Die Endzeitpropheten - Hermann Christen - E-Book

Die Endzeitpropheten E-Book

Hermann Christen

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Beschreibung

Nach der großen Säuberung auf der Erde hat Technik nur in der lunaren Kolonie überlebt. Die regierenden Väter unterbinden durch das Überwachungs-Kommando ÜKo, dass kreative Gedanken bei den Kolonisten unkontrollierbare Wege einschlagen, weil sie darin die Ursache für den Kollaps der irdischen Zivi-lisation sehen. Claudius Becker, Professor für Prähistorik, entdeckt bei seinen Nachforschun-gen den Verbleib des verschollenen Evangeliums. Becker glaubt daran, dass dank des Evangeliums die Macht der Väter gebrochen werden kann. Steve Globe und Beckers Glaubensbrüder machen sich auf, das wertvolle Buch zu finden. Die ÜKo schöpft Verdacht und setzt alle Mittel ein, um den Erfolg der Expedition zu verhindern.

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Hermann Christen

Die Endzeitpropheten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Becker

Steve

Hirsch

Prähistorik

Das verschollene Evangelium

Der Auftrag

Transfer

An Bord

Mannini

Die Abtei

Valencia

Entwischt

Auf See

Spurensuche

Heiliges Land

Verhöre

Roland

Der Vatikan

Sondierungen

Die Archive

Bruderstreit

die Ewige Stadt

in den Ruinen

Das Ziel

Der Fund

Zugriff

Entscheid

Epilog

Impressum neobooks

Becker

Der gute, alte Al.

Becker hatte ihn nie zu den großen Endzeitpropheten gezählt. Eher zu den emsigen Mitläufern, die geschickt die Welle mitritten. Einer wie Al konnte der ersten Garde nicht das Wasser reichen. Den Vordenkern wie Buckminster Forrester, Aurelio Peccei, Norbert Wiener oder dem Ehepaar Meadows, die alle vor der Apokalypse gewarnt hatten. Heldenhaft ertrugen sie die Schmach, verspottet statt verehrt zu werden. Doch Gott war barmherzig und ließ sie allesamt vor der Großen Säuberung eines natürlichen Todes zu sterben.

Al dagegen spielte in der regionalen Liga. Zusammen mit Erich von Däniken, Jared Diamond, Ulrich Beck oder Enriquo Quarantelli. Becker nannte ihn und seine Kumpane liebevoll 'die kleinen Prediger'. Nett aber trotzdem nur schmückendes Beiwerk, welches die Größe der Großen betonte. Die Geschichte war voll mit Figuren wie den kleinen Predigern. Oder wer erinnert sich an Thaddäus, wenn man nach Jesus' Apostel gefragt wurde? Auf Typen wie Thaddäus kommt man erst, wenn man in den Unterlagen nachblättert oder ein Experte ist, der sonst nichts Gescheiteres zu tun hat.

Und doch war es Al vergönnt, das verschollene Evangelium zu offenbaren. Ihm war es vergönnt, das Tor aufzustoßen. Das Tor, das zu knacken Becker beinahe zur Verzweiflung getrieben hatte.

"Al, du alter Fuchs", murmelte Becker, fuhr mit der Zungenspitze gedankenverloren über die trockenen Lippen und betrachtete die historische Aufnahme, die Al Gore während einer Rede zeigte. Darauf hielt er das verschollene Evangelium hoch und tippte mit dem Zeigefinger der linken Hand auf den Umschlag des Buches.

Erst vor ein paar Wochen hatte Becker neues Material von der Erde erhalten, welches ein frommer Prospektor geborgen hatte. Unter hunderten von Bücherscans, Fotos und Videos verbarg sich der Beweis, dass das verschollene Evangelium kein Mythos war. Endlich hatte er den Beleg, dass der Heilige Kevin und seine Nachfolger ihre Lehre nicht auf Treibsand, sondern auf soliden Fels gebaut hatten. Das Bild bewies, dass er sein Leben und Forschen nicht an ein Phantom verschwendet hatte.

"Dem Mann gebührt ein Kardinalstitel", flüsterte Becker ergriffen.

Blieb nur der Wermutstropfen, dass der Beweis nicht aufgrund seiner wissenschaftlichen Arbeit, sondern durch einen Zufall zu Tage trat. Doch Becker war in gönnerischer Stimmung und bereit, nebensächliche Kleinigkeiten zu ignorieren. Nur Idioten stellten die eigenen Triumphe selbst in Frage. Und das hier war ein Triumph, sein Triumph, der den Kleingeistern der Kirche, die ihm vorwarfen, Zeit zu verschwenden und nicht an der Lösung der Probleme mitzuarbeiten, den hämischen Spott im Hals stecken ließ. Das verschollene Evangelium WAR die Lösung.

Glück flutete durch die Adern seines Körpers. Er lehnte sich zurück. Alle Endzeitpropheten zitierten aus dem verschollenen Evangelium, doch es schien unfassbar wie Nebel. Eine verführerische Melodie, von der man nicht mehr wusste, wo man sie gehört hatte, aber nicht aus dem Kopf kriegte.

Heerscharen von Gelehrten und Abenteurern hatten es gesucht und waren gescheitert. Es war, als ob Gott die Beharrlichkeit und den Glauben seiner Gemeinden auf die Probe stellte. Viele zerbrachen an dieser Prüfung. Sie fielen von der Hoffnung ab und quiekten im grösser werdenden Chor der Ehrlosen mit, welcher die Existenz des Evangeliums leugnete. Sie vergaßen, dass die Botschaft des verschollenen Evangeliums die Basis für die Lehre des Heiligen Kevin, dem Retter der Kirche, war. Sie waren blind für ihre eigene, doppelzüngige Ketzerei: das verschollene Evangelium in Frage zu stellen hieß, Kevin in Frage zu stellen.

Sie hielten das verschollene Evangelium für eine Sage, einen zauberhaften, verlockend riechenden Hauch aus der Vergangenheit. Ein Märchen, um den Kindern die Ziele der Kirche zu beschreiben.

Allmählich ebbte Beckers Euphorie ab. Die Wände seines Arbeitszimmers nahmen wieder die langweilige, triste Farbe an, mit der alle Räume der lunaren Universität gestrichen waren. Die Farbe des Schöpferkraftzerfalls, die Farbe der bürokratischen Strangulation, welcher die Kolonie aushöhlte und die Lebenskraft aus den Kolonisten saugte.

Mit dem verschollenen Evangelium würde diese Entwicklung gestoppt werden. Ihm war bewusst, dass seine Aufgabe nicht beendet war, sondern eben erst begann. Der Beweis der Existenz war nichts wert, solange das verschollene Evangelium nicht wieder im Besitz der Kirche war und das Alte Wissen vervollständigte.

Er atmete tief durch. Die Kirche war seit der Großen Säuberung noch nie so nahe dran gewesen, die alte Stärke zurück zu gewinnen. Näher dran als zu den glorreichen Zeiten, als Kevin unter den Kuppeln predigte. Er war sich der Brisanz seiner Entdeckung bewusst. Von einem Augenblick zum anderen katapultierte sie seine Forschung vom Status 'harmloses Hobby eines weltverlorenen Intellektuellen' direkt auf die schwarze Liste der ÜKo.

Sein Blick blieb an den Bohrlöchern in der Rückwand hängen. Als Katholik stand ihm das Privileg zu, privat nicht überwacht zu werden. Ein Gedanke hochachtungsvoller Dankbarkeit an die Brüder, die das den Vätern vor Jahrzehnten abgetrotzt hatten, durchschoss ihn. Er war sicher, dass wenn die Väter erkannten, was er plante, sämtliche Privilegien fallen würden. Das Regime der Kolonie duldete keine Kraft neben sich.

Er streckte seine verspannten Glieder. Für einen Kolonisten war er gedrungen gebaut. Er verstärkte den Eindruck eines körperlich Zurückgebliebenen dadurch, dass er rauchte und Bart trug. Doch bald war die Maskerade nicht mehr notwendig.

Er seufzte erneut vor Wollust. Seine Entdeckung kam genau zur richtigen Zeit. Die Kirche stand vor der Spaltung. Die Zweifler an der Existenz des verschollenen Evangeliums wurden lauter. Wie feige Hunde, die erst aus ihren Löchern krochen, wenn die Gefahr vorüber war. Die Ohnmacht der Kurie beförderte die Ketzerei und provozierte Irrlehren. Zu viele Kardinäle, Bischöfe und Priester gefielen sich in der Rolle des Philosophierens und überboten sich in der Kunst des zielfreien Disputierens. Er verachtete sie und mied die langatmigen, mäandernden Konzile seit Langem.

Bald jedoch würden die Zweifler mundtot und die Gräben in der Kirche geschlossen sein. Er musste mit Bedacht vorgehen. Jahrhundertelanges Verstecken und Ducken vor der Macht der Väter und der ÜKo hatten die Gemeinden zögerlich gemacht. Verrat an der Lehre aus Schwäche oder Dummheit war absehbar. Es lag an ihm und seinen mutigen Erzengeln, die Kirche zu reinigen und die Gläubigen wieder um den Altar zu vereinigen.

Mit wenigen Schritten ging er um das Stehpult herum und setzte sich in den hochlehnigen, hölzernen Stuhl. Er zog die e-Pipe aus der Jackentasche und inhalierte. Er verzog das Gesicht, stellte die Nikotinzufuhr auf die höchste Stufe und dosierte Feinstaub dazu. Husten befreit verstopfte Denkkanäle.

Der Papst musste informiert, eine Expedition organisiert, Zeitpläne und Materiallisten übermittelt werden. Das würde einer seiner Erzengel übernehmen, den er während der Beichte in zwei Tagen instruieren würde.

Er zwang sich zu klaren Gedanken. Es war sicher, dass die Zweifler und Waschweiber nicht klein beigeben würden, wenn er das verschollene Evangelium präsentierte. Menschen waren nach der Großen Säuberung nicht anders, nur weniger zahlreich. Auch in der Kirche positionierten sich selbstsüchtige Egoisten, die bereit waren, das große Ganze für ein paar zweitrangige, persönliche Vorteile zu opfern.

Er brauchte einen unabhängigen Zeugen. Eine Person, die ihn begleitete und der man nicht unterstellen konnte, dem höheren Klerus gefügig zu sein. Es musste ein Kolonist sein, denn Erdlinge selbst hielten Erdlinge für unglaubwürdig.

Er rieb sich am Kinn. Er würde Globe einweihen müssen, ob es ihm gefiel oder nicht. Globe musste überzeugt werden, ihn zur Erde zu begleiten und den unabhängigen Zeugen zu spielen. Und er musste für ihn eine Geschichte präparieren, die unverfänglich war. Globe war ein Plappermaul, der kein Geheimnis für sich behalten konnte. Doch wenn er es geschickt anstellte, wurde aus Globes Charakterzug ein Schutzwall, den die ÜKo nicht durchdringen konnte.

Aber das hatte Zeit. Zuerst musste die Botschaft für den Erzengel formuliert werden.

Steve

Steve rubbelte die Haare trocken. Er war zufrieden, weil das Wasser bis zum Schluss warm blieb. Er hasste es, die Seifenreste kalt abspülen zu müssen, was oft genug vorkam. Die Dusche nach dem Morgenlauf in der 0,5G-Schwerkraftzone war das Ritual, mit dem er den Tag startete. Er lief abseits der erlaubten Strecken, um niemanden zu begegnen. Konversation vor dem zweiten Kaffee grenzte an Okkultismus.

Die Umrisse im vom Dampf beschlagenen Spiegel zeichneten seinen schlanken, hochaufgeschossenen, kräftigen Körper ab. Steve entsprach dem Idealbild des Kolonisten: gute Ausbildung, gesund und er machte sich keine unnötigen Gedanken darüber, was er heute zur Weiterentwicklung der Kolonie beitragen konnte. Für laufende Verbesserungen war Helen, seine Freundin, zuständig. Ihre politische Energie reichte für sie beide.

"Was trödelst du rum?", rief Tino gereizt.

Tino war der aktuelle Zeit-Partner von Eve, seiner Mutter. Der Kerl war in Ordnung, solange er nicht in den hör-mal-junger-Mann-Modus verfiel.

"Was ist?"

"Da schwirrt eine Zustelldrohne vor der Tür."

"Wo ist das Problem?"

"Einschreiben! Für dich."

'Vermutlich Helen', ahnte Steve und verdrehte die Augen.

"Ich komme."

Helen entwickelte sich zu einer Belastung. Dass sie eine Drohne mit einer persönlichen Nachricht schickte, war hinterhältig und zeugte von verwerflichen Charakterzügen, die ihm in diesem Ausmaß bisher nicht bewusst gewesen waren. Er strich mit den Fingern die feuchten Haare in Form, schlüpfte in die Hose, steckte das Telespeak ein und zog ein rotes T-Shirt über den Kopf. Er spürte das Tasten des Telespeaks in seinem Gehirnimplantat und akzeptierte die Verbindung.

"Wurde auch Zeit", maulte Tino, "das Ding da draußen nervt."

"Eine Zustelldrohne macht dich nervös?", lachte Steve.

Tinos Stärke waren Verschwörungstheorien. In dieser Disziplin war er Großmeister und vermutete hinter jeder öffentlichen Dienstleistung einen Komplott der Väter. Vielleicht war das ein Muss für freischaffende Journalisten. Steve tippte jedoch darauf, dass in Tinos Kindheit einiges schiefgelaufen war oder dass falsche Ernährung und Bewegungsarmut schuld daran waren. Vielleicht war auch Saturn ungünstig gestanden, als Tino das Licht der Kolonie erblickte. Tino selber bezeichnete sich als Freigeist, der den Mumm aufbrachte, die Missstände unter den Kuppeln anzusprechen und die Inkompetenz der Regierung an den Pranger zu stellen. Immer, wenn einer seiner Artikel zurückwiesen wurde, tappte er in die selbst gebaute Verschwörungsfalle und behauptete, dass die Ablehnung von oben gesteuert war.

'Die da oben mögen es nicht, wenn einer die richtigen Fragen stellt, Junge.', rechtfertigte er sein Versagen. Steve vermutete, dass Tinos Tiraden nur Ablenkungsmanöver waren, weil er im Job versagte. Er würde sich einen Gefallen machen, einen anderen, einfachen Job zu suchen. Eine monotone Arbeit, die beruhigte und sein Karma in Ordnung brachte. Zum Beispiel die Mondoberfläche entstauben.

Es gab keine Regel der Väter gegen die er nicht opponierte. Erst vor zwei Tagen wetterte er gegen die Implantationspflicht.

"Die kontrollieren uns und wenn es ihnen nicht passt, knipsen sie dich mit dem Implantat ferngesteuert aus."

"Dann wundert es mich", spottete Steve, "dass sie deine Gehirnwindungen noch nicht gekocht haben. Du behauptest doch, dass du der Stachel in ihrem Fleisch bist, der sie daran erinnert, sich zu mäßigen. Aber", fuhr er mit einem Lächeln fort, "du könntest doch Recht haben, denn manchmal habe ich wirklich das Gefühl, von Hirntoten umgeben zu sein."

"Du nimmst das auf die zu leichte Schulter, junger Mann."

"Ich weiß nicht, warum du dich aufregst. Denn selbst wenn sie uns über die Implantate beobachten: es hilft offensichtlich dabei, den Laden hier in Schwung zu halten und zu verhindern, dass sich das Desaster von damals wiederholt."

Alle Videos, die jeder Kolonist seit seiner frühesten Kindheit an kannte, bewiesen, wieviel Glück die Kolonie hatte, nicht im Sog der Großen Säuberung untergegangen zu sein. Statt zu Jammern sollte Tino dankbar sein.

Wenn jemand in diesem Haus zu Klagen Anlass hatte, dann er, dachte Steve. Es war hart, die beiden vermutlich einzigen Vertreter der Kolonie zu kennen, die in der Arbeit der Väter etwas anderes als den Willen, der Kolonie selbstlos zu dienen, sahen. Vielleicht hatte Saturn nicht bei Tino, sondern bei ihm ungünstig gestanden.

"Ihr jungen Leute seid so was von naiv. Glaubst du wirklich, dass Drohnen nur Pakete zustellen? Die haben Zusatzaufgaben. Ich sag's dir. Geheime Aufträge. Diese Dinger sind auf unsere Schwachstellen konditioniert und füttern die Datenbanken der ÜKo. Das kannst du mir glauben."

"Vorgestern waren es noch die Implantate."

"Die auch. Implantate und Drohnen ergänzen sich."

Steve winkte ab und stopfte das Shirt in den Hosenbund. Tino war höchstens zehn Jahre älter und hätte leicht sein seltsam geratener, älterer Bruder sein können, den man besser zu Hause ließ, wenn man mit Freunden feierte. Doch seine Mutter hatte eine Vorliebe für jüngere Männer mit Ödipuskomplex und Hang zu geregelten Essenszeiten. Tino passte perfekt in ihr Beuteschema.

Wenn er richtig lag, erreichte Tino bald sein Verfalldatum. Vielleicht ahnte Tino was ihm blühte und war deshalb besonders unausstehlich. Steve blickte zur Drohne hoch. Ein rotes Signal verlangte nach einem Augenscan.

Es hieß, Augenscans machen blind. Er kannte zwar niemanden, dem das widerfahren war, doch das Gerücht geisterte seit Jahren im Telespeak herum. Genau die Art von verrückter Theorie, die von Tino stammen könnte. Allerdings, dachte Steve, musste was dran sein, wenn es im Telespeak war.

"Mach schon, Memme", murmelte Steve und trat mit aufgerissenen Augen vor. Ein bläuliches Licht waberte über seine Augen. Das Signal an der Frontseite der Drohne wechselte zu grün. Sie schwebte heran und fuhr die Schublade aus. Steve sah einen Briefumschlag und atmete erleichtert auf. Der musste vom Professor sein. Helen würde nie einen Brief auf Papier schreiben.

Helen: sie war lustig und anstrengend zugleich. Sie wollte in die Politik. Politik sei, dozierte sie, der kunstvolle Drahtseilakt zwischen Dienen und Lenken. Politik sei die Matrix, die der Formlosigkeit des freien Willens Halt und Perspektiven schaffe.

Eigentlich passten sie nicht zueinander. Steve langweilte sich, wenn sie über Politik redete. Die gewählten Politiker der Kolonie besaßen ohnehin nur beratende Funktion. Es waren die Väter, die den Kurs bestimmten und die ÜKo, die ihn durchsetzte. Väter amteten auf Lebenszeit und mussten ihre Amtsführung nicht danach ausrichten, wieder gewählt zu werden. Nur so, das lernte jeder in der Schule, waren auch unbequeme Maßnahmen, die den Erhalt der Kolonie sicherten, durchführbar.

Die Regierung sorgte für die Ausbildung, garantierte jedem einen Job und stellte nur ein paar einfache Regeln auf. Wenn man sich nicht, wie Tino, mit dem Regime anlegte, wurde man in Ruhe gelassen. 'Jeder für jeden – alle für die Kolonie' war der Grundsatz, wie die Kolonie funktionierte. Genau gleich wie bei den Musketieren vor langer Zeit.

Nur Soziopaten schimpften gegen Regulierungen. Typen wie Tino und Becker, die nicht müde wurden, bedeutungslose Details aufzubauschen und wilde 'Fakten' darum herum zu basteln. Wären sie wenigstens Alkoholiker, wäre ihr Verhalten therapierbar gewesen. Mit ihren Verschwörungstheorien machten sich die beiden ihr Leben selber schwer.

Steve hingeben genoss das Leben in vollen Zügen und redete sich ein, zu Hause nur nicht auszuziehen, weil er Eve nicht enttäuschen wollte. Helen wollte ihn da herausreißen, sprach von Verantwortungsgefühl und pochte auf einen Zeitvertrag. Das klang nach Entwurzelung. Zeitverträge waren Handschellen.

"Wieder durchgefallen?", frotzelte Tino.

Steve winkte ab. Er klaubte den Umschlag aus der Schublade und bestätigte den Empfang. Die Drohne stieg höher und sauste weg. Steve blickte ihr nach. Gegen die fleckig-gelblich schimmernde Kuppel, welche die Kolonie vor der lebensgefährlichen Umwelt des Mondes schützte, bildeten ihre Umrisse einen scharfen Kontrast.

"Und?"

"Was und?"

"Durchgefallen?"

Steve seufzte. Er hatte Tino schon tausendmal erklärt, dass er sein Bauingenieurdiplom in der Tasche hatte und jetzt in Professor Beckers Institut arbeitete.

"Wahrscheinlich nicht", antwortete er gedankenverloren und drehte den Umschlag unschlüssig in den Händen. Papier! Reine Ressourcenverschwendung! Typisch Professor, der nicht nur geistig in der Welt vor der Großen Säuberung zu Hause war, sondern sich auch so verhielt.

"Was will er jetzt schon wieder", murmelte Steve und drückte einen Kaffee. Er legte den Umschlag neben sich auf den Tisch und schlürfte aus der dampfenden Tasse.

"Willst du nicht wissen, was drinsteht?"

Tino setzte sich Steve gegenüber und knabberte einen Keks. Steve beobachtete angeekelt, wie Krümel an der feuchten Oberlippe kleben blieben. Anblicke, die anwiderten, erscheinen immer wie durch ein Mikroskop vergrößert und liefen in Zeitlupe ab.

"Warum wurde das nicht übers Telespeak geschickt? So wichtig kann es doch nicht sein, wenn es für dich ist."

Tino grinste breit. Steve hoffte, dass seine Mutter einen Tinoersatz heimschleppte, der einen richtigen Job hatte und nicht am Frühstückstisch rumnervte.

"Ist von meinem Professor. Der schickt nie was über Telespeak."

"Der weiß warum!", nickte Tino wissend. Ein Krümel löste sich, klackte auf den Tisch und fiel zu Boden.

"Dein Professor ist clever. Der weiß genau, dass uns die Väter an der Nase herumführen und die fetten Brocken für sich abzweigen."

"Blödsinn."

"Meinst du? Junge, mach die Augen auf! Seit Jahren ist alles gleich, seit Generationen wurde keine neue Kuppel gebaut. Nicht mal Nummer 10 haben sie repariert."

"Der Meteor der damals in Zehn reinkrachte, hat alles zerstört. Da gibt's nichts mehr zu reparieren."

"Du glaubst das Märchen mit dem Meteor? Werd endlich erwachsen. Die ÜKo hat die Kuppel platt gemacht, um den Technikeraufstand nieder zu schlagen."

"Ja, ja. Technikeraufstand. Es war ein Meteor, der vor 50 Jahren einschlug. Hast du die Videos nie gesehen?"

Tino seufzte. Keiner wollte die Wahrheit erkennen. Er wusste aus vertrauenswürdigen Quellen, dass damals eine Revolte der Techniker rücksichtslos niedergeschlagen wurde. Seit damals war die Kolonie nicht mehr in der Lage, alle Systeme sauber zu warten.

Sandgestrahlte Kolonisten wie Steve waren blind für solche Tatsachen. Sie verschlossen ihre Augen und glaubten wie Kleinkinder, dass da nichts ist, wo man nichts sieht. Für diese Ameisen legte das Regime die Duftspur, an der entlang sie blind durchs Leben stolperten. Wenn sich die Väter räusperten, warfen sich die Ameisen ehrfürchtig in den Mondstaub nieder.

"Wo war ich?"

Steve zuckte desinteressiert mit den Schultern.

"Ich hab's wieder: der Laden stagniert. Ich glaube, die Väter verheimlichen uns, wie schlecht es wirklich um die Kolonie steht. Darum haben sie damals auch die künstliche Schwerkraft in den Kuppeln abgestellt."

"Was für ein Quatsch! Die sind nicht abgestellt, sondern reduziert. Außerdem weiß jeder, dass es für den Körper gesünder ist, nur der Mond- und nicht der Erdschwere ausgesetzt zu sein. Das sieht man alleine schon daran, dass wir grösser sind als Erdlinge jemals waren."

"Falsches Väter-Palaver. Wenn es so gesund wäre, wie die da oben behaupten, warum gibt es trotzdem noch 0,5 und 1G-Zonen? He? Doch irgendwann werden sie über ihre eigenen Lügen stolpern. Du wirst es noch erleben. Dein Professor voll den Durchblick."

Steve winkte ab. Becker war ein weltfremder Phantast, der nicht müde wurde, die Altzeit zu verehren. Eine Vergangenheit, die Milliarden Menschen das Leben kostete und nicht mehr von Belang war.

Was nutzte es zu wissen, dass vor dem Großen Rumms ein gewisser Jesus mit einem gewissen Obama die Magna Charta geschrieben hatte, Tut-Ench-Amun daraufhin mit den Tempelrittern Napoleon besiegte, weil sich dieser anschickte, die Francophonie flächendeckend einzuführen. Das lag alles weit zurück und die Kolonisten taten gut daran, den Verrücktheiten der Altzeit keine Beachtung zu schenken. Die Kolonie entging dem Konflikt, der vor zweihundertfünfzig Jahren die Erde überzog, den größten Teil der Menschheit dahinraffte und die technischen Errungenschaften zerstörte. Zurück blieben Ruinen, verpestete Luft und Elend. Und ein paar Millionen Menschen, die sich heute noch bei jeder Gelegenheit die Köpfe einschlugen. Wenigstens war das mittlerweile solides Handwerk und wurde nicht mehr ferngesteuert.

Es war vorbei und diejenigen, welche das ganze Chaos in Gang setzten, waren genauso zu Staub zerfallen wie ihre Opfer. Die große Säuberung war nur noch eine flüchtige Erinnerung und Becker das bärtige Relikt davon, das irgendwie überdauert hatte.

"Wilde Theorien", seufzte Steve und drehte den Umschlag in seinen Fingern.

"Falsch. Nur weil du die Augen schließt, ist nicht alles in Ordnung. Ich sag's dir!", lachte Tino humorlos auf, "Ihr jungen Leute, du und deine Saufkollegen, merkt nicht einmal, dass ihr nur denkt und redet, was die Väter euch erlauben zu denken und zu reden. Aber echt jetzt!"

Tino schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

"Wer anders denkt, der bekommt sein Fett weg. Leute wie ich, die zu sagen wagen, was krumm läuft."

"Die Kolonie funktioniert nur, wenn alle mitziehen. Du lässt dir einen kranken Zahn ja auch ziehen, bevor er dich völlig lahmlegt."

"Du hast keine Ahnung", widersprach Tino heftig.

"Deine Artikel werden nicht veröffentlicht, weil sie Unsinn sind und die Leute beunruhigen, obwohl es keinen Grund dafür gibt."

"Quatsch. Die da oben haben nur Angst, dass ihre Schäfchen anfangen nachzudenken. Wer denkt, stellt Fragen. Das fürchten die Väter."

Steve wandte sich ab. Tino hatte keine Ahnung, wusste nicht Bescheid über den Professor. Wusste nicht, dass er einer seltsamen Sekte, die sich die Katholiken nannte, angehörte und daran glaubte, dass ihr Religionsstifter, der Jesus mit der Magna Charta, die Fähigkeit gehabt haben soll, Wasser in Wein zu verwandeln und anschließend darüber zu gehen. Märchen! Bei der Schwerkraft auf der Erde war es unmöglich, über Wasser oder Wein zu gehen.

Es war einfach so, dass Becker nie etwas über Telespeak tat. Steve vermutete, dass der Professor gar nicht wusste, wie Telespeak funktionierte.

Er riss den Umschlag auf. Papier roch widerlich! Der hohle Abgesang von getöteten Pflanzen. Er zog einen gefalteten Zettel aus dem Umschlag.

"Und?"

Steve grinste und hielt Tino den Zettel hin. Er griff gierig danach. Papier hatte er weiß Gott wie lange schon nicht mehr gefühlt. Er blickte erwartungsvoll auf die Notiz. Seine Mundwinkel rutschten nach unten.

"Er erwartet dich in der Uni. Ist das alles?"

Er reichte den Zettel enttäuscht zurück.

"Ja."

"Und dafür treibt er einen solchen Aufwand? Der Kerl ist verrückt!"

"Eben hast du ihn noch als cleveren, vorausschauenden Skeptiker, der sich nicht alles auf die Nase binden lässt, bezeichnet. Die Wahrheit ist, dass Becker unter Verfolgungswahn leidet. Er hat dauernd das Gefühl, dass er einer großen Sache auf Spur ist, die ihn zum Ziel für Spionage und Abhöraktionen mache."

"Genau meine Rede. Sag ich doch…"

"Er ist ein Spinner! Wenn es um verrückte Verschwörungstheorien geht, stellt er dich problemlos in den Schatten."

Steve tippte auf den Zettel.

"Und Becker schreibt noch, dass ich vorsichtig sein und mich vergewissern soll, dass ich nicht beschattet werde."

"Wer sollte das tun? Dafür gibt's doch die Implantate"

"Eben!"

"Vielleicht hast du Recht", meinte Tino schulterzuckend und schnappte den nächsten Keks.

Hirsch

Kommandant Hirsch blickte hoch, als die wachhabende Kadettin Blanc an den Rahmen der offenen Tür klopfte und saltutierte.

"Ja, Kadett?"

Die junge, sportliche Frau räusperte sich.

"Objekt 5288. Sir. Es ist aktiv."

Hirsch gefiel die Ernsthaftigkeit, wie sie ihren Auftrag wahrnahm. Sie verkörperte das gesunde Material, aus dem sich das Überwachungskommando ÜKo bediente. Sie hatte das Zeug für das Elitetraining und dafür, sich für höhere Aufgaben zu qualifizieren. Es zeichnete sie aus, dass sie auch geisttötende und langweilige Aufgaben, wie einen Praktikumseinsatz, mit ernstem Eifer erledigte. Und darüber hinaus konnte sich mit ihr jeder Mann auf jeder beliebigen Party sehen lassen.

"Objekt 5288?"

"Ein Uniprofessor. Becker. Unterrichtet Prä-Hi…"

"Prä-Historik. Katholik. Ich erinnere mich."

Blanc bewunderte ihren Kommandanten. Es hieß, dass er für den Rat der Väter im Gespräch sei.

Hirsch runzelte die Stirn. Die Meldung schreckte verdrängte Erinnerungen aus dem Tiefschlaf auf. Die Katholische Kirche…

"Käptn!"

"Sir!" Käptn Hirsch salutierte.

Major Grands Blick schweifte verärgert zwischen dem jungen Offizier und den Bildschirm.

"Was soll das?"

"Sir?"

"Pfeifen sie ihr Einsatzkommando zurück."

"Sie meinen die Aktion gegen die Katholiken?"

"Ja. Was sonst."

"Sir. Es liegen Informationen vor, dass die Anführer nicht zugelassene Dokumente in ihrer Gemeinde besprechen."

Grand winkte ab.

"Sie steigern sich da in etwas hinein. Die sind harmlos."

"Sir, ich muss widersprechen. Die Agenten, die sie überwachen, berichten von mehreren Vorfällen, in denen staatszersetzendes Gedankengut öffentlich beraten wurde."

"Öffentlich…", bellte der Kommandant gereizt, "die Versammlungen dieser Handvoll friedlicher Leute nennen sie öffentlich. Für sie sind wohl auch Familienfeste öffentliche Veranstaltungen, Käptn."

"Nein, Sir."

Grand stand auf, strich sich das Haar glatt und sprach ruhiger weiter: "Käptn Hirsch, diese Aktion könnte falsch verstanden werden."

"Wir tun unsere Pflicht, Sir."

"Was sind das für Beweise", brüllte der Major unvermittelt, "von Agenten der untersten Vertrauensstufe…"

"Sie stellten mir keine anderen zur Verfügung, Sir", unterbrach Hirsch seinen Vorgesetzten kalt, "und wie sie wissen, unterstehen die Katholiken nicht der Implantationspflicht, die nach dem Technikeraufstand eingeführt wurde."

Hirsch machte eine Pause und blickte Major Grand direkt in die Augen: "Ich frage mich, wieso?"

Grand blitzte ihn zornig an: "Was weiß ich. Aber was ich weiß ist, dass sie dabei sind, Mist zu bauen. Wo war ihr Verstand, als sie diese Agenten beauftragten? Der eine säuft, der andere steht in Verdacht, gegen Gesetze zu verstoßen. Ich bin enttäuscht, Käptn, dass sie diesen Berichten blind vertrauen."

"Sir, die Aktion ist notwendig. Erinnern sie sich an den Technikeraufstand. Da haben wir zu spät gehandelt."

"Das können sie doch nicht vergleichen. Die Techniker glaubten, dass sie mehr Rechte als der Durchschnittskolonist haben. Sie zettelten einen Aufstand an und besetzten Kuppel 10, um ihre Forderungen durchzudrücken. Wo ist da die Verbindung zu den Katholiken?"

"Ich halte die Katholiken für genauso gefährlich", insistierte Hirsch, "haben sie sich ihre Lehre schon angesehen, Sir?"

"Ja, sie singen und beten und versuchen gut zu sein."

Hirsch lachte schmerzlich auf: "Sir, in der Altzeit kaschierten alle Irrlehren ihre wahren Absichten wie schleimige Marktschreier die vorgeben, nicht am Geld, sondern am Glück ihrer Kunden interessiert zu sein: Wohlstand für alle, Frieden für alle, Gerechtigkeit etc. etc."

Er grinste gequält: "Wie wir heute wissen, ergab sich daraus eine äußerst explosive Konstellation."

"Sie sehen zu schwarz", winkte Grand harsch ab, "die Katholiken sind seit langer Zeit Teil unserer Gesellschaft und sind nie aufgefallen. Ihre, wie sagten sie, Irrlehre, ist im schlimmsten Fall lächerlich."

"Nein", widersprach Hirsch überzeugt, "Eingleisige Denkweisen machen aus Mitmenschen Feinde. Ideologien ernähren sich von Menschen. Sir, bei allem Respekt, sie unterschätzen die Brisanz."

Grand schluckte seinen Ärger hinunter. Er wusste, dass Hirsch einer der kommenden Leute war. Doch da war dieser Befehl von oben. Er wechselte die Taktik.

"Käptn, sie überreagieren."

"Sir, wie sie konnte ich in der höheren Offiziersschule die wahre Geschichte der Altzeit studieren."

"Mensch, Hirsch, das alles ist längst überwunden. Die Fehler von damals sind ausgemerzt."

"Nein, Sir, das sehe ich anders. Die Katholiken sind in der Altzeit stehen geblieben. Sie haben nichts dazu gelernt, Sir."

"Mag sein, aber sie stören nicht. Haben sie Kenntnis über einen Vorfall, in den die Katholiken verwickelt waren? Musste die ÜKo je eingreifen?"

"Sir, dass sie still halten macht sie zusätzlich verdächtig. Ihre Lehre steht in Konkurrenz zum Regime."

"Gerede. Nichts als Gerede."

"Sir, es geschieht nichts, nur weil man etwas sagt. Aber es geschieht etwas, wenn man es immer wiederholt."

Grand winkte gereizt ab: "Sie zitieren Cato? Was Besseres fällt ihnen dazu nicht ein?"

"Sir, aus den Berichten geht klar hervor, dass sie die Macht der Väter nur dulden. Sie huldigen ihrem Gott, von dem sie sich allerhand versprechen."

Grand scrollte durch die Akten und ging nicht auf Hirschs Vorwürfe ein.

"Sir, vor zehn Jahren bei den Technikern haben wir zu lange zugewartet. Ein Präventivschlag wird uns viel Ärger ersparen."

Grand erkannte, dass er den Käptn nicht überzeugen konnte.

"Ich befahl", brüllte er unvermittelt los, "dass diese Aktion gestoppt wird."

"Es ist falsch", beharrte Hirsch und fügte nach einer Sekunde zynisch: "Sir." an.

"Was erlauben sie sich! Sie provozieren aus einer Laune heraus einen Aufstand! Das Vorgehen der ÜKo beim Technikeraufstand war sehr hart und viele meinen immer noch, dass wir zu hart vorgegangen sind. Damals verloren wir viel Wissen."

"Sir, damals waren wir nicht zu hart, sondern zu spät. Hätten wir rechtzeitig reagiert und die die führenden Köpfe eliminiert, wäre es nicht so weit gekommen. Ohne Kopf beißt die Schlange nicht, Sir."

"Sie rufen ihre Leute zurück. Jetzt. Unverzüglich!"

"Sir!"

"Ich wiederhole mich nicht mehr."

Hirsch stellte die Aktion ein. Er vermutete, dass Grand nicht von sich aus handelte, sondern Befehle befolgte. Egal, wer oder was dahintersteckte, für ihn war es nur ein weiterer Grund, die Kirche als Feind einzustufen, den man nicht aus den Augen lassen durfte. Er vertiefte sich in ihre Lehre, studierte ihre Geschichte. Er kannte die längst verstorbenen Gestalten, die von ihr verehrt wurden.

Er traute den Betbrüdern nicht, die sich auf ihren Propheten Kevin, einem abgehalfterten Junkie, ein Kolonist, der rund hundert Jahre nach der Großen Säuberung auftauchte und die Gemeinden in der Kolonie und auf der Erde zusammenschweißte, beriefen. Kevin verkündete damals, dass jeder Einzelne für seinen Weg zu Gott verantwortlich sei. Das widersprach der bewährten Doktrin der Kolonie: das Glück der Gemeinschaft wird zum Glück des Einzelnen.

Er war überzeugt, dass der dogmatische Unsinn der Kirche nur ein Deckmantel war, um die wahren Absichten zu verschleiern. Die Worte der Botschaft, die von Güte und Nächstenliebe flöteten, waren nur der Schafspelz, den sich der Wolf überzieht, bevor er unter den Lämmern ein Blutbad anrichtet.

Die Katholiken waren der schleimige Auswurf, den die Große Säuberung ausgewürgt hatte. Sie waren die Fanatiker, welche zurückgekehrt waren und sich auf die Altzeit beriefen. Die Kirchenführer rührten damals kräftig in der giftigen Suppe aus konkurrierenden, inkompatiblen Weltanschauungen mit. Übles Gesindel, das nicht davor zurückschreckte, den Planeten ins Unglück zu stürzen.

Hirsch schwor, der Bande das Handwerk zu legen. In seinen höheren Funktionen setzte er sämtliche Mittel ein, die ihm zur Verfügung standen. Doch weder Razzien, noch Recherchen förderten Beweise zu Tage, die ein rigoroses Eingreifen gerechtfertigt hätte. Wie der regennasse Wurm wand sich die Kirche immer und immer wieder heraus. Es war wie Schattenboxen, ein Kampf gegen einen hinterhältigen Feind.

Die treibende Kraft der Kirche war der Papst, der auf der Erde residierte. Ein undurchsichtiger Kolonist, Sohn eines Prospektoren und einer Ärztin, auf der Erde geboren und aufgewachsen. Ein Mann, der sich die meiste Zeit seines Lebens unter dem Radar der ÜKo bewegte. Ein Mann, der auf Hirschs Befehl hin unter steter Beobachtung stand.

Hirsch wurde Kommandant der ÜKo. Neue Aufgaben nahmen ihn in Beschlag. Sein zähes Ringen gegen die Kirche musste in den Hintergrund treten.

Kadett Blanc räusperte sich.

"Was für Aktivitäten", hakte Hirsch scharf nach.

Blanc zuckte zusammen.

"Er sandte eine Drohne zu seinem Assistenten", sie blickte kurz auf ihr Tablet, "Steve Globe. Handschriftliche Mitteilung. Globe wird darin aufgefordert, unverzüglich in der Universität zu erscheinen und vorsichtig zu sein, Sir. Es scheint mir angezeigt, eine Akte Globe anzulegen. Zumal Tino Campos der Zeitpartner seiner Mutter ist. Campos wird in unseren Akten geführt, weil er in den 'freien Foren' durch reaktionäre Artikel mit haltlosem, staatsgefährdenden Inhalt auf sich aufmerksam macht."

Sie arbeitet gründlich und sauber, dachte Hirsch zufrieden.

"Nein. Sonst noch was?"

"Nur, dass wir keinen überwachungstechnischen Zugriff auf die Räume des Professors in der Universität haben. Keine Elektronik, die wir anzapfen könnten."

Blanc stockte: "Sir?"

Hirsch sah Blanc auffordernd an.

"Sir, warum werden die Räume von Objekt 5288 nicht elektronisch überwacht. Wie es scheint, werden alle Katholiken in ihren persönlichen Räumen nicht überwacht. Ich frage mich, weshalb?"

Hirsch zögerte einen Augenblick: "Kadett, diese Leute haben uralte Privilegien."

"Warum Sir?"

"Das wäre alles, Kadett."

Blanc verstand, salutierte und machte auf dem Absatz kehrt.

Hirsch kratzte sich am Kinn. Die Haut fühlte sich schlaff und weich an. Das Alter forderte seinen Tribut. Die Fitness, die er sich während seiner Aktivzeit in der Eliteeinheit auf der Erde antrainiert hatte, zerfiel in der schwachen Anziehungskraft des Mondes. Da half weder asketische Lebensweise noch regelmäßiges Training im Schwerkraftraum. Die Lende setzte Fett an und der Bauch verlangte nach einer größeren Uniform.

Es war nicht das Alter, das ihn beschäftigte, sondern die Trägheit, die es mit sich brachte. Er bedauerte, dass sein ermüdender Körper für harte Aktiveinsätze bald nicht mehr taugte. Eine Veränderung, die er als Herabstufung empfand. Er verabscheute die Degradierung vom aktiven Macher zum bleistiftdrehenden Verwalter, der feige aus dem Schutzbunker herausoperierte.

"Mens sano in corpore sano", dachte er verbittert.

Er rief die Unterlagen von Objekt 5288 auf den Schirm. Becker: Universitätsprofessor für Prä-Historik, Mitglied der katholischen Sekte. Becker war einer ihrer Hohen Priester, Kardinal. An der lunaren Uni hatte er Historik und Philosophie studiert. Hirsch wunderte sich über diese Studienrichtungen, denn die Lehrinhalte beider Fakultäten waren auf die Bedürfnisse der Väter zugeschnitten. Der Professor agierte isoliert und die wenigen Studenten, die seinen Kurs belegten, waren bisher nicht aufgefallen. Es schien an der Uni eher eine Art Gag zu sein, Beckers Kurse zu besuchen.

Er kannte ihn flüchtig. Er hatte ihn ein-, zweimal während seiner Recherchen getroffen. Er erinnerte sich an Becker als einen weltfremden, freundlichen Mann, der sich kaum um die ihm anvertraute Gemeinde kümmerte und lieber seinem Steckenpferd, der Altzeit und den Endzeitpropheten, nachjagte. Auf den ersten Blick war Becker höchstens als skurrile Figur einzuschätzen.

Doch jetzt war der Dämon der katholischen Kirche wieder aufgetaucht und Becker hatte ihn aufgescheucht.

Eine Fußnote des Berichtes erklärte, dass das Institut für Prähistorik seit 25 Jahren bestand. Becker war der erste und einzige Inhaber dieses Lehrstuhles. Hirsch stutzte, wirbelte die Dokumente mit hastigem Wischen auf dem Bildschirm herum. Es gab keinen Hinweis, wer der Initiator für die Gründung des Instituts war. Wahrscheinlich Schlampigkeit seiner Mitarbeiter, vielleicht aber auch nicht. Es schien ihm wichtig genug, eine persönliche Notiz anzulegen, die ihn an diese offene Frage erinnern sollte. Er las weiter.

Beckers Eltern lebten vor seiner Geburt auf der Erde in Basis V. Gemäß Akte litt seine Mutter unter der Schwerkraft und das Paar kehrte zur Kolonie zurück. Becker selber war nur einmal auf der Erde gewesen, um sein Amt zu übernehmen.

Er holte sich zusätzliche Informationen auf den Schirm. Becker war ein digital abstinenter Zombie. Die letzte private Kommunikation im Telespeak lag Jahre zurück. Selbst in den 'freien Foren' war er inaktiv. Die 'freien Foren' waren die geniale Erfindung eines seiner Vorgänger, in denen sich die Leute vor der Überwachung durch die ÜKo sicher fühlten und sorglos Verschwörungstheorien verbreiteten und die Väter beschimpften. Die 'freien Foren' waren eine Goldgrube für die ÜKo, aber im Fall Becker gaben sie nichts her.

Hirsch kratzte nachdenklich am faltigen Kinn und lehnte sich zurück. Becker war augenfällig selbst unter den Katholiken ein Außenseiter.

Die Katholiken! Er verstand die eigenartige Milde der Regierung dieser Sekte gegenüber nicht. Doch es lag nicht an ihm, die Entscheide der Väter in Frage zu stellen. Er war der Befehlshaber der ÜKo und seine Pflicht war es, für Stabilität in der Kolonie zu sorgen. Stabilität war die Basis von Allem.

Die Väter und die hohen Offiziere hatten das Wissen, wie man eine Wiederholung der Großen Säuberung verhinderte. Informationen, die kurz nach dem Morden in waghalsigen Einsätzen auf der Erde gerettet wurde. Er hätte seinen rechten Arm dafür gegeben, eines dieser Sonderkommandos befehligen zu dürfen.

Die Väter agierten geschickt und vorausschauend, hielten die Klasseunterschiede unter den Kolonisten klein. Sie ließen die Leute an die Demokratie glauben. Doch die Stellräder, an denen die gewählten Politiker hantierten, drehten im Leeren und störten den Gesamtplan nicht. Über dieses Konzept gestülpt griff die allumfassende Überwachung durch die ÜKo.

Was auch immer Becker während seiner Studien mitbekommen hatte, es war ein zurechtgebogener, weichgekochter Abklatsch der Wahrheit. Eine didaktisch ausgeklügelte Version der Geschichte die unterstrich, wie klug sich die Kolonie während und vor allem nach der Großen Säuberung verhalten hatte. Der Lehrgang verschwieg hingegen die zerstörerische Macht der konkurrierenden Gesinnungen, welche die Menschen der Altzeit in Atem hielten. Der Lehrgang verschwieg, dass diese Weltanschauungen die Schmierseife waren, auf der die Welt ausglitt und ins Elend schlitterte.

Am Ende war es egal, ob die Katholiken oder sonst eine verdrehte Gruppierung die Große Säuberung auslöste. Die Katholiken unterschieden sich von allen anderen nur dadurch, dass es sie wieder gab.

Hirsch wusste Bescheid. Mehr als ihm lieb war. Er erinnerte sich an seinen Mentor, Vater Krug, der während der höheren Offiziersschule aufzeigte, wie krank die Menschheit vor der Großen Säuberung war.

Den Leuten fehlte ein gemeinsames Ziel, eine Vision, die sie alle vereinigen konnte. Stattdessen prallten Ethiken, Religionen, politische und wirtschaftliche Strömungen aufeinander, rieben sich und erhitzten die Gemüter. Es war das goldene Zeitalter der Marktschreier, der Scharlatane und Lügner, der Egozentriker und Gierigen. Die Menschenmassen wurden mit Widersprüchen bombardiert und verwirrt. Es war egal, welcher Gruppierung man folgte, ob militante Naturschützer oder gutmenschliche Genderisten, ob völkische Populisten oder religiöse Fundamentalisten, ob Wirtschaftslobbyisten oder weltfremde Nudisten: alle reklamierten die Wahrheit für sich und knüppelten Andersdenkende nieder. Jahrzehnte lang lief es gut. Doch dann gingen den Neoliberalen die Opfer in den Drittweltländern aus und sie mussten gezwungenermaßen über sich selber herfallen. Mit vor Empörung zitterndem Zeigefinger anklagen funktioniert nur, solange sich die Opfer nicht wehren.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Idiot die erste Atombombe zündete, die das brodelnde Fass zum Überlaufen brachte.

Einmal entfacht, fraß sich das Feuer der Vernichtung durch die Länder, Regionen und schließlich durch die Kontinente. Zerstörung und Mord rafften die Menschen weg, Wahnsinn und Vernichtung liquidierten die technischen Errungenschaften. Es war Zufall, dass die Luna-Kolonie überlebte. Auf Luna wappnete man sich in höchster Eile gegen mögliche Schläge der Erde, atombomben-bestückte Raketen, Selbstmord-Shuttles. Boten des Wahnsinns, die das Feuer des Niederganges auch in die Kolonie tragen würden. Es war reines Glück, dass die Technik, die dieses ermöglicht hätte, bereits zu Beginn des Wahnsinns eliminiert wurde. Nach zwei Jahren flaute die Raserei ab. Was übrig blieb konnten die Väter in Schach halten – bis heute.

Die Väter beschlossen, den Dingen auf der Erde ihren Lauf zu lassen. Erst fünfzig Jahre nach der Großen Säuberung wurden fernab von den Siedlungen der Überlebenden Basen aufgebaut, um Rohstoffe zu fördern und Nahrung zu produzieren.

Die Väter hielten die Erdlinge auf Trag, provozierten Kleinkriege und Hungersnöte. Ein visionäres Meisterstück war die 'Aktion Unkraut', die Seuchen auf der Erde verbreitete. Erst als die Epidemien in die Kolonie zurückschlugen, wurde 'Aktion Unkraut' redimensioniert. Hirsch bewunderte die Tatkraft jener Vätergeneration und ihre Bereitschaft, zum Wohl der Kolonie unbequeme Entscheide kompromisslos umzusetzen. Es war die Blütezeit der Kolonie.

Hirsch war lange genug auf dem verdammten Planeten stationiert gewesen. Lange genug um zu wissen, warum man ihn fürchten musste. Lange genug, um ihn lieben zu lernen. Vor allem aber lange genug um zu erkennen, wie umsichtig die Väter agierten. Die Auswirkungen von zügellosem Freidenken waren bis heute an den Narben der Erde sichtbar.

Die Väter hatten das erkannt. Sie wussten, dass freie Gedanken und Ideen den Keim der Vernichtung in sich trugen und den Boden für die Saat der Unzufriedenen düngten. Und sie wussten, wie man dagegen vorging.

Die Kolonisten wurden von frühester Kindheit an auf Gesellschaftstauglichkeit getrimmt. Die ÜKo hielt aufmerksam Ausschau nach Krebszellen von bürgerlichem Unmut und entfernte diese rigoros. Der Körper der Gesellschaft musste tüchtig und gesund bleiben.

Telespeak, die Implantate und die räumlichen Grenzen der Kuppeln waren Erfolgsgaranten für die Staatsicherheit. Das konnte auf der Erde nicht funktionieren. Alleine die unfassbare Größe des Planeten verunmöglichte eine lückenlose Überwachung. Das Ausmaß der Erde war der Albtraum für jeden erfolgsorientierten Spitzel.

Doch das koloniale Erfolgsmodell zeigte Abnutzungserscheinungen. Hirsch beobachtete besorgt, dass die Kolonisten mehr und mehr zu antrieblosen Hohlköpfen verkamen. Es war erschreckend, wie desinteressiert Versorgungslücken oder Fehlfunktionen der Infrastruktur hingenommen wurden. Keiner fühlte sich verantwortlich und jeder wartete, bis 'irgendwer, irgendwann, irgendwie' es richten würde. Der Preis für den handzahmen Kolonisten war zu hoch. Kreativität und Neugier verkümmerten.

Die Kraft der Kolonie erlahmte. Das gelenkte Denken hatte hirnlose Maden hervorgebracht, die sich um sich selbst wanden und nach Futter schrien. Die Kolonie stagnierte und vermochte kaum noch, die überlebenswichtige Technik am Laufen zu halten. Die künstliche Schwerkraft unter den Kuppeln musste vor Generationen größtenteils abgeschaltet werden, weil die Energieproduktion nicht reichte. Viele der lunaren Gewächshäuser waren außer Betrieb und die lebenswichtige Transportflotte zerfiel zusehends. Zyniker behaupteten, dass die Transportschiffe zwischen dem Mond und der Erde so viele Einzelteile verloren hatten, dass mittlerweile ein fester Fussweg zwischen den Himmelskörpern bestand. Längst mussten viele Jobs in der Kolonie durch Menschen erledigt werden, weil Maschinen nicht mehr repariert werden konnten. Die Devise 'ein Mensch – ein Job' übertünchte das Problem, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das nicht mehr kaschieren ließ.

Die Tatsache, dass sich die Fähigkeiten der Kolonie und die Abhängigkeit von der Erde in entgegengesetzte Richtungen entwickelten, war besorgniserregend.

Selbst die Schutzkuppel zeigte Ermüdungserscheinungen. Die einst glasklare Transparenz war einer gelblichen Trübe gewichen. Sie glich einer Greisin mit Leberproblemen.

Für ihn war klar, dass diese Entwicklung bekämpft werden musste. Seine Chancen, selbst ein Vater zu werden, standen gut. Der Rat bestand zur Hälfte aus Veteranen, welche die Narben der Erde vor Ort gesehen hatten und die wussten, dass alle Mittel erlaubt waren, eine zweite Katastrophe um jeden Preis zu verhindern.

Doch auch der Rat der Väter war mittlerweile träge und selbstgefällig. Die Untätigkeit des Rates gefährdete die Kolonie.

Hirsch spürte den inneren Widerspruch seiner Gedanken, denn denkende Kolonisten würden früher oder später zu Eigeninitiativen tendieren. Wie damals die Techniker.

Er glaubte, das Heilmittel gegen den Zerfall zu kennen: Stolz! In den Kolonisten musste der Stolz geweckt werden. Worauf man stolz war, behütete und beschützte man.

Die Kolonie musste von innen heraus erneuert werden. Die Kolonie brauchte kreative Köpfe, um die Missstände zu eliminieren und um sich weiter zu entwickeln. Noch waren seine Pläne nebulös. Außer dem Programmnamen, 'Projekt Lazarus', waren seine Ideen noch nicht ausgereift.

Er schob die Gedanken bei Seite.

"Du bist noch nicht im Rat", murmelte er durch die Zähne, "du hast hier eine Aufgabe, die du gewissenhaft zu erledigen hast. Was kommt, kommt, wenn es Zeit dafür ist.

Hirsch aktivierte den Ruf für seine Mitarbeiter.

Prähistorik

Steve starrte grübelnd auf die Innenseite des Kabinenfensters der Metro. Er registrierte die vorbeiflitzenden Lichter der Notausgänge des Tunnels kaum. Sein Blick klebte an seinem Spiegelbild, das gedankenverloren zurück glotzte. Er setzte sich auf und lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Spiegelung im Fenster. Auf der anderen Seite, um eine Sitzreihe verschoben, saß ein Mann, der mit seinem Telespeak herumfummelte. Er kannte denn Kerl nicht. Steve fuhr die Strecke mehrmals pro Woche und kannte jeden, der diese Strecke fuhr. Der Mann blicke kurz auf. Steve zuckte zusammen, als er seinen stechenden, prüfenden Blick sah.

Das Gespräch mit Tino und die Warnung Beckers fielen ihm ein. Der Gedanke, dass ihn ein Häscher der ÜKo verfolgte, erregte ihn. Es war ein Abenteuer, wie es Jerry Cotton, sein favorisierter Buchheld, jeden Tag erlebte. Es fühlte sich auf eine sonderbare Art belebend an, beängstigend und spannend zugleich.

'Ich hatte zulange mit Becker und Tino Kontakt', verscheuchte er den Gedanken.

Doch beunruhigende Gedanken finden immer ein Hintertürchen, durch das sie ins Bewusstsein zurückdrängen. Mit beunruhigenden Gedanken war es wie mit Nasenpopel an den Fingern: egal was man anstellte, er klebte einfach woanders. Oder wie mit vielen der verruchten Gerüchte, die in der Kolonie hinter vorgehaltener Hand kursierten. Manchmal im Spaß geäußert, manchmal mit stirngerunzeltem Ernst zur Sprache gebracht. Gerüchte, wie das von der Metro, das Becker so nebenbei während eines Arbeitsmeetings erwähnt hatte.

"Sie wissen doch, dass die Metrotunnels in großen Kreisen mehrfach um die Kuppeln führen."

"Ich verstehe nicht…"

Eben hatte Becker noch vom galoppierenden Zerfall der Kolonie gesprochen. Jetzt brabbelte er unvermittelt über die Metro.

"Die Metro fährt zusätzliche Bögen und Kreise. Damit versuchen die Väter die Kolonie grösser erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich ist."

"Professor. Was hätten sie davon?"

Becker trat nahe an ihn heran und stach ihm seinen Zeigefinger mehrmals in die Brust. Eine Marotte, die Steve besonders hasste.

"Ich glaube, Leute verschwinden", Becker hustete, "ich habe das Gefühl, dass in der Kolonie weniger Bewohner leben, als überall behauptet wird."

"Liegt das nicht eher an der Einkind-Empfehlung der Väter? Eine Frau – ein Kind?"

"Die ist aufgehoben. Schon eine ganze Weile", konterte Becker, "das kann nicht der Grund sein, warum immer weniger Leute in der Kolonie leben."

"Trotzdem, wenn ich es mir überlege, Herr Professor, dann sind alle meine Kumpels Einzelkinder."

"Aha! Und was schließen sie daraus?"

"Dass es für die Frauen bequemer ist?"

Becker schnaubte unwillig.

"Falsch! Die Väter steuern es, damit in der Kolonie weniger Mäuler gestopft werden müssen."

"Und warum sollten die Väter so etwas tun?"

"Um uns zu täuschen. Um Fragen auszuweichen und nicht zugeben zu müssen, wie übel es um die Kolonie tatsächlich steht. Dass wir nicht mehr in der Lage sind, so viele Mäuler zu stopfen wie vor hundert Jahren."

Steve grinste seinen Vorgesetzten frech an.

"Tatsache ist, dass die Kolonie immer mehr von der Erde abhängig ist. Aber man spielt das herunter, verharmlost es, behauptet, dass es nur Ergänzungen der eigenen Produktion sind. Glauben sie mir, man täuscht uns, um nicht mit den Tatsachen herausrücken zu müssen. Zum Beispiel die, dass wir die Nahrungsmittelversorgung nicht mehr auf die Reihe kriegen. Man täuscht uns, damit wir nicht merken, dass wir wie ein Fötus am Nabel der Erde hängen."

Becker überraschte ihn immer wieder mit phantasievollen Märchen und konnte Gegenargumente problemlos ignorieren. Er ließ keine Gelegenheit aus alles, was schief lief, den Vätern anzukreiden.

Steve wunderte sich, dass Becker überhaupt unterrichten durfte. Was er manchmal von sich gab untergrub die Regeln der Kolonie und stellte Gesetze in Frage. Üblicherweise verstand die ÜKo in solchen Fällen keinen Spaß. Kaum eine Woche, wo im Telespeak nicht verkündet wurde, dass ein Querschläger verhaftet und zur Umerziehung eingewiesen wurde.

Steve vermutete, dass die Väter und die ÜKo genug echte Probleme zu bewältigen hatten, um den über zwei Millionen Kolonisten und den heldenhaften Beamten, die auf der Erde ihren schweren Dienst taten, das Überleben zu sichern. Becker wurde wohl zu Recht als lächerlicher, harmloser Narr eingestuft.

"Wenn sie mich fragen, wird die Kolonie bald aufgegeben, aber wenn es soweit ist, mein Freund, dann gehen die Probleme erst richtig los."

"Dazu wird es nie kommen, Herr Professor."

Becker überging den Einwand: "Schon heute könnte die Flotte nicht alle Kolonisten evakuieren – die meisten würden hier oben krepieren. Würde mich nicht wundern, wenn die Väter das mit einkalkulieren und sämtliche unangenehmen Elemente zurücklassen."

Meistens gelang es Steve, Beckers Worte nicht ernst zu nehmen. Im Gegenteil: Beckers Geschichten waren auf eine gruselige Art ansteckend. Gerade richtig, um einer drögen Party Schwung einzuhauchen. Die Kunst dabei war, den angsteinflößenden Teil ins Groteske zu ziehen. Aber Becker und Tino, die meinten es ernst.

Sicher, es war nicht alles perfekt. Stromausfälle, dicke Luft ab und an oder Lücken im Nahrungsangebot – damit konnte man leben. Nur die älteren Leute, zum Beispiel seine Mutter, behaupteten, dass früher alles besser gewesen sei. Vermutlich spielte den Leuten das nachlassende Gedächtnis einen Streich, denn für alle Pannen gab es logische Erklärungen: Meteoritenschwärme oder Photonenstürme, welche die Transportflotte zu Umwegen zwangen. Reparatur- und Wartungsarbeiten an der Infrastruktur. Steve sah keinen Grund, an den offiziellen Informationen zu zweifeln.

Er zuckte zusammen, als sich der Mann erhob und zum Ausgang strebte. Er nickte ihm knapp zu und blickte anschließend stur auf die Schwenktür. Lichter an den Wänden des Tunnels signalisierten, dass die nächste Station nah war. Industrie.