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Der leblose Körper eines Hundes, ein fremder Mann von der Straße und unschuldige Mörder. Damit hat es begonnen. Die beiden Geschwister sind noch zu jung, um wirklich verstehen zu können, warum ihre Familie auf einmal auseinanderbricht. Plötzlich fallen harte Worte zwischen den Eltern und eine seltsame Unruhe legt sich über ihr Haus. Ein Wolf wird gesichtet und die Kinder müssen mit ansehen, wie die Sorglosigkeit ihres Lebens langsam einer immer klareren Vorstellung von Gut und Böse weicht. Ein Roman über das Erwachsenwerden, Verlust, und die Frage der Unschuld.
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2016
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das weiße federkleid
des kranken schwanes
zersetzte zu fäule
der schwarze schwan
obsiegte
er war vielleicht doch
ursprünglicher
Vor langer Zeit, als der Himmel noch jung war und das Meer unter seinem Antlitz unberührt von Vergänglichkeit und Zerfall, da lebte ein mächtiger Gott auf der Erde. Er erschuf die Dinge wie er sie sah und das Leben, wie er es wollte. Aus dem Dampf eines Geysires schuf er einen weißen Schwan und ließ ihn die Erde fruchtbar und gut machen.
Doch mit dem Auf- und Abgehen des Mondes erkannte er die Ungleichheit in den Zügen seiner Schöpfung. Er erkannte des Verderben in der feuchten Erde, den Niedergang in den reifen Früchten und die Zerstörung in den rosigen Gesichtern der Blumen. Er erkannte die Symmetrie von Tag und Nacht.
Also tötete er einen Teil des Lebens, welches er geschaffen hatte, und formte aus dessen Blut und Schlamm das schwarze Ebenbild des weißen Schwanes. Er formte zwei sich bekriegende Brüder, ließ Leben mit Zerstörung einhergehen.
Die Zeit verging, der Himmel verschmolz mit dem Mond und der Sonne und das Meer war nicht länger unberührt. Der weiße Schwan derweil, vom Blut kostend, wurde vom Leben verlassen und mit dem Aufschlagen seines Körpers auf dem Totenbett stieg sein rotes Abbild empor. Und während der schwarze Schwan schwarzen Wind schlug und zerfallene Luft atmete, schlug der rote Schwan Feuer in den Himmel und schenkte der Erde Wärme und Gefahr zugleich.
Der Gott hatte das Gute geschenkt und die Erde mit Fäulnis und Zerfall durchsetzt. Und nachdem die Reinheit verdorben war, sollte sie nur noch in den kleinsten Teilen des Lebens gefunden werden, bevor ihnen rote Flügel entsprossen.
Er nannte es das Leben und verließ die fruchtbaren Böden sowie die faulenden Hügel und zog sich hinter die Sterne zurück, von wo aus er sein Werk betrachtete.
Das Gras der Wiese war dürr und erstarrt unter Frost. Von einer nahe gelegenen Quelle stiegen feine Gewebe aus Dampf auf, schoben sich über die schlanken Halme und verloren sich in Sehnen. Es roch nach feuchter Erde.
Ich kauerte hinter einem Felsen und hielt nach Ska Ausschau. Die Knie meiner Hose waren nass und lagen kühl gegen meine Haut, meine Schuhe schwer vom Schlamm. Ska und ich spielten oft hier draußen, weit außerhalb des Dorfes, wo der Duft des Meeres in roher Klarheit gegen unsere Kehlen schlug. Die Konturen der Häuser hinter uns wie der träge dampfende Körper eines Bären, vor uns eine schartige Wiese, durchsetzt von Sumpflöchern und Felsen. Dahinter schnitten die Klippen in fransigen Linien hinab ins Meer.
Ich lockerte den Griff um das feuchte Holz des Bogens und spürte seine Sehnen von meiner Handfläche blättern. Zuckende Atemzüge fielen durch meine Lunge und wieder hinaus. Die Kälte hatte meine Muskeln bereits dumpf gegen die Knochen gelegt, jede Bewegung riss durch meine Glieder. Da hörte ich auf einmal ein dürres Knurren hinter mir und ein stumpfer Gegenstand traf mich im Rücken. Ska lachte.
„Erwischt.“ Ich drehte mich um und vor mir stand meine kleine Schwester, ihr dichtes Haar verklebt von zartem Raureif und den kleinen Bogen lässig über die Schulter gelegt.
Widerwillig stand ich auf. „Du hast gewonnen.“ Ich hob ihren Pfeil vom Boden und reichte ihn ihr. Die Spitze war mit Wolle und Leder abgestumpft.
„Sei nicht böse.“ Sie steckte ihn in ihre Tasche und wir gingen gemeinsam Richtung Dorf. „Nächstes Mal lasse ich dich gewinnen!“ Sie lächelte, den schlanken Hals leicht zur Seite geneigt. Ska war beinahe so groß wie ich, obwohl sie zwei Jahre jünger war und erst acht, und bis jetzt hatte sie beinahe immer gewonnen.
„Ich habe mich bloß zurückgehalten.“ Die Worte pressten an meiner Kehle entlang nach draußen.
Ihre Lippen zogen sich zurück und entblößten ihre Zähne, der Blick ihrer Augen weich, als sie über einen kleinen Felsen sprang.
Seufzend zog ich mir die Kapuze ins Gesicht. Der beginnende Regen rann bereits über meine Wangen, kaum mehr als ein trüber Schleier entlang der Landschaft, der Gräser zu schlanken Adern klebte und Felsen zu Austern. Langsam sank der Geruch des Meeres auf den Boden und in die Sumpflöcher, der Himmel über mir ein langer grauer Schacht. Mit jedem Schritt konnte ich spüren, wie sich das Salz in dem Geflecht aus Grün und Grau um mich herum vollsog, wie das Land aufquoll und die Erde blanke Wunden aus Stein hervortat.
„Jorek, das musst du dir ansehen!“ Ska war stehen geblieben und kniete ein Stück hinter mir an einem dunklen Tümpel.
„Was ist denn?“ Mit dem Regen fiel die Kälte vom Himmel und stach durch meine Haut bis an die Knochen. Ich wollte zurück ins Dorf.
„Kann ich dir nicht sagen, du musst es selber sehen!“
Eine dumpfe Wut schälte sich in meinen Magen, doch ich ging zurück. Ska war vollgesogen mit Schlamm, auf ihrem Gesicht zerflossen in zitternde Tropfen, die an tote Vögel erinnerten, im stummen Schwarm vom Himmel fallend. Sie deutete auf den Boden. „Da.“
Ich beugte mich zu ihr hinunter. In der feuchten Erde neben der Pfütze hatte etwas den Schlamm zerpresst und einen Abdruck hinterlassen, in dessen Ballen blutrotes Wasser stand, der Boden zerrissen von vier langen Krallen.
„Was meinst du, was für ein Tier war das?“ Skas Augen fielen besorgt über mein Gesicht.
„Ich weiß es nicht... Vielleicht ein Wolf?“
Sie starrte auf den Abdruck, zerfressen vom Schlag des Regens.
„Wenn wir zuhause sind, fragen wir Asger.“ Ich hielt sie am Arm zurück, als sie aufstehen wollte. Braunes Wasser rann in dürren Adern entlang meines Handgelenks. „Asger hat uns verboten, so weit draußen zu spielen. Wenn wir ihm von dem Abdruck erzählen, bekommen wir bestimmt Ärger.“
Ihr Blick war klar. „Und wenn es kein Wolf war?“
Ich schüttelte den Kopf. „Wir dürfen ihm nichts davon erzählen.“
Drei Atemzüge liefen durch ihren Brustkorb, lang und tief, der Regen kahl entlang ihrer Konturen. Schließlich nickte sie.
Auf dem Weg zurück ins Dorf versteckten wir unsere Bogen in einer Kuhle unter einem Felsen. Asger durfte nichts davon erfahren, er würde dagegen sein, uns mit Waffen spielen zu sehen. Ich stellte mir vor, wie sich die weiche Erde an das Holz sog und es bedeckte, eine leblose Schale, die es mit dem Schlamm der Landschaft verschmelzen ließ.
Als wir kurz darauf die Straße zu unserem Haus betraten, stand Asger bereits vor der Tür. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und ließ seinen Blick über unsere Körper fahren, unsere Kleidung dampfend im kalten Regen und das Wasser in sehnigen Strängen entlang unserer brennenden Wangen.
Ohne ein Wort zu sagen nahm er die Pfeife aus seinem Mund, der Rauch ein trüber Schleier am Lauf seiner Lippen und ausgedünnt im Regen, und klopfte sie am Türrahmen aus bis sich ein schwarzer Ring gegen das Holz schälte. Jeder davon für einen Tag, an dem Asger auf uns gewartet hatte, die Pfeife in der Hand und den hellen Blick nachdenklich die Straße hinunter gerichtet.
Als wir das Haus erreichten, war Asger bereits wieder hinein gegangen. Erst später, als wir im heißen Wasser der Badewanne saßen, kam er herein und setzte sich zu uns auf den Rand.
„Wo habt ihr euch heute Nachmittag herumgetrieben?“ Seine Augen fielen über den Rand seiner Brillengläser auf unsere Gesichter.
„Wir haben draußen bei der alten Mühle gespielt, Vater.“ Ich versuchte, meine Stimme eben zu führen.
Ska nickte. „Ja, wir haben Verstecken gespielt.“
Asger seufzte, nahm eine Bürste vom Sims neben der Wanne und begann, Ska sauber zu schrubben. „Ich wusste gar nicht, dass es an der alten Mühle noch Sumpflöcher gibt.“ Seine hellen Augen ruhten auf mir.
„Es hat in letzter Zeit sehr viel geregnet, Vater.“ Die Luft schnitt entlang meiner Kehle, ihre Ränder dünner als zuvor.
Er nickte nachdenklich. „Ja, das hat es, mein Sohn.“ Ich beobachtete das Spiel der Sehnen auf seinem Handrücken und die Muskeln an seinem Unterarm, wie sie sich spannten und entspannten und den Schmutz aus unseren Haaren arbeiteten. „Seid nächstes Mal vorsichtiger.“ Ska und ich nickten.
„In Ordnung.“ Er legte die Bürste zur Seite. „Raus mit euch. Eure Mutter wartet in der Küche bereits mit dem Abendessen.“ Bevor er hinausging, küsste er Ska und mich noch auf die Stirn, der Pfeifenrauch an seinen Lippen ein süßer Schatten auf unserer Haut. Die Stoppeln seines Bartes rau gegen meine Wange.
Nachdem wir uns abgetrocknet hatten, half ich Ska, ihr nasses Haar zu bürsten. Wie der sehnige Rücken eines Fuchses zog es sich an ihren Schultern entlang hinab, faserig und dicht, und ich stellte mir vor, wie seine langen Stränge zu Flügeln verschmolzen und Ska in den Himmel hinauf hoben. Ein roter Schwan, das Rückgrat kantig gegen die Schale des Federkleides.
Als wir zu Abend gegessen hatten, folgten wir Asger in den vorderen Teil des Hauses und legten uns auf dem Bauch unter die Theke, das Holz der Dielen glatt gegen die Kante unserer Züge. Wir konnte hören, wie sich das Svanhild langsam mit Gästen füllte, Stimmen in flatternder Rastlosigkeit gegen die Wände der Bar. In der schummrigen Dunkelheit unter dem Tresen fielen die Schritte der Händler knirschend und schwer in unsere Ohren und wir stellten uns ihre Stiefel vor, weiß vom Salz des Meers und starr, das Licht zuckend auf ihren Flächen. Dann kamen die rauchenden Witwen, die dürren Körper in eine süße Wolke gehüllt, die Haut trüb und mit den Absätzen den Schmutz in den Boden stoßend. Kopf an Kopf lagen Ska und ich nebeneinander und lauschten den fallenden Geräuschen, sogen den scharfen Geruch von Alkohol und den drückenden Hauch des Harzes ein.
„Glaubst du, einer von den Holzfällern hat den Wolf gesehen?“ Skas Stimme verklang bereits kurz vor ihren Lippen in einem Flüstern.
Ich schloss die Augen und drehte mich auf den Rücken, meine Schulterblätter in harten Kanten gegen den Boden. Neben mir schlug der dumpfe Klang von Metall gegen Holz, eine Axt wurde an die Theke gelehnt.
„Ich weiß es nicht.“
Das dunkle Raunen einer Stimme hing für einen kurzen Moment über uns. Dann Asgers schwere Schritte und das Gurgeln eines Zapfhahnes.
Wieder Schritte. Sie erinnerten mich an das rhythmische Schlagen des Meeres gegen die rohe Fläche der Klippe, ruhig und kraftvoll, beinahe splitternd.
„Wir können morgen nachschauen, wenn du willst.“
„Ist das nicht gefährlich?“ Ich spürte, wie sich Skas Atem heiß gegen meine Wange schob, haftend an meiner Haut.
„Nur, wenn wir nicht aufpassen.“ Das Geräusch einer Haarsträhne, die um einen Finger wanderte. Ska dachte nach.
„Was, wenn uns Asger erwischt?“
Ich musste lachen. „Hast du Angst?“
„Nein!“ Sie versetzte mir einen Schlag in die Rippen und für einen kurzen Moment blieb Asger stehen, die Beine in geraden Linien gegen den Boden. Die Flächen seiner Schuhe lagen geschlossen auf, rohes Leder und der Saum seiner Hose.
Bevor Ska noch etwas sagen konnte, hielt ich ihr die Hand vor den Mund. Ihr Atem klebte an meine Haut, schal und warm.
„Asger, wo sind die Kinder? Lässt du sie wieder unter dem Tresen spielen?“ Mareth war hereingekommen.
„Wir sind hier, Mutter.“ Ska und ich krochen unter der Theke hervor, das Holz zog gegen unsere Unterarme. Mareths Augen ähnelten zwei schwarzen Perlen, dunkel und ohne erkennbaren Kern, ebenmäßig bis auf einen feinen milchigen Riss in ihrem linken Auge, der es beinahe zerspringen ließ.
Sie seufzte und ging vor Ska und mir in die Knie. „Ich habe euch doch gesagt, dass ihr nicht auf dem Boden spielen sollt. Der ganze Schmutz...“ Ihr Blick wanderte über die braun verkrusteten Dielen, beinahe dämmerig, die Ausläufer klar.
„Aber warum denn nicht, Mutter? Wir stören Vater doch nicht.“ Ska hatte den Kopf zur Seite geneigt, ihr rotes Haar fiel seitlich über ihren schlanken Hals.
„Weil ihr keine Tiere seid!“ Mareths Stimme war auf einmal hart und leise. „Und weil es euch irgendwann verderben wird!“
„Was meinst du damit, Mutter?“ Ich war nicht sicher, ob ihre Worte immer noch dem starren Schlamm auf dem Boden galten.
„Du weißt, wovon ich spreche, Jorek!“ Sie war aufgestanden und hatte ihre schlanken Hände auf unsere Köpfe gelegt. „Und jetzt ab ins Bett mit euch!“
Während sie uns durch eine unscheinbare Tür hinter der Theke hinaus aus der Bar in unseren Teil des Hauses führte, fiel mein Blick kurz auf Asger. Seine hellen Augen lagen nachdenklich auf Mareths Rücken, hell und zu den Rändern hin faserig, beinahe dünn.
Die Nacht war klar und roh. Ich konnte sie durch den Spalt des Fensters spüren, die Stirn halb gegen die kalte Luft und halb gegen das Glas gelehnt, ein trüber Beschlag entlang meiner Haut. Die Dunkelheit lag in einem kühlen Streifen über meine Züge, schwer vom Duft des Waldes und klebrig vom Meer, stechend in jedem Atemzug bis tief hinunter in meine Lunge.
Vorsichtig zog ich die Beine auf die Fensterbank. Meine Finger tasteten über das schartige Holz des Rahmens und die glatte Fläche der Scheibe, klamm gegen meine nackte Haut. Wenn ich nicht schlafen konnte, versuchte ich oft, das Meer durch das Fenster zu riechen, den herben Geruch des Salzes bis tief in meine Nase.
Unter mir stolperten die letzten Gäste aus dem Svanhild, zurückgestoßen vom blanken Körper der Dunkelheit, ihre Schritte gruben durch den Schlamm der Straße Ich konnte ihre Stimmen hören, verschmiert und ölig vom Whiskey, leidenschaftlich, der fettige Atem beinahe in gierenden Flammen entlang der Lippen. Mareth hatte einmal gesagt, wenn sich Männer so verhielten, waren die Worte aus ihren Mündern kaum mehr als Dreck, worauf Asger die Augenbrauen gehoben und sie über den Rand seiner Brille hinweg angeschaut hatte, als wollte er etwas sagen. Doch er tat es nie. Als ich ihn einmal danach fragte, sagte er nur: „Es ist keine Schande einsam zu sein.“ Und als ich ihn fragte, warum er Mutter nicht widersprach, sagte er, dass sie in anderen Verhältnissen aufgewachsen sei.
Das entfernte Schlagen einer Tür riss mich aus meinen Gedanken. Die Männer waren verschwunden, der schwere Schlag ihrer Lungen dünnte bereits aus, ihre Schritte schal gegen die Mauern der Häuser. Vor mir zog sich der pulsierende Körper der Stille durch die Nacht und bis über die Klippen hinunter zum Meer. Ruhig, beinahe leblos. Dann hörte ich auf einmal Asgers schwere Schritte auf der Treppe und glitt von der Fensterbank zurück in mein Bett, den Rücken gegen die kühle Wand, sodass meine Wirbelsäule in Kanten auflag. Kurz darauf öffnete sich die Tür und ich sah seinen schwachen Schatten über den Boden des Zimmers gleiten.
Ich wusste, dass Asger immer einen Schritt in Ska und mein Zimmer hinein tat, um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung war, aber niemals die Hand von der Klinke löste. Das Rascheln seines Hemdes rahmte jede seiner Bewegungen wie das Gefieder eines Schwanes jede dessen Konturen umfuhr, eine dürre Schale entlang des Körpers. Jeder Atemzug hob seine Brust in einem kaum hörbaren Geräusch, ließ Feder an Feder reiben, schob Muskel gegen Muskel und Lunge gegen Brustkorb.
Ich wusste, dass, wenn immer er nachts die Treppe hinauf kam und leise die Tür zu unserem Zimmer öffnete, die Dunkelheit durch seine Haut in seine Adern drang und im Schlag seines Herzens pulsierte, bis sein Körper in der Finsternis zerfiel. Das Licht der Deckenlampen hätte ihn in Konturen gerissen, klar und roh, doch so bestand er für einen Moment einzig aus dem Klang seiner Schritte und dem Vor und Zurück seiner Atemzüge.
Das war auch der Grund, weshalb ich keine Angst vor der Dunkelheit hatte. Wenn ich wollte, konnte ich in ihr verschwinden, sie meinen Körper durchdringen lassen, und wenn ich wollte, konnte ich den Flügelschlag eines einsamen Schwanes durch die Straßen jagen hören.
Der nächste Morgen war klar und rein, die Erde lag wie der dampfende Körper eines Tieres im fahlen Licht der Sonne, taubenetzt, und die Gräser hafteten in dicken Strängen aneinander. Ska und ich saßen auf der Treppe vor dem Haus und ließen das warme Licht über unsere Gesichter fallen. Ein lauer Wind trug das Rauschen der Wellen zu uns, an den Felsen zerbrechend und auf den Flächen der Steine zurück ins Meer rollend. Meine Hände klebten vom Salz der Luft, dünne Krusten entlang meiner Fingernägel.
Ska lag auf dem Rücken und beobachtete einen Schwarm dürrer Vögel. Das Licht schimmerte in ihren Augen, eines Erde, das andere Stein.
Zwei rohe Farben, Braun und Grau, die blanke Nacktheit des Landes, vom Regen und dem Schlag der Wellen bis auf seine schimmernden Knochen genagt.
„Du, Jorek?“
Ich wandte den Kopf. „Was ist?“
„Wir sollten heute Nacht lieber nicht hinaus gehen.“
„Du willst den Wolf nicht sehen?“
Ska zögerte. Eine Strähne ihres roten Haares wanderte ihren Finger entlang, der Pulsschlag einer schlanken Ader. „Ich... Ich denke nur, dass es zu gefährlich ist.“
„Zu gefährlich? Hast du Angst vor dem Wolf?“
„Ich habe keine Angst, Jorek!“ Ihre Augen fixierten mich wütend.
„Was dann?“ Ich ließ mich zurückfallen und mein Blick glitt über die Fläche des Himmels. Vögel stachen hinter Wolken hervor und zogen über uns hinweg.
„Ist doch egal, ob es ein Wolf war, oder nicht. Lass uns lieber an den Strand gehen.“
Ich seufzte und schloss die Augen. „Du traust dich bloß nicht, weil du ein Mädchen bist.“ Im nächsten Moment spürte ich kühles Gras gegen meine Wange schlagen und sog den modrigen Geruch der Erde ein. Ska hatte sich auf mich gestürzt und ließ die Knöchel ihrer kleinen Fäuste gegen mein Gesicht fahren.
„Lass das!“ Obwohl sie jünger war als ich, war sie beinahe gleich groß und ebenso kräftig. „Lass los!“ Meine Fingernägel gruben sich in ihren Unterarm und im selben Moment fraß sich das Pulsieren eines dumpfen Schmerzes durch meinen Wangenknochen.
„Jorek und Skadi Onarr!“ Asger war vor die Tür getreten. „Hört sofort damit auf!“ Seine Stimme war ruhig und eben, glatt und zu den Rändern hin hart.
Ska nahm ihre Hand von meiner brennenden Wange und ich zog meine Finger von ihrem Arm. Vier lange schimmernde Striemen rissen durch ihre Haut, hinunter bis zum Handgelenk und ließen mich an die zerfetzte Erde neben dem Sumpfloch denken.
Als wir uns aufgerichtet hatten, stand Asger noch immer am oberen Treppenrand, die Arme vor der Brust verschränkt und seine hellen Augen abwechselnd auf Ska und mich gerichtet. „Habt ihr etwas dazu zu sagen?“ Seine Stimme war kaum lauter als das vom Wind herübergetragene Rauschen des Meeres, schob sich über unsere Gesichter und ließ sie erröten.
Ska und ich schauten uns an, unsere Augen fielen ineinander und dann schüttelten wir beinahe gleichzeitig den Kopf. Asger seufzte und ließ die Hände sinken. Sein Blick wanderte über die dunklen Grasflecken auf unserer Kleidung, das rötliche Pulsieren meiner Wange und die Kratzern auf Skas Arm, vier schlanke offene Adern. Dann schüttelte er unmerklich den Kopf.
„Rein mit euch.“
Mit hängenden Schultern schlichen wir die Treppe hinauf und schoben uns an Asger vorbei durch die Tür, unsere Glieder schal gegen unseren Körper. Ich konnte seinen nachdenklichen Blick auf mir spüren und die Bewegung seiner Atemzüge, wie sie trüb beschlugen, als er sich seine Pfeife anzündete und tief einatmete, den Rücken in einer geraden Linie gegen den Türrahmen.
Die Küche wirkte wie das metallene Gehäuse eines Käfigs, die Stäbe wie Rippen bis unter die Decke. Sobald wir durch die Tür traten, hob Mareth den Kopf und bemerkte den Schatten von Gras auf unserer Kleidung und die Kratzer auf Skas Arm. Eine dünne Falte grub sich in ihre Stirn und Baldr zog instinktiv den Kopf ein. Sein weißes Haar zuckte in dünnen Sehnen hin und her wie das Gefieder eines Schneevogels.
„Was habt ihr wieder getan?“ Mareths kleiner Körper schien sich aufzurichten, ihre zierlichen Glieder verhärtet in aufflammender Wut und jeder Atemzug ihrer Lungen schien uns gegen das kalte Metall des Käfigs zu pressen. Ich konnte spüren, wie die Wände der Küche nach außen zu drängen begannen.
„Wir haben nur gespielt, Mutter.“ Skas Stimme war ein brüchiges Flüstern.
Mareth verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Augen waren nun beinahe schwarz, die Wangenknochen stachen in scharfen Kanten hervor. „Habt ihr euch gestritten?“
Ich hatte die Hände in den Taschen vergraben, warm und klebrig vom Salz in der Luft und der feuchten Erde. „Es war nur ein Spiel, Mutter.
Wirklich! Es tut uns leid.“
Mareth atmete aus und die Konturen ihres Körpers wurden weich, die Stäbe um uns herum zerfallen zu Salz und in einem blassen Schleier auf ihrer Haut. „Das sollte es euch auch. Wer sich schlägt, ist verdorben.
Und wer verdorben ist, wird auch im Tod keinen Frieden finden.“
Ska wandte mir den Kopf zu und ich konnte Verwirrung in ihren Augen erkennen, blank und zuckend.
„Ihr solltet euch ein Beispiel an eurem Onkel nehmen.“ Mareth hatte eine Hand auf Baldrs Schulter gelegt. „Er streitet und schlägt sich nicht mit anderen. Er ist rein, genauso wie ihr es sein solltet.“ Ein dünnes Lächeln blätterte von Baldrs knochigen Lippen, doch sein Blick lag abwesend auf der Tischplatt, das Licht der Sonne verfangen in der hellen Gischt seines Haares und das blanke Oval seiner Züge leer. Dann schaute er auf, ein blasses Lächeln zu Ska und mir. „Meine kleinen Füchse.“
Wir lächelten ebenfalls und setzten uns dann vorsichtig an den Tisch.
Mareth stand bereits wieder am Herd und schob die Pfanne von der Platte. In der Luft hing der beißende Hauch von etwas, das beinahe verbrannt war.
Nachdem Ska und ich gegessen hatten, erteilte uns Mareth Hausarrest und Baldr ging zur Arbeit. Wir saßen auf der Treppe zum ersten Stock und beobachteten ihn, wie er die Tür hinter sich zuzog, unter seinem Holzfällerhemd die Muskelstränge eines rohen Raubtierkörpers, die kahle Klinge der Axt leicht auf seiner Schulter. Ich konnte sehen, dass es nur eine Schale war. Auf seinen Lippen lag noch immer ein abwesendes Lächeln und seine Bewegungen wirkten blass und vorsichtig, ein zitternder Flügelschlag, niemals mehr.
Später gingen Ska und ich nach oben und holten ein dunkles Laken aus dem Wäscheschrank, um die Legende vom schwarzen Schwan nachspielen zu können. Während sich Ska das Laken um die Schultern legte, lief ich hinunter in die Küche und holte ein Stück Kohle aus dem Ofen. Dann setzen wir uns auf den Boden unseres Zimmers und ich malte ihr Gesicht schwarz. Der Ruß schmiegte sich an ihre Züge wie die Schale eines schwarz glänzenden Federkleides.
„Was ist mit meinen Haaren?“ Die roten Strähnen hoben sich von ihrem Körper wie Rinnsale dicken Blutes, die sich durch einen Teppich dunkler Asche fraßen.
„Warte einen Moment.“ Ich holte eine Schüssel aus der Küche und rieb den Rest der Kohle zu Staub. Dann füllte ich sie im Badezimmer mit Wasser und strich die schwarze Paste in Skas Haar. Jetzt war sie kaum mehr als ein dürrer Schatten.
Als nächstes fanden wir ein Stück Kreide, mit dem Ska mein Gesicht weiß färbte, und ein wenig Salz, dass sie mir in die Haare rieb, bis meine Kopfhaut brannte und ich nach Meer roch.
Dann lief ich voraus in eines der Zimmer und versank in einer beliebigen stummen Beschäftigung. Meine wunden Hände zogen ein Netz voll zappelnder Fische an Land oder rissen mit den Fängen einer Spitzhacke den Boden auf. Irgendwann öffnete Ska die Tür und der Fisch zerfaulte in meinen Netzen und das Gemüse zerfiel zu Staub. Stöhnend griff ich mir an den von Arbeit gekrümmten Rücken und warf dann in wortlosem Leid die Fäuste in die Luft, bevor ich ins nächste Zimmer stolperte. Dort suchte mich das Verderben des schwarzen Schwanes erneut heim.
Mit der Zeit fand Ska Gefallen daran, sich an mich heran zu schleichen und sich dann in einem monotonen Klagegesang anzuhören, wie ihr fauliger Atem meine Erträge vernichtete und ihr Flügelschlag mein Vieh tot umfallen ließ. Wo immer der schwarze Schwan die Luft mit seinen Schwingen schlug, schlug er Elend und Zerfall. Und wo immer Ska ihr schwarzes Laken aufspannte und um mich herum tänzelte, wurde mein Gesicht weiß und mein Leid grösser.
„Der schwarze Schwan ist gekommen, um mich heimzusuchen. Er wird weder Erbarmen zeigen noch ruhen, ehe Frau und Kind verhungert sind und das Blut der Verzweifelten den Boden wieder fruchtbar werden lässt.“ Asger hatte uns die Legende vom schwarzen Schwan oft erzählt bevor wir zu Bett gingen, die beginnende Nacht in fauliger Schwärze vor dem Fenster. Ska und ich kannte beinahe jede Zeile auswendig und flochten sie in unser Spiel ein, die Worte in bekannten Formen über unsere Zungen.
„Ich werde Verderben über euch bringen, wo immer ich es vermag und meine Federn werden in eure Gärten und auf die Köpfe eurer ältesten Söhne fallen, auf dass sich Friedhöfe hinter euren Häusern öffnen und der Schatten einer dunklen Krankheit euren Nachwuchs befällt.“
Ska kauerte vor mir, die Arme weit ausgestreckt und das Laken in einer flüssigen Bewegung in die Luft werfend und anschließend zurückreißend. Der Flügelschlag des schwarzen Schwanes ließ das Wasser im Brunnen versickern und warf mich jammernd zu Boden, den Kopf in den Händen vergraben.
„Nun hast du mir bereits alles genommen, sodass das letzte, was ich noch besitze, nicht mehr von großem Wert ist.“ Ich drehte mich auf den Rücken und breitete die Arme aus, bereit, die süße Umarmung des Todes entgegen zu nehmen. „So nimm auch mein Leben!“ Und damit sank das schwarze Laken auf meinen ausgezehrten Körper nieder und der Strom des Blutes erstarb in meinen Adern.
Als der Stoff wieder von meinen Gliedern gezogen wurde, bemerkte ich Asger hinter Ska im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine hellen Augen ruhten auf Skas Rücken und auf seinen Lippen lag ein schmales Lächeln.
„So erlangte der schwarze Schwan schließlich die Krone und wurde zum Herrscher über eine Welt, die ihren Wert an den Zerfall verloren hatte. Unter der Herrschaft seiner Schwingen sollten sich lediglich graue Wüsten erstrecken.“ Asgers Stimme ließ Ska herumfahren und im ersten Moment schob sich ein schuldbewusster Schatten in ihre Augen, ihre Hände erstarrt in der Bewegung und das Laken ein dunkler Strom zwischen ihren krallenden Fingern.
„Nun, ihr beiden stellt gewiss eine sehr eigenwillige Interpretation der Legende dar.“ Er begann zu lachen, tief und kehlig schüttelte es gegen die Knochen seines Brustkorbes und Skas Konturen wurden weicher.
Ich hatte mich aufgerichtet. Das Salz brannte noch immer durch meine Kopfhaut bis auf die blanke Schale meines Knochens. „Ich möchte euch für eure Vorstellung danken.“ Asger fuhr mit seiner rechten Hand durch mein Haar, die hellen Augen wanderten entlang des schwarzen Federkleides auf Skas Gesicht. „Legenden sind wichtig. Manche erzählen uns, wer wir sind und manche ermahnen uns daran, wer wir einmal waren.“ Er fing unseren verständnislosen Blick auf und ein weiteres Lächeln schob sich von seinen Lippen. „Geht euch waschen und bringt das Laken wieder dorthin zurück, wo ihr es gefunden habt.“
Dann ging Asger hinaus, der Hall seiner Schritte blass den Gang hinab, beinahe wie der Schatten des Meeres auf trockenem Sand.
Ska und ich schauten uns an. In Stein und Erde ihrer Augen konnte ich Verunsicherung erkennen. „Was hat Asger gemeint? Ich dachte die Legende des schwarzen Schwanes ist nur eine Geschichte.“
Ich schaute auf die ernsten Züge in ihrem dunklen Gesicht und die dünnen roten Strähnen, die unter der Schicht aus Kohle hervor schimmerten. „Ich weiß es nicht... Vielleicht ist der schwarze Schwan nicht wirklich ein Schwan...“
„Sondern?“
Ich zuckte mit den Schultern und hob das Laken auf. „Vielleicht ist er in Wirklichkeit ein Wolf.“ Sie streckte mir die Zunge heraus und ich folgte ihr den Gang hinunter, der bebende Schlag des Lachens gegen meinen Brustkorb.
Nachdem wir das Laken weggebracht hatten, wuschen wir uns im Badezimmer Salz und Kohle von den Gesichtern. Ihre schmierigen Schalen lösten sich nur widerwillig, die Kiele der Federn bereits tief in Skas Haut verankert und das Salz erstarrt über meinen Adern. Als ich das gräulich schmierige Wasser in meinen Händen sah, blätterte das Bild eines schwarzen Schwanes von den Wänden meines Kopfes, wie er zwischen hochschlagende Wellen fiel und sich sein Gefieder im salzenen Wasser löste. Das Meer schlug gierig über ihm zusammen und bald darauf trieben seine bleichen Knochen an die Oberfläche, blank und nackt.
„Woran denkst du?“ Skas Gesicht war überzogen von zarten Rinnsalen.
„Wir sollten vielleicht doch nach dem Wolf suchen...“ Ich musste mich nicht zu ihr drehen, um zu wissen, dass Ska neben mir den Kopf schüttelte. Mein Blick lag auf den Salzkristallen im Waschbecken, gegen die Wände gesogen und schwer vom dunklen Blut der Kohle.
Baldr kehrte von der Arbeit zurück, nachdem wir bereits zu Abend gegessen hatten. Er roch nach süßem Harz und feuchter Waldluft und sein Hemd war schmutzig vom Abrieb der Bäume. Als er die Küche betrat, bemerkte Mareth sofort den feinen Schnitt an seinem Unterarm, schlank und von einem blassen Rot.
„Was ist passiert?“ Sorge schwang in ihrer Stimme.
Baldr wich ihrem Blick aus. Seine dunklen Augen wanderten über den Fußboden und die Wände, haltlos und dünn. Die Axt hatte er beinahe achtlos im Gang zur Küche an die Wand gelehnt und in seinem weißen Haar waren dünne Zweige verfangen, Adern auf den nackten Flügeln eines Vogels.
„Was ist passiert, Baldr?“
Ich konnte sehen, wie sich die Knochen gegen seinen Rücken schoben, die Schultern in kahlen Flächen und die Wirbelsäule eine Folge blanker Wölbungen. Anspannung durchlief seinen Körper, ein kaum wahrnehmbares Flattern der Muskeln. „Nur ein kleiner Schnitt.“ Er versuchte zu lächeln und seine Lippen zuckten schwach, zerfallen beim nächsten Wimpernschlag. „Nichts passiert. Nur ein kleiner Schnitt.“
Seine Augen fuhren über die Wand und wieder zurück, verloren in rastlosem Beben, der Mund geöffnet zu einem starren Spalt und die Stirn in unruhiger Bewegung. „Nur ein kleiner Schnitt!“ Ich spürte, wie die Luft nach außen zu drängen begann, wie sich der Raum unter Baldrs anschwellender Stimme bog. Seine Hände bewegten sich ruckartig, die Finger zuckten vor und zurück, unkontrollierbar, panisch.
„Baldr, es ist alles gut.“ Mareth legte sanft eine Hand auf seinen Arm, ihre Augen in dunkler Ruhe. „Alles ist gut.“ Wieder ein Heulen. Dieses Mal erstickt, als läge Baldr unter einer Schicht Erde.
„Lass uns nach oben gehen.“ Ska zog mich am Ärmel zur Tür, ihr Blick roh unter stummem Flehen, und wir stolperten die Treppe hinauf in unser Zimmer. Hinter uns zerfielen die Stimmen zu dumpfen Flügelschlägen, dem Klappern an den Gittern entlangziehender Schnäbel.
„Du musst keine Angst vor Baldr haben.“ Ich versuchte, den Blick ihrer geweiteten Augen zu deuten.
„Ich habe keine Angst!“ Sie setzte sich auf ihr Bett. „Aber ich finde es nicht in Ordnung, wenn wir ihn so beobachten.“
„Was meinst du?“
„Wenn er traurig ist.“ Sie schaute auf ihre Handflächen, das rote Haar fiel in einem dichten Pelz um ihre Wangen. „Ich denke, dass er nichts dafür kann, wenn es ihm nicht gut geht. Und dass es ihm dann vielleicht lieber ist, wenn wir ihn nicht so sehen... So traurig.“
Ich dachte nach. Skas klare Augen folgten mir zum Fenster, lagen an meinen Bewegungen, als ich die Stirn gegen das Glas sinken ließ.
„Vielleicht hast du Recht.“ Mein Blick fiel zwischen den Häusern hindurch zum Rand der Klippen, verloren an der schmalen Linie zum Horizont. „Mir würde das auch nicht gefallen...“ Ich drehte mich wieder um und sie nickte.
Dann konnten wir den Schlag dumpfer Schritte auf der Treppe hören und ein zuckendes Wimmer. Ich stellte mir das weiße Gefieder auf Baldrs Kopf vor, starr entlang seiner Züge und der Atem in leeren Schalen an seinen Lippen. Daneben Mareths dünner Körper und die beschwichtigenden Worte aus ihrem Mund, dürr gegen Baldrs Konturen und kaum zu hören. Verklungen, sobald sie das Badezimmer erreicht hatten und die Tür hinter sich schlossen.
„Und jetzt?“ Meine Worte rissen durch die gläserne Stille.
Ska hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Eine rote Strähne schob sich ihren Finger entlang, den Kopf hatte sie leicht geneigt, sodass das Licht der Lampe ihren schlanken Hals herab fiel. „Ich weiß es nicht.“ Für einen Moment saßen wir schweigend, mein Rücken gegen das Glas des Fensters und Ska auf ihrem Bett. Ich konnte bereits die ersten Gäste des Svanhild hören, ihre Stimmen flatternd von der Straße hinauf.
Als Baldr und Mareth schließlich den Gang hinunter in Baldrs Zimmer gingen, wirkte er ruhig, das Wimmern in seiner Brust war verstummt und bald darauf sickerte ein Lied durch seine Tür. Ich stellte mir vor, wie Mareths Lunge mit jedem Wort gegen ihre Rippen stieß und den Brustkorb aufstemmte, ein sanfter Flügelschlag.
„Mir ist langweilig.“ Ska war aufgestanden und hatte sich zu mir ans Fenster gesetzt. Unter uns stapften die stämmigen Umrisse einiger Holzfäller über die Straße, die Luft durchzogen von einer Mischung aus bitterem Schweiß und Harz. Ich ließ meinen Blick über ihre Körper wandern, eine Folge roher Flächen und sehniger Muskelstränge, die Klingen der Äxte über der Schulter. Hinter ihnen folgten die faserigen Konturen zweier Witwen, die Schritte fielen ruckartig durch ihre Muskeln, beinahe in Kanten.
„Jorek, Skadi, es ist Zeit für euch, zu Bett zu gehen.“ Mareth hatte unser Zimmer betreten, ohne dass wir sie bemerkt hatten. „Und ich möchte, dass du dir Socken anziehst, Jorek.“ Ihre dunklen Augen deuteten auf meinen nackten Füssen.
„Aber es ist doch gar nicht kalt.“
„Du weißt warum.“ Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und ihr Blick traf den meinen, hart und klar. „Es muss nicht jeder wissen, woher wir kommen.“
„Aber...“
„Kein Aber!“ Sie zog die Tür hinter sich ins Schloss und im nächsten Moment konnten wir ihre Schritte auf der Treppe hören.
Ich drehte mich zu Ska und ihre Augen begegneten mir blank und ratlos, die Ränder kaum zu erkennen.
Meine Füße waren schon immer schwarz gewesen, soweit ich mich erinnern konnte. Es sah beinahe so aus, als hätte die Haut den Atem des schwarzen Schwanes aufgesogen und sich dann in eine blanke Fläche verwandelt. Ich hatte Asger oder Mareth nie danach gefragt. Stattdessen hatten Ska und ich uns oft vorgestellt, wie das Schwarz zu Stiefeln aus einer der alten Königslegenden wurde, die einen bis über den Rand der Klippen hinaus tragen konnten.
Die nächsten Tage zogen sich in einem dicken Rinnsal dahin. Der Regen schwemmte beinahe ununterbrochen über das Dorf, löste Salz von den Häusern und Straßen und spülte es in trüben Strängen ins Meer.
Die Klippen pulsierten in dünnen Adern, an Kanten und rauen Felsflächen entlang rinnend zeichneten sie den Stein zu dunklen Körpern.
Sumpflöcher quollen auf und zogen die schlanke Halme der Wiese zu Klumpen. Das Holz verfaulte auf den Waldböden und das Fallen des Regens wurde zum stetigen und hektischen Schlag eines Herzens.
Im Svanhild sammelte sich während dieser Tage der schwere Atem untätiger Holzfäller und gestrandeter Händler. Ska und ich standen oft stundenlang in der Küche und spülten Gläser, während Asger und Mareth die Gäste in der Bar bedienten und Baldr am Fenster sass und hinaus in eine monoton fallende Welt starrte. Ab und zu huschte ein Lächeln über sein Gesicht und sein Zeigefinger deutete auf etwas, dass sich außerhalb dessen befand, was Ska und ich wahrnehmen konnten.
Es schien beinahe, als erkannte er körperlose Dinge in den strömenden Regenfällen, Umrisse, die sich nur ihm erschlossen.
Eines Sonntagabends, der Regen hatte gerade begonnen auszudünnen, erhaschten Ska und ich einige Gesprächsfetzen zwischen Asger und Mareth. Draußen war es bereits dunkel geworden und durch das trübe Glas des Küchenfensters fiel verzerrtes Mondlicht wie durch den Schleier dürrer Gischt.
„Du weißt... es nicht alleine schaffen.“
Ich schlich vorsichtig zur Tür und bedeutete Ska, mir zu folgen. Der drängende Unterton in Asgers Worten hatte mich aufmerksam gemacht.
„Aber du weißt, dass Baldr keine Hilfe ist.“
„Dann müssen wir jemanden einstellen.“
„Dafür fehlt uns das Geld.“
Ein kaum hörbares Seufzen. Dann das trockene Knarren von Holz, als Asger sich auf die Treppe setzte. Seine Stimme klang müde, als er weitersprach. „... keine Wahl. Dort ist er besser aufgehoben... wissen, wie man damit umgeht.“
„Wir können ihn nicht einfach wegschicken. Er... keiner von denen!“
Mareths Stimme war hart, ihre Ränder bebend.
„In einer Woche fängt die Schule wieder an. Skadi und Jorek... Hast du gesehen, wie...?“
Skas Blick lag auf mir, den Kopf hatte sie seitlich an die Tür gelegt.
Ihre Hände hielten die Haare aus ihrem Gesicht zurück, die Haut geschwollen und rissig vom Abwasch.
„Dann müssen wir... aufgeben. Zurück zu...“
„Nein.“ Asger klang entschieden. „...kein Leben für die Kinder.“
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann näherten sich Schritte und Ska und ich huschten zurück an die Spüle.
„Genug für heute.“ Mareth war herein gekommen. „Geht ins Bett.“
Sie wirkte müde und das schwache Licht der Deckenlampe warf ihr Gesicht in dunkle Falten, die Augen beinahe ebene Perlen.
Erleichtert zogen Ska und ich die brennenden Hände aus dem Wasser und gingen nach oben. Als wir die Tür aufstießen, sahen wir Asger in unserem Zimmer stehen, den Rücken zu uns gewandt und den Blick aus dem Fenster gerichtet.
„Asger?“ Meine Stimme war brüchig, widerwillig am Rand meiner Lippen.
Er rührte sich nicht. Ich konnte sehen, wie die Atemzüge gegen sein Hemd fielen, es ausfüllten und dann wieder zusammensinken ließen.
Seine Arme hingen kraftlos gegen die Seiten seines Körpers, die Finger erstarrt.
„Asger?“ Ska trat vorsichtig näher und schob ihre Hand in seine.
„Hm?“ Er drehte sich um und als er uns sah, blätterte ein Lächeln von seinen Lippen. „Tut mir leid, ich war gerade in Gedanken.“ Seine Augen waren von derselben hellen Klarheit wie immer, nur in den Winkeln lag eine seltsame Dunkelheit, ein Schatten, beinahe zuckend.
„Worüber hast du nachgedacht?“ Ich ließ meinen Blick über seine ernsten Züge wandern.
„Über das Leben, Jorek. Es ist manchmal nicht einfach.“ Er winkte mich zu sich und legte dann einen Arm um Skas und meine Schultern.
„Doch ihr beiden macht es um einiges schöner.“ Er drückte uns einen Kuss auf die Stirn und in den Barstoppeln seiner Wangen konnte ich den beinahe erkalteten Duft von Pfeifenrauch riechen, kaum mehr als ein Schimmer.
„Warum ist es nicht einfach?“
