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Dass die Ehefrau bei ihrem Gatten oft nur auf mäßig ausgeprägte Begeisterung trifft, wenn es ums Shoppen geht, hat tief verwurzelte Gründe. Die vorliegende Feldstudie brilliert neben unumstößlichen Fakten mit mannigfaltigen Erfahrungsberichten und dürfte der Grundstein für eine neue wissenschaftliche Fachrichtung darstellen. In schmerzhaften Selbstversuchen erkundete der Autor die dunklen Abgründe, die sich in der Seele des Ehegatten auftun, wenn er der heimischen Komfortzone entrissen und in Konsumtempel aller Art verschleppt wird. Die Leserin / Der Leser wird zusätzlich zu den wissenschaftlichen Schlussfolgerungen mit erschütternden Erlebnisberichten, welche präzis erarbeitete Fakten erhärten, konfrontiert und sorgsam zur Erleuchtung und zum Verstehen geführt. Der Autor ersparte sich nichts und behandelt neben dem Wocheneinkauf, der sich aus Sicht vieler Gatten bereits an der Grenze des Zumutbaren bewegt, auch Situationen in Fach- oder Jahrmärkten. Der Leserin / Dem Leser sei ans Herz gelegt die Schrift ausschließlich in abschließbaren Kammern zu lesen und das Dokument auch sonst verantwortungsvoll dem Zugriff Minderjähriger, also Menschen unter vierzig, zu entziehen.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Hermann Christen
Shoppingalarm
warum Männer Shoppen hassen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Shoppingalarm - Grundsätzliches
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Danksagung
Impressum neobooks
Shoppingalarm
Warum Männer shoppen hassen
Eine Feldstudie
von
Hermann Christen
Impressum
Texte: © Copyright by Hermann ChristenUmschlag: © Copyright by
www.fiverr.com/quickcartoon/
Es geht das Gerücht, dass Männer, wenn es ums Einkaufen geht, eine äußerst geringe Frusttoleranz haben.
Das Gerücht ist wahr.
'Shopping und Mann' sind wie Windows auf Apple.
Verharmlosende Bezeichnungen wie 'Konsumerlebnis', 'genüsslich flanieren' oder 'nur mal gucken' schleudert sein Alarmsystem in den Modus panikerfüllter Hektik. Irreleitende Adjektive wie 'schnell', 'kurz', 'notwendig' oder gar 'spaßig' entlarvt er als hinterhältigen Sirenengesang, dem es sich zu entziehen gilt.
Ich bin keine Ausnahme.
Nicht dass ich nicht wollte, ehrlich. Ich habe Bäume umarmt, mir handwarme Kraftsteine aus dem Alpstein auf Brust und Bauch gelegt, schnüffelte an psychoaktiven, wild gewachsenen Heilpflanzen, ordnete meine inneren Schwingungen mit Bioresonanzsitzungen, optimierte meine innere Widerstandskraft mit Akkupunktur und Ayurweda und las mich durch die gängigsten Werke zum Thema Dämonenaustreibung.
All das, um eine, wie meine Frau meint, gesündere Einstellung zum Shoppen zu erlangen.
Ergebnislos!
Noch heute springen bei mir bei Shoppingalarm Abwehrreflexe an, gegen die ich nicht ankomme. Ich müsste es, geläutert und lebenserfahren wie ich bin, mittlerweile besser wissen. Aber es ist wie beim Kugelbahnspiel, bei dem die Kugel unbeirrt stets dieselbe Bahn durchläuft. Es bringt nichts, sich dagegen zu sträuben. Eher gelingt es, beim Niesen die Augen offen zu lassen.
Meine fadenscheinigen Ausflüchte weiß sie stets trefflich zu kontern und erweist sich mein Abwehrverhalten mal als besonders hartnäckig knackt sie dieses Bollwerk mit der erfolgreichsten aller Killeraussagen: "Aber du hast es mir versprochen..."
An diesem Punkt nicht einzulenken ist dumm. Ich weiß mittlerweile, dass mein Auflehnen, und sei es noch so wohlfeil begründet, nicht fruchtet, weil Aufforderungen dieser Art die Aussetzung von völkerrechtlich verbürgten Menschenrechten beinhalten.
Was bleibt ist, sich zähneknirschend aufwühlenden inneren Dialogen auszusetzen und sich zum Aufbruch bereit zu machen.
Während ich die Schuhe schnüre tröste ich mich mit meinem fetter werdenden 'Selig-seid-ihr-wenn-man-euch-schmäht-und-verfolgt'-Punktekonto, welches, wenn ich dereinst an der Himmelpforte Einlass begehrend anklopfe, Petrus schwer beeindrucken und mein Zulassungsprozedere beschleunigen wird.
Lange dachte ich, es liegt an mir, irgendeinem Gendefekt, der sich durch die Linie meiner männlichen Vorfahren gemogelt hat. Doch Gespräche mit verehelichten Altersgenossen belegten, dass ich kein Einzelfall, sondern biederer Durchschnitt bin. Es würde große Fußballstadien füllen, wenn sich die Leidtragenden meiner Region zu einem Selbsthilfeseminar zusammenrotteten.
Diese Tatsache befeuerte meinen wissenschaftlichen Eifer. Ich prüfte, analysierte und verwarf eine Vielzahl möglicher Ursachen. Doch wie ich es auch drehte und wendete, ich landete stets bei Actio (ihre Aufforderung) gleich Reactio (sein Widerstreben).
In der Physik ist Reactio dank messbarer Kenngrößen punktgenau kalkulierbar und steht in nachvollziehbarem Zusammenhang zu Actio.
Im Einkaufserlebnisfall sind die Kenngrößen zur Berechnung von Reactio im sogenannten Empörungsfaktor (Ef) zusammengefasst, welcher naturgemäß grösser als 1 ist, womit bereits die entscheidende Unschärfe zur Formel aus der Physik zu Tage tritt.
Bei der Berechnung 'Actio multipliziert mit Ef gleich Reactio' müsste der Wert von Reactio gemäß Adam Riese grösser als Actio sein, doch wirft das Shopping-Unschärfe-Paradoxon der Kalkulation ungeahnte Knüppel zwischen die Beine, weil aller mathematischen Logik zum Trotz Reactio stets von Actio übertroffen wird.
Wenngleich unwirksam werfe ich einen vertiefenden Blick auf den Empörungsfaktor. Dieser ergibt sich aus den Kenngrößen Dringlichkeit, Branche, Verkäuferverhalten, Blamierungsquotient, Belästigungsmaß und Ursache-Wirkungs-Wechselverhältnis.
Was steckt hinter diesen Kenngrößen?
Die Dringlichkeit benennt die Notwendigkeit des Einkaufvorhabens. Aus seiner Sicht ist Notwendigkeit stets überbewertet und dümpelt um Null herum. Mit Ausnahme des Wocheneinkaufs vielleicht, wo er eine theoretische Restbefugnis zu haben glaubt, die er in Bier, Chips und was-für-auf-den-Grill umsetzen könnte.
Je nach Branche reagiert der Ehemann zwischen Totalverweigerung und zähneknirschender Zustimmung.
Oft, aber nicht zwingend verknüpft mit der Branche ist das Verkäuferverhalten. Dieses kommt in den Qualitäten Kundenverachtung, Kundenwahrnehmung über Kundenkontakt bis hin zur totalen Kundenbeflissenheit vor.
Der Blamierungsquotient beschreibt die Wahrscheinlichkeit, dass er öffentlicher Schande ausgesetzt wird. Hohe Blamierungsquotienten erreichen Kleiderkäufe aller Art, wobei Hosenkauf in seiner Rangliste des Grauens nur knapp vor der Verschleppung in die Dessous-Abteilung steht.
Das Belästigungsmaß bewertet, wie unendlich-unpassend ihm die angekündigte Tour gerade ist, verhindert sie doch beispielsweise die seit dem letztjährigen Spätsommer geplante Fahrt in die Autowaschanlage oder vermasselt den erfolgreichen Abschluss der eben stattfindenden auf-die-Straße-runterschauen-und-einfach-nur-gucken Performance. Belästigungsmasse im kritischen Bereich können durchaus zu ernstem Zerwürfnis von langjährigen Partnerschaften führen.
Während das Ursache-Wirkungs-Wechselverhältnis beim Wocheneinkauf dem Mann noch einigermaßen plausibel dargestellt werden kann – 'Kühlschrank leer – muss gefüllt werden' – sieht er zur Neubestückung seiner Kleiderschrankhälfte keinen Anlass. Dass seine Hosen nur noch gewaltsam, oft in schweißtreibender Teamarbeit, geschlossen werden können, kontert er mit dem Hinweis auf die Diät, die er montags oder so starten wird. Irgendwo zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich zum Beispiel die Beschaffung neuer Schuhe. Aber schon hier braucht es ihre ausgefeilte Überredungskunst seinen festgefahrenen Glauben zu beugen, dass wasserdichte Sohlen und fußstabilisierende Passform höher zu gewichten sind als die Tatsache, dass er und die Schuhe seit Jahren beste Freunde sind.
Groß angelegte Umfragen zeigen, dass der Empörungsfaktor auf mehr als 90 Prozent aller Ehemänner anwendbar ist.
Natürlich könnte ich die Tatsachen und die Schlussfolgerung aus dem Actio-Reactio-Prinzip einfach akzeptieren, könnte mich als einen vom Geist Berührten rühmen, doch bleibt dieser stachelige Rest von nervender Unzufriedenheit, dem lästigen Essensrest zwischen den Zähnen ähnlich, der mich aufwühlte.
Ich wollte das Warum ergründen. Fortan notierte ich meine Beobachtungen und analysierte diese. Zahllose Stunden wälzend im Bett, bei Meetings abwesend wirkend, familieninterne Botschaften überhörend oder in Radarfallen tappend, dominierte mich das Thema Tag und Nacht. Kurz, ich übte mich in von wissenschaftlicher Neugier getriebener Selbstzerfleischung, deren Maß jeden Opus Dei Anhänger vor Neid hätte erblassen lassen.
Manchmal glaubte ich, ich hab's, erlebte berauschende Heureka-Momente, um gleich wieder ins bodenlose Nichts zurückzufallen. Ich saß fest wie Tom Hanks in Cast Away.
Naheliegend schien, dass weil der Mann darauf konditioniert ist, nächtelang das Mammut zu hetzen, um es schließlich mit siegestrunkenem Geschrei heldengleich mit Speeren aus heimischer Nutzpflanzung über die Klippe zu stoßen, für langweiligen Shoppingkram keine Begeisterung entwickeln kann.
Einen anderen glaubhaften Ansatz bot auch die unterschiedliche Erziehung von Mädchen und Knaben, weiß ich doch, dass Erziehung ein anderes Wort für gesellschaftlich akzeptierte Irreführung von Kindern ist.
So attraktiv die beiden Theorien auch schienen, sie waren leicht widerlegbar.
Männer können auch gut mit Sammeln. Leere Bierflaschen im Keller, ausgequetschte Duschmitteldosen in der überfüllten Seifenschale. Ich kenne Kerle, die Ferientage beziehen, von St. Gallen nach Zürich fahren, um einer Tauschbörse für Paninibildchen beizuwohnen. Selbstredend ausschließlich zum Wohle des Sohnes, damit dieser in der Schule, nur weil ihm der Mehmedi oder der Shaqiri noch fehlen, nicht gemobbt wird.
Andersrum ist der Frau die Jagd nicht unbekannt. Steinzeitmänner mit blutverschmiertem Kinn auf dem Mammutherz herumkauend würden sich in windendes Gewürm verwandeln, bekämen sie eine Frau auf Schnäppchenjagd oder am Wühltisch zu Gesicht.
Und wäre die Erziehung die Ursache, müssten sich nicht überbrückbare Abgründe zwischen meiner und der jungen Generation auftun. Wir wurden damals zum Fußballspielen, Scheiben einschmeißen, Nielen rauchen und helmfrei Velofahren angehalten. Reflektion, Abwägen und Auswählen konnten wir noch nicht mal buchstabieren und weinen war weibisch.
Wir wussten, dass Eltern nie mit uns spielen würden und nebenschulische Kurse gab's nur für Secondos, die Deutsch nachbüffeln mussten. Es hieß stets 'selbst ist der Mann' und Fragen beim Hausaufgabenmachen wurden stets mit einem abschätzigen Lächeln und der Bemerkung 'also, wenn du das nicht weißt…' abgeblockt.
Die Männer der jungen Generation dürften demnach keine Berührungsängste zum Shoppen haben. Gewaltfreie Erziehung, 'du-darfst-weinen-mein-Sohn', vitaminreiche Ernährung, fürsorgliche fast an Stalking grenzende Elternbegleitung bei sämtlichen in- und outdoor-Aktivitäten, eng gestaffelte und durchgetaktete Planung der Freizeit müssten einen positiven Einfluss auf deren Beziehung zum Shoppen haben.
Ich gebe zu, dass ich die Erziehungstheorie lange favorisierte, bemerkte ich während meinen Feldbeobachtungen junge Pärchen, wo sich der männliche Part geradezu glücksbeseelt einbrachte.
Dann offenbarte sich mein Denkfehler: ich erinnerte mich, dass das bei meiner Frau und mir ganz am Anfang genauso war. Das vorauseilende, positive Verhalten im Kaufhaus ist nicht der Erziehung, sondern wallender Biochemie zuzuschreiben. Das ist vorbei, wenn das erste Kind da ist.
Ich schlussfolgerte, dass, wenn es nichts von außen ist, beim Mann wohl was grundsätzlich daneben liegt. Etwas, worin sich Frau und Mann unabdingbar unterscheiden.
Und ich fand's heraus!
Im letzten menschlichen Chromosomenpaar haben die Frauen X-X, wir Männer nur X-Y. Ich halte jede Wette, dass auf dem winzigen Rest, der dem 'Y' zum 'X' fehlt, all diese Gene hocken, die Shoppen erträglich machen. Außerdem verorte ich auf diesem Bruchstück auch die Gene für Wäsche machen, die Freude am Staubsaugen und den Klodeckel nach dem Spülen runterklappen.
Mit dieser Erkenntnis kann ich leben. Die Ursache für meine Konsumverweigerung liegt außerhalb meines Einflussbereiches.
Aber ich kann dazu beitragen, den Millionen von Leidensgenossen da draußen die Sache zu vereinfachen. So lege ich meine Beobachtungen offen und ergänze sie mit berührenden Feldnotizen.
Noch einige kurze, abschließende Bemerkungen zur Beziehung zwischen Empörungsfaktor und der Branche, respektive der Eintrittswahrscheinlichkeit einer Shoppingtour:
Bei der Kategorie 'Wocheneinkauf' fällt es ihr relativ leicht, den Gatten aus dem Sofa zu lotsen. Sie muss sich jedoch gewahr sein, dass der Begleiter an ihrer Seite keinesfalls glückshormondurchströmt dahinschreitet.
Einkaufserlebnisse der Kategorie 'Fachmärkte' stuft er grundsätzlich in die Levels Fegefeuer, Vor- und Haupthölle ein.
Neutral verhält er sich bei Veranstaltungen der Kategorie 'periodische Märkte'. Periodische Märkte gehören zum Jahresablauf wie die Jahreszeiten und können vorgeplant werden.
'unser täglich Brot…' – der Wocheneinkauf
Wocheneinkäufe sind unabdingbar, da Wilderei und nächtliches Ernten in Nachbars Garten bei kleingeistiger Auslegung in Strafanzeigen münden. Darum ist der Wocheneinkauf das Mittel der Wahl zur Arterhaltung.
Der Zeitaufwand für Wocheneinkäufe überflügelt punkto Ehemann-Vereinnahmung alle anderen Kauferlebniskategorien bei Weitem. Als hochgetaktetes, wiederkehrendes Ereignis eignet er sich besonders, um das Zusammenspiel der Hauptdarsteller zu studieren.
Aus diesem Grund werden in Teil 1 'der Wocheneinkauf' auch typische Verhaltensmuster von ihr und ihm beschrieben und ausgeleuchtet.
Erste tiefschürfende Einblicke bietet der Wocheneinkauf bereits im Eingangsbereich, dem Forum, wo erleichterte, frohgemut dem Ausgang zustrebende Ehemänner auf ihre fahlgesichtigen Artgenossen stoßen, die den Gang zwecks allwöchentlicher Begnadigung noch vor sich haben.
Im Forum befinden sich meistens ein Kiosk für Kleinsteinkäufe aller Art und der ausladende, meist unbesetzte Infoschalter. Dem Infoschalter angegliedert ist die unvermeidbare ihre-Meinung-ist-uns-wichtig-Box. Die ansprechende Gestaltung und Farbigkeit dieser Urnen sind Sarkophagen nachempfunden was stimmig ist, da diese Behältnisse nichts anderes als Särge für gute und gutgemeinte Ideen sind.
Das Forum bietet ihm die letzte Gelegenheit, sich mit anderen geehelichten Frondienstlern auszutauschen, was leider oft in reine Zeitverschwendung ausufert.
Dazu fällt mir spontan Karl ein. Karl überspielte seine Unsicherheit, welche der kurzzeitigen Abnabelung von seinem getunten SUV zuzuschreiben war, mit Münchhausiaden, haltlosen Fantastereien, gegen welche die fettgedruckten Artikel im Blick wie wissenschaftliche Arbeiten wirken.
Er behauptete, dass er die Gemüseabteilung in drei Minuten schafft. Eine Unmöglichkeit! Ausgerechnet die Frischgemüseabteilung, wo Angestellte mit überbreiten, quergestellten Rollis pausenlos wurffestes Obst und Gemüse in die Auslagekisten schmeißen und wo die Kundschaft, die hier scheinbar festen Wohnsitz hat, keinen Fingerbreit weicht. Nein, die Gemüseabteilung ist niemals in drei Minuten zu schaffen, selbst wenn man leidenschaftlicher Fleischfresser oder militanter Anhänger der Steinzeitdiät ist oder die Gemüseauslagen nur passiert, um schnell zur Papeterieabteilung zu gelangen. Drei Minuten schaffst du nicht mal nach Ladenschluss.
Da bin ich schon eher bei Thomas, der mir mal heimlich und hastig, fahrig nach allen Seiten blickend, hinter dem Gestell für Hunde- und Katzenfutter zusteckte, dass er oft befürchtet, dass die Milchprodukte im Einkaufswagen abgelaufen sind, bevor seine Frau aus der Gemüseabteilung rauskommt.
Aber das Problem mit Karl hat sich erledigt seit Judith ihn rauswarf und seine Neue dienstags einkauft.
Tätigt man den Wocheneinkauf immer im gleichen Zeitraum, trifft man stets dieselben Leute. Herr – ich weiß nicht wie er heißt – der Alte eben mit der fleckigen Schirmmütze und dem abweisenden, von vierzig Jahren Sozialanträge-Ablehnen und Ausschaffungsanträge-Ausstellen geformtem ich-erwarte-nichts-mehr-von-meinem-Leben-Beamtenblick.
Konrad und Anita mit ihrer dreißig jährigen, behinderten Tochter, die immer gute Laune hat und irgendwie Sonnenschein reinbringt, auch wenn es draußen regnet.
Frau Sturzenegger an der Kasse, die trotz unmenschlich erhöhter, managementbestimmter Durchschleusquote, die Zeit findet, dem zittrigen Herrn Heinrich, der immer mit den Dritten im Mund rummacht, geduldig beim Einpacken zu helfen.
Di Domenicos, die wie immer untergehakt und lächelnd nach Aktionen und Sonderangeboten schauen, damit sie mit ihrer Rente über den Monat kommen.
Brettschneider, der lokale Populist, der jetzt selber einkaufen muss, weil seine illegal beschäftigte Hauspflegerin aus der Ukraine wahrscheinlich von 'ich weiß nicht, wie er heißt' ausgeschafft wurde.
Die schwatzhafte Frau Grünenfelder, der sogar meine Frau aus dem Weg geht. Richtig, ich meine DIE Frau Grünenfelder, die den Laktoseintoleranz-Rekord hält, weil sie schon beim Anblick von Milchglasscheiben Durchfall bekommt.
Da eilt hastig der Musiker ohne Namen, der sich in seiner knapp bemessenen Zeit zwischen Aufstehen und abendlichen Auftritt noch mit Alkohol eindeckt.
Den etwas ins Alter gekommenen, goldkettenbehängten Macho mit Schmerbauch über den sich ein ärmelloses T-Shirt spannt und seinen nach hinten geölten Haaren, der morgens beim Blick in den Spiegel immer noch den David Hasselhoff aus Bay Watch sieht.
Oder der sechzigjährige Pseudointellektuelle, der jedes Mal mit ganz vorne auf der Nase platzierter Halbschalenbrille Inhaltsstoffe studiert und am Ende immer dasselbe in den Wagen packt.
Baumanns, die oft die Enkel übers Wochenende hüten, damit deren Eltern in einem weiteren Selbstverwirklichungsseminar die innere Mitte finden können. Baumanns scheinen davon überzeugt zu sein, dass Lena-Cynthia und Luca Noël unterzuckert sind und mit Süßigkeiten aufgepäppelt werden müssen.
Hinter dem Forum beginnt die Herausforderung.
Feldnotiz 'Wocheneinkauf'
Ich bin überzeugt, dass die körperliche Beschaffenheit des Mannes nicht für die Tätigkeit des Einkaufens geeignet ist: zwei Schritte gehen – stehen bleiben – zwei Schritte gehen – stehen bleiben!
Solch nicht zielgerichtetes Gebaren mag notfalls noch tolerierbar sein, wenn man sich in der johlenden, prä-alkoholisierten Meute befindet, die zum Fußballspitzenspiel ins Stadion drängt. Dort stimmen die Begleitumstände: frische Luft, fröhliche Menschen, freudige Erwartungshaltung. Beim Einkauf ist nichts von alledem vorhanden.
Zwei Schritte gehen – stehen bleiben. Die Hände immer schön am Einkaufswagen, dem Rollator der gequälten, männlichen mid-age Generation. Zwei Schritte gehen – stehen bleiben.
Ich schaue mich um. Ich hoffe nur, dass ich nicht auch so ein schäbiges Bild von sinnentleerter Gefolgschaft abgebe wie die anderen Kerle hier drin. Ich versuche zu Lächeln, mentale Stärke zu zeigen.
Wo ist meine Frau jetzt wieder? Gewohnheitsmäßig wende ich den Wagen – erfahrungsgemäß mindestens drei Regale zurück. Wahrscheinlich liegt der Einkaufszettel zu Hause in der Küche. Ich finde sie im übernächsten Gang – da waren wir doch schon – vor dem Kaffeeregal. Sie trinkt keinen Kaffee.
"Welchen willst du?"
"Den gleichen wie immer", brumme ich.
"Den gibt's hier aber nicht…"
Sie stellt die Tüten zurück und eilt zur Gemüseabteilung. Ich hinterher. Gemüseabteilung: sehr eng – viel Verkehr: eine Herausforderung an meine lenkerischen Fähigkeiten. Übungshalber fahr ich eine Runde um die Auslagen – und noch eine. Ein Blick zu meiner Frau: sie hat den Einkaufszettel wirklich zuhause gelassen!
"Soll ich mal Litschis mitnehmen?"
Keine Ahnung, wie Litschis schmecken. Ich seufze.
"Heißt das ja?"
Ich schüttle den Kopf und nehme die nächste Runde in Angriff. Ein schlecht rasierter Jungvater mit Augenringen und quengelnden Zwillingen im Sitz seines Einkaufwagens schneidet meinen Weg. Ich widerstehe der Versuchung ihn für sein geschicktes Manövrieren zwischen den Auslagen, so dass die Zwillinge nichts zu fassen kriegen, zu bewundern. Dränge ihn zum Kühlregal mit den Kräutern und den Fertigsalaten ab. Ich habe nichts gegen ihn, kenne ihn nicht einmal, aber Ordnungswidrigkeiten müssen geahndet werden!
Bevor er kontern kann, grabscht Zwilling eins eine dieser überteuerten Fix-Fertig-Salat-mit-Sauce Packungen für gestresste Singles und schwingt diese über dem Kopf. Jungvater muss seitlich anhalten und versucht die Packung zurückzuerobern. Zwilling zwei mischt sich schreiend ein und reißt von der anderen Seite an der Verpackung. Jungvater praktiziert mit ruhiger, tiefer Stimme, in der ein Schuss Panik mitschwingt, antiautoritäre Erziehungsmethoden, die zu seiner Überraschung fehlschlagen. Die Packung platzt auf und besudelt Eins, was es mir fortan leichter macht, die beiden zu unterscheiden.
Eins startet durch. Nicht seine Geschmacksrichtung, das Dressing, vermute ich. Kann ich verstehen, denn wer mag schon Salatsauce auf Mango-Preiselbeerbasis mit kaltgepresstem Walnussöl. Zwei zieht unverzüglich mit. Da muss Jungvater noch gewaltig an der optimalen Ritalindosis arbeiten. Auf jeden Fall ist er definitiv raus. Ich wünsche ihm, dass meine kleine Demonstration ihm hilft, sich in der Hackordnung hier drin korrekt einzuordnen.
Meine Frau packt Bananen und Äpfel, Broccoli und Lauch in den Wagen.
"Du nützt mir nichts, wenn du nur rumfährst."
Da bin ich ausnahmsweise ihrer Meinung. Warum nur führt sie diesen großartigen Gedankenansatz nicht zum logischen Ende? Diese fast göttliche Eingebung nicht konsequent zu Ende denken ist genauso, wie sich beim olympischen Marathonlauf als krasser Außenseiter knapp in Führung liegend fünf Meter vor dem Ziel auf den Boden zu legen, um für den Rest des Rennens Kraft zu schöpfen.
Wenigstens hat sie keine Litschis gekauft. Ein lautes Gezänke in meinem Rücken lenkt mich ab. Eine Frau zetert mit Jungvater, zeigt vorwurfsvoll auf Eins, wo Salat und Sauce auf Haar, Jacke und Hose verteilt sind. Der Anblick erinnert entfernt an ein Van Gogh Bild.
Meine Frau zieht am Wagen. Ich hasse das. Irgendwie fühle ich mich dann fremdgesteuert. Da sie unbeirrt weiterhin zieht muss ich nachgeben und verliere unwillig das erheiternde Ereignis in der Gemüseabteilung aus dem Blick.
Milch, Käse, Joghurt: aus unerfindlichen Gründen ist die Milchprodukteabteilung in allen Einkaufszentren die Speedstrecke. Keine Hindernisse, kaum Verkehr. Wäre ich Milch, ich wäre deprimiert! Alle scheinen es eilig zu haben, so schnell wie möglich wieder von hier weg zu kommen. Wäre ich Milch, ich würde Tomaten hassen! Diese roten Saftbeutel werden zärtlich berührt, sanft gedrückt, wohlwollend beschnüffelt. Mein ausgleichender, katholisch geprägter Gerechtigkeitssinn erwacht. Ich nehme eine Bio-Milchpackung, wiege sie im Arm, streichle sie.
"Was soll das jetzt wieder?"
Meine Frau ist irritiert und ich lege die Packung errötend zurück. Der Wagen ist mittlerweile fast voll.
"Haben wir noch Nudeln?"
Woher soll ich wissen, ob wir noch Nudeln haben? Ich weiß nicht einmal genau, wo sie zu Hause gelagert sind. Zur Sicherheit werden noch zwei Säcke Nudeln eingepackt.
Non-Food: das ist die Reha-Abteilung für das aufgewühlte, einkaufsgeschädigte Seelenkostüm der männlichen Eskorte, die Reinkarnation des "ich – bin!" das wiederaufblühende Karma des Seins. Ich glaube, die Non-Food Abteilung war der genialste Einfall der Einkaufsverhaltensforscher. In dieser Abteilung besteht das Sortiment aus Artikeln, die den Mann ansprechen, die er verstehen kann. Oder zumindest vorgeben kann, sie zu verstehen.
"Hast du die 8Gig Flash Card schon gesehen?", rufe ich meiner Frau zu.
Sie winkt ab, hat wahrscheinlich keine Ahnung, was eine 8Gig Flash Card ist. Ich auch nicht. Irgend so ein kleines Ding, das man irgendwo reinstecken kann.
