Mord im Akkord - Hermann Christen - E-Book

Mord im Akkord E-Book

Hermann Christen

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Beschreibung

Ludwig verfolgt seinen Chef, de Napoli, ins Nobelquartier, um sich für sei-nen Hinauswurf zu revanchieren. Sein Vorhaben scheitert kläglich. Aus dem Bett heraus wird Ludwig am nächsten Morgen verhaftet. Polizei-leutnant Kägi beschuldigt ihn des Mordes an de Napoli und Hofer. Aufgrund fehlender Beweise kommt Ludwig aus der U-Haft. Marius und Hans, zwei Sängerkollegen seines Chores, überreden ihn, den Fall in die eigenen Hän-de zu nehmen. Ihre Nachforschungen verlaufen immer im Sand. Dann präsentiert Kom-missar Zufall das fehlende Puzzleteil…

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Hermann Christen

Mord im Akkord

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Impressum neobooks

Sonntag

"Ich werde dich so was von zur Schnecke machen!"

De Napoli! De Napoli sollte spüren, daß man einen verdienten Mitarbeiter nicht aus einer Laune heraus vor die Tür setzt.

"Du wirst dein blaues Wunder erleben, Wicht!"

Ludwig tastete nach der Schnapsflasche auf dem Beifahrersitz. Noch fehlten die entscheidenden Zehntelpromille, um seine gutbürgerliche Erziehung hinwegzufegen. Es mußte sein! Gutbürgerliche Erziehung war für sein Vorhaben der Stolperstein, den es aus dem Weg zu räumen galt. Gutbürgerliche Erziehung vermieste das maximale Maß an Rücksichtslosigkeit, welches hier angezeigt war. Gutbürgerliche Erziehung konnte nicht gut mit Verwegenheit. Verwegen! Oh, ja! Wahrscheinlich das Verwegendste, was er in seinem Leben je geplant hatte.

Er nippte an der Flasche, verzog angewidert das Gesicht und schraubte den Verschluß fest. Von Haus aus war er überzeugter Biertrinker. Aber heute ging Bier nicht. Bierbedingte Pinkelpausen gefährdeten seine Mission! Er könnte de Napolis Wohnung im entscheidenden Moment aus den Augen verlieren. Und falls es zu einer furiosen Verfolgungsjagd käme, war ein ungesicherter Kasten Bier auf dem Beifahrersitz ein nicht zu unterschätzendes Handicap.

Außerdem fiele ein Kasten Bier auf dem Beifahrersitz auf. Selbst dem Gossauer Hilfssheriff, einem ausgemusterten Polizisten, der Tag und Nacht herumlungerte. Bösartig wie eine vegan ernährte Kampfdogge, klemmte er grundlos Parkbussen unter die Scheibenwischer. Alle haßten den Typen, aber niemand reklamierte je über eine Busse, denn er war ein grimmiger, angriffslustiger Dämon, dem man besser aus dem Weg ging. Eine Figur, die aus der Masse herausragte.

Ludwig hingegen war das Eichmaß für Durchschnitt. Er lag, mathematisch betrachtet, genau im langweiligen Mittelbereich der Bevölkerungsstatistik. Also jener Gruppe von Menschen, welche in der Weltgeschichte höchstens als Opfer bei Amokläufen oder als Kollateralschaden Erwähnung finden.

Mittlere Statur, mittlere Fitneß, zurückhaltend gekleidet, einer, der sein Sendungsbewußtsein unter Kontrolle hatte und seine Meinung nicht jedem aufs Auge mußte. Mittleres Alter, mittlere sexuelle Erfahrungen. Sogar die Anzahl der Buchstaben seines Namens, Ludwig Haas, entsprach exakt dem schweizerischen Durchschnitt. Ludwig war der Prototyp all jener, die man bei Einladungen vergaß und die man auf Fotos von Familien-Großveranstaltungen oder Klassenfotos nur an den aufstehenden Haaren, die in der hintersten Reihe eben noch zu sehen waren, erkannte.

Sein wilder Haarschopf war die einzige Auffälligkeit, die ihn vom absoluten Durchschnitt bewahrte. Eine drahtige, zügellose Mähne, die er früher vergebens mit viel Pomade zu bändigen versuchte. Und seine Ausbildung. Er war Mathematiker.

Ludwig unternahm keine Anstrengungen, aus diesem Mittelmaß auszubrechen. Er genoß die Geborgenheit, nicht im Rampenlicht stehen zu müssen. Er wirkte im Hintergrund und scheute dort keine Aufgabe, auch wenn das bedeutete, bei Vereinsanlässen in der heißdampfenden Küche zu schwitzen.

Viele hielten ihn für menschenscheu. Doch er mochte Menschen, suchte sich jedoch seine Kreise sorgsam aus. Er schätzte kleine Gruppen, wo sich niemand veranlaßt fühlte, vorzudrängen. Er liebte Diskussionen im kleinen Kreis, denn in kleinen Kreisen entstanden große Ideen. Hier wurde er warm, begeisterte sich und verblüffte mit originellen Gedanken.

Schon in der Schule verschmolz er gerne mit dem Hintergrund, vermied Prügeleien auf dem Pausenhof und wurde beim Völkerball immer als Drittletzter gewählt. Nur Patricia, die fürchterlich schielte und den Ball nie kommen sah, und Thomas, der schon damals fettleibig und träge war, kamen nach ihm.

Bei Fragen von Herrn Brun, seinem Lehrer in der oberen Primarstufe, meldete er sich nicht, obwohl er die Antworten kannte. Er wußte, daß Streber noch unbeliebter waren als Spastiker und wollte verhindern, beim Völkerball hinter Thomas zurückzufallen.

Dem Brun verdankte er viel. Brun durchschaute ihn und setzte sich dafür ein, ihn vom Gymi in St. Gallen zu überzeugen. Nur seiner Hartnäckigkeit war es zu verdanken, daß er nicht in einer KV-Lehre landete, wie es seine Mutter wünschte, weil sie ihm nichts Anspruchsvolleres zutraute.

"KV ist nichts für dich!", riet Herr Brun eindringlich, "Mach was Richtiges!"

Also absolvierte Ludwig das Gymnasium. Die Schule machte Spaß, weil hier alle Streber waren und kein Völkerball gespielt wurde. Aber die aufwallenden Körpersäfte der Pubertät, gepaart mit zu wenig Selbstvertrauen, gipfelten im Manuela-Desaster. Er war unsterblich in sie verliebt. Und als er endlich über seinen Schatten zu springen plante und ihr seine Gefühle offenbaren wollte, sah er sie Arm in Arm mit Luca flanieren.

Ausgerechnet Luca. Der Typ war alles andere als eine Geistesgröße. Mehr Muskeln als Hirn. Ein Schwätzer, der um so länger über eine Sache klug daherreden konnte, je weniger er davon verstand. Und er redete viel.

Ludwig haderte mit dieser Ungerechtigkeit und stürzte sich, wie jeder sechzehnjährige in seiner Lage, auf Goethes 'die Leiden des jungen Werthers'. Ein lästiges Quentchen Selbstkritik störte jedoch sein Selbstmitleid, in welchem er sich bequem eingerichtet hatte: vielleicht hätte er mit dem ersten Schritt doch nicht vier Jahre zuwarten sollen.

Das Manuela-Desaster kratzte an seinem Glauben an das Gute im Menschen. Menschen, so philosophierte er, den Werther auf seinen Knien, schmerzten, wenn sie einem nahe kamen. Demzufolge, so seine Schlußfolgerung, war gesunde Distanz das bessere Mittel, Mitmenschen zu begegnen.

Dafür schien ihm das Studium der Mathematik an der ETH ideal. Mathematiker zu sein war der ultimative Knaller, ein unsichtbarer Distanzhalter zum Nächsten. Als Mathematiker war es egal, wenn man belanglosem Partygeplauder nicht folgt, weil Mathematiker rein berufshalber geistig abwesend zu sein haben. Und als Mathematiker mußte man auch nicht so besonders auf sein Äußeres Acht geben. Mathematiker und Psychologiestudenten standen an der Uni auf demselben Abstellgleis. Die beiden Fachrichtungen hatten bei näherer Betrachtung auch vieles gemein: beide operierten mit Unbekannten und Unschärfen. Beide schlugen sich mit Irrationalitäten herum. Hie mit Pi oder e, dort mit Psychopathen, Massenmördern oder Jugendlichen.

Was Mathematiker jedoch den Psychologen allerdings voraus haben ist, daß sie besser bezahlte Jobs finden. So engagierte ihn eine Großbank vom Fleck weg. Er bezog eine größere Wohnung in Zürich, wo er seine Joghurts nicht mehr, wie in der WG, zu beschriften brauchte, und berechnete für seinen Arbeitgeber Derivate, die, außer Mathematikern, niemand zu verstehen vorgab. Sein Chef, ein eingefleischter Harry-Potter-Fan, bezeichnete seine Abteilung als die Mysteriumsabteilung im Betrieb. Für Ludwig waren die Ergebnisse seiner Arbeit flüchtige Spielereien, spekulative Annäherungen x-ten Grades ohne Faktenbasis, die eigentlich niemand mit funktionierendem Verstand ernst nehmen durfte. Ein Anlageberater, der seine Geldanlagetipps aus Tarotkarten las, war treffsicherer. Und das Ganze wurde unrealistisch gut bezahlt. Irgendwie brachte er es mathematisch nicht auf die Reihe, warum wichtigere Berufe wie Maurer, LKW-Fahrer oder Krankenschwester einen Bruchteil seines Lohnes eintrugen. Andererseits dachte er, es sei nicht das Dümmste, die Kuh so lange zu melken, bis das Bankensystem von alleine zusammenbrach.

Dann starb sein Vater und die Bank versetzte ihn auf eigenen Wunsch nach St. Gallen. Er zog seiner Mutter zuliebe zurück nach Gossau, trat in den Männerchor ein und lernte dort, daß man nicht zwingend vor zehn Uhr zu Bett mußte. Bei einer dieser Gelegenheiten lernte er Sylvie kennen, die damals im Rössli servierte.

Zwei Teenis gingen laut lachend vorbei und schreckten ihn auf.

Sylvie! Sylvie mit Ypsilon. Das Ende der Ehe mit ihr war der Startschuß für eine Kette von Verstrickungen, welche sein Leben aus dem wohligen Trott warfen. Ihm war, als ob das Manuela-Desaster ein Remake erfuhr und wie damals traf es ihn aus heiterem Himmel. In der Rückschau stellte sich die Sache jedoch weniger überraschend dar. Sie nörgelte schon länger an ihm herum. Er interpretierte ihr Nörgeln als Beweis, daß sie im tiefsten Herzen eigentlich wußte, die richtige Wahl getroffen zu haben. Sie benötigte, redete er sich ein, nur etwas mehr Zeit, um ihn so zu nehmen, wie er war. Er machte das im Gegenzug ja genauso.

Es prickle nicht mehr, hatte sie gesagt. Eigentlich hatte es nie geprickelt. Zumindest nicht bei Sylvie. Irgendwie waren sie beide unvorbereitet in diese Ehe hineingestolpert. Analytisch betrachtet begann das Unheil, als ihre Periode ausblieb. Eine absolut nachvollziehbare Wendung der Biologie. Sie schaffte es damals innerhalb einer Woche, ihn zur Heirat zu überreden, diese zu organisieren und eine teure Honeymoon-Reise zu buchen.

Nach der Reise kam die Periode. Für ihn war das kein Problem. Sylvie gefiel ihm, weil sie so anders war als alle Leute, mit denen er bis dahin Umgang hatte. Er empfand sie als erfrischend, sprunghaft, natürlich, bodenständig und beim Sex stöhnte sie wie eine Top-Ten-Tennisspielerin. Er gab sich Mühe, ihr zu gefallen. So widersprach er auch ihrer Überzeugung nicht, daß Urlaub erst Urlaub war, wenn mindestens 5000 Kilometer zwischen Gossau und dem Reiseziel lagen. Sie wollte dort interessante Eingeborene erleben, sagte sie. Die interessanten Eingeborenen, stellte er fest, gab es nicht. Egal wo man buchte: ihm schien, daß das Personal im Hotel immer aus Indien oder Pakistan stammte. Ob es außerhalb der teuren Ressorts tatsächlich Eingeborene gab, fand er nie heraus, da Sylvie die gebuchten Luxus-Ressorts nie verließ. Wegen des All-inclusive-Angebotes. Er selbst brauchte kein All-inclusive-Angebot. Im genügte es, wenn es so etwas wie Wurst-Käse-Salat gab und das Bier nicht von einer holländischen Großbrauerei stammte. Und wenn sie in der Nähe war. Was jedoch selten vorkam, weil sie entweder die Yoga-Stunde mit Guru Shandrashekhar neben dem Dachpool des Ressorts oder Fit-Gym mit Olaf, einem hypen Fastolympioniken aus Norwegen, der immer mit einem über die Schultern gelegten Pullover unterwegs war, gebucht hatte.

Er nahm ihre Ausschweifungen hin. Er begleitete sie an Volksmusikkonzerte, die er als Vorboten des totalen Kulturverlustes verabscheute. Wie Leggins mit Leopardenmuster, Kaffeekapseln oder Ganzjahresreifen am Auto. Alles Dinge, welche unbestreitbar den Niedergang des Westens belegten. Er akzeptierte, daß sie sich dort mit alten Freunden vergnügte und ihn links liegenließ.

Das geht vorbei, redete er sich ein. Sie tickte anders und er versuchte es erst gar nicht, sie ändern zu wollen. Sie verstand nicht, daß Kultur auch unter hundert Dezibel ging. Sie verstand nicht, daß das neue Handy nicht mehr konnte als jenes, welches sie im Jahr zuvor gekauft hatte. Sie verstand nicht, daß es andere TV-Sender als RTL II gab. Aber vor allem verstand sie nicht einmal die Schönheit des Gauß'schen Fehlerintegrals, was seiner Meinung nach zwingend zum Grundwissen jeder vernunftbegabten Kreatur gehörte.

Trotzdem war er ihr für den Blick in eine bis dahin unbekannte Welt dankbar. Eine laute, chaotische und unberechenbare Welt. Eine neue Mathematik, die nur aus Unbekannten und tabellarischen Zirkelbezügen bestand.

Aber es prickelte nicht. Er hatte mittlerweile kapiert, daß er für sie von Beginn weg nur eine gute Partie war. So gut, um über fünfzehn Jahre Altersunterschied hinwegzusehen. Ihnen fehlte der gemeinsame Nenner. Und beide bemühten sich nicht sehr darum, diesen zu entdecken. Nach vier Jahren war es aus. Vielleicht hatte sie auf Nachwuchs spekuliert, was ihre finanzielle Position bei einer Scheidung enorm verbessert hätte. Als das nicht klappte, reichte sie die Scheidung ein. Jetzt servierte sie wieder drüben in der Stadt und mußte sich von lüsternen Mittsiebzigern anmachen lassen.

Sie behielt die Eigentumswohnung und er zog vorübergehend zurück zu Mutter. Er war noch unentschieden, was schlimmer war: die Sache mit Sylvie oder seine neue Wohnsituation. Mutter wußte stets, wo er noch unangetastetes Verbesserungspotential hatte. Ihre Verbesserungsvorschläge und Verhaltenskorrekturhinweise waren abwechslungsreicher und vielfältiger als ihre makaber schlechten Kochkünste. Mutter hatte noch nie kochen können. Schon Vater vermutete, daß der Unterschied eines Gemüseeintopfes von Mutter und Kompostgut lediglich in der Serviertemperatur bestand. Erst mit dem Aufkommen von Fertiggerichten für die Mikrowelle verbesserte sich die Ernährungslage im Hause Haas.

Sylvie! Er hätte sie jederzeit zurückgenommen.

Seine Hand tastete nach der Flasche. Er schraubte den Deckel ab und setzte an.

"Widerlich!", krächzte er, legte die Flasche zurück und blickte nach oben, wo in de Napolis Wohnung Licht brannte. De Napoli wohnte in einer Neubau-Eigentumswohnung an bester Lage, welche von dubiosen, international tätigen Investoren, die einmal etwas anderes als Drogen- oder Menschenhandel versuchen wollten, überall erstellt wurden. Wer hier wohnte, kümmerte sich nicht um das Dorfleben. Wohnanlagen wie diese waren Fremdkörper und entwerteten Dörfer zur Agglomeration.

De Napoli! Maximilian de Napoli! Seine Eltern mußten ihn von Beginn weg nicht geliebt haben. Maximiliane gelten als gebildet und strebsam. Maximiliane verkörpern das Bildungsbürgertum. Doch wenn seine Eltern mit der Wahl seines Vornamens beabsichtigt hatten, ihrem Schützling eine optimale Ausgangslage für die berufliche Karriere mitzugeben, so wären Michael oder Thomas die bessere Wahl gewesen. Die Statistik belegte unumstößlich, daß rund ein Viertel aller Geschäftsführer einen dieser beiden Namen trug. Mehr noch: es gab mehr Michaele und Thomässer in den Teppichetagen, als Frauen. Ludwig liebte Statistiken.

Maximilian hingegen entsprach einer angesägten Sprosse in der Karriereleiter. Wobei, Maximilian war immer noch besser als Noël-Olaf.

De Napoli glich einer schmierigen Figur direkt aus Oliver Stones Film Wallstreet. Karrierefokussierter Mittvierziger ohne einen Hauch von störendem Mitgefühl. Er würde es weit bringen. Dafür sorgte nicht zuletzt sein Masterdiplom eines Engineers of Business Administration, welches unübersehbar an der Wand hinter seinem Bürostuhl hing. Um das Diplom herum hingen Fotos, auf welchen de Napoli händeschüttelnd mit Führungsgrößen aus Finanz und Wirtschaft lächelte. Im Büro wurde gemunkelt, daß viele dieser Bilder KI-generiert waren. Was dann jedoch wieder irgendwie konsequent von de Napoli war, weil die sogenannte Wissenschaft der Ökonomie ebenfalls mehr mit Schein als mit Sein operierte.

De Napoli war nicht dumm, beileibe nicht. Er wußte um seine Fähigkeiten, Karriere und Geld zu machen. Seinen Titel erwarb er sich an der Hochschule St. Gallen, HSG, wo er auch die Vorteile der empathischen Enthaltsamkeit kennenlernte.

Eine seiner Stärken war, sich in Szene zu setzen. Lehrbuchkonform baute de Napoli seine Teams um. Eliminierte Erfahrung durch geschicktes Reorganisieren und Abschieben und setzte verstörte Irrlichter ein, die seinem Glanz nicht im Wege standen. Für ihn war ein Team nur dann ein Team, wenn es seiner Meinung unwidersprochen applaudierte. Typen wie er brauchten Publikum, keine Mitarbeiter.

Seine zweite herausragende Eigenschaft war die Skrupellosigkeit. Abweichende Rechercheergebnisse wurden den Erwartungen der Auftraggeber angepaßt. Reklamierte der Autor und wagte das Wort 'Verfälschung' zu erwähnen, bekam dieser einen Vortrag über den unschätzbaren Wert von, de Napoli nannte es 'veredelten Berichten', zu hören. Und der Mitarbeiter hatte bei der nächsten Reorganisation mit Bestimmtheit seinen Platz zu räumen.

Und jetzt hatte es ihn erwischt. Am Freitagabend, kurz vor Feierabend beorderte de Napoli ihn in sein Büro. De Napoli begründete die Kündigung neben den neuen Erfordernissen des Marktes auch damit, weil seine, Haas', Leistungen kränkelten. Damit hatte er nicht unrecht. Seit Sylvie hatte er oft den Kopf nicht richtig bei der Sache, machte Fehler, was aber bei Börsenderivaten eigentlich egal ist. Er war und blieb trotzdem der beste Portfolio-Mathematiker in de Napolis Team und wahrscheinlich weit darüber hinaus. Sein Abgang schwächte die Abteilung. Das interessierte niemand. An der HSG, so vermutete Ludwig, mußte die Kunst des Schönredens bei Fehlentscheidungen Pflichtfach sein. Und das war de Napolis dritte, herausragende Eigenschaft.

Die neue Zeit, war de Napoli fortgefahren, kreiert neue Herausforderungen, die neue Lösungsansätze verlangten. Was im Klartext hieß, daß er einem Neuzugang frisch ab Uni Platz machen mußte. Bevor er etwas erwidern konnte, ergriff de Napoli seine Hand und wünschte ihm Glück. Anschießend faselte er noch etwas von optimalem Arbeitnehmermarkt, was seine Suche nach einer neuen Aufgabe erleichtern würde. Dann schob er ihn mit Nachdruck aus dem Büro und schloß, 'wichtiges Telefonat, sorry Haas', die Tür.

Ein Neuzugang also. Ihm taten die Jungen fast leid. Ohne Erfahrung im Umgang mit Selbstdarstellern auf Chefposten, auf Bestleistung getrimmt und ohne einen Funken Willen zum Aufbegehren würden sie schnell ausbrennen, zerfallen und ersetzt werden.

"Jasager und Chefbeklatscher sind der Untergang der Wirtschaft", dachte Ludwig und spülte den bitteren Gedanken weg. De Napoli verstieg sich während der kurzen Aussprache darin, sich wie ein Löwe für ihn eingesetzt zu haben. Er sei, es fehlte nur ein Schluchzer der Ergriffenheit, unglaublich froh darüber, sechs Monate Lohnfortzahlung plus eine sehr großzügige, hohe sechsstellige Abgangsentschädigung erkämpft zu haben. Mit seinem selbstlosen Einsatz, dachte Ludwig leicht angesäuert, hatte de Napoli genau das erkämpft, was schon in Ludwigs Arbeitsvertrag vereinbart war.

Finanziell war der Rauswurf kein Problem. Um die Zukunft brauchte er sich keine Sorgen zu machen, denn die Firmen in der Finanzbranche hechelten nach mathematischen Fähigkeiten. Aber de Napoli hatte eine Abreibung verdient. Das war etwas, was er an Turnfesten und Volksmusikkonzerten gelernt hatte: wenn Wabun-Hypnose-Seelenreinigung versagte und Kneipp-Wasserkuren nicht abkühlten, müssen handfeste Maßnahmen her. Ärger in sich hineinzufressen schadet der Gesundheit. Und deswegen war er hier.

Ludwig memorierte die vorbereitete Liste, die dort aufgeführten Argumente, mit denen er de Napoli in den Senkel stellen wollte. Auf Papier ergaben diese eine logische, zielführende Kette, welche ihn an einen vollendeten Algorithmus erinnerten. Er würde mit de Napolis persönlichen Fehlern starten. Dann käme er zu dessen Unfähigkeit, mit Widersprüchen umzugehen. Schließlich würde er sich dahin vorarbeiten, ihm sein Versagen als Chef vor Augen zu führen. Der krönende Abschluß würde in der Verhöhnung gipfeln, daß er sich in seiner Position nur halten konnte, weil seine katastrophalen Fehlentscheide von seinen Mitarbeitern ausgebügelt wurden. Die Schlußfolgerung aus alledem würde die mathematisch untermauerte These sein, daß jetzt, wo er alle selbstdenkenden Leute aus seinem Team entfernt hatte, keiner mehr in der Lage war, seine Fehler zu korrigieren. Das wiederum führe deshalb zum Ende seines beruflichen Aufstiegs.

Das Ganze sollte, so plante Ludwig, mit deftig-herben Ausdrücken aus der Gosse gewürzt sein. Er griff erneut nach der Flasche, schätzte den Füllstand im Licht der Straßenlampe ab und berechnete überschlagsmäßig den Alkoholpegel.

"Da fehlt noch was!", schlußfolgerte er und setzte an. Dann schraubte er die Flasche zu, zog den Autoschlüssel ab und blickte hoch. Das Licht in de Napolis Wohnung war aus.

"Dann werd ich dir die Leviten lesen, wenn du Pyjama trägst", murmelte Ludwig und öffnete die Fahrertür.

In diesem Augenblick trat de Napoli aus der Haustür und ging zu seinem Audi Q7. Ludwig zog die Tür hastig zu und hoffte, daß das Innenlicht in seinem Wagen schnell genug erlosch, bevor de Napoli ihn entdeckte.

Der fette Motor des Q7 brüllte auf. Der Wagen schoß die Straße hinunter und bog auf die Hauptstraße ein.

"Auch so ein ritueller Nichtblinker", dachte Ludwig und folgte.

De Napoli fuhr wie der Verbrecher, der er im Innersten seiner Seele war. De Napoli zum dörflichen Edelquartier, wo der alteingesessene Geldadel residierte. Gesellschaftlich standen die Bewohner hier weit über den Neureichen aus de Napolis Ecke.

Der Q7 bog in den Platanenweg ein. Im Edelquartier endeten alle Straßennamen mit -weg. Wahrscheinlich als Hinweis für den Pöbel, von hier fernzubleiben. Das hatte über Generationen hinweg einwandfrei funktioniert. Aber der Dorfadel hatte die Rechnung ohne den alten Inauen gemacht. Damals, als er im Gemeinderat saß, setzte er durch, daß sein landwirtschaftliches Land um das Edelquartier umgezont wird. Er machte Millionen, verpachtete den Rest seines Hofes und lebte jetzt meistens auf seinem Anwesen in Costa Rica, welches groß genug war, nie Nachbarn sehen zu müssen. Auf die neuen Bauflächen stürzten sich gutverdienende Pärchen und bauten ihre 'individuellen' Einheitshäuser. Würfelförmige Bausünden ohne Ausstrahlung auf läppischen sechs- oder siebenhundert Quadratmeter Bauland. In den Augen der Alteingesessenen galt ein Haus auf einer Parzelle mit weniger als 2000 Quadratmetern als Kate.

Der Platanenweg war menschenleer. Die Platanen entlang der Straße dämmten mit ihrem Blätterdach, welches bereits herbstlich ausdünnte, das Licht der Straßenlampen. Die Bäume waren perfekt geschnitten und in die schirmähnliche Form gezwungen, die allgemein als die natürliche Form dieser Pflanze galt. Er wußte wie natürlich gewachsene Platanen aussahen. Stolze Bäume, hoch aufragend, wild. Ihm taten die verkrüppelten Pflanzen leid.

De Napolis Wagen parkierte vor einer Villa, die mit hohen, dichten Hecken gesäumt war. Sein Wagen ragte eine gute Radbreite über den Rand des Parkfeldes hinaus. 'Großzügiges' Parkieren schien ein Volkssport der Großverdiener zu sein.

Ludwig lenkte auf ein Parkfeld gut fünfzig Meter dahinter. Er beobachtete, wie de Napoli ausstieg und, während er zur Pforte der Villa schritt, über die Schulter hinweg sein Auto abschloß.

"Angeber", dachte Ludwig und rutschte so tief wie möglich in den Fahrersitz, um nicht von zufällig vorbeikommenden Spaziergängern oder spähenden Anwohnern entdeckt zu werden. Er wartete. Der Alkohol tat seine Wirkung. Er öffnete das Fenster, um frische Luft einzulassen. Bisher war nur ein gemächlich gehender Mann mit einem Taschenhündchen, einem nervösen, gut genährten Pomeranian, vorbeikommen.

Die Dringlichkeit, de Napoli den Kopf zu waschen, schmolz dahin. Er würde auch morgen noch dasselbe Ekel sein und Ludwig könnte sich noch ein paar zusätzliche, griffige Formulierungen aushecken, die seine Verachtung de Napolis gegenüber noch nachdrücklicher auf den Punkt brachten. Außerdem war es offensichtlich doch zu viel Schnaps gewesen.

Er war nahe dran, die Sache zu verschieben. "Es macht wenig Sinn Rache zu nehmen, wenn man sie nicht genießen kann", begründete er die sich anbahnende Kapitulation, wohlwissend, daß es nie zu einem nächsten Anlauf der de-Napoli-Zurechtweisung kommen würde.

Ein dunkler Passat rollte im Schritttempo den Platanenweg hoch. Er vermutete einen Zusteller einer Pizzeria oder des Thais am Dorfeingang. Ein Anwohner konnte es definitiv nicht sein, denn in dieser Gegend war Passat das Symptom der Krankheit 'Mittelschicht'.

Der Wagen verschwand hinter der Kurve. Ludwig streckte seinen schmerzenden Rücken durch. Der Passat kehrte zurück und fuhr vorbei. Im Rückspiegel beobachtete Ludwig, wie er auf die Verbindungsstrasse zum Dorfzentrum einbog und aus seinem Blickfeld verschwand. Ludwig blickte ihm noch eine Weile nach – Langeweile macht aus jeder Kleinigkeit eine Sensation – und sah kurz die Lichter eines Wagens aufblinken, der unten vor dem Hirschen parkierte.

"Ein Spätpinkler", vermutete Ludwig. "Noch eine halbe Stunde", beschloß er und schloß das Fahrerfenster, weil es herbstlich kühl hereinzog. Im Rückspiegel beobachtete er eine Gestalt, die sich von der Verbindungsstrasse kommend in schnellen Schritten näherte. Der Mann trug eine weitgeschnittene dunkle Jacke mit tausend Reißverschlüssen, wie sie in den 90igern Mode war. Am linken Ärmel war ein runder Aufnäher zu erahnen. Obwohl alleine unterwegs, streifte sein rechter Arm beinahe die Hecke. Er ging an Ludwigs Wagen vorbei und verschwand hinter de Napolis Audi.

Ludwig suchte eine bequemere Stellung, um seinen Rücken zu entspannen.

Ludwig schreckte hoch und blickte auf die Uhr. Drei Uhr durch. Er fror erbärmlich. De Napolis Wagen parkierte immer noch und er fragte sich, was sein ehemaliger Chef solange trieb. Er ahnte, daß da krumme Dinge besprochen wurden, denn Illegales mußte feinsäuberlich geplant sein. Schade, daß sich intelligente Leute nicht darauf besannen, was Sinnvolles zu tun. Die Welt wäre eine bessere, war Ludwig überzeugt.

Dann startete er mit klammen Fingern seinen Wagen und fuhr nach Hause.

Montag

Sechs Uhr! In Ludwigs Schädel schepperte ein Jugendchor aus stimmbrüchigen Knaben, die sich gegenseitig im Fortissimo übertrumpften. Sechs Uhr! Warum erwachte er, wie die verdammte Konstante einer mathematischen Formel, um sechs Uhr? In Anbetracht seiner Situation gab es keinen Grund, montags um sechs Uhr wach zu werden. Schon gar nicht mit einem Kater. Erstens war er erst gegen halb vier, ohne die Zähne zu putzen, wie ihm einfiel, ins Bett gefallen. Und zweitens war er arbeitslos. Er seufzte. Da lag noch viel Arbeit vor ihm, um dem Bild eines soliden Arbeitslosen zu entsprechen. Wenigstens das mit dem Saufen hatte er schon mal drauf, wie er zerknirscht feststellte. Fehlten nur ein struppiger Bart, am besten mit haarlosen Stellen am Backen und Kinn, schlechte Zähne und die ausgeleierte Jogginghose mit Ketchup-Flecken. Eine solche war notwendig, wenn er aus einer Not heraus einmal das Haus verlassen mußte. Und er mußte mit Rauchen beginnen.

"Du guckst zuviel 'armes Deutschland''', klagte er sich selbst an. Er rappelte sich mühsam aus dem Bett und realisierte, daß er angezogen war. Er schlurfte zum Bad, trank zwei Gläser Wasser, um die grausige Schlacht in seinem Kopf wegzuspülen, putzte die Zähne, zog den Schlafanzug an und legte sich wieder hin.

"Vielleicht sollte ich mir eine verlauste Promenadenmischung anschaffen." Das 'arme Deutschland' war nur schwer aus dem Kopf zu kriegen. Er drehte sich auf die linke Seite. Die Erinnerung an de Napoli spülte den Wunsch nach einem Straßenköter weg. Die unerledigte Sache von gestern kochte hoch und Selbstverachtung höhnte in seinem Kopf. Und dann nervte er sich, da ihm die Angelegenheit mit de Napoli nicht mehr als so richtungsweisend für seine Zukunft erschien. Man sollte, schloß er seinen Gedanken ab, seinen heiligen Zorn ausleben, solange er noch schmerzhaft brodelte. Mit kalter Asche gelingt kein Feuer.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Kurz vor Sieben ergab er sich seufzend und machte Morgentoilette. Morgentoilette! Das alltägliche Ritual, um sich zu versichern, daß die Welt in Ordnung war. Ludwig blickte in den Spiegel und erschrak vor dem, was er in der seelenlosen Reflektionsfläche erblickte. Was ihn da anstarrte, lag eindeutig außerhalb der Norm, um der eben beschworenen Weltordnung zu entsprechen.

"Nie mehr Hochprozentiges, wirklich jetzt", schwor er sich. Das allerdings hatte er sich schon zwei Mal geschworen. Das erste Mal nach einer Überdosis Appenzeller an einer Offa, wo er Jolanda zeigen wollte, was für ein Kerl er war. Irgendwie verfingen seine Bemühungen nicht richtig. Vielleicht auch, weil er sich auf ihre Schuhe übergab. Das zweite Mal nach einer aus dem Ruder gelaufenen Semesterabschlußfeier – Mathematiker können besser mit Prozenten als mit Promillen. Danach ließ er die Finger von Hochprozentigem – bis gestern.

Lustlos duschte er, stellte fest, daß Mutter die Schmerztabletten mitgenommen hatte, zog sich an, holte die Zeitung, drückte einen Kaffee und hoffte auf ein Nachlassen der Kopfschmerzen, die sich im Nacken austobten.

Er blätterte zum Regionalteil durch. Für ihn waren die Regionalteile der einzige Bund, wo sich Konkurrenzblätter unterschieden. Der Rest war wortgleich identisch mit den News der Internetportale. Im Regionalteil fanden sich auch positive Nachrichten. Das mochte dem Mangel an Mord- und Totschlag oder Naturkatastrophen in der Region geschuldet sein. Um die Seiten voll zu kriegen, waren Lokalredaktionen gefordert, näher an Otto Normalverbraucher heranzurücken. Im Regionalteil wurden alte Menschen gewürdigt, über den desolaten Zustand des Piratenspielplatzes und dem dazugehörenden Elternaufstand berichtet oder die neue Straßenführung ums Dorf zum x-ten Mal diskutiert. Im Regionalteil kam die Leiterin des Cefi-Ladens zu Wort oder der Pensionierte, der seine Modelleisenbahnanlage mittlerweile ins dritte Schlafzimmer hinein ausgebaut hatte. Flüchtig dachte Ludwig an dessen Ehefrau, was diese von der Passion ihres Gatten hielt.

Der Regionalteil war der Beweis, daß die Welt doch nicht so aus dem Lot war, wie die auf Clicks getrimmten Newsportale weis machen wollten. Nicht, daß der Regionalteil heile Welt vorgaukelte. Die Redakteure holten das best mögliche heraus, um jedem Bericht wenigstens einen Hauch von Skandal oder Verwerflichkeit einzuschreiben. Aber im Regionalteil erfuhr man, daß Menschen noch immer anpackten und veränderten, um die Welt um sich herum zu verbessern. Mal im Kleinen, mal im Großen. Für ihn stand der Regionalteil für die Tatsache, daß man konnte, wenn man nur wollte.

Er rieb die Augen und gähnte. Dann legte er sich aufs Sofa und döste ein.

Wildes Klingeln an der Haustür schreckte ihn hoch.

"Laßt mich", murmelte er und zog die Strickdecke mit Blumenmuster ans Kinn.

"Aufmachen! Polizei!" Jemand polterte auf die Haustür.

"Polizei?" Er hievte sich hoch. Polizei an der Tür beunruhigte jeden Durchschnittsbürger.

"Ich komme, verdammt."

Mit müden, schweren Schritten schlurfte er zur Haustür und strich mit den Fingern die Haare in Form. Erfolglos. Er öffnete die Tür einen Spalt weit und blickte hinaus. Draußen standen Uniformierte. An ihrer Spitze ein älterer, streng blickender Beamter.

"Ja?"

"Grüezi, wir müssen sie leider zum Verhör mitnehmen", sagte der Beamte und bevor Ludwig etwas erwidern konnte, stießen weitere Polizisten die Tür ganz auf.

"Festnehmen!", bestimmte der Ältere und winkte weiteren Polizisten hinter sich zu, "Und ihr sichert die Spuren."

Ludwig blickte machtlos auf die Polizisten, die ins Haus strömten.

"Dann wollen wir mal!", befahl der Anführer mit einem Seitenblick auf seine Kollegen, welche Ludwig festhielten.

"Was ist hier los?", reklamierte er mit schwacher Stimme, "So ein Tamtam, nur weil ich betrunken Auto gefahren bin?"

"Ab mit ihm."

"Los", der Polizist hinter Haas stieß ihn in den Rücken, "Abmarsch."

***

Endlich wieder einmal ein Mord. Ein Doppelmord gar. Obwohl ihm zwei Morde im Abstand von plus-minus sechs Monaten lieber gewesen wären. Aber er durfte nicht wählerisch sein.

Endlich wieder einmal ein Mord. Ein Mord war besser als die kleinen Vergehen, mit denen er sich sonst herumschlug. Kleinkriminelle Schmugglerringe im Rheintal, weil die Schengen nicht verstanden. Oder Ermittlungen gegen die wie Pilze aus dem Boden schießenden Barber-Shops, die im Verdacht standen, Geld zu waschen. Barber-Shops waren undankbare Fälle. Wie nasse Seife, waren Barber-Shops nie richtig zu fassen. Er vermutete Staatsanwalt Stübi als Strippenzieher, damit der seinen Vorgesetzten zeigen konnte, wie unbarmherzig rigoros er ihre Politik umsetzte. Seiner Meinung nach zäumte hier die Justiz das Pferd am falschen Ende auf. Man mußte zur Quelle, wenn man was unterbinden wollte. So wie es Stübi und Konsorten anpackten, war es wie mit einem Suppenlöffel Wasser aus dem lecken Boot zu schöpfen und darüber zu streiten, ob man vielleicht nicht doch zwei Löffel einsetzen sollte, statt sich um das Leck zu kümmern. Aber ein zweiter Löffel sicherte die Aufmerksamkeit der Chefs, da sie hier mitdiskutieren konnten. Es war ein offenes Geheimnis, daß Stübis Karriereplanung auf höhere Ämter abzielte.

Endlich wieder mal ein Mord. Kägi, Leutnant der Ermittlung, streckte zufrieden den Rücken durch. Ein richtiger. Kein Ehedrama mit Todesfolge. Ehedramen starteten bei der Besprechung der Einladungsliste für die Hochzeit, erhitzten beim Thema Kindererziehung, mündeten in der Forcierung seiner beruflichen Karriere, spielten sich zur Vernachlässigung von Frau und Familie hoch und endeten in Seitensprüngen. Die Konsequenz war entweder die Scheidung oder die Ermordung. Wobei, davon war Kägi zutiefst überzeugt, Mord die humanere Variante war. Ehemorde waren keine Herausforderung für einen geschulten Kriminaler, zumal die Täterinnen und Täter in der Regel unverschämt geständig waren. Ehemorde zählten nicht. Ehemorde waren wie Eigentore der gegnerischen Mannschaft – man konnte sich nicht richtig darüber freuen.

Bei der Zürcher Kantonspolizei war es abwechslungsreicher gewesen. Da Morde im Milieu, dort wegen Bandenkonflikten, mal Morde im Bankensektor und als Zückerchen rechtsradikal motivierte Tötungen.

Dann kamen diese Idioten von der Beraterfirma Schwäri & Partner mit Sitz in Nidwalden. Ohne Ahnung von Polizeiarbeit krempelten sie die Organisation der Zürcher Kantonspolizei um. Beraterfirmen sind der fürstlich bezahlte Prügelknabe, der für harte Personalentscheide vorgeschoben wurde. Das ermöglichte dem Entscheidungsträger, seine eigenen Hände wie dato Pilatus in Unschuld zu tunken und davon zu spinnen, den Betroffenen einen abgesicherten, sozialverträglichen Abgang in Aussicht zu stellen.

Die Kerle von Schwäri & Partner mit den locker gebundenen Krawatten führten neue, angeblich wissenschaftsbasierte Methoden ein. Bei näherer Betrachtung zeigten diese keinerlei Unterschiede zu okkulter Scharlatanerie oder den Muotathaler Wetterpropheten. Als Leutnant der Ermittlung hielt er es für seine Pflicht, den zuständigen Regierungsrat darauf hinzuweisen, daß die neuen Methoden unter dem Strich die Aufklärungsquote herabsetzen würden. Die Berater blieben, er nicht. Am Ende war er froh, wenigstens zur Kriminalabteilung der Kantonspolizei im Nachbarkanton wechseln zu können, wo man Erfahrung noch schätzte und wo zu wenig Geld vorhanden war, um Berater zu engagieren. Aber für einen Kriminaler wie ihn war es ein sterbenslangweiliger Kanton.

Endlich wieder ein Mord.

Kägi blickte sich im mondänen Salon um. Hofers Salon erinnerte stark an Hollywood-Filme aus den Fünfzigern und den Sechzigern.

Die wuchtige Bücherwand aus dunkelbraun gebeizter Eiche, der offene Kamin und vier behäbige Sessel aus Leder und Kirschholz im übelsten Vintage-Stil. Dazwischen kauerte ein fast erschreckt wirkender, niedriger Tisch mit Glasplatte. Der Boden war mit einem dicken Perserteppich bedeckt und die Wände waren in dezentem, dunklem Grün gestrichen. Die Ausstattung konnte die ursprüngliche Herkunft des Hausherrn aus einfachem Haus nicht kaschieren. Der Salon wirkte protzig und wenig stilvoll. Räume wie dieser, dachte Kägi, grenzten die Neureichen vom richtigen Geldadel ab.