Mord in Hollowfield - Tess Tyler - E-Book
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Mord in Hollowfield E-Book

Tess Tyler

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Beschreibung

Nichts stellt eine idyllische englische Gemeinde mehr auf den Kopf als ein Mord und ein Liebesbrief …
Der unterhaltsame Krimi mit einem kniffeligen Mordfall und skurrilen Charakteren

Die Idylle der südenglischen Gemeinde Hollowfield wird jäh erschüttert, als der junge Pastor Gray eines Morgens tot vor dem Kirchaltar vorgefunden wird. Der scheinbar noch größere Skandal ist jedoch, dass sich in seiner Tasche ein Liebesbrief der zugezogenen Amerikanerin Miss Pinky befindet. Die glücklich verheiratete Miss Pinky ist sich jedoch sicher, den Brief noch nie gesehen zu haben und ganz und gar nicht gewillt, die Gerüchte über eine Affäre oder sogar Mordverdächtigungen hinzunehmen. Gemeinsam mit ihrer Freundin beginnt sie unter den Dorfbewohnern zu ermitteln, um den wahren Täter aufzuspüren. Könnte es sein, dass einige ihrer Nachbarn mehr als nur eine Leiche im Keller haben?

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits erschienenen Titels Miss Pinky und der tote Pastor.

Erste Leser:innenstimmen
„Miss Pinky ist eine sympathische und entschlossene Protagonistin, die zusammen mit ihrer Freundin ein beeindruckendes Detektiv-Duo abgibt.“
„Dieser Cosy Krimi schafft es, eine perfekte Balance zwischen gemütlicher Dorfidylle und spannender Kriminalgeschichte zu halten.“
„Ein Muss für Fans von britischen Krimis zum Lachen und Miträtseln!“
„Miss Pinky und ihre Freundin sind ein tolles Ermittlerteam, das durch Witz und Cleverness überzeugt.“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses E-Book

Die Idylle der südenglischen Gemeinde Hollowfield wird jäh erschüttert, als der junge Pastor Gray eines Morgens tot vor dem Kirchaltar vorgefunden wird. Der scheinbar noch größere Skandal ist jedoch, dass sich in seiner Tasche ein Liebesbrief der zugezogenen Amerikanerin Miss Pinky befindet. Die glücklich verheiratete Miss Pinky ist sich jedoch sicher, den Brief noch nie gesehen zu haben und ganz und gar nicht gewillt, die Gerüchte über eine Affäre oder sogar Mordverdächtigungen hinzunehmen. Gemeinsam mit ihrer Freundin beginnt sie unter den Dorfbewohnern zu ermitteln, um den wahren Täter aufzuspüren. Könnte es sein, dass einige ihrer Nachbarn mehr als nur eine Leiche im Keller haben?

Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits erschienenen Titels Miss Pinky und der tote Pastor.

Impressum

Überarbeitete Neuausgabe November 2024

Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-98998-391-5 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98998-593-3

Copyright © 2023, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2023 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Miss Pinky und der tote Pastor (ISBN: 978-3-98637-365-8).

Covergestaltung: Anne Gebhardt unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © pxl.store stock.adobe.com: © AePatt Journey , © Bits and Splits elements.envato.com: © PixelSquid360, © nathayastudio_ Lektorat: SL Lektorat

E-Book-Version 12.03.2025, 13:39:58.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Mord in Hollowfield

Vorwort

Manche Geschichten reifen sehr lange in mir, so auch Mord in Hollowfield.

Relativ früh kam Miss Pinky als Protagonistin zu mir, zu einer Zeit, als ich mit meiner Familie noch in Michigan lebte. Sie ist eine Frau, die voller Optimismus durchs Leben geht und alles scheinbar mit links meistert. In einem Bastelladen in den USA lief sie mir sogar über den Weg! Mit einer pinkfarbenen Perücke und in einem farblich passenden Mantel, und mir war sofort klar, wie diese Protagonistin genannt werden muss und dass sie eine Geschichte bekommen wird.

In meinem ersten Konzept war Miss Pinky allerdings das Opfer eines Mordes. Diese Idee ließ ich schnell fallen, denn ein Charakter, der schon am Anfang der Geschichte tot ist, hat wenig Raum, um sich zu entfalten …

Stück für Stück setzte sich der Plot in meinem Kopf zusammen. Mein Cosy Crime sollte in Großbritannien spielen, wo ich selbst als Schülerin ein halbes Jahr und später Urlaube verbracht habe. Doch Miss Pinky ist unbedingt US-Amerikanerin! Also schickte ich sie in das verschlafene, altmodische Nest Hollowfield in Südengland, und durch den Kontrast war der Konflikt bereits vorprogrammiert.

In der Geschichte geht es natürlich um das Aufdecken eines Mordes, aber auch um viel mehr: um Liebe, Freundschaft, Neid und die Frage, wie gut wir einander wirklich kennen.

Oft dauert es eine Weile, bis ein Plot sitzt. So war es auch bei diesem Roman. Am Ende passte alles zusammen, und ich habe das Buch binnen weniger Monate geschrieben. Vorarbeit und das langsame Kennenlernen der Charaktere lohnen sich also in den meisten Fällen.

Nun wünsche ich euch eine schöne und spannende Zeit in Hollowfield, und hoffentlich wächst euch Miss Pinky ebenso ans Herz wie mir.

Prolog

Ich wusch mir die Hände, immer und immer wieder, mit beißend kaltem Wasser und bis die Haut wund geschrubbt war. Der Herbstregen prasselte unablässig gegen die Fensterscheiben, getrieben von einem wütenden Wind. Auch ich war verbittert. Erbost wegen der Umstände und voller Aggression gegen all das, was geschehen war und somit zu ihnen geführt hatte. Wir waren doch alle in einer Kette von Ereignissen gefangen, für die wir oft nichts konnten. Aus Freunden wurden Gegner, aus Geliebten Feinde und aus Heiligen Sünder. Weil am Ende jeder darauf achten musste, dass er nicht auf der Strecke blieb.

Das Spiegelbild über dem Waschtisch blickte mich entsetzt an, die Schatten unter den Augen waren erschreckend tief, die Mundwinkel hingen träge nach unten – ein Abglanz meines früheren Ichs.

Das Handtuch war wie Schmirgelpapier auf meinem Handrücken. Es war nicht möglich, Schuld auszulöschen. Niemand vermochte sie zu eliminieren, nicht einmal Gott. Er war vielleicht in der Lage, zu verzeihen, aber dieses Gefühl blieb für immer an einem haften. Die Reue war eine Bestie, die ihre Krallen in das Fleisch bohrte. Bis du vor Schmerz schreien musst. Unbarmherzig war sie. Wie das Leben.

Mit dröhnenden Kopfschmerzen setzte ich mich ans Fenster, deckte mich mit einer Wolldecke zu, schloss die Augen und versuchte angestrengt, an nichts zu denken. Nichts war besser als alles, was geschehen war. Nichts war in der Lage, meinen Geist zumindest für eine Weile zu beruhigen.

Teil eins

eins

Hollowfield, England, im Jahr 1999

Niemand hatte damit gerechnet, dass sich in Hollowfield, Kent, etwas Derartiges ereignen würde. Es gehörte zum guten Ton, nichts zu erwarten, was vom Alltag abwich.

Fast der gesamte September war mild und sonnig gewesen, die Wiesen strahlten noch saftig grün. Der Frauentee in der Nachbarschaft fand nach der Sommerpause wieder regelmäßig statt, oft sogar im Vorgarten oder auf der Terrasse hinter dem Haus der jeweiligen Gastgeberin.

Anfang Oktober schlug das Wetter um. Belinda Watts machte die Entdeckung an einem trüben Oktoberabend, an dem sich der zähe Nebel gehalten hatte und seine milchige Hand beständig auf die kleine Ortschaft presste. Die Hecken an der Rodney Road waren frisch geschnitten, der Weg zum Haus des jungen Pastors Gray Guss neben der örtlichen Kirche war vom Nieselregen aufgeweicht. Er war vor etwa drei Jahren dort eingezogen, nachdem sein Ziehvater, Pastor Adam Guss, der Kirche den Rücken zugewandt hatte und nach London umgesiedelt war.

Das zweistöckige Haus war in einem guten Zustand, die Fensterläden waren in einem freundlichen Gelb gestrichen, und im hinteren Garten, der den Blick auf die weiten Felder in Richtung Norden eröffnete, stand ein blaues Schaukelgerüst. Nicht selten hatte man Pastor Guss dort sitzen sehen, in einer beigefarbenen Freizeithose mit Karofutter an den hochgekrempelten Hosenbeinen und olivfarbenen Wellingtons, die aussahen, als wären sie mindestens zwei Nummern zu groß. Manchmal las er dort in der Bibel und fütterte die Eichhörnchen, die deswegen schon seine treuen Besucher waren, mit Nüssen. Oder aber er schwang gedankenverloren die langen, schlanken Beine, bevor er sich wieder ins Haus zurückzog, um die Messe vorzubereiten.

Pastor Gray Guss führte ein stilles Leben, und die Gemeinde von Hollowfield war der festen Überzeugung, dass er der beste Pastor war, den der Ort in seiner bisherigen Geschichte gehabt hatte. Nicht nur, dass er ein tiefgläubiger Mensch war, seine Predigten verständlich und mitreißend waren und noch dazu Tiefgang hatten, er war auch noch eine Augenweide! Das gaben die Frauen tuschelnd und hinter vorgehaltener Hand beim sonntäglichen Frauentee zu. Doch auch ihren Männern konnte unmöglich entgangen sein, welch eine Verschwendung es war, dass sich ein Mann mit diesem Äußeren allein Gott verschrieben hatte. Genaugenommen waren die Ehemänner erleichtert, aber das sprachen sie natürlich niemals offen aus.

Belinda Watts, deren Sohn Jeff seit Tagen mit hohem Fieber im Bett lag, machte sich auf den Weg zur Kirche. Die Pforte stand bis etwa zwanzig Uhr offen, das hatte sie sich am späten Nachmittag von Pastor Guss telefonisch versichern lassen.

„Sie klingen müde, Pastor Guss“, hatte Belinda am Telefon gesagt, während sie eine ihrer dunklen Locken um den Zeigefinger drehte.

„Nur eine Magenverstimmung, nichts weiter.“ Pastor Guss war bekannt dafür, dass er nie zum Arzt ging, sondern auf die Selbstheilungskräfte des Körpers vertraute.

„Dann werde ich das Gotteshaus aufsuchen, sobald Jeff schläft.“ Mit einer dunklen Vorahnung hatte Belinda aufgelegt, das Schlafzimmer ihres Sohnes betreten und den feuchten Lappen auf seiner Stirn gegen einen frischen ausgewechselt. Besorgt streichelte sie ihm über die Wange und ging anschließend in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten. Ihre Tochter Jolina zeichnete am Esstisch. Belinda tätschelte ihr im Vorbeigehen liebevoll den Kopf.

Noch hatte sie keine Ahnung, dass sie die letzte Person war, die mit Pastor Guss gesprochen hatte.

Vor der Kirchenpforte bemühte sich Belinda, auf dem groben Fußabtreter den Dreck von den Schuhsohlen zu putzen. Was war das auch für ein Wetter, und es war erst der Beginn der trüben Jahreszeit! Kaum hatte sie die Pforte aufgeschoben, wehte ihr der vertraute Geruch nach Weihrauch und kaltem Gemäuer entgegen.

Sie tunkte ihre Finger in das steinerne Becken mit dem Weihwasser und bekreuzigte sich. Dann schloss sie die Augen und senkte demütig ihr Haupt. Sie murmelte ein Gebet, in dem sie Gott bat, ihren Sohn bald gesund werden zu lassen, ihrer Ehe wieder Leben einzuhauchen und die Schulaufführung nächste Woche einen Erfolg sein zu lassen. Sie musste über die eigenen Gedanken lächeln, denn sie war tatsächlich aufgeregt für Jolina, die die Hauptrolle in dem Stück spielte. Es handelte von einem Kürbis, um den sich niemand kümmerte. Miss Pinky hatte mit den Kindern etwas gezaubert, das Hollowfield bisher noch nicht erlebt hatte. Sie war eine wahre Künstlerin! Belinda war bei der Generalprobe am Vortag dabei gewesen und schwer beeindruckt. Noch dazu war die Moral der Geschichte so herzzerreißend, dass Belinda beinahe geweint hatte.

Nun öffnete sie die Augen wieder und sah sich im vertrauten Vorraum der Kirche um. Zu ihrer Rechten stand das dunkle Holzregal, in dem die Gesangbücher einsortiert waren, und darüber war eine Pinnwand angebracht, an der unter anderem die Schule für die Aufführung warb. Daneben türmte sich ein schräger Stapel bunter Kissen für die Kirchenbänke. Die Hinterteile vieler Gemeindemitglieder, Belindas eingeschlossen, waren zu knochig, um lange schmerzfrei sitzen zu können, und Pastor Guss’ Predigten waren lang. Nur an die Farben der weichen Untersetzer konnte sich Belinda nicht gewöhnen, sie waren viel zu grell. Aber was hatte die Gemeinde anderes erwartet, schließlich hatte Miss Pinky den Stoff in London gekauft und die Hüllen eigenhändig genäht, obwohl sie zwei Tage zuvor behauptet hatte, noch nie eine Nähmaschine benutzt zu haben. Diese Frau war ein Wunder und eine Bereicherung für diesen Ort, auch wenn man sich das bei ihrer Ankunft vor fünfzehn Jahren niemals hätte vorstellen können. Belinda schüttelte mit einem zaghaften Lächeln den Kopf und öffnete die Tür, die ins Kirchenschiff führte.

Nach wenigen Schritten fiel ihr Blick auf einen Schemen am Boden.

Etwas lag vor dem Altar.

Ein Schauer lief durch ihren Körper, und sie schlug die Hände vor dem Mund zusammen, um dann ihre Schritte zu beschleunigen. Das Klappern ihrer Sohlen hallte im Inneren der Kirche wider. Sie erkannte Pastor Guss, der bäuchlings auf den Steinfliesen ausgestreckt war, als wäre er vom Himmel gefallen.

„Pastor Guss!“ Belinda rannte das letzte Stück und ging schließlich in die Hocke, um nach dem jungen Mann zu sehen. Sein Kopf war zur Seite gedreht. Neben seinem Mund hatte sich ein See aus Erbrochenem gebildet, dessen beißender Geruch in Belindas Nase stieg. Sie erschrak, als sie Pastor Guss’ starren Blick aus tiefblauen, unschuldigen Augen bemerkte. War er etwa tot?

„Um Himmels willen, Pastor Guss!“ Belinda tastete mit zitternden Händen seinen Hals ab, schob ihren Zeige- und Mittelfinger ein Stück nach oben, dann wieder nach unten. Es war nicht leicht, die Halsschlagader ausfindig zu machen. Vor allem hatte Belinda keine Übung darin. Ihre Kehle wurde eng. Sie drückte ein bisschen fester, aber es war nirgends ein Puls zu spüren. Sie schluchzte unwillkürlich und zog die Hand zurück. Sie war wie gelähmt, dabei musste sie Hilfe holen. Aber … wozu? Es war ohnehin zu spät.

Belinda hob den Blick nach oben, wo sie Gott vermutete. Schon als Kind hatte sie das getan, auch wenn sie wusste, dass Gott überall sein musste. Er war auch Zeuge dieses schrecklichen Unglücks gewesen. Nur konnte man ihn nicht um eine Aussage bitten.

Belinda erhob sich etwas ungeschickt und überlegte, was zu tun war. Sie musste einen Arzt benachrichtigen, auch wenn er hier nicht mehr würde helfen können. Erneut betrachtete sie Pastor Guss, und ihr Herz pochte immer wilder in ihrer Brust. Dieser Blick, den die Toten hatten! Eine eisige Kälte kitzelte Belindas Rücken entlang. Sie hatte schon einige gesehen, neben ihren Großeltern und ihrem Vater einen lieben Onkel, und jedes Mal verfolgte sie dieser leere, unbeseelte Blick wochenlang in ihren Träumen. Er war Beweis genug, dass der Körper lediglich eine Hülle war. Ohne die Seele war er unansehnlich.

Eine Träne nach der anderen kullerte ihre Wangen hinunter. Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und stellte sich neben Pastor Guss, um für ihn zu beten. Gerade, als sie Allmächtiger Vater gedacht hatte, ging die Tür im Seitenschiff auf, die nur wenige Personen benutzten. Es war Craig O’Connell mit seinem irischen Schopf und der krummen Nase, der die Orgel beherrschte wie kein anderer. Unter seinen Fingern stöhnten die Pfeifen vor Trauer oder lobpreisten den allmächtigen Gott im Himmel, alles zu seiner Zeit.

„Belinda!“ Seine Schritte waren so schnell, wie es seine kranke Hüfte erlaubte, während sein entsetzter Blick auf dem leblosen Körper des Pastors ruhte. Nicht gut, dachte Belinda, denn es war in der Tat nicht von Vorteil, eine Leiche zu finden. Auch wenn Belinda selbstverständlich ihre Hände in Unschuld wusch und Pastor Guss hoffentlich ohne Einwirkung äußerer Gewalt verschieden war. Belinda jedenfalls konnte nichts Verdächtiges erkennen, aber sie war auch keine Detektivin, sondern eine einfache Bauersfrau.

„Was ist passiert?“ Craig tat das, was Belinda auch getan hatte, und er schien zu demselben Schluss zu kommen, dass hier jede Hilfe zu spät kam. „Gütiger Gott im Himmel, was ist hier bloß geschehen?“ Er musterte Belinda aus seinen blauen Augen, und sie fragte sich, ob er ihr etwas vorwerfen wollte.

„Ich weiß es nicht, Craig.“ Sie räusperte sich und umklammerte ihre Handtasche. „Ich bin gekommen, um zu beten, und da finde ich Pastor Guss auf dem Boden liegend.“

„Wir müssen die Polizei verständigen.“ Craig blickte um sich, als stünde die nächste Telefonzelle in der Kirche. Dabei war die letzte in Hollowfield vor wenigen Wochen abgerissen worden, nachdem neue Masten, deren Anblick dem Auge wehtat, am Ortsrand errichtet worden waren. Craig hielt nichts von mobilen Telefonen, und Belindas lud zu Hause auf dem Nachttisch.

„Ich gehe zu Fuß, James ist bestimmt zu Hause.“ Craig rieb sich das Kinn. „Bleibst du bei ihm?“

Belinda bejahte, obwohl sie sich sicher war, dass es für Pastor Guss keinen Unterschied mehr machte. „Oder soll ich gehen?“, kam es ihr in den Sinn, wegen Craigs Arthrose und weil sie jünger war, aber da fiel die Tür bereits ins Schloss.

Belinda betrachtete erneut den Toten. Er sah ungepflegter aus als sonst. An seinem Kinn sprossen helle Stoppeln, und sein Haupthaar war so unordentlich, als wäre Pastor Guss eben erst aufgestanden. Dabei war er ein Frühaufsteher. Gewesen. Er trug Stiefel mit matschigen Sohlen, und das in der Kirche, und oben ragten beige Wollsocken hervor. Seine graue Jacke hatte zwei große Außentaschen. Belinda, die von Natur aus neugierig war, war für einen Augenblick versucht, hineinzusehen, entschied sich dann aber, zu warten. Sie setzte sich auf die vorderste Kirchenbank und schlug die Beine übereinander. Die Kühle des Herbstabends kroch allmählich unter ihren Rock, und sie fröstelte.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis Craig endlich auftauchte, gefolgt von Inspektor James Subtle, der in etwas gehüllt war, das wie ein Bademantel aussah. Seine Füße steckten in wolligen Hausschuhen. Er ging gebückt, wie jemand, der Rückenschmerzen hatte, und grüßte Belinda nur mürrisch, bevor er sich um Pastor Guss kümmerte. Mit einer unbarmherzigen Bewegung, die Belinda einen Stich versetzte, drehte er den Leichnam um. James war bekannt für seinen Mangel an Empathie und seine Verachtung für alles, was das Herz berührte. Jetzt lag Pastor Guss noch hilfloser da. Über seiner Brust spannte ein helles Hemd, es war nirgends Blut zu sehen.

„Hm. Sieht mausetot aus“, murmelte James und griff in eine der Jackentaschen. Vielleicht hatte Belinda doch das Zeug zur Detektivin! „Hm.“ Er zog einen Rosenkranz hervor, den Belinda schon oft bewundert hatte. Er war aus Paternostererbsen gefertigt und mit einem schwarzen Holzkreuz versehen. Die rotleuchtenden Erbsen mit dem schwarzen Punkt an einem Ende erinnerten an kleine, flinke Käfer.

Wieder ein Hm, während Inspektor Subtle die andere Tasche inspizierte und nichts fand, das sein Interesse geweckt hätte. Er fischte einen Plastikbeutel aus seiner Innentasche und ließ alles hineingleiten. „Hm, hm, hm.“

Innentasche! Belinda stand auf.

„Was glaubst du, ist hier geschehen?“ Ihr war auf einmal bitterkalt.

„Woher soll ich das wissen, Belinda?“ James zog die buschigen Augenbrauen zusammen. „Bin ich ein Hellseher?“

Nein, das war er nicht. Er war einer der faulsten Polizisten, die Belinda kannte, und ihr Großvater war Polizist bei Scotland Yard gewesen – sie wusste, wovon sie sprach.

Sie warf einen schnellen Blick auf ihre Armbanduhr und sprang auf. „Darf ich jetzt gehen?“

James musterte sie müde. „Ich sollte noch einige Fragen stellen, schließlich hast du Pastor Guss gefunden. Aber in Anbetracht der späten Stunde …“ Er sah zuerst den Organisten, dann Belinda fragend an. Als keiner der beiden etwas erwiderte, wandte er sich mit einem Seufzer wieder dem Leichnam zu. „Hm.“ Er befühlte noch einmal Pastor Guss’ Hals, als hätte ihn Gott in der Zwischenzeit wieder zum Leben erweckt haben können.

Belinda wurde nervös. „Die Innentaschen. Was ist mit den Innentaschen?“ Sie trat von einem kalten Fuß auf den anderen. Sie las gern Kriminalromane, aber sie hätte sich niemals ausgemalt, eines Tages selbst in einen derartigen Fall verwickelt zu werden!

„Hm, wenn du meinst.“ James beugte sich schwerfällig über den Körper des Pastors und entschied dann, sich neben ihn zu knien. Es sah beinahe so aus, als machte er sich für ein Gebet bereit, dabei wusste ganz Hollowfield, dass Inspektor Subtle nicht an die Existenz Gottes glaubte. Er besuchte die Messe nur, um seiner Frau einen Gefallen zu tun, hatte sogar schon mit einem lauten Schnarchanfall die Predigt gestört.

James steckte seine Hand resolut in die erste Innentasche des Jackenfutters. „Nichts.“ Er zog sie wieder heraus, mit einem weiteren Seufzer, als hätte ihn diese Untersuchung den allerletzten Tropfen Kraft gekostet. „Ich sehe noch in der anderen nach, und dann entschuldige ich euch für heute Abend. Ich werde den Krankenwagen rufen. Obwohl er ja nicht krank ist.“

„Er war vielleicht krank.“ Belinda erinnerte sich an das kurze Telefonat vor dem Abendessen.

„Mir ist da nichts aufgefallen.“ James sah sie irritiert an. „Ich meine, bei der letzten Messe.“

„Nein, nein.“ Belinda bereute schon, etwas gesagt zu haben. „Ich habe Pastor Guss angerufen, weil ich wissen wollte, wie lange die Kirchenpforte am Abend offensteht.“ Craig und James sahen sie so fest an, dass sich Belindas Hals zuschnürte. „Normalerweise gehe ich am Abend nicht in die Kirche, aber heute hatte ich das dringende Bedürfnis. Ich wollte für meinen kranken Sohn beten. Pastor Guss klang am Telefon erschöpft, das ist alles. Und da habe ich ihn gefragt, ob es ihm nicht gut ginge. Er sagte, es sei nur eine Magenverstimmung.“

„Eine Magenverstimmung mit Todesfolge. Hm.“ James griff in die zweite Innentasche. „Wenn das mal nicht nach einer Vergiftung klingt.“

Vorsichtig zog er etwas hervor, in Zeitlupe und mit den Fingerspitzen, als könnte es sich jeden Augenblick in Luft auflösen und jegliche Spur verwischen. Es war ein exakt zusammengelegtes, cremefarbenes Stück Papier. James erhob sich langsam. Seine Knie knackten wie verdorrte Äste. Während er den Zettel auseinanderfaltete, wurden Craigs und Belindas Hälse immer länger.

„Was ist es?“ Die Spannung kribbelte in Belindas Nacken, und sie musste zugeben, dass die Sache für ihren Geschmack allmählich zu aufwühlend wurde. Sie brauchte dringend eine Tasse Tee. Wo war die entspannende Ruhe, die in Hollowfield zu herrschen pflegte? Das hier würde den ganzen Ort für viele Wochen oder gar Monate aufwühlen!

„Hm.“ James’ Blick wanderte aufmerksam über die Zeilen, die, so konnte Belinda erkennen, getippt worden waren. Schließlich ließ er das Blatt sinken. „Interessant.“

„Sag schon, was hast du gefunden?“ Belinda würde diese Anspannung nicht länger aushalten! „Was steht darin geschrieben, Inspektor Subtle?“

„Es ist ein höchst rätselhaftes Dokument.“ Er sah Belinda aus seinen wässrigen Augen an. Träge zog er ein Taschentuch aus dem Ärmel und putzte sich geräuschvoll die Nase.

„Dürfen wir es nicht wissen?“ Belinda warf Craig einen ermutigenden Blick zu, denn sie war davon überzeugt, dass er ebenfalls wissen wollte, was in der Innentasche gesteckt hatte.

„Wenn es dich so sehr interessiert, Belinda, hättest du vielleicht bei der Polizei anfangen sollen.“ James lachte rau, und sein Bauch wackelte.

Belinda sah beschämt zu Boden. Es gehörte sich nicht, seine Neugierde offen zu zeigen, da hatte Inspektor Subtle wohl recht. Vielleicht hatte Miss Pinky sie bereits bei einem der Sonntagstees mit ihrem offenherzigen Wesen infiziert. Es war schwer, sich ihrer Art zu entziehen. „Aber James …“ Belinda räusperte sich. „Wer hat dir denn den Ratschlag mit den Innentaschen gegeben?“

„Das stimmt!“ Craig nickte anerkennend. „Das war Belinda. Sie sollte erfahren, was du gefunden hast, James.“

„Na gut, aber ihr versprecht mir, dass es unter uns dreien bleibt. Wir wollen ja nicht, dass die Ermittlungen auf irgendeine Weise gestört werden.“ James’ Augen verengten sich.

„Ehrenwort!“ Belinda und Craig sagten es fast gleichzeitig.

„Dass ihr so neugierig seid!“ James legte das gefaltete Papier in den Plastikbeutel zu den anderen Gegenständen.

„Jeder ist neugierig, James“, sagte Belinda. „Nur nicht jeder gibt es zu.“

„Wie dem auch sei.“ James steckte den Plastikbeutel in die Tasche seines Bademantels. „Es ist ein Brief.“ Er legte eine lange, theatralische Pause ein. „Ein Brief, der unserem Pastor Guss anscheinend sehr am Herzen gelegen haben muss.“ Belinda drohte zu platzen, und Craig knetete seine Hände so vehement, dass es allein vom Zusehen wehtat. „Es ist ein Liebesbrief.“

Belinda hielt unwillkürlich den Atem an. Ihre Mundhöhle wurde trocken. „Du meine Güte, ein Liebesbrief! An wen ist er denn gerichtet?“

„Von wem ist er, das ist die passende Frage.“

„Steht es nicht auf dem Papier?“ Craigs Stirn war ein Labyrinth aus tiefen Furchen.

„Natürlich steht es auf dem Papier. Ich möchte euch nur noch ein bisschen auf die Folter spannen.“

„Also James!“ Belindas Wangen glühten auf einmal. Es schien, als wäre James der Einzige hier, der es genoss, sich endlich mit Größerem zu beschäftigen als mit falsch geparkten Wagen oder Müll im örtlichen Park. Er starrte erhaben vor sich hin und tätschelte seine Tasche.

„Es ist ein Liebesbrief. Gerichtet an Pastor Gray Guss.“ Inspektor Subtle machte eine bedeutungsvolle Pause. „Geschrieben von unserer lieben Miss Pinky.“

zwei

Müde saß Miss Pinky über den Esstisch gebeugt und steckte die Einladungskarten für die Geburtstagsfeier ihres Sohnes Kit in knallrote Umschläge. Mit einem Lächeln auf den Lippen betrachtete sie einen der Marienkäfer, dessen Deckflügel mit dicken, schwarzen Punkten man hochklappen musste, um den Einladungstext zu lesen. Sie hatte stundenlang mit Kit gebastelt; nur die Liste mit den Namen der Eingeladenen, die hatte ihr Sohn erst am Vorabend im Bett geschrieben.

„Wie soll ich mich entscheiden, wenn ich nur zehn Kinder einladen darf?“, hatte er gefragt und seine Mutter aus seinen dunklen Augen angesehen. Er hatte Benedicts Augen. Miss Pinky streichelte ihm über das widerspenstige, dunkelbraune Haar.

„Du wählst diejenigen aus, mit denen du am liebsten feiern möchtest.“

„Das sind aber mehr als zehn. Viel mehr!“ Kit schob die Unterlippe vor. Seine gespielte Trauer war zuckersüß gewesen.

„Du kennst unsere Regel: so viele Gäste wie Jahre.“

Heute wollte Kit die Einladungen in der Schule verteilen. Zehn Jahre alt war er bald, wie die Zeit verging!

Ein wütender Wind rüttelte an den Fensterläden und ließ Miss Pinky zusammenzucken. Sie würde die Gartenstühle anbinden müssen. Aber zuerst würde sie sich auf den Weg zu Belinda machen, um ihr einen Topf selbstgemachter Hühnersuppe für ihren Sohn Jeff vorbeizubringen.

Noch verschlafen griff Miss Pinky nach ihrer Kaffeetasse und nippte an dem dampfenden Getränk. Sie schloss die Augen, sog den nussigen Duft ein und atmete ein paarmal tief durch. Die letzte Nacht war wenig erholsam gewesen. Die vierjährige Edith hatte schlecht geträumt und war fünfmal aufgewacht, bis Miss Pinky sie schließlich bei sich hatte schlafen lassen. Benedict hatte sich murrend auf die Seite gedreht, und Edith hatte ihre kleinen, kalten Fußsohlen gegen Miss Pinkys Waden gepresst. Ihre goldige Prinzessin!

Zufrieden stapelte Miss Pinky die Karten und steckte sie in eine Plastiktüte, die sie neben Kits Müslischüssel legte. Den Frühstückstisch hatte sie, wie immer, schon am Vorabend gedeckt, während Benedict die Zeitung gelesen hatte.

„In diesem Nest passiert auch rein gar nichts.“ Er sagte es jeden Abend in nüchternem Tonfall und rückte anschließend seine Lesebrille auf der markanten Nase zurecht, was seinen Worten Nachdruck verlieh. Miss Pinky hätte ihn am liebsten daran erinnert, dass sie nach ihrer Hochzeit vor fünfzehn Jahren geplant hatten, noch vor der Geburt ihres ersten Kindes nach London zu ziehen. Aber sie hielt den Mund, denn sie wusste, woran es lag, dass sie immer noch in Hollowfield wohnten. Es war die Schuld der Lederwarenfabrik der Familie Pretty. Benedicts Treue und ehrenwertes Pflichtgefühl hinderten ihn daran, seinem Heimatort den Rücken zu kehren. Und wenn Miss Pinky ehrlich war, dann hatte sie ihr Umfeld und ihre Tätigkeiten in der Mädchenschule und der Kirche auf eine unerwartete Weise liebgewonnen. Vielleicht war es nicht nötig, jemals nach London zu ziehen.

Sie holte die Dose mit dem Kakaopulver aus der Speisekammer, stellte den Honig auf den Tisch und warf einen Blick auf die Wanduhr. Es war erst kurz nach sechs. Sie betrachtete mit einem warmen Gefühl im Bauch den kleinen Küchentisch, an dem sie gern als Familie frühstückten. Dabei hatten sie ein geräumiges, modern eingerichtetes Esszimmer, aber das benutzten sie nur, wenn Gäste kamen. Hier war es kuscheliger, mit der Tischdecke voller bunter Hennen, den sonnengelben Tellern für Marlon und Pim, den Müslischalen für Edith und Kit und den beiden Eltern-Sitzplätzen an den Tischenden. Es war kaum genügend Platz für den Toasthalter, die Zuckerdose, all die Marmeladen (denn jeder mochte eine andere), Milchkännchen, Müslischachteln und Tee- und Kaffeekannen, doch es war so gemütlich, wie Miss Pinky es in ihrer Kindheit niemals gehabt hatte.

Immer noch verschlafen holte sie den Earl Grey aus dem Hängeschrank über der Spüle, ließ vier Beutel in die Teekanne gleiten und befüllte den Wasserkocher. Anschließend ging sie nach oben, um sich zu duschen und fertigzumachen, denn sie brauchte länger als der Rest der Familie und genoss die Ruhe dieser halben Stunde, bevor nach und nach alle aus den Federn krochen. Sie war von Natur aus keine Frühaufsteherin, aber das Familienleben mit vier Kindern verlangte es so. Damals, in Michigan, hatte sie bis zum Mittag schlafen können.

„Mummy, ich habe Halsweh und Kopfweh!“ Der achtjährige Marlon stand mit seiner blutroten Kuscheltier-Krabbe im Arm im Badezimmer, als Miss Pinky aus der Duschkabine stieg. Sein hellblondes Haar stand in alle Richtungen ab, und sein Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich.

„Leg dich doch wieder ins Bett.“ Miss Pinky rubbelte mit einem Handtuch über ihr kurzes, kastanienbraunes Haar, ging dann in die Hocke und drückte Marlon einen Kuss auf die Stirn. Er hatte auf jeden Fall Fieber. Sie brauchte kein Thermometer, um das festzustellen.

„Mir ist schlecht!“ Die Krabbe landete auf dem Boden.

Instinktiv schob Miss Pinky ihren Sohn sanft an den Schultern in Richtung der Toilette, wo er das erbrach, was sein Magen hergab. Sein Körper zitterte, während Miss Pinky ihm die Stirn hielt und ihm gut zuredete, alles rauszulassen. Sie wusste, wie es war, wenn man es nicht tat, denn sie hatte es als kleines Mädchen oft falsch gemacht. Ihre Mutter war nicht an ihrer Seite und ihr Vater ständig woanders gewesen. Dann kam das Zeug eben durch die Nase raus.

„Leg dich bitte wieder ins Bett, mein Schatz.“ Sie holte einen Waschlappen, befeuchtete ihn und putzte Marlon das Gesicht ab. „Das wird schon wieder.“

Gehorsam trottete Marlon aus dem Badezimmer. Miss Pinky hob das Kuscheltier auf, das sie aus großen, schwarzen Augen anstarrte. „Und du, was hast du für Sorgen?“ Miss Pinky schüttelte ungläubig den Kopf. Sie sprach mit einem Plüschtier!

Rasch trocknete sie sich ab und schlüpfte in ihre Alltagskleidung, denn heute hatte sie keine Termine als Aushilfslehrerin in der örtlichen Mädchenschule. Sie vergewisserte sich, dass Marlon eingeschlafen war, benutzte anschließend routiniert einen schwarzen Kajalstift, schwarzblaue Wimperntusche und ein paar Tupfen getönter Tagescreme, gekrönt von ein wenig Rouge. Zuletzt föhnte sie ihr dünnes Haar und holte die knallpinke Perücke mit dem Pagenschnitt aus dem Schlafzimmer, setzte sie auf und zupfte ein paar Strähnen zurecht.

Benedict war inzwischen aufgestanden und saß am Fußende des Bettes. „Ist Marlon krank?“ Er deutete auf ihren Sohn, der mit einem Arm um Edith im Ehebett lag und ruhig atmete. Neben ihm stand eine der gelben Kotzschüsseln, die es unter jedem Bett im Haus gab. Miss Pinky hatte schon zu viele Teppiche reinigen lassen müssen.

„Bestimmt ein Herbstinfekt. Das wird schon wieder.“ Miss Pinky trat auf Benedict zu und küsste ihn auf den Mund. „Guten Morgen.“ Manchmal war es nicht leicht, die Trägerin der guten Laune zu sein, aber es machte trotzdem Spaß und alle glücklich.

Als sie wenig später gemeinsam am Frühstückstisch saßen, war Kit auffallend schweigsam, während er seine Vollkornkringel gierig in sich hineinstopfte. Pim bestrich sein Toastbrot mit der gewohnten Sorgfalt, während Miss Pinky geübt Pausenbrote belegte.

„Alles in Ordnung bei euch?“ Sie hob den Blick, den nur Benedict erwiderte. Er lächelte sanft, denn er wusste, dass ausschließlich die Kinder gemeint waren. Die Zeit, um sich mit seiner Frau Erin über seine Befindlichkeiten auszutauschen, war am Abend vor dem Einschlafen.

„Muss meine Geburtstagfeier jetzt ausfallen?“ Die Kit-Lippe kam zwischen zwei Löffeln zum Einsatz.

„Nein, Marlon ist bestimmt bald wieder gesund.“

„Und wenn nicht, dann verschieben wir das Fest eben.“ Benedict hob die Brauen und zuckte mit den Schultern.

„Ich will es aber nicht verschieben!“ Wenn Kit aufgebracht war, dann sprach er beinahe mit einem perfekt britischen Akzent. Es verwirrte Miss Pinky, denn sie empfand einen gewissen Stolz darauf, dass ihr US-Akzent wenigstens ansatzweise in ihren Kindern weiterlebte.

„Wir müssen es nicht verschieben.“ Sie packte die Brote in Plastikboxen, die mit selbstdesignten Namensaufklebern versehen waren. „In vier Tagen ist dein Bruder bestimmt wieder fit.“

Benedict verschwand für wenige Minuten, kehrte in einem beigen Trenchcoat und mit seiner Aktentasche in der Hand zurück, verabschiedete sich mit dem üblichen, trockenen Kuss auf Miss Pinkys Lippen und fuhr ins Büro.

Miss Pinky stattete Kit und Pim mit Regenschirmen aus.

„Das ist ein Baby-Schirm!“ Kit warf ihn in die Garderobe. War das schon ein Vorgeschmack auf die Pubertät? Und das würde sie viermal mitmachen müssen?

„Ich habe keinen anderen.“

„Ich will einen schwarzen, so wie Daddy!“ In letzter Zeit schrie Kit jeden Satz. Punkte am Satzende gab es nicht, und Fragezeichen waren überflüssig, denn Kit wusste alles besser.

„Komm schon, Kit!“ Pim zerrte am Ärmel seines Bruders.

Pim war in der ersten Klasse und hatte große Angst davor, am Morgen nicht rechtzeitig in der Schule zu sein. „Ich will nicht zu spät sein!“

„Hört auf damit!“ Miss Pinky suchte in den Schubladen des Garderobenschranks nach einem einfarbigen Schirm, fand aber nur tausend Mützen, Handschuhe, Tücher und Kastanien. Aus denen hatten sie Tiere basteln wollen, aber dann waren sie vergessen worden.

„Wir müssen los, Kit!“ Pim zog immer kräftiger, bis Kit sich losriss.

„Dann kommen wir eben zu spät, na und?“ Er blitzte seine Mutter wütend an.

„Dann wirst du eben nass.“ Miss Pinky stemmte die Hände in die Hüften und presste die Lippen zusammen. Nicht mit mir, mein Lieber!

„Ich geh jetzt!“ Pim trat auf seine Mutter zu, drückte ihr einen Kuss auf die Wange, spannte den Schirm mit den grünen und gelben Schnecken auf und verschwand im prasselnden Oktoberregen. An dieses Wetter konnte sich kein Mensch gewöhnen! Es gab immer noch Zeiten, in denen Miss Pinky zumindest den meist blauen Himmel in Michigan vermisste.

„Und jetzt?“ Sie sah Kit herausfordernd an, in Erwartung der Lippe, aber sie kam nicht.

„Ich gehe nicht mit einem Schirm, auf dem Eisbären sind!“ Kit stürmte ins Garderobenzimmer und kam mit einer gelben Regenjacke zurück, die er über seinen Anorak zog. „Tschüss, Mummy. Bis später.“ Kein Kuss, nicht einmal mehr ein Abschiedsblick. Mit Wucht fiel die Haustür ins Schloss.

Miss Pinky öffnete die Fensterläden, räumte die Küche auf, fegte die Krümel auf dem Boden zusammen, startete eine Ladung Wäsche, machte die Kinderbetten und vergewisserte sich, dass Edith und Marlon noch tief und fest schliefen.

Bin gleich wieder da

schrieb sie auf einen Zettel, den sie auf ihr Kopfkissen legte. Nur für den Fall, dass einer der beiden wachwurde. Lesen konnte es nur Marlon, aber auch Edith kannte die Notizen ihrer Mutter, die beruhigend auf sie wirkten.

Wieder im Erdgeschoss angekommen, horchte sie ein letztes Mal, ob sich im oberen Stockwerk etwas regte. Es war totenstill. Nur der unablässige Herbstregen trommelte gegen die Fensterscheiben. Miss Pinky holte eine Portion ihrer berühmten Hühnersuppe aus dem Kühlschrank. Mit einem sonderbaren Drücken in der Magengegend setzte sie sich hinters Steuer, um die gute Suppe schnell abzuliefern, bevor sie Edith in den Kindergarten bringen und nach Marlon sehen würde.

Belinda wohnte am anderen Ende des Ortes, nicht weit von der Kirche entfernt. Als Miss Pinky die Abbiegung an der Rodney Road nahm, bremste sie den Wagen ein wenig ab und wandte den Kopf nach rechts, zu Pastor Guss’ Haus, das trostlos dastand. Die geschlossenen, gelben Fensterläden waren die einzigen Farbtupfer hinter einem Schleier aus Dauerregen. Miss Pinky beschleunigte wieder und fuhr am Spielplatz vorbei. Wie viel Zeit hatte sie hier verbracht! Mit einem Korb voller Stricksachen oder einer Frauenzeitschrift auf dem Schoß, während ihre Sprösslinge im Sand buddelten oder auf Bäume kletterten. Später lernte sie hier ihre beste Freundin Jamie Higgins kennen, die nur zwei Jahre jünger war und zwei Kinder hatte: Sarah war neun und James sechs. Wie sich herausstellte, wohnte Jamie in Miss Pinkys Nachbarschaft und arbeitete stundenweise als Sekretärin in der Grundschule im Ort. Miss Pinky fiel gleich auf, dass Jamie alle Vorurteile gegenüber Briten in sich vereinte. Sie war Fremden gegenüber sehr zurückhaltend, traute sich kaum, die Dinge beim Namen zu nennen, und ließ nur ab und zu ihren Humor hervorblitzen. Aber wie war das mit den Gegensätzen, die sich anzogen? Mit einem Lächeln auf den Lippen parkte Miss Pinky und stieg aus. Sie hastete über den matschigen Boden, stets bemüht, nichts von der Suppe zu verschütten. Wie oft hatte Benedict sie gemahnt, einen Regenschirm im Auto zu deponieren!

Am Gartentor angekommen, drückte sie ihren Zeigefinger auf den Klingelknopf. Kaltes Wasser rann an ihrem Hals hinunter und unter ihr Oberteil.

„Erin, was machst du denn hier?“ Belinda trat mit einem überdimensionalen Schirm aus dem Haus und nahm den gewundenen Weg zwischen Rhododendron-Büschen und Rosenhecken, der zum Eingang führte. Sie sah blass aus. „Du erkältest dich noch!“ Sie hielt den Schirm über Miss Pinky und den Topf mit Suppe.

„Du weißt doch, dass ich nie krank werde.“ Miss Pinky ging neben Belinda her. Als sie schließlich in den Flur trat, sog sie den vertrauten Duft von Belindas Haus ein. Es war ein Gemisch aus nassem Hund, Kuchen und dem Rasierwasser von Belindas Mann Logan. „Eine Mutter kann es sich kaum erlauben, krank zu sein.“

„Das stimmt allerdings!“ Belinda sah ungläubig auf den tropfenden Topf in Miss Pinkys Händen. „Du hast deine berühmte Suppe mitgebracht? Du bist ein Schatz!“ Weil es der Topf nicht zuließ, gab es keine innige Umarmung. Belinda nahm Miss Pinky die Suppe ab und trug sie in die Küche. „Ich würde dir gern Frühstück anbieten, aber ich bin nicht vorbereitet.“

„Kein Problem, Belinda, ich muss sowieso gleich wieder los. Marlon ist krank und Edith noch nicht im Kindergarten.“

„Das tut mir leid. Es sind so viele krank zurzeit.“ Belinda senkte den Blick. Eine Weile starrte sie auf den Teppich. Dann atmete sie geräuschvoll ein, und für einen Augenblick kam es Miss Pinky so vor, als wollte ihre Freundin etwas sagen, doch sie blieb stumm. Stattdessen kratzte sie an ihrem Nagelbett, was sie für gewöhnlich beim Frauentee tat, wenn sie nervös wurde, weil sie auf ihren Mann angesprochen worden war.

„Ist alles in Ordnung, Belinda?“ Miss Pinky trat einen Schritt auf Belinda zu, deren Eheprobleme im Frauenkreis schon lange kein Geheimnis mehr waren. Sie berührte ihre Freundin sanft am Oberarm. Die Sache mit Logan war ein Thema, bei dem alle großes Verständnis und Mitgefühl an den Tag legten, denn er war Belindas Berichten zufolge alles andere als einfach. In Miss Pinkys Augen war er ein Choleriker.

„Alles bestens.“ Belinda sah ihre Freundin mit feuchten Augen an.

„Geht es Jeff sehr schlecht?“ Miss Pinky wäre gern länger geblieben.

„Er hat immer noch hohes Fieber.“

„Die Suppe wird ihm guttun.“ Miss Pinky lächelte, aber Belinda blieb weiterhin ernst.

„Danke, Erin. Das ist wirklich sehr lieb von dir.“

Die Wanduhr schlug energisch viertel vor acht, als wollte sie daran erinnern, dass es heute noch viel zu erledigen gab.

„Melde dich, wenn du etwas brauchst.“ Miss Pinky öffnete die Tür und trat aus der Wasserpfütze, die sich um sie herum gebildet hatte. „Lass mich das noch aufputzen!“

„Es ist in Ordnung, Erin. Ich mache das schon.“ Belinda öffnete einen Einbauschrank im Flur und holte einen Wischmopp hervor, auf den sie sich lehnte, als könnte sie nicht ohne Hilfe stehen. Miss Pinky runzelte die Stirn. Belinda hatte Schatten unter den Augen und sah elend aus.

„Kann ich dir irgendwie helfen, Belinda?“

„Nein, das kannst du wirklich nicht.“ Belindas Stimme klang erstaunlich kalt, und Miss Pinky überlegte fieberhaft, was vorgefallen sein könnte.

„Du kannst mir immer alles sagen, das weißt du hoffentlich.“

„Ja, ich weiß.“ Belindas Stimme war plötzlich trocken und rau und auf eine sonderbare Art traurig. „Hast du denn heute noch nicht die Zeitung gelesen?“

Miss Pinky griff mit der rechten Hand an ihre nasse Perücke. Sie würde sie zu Hause in Form bringen müssen. Also gab es doch etwas, das Belinda zusätzlich aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

„Nein, ich hatte keine Ruhe. Was ist denn geschehen?“

Tränen liefen Belindas Wangen hinunter. Miss Pinky nahm sie instinktiv in den Arm, doch der Körper ihrer Freundin wurde mit einem Mal ungewöhnlich steif.

„Atme, atme ganz ruhig.“ Belinda roch vertraut, aber ihr Verhalten war sonderbar.

Einige Schluchzer später löste sie sich aus der Umarmung und war noch bleicher als zuvor. Sie stand auffallend aufrecht, als müsste sie beweisen, dass sie ihre Fassung wiedergefunden hatte. Belinda ließ sich ihre Verletzlichkeit nicht gern anmerken. Wenn sie zusammenbrach, dann musste es einen triftigen Grund dafür geben! In Miss Pinkys Bauch braute sich etwas aus Neugierde und Angst zusammen, gepaart mit der leisen Hoffnung, helfen zu können.

„Möchtest du reden?“ Miss Pinky streichelte Belinda über die Schulter. „Du kannst später zu mir kommen.“

Doch Belinda schüttelte vehement den Kopf, was Miss Pinky stutzig machte. Sie zögerte eine Weile. „Dann werde ich zu Hause gleich einen Blick in die Zeitung werfen“, sagte sie schließlich und versuchte, so zuversichtlich wie nur möglich zu klingen. Da Belinda keine Anstalten machte, auch nur ein weiteres Wort zu sagen, zog Miss Pinky die Tür auf und trat unter das Vordach. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen.