Mord in der Pension Möwennest - Jess Kidd - E-Book
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Mord in der Pension Möwennest E-Book

Jess Kidd

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Beschreibung

1954: Nach dreißig Jahren im Kloster kehrt Schwester Agnes, nunmehr wieder Miss Nora Breen, ihrem Konvent den Rücken zu. Ihr Weg führt sie nach Kent in das pittoreske Küstenstädtchen Gore-on-Sea, wo ihre einstige Novizin Frieda Brogan vor einem Monat spurlos verschwunden ist. Ihre wöchentlichen Briefe haben einfach aufgehört – und das kurz nachdem Frieda angekündigt hatte, die Geheimnisse der sonderbaren Bewohner der Pension Möwennest zu lüften. Ist sie dabei auf unliebsame Wahrheiten gestoßen, die sie von der Küste vertrieben haben, oder ist ihr gar Schlimmeres widerfahren? Nora geht undercover und nistet sich nicht nur im Möwennest ein, sondern bezieht auch Friedas einstiges Zimmer. Ihr Verdacht, dass es in der Pension nicht mit rechten Dingen zugehen kann, bestätigt sich, als einer der Gäste tot aufgefunden wird. Teddy Atkins Kaffee wurde vergiftet. Da Detective Inspector Rideout den Tod des jungen traumatisierten Mannes jedoch als Suizid abtut, nimmt Nora kurz entschlossen die Ermittlungen selbst in die Hand – und alle Gäste des Möwennests aufs Korn.

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Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Seit drei Jahrzehnten trägt Schwester Agnes täglich Ordenskleid und Schleier – bis zu dem Tag, an dem sie das Kloster in High Dallow für immer verlässt, ihren Habit gegen Alltagskleidung tauscht und ein neues Leben beginnt. Miss Nora Breen, wie sie nunmehr wieder heißt, reist nach Gore-on-Sea. Dort ist ihre einstige Novizin Frieda, die sich in der Pension Möwennest niedergelassen hatte, vor einem Monat plötzlich verschwunden. Kurz zuvor hatte sie angekündigt, Nora von den Erkenntnissen berichten, die sie über die Bewohner dieser merkwürdigen Pension gewonnen hat. Was hat Frieda herausgefunden und wo ist sie jetzt? Nora geht undercover und macht nicht nur die Bekanntschaft der Möwe Father Conway, sondern lernt auch den wild zusammengewürfelten Haufen an Gästen und Bediensteten sowie die Besitzerin der in die Jahre gekommenen Pension kennen. Diese ist in hellem Aufruhr, als einer der Gäste tot im Gartenschuppen aufgefunden wird. Auch wenn Detective Inspector Rideout da anderer Meinung ist, Teddy Atkins Tod war kein Suizid, dessen ist sich Nora sicher, und jeder und jede im Möwennest könnte dahinterstecken …

Copyright © Travis McBride

Jess Kidd, 1973 in London geboren, hat Literatur an der St Mary’s University in Twickenham studiert. Bei DuMont erschienen ihr Debütroman ›Der Freund der Toten‹ (2017), der auf der Krimibestenliste stand, sowie die Romane ›Heilige und andere Tote‹ (2018), ›Die Ewigkeit in einem Glas‹ (2019) und ›Die Insel der Unschuldigen‹ (2023). Jess Kidd lebt in West London.

Werner Löcher-Lawrence, geboren 1956, ist als literarischer Agent und Übersetzer tätig. Er übertrug u. a. Meg Wolitzer, Benjamin Myers, Nathan Hill, Benjamin Wood und Hilary Mantel ins Deutsche.

Jess Kidd

MORD IN DER PENSION MÖWENNEST

Eine gescheiterte Nonne ermittelt

ROMAN

Aus dem Englischenvon Werner Löcher-Lawrence

Von Jess Kidd sind bei DuMont außerdem erschienen:

Heilige und andere Tote

Der Freund der Toten

Die Ewigkeit in einem Glas

Die Insel der Unschuldigen

Die englische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel ›Murder at Gulls Nest‹ bei Faber & Faber Ltd, London.

Copyright © 2025 by Jess Kidd

E-Book 2026

© 2026 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Satz: Fagott, Ffm

E-Book Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book 978-3-7558-1186-2

www.dumont-buchverlag.de

 

Für Claire Martin

Warte, bis sich deine Augen an die Düsternis gewöhnt haben. Du bist in einem Tunnel, nein, in einer Grube. Die Wände sind gemustert, mit glatten Wülsten, Wellen, Wirbeln. Es gibt Licht, so kühl, es muss Mondlicht sein. Mondlicht, das durch eine Öffnung zum Himmel hereinfällt. Du bist allein, bis auf eine in sich zusammengesunkene Gestalt. Ja, klar: eine Frau. Lebte sie, hätte sie eisige Hände. Sie würde die Kälte dieses Ortes hassen. Die Wände glänzen feucht. Das Tropfen des Wassers würde ihr missfallen. Das Rascheln der Ratten, nah und näher. Lebte sie, würde sie zum Licht aufsehen. Zu ihm hinaufrufen. Aber ihre Augen sind blind, ein Schleier hat sich über sie gelegt. Ihr Mund hängt schlaff nach unten. Das Gesicht geschwollen, die Lippen blau, eine Hand liegt offen da. Es ist düster, aber nicht düster genug, um zu verbergen, dass sie nicht mehr ist. Kannst du nicht sehen, dass sie nicht mehr ist? Es ist der zur Seite geknickte Hals, der komisch geneigte Kopf. Die Hand wie flehend ausgestreckt. Hoch oben zieht eine Wolke vor den Mond, Schatten bedeckt ihr Gesicht, verdunkelt ihre Miene. Wenn es Tag wird, wird er sich nicht in ihren stumpfen Augen spiegeln.

1

Die Frau steigt den Hügel hinauf, einen günstigen Wind im Rücken. Günstig jedoch nur, weil er in die gleiche Richtung weht, ansonsten ist er bitter, rau und salzig, kommt vom weiten, kalten grauen Meer herauf. Die Frau und der Wind folgen einer sich schlangengleich windenden Promenade, die immer weiter ansteigt. Das Strandleben ist so gut wie versiegt. Es gibt keine Liegestühle mehr zu mieten, keine schlüpfrigen Postkarten zu kaufen, das Eselreiten und Zigeunerin Roselee, die niveauvolle Wahrsagerin sind verschwunden. Die Schilder wurden eingeholt, die Budenfenster mit Brettern vernagelt. Nur ein paar halten noch durch und verkaufen tapferen, die belebende Oktoberluft genießenden Tagesausflüglern aus London überbrühten Tee, Schaufeln und Eimer.

Am Ende der Promenade ragen herrschaftliche Villen über der grasbewachsenen Böschung auf. Die Frau nimmt den steilen Weg hinauf und hält auf sie zu. Die Villen bieten dem Wetter, so gut sie können, die Stirn, einige altersschwächer als andere, mit schartigen, vernarbten steinernen Fassaden, leeren, ausdruckslosen Fenstern, nasskalten Gärten und Dachziegeln, die schiefen alten Zähnen gleichen.

Die Frau trägt keinen Hut. Nora Breen trägt keinen Hut. Der Hut, den man ihr gegeben hat, ein gelbes barettartiges Ding, steckt im Koffer, den sie ebenfalls geschenkt bekommen hat. Der Hut ist nicht unbedingt ein Hingucker, mit ihm sieht Nora wie ein kesses mittelaltes Schulmädchen aus. Nicht dass sie eitel ist, aber sie geht lieber ohne. Sie mag es, wie der Wind ihr durchs Haar fährt, rau, wie er ist. Er reibt ihr über die Ohren, sticht ihr in die Augen, aber sie hört sein Lied, und Tränen sind nicht immer schlimm.

All die Jahre fern auf dem Land hat sie das Meer vermisst, und sie genießt es, wie leicht sich ihr Kopf hier anfühlt, genießt den neuen Rundumblick ohne Haube und Schleier.

Wie bemerkenswert die Fähigkeit, sich anzupassen, doch ist. Verpflanzt du einen Menschen in neue Erde, ziehen sich seine Wurzeln zunächst erschreckt zurück, nach und nach strecken sie sich jedoch wieder aus. Nora nimmt an, das liegt an der Evolution, und der Gedanke gibt ihr das Gefühl, sehr fortschrittlich zu sein. Aber sie weiß auch, sich anzupassen ist das eine, aufzublühen etwas ganz anderes.

Am ersten Tag nach ihrem Abschied von den Schwestern dachte Nora, sie könnte einfach so davontreiben mit ihrem freien Blick und luftig leichten Kopf. Sie musste an den heiligen Josef von Copertino denken, der in Ekstase durch sein Kloster geschwebt war, was für einen wohlbeleibten Franziskaner keine kleine Sache war. Er flog über die Blumenbeete, glitt am Glockenturm vorbei, und seine Brüder blickten mit Neid und Ehrfurcht zu ihm auf.

Am zweiten Tag nach dem Verlassen des Ordens hat Nora einen Trick entwickelt. Sie sieht auf die Schuhe an ihren Füßen hinunter und sagt ihnen, sich, so gut sie können, an ihr festzuhalten. Sie sind schwer und klobig, so altmodisch wie hässlich und ein ziemlicher Ballast.

Es sind nicht ihre Schuhe, genauso wenig wie die Kleider, die sie am Leibe trägt. Vor dreißig Jahren ist sie in das Karmelitinnenkloster von High Dallow eingetreten, und ihre wenigen eigenen Sachen waren längst nicht mehr da. Was sie trägt, sind die weltlichen Besitztümer einer anderen Frau, eingetauscht gegen Ordenskleid und Schleier. Nora kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, welcher ihrer ehemaligen Schwestern dieser Mantel gehört haben soll. Das Braunrot ist fraglos etwas, von dem man sich trennen will.

Ein weiterer Trick Noras ist es, auf ihren Blick zu achten. So vermag sie einzelne Schnipsel der Welt in sich aufzunehmen, ohne sich an ihr zu betrinken. Kleine alltägliche Dinge, die anderen nicht auffallen: eine klumpfüßige Taube, ein Riss in einem Kamin, Licht, das durch die Wolken fällt, ein Kind, das mit einer Katze auf einer Treppe sitzt, sie zu fest in den Armen hält, und die Miene der Katze dazu. Nora sagt sich, die Welt mag ja verwirrend scheinen, aber sie ist einfach nur die Summe ihrer Teile. Nimm sie Stück für Stück, dann kannst du das Ganze verstehen.

Den Weg die Böschung hinauf hält sie ihren Blick unter Kontrolle. Nicht nur wegen des beunruhigend grauenhaften Braunrots, das sie trägt. Das Flattern des Mantelsaums und das Schwingen ihres freien Arms würden schon reichen, um sie abzulenken. Über drei Jahrzehnte war sie von einer gedeckten Farbpalette umgeben, beruhigend für Auge und Geist – pastellfarbene Rosen im Gemüsegarten, Gänge mit dunklem Holz und getünchten Wänden, braune und schwarze Wollserge und schneeweißer Baumwollstoff. Abgesehen vom Gleißen des Sonnenaufgangs und -untergangs boten die feinen Goldfäden im Altartuch und der sanfte Schimmer des polierten Kelches die satteren Töne. Sie wird sich an diesen Farbrummel gewöhnen, an Schilder, Lippenstift und rotbraune Mäntel.

Die Stadt am Meer fällt hinter ihr zurück. Von oben kommt ein Milchmann mit seinem Handkarren. Er scheint am Ende seiner Runde zu sein, pfeift vor sich hin, zwinkert ihr müde zu. Nora zwinkert zurück. Schlagartig verstummt er und sieht weg. Nora lächelt und ist wieder ein Mädchen, das die Jungen verschreckt, was sie immer amüsiert hat.

Sie erreicht das Haus am Ende des Weges. Direkt darüber gibt es noch eine kleine gedrungene Kirche mit einem hübschen Pfarrhaus und einem überwucherten Friedhof. Sie scheint ihrem eindrucksvolleren Nachbarn über die Schulter zu blicken. Dahinter schließt sich Gebüsch und ein Durcheinander von Kleingärten an, die zweifellos noch aus dem Krieg stammen und trotz ihrer Nähe zum Meer wohl gut etwas abwerfen. Ein schmaler Pfad führt weiter auf die Landzunge und schwindet dahin, bevor er die Klippen erreicht.

Nora hält auf das letzte Haus der Reihe zu. Es ist eine alternde Schönheit. Vier Stockwerke, großzügige Erkerfenster, ein paar kleinere Bullaugen, eine Art Türmchen. Dach und Ziegel scheinen leicht gewellt, was auf ein Absinken oder aber auch bauliche Fantasie schließen lässt. Es gibt zwei Tore und eine halbmondförmige Zufahrt mit reichlich Platz für das Wenden einer Kutsche. Düstere Eibengruppen verleihen dem Ganzen eine gewisse Trübseligkeit. Zu seiner Zeit muss es ein herrschaftliches Anwesen gewesen sein. Heute ist es eine Pension. Nora entdeckt überrascht, dass etliche Kaninchen auf einem lückenhaften Rasen grasen. Sie scheinen zu zahm, um wild, und zu muskulös, um Haustiere zu sein. Sie tragen bereits ihren Winterpelz und schauen mit durchdringendem Blick zu ihr herüber. Ein paar haben Hängeohren, einige sehen geradezu nobel aus.

Nora steigt die leicht vermoosten steinernen Stufen zur Tür hinauf und drückt auf die Klingel, neben der ein dezentes Schild angebracht ist.

DAS MÖWENNEST

Herberge für anspruchsvolle Ladys und Gentlemen

Frühstück, Halb- und Vollpension.

Heiße Bäder und Hauswirtschaft verfügbar.

Langzeitgäste willkommen

ZIMMER FREI

Eine korpulente, kräftige Frau öffnet die Tür. Die Kaninchen suchen das Weite. Nora betrachtet die robuste Person mit den rissigen, ausgetrockneten Händen, die von lebenslanger Hausarbeit zeugen. Sie hat Schweißperlen auf der Stirn, und die grau melierten Haarsträhnen, die unter dem Kopftuch hervorragen, sind ebenfalls nass geschwitzt. Die Schürze der Frau ist nicht zu sauber, und sie trägt Holzpantinen, wie sie einst von eher verlotterten Frauen getragen wurden. Das teigige, gerötete Gesicht ist mit zwei Beerenaugen garniert, deren leichtes Schmälern wohl als Begrüßung zu verstehen ist.

Nora Breen nennt ihren Namen, der sich komisch in ihrem Mund anfühlt. Sie hat ihn seit dreißig Jahren nicht benutzt; damals hat sie ihn bereitwillig abgelegt, um Schwester Agnes zu werden. Da war ihr Haar noch kastanienbraun und ihre Haut glatt. Der Mantel, den sie trug, war ihr eigener, und die Schuhe an ihren Füßen waren nicht mit Zeitungspapier ausgestopft.

Nora wird in den Salon geführt, wo sie warten soll. Nachdem sie den braunroten Mantel abgelegt hat, fühlt sie sich ruhiger und entspannter. Das gebrauchte Kleid, das sie trägt, ist hochgeschlossen und von einem schönen Dunkelgrau, auch wenn es um die Brust etwas lose sitzt, denn sie hat keine. Die mittelalte Nora hat eine jungenhafte Figur und scheint eher der sportliche Typ. Sie ist in den Orden eingetreten, bevor sie irgendwelche Kurven entwickeln konnte, und hat ihn auch ohne verlassen. In den dazwischenliegenden Jahren … Wer weiß? Als Schwester Agnes war ihr Körper nicht von Bedeutung, eingehüllt in Wollserge. Er erhob sich im Morgengrauen und folgte Tag für Tag dem vorgegebenen Ablauf. Kniete und putzte mit gleicher Hingabe. Er trug sie in die Kirche und zu ihrer Arbeit im Krankenhaus, wurde mit kaltem Wasser gewaschen, mit einfachem Essen verköstigt, lebte weitgehend in Stille und schlief nächtens auf einer schmalen Pritsche. So ist Nora von robuster Gesundheit und leidet unter keinem der Laster, derer sich ihre Zeitgenossen draußen in der Welt erfreuen. Schmalgliedrig, groß, mit den schlanken, ruhigen Händen einer Heiligen. Ein Blick in den Spiegel über dem Kaminsims würde ihr sagen, was sie längst weiß: Sie hat ein Gesicht, das streng wirkt, solange sie nicht lächelt, ein kräftiges Kinn, einen breiten Mund, eine gerade Nase und klare graue Augen. Die kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen war bezaubernd, als sie jung war, und wird auch im Alter noch etwas Einnehmendes haben. Ihr braunes, an den Schläfen mit grauen Strähnen durchsetztes Haar wurde für den Schleier kurz gehalten. Jetzt wächst es wieder, pelzartig, ein kurzer Pony umrahmt ihr Gesicht; sie sieht aus wie eine mittelalte Jeanne d’Arc.

Nora sitzt aufrecht in einem bequemen Sessel. Sie neigt nicht dazu, krumm dazuhocken oder herumzurutschen. Ihre Hände liegen in ihrem Schoß. Ohne Nonnentracht, Skapulier und all das andere, jetzt, wo sie keine Braut Christi mehr ist, fragt sie sich, in was für einem Verhältnis sie überhaupt noch zu ihm steht. Eine ungebundene Frau, frei, draußen in der Welt. Sie blickt auf ihre Schuhe und bittet sie: Fallt mir nicht von den Füßen. Ein Anflug von Panik lässt sie ihre Entscheidungen der letzten Monate infrage stellen. Ihr schleichender Zweifel meldet sich zurück: Was für ein Narr wirft dreißig Jahre der Hingabe weg, um ein Rätsel zu lösen, so beunruhigend es auch sein mag?

Nora versucht, diesen nervigen Gedanken beiseitezuschieben. Den Orden zu verlassen war so einfach wie kompliziert, impulsiv und das Ergebnis jahrzehntelangen Grübelns. Irgendwann wird sie dieser verzwickten Entscheidung auf den Grund gehen, vorerst packt sie das alles jedoch in eine staubige Ecke ihres Hirns und konzentriert sich auf die vor ihr liegende Aufgabe.

Sie sammelt sich, während sie darauf wartet, dass die Haushälterin mit der Vermieterin zurückkommt. Der Salon ist staubig und der Kamin ohne Feuer. Die Möbel sind schwer und dunkel, aus einer anderen Zeit. Die Tapete ist ebenfalls uralt, mit einem Schwarm unheimlicher Muster, Motten vielleicht oder Urnen. Irgendwo im Haus entfernen sich Schritte, dann schlagen Türen zu. Auf dem Kaminsims tickt eine Uhr, von den Enden giften sich zwei Porzellanhunde an. Der Himmel draußen hellt auf, was dem Raum egal ist, ein schwerer Samtvorhang und die sich vor dem Fenster drängenden Eiben weisen die Sonne ab. Der Vorhang bewegt sich, bemerkt Nora nun, und die Bewegung wird zu einem sanften Sichbauschen.

Dann öffnet er sich und enthüllt ein Kind in seinen Falten. Das Mädchen, Nora schätzt es auf etwa acht Jahre, trägt ein abgelegtes Cocktailkleid und zerschlissene, bis über die Ellbogen reichende Abendhandschuhe. Kopfüber hängt die Kleine ein paar Handbreit über dem Boden, die Beine im zerfaserten Vorhangfutter verwickelt. Mit der geübten Leichtigkeit einer Trapezakrobatin dreht sie sich jetzt und kommt auf die Beine. Ihr Gesicht ist blass genug, um zu leuchten, sie hat ein kleines, spitzes Kinn und große blaue Augen, all das in einem Nest wilder roter Haare. Das Kind hat etwas Fuchshaftes, eine aufmerksame, ungezügelte Gewitztheit. Es richtet seinen Blick auf Nora und nickt ernst und förmlich.

Nora erwidert den Gruß.

Zwei Generäle, sie sich über das Schlachtfeld hinweg, einem schäbigen Kaminvorleger, gegenseitig taxieren.

Auf das Geräusch der sich öffnenden Tür hin schließt sich der Vorhang wieder, und das Mädchen verschwindet. Der Stoff bewegt sich kaum.

Eine Frau kommt herein, um die dreißig und mit hellem Haar. Schneiderinnen würden sie zierlich, aber wohlproportioniert nennen. Trotz aller Mühe, sich schlicht zu kleiden – sie trägt ein einfaches schwarzes Kleid und flache Pumps –, geht ein Glanz von ihr aus, ein Leuchten. Wie bei einer Schauspielerin in einer Beerdigungsszene.

Sie tritt auf Nora zu. »Bitte, bleiben Sie sitzen. Ich bin Helena Wells. Sie haben den frühen Zug genommen? Wunderbar.« Sie dreht sich zur Haushälterin um, die ihr in den Salon gefolgt ist, und fragt vorsichtig: »Irene, würden Sie nach einem Tee für Miss Breen sehen?«

Irene atmet hörbar aus und macht auf dem Absatz kehrt.

Mrs Wells lässt sich auf einem nahen Stuhl nieder und deutet mit fragender Miene zum Vorhang hin.

Nora nickt.

Mrs Wells senkt die Stimme. »Lassen Sie Dinah am besten auf sich zukommen. Meine Tochter spricht nicht, bitte erwarten Sie es nicht von ihr. Sie lebt in ihrer eigenen Welt.« Mrs Wells lächelt, als wollte sie sagen, dass das keine schlechte Sache ist.

Nora lächelt auch. »Danke, dass Sie mich so kurzfristig bei sich aufnehmen, Mrs Wells.«

»Sagen Sie Helena zu mir. Und gerne, sehr gerne. Wie ich berichtete, das Zimmer ist unerwartet frei geworden. Ein Gast sollte eigentlich bis in den Frühling bleiben, ist dann aber ohne Vorankündigung Ende August ausgezogen. Ein Glück für Sie, für mich weniger.«

»Eine so plötzliche Abreise?« Nora versucht, unbeteiligt zu klingen.

Von Helena kommt eine überlegte Antwort: »Es lag nicht am Zimmer, das kann ich Ihnen versichern. Es ist hübsch, mit wohl dem besten Ausblick des Hauses.«

Der Vorhang bauscht sich erneut. Helena scheint sich zu mühen, keine Notiz davon zu nehmen.

»War der Gast eine Dame?«, fragt Nora ruhig.

»Ja. Ist das wichtig?«

Aus einem Impuls heraus hat Nora ihren wahren Grund für das Sicheinquartieren im Möwennest für sich behalten, als sie Helena Wells schrieb, und sie verspürt ebendiesen auch jetzt wieder.

Nora lächelt und überhört die Frage. »Und sie ist einfach so verschwunden? Wie merkwürdig.«

»Die Gäste kommen und gehen. Ich kann es nicht ändern.« Helena sieht Nora aufmerksam an. Sie hat klare, helle Augen. »Wo kommen Sie her, Miss Breen?«

Der Vorhang schwingt wild hin und her.

»›Nora‹ genügt.«

Helena lächelt und nickt.

»Aus dem Norden Englands«, sagt Nora freundlich, aber bestimmt. »Sie stammen ursprünglich auch nicht aus Kent, oder?«

»Nein, aus London. Ich bin im letzten Kriegsjahr hergekommen, direkt nach Dinahs Geburt. Vor acht Jahren.« Sie zieht die Brauen zusammen, als würden ihr die Auswirkungen ihrer Entscheidung erst jetzt vollkommen bewusst. »Wie die Zeit vergeht.«

»Was hat sie gerade hierher gebracht, Helena?«

Ein Schatten zieht über Helenas Gesicht. »Die frische Luft, nehme ich an.«

Der Vorhang beruhigt sich, rührt sich nicht mehr, als hörte er ihnen zu.

»Das Möwennest war bereits ein Gästehaus, als ich herkam«, fährt sie fort. »In Zimmer aufgeteilt, kleine Apartments, sagt man heute wohl. Ein alter Mieter hatte sogar seine eigene Einrichtung mitgebracht. Irene hielt es für das Beste, so weiterzumachen.« Sie errötet.

Aus Verlegenheit, fragt sich Nora, wegen der Änderung ihres Standes? Von der Gesellschaftsdame zur Pensionswirtin am Meer? Helena ist eindeutig zu glanzvoll für so eine schäbige Umgebung, mit ihrem gehobenen Akzent und ihrer eindrucksvollen Erscheinung. Oder quält sie etwas anderes? Nora spürt Ängstlichkeit in ihrem Auftreten, etwas Zurückweichendes, Nervöses. Sie scheint sich sogar vor ihrer eigenen Bediensteten zu fürchten.

»Der Krieg hat alles verändert«, sagt Nora. »Unser aller Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Gehörte auch Irene mit zur Einrichtung? Wie sagt man noch … Ein alter Besen kennt die Ecken?«

Helena lacht. Die Spannung im Raum löst sich. »Ich kenne Irene aus London. Sie war mir da schon eine Hilfe. Sie mögen uns für eine komische Verbindung halten, Nora.« Sie lächelt, als wollte sie sagen, dass das keine gute Sache ist.

Die Uhr tickt. Unversehens öffnet sich die Tür, Irene kommt mit einem aufrührerischen Blitzen in den Augen herein, stellt scheppernd ein Tablett mit Tee auf den Tisch und knallt beim Herausgehen die Tür hinter sich zu.

Helena atmet hörbar aus. Sie schenkt den Tee ein und gibt großzügig Milch und Zucker dazu. Sie tut es kultiviert und so, als erinnerte sie sich an ihre Bühnenanweisungen.

»Vergeben Sie mir, wenn ich mich Ihnen nicht anschließe, Nora. Es ist nicht sehr englisch, ich weiß, aber ich trinke keinen Tee.«

Nora nimmt ihre Tasse.

»Irene kommt und hilft Ihnen mit Ihrem Gepäck.« Nur ein winziger Blick fällt auf Noras abgewetzten Koffer, der von einer Schnur zusammengehalten wird. »Ich hoffe, das Zimmer sagt Ihnen zu.«

»Danke.«

»Irene wird Ihnen die Hausregeln erläutern. Sie ist sehr auf ihr Einhalten bedacht. Ich nehme an, es trägt zum geordneten Betrieb des Hauses bei. Das Abendessen wird um Punkt sechs serviert. Heute ist Donnerstag, das heißt, es gibt geschmorte Leber.«

Aus Richtung des Vorhangs kommt ein raschelndes Geräusch.

Die Frauen sehen einander an und lächeln.

Helena legt die Hände in den Schoß. Sie scheint in Gedanken verloren und wirft nur gelegentlich einen Blick auf ihren neuen Gast. Die Hausherrin hat noch etwas zu sagen, denkt Nora. Sie trinkt ihren Tee aus und stellt die Tasse zurück auf das Tablett. Helena beugt sich vor und berührt ihren Arm. Nora riecht Pfefferminz und noch etwas darin, das sie nicht richtig einordnen kann.

»Bitte, achten Sie nicht auf die Geschichten«, flüstert Helena mit Nachdruck.

»Geschichten?«

»Die Leute hier erzählen gerne Geschichten. Die Frau ist einfach abgereist. Da gibt es kein Geheimnis, ganz gleich, was sie sagen.«

Nora hält ihre Stimme ruhig. »Was sagen sie denn?«

Helena schüttelt den Kopf und steht auf. »Man sollte bloßes Geschwätz nicht wiederholen.« Ihr Lächeln wirkt bemüht. »Sie müssen müde sein nach der Reise. Finden Sie sich erst einmal ein.«

Nora trägt ihren Koffer selbst und folgt Irene, die ihre Schürze abgelegt hat und ein einfaches Hauskleid trägt, die Treppe hinauf. Auch die dicke soßenbraune Farbe, der fadenscheinige Teppich, der abgestandene Geruch von Räucherhering und die dahintreibenden Staubpartikel vermögen der Eleganz der in einem Bogen nach oben führenden Treppe nichts zu nehmen. Die Tapete ist verblichen, mit hellen scharlachroten Rechtecken, wo früher einmal Bilder gehangen haben müssen. Dort ist ihr Muster, es sind Chrysanthemengirlanden, klarer zu erkennen. Und überall schmücken handgeschriebene Schilder die Wände. Auf der Rückseite der Eingangstür steht:

KEIN EINLASS NACH 21 UHR

An der Wand den Flur hinunter liest Nora:

WÄSCHE

Alle Teile für BLOSSES WASCHEN montags vor die Küchentür legen.

Wenn BÜGELN nicht eigens erbeten, kommt die Wäsche FEUCHT zurück.

FEUCHTE WÄSCHE NICHT IM ZIMMER TROCKNEN.

Und auf einer Tür des ersten Treppenabsatzes steht:

BADEZIMMER

Montag, Mittwoch, Freitag GENTLEMEN vorbehalten.

LADYS am Dienstag, Donnerstag, Samstag.

Sonntag nach Absprache.

Weiter den Flur hinunter sitzt ein kleiner weißer Hund mit einer rot-blau gestreiften Halskrause still wie eine Statue auf den Hinterbeinen. Nora hört ein leises Knurren, als Irene sich ihm nähert, aber der Hund behält seine Position bei. Er bewacht die Tür hinter sich.

»Erster Stock hinten«, schnaubt Irene in Richtung des Hundes. »Professor Poppy.«

»Professor? Ein studierter Mann also?«

»Ein Puppenspieler«, sagt Irene voller Verachtung. »Punch und Judy.« Sie nickt zum Hund hin. »Bevor Sie fragen: Haustiere sind nicht erlaubt. Der alte Mann hat eine Sondergenehmigung, weil er ihn für seine Arbeit braucht. Wobei ich kaum etwas davon sehe.«

Der Hund starrt Irene unnahbar an. Irene wendet den Blick ab. »Erster Stock vorne.«

Nora folgt der Haushälterin in ein Zimmer, das voller Meer ist. Verblichene grüne Wände, ein abgewetzter blauer Boden, und die Fenster gehen zur endlosen Weite des Wassers hinaus. Nora stellt den Koffer ab und blickt nach draußen. Die Wolken sind aufgebrochen, und ein makrelenförmiger Lichtstreifen liegt auf dem Wasser.

»Wie schön«, murmelte sie.

»Keine Besucher«, sagt Irene. »Keine Kohlen, die nicht von mir sind, zu drei Schilling der Eimer. Es gibt keine Wärmestrahler zum Ausleihen im Möwennest, also fragen Sie erst gar nicht danach. Keine Tiere irgendwelcher Art, ob auf den eigenen Beinen oder von Ihnen getragen. Kein Kochen im Zimmer, nur der Wasserkessel dort darf benutzt werden. Wasser gibt es im Badezimmer, aber nur an den erlaubten Tagen. Essen wird allein im Speisezimmer aufgetragen, und wir erwarten Pünktlichkeit. Die Zeiten stehen an der Tür. Außerhalb dessen werden keine Erfrischungen angeboten. Mittagessen gibt es nicht, also fragen Sie auch nicht danach. Den Pensionsgästen wird kein Essen aufs Zimmer gebracht, auch nicht, wenn sie krank sind. Geputzt wird einmal wöchentlich, an einem von mir bestimmten Tag. Alle Gäste haben ihre Zimmer an Werktagen von neun Uhr vormittags bis zwei Uhr nachmittags zu verlassen. Der Salon kann von drei Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends und den gesamten Sonntag über für Besucher genutzt werden. Den Abort finden Sie im Garten hinter dem Rhododendron. Zum Schutz der Böden werden Hausschuhe empfohlen. Die Miete wird wöchentlich im Voraus bezahlt, es sei denn, Sie haben mit Mrs Wells bereits etwas anderes arrangiert.« Sie hält inne und schnieft. »Miss Breen, haben Sie mit Mrs Wells diesbezüglich bereits etwas arrangiert?«

Nora wendet sich lächelnd vom Fenster zu ihr um. »Ich habe mit Mrs Wells noch nichts arrangiert.«

Irene wartet ohne ein Lächeln.

Nora nickt, nimmt ihre Geldbörse und zählt einige Münzen ab.

Irene steckt das Geld ein. »Kohlen?«

Nora schüttelt den Kopf. »Ich ziehe ein kaltes Zimmer vor.«

Irene wirft ihr einen Blick zu, der an Anerkennung grenzt. »Ihr Hausschlüssel liegt auf dem Tisch. Ermuntern Sie das Kind nicht. Miss Wells soll nicht mit den Gästen verkehren.«

Nora wendet sich wieder dem Fenster zu und öffnet es. Fast noch im selben Augenblick stößt eine Möwe herab und läuft über die Fensterbank.

Nora lacht. »Wie zutraulich sie ist.«

Irene drängt an ihr vorbei und knallt das Fenster wieder zu. Der Vogel fliegt davon. »Wir ermuntern auch keine Möwen. Das Füttern von Vögeln ist verboten. Sollte Miss Wells in Ihr Zimmer kommen …«

»Muss ich sie verscheuchen, als wäre sie eine Möwe.«

Irene schnaubt und eilt aus dem Zimmer.

»Danke, Irene.«

»Mrs Rawlings, wenn ich bitten darf.«

Nora verzieht das Gesicht, als sich die Tür schließt, und schickt aus der Macht der Gewohnheit ein Gebet um Geduld und Demut zum Himmel, hält inne und überdenkt das Ganze noch einmal. Ihr Temperament zu kontrollieren war eine ihrer größten Prüfungen in High Dallow. Aber ihr schnelles Aufbrausen war nicht die schlimmste ihrer Schwächen. Ihre Wissbegierde wurde für respektlos gehalten, ihre Klugheit für sündigen Stolz. Was zur Folge hatte, dass sie weit mehr Badewannen zu schrubben hatte als alle anderen Postulantinnen. Jetzt, draußen in der Welt, kann sie ihren unvorteilhafteren Eigenheiten nachgeben. Der Gedanke erfüllt Nora mit einer seltsamen Mischung aus Erleichterung und Besorgnis.

Sie sieht sich im Zimmer um. Große Fenster, eine hohe Decke mit staubigem golden bemalten Stuck an den Rändern. Ein luftiger Raum, verwohnt, aber immer noch hübsch. Keine Nonnenzelle. Und auch nicht, und dafür ist sie dankbar, wie das Hotelzimmer in Paddington, in dem sie letzte Nacht geschlafen hat. Das war eine ziemliche Höhle.

Die Uhr auf dem Kaminsims zeigt die falsche Zeit an, zwölf Uhr, wo es doch eindeutig zwischen dem Nachmittags- und dem Abendgebet ist. Ohne die Struktur der Gebete war ihr erster Tag zurück in der Welt, gestern, bis zum Vormittag seltsam unklar und endlos und ist dann davongaloppiert. Ein weltlicher Tag braucht andere Fixpunkte: die Morgenzeitung, das Mittagessen, ein Glas Sherry und einen Spaziergang. Es ist alles eine Frage der Gewöhnung, denkt Nora, während sie die neue Umgebung betrachtet. Anstelle der harten Pritsche in ihrer Zelle steht da ein dick gepolsterter Diwan, auf dem statt gebleichter rauer Laken ein Stapel alter Seidendecken liegt. Die vier Teile des lackierten Paravents neben ihrem Bett zeigen eine Schar Reiher in einem Fluss. Als sie näher herangeht, sieht Nora, dass sie nicht kameradschaftlich miteinander umgehen, sondern sich um einen Fisch streiten, einen großen, fetten Lachs, der aus dem Wasser aufragt. Neben den eleganten Flügeln und Federn entdeckt sie Blutspritzer, von Schnäbeln zugefügte klaffende Wunden, ausgehackte Augen und davontreibendes Gefieder. Nora erschaudert und klappt den Wandschirm zusammen. Sie geht über den fadenscheinigen blassblauen Teppich zu einem mächtigen Mahagonischrank, mit dem man Segel setzen könnte. Als sie die Tür öffnet, wabert ihr ein intensiver Geruch von Mottenkugeln entgegen, an einer Stange hängt ein einzelner Kleiderbügel. Vor einem staksigen Tisch steht ein schwerer Stuhl, auf dem Tisch liegt der Schlüssel mit einem Anhänger von der Größe eines Türknaufs. Auf dem Waschtisch befinden sich ein großer Krug und eine sehr kleine Schüssel. Die Dinge in diesem Zimmer haben etwas Beunruhigendes, sie wirken wie angeschwemmt und passen nicht recht zusammen. Wie in einem Puppenhaus, das von einem Kind ohne Gefühl für die richtigen Proportionen möbliert wurde. Nora legt ihren Koffer auf den Diwan und öffnet ihn. Sie holt ein in Seidenpapier gewickeltes Päckchen heraus und legt es vorsichtig, als wäre es eine Reliquie, in die Schublade des Nachttischchens.

Nora entscheidet sich gegen die Mottenkugeln und hängt ihr zweites Kleid an die Zimmertür, den braunroten Mantel darüber. Ihre moderne Unterwäsche wirft sie in die Schublade des Toilettentisches und arrangiert Bürste und Kamm oben auf seiner Platte. Dann zieht sie den Stuhl ans Fenster, und weil der Tisch ohne ihn verloren aussieht, holt sie auch ihn heran und macht das Fenster weit auf. Vielleicht kommt die Möwe ja zurück.

Der sich verdunkelnde Himmel lässt das Meer kalt und den breiten Streifen Sand abweisend erscheinen. Nora sieht zwei Gestalten den Strand heruntergehen. Sie kommen näher, ein Mann und eine Frau, ein junges Paar. Er groß, sie schlank, ihre Mäntel flattern in der Meeresbrise. Vielleicht ein Liebespaar, nur dass sie verschieden schnell gehen. Aus dieser Entfernung kann Nora nicht in ihren Gesichtern lesen, nur ihre Bewegungen deuten. Der Mann hält sich den Hut auf dem Kopf fest und strebt mit großen Schritten voran. Die Frau hängt an seinem Arm und kommt kaum mit. Der Mann scheint voller Ungeduld. Die Frau zieht flehend an ihm. Er befreit seinen Arm und stürmt allein weiter. Sein Filzhut wird vom Wind davongetragen, doch der Mann lässt sich nicht aufhalten. Der Hut wird über den harten Sand geweht, überschlägt sich. Die Frau zögert, sieht, wie der Hut davontanzt, eilt aber weiter dem Mann hinterher. Der Hut genießt seine neu gefundene Freiheit.

Nora verfolgt das alles und sinniert einen Moment lang über das Geheimnis menschlicher Beziehungen. Ein Streit unter Liebenden, ein Missverständnis, das hoffentlich so schnell vergessen sein wird wie der Hut.

Das Paar, der Mann vorn, die Frau hinter ihm, überquert den Strand, kommt die grasbewachsene Böschung herauf und hält auf das Möwennest zu. Jetzt, wo sie näher kommen, kann Nora ihre Gesichter besser erkennen – er wirkt bitter, sie erschöpft – und verliert die beiden schließlich aus den Augen, als sie in Richtung Tor hinter der vorderen Mauer verschwinden.

Schon wird Noras Blick von einer dritten Person angezogen, einem Mann, der hinter einer Hütte unten am Weg hervorgekommen ist. Er ist klein und schmächtig und trägt, es ist fast schon lächerlich, einen viel zu großen, schweren Armeemantel. An einem Gurt über seiner Schulter hängt ein Fotoapparat. Er läuft auf den Strand hinunter und schneidet dem frei dahintreibenden Hut den Weg ab, sicher, um ihn einzufangen.

Aber stattdessen tritt er auf ihn. Der Hut zuckt noch einen Moment und ist auch schon tot.

Was für ein bösartiger kleiner Scheißer, denkt Nora.

Der Mann zurrt sich den Gürtel fester um den Leib und schlägt die Richtung des jungen Paares ein, biegt jedoch, bevor er den Weg den Hang herauf erreicht, seitlich ab. Nora verliert ihn aus dem Blick, als er einen ihr noch unbekannten Schleichweg nimmt.

Jetzt ist niemand mehr am Strand.

Während irgendwo im Norden eine religiöse Gemeinschaft dem Abendgebet entgegensieht, bereitet sich Nora an der südöstlichen Küste auf geschmorte Leber und einen Speiseraum voller fremder Menschen vor. Obwohl das Licht schwindet, lässt sie die Vorhänge in ihrem Zimmer offen, denn unter keinen Umständen würde sie sich diesen Ausblick nehmen lassen. Die einzelne Glühbirne oben an der luftigen Decke und die Lampe auf dem Nachttisch tun wenig, um das Zimmer zu erleuchten, und in einer der Kommodenschubladen finden sich verräterische halb heruntergebrannte Kerzen. Das Wasser im Krug ist kalt, sicher, aber ist es nicht das, was sie gewohnt ist? Sie hört ein leises Geräusch an der Tür, trocknet sich die Hände und geht hinüber, um zu lauschen. Sie hört es wieder, durch den Spalt unter der Tür, ein undeutliches Schnüffeln.

Nora öffnet die Tür. Niemand ist auf dem Flur. Die Tür gegenüber ist geschlossen und wird auch nicht von dem weißen Terrier bewacht. Sie tritt vor auf den Treppenabsatz und sieht ins Erdgeschoss hinunter. Treppe und Flur unten sind ebenfalls leer. Der aufsteigende Geruch verbrannter Zwiebeln bestätigt, dass es bald Abendessen gibt. Nora steigt hinauf in die nächste Etage. Die Türen zu den Zimmern nach vorne und hinten hinaus sind geschlossen. Die Treppe führt noch weiter, steil und schmal zwischen zwei tapezierten Wänden, hinauf. Nora folgt ihr. Die Tapete gehörte eigentlich in ein Kinderzimmer, Entenküken, zerstoßen und zerkratzt, vielleicht von schweren Gästekoffern, die über die Jahre hier hinaufgeschafft wurden. Am oberen Treppenabsatz steht die Tür zu einem sonderbaren Raum auf.

Ein Dachboden voller Schrägen, Balken und Himmel. Gleich mehrere Fenster geben den Blick darauf frei. Nora kann nur erahnen, wie schön ein klarer Nachthimmel durch sie hindurch anzusehen sein muss, oder auch eine strahlende Morgendämmerung. Selbst an diesem grau verhangenen Abend ist der Blick beeindruckend. Der Raum ist makellos aufgeräumt. Auf einem Regal reihen sich eine bescheidene Anzahl billiger Taschenbücher neben einiger größerer Nachschlagewerke sowie ein paar Rollfilm-Kameras. Das Bett ist nicht mehr als eine Matratze auf dem Boden, aber es ist sorgfältig gemacht. Am Kopfende steht eine abgenutzte Truhe. Auf einem nahen Stuhl liegt ein Stapel Kleidung, geradezu militärisch ordentlich, darunter ein Paar alter, aber auf Hochglanz polierter Stiefel. Noras Blick wird von der jenseitigen Wand angezogen, an die zahllose Fotos geheftet sind. Sie nähert sich ihnen. Es sind merkwürdig fesselnde Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Verschwommene Szenen, einige nur schwach beleuchtet, die Objekte kaum ganz im Rahmen der Bilder gehalten – ein gesichtsloser Passant, ein dahinfliegender Vogel, eine endlose Reihe Liegestühle. Aus all dem Schwarz-Weiß stechen ein paar überraschend blaue Aufnahmen heraus. Nora bestaunt die Formen der Blumen und Blätter, abstrakte Kompositionen, zarte Silhouetten vor dunkelblauem Hintergrund. Dass der Bewohner dieses Raumes eigentümlich talentiert ist, daran zweifelt sie nicht. Den Großteil einer Ecke des weitläufigen Raumes nimmt eine Holzkonstruktion ein, ein Raum im Raum, dessen Tür mit einem schwarzen Tuch verhangen ist: eine Dunkelkammer.

Nora hört Schritte auf der Treppe und dreht sich um: »Dinah!«

Die Kleine hat sich eine zerzauste Fuchsstola umgelegt und einen Topfhut aufgesetzt. Sie tritt auf die Türschwelle, hält inne und hebt den Fuchskopf, der Nora mit zwei Glasaugen ansieht. Ihre eigenen Augen blicken groß und überrascht zu ihr herüber.

»Was ist denn, Dinah?«

Das Mädchen sieht hinter sich und reckt die andere Hand Nora entgegen. Die Art, wie sie sich bewegt, hat etwas Theatralisches, jede einzelne Geste wirkt übertrieben. Sie hat Angst vor diesem Raum, denkt Nora. Dinah legt eine Hand hinter das Ohr, lauscht, drückt die Fuchsstola an sich und flieht die Treppe hinunter. Nora folgt ihr. Beim Hinausgehen sieht sie einen schweren Armeemantel hinter der Tür hängen.

2

Mitten im Speiseraum befindet sich ein runder Tisch, auf dem eine mächtige Schüssel mit Deckel steht. Es gibt sechs Stühle, drei davon sind besetzt, zwei von dem Pärchen vom Strand, der dritte von einem älteren Mann. Alle scheinen in Gedanken versunken. Als Nora hereinkommt, blickt die junge Frau als Erste auf.

»Die neue Mieterin!« Sie zeigt auf den Platz neben sich. »Bitte, setzen Sie sich zu uns. Wir warten noch auf die anderen.«

Die Männer stehen halb von ihren Stühlen auf. Nora hebt die Hand, sie sollen sitzen bleiben.

Die junge Frau lächelt. Es lässt die Ringe um ihre Augen weniger dunkel erscheinen. Sie streckt die Hand aus. »Ich bin Stella Atkins, und das ist mein Mann Teddy.«

Teddys Nicken bleibt kühl, kaum höflich.

Das Pärchen ist gut aussehend. Stella ist etwa Mitte zwanzig, hat braunes Haar und Sommersprossen, ihr Gesicht ist jugendlich voll, und die haselnussbraunen Augen sehen Nora freundlich an. Teddy wirkt etwas älter, hat helles Haar und ist unrasiert. Sein Anzug hat schon bessere Tage gesehen, ist knittrig und verschlissen. Die Finger, die mit der Zigarettenschachtel auf dem Tisch spielen, sind gelb verfärbt. Teddy hat es mit den Nerven, denkt Nora.

Der ältere Mann bietet ihr seine Hand an. »Bill Carter mein Name.«

»Nora Breen.« Sie erwidert seinen festen Händedruck.

Bill hat lichtes Haar und ist makellos elegant, mit goldener Krawattennadel und passenden Manschettenknöpfen. Seine Nägel sind gepflegt, und sein Schnauzbart ist sehr schön gestutzt. Im Gegensatz zum dahängenden Teddy sitzt er aufrecht, wenn auch ein wenig steif. Seine Stimme klingt zwanglos und warm, er spricht mit dem typisch runden Kenter Akzent.

»Irene hat bereits das Wichtigste aufgetischt.« Er deutet auf die Schüssel. »Gerade holt sie die Beilagen.«

»Gott helfe uns!« Stella wendet sich lachend zu Nora hin. »Sie sind mit am schlimmsten Tag ins Möwennest gekommen, fürchte ich, Miss Breen. Geschmorte Leber. Teddy isst sonst so ziemlich alles, nur diese Leber nicht. Wie nennst du sie, Teddy?«

Teddy versucht sich an einem Lächeln. »Eine Buße.«

Irene kommt mit einem Tablett voller dampfender Teller herein. Sie stellt sie scheppernd auf dem mächtigen schwarzen Sideboard ab, das die volle Breite der hinteren Wand einnimmt.

»Zehn nach sechs, und immer noch fehlen zwei Gäste«, bemerkt Teddy. »Ist das nicht etwas unpünktlich, Irene?«

Stella geht beruhigend dazwischen. »Ich bin sicher, sie sind gleich hier, Mrs Rawlings.«

Irene klemmt sich das Tablett unter den Arm, achtet nicht weiter auf das junge Paar und wendet sich an Bill. »Als Beilagen haben wir heute Abend …«

»Kohl«, schnaubt Teddy. »Überraschen Sie uns doch einmal! Wäre es so unmöglich, zu Möhren zu wechseln?«

Irene schenkt ihm einen vernichtenden Blick und geht wieder hinaus.

»Lass das lieber, Teddy«, sagt Stella leise.

»Sie ist ein alter Drachen.«

Bill Carter steht auf, legt sich mit der Miene eines Maître d’ eine Serviette über den Arm und nimmt ein paar Teller vom Sideboard. Er nickt lächelnd dem alten Mann zu, der in diesem Moment in den Raum geschlurft kommt. »Guten Abend, Poppy.«

Der alte Mann knurrt und setzt sich mit einer Autorität, die seinen Platz, so rund der Tisch auch sein mag, zum Kopf der Tafel macht. Stellas Versuche, ihm zu helfen, wehrt er mit einer Handbewegung ab. Er wirkt extrem ausgezehrt und gebrechlich, aber seine Augen sind wach, sein weißes Haar ist sorgfältig gekämmt, und er trägt einen gepflegten rotbraunen Samtanzug, dazu eine leuchtend bunte Krawatte mit Paisley-Muster. Die am Tisch Sitzenden begrüßt er namentlich mit einer Stimme so schwer wie alter Sherry. Als er bei Nora ankommt, hält er inne.

»Eine Neue in unseren Reihen. Das heißt, die Letzte …«

»Professor Poppy«, unterbricht ihn Stella, »das ist Miss Breen.«

Der alte Mann entbietet Nora einen galanten Gruß. »Nur Poppy, bitte. Madam Breen, seien Sie willkommen.«

Bill, die Serviette über dem Arm, betrachtet die Schüssel.

»Mit Bangen nähert er sich«, beobachtet Professor Poppy. »Mr Carter, ich habe es schon mehrfach gesagt: Sie sind Irenes geschmorter Leber gewachsen. Eine doppelte Portion für den jungen Teddy.«

Teddy lächelt bedenkenlos, und seine Miene hellt sich kurzzeitig auf. Stella sieht ihren Mann an und lächelt ebenfalls.

»Und die Beilagen heute Abend – muss ich fragen, junger Mann?«

»Kohl, glaube ich, Poppy.«

»Genau wie zu erwarten«, antwortet der Professor weise. »Lenken Sie uns von diesem Essen ab, Madam Breen. Erzählen Sie etwas von sich und sagen Sie bitte nicht, dass es da nichts zu erzählen gibt.«

Bill hebt den Deckel von der Schüssel. Der unangenehm scharfe Geruch im Raum wird noch stärker. Stella hält sich die Serviette vor die Nase und lacht. Bill nimmt einen der Teller und platziert mit großer Geste eine zähflüssige braune Portion darauf, die er dem Professor anbietet.

»Ich bin nicht ganz sicher, ob ich Ihnen dafür danken soll, Mr Carter.«

Nora kommt als Nächste an die Reihe. Sie dankt Bill mit einem Kopfnicken und wendet sich an den alten Mann. »Herr Professor«, sagt sie. »Erwarten Sie wirklich von Ihrem Neuzugang, seine Lebensgeschichte ganz ohne Kenntnis seiner Mitbewohner zum Besten zu geben? Bin ich nicht fürchterlich in der Unterzahl?«

»Meine Manieren! Vergeben Sie mir. Aufgrund meiner durch meine Jahre verliehenen Ranghöhe werde ich den Reigen eröffnen. Wobei, wie kann ein Mensch beginnen, sein Leben zu erzählen? Ändern sich seine Vorlieben, Sehnsüchte und Geschichten doch ständig und bleiben oft versteckt.«

Teddy und Stella tauschen einen Blick. Teddy zieht die Brauen zusammen und starrt wieder auf seine Zigarettenschachtel.

Bill serviert dem jungen Paar elegant sein Essen und nimmt sich dann auch selbst eine kleine Portion.

»Darf ich vorschlagen«, fährt der Professor fort, »dass wir Nestinsassen unsere Enthüllungen aufs Grundsätzliche beschränken? Den Beruf und wo in diesem Haus wir residieren? Was die Dauer unserer Verurteilungen betrifft, so sind Bill und ich die am längsten Internierten – nun, ich bin so gut wie ein Lebenslanger. Das junge Paar hier hat dagegen bisher kaum ein Jahr abgesessen, habe ich recht, meine Liebe?«

Stella nickt.

Poppy lächelt. »Also nur das Wesentliche, Leute. Miss Breen wird die feineren Seiten unserer Charaktere schon selbst herausfinden. Wie klingt das?«

»Wie ein solider Plan«, stimmt ihm Nora zu.

»Fabelhaft«, sagt Poppy. »Ich bin Ihr nächster Nachbar und wohne im ersten Stock nach hinten hinaus mit meinem treuen Hund Toby, der mich überallhin begleitet. Nur nicht in diesen Speisesaal, denn sollte ich es wagen, ihn zum Abendessen mitzubringen, würde er zweifellos am nächsten Tag in der Schüssel landen.«

»Poppy!«, lacht Stella.

»Ich bin ein Schauspieler von bescheidenem Talent …«

»Er ist ein Genie, Miss Breen! Kinder wissen sich vor Lachen kaum zu halten bei seinen Punch-und-Judy-Stücken. Erwachsene auch nicht.«

»Liebe Stella, Sie sind sicher mein größter Fan.« Der alte Mann lächelt. »Und unseren Fraß serviert uns heute Abend Mr Bill Carter, zweiter Stock nach hinten hinaus, Mixer vortrefflicher Cocktails und Raritätensammler.«

»Pensionierter Navy-Koch«, erklärt Bill. »Barmixer im Marine Hotel. Aber ich sammle auch gerne Antiquitäten und so weiter.«

Stella flüstert: »Er hat in Gift getauchte Pfeile, Miss Breen. Und einen Elefantenfuß.«

Der alte Mann geht dazwischen: »Stella Atkins, zweiter Stock vorne, ist eine Fantastin. Und sie ist im Rathaus angestellt und mein Schutzengel. Sie passt auf mich auf. Keine Mühe ist ihr dafür zu groß.«

Stella verzieht das Gesicht, freut sich aber über seine Worte.

»Ihr Ehemann, Theodore, nicht Edward, ebenfalls zweiter Stock vorne, ist ein Mann mit einem Händchen für alles.«

»Ich halte den Vergnügungspark instand, das ist alles«, antwortet Teddy schlicht.

Nora deutet auf den leeren Stuhl. »Unser abwesender Mitbewohner, der letzte Gast, was sollte ich über ihn wissen?«

Es scheint etwas kühl im Raum. Stella wirft einen Blick auf Teddy, der entschieden seinen Teller studiert. Bill streicht sich über seinen makellosen Schnauzbart.

»Sie lernen ihn schon noch früh genug kennen«, sagt der Professor ruhig. »Und jetzt, Miss Breen, ein paar Dinge über Sie selbst, sodass Sie nicht länger eine Fremde in unserer Mitte sind.«

Nora sieht in die Runde. »Aber wir haben noch nicht zu essen begonnen. Beten wir vorher?«

Der Professor neigt pflichtschuldig zustimmend den Kopf. Die anderen folgen seinem Beispiel, sogar Teddy.

Nach dem Gebet nehmen alle ihre Servietten. Nora sticht mit der Gabel behutsam in das Essen auf ihrem Teller. Poppy klappert mit einem Suppenlöffel herum. Bill versucht, seine Portion zu zerschneiden. Teddy zündet sich noch eine Zigarette an. Schritte auf dem Flur. Irene trägt mit gerötetem Gesicht eine zweite mächtige Schüssel herein.

Der Professor legt seinen Löffel zur Seite und ist offenbar erleichtert, dass es eine Ablenkung gibt. »Ich muss sagen, Sie sind heute Abend hart am Ball, Mrs Rawlings. Da kommen Sie schon mit der Nachspeise, und ich habe noch nicht einmal Ihre Leber zerkaut.«

Irene knurrt etwas in Richtung des alten Mannes, verfrachtet die Schüssel auf das Sideboard und braust auch schon wieder davon.

Der Professor wendet sich an Nora. »Fahren Sie fort, Madam.«

Nora zögert. Sie war es lange gewohnt, beim Essen nicht zu sprechen, allein begleitet vom einlullenden Vorlesen einer Schwester und dem vorsichtigen, leisen Klappern von Besteck. Aber in High Dallow würde sie auch um diese Zeit nicht essen.

»Ich habe hauptsächlich auf einer Krankenstation gearbeitet.«

Der Professor zeigt sich ernsthaft interessiert. »Sie kommen aus Irland, aus dem County Mayo, wenn ich Ihren Akzent richtig einordne?«

»In der Tat, das tun Sie.«

»Ich hatte mal einen Assistenten aus Mayo.« Er sieht in die verblüfften Gesichter am Tisch. »Einen Geldeinsammler, großartiger Bursche, wusste zu reden. Fahren Sie fort.«

»Ich habe mich um die Kranken gekümmert, weit oben im Norden.«

»Sie sind Krankenschwester, Miss Breen!«, ruft Stella. »Ich dachte mir schon, dass Sie so etwas an sich haben, so eine fürsorgliche Ruhe.«

Teddy sieht seine Frau an. »Hör auf mit deinen Beurteilungen. Warum musst du immer alle beurteilen, Stella?«

Ein langes unangenehmes Schweigen folgt, erfüllt vom Geräusch kratzenden Bestecks. Es ist eine andere Stille als die, die Nora beim Essen gewohnt ist, unbehaglich und nicht nachdenklich.

Der Professor legt seinen Löffel zur Seite. »Nun, das war ein Anfang. Möchte jemand Nachtisch? Ich wage vorauszusagen, es ist Fruchtkompott. Teddy, was sagen Sie?«

Teddy müht sich ein Lächeln für den alten Mann ab.

»Das Zimmer, das ich bekommen habe, nach vorne hinaus, im ersten Stock«, sagt Nora. »Ich glaube, es ist unerwartet frei geworden, meine Vorgängerin …«

Der alte Mann hebt eine Hand, als wollte er ein Pferd aufhalten. Nora folgt seinem Blick. Der letzte Gast kommt in den Speiseraum.

»Mr Ježek«, sagt der Professor, »setzen Sie sich zu uns.«

Der kleine Mann vom Strand, der Hutmörder, nimmt den letzten Platz ein. Er wirkt ausgehungert, bitter und unheimlich. Nora spürt einen scharfen Geist, die Wachsamkeit von jemandem, der viel allein ist. Ježek sieht sich im Raum um, sein Blick bleibt für den Bruchteil einer Sekunde länger an Teddy als an den anderen Gästen hängen. Das junge Paar kennt ihn also, denkt Nora. Ein Mitbewohner, etwa gleich alt, in einem Haus mit freundlichen Menschen muss ihnen doch vertraut sein? Vor diesem Hintergrund scheint Nora sein Verhalten am Strand plötzlich weit bösartiger. Die Art, wie er den beiden nachgestellt hat, pervers. War das Zertreten von Teddys Hut Folge einer enttäuschten Freundschaft? Ein kleiner Racheakt? Nora beobachtet neugierig, wie die am Tisch Sitzenden auf den zu spät Gekommenen reagieren.

Stella wirft einen schnellen Blick zu ihrem Mann, und kurz blitzt so etwas wie Verachtung in ihrer Miene auf. Teddy raucht, sein Gesicht rötet sich leicht, und seine Hand zuckt zwischen den Zügen. Bill schluckt auch noch seinen letzten Bissen herunter, spült höflich mit etwas Wasser nach und lehnt sich zurück, bereit für die Unterhaltungen des Abends.

Nur der Professor spricht den Mann an. »Wir haben nicht auf Sie gewartet, Karel. Entschuldigen Sie.«

»Warum hätten Sie das tun sollen?« Karel Ježek nimmt den letzten Teller und bedient sich an der Leber.

Er ist gut gekleidet, bemerkt Nora. Im Gegensatz zu dem Mantel, den er am Strand anhatte, passen ihm seine Sachen perfekt, so einfach sie sind, irgendwie ohne Charakter. Er ist sauber rasiert und schlank, und sein lockiges dunkles Haar ist wuschelig, offenbar trotz aller Versuche, es zu bändigen. Der Zu-spät-Gekommene greift ruhig nach seinem Besteck und beginnt zu essen.

Er wendet sich an Nora, spricht leise, mit einem ganz leichten Akzent. »Sie haben Miss Brogans Zimmer übernommen?«

Als der Name fällt, schiebt sich Teddy so heftig vom Tisch zurück, dass das Geschirr klirrt und ein Wasserglas umkippt. Stella schließt die Augen, es ist wie ein Reflex, als ihr Mann aus dem Raum stürmt.

Karel sieht Teddy hinterher, ohne dass Nora so etwas wie Triumph in seinen dunklen Augen erkennen könnte. Nur eine Art bittere Sehnsucht. Karel konzentriert sich wieder auf seinen Teller.

Stella steht auf, wirft ihre Serviette auf den Tisch und läuft ihrem Mann hinterher.

Nora wappnet sich. »Meine Vorgängerin …«

Da lehnt sich der Professor zu ihr herüber und nimmt ihre Hand. Seine ist alt und knotig, die Haut trocken wie Papier. »Bitte, lassen Sie uns nicht weiter darüber sprechen, meine Liebe. Sie hat uns einfach verlassen.«

Nora sitzt allein zwischen Öl- und Essigflaschen, Senfgläsern und benutzten Servietten im Speiseraum. Teddy und Stella Atkins sind nicht zurückgekommen, aber das hat sie auch nicht erwartet. Karel Ježek hat sein Essen stumm beendet und ist dann ebenfalls gegangen. Bill Carter hat noch das Geschirr zusammengestellt, und Professor Poppy hat mit einer Handbewegung alle Hilfsangebote abgelehnt, als er etwas wacklig aus dem Raum geschlurft ist.

Nora schenkt sich ein Glas Wasser ein und trinkt. Sie sitzt im Schein der Lampe über dem Tisch, während sich um sie herum die Schatten zusammenzuziehen scheinen. Ein immer stärkeres Gefühl, beobachtet zu werden, prickelt ihr im Nacken. Ein leises Scharren ist hinter ihr zu hören. Nora erschrickt und dreht sich um. Sie sieht, wie sich eine Tür des Sideboards öffnet und zwei kleine Füße daraus hervorkommen, gefolgt von einem gespensterhaften schmalen Gesicht.

Dinah Wells richtet sich auf und streckt die Arme ausgiebig in die Höhe. Sie schenkt Nora keine Beachtung, schließt die Tür des Sideboards hinter sich und schleicht davon.

Als Nora zurück in ihr Zimmer kommt, stellt sie fest, dass sie die Kerzen braucht, um sich umsehen zu können. Sie will wissen, was anders ist in der Düsternis, denn etwas hat sich verändert, dessen ist sie sicher. Es ist nichts Großes, der Diwan, der Wandschirm mit den Reihern, der Schrank, der Waschtisch, alles scheint noch genauso wie zuvor. Es sind die Kleinigkeiten. So haben Bürste und Kamm auf dem Waschtisch die Seiten gewechselt. Den Stuhl hatte sie ganz unter den Tisch geschoben, jetzt steht er ein, zwei Handbreit davor. Der Drehspiegel auf dem Waschtisch ist etwas schräger. Nora sieht genauer hin. Der Staub auf dem Glas oben und unten ist verwischt.

Sie durchquert das Zimmer und öffnet die Schublade des Nachttischs. Erleichtert sieht sie, dass ihr Päckchen noch da ist. Sie setzt sich auf den Diwan und öffnet es. Darin ist ein ordentlicher Stapel Briefe, der von einem Band zusammengehalten wird. Sie berührt die mit Tinte geschriebene Adresse auf dem obersten Umschlag.

Christi-Schwester Agnes

Karmelitinnenkloster High Dallow

North Yorkshire

Sie dreht das Bündel um und betrachtet die Absenderadresse auf dem untersten Umschlag.

Miss Frieda Brogan

Pension Möwennest

The Promenade

Gore-on-Sea

Nora legt die Briefe zur Seite und sieht sich im Zimmer um. Hier hat Frieda geschlafen, hat diesen Ausblick gehabt. In diesem Haus hat ihre Freundin donnerstags mit ihren so verschiedenen Mitbewohnern geschmorte Leber gegessen, dem liebenswerten alten Professor Poppy, der freundlichen Stella Atkins, dem gereizten Teddy, dem gepflegten Bill Carter und dem geheimnisvollen Karel Ježek.

Ist Frieda irgendeinem von ihnen nähergekommen?

Wahrscheinlich schon. Frieda liebt Menschen und fühlt sich ganz besonders zu den Verlorenen und Schwierigeren hingezogen. Schon während der ersten Tage ihres Postulats hat Nora das erkannt. Alte, mürrische, verschlossene Nonnen öffneten sich ihr gegenüber wie Blumen, die nach einem langen Winter die Wärme des Frühlings spürten. Nora, mit ihrem gewohnt klaren Selbstbild, bemerkte, dass es ihr genauso ging. Frieda konnte nicht anders, sie verbreitete Freude. War sie da, schmückten Rosenblüten in Eierbechern den Speisesaal, waren die Kartoffeln geschält, Fäden eingefädelt, Wollknäuel entwirrt. Ungeliebte Aufgaben unerklärlicherweise erledigt. Es herrschte Frieden, und auf den ruhigen Fluren war plötzlich Lachen zu hören. Frieda sang im Garten und sprach mit den Kohlköpfen. War Frieda da, blühten Gartenwicken zwischen den Tomaten, und eine verletzte Dohle wurde gerettet, gezähmt und hüpfte hinter ihrer jungen Herrin den Pfad hinunter. Mutter Oberin rief die reizende Novizin zu sich. Die Rosen verschwanden aus dem Speisesaal. Dann wurde Frieda schrecklich krank.

Die Ärzte diagnostizierten eine Einschränkung von Herz- und Lungenfunktion, was für Nora eine Ironie war, hatte sie doch nie jemanden mit einem größeren Herzen erlebt, und wer Frieda singen hörte, kam sicher nicht auf die Idee, dass sie unter Atemnot litt. So wurde Frieda zu einer regelmäßigen Patientin auf der Krankenstation, und es war nicht immer leicht mit ihr. Zum einen gefiel es ihr, die Regeln zu missachten, und Nora traf sie barfuß am offenen Fenster an, wo sie die Sterne betrachtete, obwohl sie sich doch warm halten und ausruhen sollte. Oder Nora fand heraus, dass sie die ganze Nacht der alten Nonne im Bett neben sich, die Ewigkeiten brauchte, um in den Tod zu finden, vorgelesen hatte. Frieda gab noch ihren letzten Bissen oder die Decke um ihre Schultern weg. Aber wie alle Menschen, die dafür geboren sind, sich um andere zu kümmern, wurde sie übellaunig, sollte sie selbst Hilfe annehmen. Dann zog sie die Stirn kraus, polterte herum und beschwerte sich, bis Nora sie wieder zum Lachen brachte.

Friedas Krankheit zeigte, wie sehr sie allen ans Herz gewachsen war. Niemanden ließen ihre Güte und Lebensfreude unberührt, und als sie krank wurde, dämpften die Schwestern die Stimmen, waren betroffen und sorgten sich. Ging es Frieda gut, schien das Leben milde, hell und voller Möglichkeiten. Nichts davon entging der Mutter Oberin, aber sie schien auf den rechten Augenblick zu warten.

Nora war von Beginn an klar, wobei es sie immer mehr schmerzte, dass Frieda, die Unbändige, nicht für ein Leben hinter Klostermauern gemacht war. Frieda selbst jedoch war entschlossen.

Spätabends auf der Krankenstation unterhielten sich die beiden. Ging Frieda die Luft aus, füllte Nora die Lücken. Es lenkte Frieda von ihren schlimmsten Symptomen und der großen Angst ab, die jeden ernsthaft kranken Menschen nachts ereilt, ob er nun tiefgläubig ist oder nicht. Während jener langen Stunden des Bangens saß Nora an Friedas Bett. Die junge Kranke schien im Glauben gefestigt, die Erleichterung auf ihren Zügen, wenn sie das Licht der Morgendämmerung sah, war jedoch verräterisch.