lösung als zu kühl und oberflächlich, als dass sie sie je hätte ausprobieren wollen. Eine Ansicht, die Hagen nachvollziehen konnte, die ihn aber dennoch nicht zurückgehalten hatte, regelmäßig und in penibler Anonymität in die nächtlich-pulsierende Szene abzutauchen, um sie vor dem Morgengrauen befriedigt wieder zu verlassen. Mit Jonas allerdings war es erstmals anders, mit ihm sah er sich in einer festen Partnerschaft, in der sich absolute Treue von selbst verstand.
Obwohl er bei jedem seiner flüchtigen Abenteuer sorgsam darauf geachtet hatte, sich keinesfalls in Emotionen zu verlieren, war ihm genau dies bei dem Zusammentreffen mit dem anziehenden, lebenslustigen Jonas Seiler passiert. Nie zuvor hatte Amors Pfeil ihn derart heftig erwischt – wohin es jedoch führen und wie fatal und selbstzerstörerisch es enden kann, das Herz bedingungslos entscheiden zu lassen, sollte sich für Hagen Thiemann noch schmerzlich herausstellen …
Der nächste Morgen …
»Wach auf, genug geschlafen«, wurde Hagen mit einem lustvollen Unterton geweckt. Er hatte die Nacht in Jonas’ Bett verbracht, mit ihm zusammen die Stunden voller Erotik und zügellosem Verlangen ausgekostet. Nun lugte das Licht des heranbrechenden Tages zwischen den Lamellen der Jalousien hindurch und verlieh dem Raum eine schummerige Morgenstimmung. Noch bevor er die Augen aufschlug, spürte er sie: streichelnde Hände und eine unverhohlen aufgerichtete Lustdemonstration. »Ich könnt’ schon wieder, du auch?« Die Stimme des Jüngeren umfing ihn. Anstelle einer Antwort zog Hagen den blondverstrubbelten Kopf zu sich heran und biss ihm sanft ins Ohrläppchen. Diese eindeutig positive Reaktion reichte Jonas aus, sich ohne Umschweife auf ihn zu heben und seinen Unterkörper begehrlich an ihn zu drängen. Schlagartig war auch die Libido des Juristen hellwach. Ihre Lippen fanden sich zu einem langen Kuss. Ähnlich einem marschierenden Heer von Ameisen breitete sich eine Gänsehaut auf Hagens Körper aus, die ihn angenehm erschauern ließ. Dennoch vergaß er, wie bei jedem ihrer Zusammenkünfte, auch diesmal nicht, die Schublade des Nachtschränkchens aufzuziehen und ein Kondom daraus hervorzuangeln, welches er seinem Geliebten überreichte. Leichtfertig riss dieser die Verpackung mit den Zähnen auf.
Hagen atmete schneller, sein Herz klopfte kräftig – so, wie es auch am Vorabend der Fall gewesen war, als ihr Liebesspiel bereits im Flur der kleinen, chaotischen Wohnung begonnen hatte. Zuvor war Jonas’ überraschter Blick, der ihm deutlich zeigte, dass dieser nicht nur seinen, für ihn so lebensverändernden, Umzugstermin vergessen hatte, sondern ebenso ihr Date, lächelnd von ihm abgetan worden. Höchst eilig hatte der Musiker hiernach sein Mobiltelefon aus der Hosentasche gezogen, um eine andere, für diesen Abend vorgesehene Verabredung abzusagen. Die Lüge, derer Jonas sich zu diesem Zweck bediente, war für Hagen deutlich erkennbar gewesen, ganz im Gegensatz zu der Person, um die es sich am anderen Ende der Leitung gehandelt hatte.
Während Jonas sich im Anschluss an diesen wollüstig begonnenen Sonntagmorgen tief einatmend eine Zigarette anzündete, wischte der Jurist sich die milchig-warmen Bekundungen seines eigenen Höhenflugs von der Brust herunter. Hierfür benutzte er ein ausgewaschenes, mit dem Namen einer Rockband bedrucktes T-Shirt, welches zwischen einigen anderen Kleidungsstücken auf dem breiten Bett gelegen und das sein Freund ihm für diese Absicht überlassen hatte. Von Glücksgefühlen überflutet schaute er in Jonas’ zufrieden grinsendes Gesicht.
Bei ihrer Verabschiedung lehnte der Musiker lässig im Türrahmen. »Mittwoch wieder hier?«, fragte er, woraufhin Hagen nickte und sich liebestrunken, den Geschmack des Abschiedskusses noch auf den Lippen, auf den Nachhauseweg machte.
Am Nachmittag desselben Tages …
Er ist wirklich weg, dachte Corinna, während sie ruhelos im halbleeren Wohnzimmer umherlief, endgültig und für immer. Und ich? Was ist mit mir? Verlassen und allein in diesem riesigen Haus … Die für einen Sonntag ungewohnte Stille in den Räumen belastete sie stärker, als sie es je für möglich gehalten hätte. Wie konnte Hagen mir das nur antun, haderte Corinna wiederholt mit der für sie äußerst unglücklichen Situation. Niemals zuvor hatte sie sich dermaßen einsam gefühlt wie in den Stunden, die seit dem Auszug ihres Ehemannes vergangen waren. Ohne die Gesellschaft eines Familienmitglieds zu leben, hatte sie bisher nicht kennengelernt: Aus der Obhut ihres Elternhauses heraus war sie übergangslos mit Hagen zusammengezogen – ein Zustand, den Corinna stets als normal und alltäglich empfunden und der bis gestern angehalten hatte. Es ist das Wissen, dass keiner nach Hause kommen wird, weil ich nun leider allein wohne, realisierte sie und spürte, wie ihr bei dieser Erkenntnis erneut die Tränen in die Augen schossen.
Weinend setzte sie sich auf die Couch und nahm das Telefon zur Hand. Die Tochter anzurufen kam nicht in Frage – diese sollte in dem Glauben gelassen werden, dass sich an der Innigkeit zwischen ihnen als Eltern nichts geändert hätte und die Mutter mit der veränderten Wohnsituation wunderbar zurechtkäme. Sie wollte an der Halbwahrheit, über die sie sich für Ann-Sophie einig geworden waren und mithilfe derer Hagen seine Homosexualität weiterhin verborgen halten konnte, festhalten. Diese enthielt lediglich die Information, dass ihr Vater einzig aufgrund der kürzeren Wegstrecke zu seinem neuen Arbeitsplatz und der damit verbundenen Zeit- und Stressersparnis auf Wohnungssuche gegangen war.
In der einen Hand hielt sie den Telefonhörer, mit der zweiten kramte Corinna nach einem Taschentuch und tupfte sich die feuchttropfende Nase, während sie bereits die Nummer ihrer besten Freundin Bettina wählte. Mit ihr zu telefonieren war grundsätzlich eine gute Idee. Betti, wie Corinna sie liebevoll nannte, besaß die Gabe, geduldig zuhören zu können und die richtigen Fragen zu stellen, die zum Nachdenken anregten, wenn man es am dringendsten brauchte. Schon oft war sie ihr in ihrer zuvorkommend rationalen Weise eine große Stütze gewesen. Hauptsächlich in der Zeit nach Hagens Offenbarung, als es begonnen hatte, dass er des Öfteren bis zum Morgen fortgewesen und sie tieftraurig daheimgeblieben war, hatte Corinna unschätzbaren Beistand durch sie erfahren. Entsprechend kannte Bettina sein Geheimnis, was Hagen jedoch nicht wusste. Ebenso wenig ahnte er, in welch hohem Maße er von Bettis Kenntnis um seine unentbehrliche Ehe- und Familienfassade profitiert hatte: Ohne die Möglichkeit, sich in besonders trübseligen Momenten, in denen das Gefühl der Ablehnung wieder einmal überhandgenommen hatte, das Herz ausschütten zu können, wäre seine Ehefrau mit dem Leben voller Heimlichkeiten und Täuschungen nicht fertiggeworden. Als Bettina das Schluchzen Corinnas hörte und erfasste, in welch beklagenswertem Zustand sich die Freundin befand, zögerte sie nicht, in ihr Auto zu steigen und sich sogleich zu ihr zu begeben.
»Schön, dass du so schnell gekommen bist, ich weiß echt nicht, wohin mit mir. Nicht mehr lange und ich wäre hier durchgedreht«, empfing die 43-Jährige ihren Gast. Diese legte ihre regenbenetzte Jacke ab und wandte sich Corinna mit mitfühlender Miene zu. Neuerliche Tränen füllten deren rotverheulte Augen, und noch während die Frauen aus dem Flur in das nun reichlich lückenhaft aussehende Wohnzimmer überwechselten, klagte sie der Besucherin bereits ihr Leid: »Gestern hat Hagen es tatsächlich getan, ist einfach ausgezogen. Es ist so egoistisch von ihm, mich dermaßen hängen zu lassen … Wie soll es denn nun weitergehen? Kann es wirklich sein, dass ich ihm so wenig bedeute? Ist das seine Art, mir meine jahrelange Treue zu honorieren? Dass er aber auch so selbstsüchtig sein muss …«
Sie standen inmitten des Raums; Bettina zog die weinende Freundin zu sich heran und schüttelte verneinend den Kopf. »Komm, du übertreibst. So schäbig, wie du ihn grad darstellst, ist er nicht. Erstens kam es nicht unerwartet und zweitens ist er nicht aus der Welt. Hagen wohnt nur rund fünfzig Kilometer entfernt und wie ich ihn kenne, wird er, was das Haus und die übrigen Dinge angeht, auch künftig ein Ohr für dich haben. Und hör mal, natürlich bedeutest du ihm etwas, einfach nur auf eine andere Art – als langjährige Weggefährtin und Mutter eurer Tochter wirst du immer einen Platz in seinem Leben haben. Und das ist doch auch sehr kostbar, oder nicht?« Ein unschlüssiges Achselzucken war die Reaktion auf den Versuch Bettinas, Corinnas Sicht der Gegebenheiten zurechtzurücken. »Sei doch mal ehrlich«, fuhr sie in ihrer eigenen, höchst bodenständigen Manier fort, »was hätte ihn denn hier noch halten sollen? Eure Tochter ist flügge geworden und das, was ihr Ehe nennt, besteht sowieso nur für die Anderen. Er musste raus, sich um sein Glück kümmern. Dazu gehört auch, einen Traumprinzen für sich zu finden, so, wie du es auch tun solltest, wenn du mich fragst.« Sie stupste das Häufchen Elend in ihren Armen aufmunternd an. »Hm, was sagst du?« Die Anregung stieß auf wenig Gegenliebe, brachte im Gegenteil sogar abermals Tränen hervor: »Das hat Hagen auch gesagt«, räumte Corinna schluchzend ein, »ich soll anfangen, an mich selbst zu denken. Aber das will ich gar nicht. Ich hatte mich an unser Zusammenleben gewöhnt, so wie es war. Dass sich nun plötzlich alles ändert, ist doch Mist.« »Es kann auch etwas Gutes haben«, probierte Bettina weiterhin, sie zu trösten. »Ann-Sophie profitiert in jedem Fall davon. Immerhin ist er dorthin gezogen, wo sie studiert. So hat sie ihren Papa wieder in der Nähe und du kannst beruhigt sein, dass er ein Auge auf sie hat und für seine Kleine da sein wird, wenn sie ihn braucht.«
Das ist wahr, dachte Corinna und spürte, wie Wärme ihr Herz flutete – vom ersten Tag an hatte er sein Mädchen abgöttisch geliebt und sie prinzessinnengleich auf Händen getragen. Und das, obwohl sie in einer Phase seines Lebens geboren worden war, in der dem damaligen Studenten nichts Unpassenderes hätte passieren können, als Vater zu werden. Ihr, als junger Krankenpflegeschülerin, war es nicht anders ergangen, doch die Schwangerschaft abbrechen zu lassen hatte für sie zu keiner Zeit eine Alternative dargestellt. So war sie gerade einmal zwanzig und Hagen nur ein Jahr älter gewesen, als ihr gemeinsames Baby das Licht der Welt erblickt hatte.
Obwohl ihre Ausbildungswege in dieser Lebensphase bereits in verschiedene Richtungen gegangen waren, gehörten sie nach wie vor derselben Clique aus Jugendtagen an, die sich an jenem Samstagabend im Februar zu einer feucht-fröhlichen Party zusammengefunden hatte. Da ihr Nachhauseweg nahezu identisch gewesen war, hatte Hagen seiner guten Erziehung gehorcht und Corinna durch den frisch gefallenen Schnee hindurch bis vor die Haustür begleitet – zur großen Freude der jungen Frau, die seit langem für den gutaussehenden Jurastudenten geschwärmt hatte. Um ihr Glück perfekt zu machen, war er obendrein ihrer ermunternden Einladung gefolgt, auf ein letztes Gläschen mit zu ihr zu kommen.
Während der Ausbildung hatte sie noch zuhause gewohnt. So waren sie leise in ihr altes Jugendzimmer geschlichen, was dem Zauber des Moments keinen Abbruch getan hatte. Die Flasche Roséwein war im Handumdrehen geöffnet – sie hatten abwechselnd daraus getrunken, beschwipst herumgealbert und bei gedämpftem Licht zu den samtigen Klängen einer Kuschelrock-CD auf dem Teppichboden gesessen. Von der freundschaftlich-vertrauten Stimmung ermutigt, war Corinna bald näher an ihren Gast herangerückt und hatte begonnen, ihn zärtlich zu küssen und zu streicheln. Zu jenem Zeitpunkt war Hagens homosexuelle Natur in keiner Weise von ihm akzeptiert worden – von der geringschätzenden und strikt ablehnenden Haltung seines Elternhauses zu diesem Thema eingeschüchtert, hatte er sie rigoros vor sich selbst verleugnet und erbittert versucht, gegen sie anzukämpfen. Wild entschlossen, seinen erregenden Männerfantasien und der heimlichen, unbändigen Lust auf das gleiche Geschlecht mit der weiblichen Verführung erfolgreich entgegenzuwirken, hatte er sich geradezu trotzig und mehr als bereitwillig in Corinnas Arme fallen lassen.
Die knisternde Aufregung des Abends mitsamt dem berauschenden Wein waren der Grund dafür gewesen, jeglichen Gedanken an Verhütung komplett zu vernachlässigen. So hatte die Sorge vor einer etwaigen Empfängnis angehalten, bis Corinna mit dem Ausbleiben der Regelblutung schließlich angsterfüllt zu ihrem Gynäkologen geeilt war und dieser ihr letztlich zur bestehenden Schwangerschaft gratuliert hatte. Die Frage, ob dieser ungelegenen Neuigkeit schnellstmöglich eine Hochzeit folgen sollte, hatte sich für Hagen nicht gestellt. Jener Schritt war als Selbstverständlichkeit von ihm betrachtet worden – mit der Eheschließung hatte er einer Moralvorstellung Rechnung getragen, die aus seiner unerschütterlichen Auffassung von Anstand und Gerechtigkeit entstanden war. Darüber hinaus wäre für seine strengen, ihre althergebrachten Werte pflegenden Eltern, unter deren Dach er bis dahin noch gelebt hatte, ohnehin nichts anderes in Frage gekommen.
Nach der Vermählung und dem Bezug einer gemeinsamen Wohnung waren fast zwei Jahre vergangen, in denen er sich verzweifelt bemüht hatte, seine Empfindungen, Wünsche und Sehnsüchte in einer traditionell geführten Ehe zu ersticken. Da dieses Unterfangen jedoch zunehmend unerträglicher für ihn geworden war, hatte Hagen nach langem Ringen mit seiner Selbstachtung und der Furcht davor, Corinnas Gefühle bleibend zu verletzen, beschlossen, das Versteckspiel ihr gegenüber zu beenden. Mit vor Aufregung kalten Händen und weichen Knien war er grundehrlich zu ihr gewesen und hatte sich bis in die Tiefe seines Herzens vor ihr geoutet. Ihr seine wahre, männerliebende Natur aufrichtig zu offenbaren und seine Frau wegen des bis dahin anhaltenden Verschweigens seiner Homosexualität inständig um Verzeihung zu bitten, war ihm nicht leichtgefallen. Zunächst ungläubig, dann unendlich fassungslos hatte Corinna ihm zugehört und durchgehend mit dem Kopf geschüttelt. Nein, das kann nicht sein, doch nicht mein Hagen, war sie überzeugt gewesen und hatte sich weinend gefragt, weshalb ihr nie etwas in dieser Hinsicht aufgefallen war. Wie konnte seine Neigung derart an ihr vorbeigegangen sein? In der festen Annahme, ein gewöhnliches Eheleben mit ihrem Mann zu führen, hatte sie sich in den ersten Wochen nach der Geburt zwar nicht übermäßig nach Intimität gesehnt, doch als ihr Verlangen neu erwacht war, regelmäßig an ihn herangekuschelt. Anfangs war er auf ihre Annäherungen eingestiegen und hatte seine Ehefrau bis zu einer bestimmten Grenze gewähren lassen, aber auch diese kargen Zärtlichkeiten waren ihr bald unter der Begründung verwehrt worden, dem hohen Lernstress im Studium ausgesetzt zu sein. Macht nichts, das holen wir sicher irgendwann nach, hatte ihr Trost für sich selbst stets gelautet.
Nach seiner Offenlegung hatte Corinna ihn und das Leben, das beide damals im Begriff gewesen waren, sich zusammen aufzubauen, bereits zu sehr liebgewonnen, als dass sie sich hätte trennen mögen. Nicht zuletzt wegen des Töchterchens, das von ihnen gleichermaßen geliebt und umsorgt heranwachsen sollte. Dieses war ebenfalls in Hagens Sinne: Weder hatte er für Anni, wie sie den Namen des Mädchens liebevoll abkürzten, zu einem Wochenendpapa werden, noch seine Chancen auf ein Vorankommen in der Justiz durch den Verlust der äußerlich heilen Familienwelt schmälern wollen.
Die Erinnerungen und insbesondere Bettinas Anwesenheit sorgten dafür, dass Corinna sich merklich entspannte. Bei dem Vorschlag Bettis, zunächst ein Gläschen Likör zu trinken und danach die Möbel im Wohnzimmer neu anzuordnen, um die unansehnlichen Lücken entlang der Wände zu kaschieren, huschte sogar ein Lächeln über ihr Gesicht. Wie wundervoll es doch ist, eine dermaßen einfühlsame und gleichzeitig praktisch veranlagte Freundin zu haben, freute sie sich. Das Umstellen der Einrichtungsstücke gelang ihnen mit vereinten Kräften. Eine Reihe brauchbarer Ideen taten ihr Übriges, den Raum anschließend wohnlicher wirken zu lassen: Sowohl zusätzliche Kerzen, gemütliche Kissen und diverse Dekostücke, die Corinna aus dem Gästezimmer herbeigeholt hatte, als auch das Austauschen zweier Bilder an der Wand waren dem neuen Look äußerst zuträglich.
Begeistert ließ sie sich auf das Sofa sinken. »Oh ja, Betti, so gefällt es mir. Das haben wir echt prima hinbekommen«, lobte sie das kreative Werk, woraufhin die Freundin sich zu ihr setzte und sich ebenfalls umschaute. »Ich find’s auch schön, irgendwie frischer als vorher. So, und nun gönnen wir uns noch einen zweiten Schluck, denn gleich danach machen wir mit dir weiter.« Bevor Corinna die Ankündigung hinterfragen konnte, nahm Bettina die Flasche mit dem Sahnelikör, welchen sie zu dem Aufmunterungsbesuch in ihrer Handtasche mitgebracht hatte, erneut zur Hand und schenkte ihnen nach. »Was heißt das, mit mir?« Da Betti mit einer derartigen Nachfrage gerechnet hatte, erfolgte die Antwort auf dem Fuße: »Na, mit dir und deinem Liebesleben. Das möbeln wir ebenfalls auf. Es wird Zeit, die Durststrecke zu beenden und frischen Wind hineinzubringen. Du musst endlich einmal als Frau wahrgenommen werden und mit einem Mann zusammen sein, der dich so heiß findet, dass er vollkommen verrückt nach dir ist. Das enthaltsame Zusammenleben mit Hagen hat lang genug angedauert, findest du nicht auch?« Nein, eigentlich nicht, widersprach Corinna im Geiste, da sie Betti jedoch nicht vor den Kopf stoßen wollte, stimmte sie zaghaft zu: »Na ja, kann sein … Ich weiß nicht …«
