Mörder kennen kein Erbarmen - K. Ronay - E-Book

Mörder kennen kein Erbarmen E-Book

K. Ronay

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Beschreibung

Schöneberg (Berlin) März 1912 Kriminalinspektor Balthus Kowalsky, Chef der Mordkommission Schöneberg, ist ziemlich ratlos. Er ist ein mit allen Wassern gewaschener Polizist, dessen unorthodoxe Fahndungsmethoden Legende waren. Dienstvorschriften mochte er nicht so sehr und ignorierte sie möglichst. Er glaubte, dass nach den vielen Jahren Dienst in der Mordkommission ihn so leicht nichts mehr erschütten könne. Eine Mordserie an jungen Frauen belehrte ihn eines Besseren. Es gelingt Kowalsky und seinen Männern, trotz aller Anstrengungen nicht, sie zu identifizieren. Maria, 21 Jahre alt, lebt mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Stefanie in einem kleinen Dorf bei Rathenow. Eine Stunde mit der Eisenbahn von Rathenow bis Berlin. Eines Tages ist Stefanie fort. Maria findet nur einen Brief von ihr. In dem teilt Stefanie ihr mit, dass sie in Berlin ihr Glück versuchen will. Maria ist fassungslos. Nach ein paar Wochen, ohne ein Lebenszeichen von Stefanie, beschließt sie, nach Berlin zu fahren und ihre Schwester zu suchen. Sie landet prompt in einem Luxusbordell aus dem sie von Kowalsky und seinem Freund und Kollegen Kriminalkommissar Graumann herausgeholt wird. Sie erkennt, dass es aussichtslos ist, in einer Stadt mit 1,2 Millionen Einwohnern, ihre Schwester zu finden und fährt, völlig verzweifelt, wieder in ihr Dorf Gräningen zurück. Kowalsky setzt Maria als Lockvogel ein und riskiert damit ihr Leben. Um sie auf den Einsatz vorzubereiten überredet er einen Japaner, der in Berlin für die Deutsche Regierung arbeitet, Maria auszubilden und ihr die Grundregeln des waffenlosen Kampfes beizubringen. Toshiro willigt ein. Für Maria beginnt nun eine Zeit, die ihr gesamtes Leben, von Grund auf, ändern sollte. Bei der Begegnung mit dem Mörder ihrer Schwester und der anderen Frauen gerät sie in höchste Gefahr. Jetzt geht es um ihr Leben. Diesen Mörder gab es wirklich. Aber erst in den 20er Jahren.

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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Impressum

K. P.- Ronay

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[email protected]

Copyright© 2012 by K.P.- Ronay

All rights reserved

Für Andreas Uhlig.

Er gehörte zu den Wenigen, für die Format und Ehre keine hohlen Worte sind.

Gott schütze mich vor meinen „Freunden“.

Um meine Feinde kümmere ich mich selbst.

Liebe Leser. Und Leserinnen natürlich.

Bedanken Sie sich bei meiner Frau Monika, dass Sie dieses Buch lesen können. Ohne ihre, manchmal harsche, Kritik und ihrer unendlichen Geduld

wäre dieser Roman nie geschrieben worden.

Schöneberg (Berlin), März 1912

Der Mörder entkleidete das tote Mädchen, raffte die Kleider zusammen und trug die Sachen, mit ihren anderen Habseligkeiten, ins Schlafzimmer, wo er alles auf das Bett legte. Er würde sich seine Beute noch in Ruhe ansehen. Dann wusch er die Leiche. Der Hof war voller Kohlenstaub. Der geringste Windstoß wirbelte ihn auf und er setzte sich überall fest. Ein totes Mädchen voller Kohlenstaub. Da hätte er auch gleich einen Zettel mit seiner Adresse dazulegen können. Dann steckte er sie in einen Sack. Er band ihn zu, legte ihn sich mühelos über die rechte Schulter und trug ihn auf den Hof. Dort verstaute er die Leiche auf einer Handkarre und warf eine alte Decke über sie. Es war vier Uhr morgens. Er musste sich beeilen, denn bald würde es hell werden. Der Mann nahm die Holme des Karrens auf und verließ mit dem Gefährt den Hof. Sein Ziel, der Rudolf-Wilde Park, war nicht weit.

Gräningen

Maria

„Stephanie ich bin zu Hause. Wo steckst du denn? Nun komm schon, wo bist du?“

Maria lief durch das kleine Häuschen und blickte sich suchend um. Ein schlankes Mädchen von mittlerer Größe. Schwarze Haare umrahmten ein schmales Gesicht mit grünen Augen. Sie war 21 Jahre alt und wohnte mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester in Gräningen.

Gräningen ist ein kleines Dorf mit circa 700 Einwohnern. Die nächstgrößere Stadt ist Rathenow.

Von Rathenow gab es eine Eisenbahnverbindung nach Berlin. Man fuhr eine gute Stunde.

Die Mutter war damals, 1898, mit den beiden kleinen Töchtern aus Berlin gekommen und hatte das Gehöft gekauft. Sie hatte es billig bekommen, weil es keiner haben wollte, da kein Land dazugehörte und demzufolge für die Bauern wertlos war. Sie arbeitete im Sommer für die beiden Großbauern auf den Feldern und erwies sich als geschickte Schneiderin. Unter Mangel an Arbeit hatte sie nicht zu leiden und kam finanziell ganz gut über die Runden. Sie hatte mit ihrer herzlichen Art die Zuneigung der Leute gewonnen, wurde aber nie als eine der Ihrigen akzeptiert.

Die Mutter starb 1909 an Tuberkulose. Stephanie war gerade 15 gewordenen und Maria war 18 Jahre alt.

Von da an musste sie sich um ihre kleine Schwester kümmern. Ihr Vater war irgendwann fortgegangenund nie mehr zurückgekommen. Ihre Mutter hatte eine kleine Erbschaft gemacht und konnte davon das Haus und das Grundstück kaufen, auf dem sie lebten.

Die Schwestern lebten in einem kleinen Haus mit einem Hof an der Rückseite. Dort befanden sich eine Scheune, ein kleiner Stall, ein kleiner Garten und eine Wiese. In dem Garten zogen sie Kartoffeln und Gemüse. Wenn die Ernte gut war und sie einen Überschuss erzielten, verkauften sie ihn auf dem Markt von Rathenow. Auch ein Volk von Rodeländern gackerte fröhlich auf dem Hof. Das sicherte ihnen Eier und ab und an ein Huhn im Topf. Sie zogen in jedem Jahr ein Schwein auf. Das sicherte ihnen den Bedarf an Fleisch, Wurst und Schinken. Die Bauern in dem Dorf waren freundlich und halfen den Schwestern, wenn sie Schwierigkeiten hatten. So verrann die Zeit. Sie lebten eigentlich ganz zufrieden. Stephanie nahm eine Stellung als Dienstmagd auf einem der größten Höfe der Umgebung an. Maria kümmerte sich um den Haushalt und den Garten. Einmal im Monat fuhr sie mit dem Rad nach Rathenow um Dinge zu besorgen, welche es in dem kleinen Laden im Dorf nicht gab.

Heute war sie wieder in der Stadt gewesen und kam gegen 18 Uhr nach Hause.

Dieser Tag sollte Marias Leben grundlegend verändern.

„Stephanie, hör auf mit diesem Quatsch und zeig´ dich! Ich habe keine Lust mehr auf dieses Spiel.“

Aber es war kein Spiel. Als Maria in das kleine Zimmer von Stephanie kam, sah sie den Zettel auf dem Tisch.

Liebste Schwester!

Verzeih mir, aber ich halte es hier einfach nicht mehr aus. Dieses Leben hier in diesem Dorf kann nicht mein Leben sein. Wenn ich daran denke, dass ich hier mein ganzes Leben verbringen soll, werde ich krank. Ich weiß, dass ich Dir damit sehr weh tue, aber es geht nicht anders. Hier gehe ich kaputt. Ich fahre nach Berlin und suche mir Arbeit. Mache Dir keine Sorgen. Sowie ich ein Zimmer und Arbeit habe, melde ich mich.

Großes Ehrenwort.

Dein, Dich innig liebendes, Schwesterchen.

Maria konnte es nicht fassen. Mit dem Zettel in der Hand setzte sie sich auf das Bett. Sie hatte plötzlich wachsweiche Knie. Sie konnte nur auf den Zettel starren und erst mal keinen Gedanken fassen. Sie wusste danach nicht mehr, wie lange sie so gesessen hatte. Dann stand sie auf und durchsuchte das kleine Zimmer von Stephanie. Alle persönlichen Sachen waren weg. Auch ihre Papiere und ihr Anteil, der von der kleinen Erbschaft übriggeblieben war. Und dann wusste sie, das war kein verdammter Scherz von Stephanie. Das war ernst. Ein Gefühl der Leere breitete sich in ihr aus. Plötzlich hatte sie die Gewissheit, dass sie ihre kleine Schwester nie wieder sehen würde. Sie konnte es nicht begründen. Sie wusste es einfach und es traf sie wie ein Faustschlag in den Magen.

Was soll ich denn jetzt bloß machen, dachte sie verzweifelt. Wo soll ich siesuchen. In dieser riesigen Stadt mein kleines Mädel zu finden ist völlig aussichtslos. Keine Chance.

Sie saß da, schaute aus dem Fenster und draußen wurde es langsam dunkel. Wie in ihr.

Maria wartete fünf Wochen. Fünf Wochen quälende Ungewissheit. Fünf Wochen zaghafte Hoffnung. Fünf Wochen Verzweiflung. Fünf Wochen Not.

Die Menschen im Dorf versuchten sie zu trösten und redeten ihr gut zu. Dann verloren sie das Interesse und kümmerten sich nicht mehr um sie. Im Dorf die Leute tuschelten. Die Gerüchteküche brodelte. Wo ist die Stephanie. Warum ist sie fortgegangen. Hatte ihre Schwester sie vergrault, weil sie scharf auf das Erbe war? Oder gar verschwinden lassen?

Na ja, die Zugereisten. Nach diesen drei Wochen fasste Maria einen Entschluss. Alles war besser, als diese Warterei. Sie musste nach Berlin und Stephanie suchen. Sie wusste natürlich, dass ihre Chancen gleich Null waren. Aber sie musste etwas tun. Sonst würde sie noch durchdrehen.

Mai, Berlin 1912

Maria bat ihre Nachbarin sich eine Woche um das Viehzeug zu kümmern, packte ein paar Sachen in eine Reisetasche, zog ihr bestes Kleidchen an und fuhr mit der Eisenbahn von Rathenow nach Berlin. Sie kam am Lehrter Stadtbahnhof am frühen Nachmittag an und wusste nicht weiter. Ein Riesentrubel auf dem Bahnhof verunsicherte sie zutiefst. Sie war bis jetzt noch nie weiter als bis nach Rathenow gekommen. Und das war eine vergleichsweise kleine Stadt.

Jetzt erlebte sie einen großen Bahnhof, schon mit dem hektischen Treiben einer Großstadt, der sie vage erahnen ließ, was sie erwartete. Sie stand unschlüssig und etwas hilflos auf dem Bahnsteig und wusste nicht so recht weiter.

Den untersetzten Mann, der etwas abseits stand und die ankommenden Frauen und Mädchen musterte, nahm sie nicht wahr.

Er sie schon. Gerade, als er sich, in ihre Richtung, in Bewegung setzte, näherte sich ihr eine Frau. Sie war etwas pummelig, um die 40, hatte ein gutmütig wirkendes Gesicht und einen gewaltigen Busen. Sie trug ein lustiges Hütchen auf braunen Locken und ein buntes Kleid.

„Na, Meechen? Weeste wo nich wohin, wa? Da kann ick dir helfen.“

Sie hatte eine rauhe Stimme, die so gar nicht zu ihr passte.

Maria sah sie misstrauisch an.

„Ich wüsste nicht, wie Sie mir helfen könnten.“

„Doch, kann ick. Du brauchst doch een Dach übern Kopp. Seh ick doch. Ick vamiete Zimma. Für kleenet Jeld. Kannste mir vatrauen. Und Arbeet suchste ooch. Habe ick Recht?“

Maria wusste nicht, was sie tun sollte. Einerseits suchte sie natürlich eine Unterkunft, die nicht zu teuer war. Andererseits traute sie der Frau nicht so richtig über den Weg.

„Ich suche keine Arbeit. Ein Zimmer schon.“

„Kommste vont Land und willste dir amüsieren, wa?“ Die Frau lächelte. Und plötzlich sah Maria in die harten Augen der Frau, welche von ihrem Lächeln nicht erreicht wurden. Sie bekam ein unbehagliches Gefühl. Ihre innere Stimme warnte sie vor dieser Frau. Diese ergriff die Initiative.

„Nu komm schon. Bei mir kannste een Zimma haben. Und dann erzählste mir, watte in Balin suchst. Übrigens, ick heiße Gabriele, kannst aba Gabi zu mir sagen. Sagen alle.“ Sie nahm einfach die Reisetasche von Maria und ging los. Maria zögerte einen Augenblick, dann folgte sie ihr zum Ausgang.

Der untersetzte Mann sah ihnen noch einen Augenblick hinterher. „Glück gehabt, mein Täubchen“, murmelte er vor sich hin. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den anderen Frauen auf dem Bahnsteig zu.

Da werde ich dich wohl nie wieder sehen, dachte er noch. Schade, sehr schade.

Er sollte sich irren.

Kowalsky

Kriminalinspektor Balthus Kowalsky, war ein mittelgroßer, rundlicher Mensch mit einem Babygesicht, um die 50, dem man nichts Böses zutraute. Das änderte sich schlagartig, wenn man ihm in die Augen sah. Sie waren graugrün, eigentlich undefinierbar. Man konnte anfangen zu frieren, wenn man hineinsah. Bekleidet war er mit einem unscheinbaren Anzug, der schon bessere Tage gesehen hatte, einem dunklen Oberhemd und dunklen weichen Schuhen. Krawatten lehnte er kategorisch ab.

Unterschätze deinen Gegner und du überschätzt deinen Weg ins Grab.

Es gab einige Herren, die Herrn Kriminalinspektor Balthus Kowalsky unterschätzt hatten. Sie mussten es bitter bereuen.

Er stammte aus einer stinkreichen Familie. Zwei Güter in Ostpreußen und zwei Textilfabriken in Berlin nannte sie ihr Eigen. Seine Eltern waren nicht sonderlich erbaut, als ihr hoffnungsvoller Sprössling verkündete, dass er zur Polizei gehen wolle. Aber Balthus setzte seinen Dickkopf, ein Erbe von seinem ostpreußischem Großvater väterlicherseits, durch.

Er wurde einer der besten Kriminalisten von Berlin.

Jetzt war er, schon seit einigen Jahren, Leiter der Mordkommission von Schöneberg. Und er hatte ein Problem. Ein großes Problem.

Seit einem guten Jahr wurden in unregelmäßigen Abständen nackte Frauenleichen gefunden. Alle um die 20 Jahre alt und erwürgt. Insgesamt sieben. Sie konnten nicht identifiziert werden. Und nun war wieder eine dazugekommen. Die Achte. Ein junges Ding. Alle wurden in der Nähe vom U-Bahnhof Stadtpark gefunden. Im Rudolf-Wilde-Park, der hier in Schöneberg begann und sich quer durch fast ganz Berlin zog. Einige der Mädchen wurden vergewaltigt. Auch die Letzte. Es gab fast keine verwertbaren Spuren außer Abdrücken von Karrenrädern, die immer wieder auftauchten. Von einem Handkarren. Aber davon gab es Tausende in Berlin. Es war die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Er kam einfach nicht weiter. Es war zum Mäusemelken.

Herr Kriminalinspektor Balthus Kowalsky war sauer. Er war nicht nur sauer, er war zornig, sehr zornig. Es konnte nicht sein, dass so ein mieses Schwein seit einem Jahr Frauen umbringt und er findet ihn nicht. Nicht hier. Nicht hier in Schöneberg. Nicht hier in seiner Stadt.

Schöneberg war bis 1920 eine eigene Stadt. Erst ab 1920 gehörte es offiziell zu Berlin.

Kowalsky war nun seit 25 Jahren dabei. Davon fast 14 Jahre bei der Kriminalpolizei. Vor gut 12 Jahren wurde er zum Leiter der Schöneberger Mordkommission ernannt. Seine Vorgesetzten hatten diese Wahl nie bereut.

Seine Abteilung bestand aus sieben Beamten und ihm, die im Rathaus am Kaiser-Wilhelm-Platz saßen. Er war ein alter Hase, der seine Pappenheimer kannte und den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Er war davon überzeugt, dass es nichts gab, was er noch nicht gesehen hatte. Darunter auch Morde und ein paar davon schlimm. Und er hatte die Mörder gejagt und gefasst.

Einen hatte er nicht erwischt. Das war im vorigen Jahr gewesen und stank ihm gewaltig. Er durfte gar nicht daran denken. Denn dann wurde er sofort ungenießbar und seine Kollegen machten einen großen Bogen um ihn. Besser war es. Herr Kriminalinspektor Balthus Kowalsky konnte ausgesprochen eklig sein, wenn er nicht bei Laune war. Dieser Fall war, von Anfang an, eine gelblich, grünlich, karierte Räuberscheiße mit Trüffeln, wie sich Herr Kriminalinspektor manchmal auszudrücken beliebte. Aber wie auch immer. Was sagten die Engländer? Über vergossene Milch soll man keine Träne verweinen. Davon kommt sie auch nicht wieder in den Topf.

Aber diese Morde hier waren neu für ihn. Es gab einfach keine verwertbaren Spuren. Und die Mädchen konnten bis jetzt nicht identifiziert werden. Eine Übereinstimmung gab es. Sie hatten alle verarbeitete Hände und Fußsohlen die erkennen ließen, dass sie viel barfuß gelaufen waren. Und wo lief man im Sommer barfuß? In einer Stadt eher selten. Es waren also, mit großer Wahrscheinlichkeit, alles Mädchen vom Lande. An allen Leichen fanden sich Spuren von Kohlenstaub.

Das war an und für sich nichts Besonderes, denn die Haushalte wurden mit Kohle beheizt. Aber warum, zum Teufel, hatte jemand die Leichen gewaschen, bevor er sie in den Stadtpark warf? Natürlich um Spuren zu beseitigen. War ihm nicht ganz gelungen. Unter den Fingernägeln, in den Haaren, und in Hautfalten befanden sich geringe Mengen von Kohlenstaub.

Er glaubte nicht, dass sie aus Berlin oder Schöneberg stammten. Sie gehörten sicher zu den vielen Mädchen, die täglich von außerhalb in die Stadt kamen, um hier ihr Glück zu finden. Möglichst als Dienstmädchen in einem reichen Haushalt. Träume, die kaum in Erfüllung gingen. Für ein paar schon, aber die meisten merkten schnell, wie hart das Leben in einer Großstadt war. Vor allen Dingen, wenn man allein war und niemanden kannte. Manche kamen von weither, sogar aus Ostpreußen. Sie hatten jahrelang jeden Pfennig gespart, um sich die Fahrt leisten zu können und für die ersten Wochen, solange sie noch keine Arbeit hatten. Manche schafften es. Aber die meisten landeten in den Fabriken, harte lange Arbeit und wenig Lohn, in Bordellen oder auf der Straße.

Und nun waren acht von ihnen tot.

Ermordet.

Erwürgt.

Vergewaltigt.

Und dann weggeworfen wie Müll.

Sicher, auch andere Mädchen starben ab und zu. Aber nicht so.

Das musste aufhören.

Vor allen Dingen mussten die Mädchen identifiziert werden. Aber das war verdammt schwer.

Seine Leute rannten sich die Hacken ab. Sie befragten Hunderte von Leuten. Zeigten Fotos. Nichts. Niemand kannte die Mädchen. Aber sie kamen doch nicht aus dem Nichts. Jemand musste sie doch gesehen haben.

Seit 1892 gab es die „Berliner Illustrirte Zeitung“.

Sie erschien wöchentlich und kostete 10 Pfennige. Das Besondere an ihr war, dass sie ab 1902 auf den Innenseiten Fotos abdruckte. Bei diesem Preis konnte sie sich auch jeder Arbeiter leisten. Dadurch erreichte sie große Auflagen. Und natürlich eine dementsprechende Verbreitung.

Darin sah Kowalsky seine Chance. Er ließ Fotos der Mädchen veröffentlichen mit der Bitte an die Leser, sich in der Redaktion zu melden, falls jemand eins der Mädchen kennen würde.

Niemand meldete sich.

Es war schlicht und ergreifend zum Kotzen.

Langsam breitete sich unter seinen Männern Resignation aus. Sie waren zu wenige, überarbeitet und hatten ja auch noch andere Fälle zu bearbeiten.

Graumann

Kriminalkommissar Werner Graumann war der einzige Beamte, der fast von Anfang an in der Mordkommission dabei war. Man konnte ihn fast als Freund von Kowalsky bezeichnen, wenn Herr Kowalsky denn Freunde gehabt hätte. Hatte er aber nicht. Auf alle Fälle konnte er sich aber Dinge herausnehmen, bei denen Kowalsky jeden anderen unangespitzt in den Boden gerammt hätte.

Sie hatten sich vor 12 Jahren in der Sylvesternacht kennengelernt. Was heißt kennengelernt? Begegnet wäre richtiger.

Eine Begegnung, die alles andere als lustig war.

***

Werner Graumann kam 1877, in Rixdorf, (Am 27. 01.1912 in Berlin-Neukölln umbenannt. Kaiser Wilhelm-II gab die Genehmigung dazu, anlässlich seines 53. Geburtstages. Die Behörden wollten damit den Ruf von Rixdorf als frivoles Unterhaltungsviertel unterbinden.) als Steißgeburt auf die Welt, was seiner Mutter einige Schwierigkeiten bereitete. Nun sagt man Steißgeburten einen eigensinnigen Charakter nach. Denn wer mit dem Allerwertesten zuerst diese Welt betritt legt eine gewisse Eigenwilligkeit an den Tag. Der kleine Werner bildete da keine Ausnahme. Es begann damit, dass er strikt die Dienstleistungen der mütterlichen Milchproduktion verweigerte. Auch die Tatsache, dass sich dieses Grundnahrungsmittel in ausgesprochen niedlichen Behältern befand, beeindruckte ihn keineswegs. Noch nicht. (Das sollte sich in seinen späteren Lebensjahren allerdings rapide ändern.) Erst, als sie auf die Idee kam, sich die Brustwarzen mit Zuckerwasser zu bestreichen, geruhte er, besagte Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Seine Mutter war Sängerin und sein Vater Musikant, der mehrere Instrumente beherrschte. In Rixdorf, dem „Sündenbabel“ von Berlin fanden sie ein einträgliches Auskommen. In Rixdorf gab es Tanzsäle, unzählige Kneipen, Gartenlokale, Fressbuden und allerlei andere Vergnügungsstätten. Der Gassenhauer „In Rixdorf ist Musike“ wird bis heute gesungen.

Der kleine Werner erwies sich, mit den Jahren, als helles Kerlchen mit einem wachen Verstand, einer raschen Auffassungsgabe und einfallsreich. Sein Kiez in Rixdorf war für ihn der reinste Abenteuerspielplatz. Er wuchs unter Gauklern, Musikanten, Schaustellern, kleinen Theatergruppen, Taschendieben und Ganoven auf. Da seine Eltern sehr beliebt waren, mussten sie sich nie Sorgen um ihn machen. Er wurde beschützt. Von allen. Und sie legten ihm nicht allzu große Zwänge auf. Heute würde man sagen, dass er antiautoritär erzogen wurde. Das änderte sich, als er in die Schule kam. Der Lehrstoff flog ihm mühelos zu. Lesen, schreiben, rechnen und auch den Stoff in den anderen Fächern lernte er wie im Schlaf. Bald fing er an sich zu langweilen. Er machte allerlei Unsinn, sehr zur Begeisterung seiner Mitschüler. Seine Lehrer legten weniger Begeisterung an den Tag. Sie begriffen nicht, dass der Junge einfach unterfordert war. Also fingen sie an ihn zu „erziehen“. Das begann in der fünften Klasse. Werner war jetzt 12 Jahre alt. Bis dahin hatten sie ihn, mehr oder weniger, in Ruhe gelassen. Das änderte sich, als die Schule einen neuen Direktor bekam. Zu allem Unglück wurde dieser Herr auch noch der Klassenlehrer von Werner. Die besten Leute wurden nicht nach Rixdorf geschickt. Ein Zucht-Ordnungs-Disziplin-Mann. Also ein typischer Pauker jener Zeit. Feuer stieß auf Eis, heller Verstand auf dumpfen Hirnkasten. Der Eklat war vorprogrammiert. Werner war zu einem großen, kräftigen Jungen herangewachsen, der in seiner Freizeit alles las, was ihm in die Finger kam. Seine Eltern unterstützten ihn dabei. Folgerichtig besaß er ein größeres Wissen als sein Direktor. Und das ließ er ihn, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, auch spüren. Damit untergrub er natürlich die Autorität seines Klassenlehrers, was ihm eine diebische Freude bereitete. Sein Klassenlehrer hasste ihn. Doch er konnte nichts machen. Er konnte den Jungen schließlich nicht für sein Wissen bestrafen.

Der große Knall musste kommen und er kam. Werner hatte, den Abend zuvor, bis in die Nacht bei einer Gauklertruppe zugebracht. Seine Müdigkeit war dementsprechend. Er schlief im Unterricht ein. Sein geliebter Klassenlehrer hatte ihn in die letzte Reihe der Klasse verbannt. Da hatte er am meisten Ruhe vor ihm. Als er bemerkte, dass der Junge eingeschlafen war warf er einen schweren Schlüsselbund nach ihm. Er traf auch. „Den Schlüsselbund zurück“, kommandierte er. Werner nahm den Bund und warf ihn zurück. „Zu mir, du Früchtchen.“

Werner ging zum Lehrerpult. „Die Hände auf das Pult. Handflächen nach oben.“ Werner befolgte den Befehl. Er hatte allerdings nicht mit dem gerechnet, was dann kam. Der Lehrer schlug ihm mit dem Rohrstock heftig auf die Hände. Es tat scheußlich weh. Werner schlug sofort zurück. Der Mann krachte gegen den Garderobenständer, riss ihn um und ging zu Boden. Es gab ein Riesentheater

Werner wurde natürlich der Schule verwiesen. Er machte sich nichts draus. Seine Schule war das Leben im Kiez. Arbeit gab es genug in der Szene. Und so lebte er sein Leben.

Die Begegnung mit Kowalsky in der Sylvesternacht 1900 veränderte sein Leben von Grund auf. Werner war 23 Jahre alt.

In dieser Nacht war natürlich richtig was los im Kiez.

Kowalsky war gerne in Rixdorf. Er nannte das Menschenstudium. Der Trubel, die Menschenvielfalt, welche einen Querschnitt durch fast alle Schichten der Bevölkerung Berlins darstellte. Das war pralles Leben und übte eine unwiderstehliche Faszination auf in aus.

Kowalski war 1859 in Ostpreußen zur Welt gekommen. Seine Familie besaß dort zwei große Güter. Er wuchs in einer Umgebung auf, die der Traum eines jeden Jungen war. Pferde, Kühe, Seen, in denen man wunderbar angeln konnte, riesige Wälder, in denen es vor Wild wimmelte. Die Dorfbengels waren seine besten Freunde. Es war einfach herrlich. Diese Herrlichkeit nahm ein jähes Ende, als seine Eltern Ostpreußen den Rücken kehrten, in Berlin-Dahlem eine Villa bezogen und ihn in ein Gymnasium steckten. Doch aller Protest half nichts. Er schloss das Gymnasium 1878 als Zweitbester seines Jahrgangs ab und bewarb sich anschließend bei der Polizei. Seine Familie schrie Zeter und Mordio, was ihn wenig beeindruckte, (Sie hätten ihn ja in Ostpreußen lassen können). Detektivgeschichten hatten ihn schon immer begeistert und so war es wenig verwunderlich, dass er sich, nach der Ausbildung und einigen Jahren Schutzpolizei, bei der Kriminalabteilung der Berliner Polizei bewarb. Er wurde angenommen und machte sich schnell einen Namen mit seinen unorthodoxen Methoden, die oft am Rande der Legalität vorbeischrammten. Da aber seine Aufklärungsquote außerordentlich hoch war, beschlossen seine Vorgesetzten, nach heftigen Diskussionen, ihn einfach gewähren zu lassen. Nebenbei gesagt, das Beste, was sie tun konnten. Zu Beginn des Jahres 1899 wurde der Posten des Leiters der Schöneberger Mordkommission aus Altersgründen frei.

Balthus Kowalsky wurde zum Kriminalinspektor ernannt und übernahm den Posten.

1855 wurde in Berlin, anlässlich eines Aufsehens erregenden Mordfalles, dem Mordfall Dieckerhoff, die erste Mordkommission gegründet. Diese unterstand der Schutzpolizei. Erst 1872 wurde eine eigenständige Kriminalpolizei geschaffen, deren Beamte auch in Zivilkleidung ihren Dienst versehen durften.

Nach den üblichen Anfangsschwierigkeiten hatte Kowalsky seine Truppe von 7 Männern rasch im Griff. Aber es reichte nicht, die Männer im Griff zu haben. Man musste sich ihren Respekt erwerben. Ihren Respekt verdienen. Sonst läuft letztendlich gar nichts. Die Beamten waren allesamt alte Hasen, die so leicht nichts erschüttern konnte. Sie wären für ihren alten Chef durch jedes Feuer dieser Welt gegangen. Und nun wurde ihnen ein Neuer vor die Nase gesetzt, den sie nicht kannten und nicht mochten. Jeder von ihnen hätte die Mordkommission weiterleiten können. Das Wissen und das Können hatte jeder von ihnen. Sie akzeptierten Kowalsky nicht und ließen ihn das auch spüren. Das änderte sich sechs Wochen nach Amtsantritt von Kowalsky.

Müller II, ein zum Revier gehöriger Schutzpolizist, kam ganz aufgeregt in die Dienststelle. „Leute, wir brauchen Hilfe.

Ein Gorilla von einem Mann hat die Möbel seiner Wohnung zertrümmert und droht seine Frau zu zerteilen. Mit einem Hackmesser. Mein Kumpel, der Behrends, steht vor der Wohnungstür und traut sich nicht rein. Wir können den Mann doch nicht einfach erschießen.“ „Warum eigentlich nicht?“, fragte Kohlweis, einer der Beamten von Kowalsky, freundlich. „Erzählen Sie keinen Mist“, fuhr Kowalsky ihn an. „Wo ist denn die Wohnung?“, wandte er sich an Müller II. „Gleich um die Ecke, in der Herbertstraße.“ „Na los Leute, sehen wir uns das mal an“, meinte Kowalsky. „Gehen wir.“

Die Männer machten sich auf den Weg.

Im Hausflur angekommen, hörten sie eine Stimme aus dem ersten Stock brüllen wie ein Stier. „Kommt rin, kommt rin, denn mache ick euch alle. Jenau wie jleich meine Olle.“

Die Männer stiegen die Treppe hinauf. Vor der offenen Wohnungstür standen Nachbarn und ein Polizist.

Kowalsky drängelte sich durch und schaute in die Wohnung. Von einem kleinen Flur aus ging es geradewegs in die Wohnstube, deren Tür sperrangelweit offen stand. Darin lagen die Splitter eines zertrümmerten Stuhles herum. In einem kleinen Sessel hockte ein zierliches Etwas und weinte leise vor sich hin. Neben ihr stand, barfuß, mit einer Hose und einem Turnhemd bekleidet, ein Hüne von einem Mann. Einen Meter neunzig groß. Der Kopf kahl und glänzend wie eine Billardkugel. Ein fleischiges Gesicht mit einer winzigen Nase und Schweinsäuglein, die wütend funkelten, könnte zum Lachen anregen, wenn da nicht das schwere Hackmesser gewesen wäre, dass der Mann in der rechten Hand hielt. Er erinnerte schon an einen Gorilla, was die Körperbehaarung anbelangte. Schwarz und dicht, bedeckte sie die Arme und den Oberkörper.

„Na los, kommt schon“, brüllte er wieder los.

Kowalsky ging in den Flur. Einer seiner Männer wollte ihn zurückhalten und packte ihn am Oberarm. Kowalsky blickte erst auf die Hand und dann dem Mann in die Augen. Dieser ließ schleunigst los. Später erzähle er seinen Kollegen, dass er bei diesem Blick eine Gänsehaut bekommen hätte.

Kowalsky ging auf den Hünen zu, der ihn um einen guten Kopf überragte.

„Mausepaul, Mausepaul, was machst du denn für einen Scheiß. Gib mir dieses Ding. Sofort.“ Er nahm ihm das Hackmesser aus der Hand. Dann drehte er sich zu den Gaffern um.

„Haut ab. Hier gibt’s nichts mehr zu sehen. Verschwindet. Alle. Ihr auch.“ Das galt seinen Männern. Diese hörten noch die ungläubige Stimme von dem Koloss. „Kowalsky, wo kommst du denn her.“ Dann schloss Kowalsky die Wohnungstür, ohne sich weiter um die Leute im Treppenhaus zu kümmern. Auch nicht um seine Männer. Die standen noch einen Augenblick unschlüssig herum und trollten sich dann in die Dienststelle.

Eine halbe Stunde später kam auch Kowalsky. Er betrat das Büro, in dem die Beamten das Geschehene eifrig diskutierten, setzte sich auf seine Schreibtischplatte und sah die Männer an. Niemand sagte etwas.

„Falls jemand von den Herren auf die hirnverbrannte Idee kommen sollte, mich jemals mit Kowalsky anzureden, nehme ich seinen Kopf und schlage ihn auf diese Kante“, er deutete auf seinen Schreibtisch. „Und die ist aus Hartholz. Und nun an die Arbeit, oder habt ihr nichts zu tun.“ Von diesem Tag an, hatte er den bedingungslosen Respekt seiner Männer. Im Laufe der Zeit schweißte er sie zu der erfolgreichsten Mordkommission von ganz Berlin zusammen. Er sprach nie darüber, was in der Wohnung geschehen war. Fest stand nur, dass es nie wieder Ärger mit „Mausepaul“ geben sollte.

Diese Geschichte trug nicht unerheblich zur Legendenbildung um Herrn Kriminalinspektor Balthus Kowalsky bei.

Besagter Kriminalinspektor war nun also in Rixdorf mit der Absicht die Jahrhundertwende heftig zu feiern. Werner Graumann hatte dieselbe Idee.

Nun gab es einige Zeitgenossen, welche auch da waren. Aber nicht um sich zu amüsieren, sondern um sich zu bereichern. Nicht unbedingt legal. Da gab es Hütchenspieler, Taschendiebe und Trickbetrüger. Alle relativ harmlos. Aber auch Angehörige der menschlichen Gattung, welche ganz und gar nicht harmlos waren. Zum Beispiel kleine Jugendbanden, die sich darauf spezialisiert hatten, Betrunkene auszurauben. Wenn nötig ein Schlag auf den Kopf und so mancher Trunkenbold war wieder zu sich gekommen und ihm fehlte alles. Uhr, Geld, Ringe und manchmal sogar die Schuhe. Die Täter waren erfahrungsgemäß, zwischen 14 und 18, 19 Jahre alt. Es waren auch richtig brutale Burschen darunter, denen es nichts ausmachte einen Menschen halbtot zu schlagen, was aber sehr selten vorkam. Wer so einer Bande, von fünf, sechs Jungen, in die Hände fiel, hatte kaum eine Chance.

Kowalsky verspürte ein menschliches Bedürfnis. Das Bier drückte. Also suchte er sich ein ruhiges Plätzchen, um diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen. Kurzum, er musste pinkeln. Er suchte und fand. Etwas abseits von dem ganzen Gewühl und nicht so sehr beleuchtet. Was ja auch in der Natur der Sache lag. Die fünf Jungen in der Nähe, bemerkte er schon, maß dem aber keine weitere Bedeutung zu. Ein Fehler, wie er bald herausfinden sollte.

Werner Graumann ließ sich treiben. Er schlenderte herum, trank an einem Stand ein Bier und genoss den Trubel. Das war seine Welt, so wie er sie liebte.

Er wird aufmerksam als er eine Clique bemerkt, die einem Mann folgen, der offensichtlich ein stilles Örtchen sucht. Er kannte vier von den Jungs. Sie gehörten zu den gefährlichsten im Kiez. Also ging er ihnen nach. Ein beliebter Trick, gerade dieser Bande, war folgender. Einer von ihnen beklaute ganz offen einen der Gäste. Zum Beispiel riss er ihm die Taschenuhr aus der Weste. Leute, die im Kiez wohnten, ließen sie selbstverständlich in Ruhe. Der Bestohlene schrie Zeter und Mordio und verfolgte den Dieb. Dieser blieb in Sichtweite, bis sie eine weniger belebte Zone erreicht hatten. Da warteten die anderen. Sie fielen über den Mann her, beraubten ihn und waren auch schon wieder weg. Das ging rasend schnell. Wenn sie aber, ohne großen Aufwand, jemanden schnappen konnten, taten sie das natürlich. Wie in diesem Fall. Graumann interessierte das alles, normalerweise, nicht. Von ihm wollten sie ja nichts. Dieses Mal war es anders. Er hätte nicht erklären können wieso. Werner ging ihnen einfach hinterher. Er konnte nicht wissen, dass sich sein Leben dadurch von Grund auf ändern sollte.

Kowalsky schloss seine Hose und sah sich plötzlich von den Jungs umringt.

„Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten“, merkte der Anführer, ein stämmiger Bursche, an. „Entweder du gibst uns dein Geld und deine Uhr, oder…

„Oder was?“, fragte Kowalsky spöttisch. Er nahm die Angelegenheit auf die leichte Schulter.

„Oder wir holen es uns“, vollendete der Bengel ungerührt seinen Satz.

„Na dann viel Spaß damit“, meinte Kowalsky und geriet sofort in Not. Die Bande war, ohne zu zögern, über ihn hergefallen. Daher stammt der Begriff Überfall, wurde ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, klar.

Graumann stand in der Nähe und schaute zu. Den Anführer hatte er noch nie gesehen. Selbst ihn überraschte die Plötzlichkeit des Angriffs. Und die Brutalität. Normalerweise hielten drei, vier, von den Jungen, das Opfer fest und die anderen raubten ihn aus. Selten wurde es ernsthaft verletzt. Hier war es anders. Es wurde auf den Mann eingeschlagen, der zu Boden gegangen war. Das war neu und er fand das gar nicht gut.

Kowalsky nahm den Überfall, zu Beginn, nicht wirklich Ernst. Dann erkannte er die Gefährlichkeit der Situation und kämpfte sich frei. Dabei war er nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel. Eine Schusswaffe hatte er nicht dabei. Sie hätte ihm auch nicht viel genutzt. Er hätte nie auf die Jungen schießen können. Nun kam ihm seine Erfahrung aus ungezählten Prügeleien mit der hoffnungsvollen Dorfjugend in Ostpreußen zugute. Da war es auch nicht sonderlich sanft zugegangen. Er erwischte einen Haarschopf und riss kräftig daran. Der Inhaber jaulte auf und wollte nur noch weg. Kowalsky ließ das zu. Einer weniger. Dadurch entstand eine Lücke, welche er sofort ausnutzte. Er kam auf die Knie, bekam einen im Schritt zu fassen, suchte, fand und drückte zu. Lebenslange Impotenz hätte durchaus die Folge sein können. Das Ergebnis waren ohrenbetäubende Schreie. Wieder einer weniger. Dann war er auf den Beinen und schlug zwei Köpfe mit Wucht zusammen. Das war’s. Dachte er. Und dann spurte er die Messerklinge am Hals.

Graumann hatte zum Anfang einschreiten wollen. Ließ es aber, als er sah, dass der Mann durchaus in der Lage war, auf sich aufzupassen. Das wird den Bengels eine Lehre sein, dachte er. Aber es war noch nicht zu Ende. Der Anführer zog ein bösartig aussehendes Messer, machte einen schnellen Schritt hinter den Mann und presste ihm die Klinge an die Kehle. Dieser wirkte nun ziemlich hilflos. Das konnte er nicht zulassen. Nicht in seinem Kiez. Er zögerte nicht eine Sekunde, zog einen kurzen, Lederüberzogenen Totschläger mit einer Bleikugel am Ende, aus der Tasche, trat an den Strolch heran und schlug ihm seinen kleinen Spaßmacher seitlich gegen den Kopf. Der fiel um, als hätte ihn ein Blitz getroffen.

Kowalsky war in einer wenig beneidenswerten Lage. Hinter ihm stand ein Mann und presste ihm eine Messerklinge an den Hals. Egal, was er anstellen wollte, der Messermann würde schneller sein. Keine rosigen Aussichten. Da gab es einen dumpfen Schlag und die Klinge war plötzlich fort. Genau wie die Jungs. Nur der Anführer lag noch am Boden und stöhnte leise vor sich hin.

Graumann bückte sich und schlug ihm mit der flachen Hand ein paar Mal ins Gesicht bis er wieder zu sich kam. Dann zerrte er ihn auf die Beine.

„Wer bist du? Wo kommst du her? Du bist nicht aus Rixdorf“, herrschte er ihn an. Der Bursche stand leicht schwankend da, hielt sich den Kopf, wo ihn der Totschläger getroffen hatte und glotzte Graumann aus blutunterlaufenen Augen an. Graumann packte ihn am Kragen. „Jetzt höre mir genau zu, du Bandit, du wirst verschwinden und dich hier nie wieder sehen lassen. Ich sage meinen Leuten Bescheid. Wenn wir dich noch einmal erwischen, brechen wir dir beide Beine und das rechte Handgelenk. Strolche wie dich wollen wir hier nicht haben. Hast du mich verstanden?“ Der Bursche nickte. „Ich habe dich nicht gehört. Hast du mich verstanden?“ „Ja“, kam es leise zurück. „Lauter, mein Freund, viel lauter.“ Jetzt kam ein kräftiges „Ja.“ Graumann versetzte ihm einen kräftigen Stoß. „Hau ab und denke an meine Worte.“ Der Bengel schwankte davon.

Kowalsky hatte während der ganzen Zeit ruhig danebengestanden und Graumann aufmerksam beobachtet.

Dieser blickte dem Jungen noch einen Augenblick hinterher und wandte sich dann an Kowalsky.

„Ist Ihnen etwas passiert? Ich hoffe doch nicht. So etwas ist bei uns noch nie vorgekommen und wir werden dafür sorgen, dass es auch so bleibt. Dann wünsche ich Ihnen noch eine schöne Feier, viel Vergnügen und einen guten Rutsch in das neue Jahrhundert.“ Mit diesen Worten wollte er gehen.

„Ich muss mich noch bei Ihnen bedanken“, hielt Kowalsky ihn auf.

„Ich habe das nicht für Sie getan, sondern für meinen Kiez. Wenn sich herumsprechen sollte, dass Gäste bei uns mit dem Messer bedroht und dann ausgeraubt werden, ist das ganz schlecht für uns. Die Gäste bleiben aus und dann haben wir den Schaden.“

„Haben Sie mal daran gedacht, zur Polizei zu gehen? Ich meine, Sie haben das gut in den Griff bekommen.“

Graumann lachte laut auf. Der Gedanke, ein Polizist zu werden, belustigte ihn offenbar ungemein.

„Ich, ein Polizist? Ach nee, lieber nicht.“

„An Ihrer Stelle würde ich darüber nachdenken. Ich weiß nicht, womit Sie ihr Geld verdienen, aber bei uns hätten Sie die Möglichkeit Beamter zu werden und dann haben Sie ausgesorgt. Für den Rest Ihres Lebens. Ich glaube, dass Sie ein guter Polizist sein könnten.“

„Sie sind Polizist? Da bin ich aber platt“, Graumann machte ein ungläubiges Gesicht.

Kowalsky nickte. „Ich bin Kriminalpolizist. Mein Name ist Kowalsky und ich bin bei der Mordkommission in Schöneberg. Wir sitzen im Rathaus am Friedrich-Wilhelm-Platz. Falls Sie es sich überlegen sollten, besuchen Sie mich.“ Er nestelte eine Visitenkarte aus der Westentasche, drückte sie dem verblüfften Graumann in die Hand und stiefelte davon.

Eine Woche danach meldete sich Graumann bei Kowalsky und drei Jahre später wurde er in die Mordkommission von Kowalsky versetzt. Unnötig zu bemerken, dass Kowalsky die Laufbahn von Graumann sorgfältig beobachtete und dann dafür sorgte, dass Werner Graumann zu ihm versetzt wurde. Er sollte es nie bereuen.

Gabriele Damaschke

Die Beamten waren, wie jeden Morgen, zur Dienstbesprechung im Kommissariat erschienen. Die Nacht wurde ausgewertet. Die bei