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Mord im ehrwürdigen Bridgeclub Turicensis im Corso Haus in Zürich. Ein Bridgespieler wird erstochen aufgefunden. In seiner Jackentasche befinden sich Schuldscheine von Clubmitgliedern. Der Tote war Rechtsanwalt, Lebemann und in dubiose Geschäfte verwickelt. Alex, ein Geschäftsmann aus München, spielt an jenem Abend im Club. Er flirtet mit der Cousine des Toten und besucht sie in ihrem Haus. Am nächsten Morgen liegt sie bewusstlos neben der Treppe. Für Staatsanwalt Schneider ist er der Hauptverdächtige. Für Alex verwandelt sich die beschauliche Stadt in einen Albtraum.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2023
www.tredition.de
Mord im Bridgeclub
Kriminalroman
www.tredition.de
© 2023 Elsbeth Wiederkehr
© 2023 Umschlagfoto Elsbeth Wiederkehr
Technische Umschlaggestaltung Venla Kevic
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback: 978-3-347-84042-3 Hardcover: 978-3-347-84043-0 e-Book: 978-3-347-84044-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheber-rechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zu-stimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbrei-tung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die Handlung dieses Kriminalromans sowie die da-rin vorkommenden Personen sind frei erfunden. All-fällige Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten und tatsächlich lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Personenverzeichnis
Linda Bridgespielerin aus München
Alex Bridgespieler aus München
Mitglieder im Bridgeclub Turicensis:
Felicia Cousine von Leo
Leo Cousin von Felicia
Natalie Präsidentin im Bridgeclub
Alois
Franz
Ilsa
Hedwig
Gloria
Schneider Staatsanwalt
Brem Auditor bei Staatsanwalt Schneider
I.
Lieber Alex,
Ich hoffe, Sie und Linda sind wohlauf und
haben Lust auf ein neues gemeinsames Bridgeaben-teuer. Jedes Jahr findet im Juni ein internationales Bridgetournier in Zürich statt. Bridgespieler aus al-ler Welt strömen in die Schweizer Stadt am Zürich-see und liefern sich dort in den alten Zunfthäusern einen unerbittlichen Bridge-Kampf! Die Zünfte wa-ren im Mittelalter in der Schweiz Handwerksverei-nigungen, heute handelt es sich um eine Männerge-sellschaft mit geselligem Beisammensein und Wirt-schaftsconnections. Jede Zunft hat ihr eigenes Zunfthaus, architektonische Meisterwerke mit prächtiger Innenausstattung. Beim Turnier zieht man quer durch die alte Zürcher Innenstadt von ei-nem Zunfthaus zum andern, was ich mir doch recht interessant und unterhaltsam vorstelle. Sicher erin-nern Sie sich an die charmante Adelina vom Bridgeclub Cesare Borgia in Rom. Sie wird mich im Juni zum internationalen Bridgetournier nach Zürich begleiten. Ich würde mich freuen, wenn Sie und Linda auch dabei wären. Wir könnten unseren Auf-enthalt um einige Tage in der schönen Stadt Zürich mit See, Berge und einem beachtlichen Kunsthaus mit einer nicht ganz unumstrittenen Bildersamm-lung verlängern. Was denken Sie?
Mit freundlichen Grüssen,
Ihr Manfred Pohl
Manfred Pohl war ein Bridgespieler aus
Frankfurt, den Alex und Linda, seine Bridgepartne-rin und Kollegin aus Studienzeiten, auf ihrer ersten Bridgereise in Grünwald kennengelernt hatten. Auch auf ihrer zweiten Bridgereise nach Rom war Manfred dabei gewesen, und dort waren die drei Adelina, der bildhübschen Römerin, begegnet.
Alex sass noch in seinem Büro in München,
als er die Mail von Manfred erhielt. Nur in seinem Geschäftszimmer brannte noch Licht, die Beleg-schaft hatte sich schon längst in den Feierabend ver-abschiedet. Alex war ein Workaholic und hatte Mühe, die Leitung seines weltweit verzweigten Ge-schäftsunternehmens an die nächste Generation ab-zugeben. Er und sein ebenfalls schon in die Jahre ge-kommener Bruder waren noch immer die Allein-herrscher über das riesige Familienimperium. Das Einzige, was er sich ab und zu an Ferien erlaubte, war ein Bridgeurlaub zusammen mit Linda. Alex kratzte sich nachdenklich am Kopf. Er hatte in nächster Zeit zahlreiche Termine in München und sollte zudem geschäftliche Verpflichtungen in Bu-dapest und danach in Warschau wahrnehmen. Trotz-dem schickte er die Mail von Manfred an Linda wei-ter. Es hätte ihn verwundert, wenn sie nicht Feuer und Flamme für das neue Bridgeabenteuer wäre, auch wenn sie behauptete, auf jeder ihrer gemeinsa-men Bridgereisen geschehe ein Mord! Ihre Antwort war eindeutig:
Wir fahren! Linda
II.
Alles war wie abgesprochen. Der Raum war
klein und dunkel, nur die Leuchtreklame vor dem Fenster spendete etwas Licht. Auch der hintere Teil der Diele war kaum beleuchtet, die Glühbirne war kaputt. Von der Disco unterhalb des Bridgeclubs dröhnte der Bass durch Fussboden und Wände, an der Club Bar lachten und plauderten die Bridgespie-ler. Sie hatten Pause und ahnten nichts vom bevor-stehenden Drama. Durch einen schmalen Türspalt spähte er auf den Flur, um den richtigen Augenblick nicht zu verpassen. Er war nicht nervös, aber ange-spannt. Er atmete tief durch, lockerte die Finger und streckte sie einzeln, federte in den Knien, um sie zu entspannen. Er durfte sich nicht verkrampfen, musste beweglich bleiben.
Endlich war es soweit. Die Zielperson stand
auf dem Flur und fingerte am Handy herum. Dann ging sie zur Toilette. Behände glitt auch er hinüber und erledigte, was zu tun war. Niemand hatte ihn be-merkt. Die Türe war präpariert, er konnte sie von aussen verschliessen. Geräuschlos verschwand er, wie er gekommen war.
III.
An einem sonnigen Junitag bestiegen Linda
und Alex im Hauptbahnhof München den Zug nach Zürich. Linda hatte darauf bestanden, dass sie mit dem Zug fuhren. Die beiden Töchter von Linda be-gleiteten ihre Mutter zum Bahnhof, wo sie auf Alex trafen. Er kannte beide von klein auf. Die Jüngere hatte Publizistik studiert und in seinem Geschäft ein Praktikum in Public Relations absolviert, arbeitete nun in einer Buchhandlung und schrieb Gedichte und Romane. Die ältere Tochter war Ärztin gewor-den. Das Interesse an der Naturwissenschaft hatte sie von ihrem Vater geerbt, während die musisch veran-lagte, jüngere Tochter nach ihrer Mutter kam. Die beiden wünschten ihrer Mutter und Alex einen tollen Aufenthalt in Zürich und bemerkten lachend, dies-mal hoffentlich ohne Mord!
Die Abteile im Zug waren nur schwach be-
setzt und Linda und Alex hatten ein Sechserabteil für sich allein. Alex war von untersetzter Statur, Glatze, leger gekleidet in T-Shirt und Jeans, und mit einem kleinen Bauch, der ihn aber nicht unattraktiv er-scheinen liess. Er breitete sich sogleich aus, depo-nierte seine Aktentasche auf einem der Sitze, sein Proviantpaket auf dem nächsten und den Laptop auf dem kleinen Klapptisch am Fenster. Zufrieden liess er sich auf einen Fensterplatz fallen und warf einen kurzen Blick auf sein Handy. Er nahm einen Schluck aus der mitgebrachten Mineralwasserflasche und platzierte sie neben dem Laptop. Dann wühlte er in einer Papiertüte herum und holte eine frische Sem-mel mit Schinken hervor. Alex war es in seinem Be-ruf gewohnt, zu reisen und war mit den meisten Län-dern vertraut. Er hatte immer das Richtige dabei, Verpflegung, den aufblasbaren Halskragen für län-gere Flüge und kleine Geschenke für wichtige Kun-den im Ausland.
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und hielt ihr die Tüte mit den Semmeln hin.
Ä,P 0RPHQW QLFKW GDQNH YLHOOHLFKW VSlWHU ´ Linda hatte es sich auf dem mittleren Sitz ge-
genüber bequem gemacht. Sie war etwas jünger als Alex und kannte ihn seit ihrer Studienzeit. Sie waren Teil einer Studentenclique, welche sich noch heute ab und zu traf. Linda trug einen leichten, dezent ge-musterten Hosenanzug, einen rosafarbenen Schal und bequeme Pumps. Sie holte eine Zeitschrift über zeitgenössische Kunst aus ihrer Tasche und begann zu lesen. Seit ihrer Scheidung arbeitete sie in einer renommierten Kunstgalerie im Zentrum von Mün-chen.
Kaum hatte Alex schmatzend die erste Sem-
mel verdrückt und die Krümel von Hemd und Hosen gewischt, holte er wieder sein Handy hervor und rief seine Sekretärin an. Er besprach mit ihr den Miet-vertrag für neue Büroräume in Budapest. Er und sein Bruder betrieben ein multinationales Unternehmen zur Produktion von hochqualifizierten Gewindefrä-sen, Verzahnungsfräsen und anderen Edelstahlpro-dukten. Alex rutsche unruhig auf seinem Sitz herum und gab der Sekretärin Anweisungen zur Überarbei-tung eines Vertrags. Er war mit den Bedingungen nicht einverstanden und verlangte etliche Korrektu-ren.
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GHQ $QUXI EHHQGHW KDWWH ³'LHVH )LUPD JODXEW ZL r seien ein goldenes Kalb, nur weil wir in Deutschland SURGX]LHUHQ ´
Linda blickte kurz auf, nickte und las weiter.
Sie hatte keine Lust, sich die Geschäftsprobleme von Alex anzuhören und blieb stumm.
Alex hielt es nicht lange auf seinem Sitz aus
und erhob VLFK XQJHGXOGLJ ³,FK VFKDXH ZDV HV LP Speisewagen gibt. Soll ich dir einen Kaffee mitbrin-JHQ"´
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dein Handy nicht, sonst klingelt es unablässig, und LFK P|FKWH XQJHVW|UW OHVHQ ´
Alex grunzte und stapfte aus dem Abteil. Ä*U•VV GHLQH )UDX XQG GHLQH )UHXQGLQ YRQ
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Alex blickte zurück und nickte.
Vier Stunden später trafen die beiden im
Bahnhof von Zürich ein und durchschritten die im-posante Bahnhofshalle im Stil der Neurenaissance. Durch das riesige Triumphportal mit kolossalen Pi-lastern und korinthischen Kapitellen traten sie auf den Gehsteig vor dem Bahnhofsgebäude. Über dem Portal thront seit 1871 die Helvetia, welche auch ste-hend auf den Ein- und Zweifrankenstücken der Schweiz zu sehen ist. Obwohl die Frauen in der Schweiz erst einhundert Jahre später, 1971, das Stimmrecht erhielten, dominiert das weibliche Ge-schlecht nicht nur den Bahnhof, sondern auch die Frankenstücke. Bis es allerdings die bisher einzige Frau, die Künstlerin Sophie Taeuber-Arp, auf eine Banknote schaffte, dauerte es wesentlich länger (1995)! Dafür steht auf dem Platz vor dem Portal seit 1889 der Eisenbahnpionier Alfred Escher auf einem mächtigen Sockel inmitten eines Brunnenbeckens. Sein Vater ist zwar wegen Profit aus Sklavenarbeit auf einer Kaffeeplantage in Cuba nicht unumstritten, aber mit Hilfe einer Trennlinie zwischen Sklaven-haltung und Sklavenhandel konnten dessen Tätigkeiten relativiert werden und sein Sohn seinen prominenten Auftritt vor dem Hauptbahnhof behal-ten. Er entging damit knapp dem seit neustem wie-derauferstandenen Bilder- respektive Denkmal-sturm, welcher seit einiger Zeit auch in der Schweiz zu heftigen Diskussionen führte.
Heute ist Escher, der ehemalige Politiker und
Unternehmer, vor allem durch das Schicksal seiner Tochter Lydia Welti-Escher in den Medien präsent. Seine mit einem Bundesratssohn verheiratete Toch-ter hatte in Italien eine Affäre mit einem Maler. Mit Hilfe von Kontakten in Bern wurde der Liebhaber inhaftiert und Lydia kurzerhand für verrückt erklärt und in ein Irrenhaus gesperrt, und dies nicht im Mit-telalter, sondern 1889, zur selben Zeit, als der Brun-nen vor dem Hauptbahnhof zu Ehren ihres Vaters er-richtet wurde. Ein mildes Urteil, wenn man bedenkt, dass die französische Schriftstellerein Olympe de Gouges knapp hundert Jahre zuvor auf der Guillo-tine landete, da sie die politische und soziale Gleich-stellung der Frauen forderte. Die Tochter von Alfred Escher lebte nach ihrer Entlassung aus dem Irren-haus in Genf und nahm sich 1891 das Leben.
Vor dem Bahnhof wartete eine lange
Schlange von Taxis sehnsüchtig auf Fahrgäste. Die meist ausländischen Fahrer vertrieben sich die Zeit mit Rauchen und Schwatzen. Alex trat zu einem der Taxifahrer und erklärte ihm, wohin er sie bringen sollte. Der dunkelhäutige Mann mit ausgebeulten Hosen und einer speckigen Lederjacke erinnerte Linda an ein peinliches Erlebnis mit ihrer Mutter, als sie sie zum Arzt begleitete und ein Taxi bestellt hatte. Als der Mann an der Haustüre klingelte, und die Mutter sah, dass es ein Schwarzer war, reagierte sie mit den Worten auch das noch.
Alex diskutierte längere Zeit mit dem Fahrer
und Linda fragte, was los sei.
Ä(U KDW PLU HUNOlUW Hotel nicht weit, besser
zu Fuss gehen ´
Unwillig lud der Fahrer das Gepäck in den
Kofferraum und nahm die beiden mit. Nach einer sehr kurzen Fahrt durch enge Gassen hielt er an und deutete auf das Gebäude. Alex hatte im Hotel Stor-chen mitten in der Altstadt von Zürich zwei Zimmer reserviert. Linda fand die Preise horrend, aber Alex bestand darauf, sie einzuladen. Die Aussicht auf die Limmat, der Fluss, der mitten durch die Stadt hin-durchfloss, und auf die alten Zunfthäuser und das Grossmünster war zwar malerisch, aber auch das Storchennest mit zwei künstlichen Störchen auf dem Dach des Hotels rechtfertigten die überrissenen Zimmerpreise nicht, meinte Linda.
Ä'LH =LPPHU VLQG IULVFK UHQRYLHUW XQG ELHWHQ
MHGHQ .RPIRUW´ HQWJHJQHWH $OH[ ÄXQG DXVVHUGHP ist Zürich ein Zentrum der Bank- und Finanzwirt-schaft und daher eine der teuersten Städte. Nur schade, dass auch das Restaurant im Storchen neu-gestaltet wurde. Früher war alles so heimelig altmo-disch und die Decke war pastellblau und mit weis-sen, kuscheligen Wolken geschmückt, ganz im Sinne des Künstlers Giovanni Battista Tiepolo. Es fehlten nur die barbusige Venus und die süssen En-JHOFKHQ ´
Nachdem die betagte Besitzerin verstorben
war, verwandelte ihr Sohn das ehrwürdige Etablis-sement in ein modernes Lifestyle Boutique Hotel und liess die Decke gnadenlos übertünchen.
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)OXVV XQG GHU DOWH 6FKLIIVWHJ HUKDOWHQ JHEOLHEHQ´ fügte Alex hinzu, "und das Beste ist, es gibt jetzt so-gar ein hauseigenes Alex-Boot nach Thalwil und Herrliberg, welches hier direkt vor dem Hotel ab-fährt! Wenn wir Zeit haben, müssen wir unbedingt damit einen Ausflug auf den Zürichsee machen. Für heute Abend werde ich einen Tisch auf der Terrasse reservieren, dann können wir dort zusammen mit Adelina und Manfred essen. Die beiden werden be-JHLVWHUW VHLQ ´
Ä:RKQHQ VLH DXFK LP 6WRUFKHQ"´ Ä$EHU natürlich, wo denn sonst! Setz dich an
einen Tisch auf dem Platz vor dem Hotel und bestell mir ein Glas Weisswein. Ich werde inzwischen Plätze für heute Abend auf der Terrasse reservieren. Die Koffer können sie uns schon mal auf die Zim-PHU EULQJHQ ´
Geschäftig eilte Alex zur Rezeption, um alles
Nötige zu organisieren.
Linda rollte mit den Augen, ging die Treppe
hinunter und trat auf den weiten Platz vor dem Hotel. Dort waren runde Metalltische verteilt, wo Einhei-mische und Touristen vor dem Essen einen Aperitif schlürften. Linda fand einen leeren Tisch mit zwei Stühlen und setzte sich. Ihr Blick schweifte über den Platz und in der Mitte entdeckte sie einen schmiede-eisernen Brunnen. Unter dem zierlichen Baldachin lachte ein bronzener Winzer mit einer Weintanse auf dem Rücken und erinnerte daran, dass im 17. Jahr-hundert auf diesem Platz der einheimische Wein verkauft wurde.
Von der breiten Brücke neben dem Hotel
wehte die sanfte Brise die Musikklänge einer Dreh-orgel herüber. Ein altmodisches Karussell mit weissen Pferden und einer Kutsche drehte sich im Kreis und ein Schiff wippte im Takt der Musik auf und ab. Kinder lachten vergnügt auf den Pferderü-cken und in der Kutsche sass ein Grossvater mit sei-nem Enkel. Der Kleine hielt eine riesige Zucker-watte in seiner Faust und quietschte vergnügt. So-bald die Musik aufhörte und sich das Karussell nicht mehr drehte, begann der Kleine zu weinen. Der Grossvater eilte zur Kasse, um ein neues Ticket zu kaufen. Sobald sich das Karussell erneut drehte, war der Kleine wieder zufrieden.
Hinter der gegenüberliegenden Uferprome-
nade glänzten die Dächer der malerischen Altstadt und in den Fensterscheiben spiegelte sich das grelle Sonnenlicht. Davor schwebte das stattliche Rathaus aus dem 17. Jahrhundert wie ein überdimensionales Hausboot über der Limmat. Das klare, grünschim-mernde Wasser strömte unter der Brücke und unter den beiden Tonnengewölben des Ratshauses hin-durch Richtung Norden. Selbst die englischen und französischen Adeligen und begüterten Bürgern be-wunderten im 18. Jahrhundert das Gebäude auf ih-rem Weg durch die Schweiz, als sie sich auf ihrer Bildungsreise, der Grand Tour, nach Italien auf-machten, um ihren Horizont zu erweitern und sich die europäische Kunst zu Gemüte zu führen. Heute sind es die wohlhabenden Asiaten, welche die Pflichtstationen in Europa abhaken.
Der Kellner brachte zwei Gläser Weisswein
und eine kleine Schale mit Oliven und geschälten Mandeln. Er musterte Linda aus den Augenwinkeln und fragte, ob sie noch weitere Wünsche habe. Linda verneinte. Sie kostete den kühlen Wein und räkelte sich wohlig. Wie schön das Leben sein konnte, dachte sie. Ihre beiden Töchter waren glücklich und gesund und sie weilte in einer malerischen Stadt und genoss den späten Nachmittag.
Kurze Zeit später kam Alex und setzte sich
QHEHQ /LQGD 6HLQH 0LHQH ZLUNWH EHVRUJW Ä$GHOLQD XQG 0DQIUHG PXVVWHQ GLH 5HLVH DEVDJHQ´ ZDUHQ seine ersten Worte.
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Ä0DQIUHG LVW LP .UDQNHQKDXV (U KDWWH HLQHQ
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einen Bypass. Adelina ist bei ihm. Sie hat mich VRHEHQ DQJHUXIHQ ´
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Alex nippte gedankenverlorenen am Wein.
Er hatte mit seinem Geschäft viel Stress gehabt in den letzten Wochen und wenig Sport getrieben. Sein Blutdruck war zu hoch und er hatte Übergewicht. Seine Lebensweise war ungesund, das wusste er. Er sollte sich mehr Freizeit gönnen, sonst würde ihm eines Tages dasselbe geschehen.
*****
Nach dem üppigen Abendessen auf der Ter-
rasse des Hotels Storchen und einem doppelten Sin-gle Malt ging Linda auf ihr Zimmer. Alex wollte noch einen kurzen Verdauungsspaziergang machen. Im Juni blieben die Tage länger hell wegen der Som-merzeit, und Alex brauchte ohnehin nur wenig Schlaf. Er ging über die breite Rathausbrücke, die zur anderen Seite der Limmat hinüberführte. In der Mitte der Brücke blieb er beim Geländer stehen. Zwei Kanufahrer quälten sich gegen die starke Strö-mung zum See hinauf. Einer der beiden geriet bei der nächsten Brücke nahe an den Pfeiler heran und konnte sich im letzten Moment von der Mauer ab-stossen, um nicht zu kippen. Alex beobachtete sie noch eine Weile und setzte dann seinen Weg zur ge-genüberliegenden Seite der Limmat fort. Er schlen-derte durch die alten, engen Gassen, welche noch immer von zahlreichen Gästen belebt waren. Tische und Stühle standen im Freien vor den Lokalen und lachende und schwatzende Leute genossen den mil-den Abend. Alex schlendert die Schneckengasse hinauf. Die Abenddämmerung begann langsam und der Wald am Berghang schimmerte im rötlichen Glanz der untergehenden Sonne. Die Strasse war steil und Alex geriet ausser Atem. Er musste einen Augenblick anhalten, um zu verschnaufen. In der Ferne glitzerte der See, die weissen Segel der unzäh-ligen Boote flatterten im Wind und ein alter Rad-dampfer stiess bei der Wegfahrt eine Rauchwolke aus und schickte mit seinem Schiffshorn ein dump-fes Warnsignal an die umliegenden Boote. Wie schön die Welt sein kann, dachte Alex, aber sogleich erinnerte er sich wieder an die Probleme mit der Firma. Alles in Budapest gestaltete sich schwieriger als erwartet. Der Agent brauchte Schmiergelder und steckte vermutlich einen Teil davon in die eigene Tasche. Ein gewiefter Rechtsanwalt in Zürich mit Beziehungen zu den ungarischen Behörden und an-deren nützlichen Leuten war ihm empfohlen wor-den. Seine Sekretärin hatte für ihn in den nächsten Tagen einen Termin mit der Kanzlei vereinbart. Aber Linda brauchte nicht zu erfahren, dass er nicht ausschliesslich wegen des Bridgeturniers nach Zü-rich gefahren war, obwohl er den Tipp mit der Kanz-lei von ihr erhalten hatte. Ein Bekannter von ihr kannte den Rechtsanwalt und meinte, der wäre ge-nau der richtige für solche Geschäfte.
Alex wollte noch ein kurzes Stück weiter
hinaufsteigen und dann zum Hotel zurückkehren. Plötzlich vernahm er in der Ferne die Klänge eines Klaviers. Es war ein Menuett von Maurice Ravel. Alex hatte in seiner Kindheit dieses Klavierstück ge-übt, aber seine Klavierlehrerin war mit seinem Spiel nie zufrieden gewesen. Seine Finger waren zu kurz und zu wenig beweglich, fand sie. Er hasste die ewi-gen Fingerübungen und die komplizierten Noten und Zeichen. Er hätte damals lieber Trompete oder Cello gespielt, aber seine Mutter bestand auf dem Klavierunterricht.
Langsam näherte er sich den sanften Klän-
gen, welche durch die Abendluft zu ihm drangen. Er kam zu einem hohen Gittertor, dahinter lag ein gros-ser Garten mit hohen Zedern und einer knorrigen Ei-che. Alex blieb stehen und späte durch die Gitter-stäbe. Im hinteren Teil erblickte er eine Villa mit zwei Stockwerken, darüber eine abgeschrägte Man-sarde und einen kleinen Turm mit spitzem Dach im Baustil des 19. Jahrhunderts. Quadersteine struktu-rierten die Fassade des Herrenhauses und dreieckige Giebel krönten die Fenster in der oberen Etage. Die Fensterläden waren geschlossen. Auf der Terrasse vor dem Haus stand ein weisser Flügel. Von dort kam die Musik. Ein junger Mann sass am Flügel und wiegte den Oberkörper sanft hin und zurück, dazwi-schen schüttelte er sich wie ein Epileptiker, während er die Tasten einmal lauter, einmal leiser streichelte und die wunderbarsten Melodien hervorzauberte. Der Salon hinter der Terrasse war schwach erleuch-tet. Alex konnte einen grossen fünfarmigen Lüster erkennen.
Wie ein verwunschenes Märchenschloss mit
einem jungen Prinzen, dachte Alex.
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sanfte Stimme. Eine Frau mit schwarzen, langen glatten Haaren stand hinter dem Zaun im langen Schatten einer Zeder. Sie trug ein dunkelblaues Flapper-Kleid im Stil der 20er Jahre, besetzt mit glänzenden Pailletten und Fransen. Eine lange Per-lenkette reichte bis zu ihrer schmalen Taille. Mit ih-ren dunklen Augen musterte sie Alex.
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peinlich, dass er wie ein Spion an einem fremden Gartentor stand und lauschte.
Ä7ULQNHQ 6LH HLQ *ODV Champagner mit
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Alex wurde noch verlegener.
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antwortete er und freute sich über seine schlagfertige Antwort.
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ihn erneut aus der Fassung. Sie lachte und öffnete das hohe, eiserne Gittertor.
Verwirrt trat Alex in den Garten. Auf der lin-
ken Seite erblickte er einen Teich mit zwei schnee-weissen Schwänen. Sie musterten den Fremdling neugierig und glitten dann lautlos zum anderen Ufer des Teiches. Auf der anderen Seite des Gartenwegs stand eine anzügliche Marmorstatue. Es war Leda mit dem Schwan. Linda hatte ihm einmal die ganze Geschichte erzählt, von dem griechischen Gott Zeus, der sich in einen Schwan verwandelt hatte, um seine irdische Angebetete, die schöne Königstochter Leda, zu verführen. Da sich diese in derselben Nacht auch noch mit ihrem Gatten vereinigte, gebar sie da-nach zwei Eier mit Kindern darin. Eine wilde Ge-schichte, wie so oft in der griechischen Mythologie. Diese erotische Begebenheit begeisterte nicht nur die alten Griechen, auch Michelangelo, Leonardo da Vinci und viele andere berühmte Künstler haben das Thema in ihren Gemälden verewigt.
Ist das ein Traum, fragte sich Alex und folgte
der fremden Frau über den Kiesweg zum Haus. Die Pailletten auf ihrem Kleid bewegten sich bei jedem Schritt und die Fransen am Saum streichelten ihre schlanken Waden.
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)UDX GHP 3LDQLVWHQ ]X ÄZLU KDEHQ HLQHQ *DVW ´
Dieser schüttelte den Kopf und spielte unbe-
irrt weiter.
Auf einem Tisch neben dem Flügel stand ein
Eiskübel mit einer offenen Flasche Champagner. Die Frau nahm die Flasche heraus und goss die pri-ckelnde Flüssigkeit in zwei langstielige Gläser mit einem breiten goldenen Rand.
Ä$XI ,KU :RKO´ VDJWH VLH XQd reichte Alex
ein Glas.
Noch bevor er etwas erwidern konnte, fragte
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tig.
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Alex nahm einen Schluck vom Champagner.
Die Frau verwirrte ihn immer mehr. Er fühlte sich unbehaglich und fröstelte plötzlich.
Ä,VW ,KQHQ NDOW"´ IUDJWH VLH XQG musterte ihn
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Alex folgte ihr in den Salon. Drinnen knis-
terte ein Feuer in einem breiten Kamin. Über dem Kaminsims hing ein Spiegel, aber ein schwarzes Tuch verdeckte das Glas. Die Kerzen auf dem fün-farmigen Lüster flackerten, sie waren die einzige Lichtquelle in dem grossen Raum. Inzwischen war die Sonne ganz verschwunden und die Nacht herein-gebrochen. Die hohen Bäume des Parks waren nur noch als dunkle Schatten erkennbar und hüllten die Umgebung in eine geheimnisvolle Atmosphäre. Fle-dermäuse huschten als kaum wahrnehmbare Schat-ten durch die Luft und verschwanden in der Dunkel-heit. Trotz des Kaminfeuers erschien es Alex in dem Raum kühler als draussen. Er versuchte in dem schummrigen Licht die Umgebung wahrzunehmen. In einem grossen, runden Käfig hockte ein weisser Kakadu mit einer gesträubten, gelben Federhaube. Auch er musterte den Fremdling und legte dabei den Kopf schief zur Seite. Die ovale Fensterfront zu bei-den Seiten der Terrassentüre war von altmodischen Vorhängen verdeckt. Sie waren aus gelbem Damast mit einem bunten, eingewebten Blumenmuster und über dem oberen Rand hingen Volants aus demsel-ben Stoff gefertigt. Im hinteren Teil des Salons er-kannte Alex die Umrisse von Palmen in wuchtigen Holzkübeln. Neben der Salontüre hielt eine lebens-grosse Porzellanstatue ein Tablett in den Händen mit einer silbernen Schale darauf. Wahrscheinlich für die Visitenkarten, dachte Alex. Vor dem Kamin standen zwei Jugendstilsessel aus hellbeigem Leder.
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