DER EREMIT - K. Ronay - E-Book

DER EREMIT E-Book

K. Ronay

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Beschreibung

Dies ist ein Abenteuerroman vor dem geschichtlichen Hintergrund des 30jährigen Krieges und der Inquisition. 1650. Der Dreißigjährige Krieg hatte, mit dem Westfälischen Frieden vom 24. Oktober 1648, ein Ende gefunden. Zahllose Menschen fielen ihm zum Opfer. Mehr als im 1.und 2. Weltkrieg zusammen. Nie vorher und auch nicht danach hatte es, in einem Krieg, so viele Tote gegeben. Besonders war Süddeutschland betroffen. Ganze Landstriche wurden durch den Krieg und Seuchen entvölkert. Es gab einige Dörfer, welche so weit abseits lagen, dass sie vom Krieg nahezu verschont geblieben waren. Das war aber sehr selten. In so einem Dorf und dem kleinen Fürstentum, in dem es liegt, spielt diese Geschichte. Hans ist ein junger Adliger, ein Söldner im 30jährigen Krieg, der sich, nachdem er 10 Jahre lang gekämpft hatte, in die Wälder, in der Nähe eines kleinen Fürstentums in Süddeutschland, zurückgezogen hatte und dort als Eremit lebt. Eines Tages rettet er eine junge Frau vor dem Scheiterhaufen. Sophie, deren Großvater von der Inquisition auf dem Scheiter-haufen, als "Hexenmeister" hingerichtet wird, soll auch ein Opfer der Inquisition werden. Als Hans das verhindert, zieht er sich den Zorn und den Hass eines Dominikanermönches zu, der auch nicht davor zurückschreckt, einen Killer auf ihn anzusetzen. Unversehens findet er, der doch nur seine Ruhe haben möchte, sich in einer Welt, welche bis dahin doch recht friedlich für ihn war, voller Gefahren und Intrigen wieder. Da ist auch noch der ehemalige Anführer des Söldnerhaufens in dem Hans im Krieg gekämpft hat. Dieser ist der Überzeugung, dass Hans ihn verraten hat. Und auf Verrat steht der Tod. Hans, der geschworen hat, nie wieder zu töten, muss nun wieder zum Schwert greifen und um sein und das Leben von Sophie kämpfen.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Impressum

K.P.- Ronay

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Copyright© 2014 by K.P. Ronay

All rights reserved

In jedem Buch gibt es eine Danksagung. Und natürlich auch in diesem.

Dank schulde ich jener Dame, welche meine gnadenloseste Kritikerin war und ist. Aber auch eine grenzenlose Geduld aufbrachte, wenn mir die Ideen ausgingen und ich nicht sonderlich pflegeleicht war.

Kurz, meiner Frau Moni.

Gott schütze mich vor meinen „Freunden“,

um meine Feinde kümmere ich mich selbst.

Wir schreiben das Jahr 1650.

Der Tag war fast vorüber. Später Nachmittag. Man spürte, dass es Sommer wurde. Die Tage wurden länger und wärmer. Die Sonne hatte ihre Tagesbahn schon beinahe vollbracht. Nur noch wenige Stunden, bis sie endgültig der Nacht weichen würde.

Der Mann, welcher den schmalen Wildpfad entlang ging, war mittelgroß und mit einem Büßerkittel bekleidet. Langes ungepflegtes Haar hing ihm bis über die Schultern und der wild wuchernde Bart ließ von seinem Gesicht nur wenig erkennen. Der Büßerkittel wurde um die Taille von einem groben Strick zusammengehalten. Über die Schulter hing ihm eine, aus Binsen geflochtene, Tasche. Er ging etwas gebeugt, gestützt auf seinen Wanderstab aus Eiche, sodass man ihn für einen alten Mann halten konnte. Die Sohlen seiner nackten Füße waren mit einer dicken Hornhaut überzogen, was darauf schließen ließ, dass er schon sehr lange barfuss ging. Der dichte Wald, ein richtiger Urwald mit teilweise undurchdringlichem Dickicht, großen Findlingen, kreuz und quer liegenden umgestürzten Bäumen, aber auch mit schönen Lichtungen, welcherihn umgab, lehrte sicher so manchen das Fürchten aber er bewegte sich in ihm so natürlich, dass man annehmen konnte, er sei hier zuhause. Und so war es auch. Er lebte schon knapp zwei Jahre hier. Im Sommer in einer Hütte, welche er nach dem Winter, den er in einer Höhle verbrachte, immer wieder aufbaute. Die Wände und das Dach aus einem Geflecht aus Weidenzweigen, die er mit nassem Lehm bewarf, der, wenn er trocken war, fest und stabil wurde. Das ging schnell. Den Lehm gab es in der Nähe eines Baches, aus dem er auch sein Trinkwasser holte.

Das Dorf, zu dem er unterwegs war, lag in einem lang gezogenen Tal, umgeben von kleineren Bergen. In der Ferne wurden die Berge größer. Es bestand aus Bauernkaten und einer Schmiede. Rundherum lagen die Felder und ein paar Wiesen, auf denen das Vieh weidete. Hinter den Feldern begann der Wald. In der Mitte der Häuser befand sich der obligatorische Dorfplatz, auf dem manchmal ein Markt abgehalten wurde. Das Leben begann sich ganz langsam wieder, nachdem der schreckliche Krieg endlich sein Ende gefunden hatte, zu normalisieren.

In der Nähe, auf einem flachen Berg stand die Burg des Fürsten, dem das Land gehörte. Es war eine kleine Burg, aber es war ja auch ein kleines Fürstentum. Der Bergfried mit ein paar Gebäuden und Ställen wurde von einer starken Mauer geschützt. Von der Burg führte eine Straße zum Dorf.

Die Leute aus dem Dorf, kannten den Eremiten, hielten ihn für ein bisschen verrückt aber harmlos und kümmerten sich nicht weiter um ihn. Er ging auch nur sehr selten ins Tal. Weil, er hatte schlicht und ergreifend von den Menschen die Schnauze voll und ging ihnen möglichst aus dem Weg.

Er hatte zu viele Menschen sterben gesehen. Auch von seiner Hand. Er hatte Männer sterben gesehen auf dem Schlachtfeld. Auf die grauenvollsten Arten, die man sich, oder auch nicht, vorstellen konnte. Er hatte Frauen sterben gesehen. Auf dem Scheiterhaufen oder im Krieg. Und er hatte Kinder sterben gesehen. Verhungert, an Krankheiten oder einfach so. Er hatte Dörfer gesehen, in denen alle Menschen umgekommen waren. Am Hunger, am Krieg oder an Seuchen. Das Grauen hatte viele Gesichter und er kannte sie fast alle.

Wir schreiben das Jahr 1650.

Der Dreißigjährige Krieg war vor 2 Jahren mit dem Westfälischen Frieden zu Ende gegangen.

Hans, so hieß der Einsiedler, hatte lange Jahre in ihm gekämpft. Meist für die Seite, die am Besten zahlte oder bei der man viel Beute machen konnte. Er war Söldner gewesen und hatte sein Handwerk, im wahrsten Sinne des Wortes, von der Pike auf gelernt.

Die Pike war eine der effektivsten Waffen, die es damals gab. Auf einem ca. zweieinhalb Meter langen Holzschaft war eine scharfe Klinge befestigt, hatte eine große Reichweite, was sich besonders bei der Abwehr eines Reiterangriffs auszahlte, und war in der Hand eines Mannes der damit umgehen konnte eine furchtbare Waffe. Sie gehörte zu den Hauptwaffen des Krieges. Zusammen mit dem Katzbalger.

Der Katzbalger war ein kurzes Landsknechtsschwert. Eine weit verbreitete Nahkampfwaffe. Es hatte eine 50 bis 55cm lange Klinge und ein Heft aus Holz. In der Scheide befanden sich oft Nebenfächer, in denen Messer, Gabel und ein Pfriem aufbewahrt wurden. Die Parierbügel waren meist S-förmig ausgeführt. Aber der Hauptvorteil bestand in seinem geringen Gewicht von nur ca. 1000 Gramm. Dadurch war man im Gefecht sehr schnell, weil die Masse nicht so groß war, die man bewegen musste.

Hans war, im Laufe der Zeit, ein Meister in der Handhabung des Katzbalgers geworden.

Während seiner Söldnerzeit hatte er einige Vermögen gemacht und wieder verloren. Verloren ist nicht der richtige Ausdruck. Verjubelt. Richtiger gesagt, versoffen und verhurt. Mit vollen Händen ausgegeben. Söldner lebten gemeinhin nicht sehr lange. Es gab in diesem Krieg viele Möglichkeiten ums Leben zu kommen. Und keine war sehr angenehm. Also was soll’s. Carpe diem, nutze den Tag. Was du versoffen hast, kann man dir nicht mehr wegnehmen. Und konnte nicht jeder Tag der letzte Tag sein? Also dann, verdammt noch mal, lebe auch so. Man kann nun mal kein Geld mit in die Ewigkeit nehmen.

Das ging solange, bis etwas geschah, dass auch den hartgesottensten Krieger das Grauen lehrte. Er nahm seinen Abschied, das heißt, er ging einfach seiner Wege und wurde zum Einsiedler. Das war jetzt zweieinhalb Jahre her. Manchmal tauchte er noch auf. Der, der den Befehl gegeben hatte. Der Mörder. In seinen Albträumen.

Nikodemus Toeterson.

Er versuchte dieses Geschehen aus seinem Gedächtnis zu tilgen. Mit mehr oder weniger Erfolg. Monatelang dachte er nicht mehr daran. Aber ein bestimmtes Geräusch. Dann holte ihn die Vergangenheit ein und er war gefangen in der Hölle seiner Erinnerung.

***

Der Dreißigjährige Krieg, von 1618 bis 1648, begann mit dem „Prager Fenstersturz“ am 23. Mai 1618. Der streng katholische österreichische Erzherzog und König von Böhmen Ferdinand II, der 1617 zum Kaiser gewählt werden sollte, hatte den Majestätsbrief widerrufen, der den Protestanten in Böhmen Religionsfreiheit zugesichert hatte.

Gegen diese Maßnahme protestierte eine Gruppe protestantischer Adliger auf ihre Weise. Durchaus traditionell in Böhmen. Sie warfen die kaiserlichen Räte Martinitz und Wilhelm Slavata sowie einen Sekretär aus dem Fenster der böhmischen Kanzlei in der Prager Burg. Bekannt wurde die Aktion als Prager Fenstersturz. Die Räte überlebten, was die Protestanten einem Misthaufen, auf dem die beiden gelandet waren, die Katholiken aber dem Schutz der Muttergottes zuschrieben.

Es war ein Krieg um die Vorherrschaft der Mächte in Europa und gleichzeitig ein Religionskrieg zwischen der katholischen Liga und der Protestantischen Union innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Gemeinsam mit ihren jeweiligen Verbündeten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation trugen die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien ihre Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden aus.

Die Kriegshandlungen selbst, aber auch die durch sie verursachten Hungersnöte und Seuchen verheerten und entvölkerten ganze Landstriche. Besonders Süddeutschland war betroffen. Es überlebte nur etwa ein Drittel der Bevölkerung. Einige Territorien benötigten mehr als ein Jahrhundert, um sich von den Folgen des Krieges zu erholen. Teile des Deutschen Reiches waren stark verwüstet worden. Der Krieg kostete etwa 3 bis 4 Millionen Menschenleben bei einer Gesamtbevölkerung im Reichsgebiet von 17 Millionen. Die meisten Opfer forderten die Seuchen ab 1634.

„Der Krieg ernährt den Krieg.“ Das war die Devise der zahlreichen Söldnerhaufen, die sich aus Landsknechten aus aller Herren Länder zusammensetzten. Wo es Aas gibt, versammeln sich die Geier. Sie plünderten, brandschatzten und raubten, wo sie nur konnten.

Die regelmäßig besoldeten Heere wie Wallensteins oder Gustav Adolfs von Schweden waren relativ diszipliniert. Nach dem Tode von Gustav Adolf, in der Schlacht von Lützen am 16. November 1632,wurden gerade die schwedischen Truppen zum Schrecken der Bevölkerung.

Frankreich, England, Schweden und die Niederlande konnten sich nach dem Krieg zu Nationalstaaten entwickeln. Mit dem aufblühenden Handel ging in diesen Ländern ein Aufschwung des Bürgertums einher, dessen Ausbleiben für Deutschland kaum ermessliche negative geschichtliche und gesellschaftliche Folgen hatte.

Der Dreißigjährige Krieg endete mit dem Westfälischen Frieden am 24. Oktober 1648 und hatte insgesamt mehr Menschenleben gekostet als jeder Krieg vorher und danach. Einschließlich des 1. und des 2. Weltkrieges.

Er war der verheerendste Krieg aller Zeiten.

***

Eigentlich wollte ich ja erst übermorgen ins Dorf, dachte er. Aber ich habe kein Mehl und kein Salz mehr. Kein Mehl mag ja noch angehen aber Fleisch ohne Salz. Das muss ja nun wahrlich nicht sein.

Er hatte einiges von dem Gold, das ihm geblieben war, in kleine Münzen umgetauscht um nicht aufzufallen, bevor er sich in die Wälder zurückzog. Hätte es doch einiges Aufsehen und Neugierde, vielleicht auch Gier und Habsucht erregt, wenn er das, bisschen was er brauchte, mit einer Goldmünze bezahlt hätte. Dann war ein Überfall vorprogrammiert. Es herrschten Not und Armut und ein Menschenleben war nicht viel Wert in diesen Zeiten. Nicht dass er Angst gehabt hätte, aber warum sollte er Ärger heraufbeschwören, wenn es nicht sein musste.

Na, ob ich nun heute oder morgen ins Dorf gehe, spielt eigentlich keine Rolle.

Er irrte sich. Er irrte sich sogar gewaltig.

Und so ging er also weiter und konnte nicht ahnen, dass sich sein Leben, innerhalb der nächsten Stunden, grundlegend ändern sollte.

Hätte er auch nur den leisesten Schimmer gehabt, hätte er sich umgedreht und wäre gerannt, als sei der Teufel hinter ihm her. Aber er konnte es nicht wissen und so nahm das Schicksal seinen Lauf.

Im Tal tauchte das Dorf auf. Den Lärm hörte er, als er näher kam.

Was, zum Teufel, ist da los?

Es war ein eher kleines Dorf in Süddeutschland, welches vom Krieg einigermaßen verschont geblieben war. Weitab von den großen Schlachten waren nur hin und wieder herumstreifende Söldner vorbeigekommen. Doch mit denen war man fertig geworden. So oder so. Ein paar Grabhügel bezeugten das. Ringsum kleine und mittlere Berge, in denen das Dorf relativ versteckt lag. Es gehörte zu einem kleinen Fürstentum. Dieses Dorf und noch weitere zwei. Hans war nach einer längeren Suche in diese erzkatholische Gegend gekommen. Ihm gefiel, was er sah und so ließ er sich hier nieder. Niederlassen war sicher zu viel gesagt. Er durchstreifte die Umgebung, fand ein Fleckchen, das ihm zusagte, baute sich eine Hütte und blieb erst einmal da. Das war im Frühsommer vor zwei Jahren gewesen. Als der Winter nahte und er schon weiterziehen wollte, fand er durch einen Zufall die Höhle. Er verfolgte einen Fuchs der plötzlich, wie vom Erdboden verschwunden war. Den Fuchs fand er, aber auch eine Höhle. Der Eingang lag etwas verborgen in einer Felsbarriere. Die Höhle war nicht zu groß und nicht zu klein. Gerade richtig. Eine Zuflucht, die niemand kannte und in der es sich gut überwintern ließ. Als er zum ersten Mal in das Dorf kam, lief ihm gleich ein Dominikaner-Mönch in seiner schwarzen Kutte über den Weg. Hans war von den Katholiken und besonders von den Dominikanern nicht sonderlich begeistert. Zu viele Verbrechen im Namen der Kirche. Ein zutiefst korruptes, verlogenes System das Wasser predigte und Wein trank.

Den Dominikanern wurde 1231 von der Kurie (Kirchliche Behörde, durch die der Papst die katholische Kirche leitete) die Leitung der Inquisition, (lat. inquisitio: gerichtliche Untersuchung), übertragen.

***

Die Inquisition war das ausführende Organ der katholischen Kirche. Sie war verantwortlich für das Aufspüren und die Verfolgung von „Ketzern“. Menschen, welche dem „Irrglauben“ anhingen, also auch Protestanten, oder die, welche die katholische Kirche ablehnten. Ketzer oder der Hexerei verdächtigter Frauen und Männer wurden mittels grausamer Verhöre und Folter „überführt“. Dann folgten öffentliche Anklage und öffentliche Hinrichtung. Meist wurden die Opfer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Menschen hatten allen Grund die Inquisition zu fürchten wie die Pest. Und das war sie ja auch. Eine menschliche Pest. Von der katholischen Kirche ins Leben gerufen.

Die Inquisition missbrauchte auch das Beichtgeheimnis. Sie zwang Priester dazu, das Beichtgeheimnis zu brechen, um so „Ketzer“ aufzuspüren. Jeder stand unter Verdacht. Es kam vor, dass Priester, die sich weigerten, das Beichtgeheimnis zu brechen, angeklagt und hingerichtet wurden.

Wer denkt, Bücherverbrennungen seien eine Erfindung der Nationalsozialisten gewesen, der irrt gewaltig. In den 4 Jahren, in denen Papst Paul IV, von 1555 bis 1559, an der Macht war, wurden Zehntausende von Büchern, die auf der Liste der verbotenen Schriften standen, meist Bücher der Protestanten, öffentlich verbrannt. Welch ungeheuerliche Vernichtung von Wissen.

Äußerst beliebt bei dieser mörderischen, verbrecherischen Terrororganisation, und nichts anderes war die Inquisition, war die „Wasserprobe", welche natürlich völlig legal der "Wahrheitsfindung" diente. Wenn eine „Hexe“ durch nichts, auch nicht durch entsetzliche Foltermethoden, dazu gehörte z.B. das ihr die Knochen gebrochen wurden oder ihr mit weißglühenden Eisen tiefe Wunden zugefügt wurde, zu einem „Geständnis“ gebracht werden konnte, weil sie vielleicht hoffte, durch Schweigen ihre Unschuld beweisen zu können, wurde zu einem unfehlbaren Mittel gegriffen.

Der „Wasserprobe“.

Den, zumeist weiblichen, Opfern wurden die Hände und die Füße gefesselt. Dann wurden sie in tiefes Wasser geworfen. Gingen sie unter, waren sie schuldig und die Kirche hatte ihre Unfehlbarkeit bewiesen. Gelang es ihnen, wie auch immer, wieder an die Oberfläche zu kommen, konnte ihnen das nur mithilfe des Teufels gelungen sein und nun waren sie erst recht schuldig und konnten zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt werden. Das war die „Rechtsprechung“ der katholischen Kirche!

Die Protestanten dagegen gefielen ihm schon besser. Sie waren nicht so fanatisch und weitaus liberaler. Was er aber am meisten bei den Katholiken hasste, war die Inquisition. Diese unmenschliche Organisation, welche, im Namen der Kirche, verantwortlich für Zigtausende von Morden war. Denn nichts anderes war es, wenn jemand willkürlich beschuldigt, wurde nicht an Gott zu glauben, sich von der Kirche abgewandt zu haben, also ein „Ketzer“ oder eine Hexe zu sein – egal ob Mann oder Frau - und dafür auf dem Scheiterhaufen landete. Das Vermögen wurde eingezogen. Natürlich von der Kirche.

Das hieß nichts anderes als, schlage deinem vermögenden Nachbarn den Schädel ein und schnappe dir ungestraft sein Vermögen. Die Kirche durfte das. Der tief verwurzelte Aberglaube im Volk trug natürlich auch dazu bei, den Hexenwahn zu schüren. Dieser dauerte von etwa 1250 bis Ende 17. Jahrhundert. Vereinzelt auch bis ins 18te.

Geschätzte 50 000 Menschen fielen der Inquisition zum Opfer. Zu 90% Frauen. Historiker sprechen von über 70 000.

***

Hans traf also auf den Dominikaner, als er die Dorfstraße entlang ging. Er suchte einen Bauern, der ihm etwas Mehl und vor allen Dingen Salz überlassen würde. Gegen Bezahlung natürlich.

„Guten Tag mein Sohn. Was führt dich des Weges?“

Der Dominikaner baute sich vor Hans auf.

Dieser sah ihn an und konnte ihn nicht leiden. Ein schlanker Mönch, der in seiner Kutte einen unheimlichen Eindruck machte. Ein schmales, ausgezehrtes Gesicht, in dem zwei fanatische Augen brannten.

Die Dominikaner waren es, die durch die Lande zogen und gnadenlos „Ketzer“ und „Hexen“ verfolgten. Unzählige Opfer gingen auf ihr Konto.

Hans machte aus seiner Abneigung keinen Hehl.

„Das geht dich gar nichts an und nun gehe mir aus dem Weg.“

„Du hast mich mit Vater anzureden und ich frage dich noch ein Mal. Was hast du hier zu suchen?“

„Wenn du mein Vater wärst, könnte ich meine Mama nicht mehr so richtig leiden. Und ich sage dir noch ein Mal, gehe mir aus dem Weg oder ich marschiere durch dich durch.“

Widerwillig gab der Mönch den Weg frei.

„Wir sprechen uns noch“

Das war die erste Begegnung von Hans mit Vater Lotario. Er sollte ihm noch öfter begegnen. Das war vor zwei Jahren.

Als er in das Dorf kam, hatte sich auf dem Dorfanger die gesamte Dorfbevölkerung versammelt. In der Mitte des Platzes war ein Scheiterhaufen um einen stabilen Pfahl herum errichtet worden. Zu diesem Pfahl schleppten zwei Nachrichter einen etwa 70jährigen Mann. Hans kannte ihn. Es war ein kräuterkundiger alter Mann, der mit seiner Tochter in einer bescheidenen Hütte etwas abseits vom Dorf lebte.

Hans redete einen der Bauern an.

„Was hat er getan?“

„Er hat unsere Kühe verhext. Zwei sind gestorben.“

„Aha.“

Hans schüttelte den Kopf.

Diese saublöden Bauern. Die sind doch zu behämmert um sich unterzustellen, wenn es regnet.

„Wer hat ihn angeklagt?“

„Unser Vater Lotario. Es wurde ihm angezeigt und er hat Anklage erhoben.“

Und warum wundert mich das nicht?

Hans hütete sich, das laut zu sagen.

„Wer hat ihn verurteilt? Der Mönch darf das doch gar nicht.“

„Na der Fürst.“ Der Bauer deutete auf eine Gruppe von gutgekleideten Männern, die auf der anderen Seite des Platzes standen.

Hans sah Fürst Gunter zum ersten Mal. Ein Mann Mitte fünfzig. Etwas untersetzt aber nicht dick. Ein grobes Gesicht mit einer großen Nase. Neben ihm standen zwei Männer. In der Nähe einige Landsknechte.

„Wer sind die beiden Männer neben dem Fürsten?“

„Das sind seine Söhne. Der Jakob und der Georg.“

Hans besah sich die Söhne näher. Der eine Jakob kam nach seinem Vater. Etwa 30 Jahre alt. Die Ähnlichkeit mit seinem Vater war unverkennbar. Der Andere, Georg, war jünger und hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit seinem Erzeuger. Groß und schlank hatte er ein intelligentes Gesicht und kluge Augen. Während sich im Gesicht von Jakob sichtliches Vergnügen abzeichnete, drückte die Miene von Georg Ekel und Widerwillen aus.

Hans deutete auf Georg.

„Ist das der Jakob?“

„Der doch nicht.“ Der Bauer lachte. „Diese Flasche doch nicht. Das ist der Georg. Der andere ist der Jakob. Das ist wenigstens ein Mann. Nicht so ein Schlappschwanz wie der Georg.“

„Wieso Schlappschwanz?“

„Na der sitzt doch nur im Zimmer und liest irgendwelche Bücher. So ein Schwachsinn.“

„Er sieht seinem Vater auch gar nicht ähnlich.“

„Nein, der kommt nach seiner Mutter. Die war auch so, ne Studierte. Aber die ist früh gestorben. Da war der Georg erst 7 Jahre alt. Der Alte hat versucht, aus Georg einen Mann zu machen. Hat aber nicht geklappt. Na, wie auch immer, er hat ja noch den Jakob.“ Mit diesen Worten ging der Bauer näher an den Scheiterhaufen heran.

Dieser mistige Dominikaner dachte Hans. Hat dieser Strolch doch tatsächlich ein Opfer gefunden. Hexer, dass ich nicht lache. Und das weiß dieser miese Hund auch ganz genau. Der will nur seine Stellung im Dorf festigen und Angst verbreiten. Macht durch Angst. Altbewährtes Rezept. Geht ihm ja auch gut hier. Und dem Fürsten kann es nur recht sein. So hat er immer ein Ohr am Volk und weiß jederzeit, was los ist. Muckt einer der Bauern auf, hat er ja seinen Bluthund, den er jederzeit von der Kette lassen kann. Aber was geht`s mich an. Ich werde mir nachher Mehl und Salz besorgen und mich vom Acker machen.

So dachte er. Aber der Mensch plant und die Götter lachen.

Hans hatte schon einige Male Menschen auf dem Scheiterhaufen sterben sehen und es berührte ihn nicht so sehr. Dazu kam ein Grundsatz vom ihm. Stecke deine Nase nicht in fremde Angelegenheiten, sonst bekommst du was drauf. Auf die Nase nämlich. Er kannte den alten Mann nicht näher und so ging ihn diese Sache nichts an. Hans holte ein Stück Trockenfleisch aus der Tasche, klemmte sich den Stab unter den Arm und fing an auf dem knochenharten Fleisch herumzunagen.

Dem alten Mann sah man die Spuren der Folter deutlich an. Sein Gesicht war zerschlagen und sein Körper von Brandspuren übersäht, die man ihm mit glühenden Eisen beigebracht hatte, um ein Geständnis zu bekommen.

1252 hatte Papst Innozenz IV. die Folter ausdrücklich befohlen um Geständnisse zu erzwingen.

Aber das wusste Hans nicht. In ihm regte sich nur eine gelinde Wut.

Vier bewaffnete Männer gegen einen alten Kräutersammler, der sicher niemandem etwas zuleide getan hatte. Ein Glück für ihn, dass er, so wie die ihn fertiggemacht haben, nicht mehr viel merken wird. Ich hoffe nur für ihn, dass es schnell vorbei ist.

Inzwischen hatten sie den alten Mann an den Pfahl gebunden und der Dominikaner, in seiner schwarzen Kutte, stand daneben und leierte irgendetwas vor sich hin. Die Hände fromm vor der Brust gefaltet.

Hans konnte es nicht mehr mit ansehen. Eigentlich hätte ihn das alles kalt lassen müssen. Tat es aber, zu seinem größten Erstaunen, nicht. Er war in den Wald gegangen um genau das, was hier geschah, nicht mehr erleben zu müssen.

1231 schuf Papst Gregor IX. die zentrale Inquisitionsbehörde und unterstellte sie den Franziskanern und den Dominikanern. Aber Letztere waren die eigentlichen Inquisitoren. Kaiser Friedrich II. führte 1224 den Scheiterhaufen ein. Papst Gregor IX. übernahm diese Hinrichtungsmethode 1231. Mit der Begründung, dass durch das Verbrennen des Leibes zumindest die Seele durch Fürbittgebete gerettet werden könne.

Gerade als er gehen wollte, hörte er die Schreie. Es war eine Frauenstimme. Voller Not.

Er sah, wie sich ein Mädchen durch die Menge zu dem Mann an dem Pfahl kämpfte und verzweifelt versuchte die Fesseln zu lösen. Einer der Landsknechte zerrte sie an den Haaren zurück. Sie bekam eine Hand frei und zog ihm die Fingernägel durch das Gesicht. Der Landsknecht schlug ihr die Faust an den Kopf und sie fiel um.

Einige alte Weiber fingen an zu zetern.

„Sie ist auch eine Hexe. Verbrennt sie. Brennen soll sie.“

Andere fielen ein und die Rufe steigerten sich.

„Brennt sie.“ „Brennt sie.“

Der Landsknecht sah zu seinem Fürsten. Dieser gab ihm ein Zeichen und deutete auf den Scheiterhaufen. Der Landsknecht griff dem Mädchen wieder in die Haare und begann die Bewusstlose zum Scheiterhaufen zu schleifen.

Jetzt reichte es Hans. Er war noch ruhig geblieben, als der Landsknecht das Mädchen niederschlug. Und nun sollte er einen Mord mit ansehen? Das war zu viel. Er drängte sich durch die Leute.

Der Landsknecht spürte plötzlich, wie eine Stahlklammer sich um das Gelenk der Hand legte, welche das Mädchen gepackt hielt. Es war aber kein Stahl, sondern die Hand von Hans die unbarmherzig zudrückte.

Der konnte nicht wissen, dass er dabei war, einen kleinen Privatkrieg zu beginnen.

„Lass sie los.“

Die Stimme von Hans war ganz friedlich und leise.

Die Stimme des Landsknechtes dagegen umso lauter.

„Scher dich zum Teufel, du Scheißkerl oder…“

Hans unterbrach ihn. Immer noch ganz ruhig.

„Oder was?“

„Das wirst du gleich sehen.“

Der Mann ließ das Mädchen los, riss mit einem Ruck sein Handgelenk frei, zog das Schwert und griff sofort an, überzeugt davon leichtes Spiel zu haben. Er sollte sich wundern.

Hans wich aus. Er tänzelte vor der Nase des Söldners herum und war nicht zu erwischen. Dieser Schlagetot hatte nicht die geringste Ahnung von den Finessen des Schwertkampfes. Er drosch einfach wild drauflos.

Und dann zeigte ihm der Eremit, was man mit einem Wanderstab aus Eiche alles machen konnte. Er spielte mit dem Mann. Ab und an versetzte er ihm einen leichten Schlag und traf, was immer er treffen wollte. Mal einen Schlag auf den Arm, mal einen Stoß in den Bauch. Kurz, er verarschte den Landsknecht gehörig. Er wollte ihn ja nicht töten, denn dieser Mann stellte nicht die geringste Gefahr für ihn dar.

Niemand kümmerte sich im Augenblick um den alten Mann auf dem Scheiterhaufen. Alle waren gebannt von diesem Kampf, der eigentlich keiner war. Das hätten sie dem Eremiten nie und nimmer zugetraut. Dementsprechend war die allgemeine Verblüffung. Hans bewegte sich plötzlich mit der Eleganz einer Katze. Sie staunten nicht schlecht und erkannten den Eremiten nicht wieder. Wo war der ältere, immer etwas unbeholfen wirkende, Mann geblieben?

Jetzt jubelten sie bei jeder gelungenen Attacke des Eremiten. So ein Schauspiel hatten sie noch nie gesehen und würden es auch so schnell nicht wieder sehen.

Nur in der Gruppe um den Fürsten jubelte niemand. Hier wurde einer der Ihren der Lächerlichkeit preisgegeben und das kam nicht so gut an. Nur Georg schmunzelte still in sich hinein. Sehr zum Missvergnügen seines Vaters.

„Das scheint dich ja sehr zu belustigen“, fuhr er ihn an.

„Stimmt, stell dir mal, vor was der mit einem Schwert in der Hand alles anstellen könnte.“

Auf den Gedanken war der Fürst noch gar nicht gekommen. Er fauchte seine Soldaten an.

„Was steht ihr hier rum und haltet Maulaffen feil. Los, macht ihn fertig.“

Drei der Söldner zogen ihre Schwerter und stürzten sich auf Hans.

Sie machten die Erfahrung ihres Lebens.

Hans hatte den Befehl des Fürsten gehört. Er wusste, dass jetzt der Spaß vorbei war. Und da kamen sie auch schon.

Er fintete mit dem Stab zum Kopf seines ersten Gegners. Der riss das Schwert zur Abwehr hoch. Hans wechselte blitzschnell von einem Stoß in einen Hieb von unten. Er traf das Handgelenk des anderen. Dem wurde das Schwert aus der Hand geprellt und flog durch die Luft. Hans ließ den Stab fallen und hatte sich auch schon das Schwert geschnappt, bevor die Söldner heran waren. Sein Widersacher hatte genug. Er hielt sich das schwer geprellte Handgelenk und machte sich davon.

Seine Kumpane waren Profis. Sie verstanden ihr Handwerk und hatten den Eremiten eingekreist.

Dann griffen sie an. Der Gefährlichste war natürlich der Mann im Rücken von Hans. Hans vergeudete keine Sekunde. Er wirbelte herum schlug die Klinge des Mannes zur Seite und rammte ihm den Griff des Katzbalgers ins Gesicht. Der brach, mit gebrochener Nase, zusammen. Jetzt waren es nur noch zwei. Sie kamen von beiden Seiten. Nun schon etwas vorsichtiger. Hans nahm sich den auf der rechten Seite vor. Er schlug mit einem Schädelspalter nach dem Kopf seines Gegners, und als der den Schlag parierte, trat er zu. Eine stahlharte Ferse traf den Mann unterhalb des Rippenbogens in den Bauch. Da war es nur noch einer. Das alles hatte noch nicht einmal eine Minute gedauert.

Er sah den Letzten an und wusste sofort, wer das war. Berthold, einer aus seinem alten Haufen, der auch bei dem Überfall auf ein Kloster beteiligt war. Der Söldner erkannte ihn nicht.

Es waren schon Jahre vergangen und in Hans, mit seinem Kittel, dem langen Bart und dem wilden Bewuchs auf dem Kopf würde niemand den jungen Adligen und exzellenten Schwertkämpfer vermuten.

Der Kampf begann. Er dauerte nicht lange. Hans stieß seine Klinge blitzschnell an der gegnerischen entlang, die Spitze glitt unter den S-förmigen Parierbügel des Katzbalgers, und ein kurzer Ruck riss seinem Gegner das Schwert aus der Hand. Im nächsten Augenblick hatte der Mann die Klinge von Hans am Hals.

Wie sagen die Japaner?

„Nur wer den Tod auf der Schwertspitze gesehen hat, steht über den Dingen.“

Berthold wollte zum Dolch greifen.

„Versuch es und du stirbst.“

Der Söldner glaubte ihm und ließ es sein.

„Ich kannte nur einen Mann, der das fertig gebracht hätte. Aber der ist tot.“

Hans grinste. „Jetzt kennst du noch einen. Hau ab.“

Das ließ sich der Mann nicht zweimal sagen. Er hob sein Schwert auf und ging los.

Der Fürst war außer sich vor Wut.

„Du feiges Schwein“, brüllte er seinen Landsknecht an. „Kämpfe gefälligst. Was meinst du denn, wofür ich dich bezahle.“

„Machs doch selber“, brüllte der Mann zurück. „Ich bin hier fertig. Mit Leuten, die eben mal ein Mädchen verbrennen wollen, will ich nichts zu tun haben. Ich bin Soldat und kein Mörder.“

Er schob das Schwert in die Scheide, ging gelassen zu seinem Pferd, saß auf und ritt davon.

Das Mädchen war wieder zu sich gekommen. Sie saß benommen auf dem Boden und hatte von alledem nichts mitbekommen.

Hans ging zu ihr und half ihr auf die Beine. Sie hatte ganz schön wackelige Knie. Der brutale Faustschlag des Söldners hatte sie doch schwerer verletzt, als es erst den Anschein hatte. Der Schlag hatte sie über dem linken Auge getroffen und die Augenbraue war aufgeplatzt. Das Blut lief ihr über das Auge, über die Wange und in den Halsausschnitt.

„Mir ist schlecht.“

Hans hielt sie fest.

„Reiß dich zusammen. Wir müssen weg. Hier kannst du nicht bleiben. Die bringen dich um.“

Fürst Gunter donnerte den Eremiten an: „Du lässt sofort das Mädchen los und scherst dich weg.“

Hans würdigte ihn keines Blickes.

Der Fürst war dabei sein Gesicht zu verlieren. Und das wusste er auch. Ein Mann hatte sich seinen Befehlen widersetzt. Und das vor der gesamten Dorfbevölkerung. Irgendein dahergelaufener Bettler, der im Wald hauste und wahrscheinlich die Rinde von den Bäumen fraß, wagte es, ihn zu ignorieren. Das würde sich in seinem kleinen Fürstentum herumsprechen und seine Autorität untergraben. Das durfte er nicht zulassen.

Er hatte noch drei kampffähige Söldner zur Verfügung.

„Schnappt ihn euch.“

Die Männer mochten sich nicht so richtig in einen Kampf mit dem Eremiten einlassen. Sie hatten eben erlebt, wie gut dieser Mann war, und wussten, dass es jetzt wirklich ernst werden würde. Sie hatten keine Lust vielleicht in einem Streit zu sterben, der sie eigentlich nichts anging. Nur damit ein Mädchen auf dem Scheiterhaufen landete, dass nichts getan hatte.

Der Anführer, ein baumlanger Däne, brachte es auf den Punkt.

„Den Teufel werden wir tun. Dafür werden wir nicht bezahlt. Wir haben die Aufgabe Euer Leben zu schützen und ich sehe nicht, dass es bedroht wird. Nein Herr, das geht uns nichts an.“

Der Fürst wandte sich seinem ältesten Sohn zu.

„Feiges Pack“, murmelte er vor sich hin.

Der Anführer hatte es gehört.

„Ich hoffe nicht, dass Ihr das gesagt habt, was ich glaube gehört zu haben.“

Der Fürst würdigte ihn keiner Antwort.

„Jakob, zeige ihnen, wie man das macht. Halte sie auf.“

„Ja Vater.“

Er ging los.

Hans hatte sich inzwischen einen Arm des Mädchens über die Schulter gelegt, hielt ihn dort fest, nahm sie um die Hüfte und wollte mit ihr losgehen, als sich Jakob vor ihm aufbaute.

„Du gehst nirgendwo hin.“

Hans sah ihm in die Augen.

„Willst du mich daran hindern? Dann bist du tot. Willst du das?“

Jakob hatte das Gefühl, dass er gerade dabei war, sich auf den Weg zu seinem Schöpfer zu machen. Er gab den Weg frei.

„Hej Leute“, rief Hans die Söldner an. „Leiht mir jemand ein Pferd?“

Der Anführer antwortete.

„Hast du gekämpft?“

„Zehn Jahre lang und in jeder verdammten Schlacht, die du dir vorstellen kannst.“

„Dachte ich mir`s doch. Du kannst den Braunen dort nehmen, wenn ich ihn wiederbekomme.“

„Du bekommst ihn wieder. Mein Wort drauf.“

„Dann nimm ihn dir. Und danke, dass du meine Leute nicht getötet hast.“

„Keine Ursache.“

Hans ging mit dem Mädchen langsam zu dem Pferd. Saß auf, zog sie vor sich in den Sattel und ritt an.

Der Fürst schäumte. Er riss einem der Männer die Armbrust aus der Hand und wollte sie spannen. Georg hinderte ihn daran.

„Vater, das ist nicht recht. Er hat nur getan, was jeder ehrenwerte Mann auch getan hätte. Lass ihn gehen.“

Der Fürst sah seinen Sohn an. Dann nach einem Augenblick.

„Na gut. Soll er bleiben, wo der Pfeffer wächst.“

Dann brüllte er über den Platz.

„Würde jemand endlich die Güte haben und das Urteil vollstrecken?“

Der Dominikaner nahm eine Fackel, entzündete sie an einem kleinen Feuer, welches in der Nähe brannte und schleuderte sie in den Scheiterhaufen. Das knochentrockene Reisig und das Holz fingen sofort an lichterloh zu brennen. Die Flammen schlugen hoch und hüllten die magere Gestalt, die zusammengesunken, mehr tot als lebendig, an dem Pfahl hing, ein.

***

Hans ritt langsam und vorsichtig durch den Wald. Er versuchte jede größere Erschütterung für das Mädchen, vor ihm im Sattel, zu vermeiden. Sie stöhnte leise. In ihrem Kopf drehte sich alles.

Als sie an der Hütte von Hans angekommen waren, half er ihr vorsichtig aus dem Sattel, trug sie hinein und bettete sie auf sein Lager. Dann nahm er ein Tuch, feuchtete es in einer Schüssel mit Wasser an und begann ihr sanft das Gesicht von dem mittlerweile geronnenen Blut zu reinigen. Dann goss er frisches Wasser aus einem Krug in einen Becher und hielt ihn ihr an die Lippen.

„Trink. Das wird dir gut tun. Ich bin gleich wieder da.“

Er ging hinaus und das Pferd war noch da. Es knabberte an dem Laub der Bäume.

Hans nahm die Zügel, band sie locker am Sattel fest und ging mit dem Braunen ein paar Meter auf dem Weg zum Dorf. Dann gab er ihm einen leichten Schlag auf die Kruppe.

„So, mein Lieber, nun mach, dass du nach Hause kommst. Sonst denkt dieser lange Kerl noch, ich hätte dich behalten.“

Der Braune machte keine Anstalten zu gehen. Er stand da, blickte Hans an und das war’s. Also gab ihm Hans mit der flachen Hand einen kräftigen Schlag aufs Hinterteil und nun setzte sich das Pferd in Bewegung und trottete davon. Hans kehrte in die Hütte zurück.

Das Mädchen hatte sich aufgesetzt und sah sich um. Viel gab es nicht zu sehen. Eine Feuerstelle mit einem leichten Dreifuß, an dem ein Kessel hing, eine kleine Truhe in der Ecke, an ein paar Nägeln in der Wand hingen irgendwelche Sachen, ein kleiner Tisch mit ebensolchem Schemel. Das war alles. Alles Dinge, welche leicht zu transportieren oder, mit minimalem Aufwand, zu ersetzen waren. Als sie Hans erblickte, zuckte sie unwillkürlich zusammen. War ja auch kein Wunder. Sie erblickte einen nicht sonderlich sauberen Mann. Mit wildem ungepflegten Bart und wild wucherndem Haar. Er wirkte schon ein wenig furchteinflößend.

Nur seine Stimme war beruhigend. Sie war dunkel und weich.

„Wie geht es dir? Du hast ganz sicher eine Gehirnerschütterung. Das bedeutet, dass du jetzt vor allen Dingen Ruhe brauchst. Wie ist dein Name?“

„Sophie.“

Sie versuchte aufzustehen. Es gelang ihr nicht so richtig. Als ihr schwarz vor den Augen wurde, musste sie sich wieder hinlegen.

„Bleib liegen. Du bist hier in Sicherheit. Niemand wird dir etwas tun. Du musst noch trinken.“

Er füllte wieder den Becher und brachte ihn ihr. Sie trank.

„Wer war der alte Mann?“

„Er war mein Großvater.“

Sie fing jetzt an zu weinen. Erst leise und still. Die Tränen liefen ihr einfach über die Wangen. Dann steigerte sich das stille Weinen zu einem wilden Schluchzen. Und dann fing sie an zu schreien, als ihr langsam bewusst wurde, was eigentlich geschehen war. Sie schrie, in einem Weinkrampf, ihre Not hinaus.

Hans mischte sich klugerweise nicht ein. Er wusste, was ein Nervenzusammenbruch war, wenn er einen sah. Er wusste zwar nicht, dass das ein Nervenzusammenbruch war, aber er kannte die Symptome. Er hatte sie nach so mancher Schlacht, selbst bei kampferprobten Soldaten, erlebt und er wusste, dass man sie dann am Besten in Ruhe ließ, bis sie sich von alleine wieder beruhigten. Er ließ ihr Zeit.

Dann, nach einer Weile, wurde das Schreien leiser und hörte dann ganz auf. Sie weinte jetzt nur noch leise vor sich hin. Ihre Kraft war aufgebraucht. Dann rollte sie sich zusammen und nur das Zucken ihrer Schultern kündete noch von dem Schluchzen und ihrer Qual.

Hans hatte geduldig abgewartet. Jetzt trat er vorsichtig an sie heran und begann sie leise zu streicheln. Sie wollte sich dagegen wehren aber ihr fehlte die Kraft. Er begann leise auf sie einzureden. Es war völlig egal, was er sagte. Nur die beruhigende Wirkung der Stimme war wichtig.

Endlich fing Sophie an, sich zu entspannen. Zaghaft tastete sie nach ihm. Er richtete sie behutsam auf und nahm sie in die Arme. Sie klammerte sich an ihn. Er hielt sie fest und begann sie langsam hin und her zu wiegen. So wie man ein sehr verängstigtes Kind wiegt. Von dem eisenharten Söldner war, im Augenblick, nicht viel übrig geblieben. Aber das sollte sich ändern.

Es wurde dunkel. Langsam verstummten die Vogelstimmen und die Geräusche der Nacht nahmen zu. Sophie war ruhiger geworden. Hans hatte das Kochfeuer entfacht, den Kessel mit Wasser, Kaninchenfleisch und allerlei Kräutern gefüllt und ihn über das Feuer gehängt. Er brodelte leise vor sich hin.

Die beiden saßen still vor dem Feuer.

Das war ein Tag, dachte Hans. Und wie geht es jetzt weiter? Ich kann die Kleine unmöglich hier behalten.Das geht doch nicht. Aber was mache ich mit ihr. Ins Dorf zurück kann sie nicht. Das würde ihren Tod bedeuten. Aber wohin mit ihr? Ich weiß es nicht.

Was soll ich jetzt nur machen? Dachte Sophie. Wo soll ich hin? Ich habe doch niemanden mehr. Bei dem hier kann ich auch nicht bleiben. Sie sah ihn von der Seite an. Was für ein gruseliger Kerl. Zum Fürchten. Dieser Bart und diese Haare. Na wenigsten stinkt er nicht. Wahrscheinlich bin ich auch nur Beute für ihn. Wer weiß, was der noch alles mit mir macht.

Sophie unterbrach die Stille.

„Er wird mich holen.“

„Wer wird dich holen?“ Hans blickte auf.

„Der Schwarze.“

„Wen meinst du?“

„Der Mördermönch wird mich holen. Er ist zutiefst böse. Er zieht durch die Dörfer und sucht Menschen, die er auf den Scheiterhaufen bringen kann.“

Hans hatte, in seinem Wald, natürlich davon nichts mitbekommen. Er wusste, dass die Inquisition allgegenwärtig war. Sie hatte nur eine Aufgabe. Nämlich Furcht und Schrecken zu verbreiten und jegliche, auch die geringste, Kritik an der katholischen Kirche im Ansatz zu ersticken. Sie war das effektivste Mittel die Macht der Kirche zu erhalten. Menschen, die wissen, dass ein falsches Wort sie auf den Scheiterhaufen bringen kann, halten den Mund. Bildung ist gefährlich für die Mächtigen. Das wusste die Kirche natürlich ganz genau und deshalb wurden Menschen, die klug waren und Wissen besaßen kurzerhand zu „Hexen“ oder „Hexenmeistern“ erklärt und beseitigt. Das funktionierte, vor allen Dingen auf dem Land, wo der Aberglaube die Menschen, viel mehr als in den Städten, beherrschte, hervorragend. Der Großvater von Sophie war das beste Beispiel dafür.

***

Der alte Mann kannte sich hervorragend mit Kräutern aus und oft holten sich die Dörfler Rat bei ihm. Er hatte immer ein offenes Ohr für die großen und kleinen Sorgen der Leute und half, wo er nur konnte. Die Menschen vertrauten ihm. Niemand wäre, auch nur ansatzweise, auf die hirnrissige Idee gekommen, dass der alte Mann ein „Hexenmeister“ wäre.

Das änderte sich, als eines Tages der Dominikaner im Dorf auftauchte. Dieser war sich seiner Macht, durch die Angst welche er verbreitete, sehr wohl bewusst und er genoss es.

Das Leben der Dorfbewohner veränderte sich. Die Furcht vor dem Scheiterhaufen erstickte die Fröhlichkeit. Bislang war das Leben im Dorf einigermaßen gut. Gewiss, die Arbeit war nicht leicht, aber das war eben so und war nicht zu ändern. Wenn sie pünktlich ihre Abgaben an die Kirche und Fürst Gunter ablieferten, ließ man sie in Ruhe. Nun wurden sie überwacht. Der „Schwarze“, den Namen hatte Vater Lotario schnell bekommen, steckte seine Nase in alles und jedes. Immer auf der Suche nach Abtrünnigen. Den Ketzern. Nur Großvater Karl hatte keine Angst vor ihm. Er lebte mit seiner Enkelin Sophie in seinem Häuschen und kümmerte sich nicht um den Dominikaner. Er sammelte Heilkräuter, welche er in seinem und den umliegenden Dörfern verkaufte. Die Menschen kannten und vertrauten ihm.

Eines Tages beehrte ihn der Dominikaner mit seinem Besuch. Er müsse sich überzeugen, dass hier keine schwarze Magie betrieben wird, verkündete er und machte sich daran die Hütte zu durchsuchen. Großvater Karl machte nicht viel Federlesens und warf ihn hinaus. Von da an war er der Schwarzkutte ein Dorn im Auge, der weg musste. Er begann die Leute im Dorf aufzuhetzen. Viel Erfolg hatte er damit nicht Die Bauern kannten ihren Karl schon zu lange und fast allen hatte er schon geholfen. Großvater Karl soll plötzlich ein Hexer sein? Das kann ja wohl nicht wahr sein. Dazu kam dass Ullrich der Schmied, dem entgegen trat.

Der Schmied genoss hohes Ansehen im Dorf. Die Menschen kamen zu ihm, wenn sie Streit hatten. Die Gerichtsbarkeit übte natürlich Fürst Gunter aus. Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen würst. Dieser Grundsatz herrschte auch in diesem Dorf. Das machte man unter sich aus. Ullrich hatte sich den Ruf erworben ein kluger und gerechter Mann zu sein. Sein Urteil wurde von allen akzeptiert. Als der Dominikaner versuchte ihn davon zu überzeugen, dass Karl ein Hexer sei, lachte der ihn aus. Und damit hatte er sich einen Feind gemacht. Den Schmied kümmerte das nicht sonderlich. Zur Not würde er der Schwarzkutte den Schädel einschlagen und verschwinden lassen. Er kannte einige Stellen, wo der Mistkerl nie gefunden werden würde. Falls man ihn überhaupt suchen sollte. Eher nicht. Vater Lotario fürchtete ihn instinktiv. Er traute sich nicht an ihn heran.

Das Großvater Karl und der Schmied den Mönch nicht fürchteten minderte die Angst der Menschen. Sehr zum Ärger des Dominikaners. Er sah seine Macht schwinden. Das durfte nicht sein. Und was machen die Mächtigen, wenn sie Angst vor ihrem Volk bekommen? Richtig, sie statuieren ein Exempel.

Ganz plötzlich, aus heiterem Himmel, erkrankten zwei Kühe und starben unter entsetzlichen Schmerzen. Vater Lotario untersagte den Bauern sich bei Karl Hilfe zu holen. Das fehlte noch, dass der die Tiere heilte. Kühe waren der wertvollste Besitz der Bauern. Sie sorgten für Kälber und gaben Milch. Der Tod einer Kuh war ein großes Unglück. Der Dominikaner zwang die Besitzer, Großvater Karl der Zauberei zu bezichtigen und bei ihm anzuzeigen. Zwei Zeugen waren nötig, damit die Inquisition eingreifen durfte. Bei einem, Gernot, war kein Zwang notwendig. Dieser hatte oft versucht sich an Sophie heranzumachen, scheiterte aber an ihrem Großvater und war folglich nicht gut auf ihn zu sprechen. Eine gute Gelegenheit, den Beschützer von Sophie aus dem Weg zu räumen. Er besorgte noch einen Zeugen.

Also ging der Mönch mit seinen Zeugen zu Fürst Gunter und verlangte von ihm den alten Mann zu verhaften und ihn eines hochnotpeinlichen Verhörs zu unterziehen. Der Fürst wollte sich natürlich nicht mit der Kirche anlegen. Und schon gar nicht wegen eines, für ihn völlig unwichtigen, alten Mannes. Er ließ Großvater Karl verhaften, foltern und verurteilte ihn schließlich, wegen Hexerei, zum Tode auf dem Scheiterhaufen. Schmied Ullrich, zu dem Sophie gelaufen kam, als die Büttel ihren Großvater abholten, konnte nicht das Geringste für ihn tun.