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Montabaur um das Jahr 1500. In dem kurtrierischen Städtchen, dem schon zur Zeit der Kreuzzüge der Name Mons Tabor verliehen wurde, herrscht große Aufregung: Ein Mord ist geschehen. Das Opfer ist der Burgmann Ritter Claus von Stochberg. Der Lateinschüler Georg, Sohn eines angesehenen Tuchmachers und Ratsherrn, gerät unschuldig in Verdacht, die Tat begangen zu haben. Er muss aus der Stadt fliehen und irrt durch die Wälder der Umgebung. Dabei wird er Zeuge eines weiteren Mordes. Er weiß, dass man ihm auch diese Bluttat anlasten wird und sucht Unterschlupf bei einfachen Leuten. Es beginnt eine fieberhafte Suche nach ihm, und die Häscher sind ihm dicht auf den Fersen. Doch Georg beschließt, selber nach dem wahren Täter zu fahnden. Er verlässt deshalb sein Versteck und kehrt verkleidet in die Stadt zurück. Ob es ihm gelingt, unentdeckt zu bleiben und die Mörder aufzuspüren?
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2016
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© 2016eBook-Ausgabe 2016RHEIN-MOSEL-VERLAGBrandenburg 17, D-56856 Zell/MoselTel.: 06542-5151 Fax: 06542-61158www.rhein-mosel-verlag.deAlle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-836-4Ausstattung: Marina FollmannUmschlag: Stefanie ThurTitelabbildungen: »Großer Markt mit Rathaus« von August de Peellaert (1862), Museumsverband Brügge, Bild Nr. 1329-000 aus der Datenbank des Stadtarchivs Montabaur/»Bildnis eines jungen Schülers« von Jan van Scorel
Ingeborg Schewior
Mord in Mons Tabor
Für Patricia und Kristina und für Vera, der ich manchen guten Hinweis verdanke
1
Ich saß auf den Stufen, die zum Eingang des Petersturms führten. Gerade waren die Buben des Tirociniums mit großem Geschrei an mir vorbeigestürzt. Sie hatten ein paar Tage schulfrei, weil das Osterfest vor der Tür stand, und rannten so schnell wie möglich fort vom Schulturm, den sie für einen Ort täglicher Anstrengungen und Plagen hielten.
Ich selber hatte nicht mehr frei. Schade, eigentlich! Denn meine Schulzeit war vorbei, endgültig. Mit salbungsvollen Worten hatte Pater Augustus, der Rektor, uns Schülern der Oberklasse heute Vormittag den Abschluss unserer Studien verkündet und uns aus der Lateinschule entlassen. Meine Mitscholaren, mit denen ich sechs Jahre lang jeden Tag von früh bis abends den engen Schulraum mit seinen niedrigen Tischen und Bänken geteilt, Grammatik und Syntax gepaukt und das Deklinieren und Konjugieren geübt hatte, waren schon in unterschiedliche Richtungen davongeeilt.
Zufrieden blickte ich die Kirchstraße hinunter. Es war ein schöner, warmer Apriltag und die Sonne beleuchtete die Giebel der Häuser auf der linken Straßenseite. Der Wind spielte mit den Zweigen der beiden Linden vor der Kirche St. Peter, die schon ein erstes Grün zeigten.
Aus der Kirche hörte man einen Chor von Männerstimmen. Der Gesang klang noch stockend und traf nicht immer den richtigen Ton, aber immerhin war die Melodie des Liedes zu erkennen. Pater Baldwin probte mit den Vikaren einen neuen Cantus ein.
Der gemeinsame Gesang war von unserem allergnädigsten Erzbischof und Kurfürsten Johann von Baden angeordnet worden. Es hatte ihm nämlich äußerst missfallen, wie die Geistlichkeit der Pfarre St. Peter zu Montabaur während der Heiligen Messe im Kirchenraum umhergelaufen, geschwatzt und auf allerlei Weise das Geschehen am Altar gestört hatte. Auf allerhöchsten Befehl mussten sich deshalb nun die Kleriker der Stadt, und das waren nicht wenige, dreimal täglich in der Kirche einfinden und gemeinsam die vorgeschriebenen Gebete singen. Und damit das auch in gehöriger Weise geschah, hatte er sogar das Chorgestühl gestiftet. Es war aus dunklem Holz angefertigt und mit schönen Schnitzereien sowie seinem Wappen und der Jahreszahl 1489 versehen.
Vom Kirchturm her tönte ein rhythmisches Klopfen. Dort waren die Steinmetze und Maurer tätig, die die durch den letzten Brand beschädigten Türme wieder reparierten. Türme und Kirchenschiff waren mit Gerüsten umgeben. Ein großer Kran, mit dem die Steine hochgezogen wurden, stand an der Nordseite. An mehreren Stellen hingen Seile von den Gerüsten herab, an denen die Maurer und Steinmetze, um ihrer Arbeit nachgehen zu können, sich von Gerüstboden zu Gerüstboden hinaufschwangen. Ich hatte das auch ein paar Mal versucht, und es war mir, nach einiger Übung, sogar gelungen. Wie ein fliegender Vogel hatte ich mich dabei gefühlt.
Ich wartete auf Niklas, unseren Lehrer in Latein, der noch oben im Schulturm in seinen Büchern und Pergamenten Ordnung schuf. Er war bei uns zum Mittagsmahl geladen. Gemeinsam wollten wir die Kirchstraße hinunter zu meinem Elternhaus am Großen Markt gehen, wo man uns zur Zeit des Mittagläutens erwartete.
Pater Niklas war im Lauf der vergangenen Jahre nicht nur mein Mentor, sondern auch mein Freund geworden, dem ich viel zu verdanken hatte. Aber er lehrte uns nicht nur die alten Sprachen. Er führte uns darüber hinaus in die Philosophie und die Dichtung der römischen und griechischen Klassiker ein. Ich konnte ihm stundenlang zuhören, anders als die meisten meiner Mitschüler, und las auch in meiner Freizeit die Texte, die er mir geliehen hatte.
Plötzlich sah ich um die Ecke des Kirchturms einen blauen Mädchenrock verschwinden. Darin steckte doch bestimmt meine jüngste Schwester Brigid. Sicher hatte sie wieder der Magd die Schüssel mit der Mittagssuppe für Konrad, unseren Hausgast, abgeschwatzt.
Konrad arbeitete auch an der Kirche. Steinmetzmeister Leinhardt hatte ihn von der Bauhütte des Doms zu Köln mitgebracht, weil er die Kunst beherrschte, Pflanzen, Ranken und sogar menschliche Gesichter so kunstvoll aus dem Stein zu schneiden, dass sie ganz natürlich wirkten. Er wollte nicht mit den anderen Steinmetzen in der Hütte neben der Kirche wohnen, sondern brauchte eine eigene Kammer, in der er in Ruhe die Zeichnungen für seine Arbeiten anfertigen konnte. Meine Eltern hatten ihn in unserem Haus aufgenommen, und auch die Mahlzeiten bekam er bei uns. Mittags brachte unsere Küchenmagd ihm eine warme Suppe auf die Baustelle. Oft war es aber Brigid, die ihm das Essen brachte. Ich hatte zufällig gehört, wie sie ihrer Freundin Hildis vorschwärmte: »Er sieht ja so gut aus mit seinen blonden Haaren und den blauen Augen!« Sie suchte häufig Konrads Nähe und deshalb glaube ich, dass sie sich ein bisschen in ihn verguckt hatte.
Das Menschengewimmel, das jeden Vormittag auf der engen Kirchstraße herrschte, hatte schon vor einer Weile nachgelassen.
An Markttagen war das natürlich anders. Da war, wenn die Bauern aus den umliegenden Dörfern ihre Kühe und Schweine auf dem Kleinen Markt, sowie Gänse, Hühner, Wurst, Schinken und Käse auf dem Großen Markt anboten, auch zur Mittagszeit großes Gedränge und Geschrei. An einem normalen Wochentag aber kehrte um diese Zeit Ruhe ein. Jeder, der in der Stadt wohnte, strebte seinem Haus oder seiner Wohnung zu, um das Mittagsmahl einzunehmen und vielleicht auch der Mittagsruhe zu pflegen. Im Städtchen aßen alle zur gleichen Zeit, nämlich dann, wenn das Mittagsläuten verklungen war.
Jetzt öffneten sich auch die Kirchtüren und heraus strömten die Kleriker.
Sage und schreibe achtzehn Altäre hatte unsere ehrwürdige Kirche aufzuweisen, und entsprechend viele Vikare waren damit beauftragt, jeweils an einem oder mehreren dieser Altäre zu bestimmten Zeiten die Heilige Messe zu lesen – was zur Zeit, da die Kirche durch den Stadtbrand arg in Mitleidenschaft gezogen war, nicht ohne gewisse Einschränkungen möglich war.
Die Altäre waren von frommen Bürgern gestiftet worden, zum Heil ihrer Seelen oder das ihrer lebenden und verstorbenen Familienangehörigen. Mit den Altären waren Pfründen verbunden, die dem Vikar, der einem bestimmten Altar zugeteilt war, zugute kam. Diese Pfründen konnten aus jährlichen Gaben wie einem Huhn oder einer Gans, einem oder mehreren Sömmern Korn oder sogar Grundstücken und Häusern bestehen.
Meine Eltern hatten auch einen Altar in der Pfarrkirche gestiftet. Er war der Heiligen Katharina, der Namenspatronin meiner Mutter geweiht.
Die meisten Geistlichen verließen die Kirche durch die südliche Seitentür und gingen zum Präsenzhaus, dem Wohnhaus der Vikare, das neben der Friedhofskapelle St. Anna direkt an die Stadtmauer angebaut war. Einige kamen aber zur vorderen Kirchentür heraus und eilten die Kirchstraße hinunter. Sie hatten Häuser oder Wohnungen in der Stadt. Pater Sebald schlug seinen Umhang zurück und ich erkannte, dass er darunter weltliche Kleidung trug. Für einen kurzen Augenblick sah man eine enge, grüne Hose und ein ebenso enges dunkelrotes Wams aufblitzen.
Ich musste grinsen. Er konnte es nicht lassen, obwohl er schon mehrfach vom Stadtpfarrer ermahnt worden war. Bestimmt wurde er bald vor das Sendgericht zitiert und musste öffentlich Buße tun. Überhaupt waren einige der Vikare nicht sehr gebildet und ihre Lateinkenntnisse ließen zu wünschen übrig. Darüber mussten wir hochnäsigen Lateinschüler oft heimlich lachen.
Aber Niklas, auf den ich hier wartete, war anders. Er war gelehrt und kenntnisreich, hatte er doch mehrere Jahre an der Hohen Schule zu Erfurt studiert und sein Wissen auch danach noch weiter vervollkommnet.
Nun klappte hinter mir die Tür des Petersturms. Niklas kam heraus und schloss sie ab. Er hatte ein kluges Gesicht und wirkte groß und schlank in seinem Priesterrock. Unter dem Arm trug er mehrere Bücher. Er lachte mich an und sagte: »Lass uns gehen. Wir wollen deine Eltern nicht warten lassen. Und, hast du es ihnen nun endlich gesagt, Georg?«
Ich nickte. »Ja, gestern Abend.«
Wir gingen langsam über den Kirchplatz. Die Bücher, die Niklas bei sich trug, gerieten ins Rutschen und ich nahm ihm einige ab.
»Erzähl! Wie hat dein Vater es aufgenommen?«
»Es war gar nicht so einfach, und ich bin ziemlich ins Schwitzen gekommen. Am Anfang fiel es mir furchtbar schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich stockte und stotterte herum und wusste plötzlich nicht mehr weiter. Dann machte Vater eine sarkastische Bemerkung über mein Unvermögen, mich, wie er sagte, angemessen zu äußern, und das versetzte mich in einen solchen Zorn, dass ich auf einmal Worte für mein Anliegen fand und loslegte.«
Niklas blieb stehen und sah mich an. »Was hast du ihm denn gesagt?«
»Tja, ich bin wohl ziemlich laut geworden.« Verlegen schaute ich zu Boden, dann fuhr ich fort:
»Ich schleuderte ihm entgegen, dass ich auf gar keinen Fall in sein Geschäft eintreten wolle, dass ich keine Lust habe, Tuchmacher zu werden, immer im Städtchen zu bleiben und nur hinauszukommen, um die Walkmühle und die Färbereien aufzusuchen oder Schafe auf ihre Wolle hin zu taxieren, dass ich vielmehr eine Leidenschaft für die Wissenschaften habe und auf die Hohe Schule wolle, am besten auf die Hierana, die Universität in Erfurt, an der auch du studiert hast.«
»Das hast du tatsächlich alles so gesagt?« Niklas machte ein bedenkliches Gesicht. »Wie hat denn dein Vater auf all das reagiert? Deine Rede muss auf ihn richtig aufsässig gewirkt haben! Das hättest du wirklich klüger anfangen können.«
»Ja, stimmt«, sagte ich betreten.
Ich schob die Bücher unter meinen anderen Arm. »Zuerst dachte ich: Nun habe ich mir selber alles verdorben, und er wirft mich in hohem Bogen hinaus! Aber das hat er nicht getan! Er hat sich nur den Ton verbeten, in dem ich mit ihm redete.«
»Da hatte er vollkommen recht.« Niklas setzte sich wieder in Bewegung, und ich folgte ihm.
»Wie ging es dann weiter?«
»Nach einigem Hin und Her erklärte er, dass er und Mutter sich schon längst Gedanken über meine Zukunft gemacht hätten. Er hätte auch Verständnis für meinen Wunsch, meine Studien fortzusetzen. Stell dir vor, Niklas, er sagte tatsächlich, dass auch er als junger Mann auf die Hohe Schule gewollt habe. Doch weil sein Vater früh gestorben war, musste er als Ältester seine Mutter und fünf Brüder und Schwestern versorgen und schon in jungen Jahren in das Geschäft einsteigen. Deshalb sei das Studium für ihn nur ein Traum geblieben.«
»Er erkennt sich in dir wieder«, meinte Niklas. »Daher das Verständnis für deine Zukunftspläne.«
»Das glaube ich auch. Er meinte aber, ich sei noch viel zu unreif und unerfahren, um alleine den gewaltigen Berg, den das wissenschaftliche Studium bedeutet, zu erklimmen. Er selber sei in meinem Alter schon viel mannhafter gewesen! – Es war der gleiche Sermon, wie ich ihn schon so oft von ihm zu hören bekam.«
Niklas lachte: »Welcher Bub bekommt dergleichen Worte nicht von seinem Vater zu hören! Auch ich musste sie mir anhören, als ich in deinem Alter war.«
»Aber schließlich habe ich – nach gutem Zureden durch meine Mutter – von ihm schließlich doch die Erlaubnis bekommen, die Hierana zu besuchen. Er will nur einige Bedingungen an mein Studium knüpfen, und die will er uns heute mitteilen.«
»Großartig. Ich freue mich für dich. Du wirst beim Studieren bestimmt gute Ergebnisse erzielen, wenn du genau so fleißig bist, wie hier auf der Lateinschule.«
Niklas begann schneller zu gehen. »Aber nun rasch, wir wollen doch nicht zu spät zu deinen Eltern kommen!«
Eilig überquerten wir den Kirchplatz. Vor uns hüpfte Brigid, die ihre Suppe wohl abgeliefert hatte, um die Ecke und lief die Kirchstraße hinunter, um rechtzeitig wieder zu Hause zu sein. Der Frühlingswind wehte heftig die Straße herauf und zerrte an Niklas’ Kutte und an meinem Scholarenumhang. Am schlimmsten beutelte er Brigids blauen Rock, der bei ihrem raschen Gang hin- und hergeweht wurde. Sie musste ihn anheben, damit er nicht mit dem Schlamm in Berührung kam, den das Wasser der Schneeschmelze an beiden Seiten einer Wasserrinne hinterlassen hatte.
Das Bächlein kam aus dem Weiher am Almosenhof, lief durch einen Durchlass unter der Stadtmauer hindurch und weiter in der Mitte der Kirchstraße bis zu den Badstuben hinter dem Hospital, wo es sich mit dem Stadtbach vereinte. Als ich noch jünger war, hatte ich im Sommer mit den anderen Buben oft vergnügt darin herumgeplanscht. Dabei genossen wir die Gesellschaft von Hunden, Gänsen und manchmal auch einem Ferkel, das dem Schweinehirten entwischt war. Alle zusammen machten wir einen solchen Höllenspektakel, dass der Stadtdiener kommen und die ganze Gesellschaft vertreiben musste.
Als wir die Kirchstraße erreichten, sah ich unten auf dem Großen Markt Reiter. Es waren Ritter, Burgmannen von Burg Montabaur, das konnte man aus der Entfernung wahrnehmen, weil sie weiße Waffenröcke mit dem roten Trierischen Kreuz trugen. Ich kannte sie. Der auf dem schlanken, feurigen Schimmel war Junker Claus von Stochberg. Er hatte in der Stadt keinen guten Ruf. Man sagte ihm nach, dass er gerne jungen und ehrbaren Bürgersmädchen nachstellte.
Der andere, der einen braunen Fuchs ritt, musste Ritter Arnaud de Longchamps aus Metz sein. Er war mit meiner Familie bekannt, hatte er doch vor Jahren unsere reiche Nachbarin und Freundin Mailin geehelicht, die aber inzwischen gestorben war. Nach ihrem Tod gab es allerdings keinerlei Verbindung mehr zwischen ihm und uns.
Jetzt hatte Ritter Claus meine Schwester erspäht. Er trieb seinen Araberhengst auf sie zu und stellte sich ihr in den Weg.
Brigid sprang über den Bach. Er folgte ihr und trieb sie wieder zurück. Sie musste hin und her über das Wasser hüpfen, dass der Schlamm nur so spritzte, immer verfolgt von Pferd und Reiter. Dabei lachte er laut und rief: »Spring, Jungferle, spring!« Vor dem Gasthaus zur Krone stand sie schließlich still und presste sich mit dem Rücken gegen die Wand. Dicht vor ihr schnaubte der Schimmel und stampfte mit den Hufen. Longchamps hielt in der Mitte der Straße mit seinem Pferd und schaute ungerührt zu. Die Knappen standen mit ihren Pferden hinter ihm. Der eine, das sah ich mit einem Seitenblick, machte ein erschrockenes Gesicht, der andere grinste.
Als ich das Treiben des Ritters sah, rannte ich los und lief die Kirchstraße hinunter. Ich ließ die schweren Bücher fallen, die mich beim Laufen hinderten, und schrie »Aufhören! Hört sofort auf damit!« Als ich einen Blick über die Schulter zurückwarf, sah ich, dass Niklas hinter mir herlief.
Auf der Kirchstraße war es um diese Zeit leer. Nur ein paar Lehrbuben hatten den Aufruhr vernommen und spähten neugierig aus Leyendeckers Toreinfahrt. Wahrscheinlich gab es noch mehr Zuschauer, die sich aber alle hinter ihren Türen und Fenstern hielten.
Als der Junker uns gewahrte, trieb er das Pferd beiseite und ritt die Straße herauf. Bei uns angekommen machte er eine spöttische Verbeugung in unsere Richtung und preschte davon. De Longchamps folgte ihm und warf uns noch nicht einmal einen Blick zu. Dann bogen beide mit ihren Knappen zum Stadttor ab.
Wir liefen zu Brigid, die aber außer ihrem beschmutzten Kleid keinen Schaden davongetragen zu haben schien. Ihre mit einem Band zusammengefassten Haare hatten sich gelöst und fielen ihr zerzaust über die Schulter. Ihr Gesicht war gerötet. Rasch stieß sie sich von der Hauswand ab, raffte ihren Rock und hastete die Straße hinunter zu unserem Haus.
Als ich mich umdrehte, um die Bücher wieder aufzusammeln, sah ich, dass jemand hinter uns aufgetaucht war. Konrad, der Steinmetz, stand breitbeinig mitten auf der Straße. Er war uns offensichtlich hinterher gerannt. In der Hand hielt er einen schweren Steinmetzhammer, den er drohend in Richtung des Ritters Stochberg schüttelte. »Erschlagen sollte man ihn, diesen Widerling«, rief er. Aufgebracht lief er den Reitern ein paar Schritte hinterher. »Er ist ein Scheusal und führt nur Böses im Schild. Immer verfolgt er die Jungfern, und sogar die jungen Bürgerfrauen. Ihr glaubt gar nicht, was ich alles von meinem Kirchturm aus zu sehen bekomme!« Sein Blick war wild und er schien sich nicht beruhigen zu können.
»Ruhig, Konrad«, sagte Niklas, »sprich nicht so laut vom Erschlagen, man kann dich hören. Wir werden der Sache nachgehen und sie später, wenn der Amtmann zurück ist, in angemessener Weise vortragen.«
Konrad murmelte immer noch Schimpfworte vor sich hin. Dann drehte er sich aber um und ging zur Kirche zurück.
Nun mussten wir uns beeilen. In den Häusern rechts und links der Straße, in denen zur Arbeitszeit in jedem zweiten oder dritten Haus die Leineweber- und Tuchmacher-Webstühle klapperten, war es ruhig. Alle saßen sicher schon beim Mittagsmahl. Wir waren spät dran.
2
Unser Haus lag am Großen Markt direkt neben dem Rathaus. Der große Brand hatte auch mein Elternhaus nicht verschont, und es war unter hohen Kosten an der gleichen Stelle wie früher wieder neu errichtet worden. Prächtig war das neue Haus geworden mit seinen roten Balken und den bunten Schnitzereien am Giebel. Einen Rosenkranz hatte meine Mutter sich als Verzierung gewünscht, und so prangte unter dem Dachstuhl ein geschnitzter Kranz mit roten und weißen Blüten und grünen Blättern. In die Mitte waren die miteinander verschlungenen Initialen meiner Eltern geschnitzt: J W und K W für Johannes und Katharina Weigand.
Niklas und ich traten eilig durch die Eingangstür. In der dahinter liegenden Werkstatt standen die Webstühle still. Gesellen und Lehrbuben waren sicher schon oben im großen Wohn- und Speiseraum, wo sich alle zum Essen versammelten. Meine Mutter legte Wert darauf, dass alle, die im Haus beschäftigt waren, mit uns zu Tisch saßen. Nur die Köchin und die drei Küchenmägde, die in der Küche mit Töpfen und Schüsseln klapperten und das Essen auftrugen, aßen später in der Küche.
Als wir das große Zimmer betraten, das sich über die ganze Länge des Hauses erstreckte, saßen bereits alle bei Tisch und blickten uns entgegen. Am Kopfende war der Platz meiner Eltern. An der Seite meiner kleinen, zierlichen Mutter ragte mein Vater auf. Er war schon älter, hatte graue Haare und ein von Falten durchfurchtes Gesicht. Seine Tuchkappe trug er auch bei Tisch, ebenso seinen schwarzen ärmellosen Überrock. Schon äußerlich machte er einen bedeutenden Eindruck, und er war ja auch wirklich bedeutend, er, der Zunftmeister, Ratsherr, Sendschöffe und Almosenmeister Johannes Weigand. Seine Stimme galt etwas in der Stadt, und wenn er etwas zu sagen hatte, hörte jeder ehrfürchtig zu.
Meinem Vater zur Linken saß Kobus, unser Großgeselle, der schon seit vielen Jahren bei uns arbeitete. Dann reihten sich die anderen Tuchmachergesellen und die Lehrbuben aneinander. An der gegenüberliegenden Tischseite hatten wir Kinder unseren Platz, das heißt meine ältere Schwester Elisabeth, meine jüngere Schwester Brigid, die sich eine Schürze über ihren beschmutzten Rock gelegt und die aufgelösten Haare notdürftig unter eine Haube geschoben hatte, und ich. Brigid schien von dem Vorfall auf der Kirchstraße noch nichts erzählt zu haben. Sie war klein, zart und hatte dunkle Haare wie meine Mutter, Elisabeth ähnelte meinem Vater und war wie er groß und von schlanker Gestalt. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten. Dicht bei Brigid saß Hildis Wahlscheid, die meiner Mutter im Haushalt zur Hand ging und von ihr lernen sollte, wie man eine große Hauswirtschaft führt. Sie war aus einem angesehenen Bürgerhaus, Tochter eines Leinewebermeisters, der mit meinem Vater befreundet und ebenfalls Ratsherr war. Insgesamt waren außer meinen Eltern vierzehn Esser um den Tisch versammelt.
Niklas wurde von Vater und Mutter freundlich begrüßt und er durfte sich auf den Ehrenplatz neben meine Mutter setzen. Er sprach das Tischgebet.
Die Gerichte wurden aufgetragen und die Mahlzeit verlief ruhig. Nur Vater und Niklas unterhielten sich. Die Lehrbuben schlangen das Essen so eilig herunter, als müssten sie für sechs Wochen davon satt werden. Das war auch nötig. Wenn mein Vater seinen Löffel hinlegte, bedeutete das das Ende des Mahls, und jeder hatte mit dem Essen aufzuhören, auch die Lehrjungen, zu denen die Schüsseln, da sie am Ende des Tisches sitzen mussten, immer als letzte gelangt waren.
Ich hatte keinen Appetit und nahm nur ein paar Löffel Suppe zu mir. Verstohlen sah ich manchmal zu meinem Vater hinüber. Wenn ich nur wüsste, was für Bedingungen er an mein Studium knüpfen wollte. Die Anspannung war so stark, dass sich mein Magen verkrampfte, und ich wünschte, das Gespräch mit den Eltern würde endlich beginnen.
Nach dem Mahl sprach Niklas das Dankgebet und alle standen auf. Mein Vater bat Mutter, Niklas und mich in sein Tuchhandelskontor, und wir schickten uns an, den Raum zu verlassen. Da rief meine Schwester Elisabeth: »Herr Vater, bitte erlaubt. Ich glaube, was jetzt in Eurem Kontor besprochen werden soll, geht auch Eure beiden Töchter etwas an. Lasst deshalb doch bitte Brigid und mich an dem Gespräch teilnehmen!«
Vater drehte sich erstaunt zu unserer Mutter um.
»Ist das Eure Erziehung, dass Weibsleute in meinem Haus in Angelegenheiten von Männern mitreden dürfen?«
Mutter lächelte. »Ich glaube, lieber Mann, so lange Weiberleute in Eurem Haus in Sachen des Gewerbes und der Geschäfte mit Eurer Erlaubnis in Eurem Kontor mitarbeiten, sollten sie auch bei Angelegenheiten, die im Kontor besprochen werden müssen, dabei sein dürfen!«
Mit diesen Worten spielte sie darauf an, dass sie und Elisabeth, die beide lesen und schreiben konnten, im Kontor an Stelle eines angestellten Schreibers die Register und Bücher führten und sogar die Konten verwalteten.
Vater sah sie nachdenklich an. »Nun gut«, meinte er schließlich. »So sollen sie meinetwegen mitkommen. Zuhören können sie. Aber«, nun wurde er lauter, »den Mund sollen sie halten, sonst sind sie ganz schnell wieder draußen!«
So stiegen wir nun alle die paar Stufen bis zum Halbstock hinunter, wo sich das Kontor befand. Vater setzte sich hinter seinen großen Schreibtisch, Mutter und Niklas nahmen ihm zur Seite Platz. Wir Kinder blieben ihnen gegenüber vor dem Tisch stehen.
Mein Vater wiederholte noch einmal, er sei damit einverstanden, dass ich zum Studieren nach Erfurt ginge, obwohl es richtiger gewesen wäre, wenn ich als sein Sohn gleich nach der Schule in sein Geschäft eingetreten wäre. Deshalb und damit mir die Angelegenheiten des Tuchhandels nicht allzu fremd werden würden, müsse er mir einige Verpflichtungen auferlegen.
Während er uns die geforderten Pflichten erläuterte, hörte ich aufmerksam zu, denn ich merkte bald, dass seine Bedingungen für mein geplantes Studium eine gewisse Beschwernis bedeuteten.
Als Erstes forderte er, dass ich in meiner freien Zeit und in den Ferien im Kontor wie üblich mit Schreib- und Rechenarbeiten auszuhelfen habe. »Irgendwann wirst du ja doch in das Geschäft eintreten und es als mein einziger Sohn übernehmen«, meinte er. Ich nickte, gab aber vorsichtshalber keine Antwort. Aushelfen wollte ich wohl, wann immer ich konnte. Aber ich hatte keinesfalls vor, später einmal den Kaufmannsberuf zu ergreifen, wie er es sich erhoffte.
Weiter gab er mir auf, dass ich noch am selben Abend zum Hofmann des Almosenhofs gehen und mit ihm seine Abrechnungen aufarbeiten solle. Hierauf konnte ich mit einem gehorsamen »Ja, Vater« antworten. Diese Aufgabe war leicht zu erfüllen, denn ich hatte in den vergangenen Jahren Vater schon mehrmals geholfen, die Rechnungen des städtischen Almosenhofs zu ordnen und aufzuschreiben, weil Hannes Korb, wie die meisten einfachen Leute, weder lesen noch schreiben konnte.
Die nächste und letzte Forderung meines Vaters aber jagte mir einen Schrecken ein. Er verlangte von mir, dass ich zusammen mit Kobus zur Herbstmesse nach Frankfurt reisen müsse, wo wir mit einer Auswahl der von uns hergestellten wollenen Tuche vertreten sein würden. Er sagte, selber könne er dieses Mal zu seinem großen Bedauern nicht nach Frankfurt, weil zur gleichen Zeit ein Warenzug mit unseren Tuchwaren nach Burgund auf den Weg zu bringen sei, den er unbedingt begleiten müsse.
Ich machte schon den Mund auf und wollte rufen: »Das geht doch nicht! Dann muss ich doch schon an der Hierana sein!«
Da kam mir aber Niklas zuvor, der bis dahin schweigend zugehört hatte.
»Bitte nehmt es mir nicht übel, Meister Weigand, wenn ich dazu etwas zu bedenken gebe. Zur Zeit der Herbstmesse, die, wie ich weiß, im September beginnt, müsste Georg bereits in Erfurt sein. Das Einschreiben in die Studentenrolle, das Vorstellen bei den einzelnen Professoren und die Vorbereitung auf die Studien erfordert seine Zeit. Wenn er nicht ein halbes Jahr verlieren soll, müsste er schon Ende des Monats August dort eintreffen, um alle Regularien rechtzeitig zu bewältigen.«
Vater stieg die Zornesröte ins Gesicht und er wollte gerade antworten, als Elisabeth vorsprang. »Verzeiht, Vater, und Ihr auch, Mutter, aber ich wüsste, wie Euch und auch Georg geholfen werden könnte.« Sie blickte Vater voll ins Gesicht. »Wie wäre es, wenn ich mit Kobus zusammen unsere Tuche nach Frankfurt bringen und dort ausstellen würde?«
Gereizt fuhr Vater auf. Aber Mutter erhob sich und trat zu ihrem Mann. »Ich glaube, das ist gar keine schlechte Idee«, sagte sie rasch. »Bedenke, Johannes, seit wie vielen Jahren unsere Tochter im Kontor tätig ist. Sie kennt sich mit Einkaufen, Verkaufen und Geldgeschäften aus. Sogar Wechsel hat sie schon entgegengenommen und ordnungsgemäß verbucht. Sie kann dich in Frankfurt sicher würdig vertreten.«
»Auf keinen Fall«, rief Vater laut. »Sie ist ein Weib, ein sehr junges Weib noch dazu. Wie kann sie im Zunfthaus unser Geschäft repräsentieren, wie kann sie mit den Kunden, die unsere Ware kaufen wollen, reden und um günstige Preise verhandeln? Der Gedanke ist vollkommen abwegig. Dazu braucht es einen Mann!«
O Vater, dachte ich im Stillen, auf einmal und ganz plötzlich bin ich in Euren Augen ein Mann! Bisher war ich doch immer nur der Bub oder der Jung, der sich einzig und allein um seine Lateinschul’ kümmern sollte.
Aber Elisabeth gab nicht auf. Ich musste ihren Mut bewundern, mit dem sie Vater widersprach. »Es ist doch bekannt, Herr Vater«, sagte sie, »dass in den großen Städten wie Frankfurt und Köln schon lange Frauen ihre Männer in Geschäften vertreten, ja sogar eigene Kontore führen und in eigenem Namen Geschäfte abwickeln. Warum soll das nicht auch bei uns möglich sein? Kobus fährt ja auch mit. Er hat Euch viele Jahre zur Messe begleitet und kennt alle unsere Kunden. Er kann doch bei den Abschlüssen, die ich tätige, dabei sein und mir mit Ratschlägen zur Seite stehen.«
Es entspann sich ein lautstarker Disput zwischen Vater, Mutter und Elisabeth. Auch Niklas mischte sich ein und stärkte Elisabeth den Rücken, indem er auf die Witwe eines Krämers verwies, die in Montabaur nach dem Tod ihres Mannes mit Genehmigung des Stadtrats und der Krämerzunft selbständig und sehr erfolgreich seine Geschäfte weiterführte.
Letztendlich gab Vater insoweit nach, als er versprach, den Vorschlag zu überdenken. Den Ausschlag dazu gab wohl der Hinweis unserer Mutter, dass auch Leinewebermeister und Ratsherr Wahlscheid, der Vater von Hildis und Freund unserer Familie, nach Frankfurt reisen würde. Mit ihm zusammen könne Elisabeth sicher mit unseren Musterballen nach Frankfurt fahren und ihn könne sie dort jederzeit um Rat fragen.
Elisabeth, Brigid und ich wurden nun entlassen und verließen das Kontor. Die Eltern wollten mit Niklas noch einiges besprechen und ich hoffte, dass er sich noch einmal für mich und dem baldigen Beginn meiner Studien einsetzen würde.
Das Gespräch mit meinen Eltern hatte mich nicht recht zufrieden gestellt. Zwar hatte ich die Erlaubnis bekommen, die Hierana zu besuchen, wusste aber immer noch nicht, wann ich mit meinen Studien beginnen konnte. Elisabeth sah mir mein Unbehagen an und tröstete mich mit den Worten: »Warte nur ab, Brüderchen, du wirst schon rechtzeitig nach Erfurt kommen, wo du dann die Weisheit mit Löffeln frisst und ein hochgelehrter Herr wirst. Ich werde Vater so lange bearbeiten, biss er mich an deiner Stelle zur Messe fahren lässt.« Sie schwang lachend ihren blonden Zopf über die Schulter nach hinten. »Du weißt doch, steter Tropfen höhlt den Stein!«
3
Obwohl ich annehmen musste, dass Niklas mir nichts über das Gespräch mit meinen Eltern erzählen würde, drückte ich mich auf der Treppe zum Dachboden herum und wartete darauf, dass er herauskam. Zunächst tat sich nichts im Kontor, man hörte nur Stimmengemurmel. Dann wurde die Tür geöffnet und Mutter rief nach Brigid. »Aha«, dachte ich, »jetzt geht’s um Stochberg.« Vaters Stimme wurde lauter, aber er hielt sich gut in Zaum. Dann rannte Brigid aus dem Zimmer. Sie weinte und verschwand in der Mädchenkammer. Endlich erschien Niklas. Ich sprang die Stufen hinunter und sah ihn fragend an. Aber wie ich mir schon gedacht hatte, sagte er nichts, winkte mir nur kurz zu und verließ mit seinen Büchern das Haus.
Den Nachmittag verbrachte ich damit, meine Schulbücher und Schriften zu sortieren, dann setzte ich mich in das Gärtchen hinter dem Haus auf den Brunnenrand. Es war ein geschütztes, von der Sonne beschienenes Plätzchen, denn der Aprilwind wurde durch die Schuppen und den Stall abgehalten. In Mutters kleinem Kräuterbeet lugten schon die ersten grünen Spitzen aus der Erde. Etwas duftete stark. Ich glaube, es war der würzige Liebstöckel, den die Köchin immer an die Suppe gab. Ich mochte den Geruch.
Ringsum war geschäftiges Treiben. Die Webstühle im Haus klapperten. Durch die geöffnete Küchentür wirbelten Dampfschwaden nach draußen und ich konnte sehen, wie die Köchin und die Mägde geschäftig das Abendessen vorbereiteten. Ein Geselle und ein Lehrjunge luden Tuchballen auf einen Handkarren, um sie zu dem Lagerschuppen unterhalb der Färberbachstraße zu fahren. Mutter, Brigid und Hildis eilten mit Wäschestapeln zwischen Haus und Waschküche hin und her, was Hildis Gelegenheit gab, mir immer wieder heimliche Blicke zuzuwerfen, die ich aber ignorierte. Ein Getändel wollte ich gar nicht erst anfangen, wo ich doch bald in Erfurt sein würde. Ich seufzte. Wenn ich nur erst dort wäre und die »Weisheit mit Löffeln fressen könnte«, wie Elisabeth so passend gemeint hatte.
Als Mutter von der Köchin in die Küche gerufen wurde, kam Brigid herüber und setzte sich zu mir auf den Brunnenrand.
»Es gab Ärger«, sagte sie, und schob sich eine Haarsträhne unter ihre Haube.
»Wegen Stochberg?«, fragte ich.
»Ja, aber nicht nur deswegen. Die Eltern waren arg böse, dass ich Konrad die Mittagssuppe zur Kirche gebracht habe. Das haben sie mir nun streng verboten.«
»Ach Schwesterchen, nimm’s nicht so schwer. Du siehst ihn doch jeden Tag hier im Haus.«
Ich rückte etwas näher zu ihr und fragte leise: »Du hast ihn wohl sehr gern?«
»Ja, sehr!« Sie seufzte. »Sicher kann ich ihn hier sehen, aber da sind wir nie alleine, immer sind andere dabei. Und da kann ich nicht herausfinden, ob er mich auch gern hat.«
»Warte einfach ab.«
»Weißt du was? Ich glaube, es war ein gutes Zeichen, dass er herbeigelaufen kam, um mir zu helfen.« Sie kicherte. »Und seinen schweren Hammer hatte er auch dabei. Und geschimpft hat er wie toll. Meinst du nicht auch, dass das ein Zeichen dafür ist, dass er mich mag?«
»Hm«, brummte ich und nickte. Antworten konnte ich nicht mehr, denn Mutter kehrte aus der Küche zurück und scheuchte Brigid in die Wäschekammer.
Sie konnte es nicht leiden, wenn jemand untätig herumsaß, denn mich schickte sie nun mit einer Botschaft zu Base Gunte, der Hospitalmeisterin im benachbarten Bürgerhospital. Gunte von Miehlen und ihr Mann Hennen waren schon in mittleren Jahren in das städtische Heilig-Geist-Hospital eingetreten, in dem alte und arme Stadtbürger ihren Lebensabend verbringen konnten. Sie hatten dem Hospital die Hälfte ihres Vermögens einschließlich Hausrat und einem Haus in der Spitalgasse gestiftet, was allgemeines Erstaunen, aber auch Bewunderung hervorgerufen hatte. Hennen wurde zum Hospitalmeister bestellt. Da er aber im vergangenen Jahr verstorben war, füllte Gunte das Amt inzwischen alleine aus. Sie machte das vorzüglich und der Magistrat war mit ihrer Arbeit sehr zufrieden.
Nachdem ich Mutters Botschaft ausgerichtet hatte, kehrte ich in den Garten zurück.
Rechtzeitig vor dem Abendläuten kamen Kobus und zwei Lehrjungen mit unseren beiden Pferden und dem Wagen zum hinteren Tor herein. Sie hatten gewebte Tuche zum Walken in die Walkmühle im Sauertal gebracht. Als sie die Gäule ausschirrten, nahm ich ihnen Cito, mein hellbraunes Lieblingspferd ab, brachte es in den Stall, rieb es trocken und legte ihm eine Decke über. Ich liebte Cito seit meinen Kindertagen. Auf ihm hatte ich meine ersten Reitversuche gemacht und er hatte meine mehr oder weniger ungelenken Bemühungen, mich auf seinem Rücken zu halten, nie übel genommen. Den Namen hatte ich ihm auch gegeben. Weil er schnell und wendig war und auf mein Rufen hin immer rasch zu mir geeilt war, nannte ich ihn Cito nach dem lateinischen Wort für schnell.
Die Abendglocke ertönte vom Dach des Hospitals hinter dem Rathaus. Die große Glocke der Stadtpfarrkirche, die früher zur Komplet geläutet hatte, war dem Stadtbrand zum Opfer gefallen. So musste, bis eine neue Kirchenglocke gegossen werden konnte, das Glöckchen der Johanneskapelle, der Kapelle im Hospital, die Aufgabe übernehmen, alle Gläubigen zum Angelus-Gebet zu rufen. Bei uns war es üblich, das Gebet gemeinsam am Tisch vor dem Abendessen zu sprechen.
Nach dem Essen, das sehr schweigsam verlief, holte ich mir aus dem Kontor den hölzernen Schreibkasten mit den Lederriemen, in dem sich Papier, gespitzte Federn und ein Behälter mit Tinte befanden. Damit machte ich mich auf den Weg. Ich verließ das Haus durch die hintere Tür und eilte durch das Gartentor auf die Straße, die hinter dem Rathaus zur Fröschpfort führte.
Die Sonne war hinter dem Wolfsturm verschwunden, der mit seinem spitzen Dach wachsam von der Anhöhe auf die Stadt heruntersah, und die Dämmerung setzte ein. Ich lief am Stadtbrauhaus vorbei durch die Spitalgasse am Färberbach entlang zur Pforte. Wächter an der Fröschpfort war der alte Peter Erbe. Er schob seinen grauhaarigen Kopf durch die Luke und rief: »He, Jung, wohin so spät noch?«
»Zur Almos! Hier«, ich schwenkte meinen Schreibkasten, »Schreibkram erledigen.«
»Denn mach mal! Gut, dass du schreiben kannst, Hannes kann’s nämlich nich«, er lachte meckernd.
»Du aber auch nicht«, rief ich.
»Brauch ich auch nicht«, hielt er dagegen.
»Hast recht«, meinte ich. »Aber mach mir wieder auf, wenn ich zurückkomme. Ich hab keine Lust, draußen vor der Mauer zu schlafen. Ist noch zu kalt.«
»Ja, ja«, brummte er. »Und wenn ich eingepennt bin, musst bloß kräftig an die Pforte bummern. Das hör ich dann schon!«
»Hoffentlich«, dachte ich bei mir. Dann schloss sich hinter mir das Tor.
Ich sprang über die Steine, die man in dem feuchten Gelände vor der Fröschpfort ausgelegt hatte, und ärgerte mich, dass ich keine Laterne mitgenommen hatte. Wenn ich zurück kam, würde es völlig dunkel sein, und ich würde den Pfad nur schlecht erkennen können. Die Frösche, die hier in großen Mengen lebten, quakten laut. Es kam mir so vor, als wenn sie mich verspotteten. Hoffentlich saß keiner auf einem der Steine!
Auf den Holzplanken, die als Brücke dienten, überquerte ich den Biebrichsbach und kletterte zur Coblenzer Straße hoch. Ein kurzes Stück weiter ging es auf der anderen Straßenseite in ein kleines, mit hohen Bäumen bestandenes Waldstück. Ein schmaler Weg führte zum Almosenhof, der ein gutes Stück hinter einem Weiher lag.
Hannes, der die zum Almosenhof gehörende Landwirtschaft gepachtet hatte, erwartete mich schon. Er schickte gerade einen betagten Pilger, der in einen löcherigen Mantel gekleidet war, in das Bäugen, die zum Hof gehörende Herberge, die auch von ihm betreut wurde. Hier konnten wallfahrende Pilger und reisende Handwerksgesellen, aber auch durchziehende Bettler und Arme eine Nachtunterkunft finden.
Das Bäugen bestand aus einem einstöckigen Gebäude, das aussah wie ein Bauernhof, aber breiter gebaut war. Im unteren Geschoß befand sich ein großer Raum, der mit Tischen, Bänken und einer Feuerstelle ausgestattet war, auf der sich die Wallfahrer oder anderen Reisenden ihr Essen zubereiten konnten. Darüber gab es eine Reihe von Schlafkammern mit Bettgestellen und Strohsäcken. Länger als vierundzwanzig Stunden durfte sich aber kein Durchziehender in der Herberge aufhalten.
»Der einzige Wallfahrer heute«, sagte Hannes zu mir, »will nach Marburg, zur heiligen Elisabeth. Kommt von weit her, so abgerissen wie der ist. Möchte mal wissen, wofür der Buße tun muss.«
Ich sparte mir eine Antwort, die Hannes sowieso nicht erwartete. Er war schwerhörig und ein Gespräch mit ihm war oft sehr einseitig. Seine Arbeit machte er aber gut, und so hatte der Stadtrat ihm den Hof wiederholt für mehrere Jahre verpachtet.
Nachdem Hannes die Tür der Herberge mit Nachdruck hinter dem Pilger geschlossen hatte, gingen wir über den Hofplatz in das Haus.
Der Almosenhof mit Landwirtschaft und Herberge gehörte zur Almoseney, wie der Almosenfonds im Städtchen genannt wurde. Er war von frommen Bürgern für Arme und Bedürftige gestiftet worden. Da das Almosengeben zu den frommen Werken gehörte, durch die man den Herrgott loben, aber vor allem auch Verdienste für das eigene Seelenheil erwerben konnte, war die Almoseney recht gut mit Grundbesitz, Gebäuden und Zinsen ausgestattet. Mein Vater, der vom Stadtrat gewählte Almosenmeister, musste die Register und Akten führen, und dabei hatte ich ihm schon mehrmals geholfen.
Heute musste ich alle Ausgaben, die Hannes seit Beginn des Jahres gehabt hatte, aufschreiben. Er selber konnte das nicht, aber er hatte ein sehr gutes Gedächtnis, in dem er alles wie in einer Schublade ordentlich aufbewahrte.
Wir betraten die Küche, die zugleich der einzige Wohnraum des Hauses war. Er hatte mit seiner Frau drei Buben, rotznäsig und mit strubbeligen Haaren, die gerade ihr Abendessen beendet hatten und nun neben der offenen Feuerstelle saßen und sich gegenseitig schubsten. Ihre Mutter war eine kleine, aber kräftige Frau, die, wie ich wusste, ihrem Mann in der Landwirtschaft half. Sie war gerade mit Aufräumen beschäftigt. Ihre Hauptaufgabe schien aber darin zu bestehen, ihre drei lebhaften Söhne im Zaum zu halten. Gerade, als wir erschienen, teilte sie einem von ihnen eine kräftige Ohrfeige aus, woraufhin er ein lautes Geheul anstimmte.
Hannes scheuchte seine Familie hinaus, weil er, wie er verkündete, mit mir »Amtsgeschäfte« zu erledigen hätte. Der Knecht, den er in der Landwirtschaft beschäftigte, wohnte nicht auf dem Hof. Er lebte bei seinen Eltern in Pfaffenacker und war schon nach Hause gegangen.
Als alle die Küche verlassen hatten, setzten wir uns an dem großen Tisch gegenüber und ich breitete meine Schreibsachen aus. Er sagte: »Ja, Jung, dann fang mal an!«
Das wurmte mich. Jeder nannte mich »Jung«, wann hörte das denn endlich auf? War ich denn nicht jetzt ein Mann, nachdem die Schule hinter mir lag? Selbst Vater hatte heute gesagt, dass ich ein Mann sei. Na also!
Ich machte meine Stimme tiefer, damit sie männlich klang, und erkundigte mich laut, wie viele Wallfahrer und andere Bedürftige seit dem letzten Mal in der Herberge übernachtet hätten.
»Oh«, meinte er erstaunt, »du bist ja heiser, Jung! Willst’n heißes Bier? Das wirkt immer.«
Ich gab es auf. Von nun an stellte ich meine Fragen mit meiner normalen Stimme und wir arbeiteten uns langsam voran, bis ich auf meinem Papier eine stattliche Liste mit Ausgaben für Landwirtschaft und Herberge stehen hatte.
Als wir fertig waren, brachte er mich vor die Tür. Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Es war fast Vollmond, aber der Wind war aufgefrischt und blies immer wieder Wolken über den Himmel, so dass man zeitweilig nicht die Hand vor Augen sehen konnte.
Hannes war sehr müde und gähnte herzhaft. Gegen Ende unserer Abrechnungen war er ein paar Mal eingenickt, so dass ich ihn wieder aufwecken musste. Nun gab er mir eine Laterne mit und wünschte mir einen guten Heimweg. Hinter mir schloss sich die Tür.
4
Ich begann, den Hügel abwärts zu steigen. Vorsichtig ging ich Schritt für Schritt. Lose Steine lagen herum und Baumwurzeln wuchsen über den Weg, so dass ich höllisch aufpassen musste. Ich hielt die Laterne dicht über der Erde, damit ich die Hindernisse rechtzeitig sah. Die Bäume rauschten im starken Wind und bogen ihre Äste hin und her.
Plötzlich, ich war kurz vor dem Weiher angekommen, vernahm ich merkwürdige Geräusche. Lautes Wassergeplätscher ertönte. Und dann schrie jemand, schrill und durchdringend. Es war eine Frauenstimme, die um Hilfe rief.
Ich rannte los, stolperte und ließ die Laterne fallen. Schließlich erreichte ich das Ufer. In diesem Augenblick waren die Wolken weitergewandert und der Mond schien hell vom Himmel. Ich erkannte, dass im Weiher zwei Menschen miteinander kämpften, ein Mann und eine Frau. Der Mann versuchte, die Frau mit aller Kraft unter das Wasser zu drücken. Sie aber wehrte sich verzweifelt, tauchte immer wieder auf, spie Wasser und schrie. Doch dem Unbekannten gelang es jedes Mal, ihren Kopf erneut unter den Wasserspiegel zu pressen.
Ohne zu denken, warf ich meinen Schreibkasten fort und stürzte mich in den Weiher. Von hinten riss ich den Übeltäter an seiner Kleidung und versuchte, ihn fortzuzerren. Da drehte er sich um, ließ dabei die Frau los, die prustend aus dem Wasser auftauchte. Voller Wut fiel mich der Geselle an und drosch auf mich ein. Ich merkte gleich, dass er viel größer und stärker war als ich. Ich wollte ihm ausweichen und versuchte, rückwärts wieder an Land zu kommen. Als ich es bis zum Rand geschafft hatte, setzte ich zurück, um den Weg zu erreichen. Er folgte mir, wütend durch das Wasser rauschend. Am Ufer angelangt, stürmte er sofort auf mich zu. Aber bevor er mich erreichen konnte, rutschte er auf der glatten Erde aus und fiel rücklings zu Boden.
Ich stand starr vor Schreck und wartete darauf, dass er sich erheben und erneut auf mich losgehen würde. Doch nichts geschah. Er blieb da liegen, wo er hingefallen war.
Auch der Unbekannten war es inzwischen gelungen, aus dem Wasser herauszukommen. Sie triefte vor Nässe. Die langen dunklen Haare klebten ihr im Gesicht, durch die Fetzen ihres schwarzen zerrissenen Rocks schimmerten im Mondlicht ihre weißen Beine. Heftig keuchend rannte sie an mir vorbei und verschwand zwischen den Bäumen.
Ich wollte ebenfalls weglaufen. Doch ich musste noch meine Schreibsachen aufsammeln, die verstreut umherlagen. Furchtsam sah ich zu dem Mann hinüber. Er lag weiterhin unbeweglich auf der Erde.
Ich wartete eine Weile in sicherer Entfernung ab, dann näherte ich mich ihm vorsichtig.
Ob er tot war? Als er sich immer noch nicht rührte, wollte ich ihn mir genauer ansehen und beugte mich über ihn. Da erkannte ich ihn. Es war nicht zu fassen: vor mir lag Claus Stochberg.
Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Am liebsten wäre ich auf dem schnellsten Weg nach Hause gelaufen. Er war ein Ekel, ein Widerling, und er hatte Brigid heute Vormittag furchtbar schikaniert. Aber konnte ich es verantworten, ihn hier in der Dunkelheit liegen zu lassen? Wer weiß, wie lange er bewusstlos sein würde. Wo war überhaupt sein Knappe? Ich sah mich suchend um, doch es war niemand in der Nähe.
Vorsichtig kniete ich mich neben ihn und betrachtete seinen Kopf, der auf einem Stein zu liegen gekommen war. Blut war nicht zu sehen. Er trug weder Harnisch noch Kettenhemd, sein Wams und sein Hemd standen am Hals offen. Ich legte zögernd meine Hand auf seine Brust, um zu fühlen, ob sein Herz noch schlug. Ja, es klopfte, deutlich und kräftig sogar, dann war er also nur bewusstlos.
Unter dem Hemd trug er ein dünnes Lederband, daran war etwas befestigt. Ich zog den flachen Gegenstand, ohne ihn vom ledernen Band zu lösen, vorsichtig aus dem Hemd hervor, um ihn zu betrachten. Es war ein metallenes Kreuz, etwa so groß, wie meine Hand breit war. Das Kreuz war mit Steinen besetzt, die im Mondlicht dunkelrot leuchteten, aber genau konnte ich ihre Farbe nicht erkennen. An dem Querbalken war ein kleines Stück abgebrochen.
Irgendwie kam mir das Kreuz bekannt vor. Ich hatte es schon gesehen, aber nicht bei Stochberg, sondern woanders. Wo, fiel mir jedoch nicht ein. Ich schob es unter sein Hemd zurück.
Schnell raffte ich meinen Schreibkasten und die Laterne zusammen und machte mich auf den Weg. Irgendjemandem musste ich Bescheid sagen. Am besten lief ich zu Niklas. Er war sicher noch wach und wusste, was zu tun war. Auch kannte er sich in der Heilkunde aus und verstand sich darauf, Bewusstlose wiederzubeleben. Aber ich musste mich beeilen.
Ich rannte so schnell ich konnte bergabwärts. An der Brücke über den Bach strauchelte ich und knickte um. Ein scharfer Schmerz durchfuhr meinen Knöchel, ich konnte kaum noch gehen. So hinkte ich mühsam bis an die Fröschpfort und schlug laut dagegen.
Es dauerte eine Weile, bis der alte Peter öffnete. Ich humpelte an ihm vorbei, ohne seine erstaunten Fragen zu beantworten. »Morgen, Peter, morgen erzähl ich dir alles«, rief ich ihm zu.
Unwillig vor sich hin brummelnd schloss Peter das Tor hinter mir.
Oben im Petersturm brannte noch Licht, Niklas war also da, wie ich es mir gedacht hatte. Auf mein lautes Klopfen öffnete er die Tür. Ich konnte ihm, atemlos wie ich war, zunächst nichts erklären, aber er sah gleich, dass ich Hilfe brauchte. Mühsam schleppte er mich die Treppe hinauf und setzte mich auf einen Stuhl.
Er betrachtete mich eingehend. »Du bist ins Wasser gefallen, und du hast dir den Fuß verletzt«, sagte er.
»Ja! Nein!« Ich schnappte vor Anstrengung nach Luft. »Es ist was ganz anderes, etwas Schlimmes ist passiert. Wir müssen was tun!«
Er sah mich erstaunt an. »Du kommst hier an, nass wie eine Katze, kannst kaum reden, kaum noch gehen, was kann denn noch schlimmer sein. Warst du beim Almosenhof?«
»Ja, ja sicher. Es gab einen Kampf im Wasser. Und am Lohmüllers Weiher liegt jetzt der Stochberg, bewusstlos. Und keiner ist bei ihm. Was sollen wir tun?«
»Ja«, lachte er, »du halbe Portion hast mit Stochberg einen Kampf ausgefochten und ihn bewusstlos geschlagen. Sag mal, hast du von Hannes’ Bier getrunken?«, er schnupperte. »Nein, nach Bier riechst du nicht! Hat er dir seinen Würzwein eingeschenkt?«
Ich wurde wütend. »Es stimmt, was ich sage, wirklich! Hör mir doch endlich zu.«
Und dann erzählte ich, was geschehen war.
Niklas hatte sich währenddessen hingekniet, mir die nassen Schuhe und Strümpfe ausgezogen und meinen Fuß untersucht. Er bettete mein Bein auf einen Schemel und legte ein feuchtes Tuch um meinen Knöchel. Dann stand er auf und sah mich ernst an. »Du hast recht, wir müssen etwas unternehmen. Der Stochberg ist zwar ein richtiges Scheusal, aber man kann ihn nicht dort liegen lassen. Wir müssen auf der Burg Bescheid geben.«
Er überlegte kurz. »Nein, besser noch, ich gehe erst einmal zum Weiher und sehe nach, ob er noch da ist und ob er Hilfe braucht.« Er nahm einen Beutel und packte ein paar Dinge ein, Tücher und zwei oder drei Salben, so weit ich es erkennen konnte. Dann ging er zur Tür.
»Du bleibst am besten hier und legst deinen Fuß hoch. Es ist nur eine Zerrung. Die musst du schön kühl halten, dann wird es bald besser. Ich bin so schnell wie möglich zurück.«
So blieb ich erst einmal sitzen, kühlte meinen Fuß und wartete.
Plötzlich hörte ich jemanden die Treppe heraufpoltern.
Das war nicht Niklas, dessen Schritte klangen viel leiser. Es musste jemand anders sein, aber wer? Alarmiert blickte ich zur Tür. Vielleicht war es Stochberg, der wieder zu sich gekommen war und jetzt mit seinem Schwert an mir blutige Rache nehmen wollte? Ich brauchte irgendetwas, mit dem ich mich verteidigen konnnte. Hektisch blickte ich umher. Vielleicht ein Messer, oder ein Knüppel? Ich sah nichts, was zur Abwehr eines wütenden Ritters geeignet gewesen wäre. Den nassen Lappen, mit dem ich mein Bein kühlte, konnte ich ihm wohl nicht entgegenschleudern. Aber halt, da gab es doch etwas! Neben mir stand die Schüssel, die Niklas mit Wasser gefüllt hatte. Ich stand mühsam auf, ergriff die Schüssel und hielt sie mit beiden Händen hoch, bereit, sie dem Eintretenden an den Kopf zu werfen.
Die Tür ging auf. Herein kam – zum Glück – nicht Ritter Claus, sondern Konrad. Er trug einige Rollen mit Zeichnungen unter dem Arm.
Verblüfft blieb er stehen, als er mich so kampfbereit mit der Wasserschüssel in den Händen stehen sah. Dann fing er an zu lachen, er schrie geradezu vor Lachen und konnte gar nicht mehr aufhören.
Ich stellte die Schüssel ab und setzte mich, wobei ich den lädierten Fuß vorsichtig wieder auf den Schemel legte. Konrad lehnte sich, nachdem er sich etwas beruhigt hatte und nur noch gelegentlich kurz auflachen musste, mit seinen breiten Schultern an die Tür.
»Was machst du denn hier zu dieser unchristlichen Zeit?«, fragte ich. »Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt! Du solltest längst bei uns zu Hause auf deinem Strohsack liegen und schlafen!«
»Das Gleiche gilt wohl für dich«, antwortete er. »Aber wie ich sehe, bist du noch so munter, dass du einem arglosen und selbstlosen Samariter, der dir nur helfen wollte, eine Schüssel mit Wasser über den Kopf stülpen könntest.«
Nun wurde er ernst. »Ich war noch mit Zeichnungen in der Bauhütte beschäftigt und wollte gerade meine Schlafkammer aufsuchen, als ich auf Niklas traf, der in äußerster Eile auf die Fröschpfort zustrebte. Er rief mir zu, ich solle in den Schulturm gehen, wo du dich aufhalten würdest, du könntest vielleicht meine Hilfe brauchen.«
Ich erwiderte brummig: »Ich wüsste nicht, wieso.«
