Die DEFA - K. Ronay - E-Book

Die DEFA E-Book

K. Ronay

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Beschreibung

Ein Blick hinter die Kulissen der DEFA und ein Stück Geschichte der DEFA-Kascadeure, welche sich nicht Stuntman nennen durften. Die DEFA. Ein Betrieb mit 3000 Beschäftigten. Davon rund 1500 in den Drehstäben. Eines der größten Filmstudios auf der Welt. Es wurden rund 70 Spiel- und Fernsehfilme im Jahr produziert. Dies ist ein Blick hinter die Kulissen.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2012

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K. Ronay

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�Man muss nicht unbedingt verrückt sein, um beim Film zu arbeiten, aber es wäre schön.�

Ausspruch eines Maskenbildners nach einem sehr langen Drehtag.

Gewidmet dem Arzt, der mir am 11.02.1994 in Berlin das Leben gerettet hat. Ohne ihn wäre dieses Buch nie geschrieben worden.Und allen Filmverrückten. Leuten, die danach verrückt sind, Filme zu machen und für die Filme das Leben an sich sind.Ich muss es wissen, denn ich war einer von ihnen.

Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.Arabisches SprichwortDer Schriftsteller verwandelt Vorstellungen in Worte.Der Leser verwandelt Worte in Vorstellungen.Inwieweit diese und jene Vorstellungen einander ähneln, ist unkontrollierbar.Erich KästnerGott schütze mich vor meinen Freunden,

um meine Feinde kümmere ich mich selbst.

Zu diesem Buch

Die DEFA. Ein Begriff, welcher letztendlich auf der ganzen Welt bekannt war. Es wurden in ca. 60 Länder Filme exportiert. Vor allen Dingen Kinder- und Märchenfilme. Und �Jakob der Lügner� wurde immerhin für einen Oscar nominiert. Es wurden Spielfilme, aber auch viele Fernsehfilme im Jahr produziert.

Rund 3000 Menschen wurden in der DEFA beschäftigt. Auf einem der größten Filmgelände der Welt. Davon waren ca. 1000 unmittelbar an der Herstellung von Filmen beteiligt. Ein Filmstab umfasste ungefähr 40 Mitarbeiter.

In der DEFA gab es aber auch eigene Werkstätten, eine eigene Fahrbereitschaft mit dazugehöriger Kfz-Werkstatt, eine eigene Schneiderei, eine Kunstschmiede, eine Abteilung Pyro- und Waffentechnik, eine Kunsttischlerei, die Abteilung Titeltrick und, und, und. Nicht zu vergessen die Funden. Große Hallen, voll gestopft - gut sortiert natürlich - mit Möbeln, Requisiten aller Art, Kleidern, eben dem, was man zur Ausstattung eines Filmes benötigte. Man konnte locker Hunderte Menschen einkleiden und ihnen eine Wohnung komplett einrichten. Mit allem, was so dazugehört. Bis aufs i-Tüpfelchen. Zur Not auch bewaffnen. Im Waffenfundus gab es alle erdenklichen Waffen. Entschärft natürlich. Aber mit Platzpatronen voll funktionstüchtig.

Es gab Synchronstudios, ein Mischtonstudio. Dutzende Schnitträume, Vorführräume, ein Tonstudio mit dem dazugehörigen Archiv, ein Musikaufnahmestudio und natürlich viele Ateliers. Drei davon waren so groß, dass wir für einen Film ein komplettes Wüstenfort in der Mittelhalle aufbauen konnten. Niemand der Filmzuschauer bemerkte, dass dieses Fort nicht original in irgendeiner Wüste stand, sondern ein Atelierbau war.

Es war eine faszinierende Welt. Voller Wunder. Eine Welt, in der man der Phantasie vollen Lauf lassen konnte. Das wurde nicht nur geduldet, sondern verlangt. Ohne die Phantasie der Kostümbildner, der Filmszenenbildner, der Autoren und natürlich der Regisseure und Schauspieler würde nie ein Film auf die Leinwand bzw. auf die Bildschirme kommen. Die Kameraleute nicht zu vergessen. Um Himmelswillen. Aber was wären sie alle ohne die Infanterie des Films. Die Beleuchter, die Bühnenarbeiter, die Kraftfahrer, die Assistenten. Regie-, Ton-, Kameraassis.

Wie schwer wäre zum Beispiel die Arbeit für einen Tonmeister ohne einen guten Assistenten. Oder für einen Regisseur oder den Kameramann. Es heißt immer, der oder der Regisseur habe einen Bombenfilm gemacht. Es heißt aber auch, Alexander der Große habe die Welt erobert. Nun, vielleicht hatte er ja wenigstens einen Koch dabei. (Nicht von mir, sondern von Brecht.) Ich will sagen, ohne das Fußvolk geht nichts, aber auch gar nichts.

Es ist faszinierend Filme zu machen. Es ist mit der faszinierendste Job der Welt. Es macht süchtig. Wie Heroin. Wir haben immer gesagt - entweder man hört nach spätestens sechs Wochen auf oder erst, wenn die Sargnägel in den Deckel geschlagen werden. Wir sagten aber auch - man muss nicht unbedingt verrückt sein, um Filme zu machen, aber es wäre schön. Übrigens, ein Lieblingsspruch unserer Maskenbildner. Die Maskenbildner - jetzt �Visagisten� genannt. Welch hässliches Wort für so einen Wahnsinnsberuf. Wer einmal miterlebt hat, wie ein Maskenbildner ein bildhübsches Mädchen in einer Stunde in einen uralten hässlichen Mann verwandelt, der kann in etwa ermessen, was es mit diesem Beruf auf sich hat. Das waren wahre Zauberkünstler.

Die Leute. Sie kamen aus allen Berufen, aus allen Schichten der Bevölkerung. Es gab ehemalige Kellner, Apotheker, Reisefachfrauen, Sekretärinnen, Berufshandwerker. Aber nachdem sich die Spreu vom Weizen getrennt hatte - was meistens sehr schnell geschah - wurden sie eines, nämlich Filmverrückte.

Filmemachen ist natürlich auch ein Studienberuf. Mann konnte an der Filmhochschule Regie, Kamera, Produktion usw, usw. studieren. Es gab eine Maskenbildnerschule und es gab bei der DEFA eine Betriebsakademie, auf der man sich in seiner Sparte weiterbilden konnte. Der beste Dozent aber war die Praxis und die Erfahrung der Kollegen. Ich habe den Beruf Filmemachen von der Pike auf gelernt. Ich weiß also, wovon ich schreibe. Ich war Tonassistent, Primärtonmeister, Kascadeur (Stuntman), Mitarbeiter für künstlerische Filmtricks - hört sich gut an, stimmts? -, Regieassistent und Action-Regisseur. 20 Jahre meines Lebens. Die anstrengendsten, aber auch die Schönsten.

Wer denkt, Filmemachen sei ein Spaziergang, der irrt. Ganz gewaltig sogar. Sechs Wochen ohne einen freien Tag. Zwölf-, Dreizehnstundendrehtage. Bittere Kälte in Sibirien, glühende Hitze in Bulgarien. Auch das gehört dazu. Viele kamen, nur wenige blieben. Die meisten gingen, als sie merkten, dass richtig harte Arbeit von ihnen verlangt wurde. Auch reich konnte man dabei nicht werden. Unsere Gehälter wären für unsere damaligen Kollegen aus dem Westen nur ein Taschengeld gewesen. Was, zum Teufel, machte uns so süchtig? Ich weiß es nicht.

Die Beleuchter. Sie waren das Salz in der Suppe. Die Jungs konnte nichts aus der Ruhe bringen. Eine gute, eingespielte Beleuchtertruppe war schon die halbe Miete. Wer es sich mit ihnen verdarb, hatte nichts zu lachen. Egal wer. Es war schon ein riesiger Unterschied, ob sie bei jemanden, den sie nicht leiden konnten, Dienst nach Vorschrift machten, oder sich andererseits den Arm aufrissen. Ich habe beides erlebt. Gott sei Dank nicht am eigenen Leib. Aber bei Kollegen. Die Beleuchter hatten ein untrügliches Gespür dafür, wer ein Blender oder ein Könner war. Vor ihnen hatten auch die �größten� Schauspieler Respekt. Das Größte für einen Schauspieler war, wenn er Szenenapplaus von den Beleuchtern bekam.

Bei uns hieß es immer, wir lassen alles für einen Film sausen, aber nie einen Film für irgendetwas, was es auch sei. Wenn jemand der Ansicht ist, dieses Buch sei eine Liebeserklärung an den Kintopp, der hat Recht.

Die Russen kommen

Der Mann war tot. Ohne jeden Zweifel. Er lag am Strand von Ahlbeck und die Wellen der Ostsee umspülten ihn. Er trug die Uniform der Kriegsmarine aus dem Zweiten Weltkrieg. Er war offensichtlich angetrieben. Unsere Maskenbildner hatten ganze Arbeit geleistet. Die Ähnlichkeit mit einer mehrere Tage alten Wasserleiche war einfach verblüffend. Das empfanden auch einige Urlauber, die zufällig am Strand vorbeikamen. Sie wurden kreidebleich. Da es nur eine Probe für eine spätere Einstellung war, hatten wir keine Technik dabei. Es war also nicht ersichtlich, dass wir einen Film machten. Wir hatten die Probe in die frühen Morgenstunden gelegt, um so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen. Aber ein paar Frühaufsteher waren nun doch zugegen. Und die bekamen einen gewaltigen Schreck. Wir mussten noch auf unseren Regisseur warten, der sich etwas verspätet hatte, und klärten die Urlauber natürlich nicht auf. Diese standen mit betretenen Gesichtern an unserer �Leiche� und wussten nicht, was sie tun sollten. Auf ihre Fragen sagten wir, dass wir den Toten zufällig gefunden hätten. In diesem Augenblick wurde es unserer �Leiche� zu kalt und sie sprang urplötzlich auf. Mit entsprechendem Ergebnis. Schreie des Entsetzens bei den Urlaubern. Nachdem sich der Schreck gelegt hatte, waren sie natürlich stocksauer auf uns und beschimpften uns übel. Wir haben uns fast totgelacht. Einen besseren Test für unsere �Leiche� hätten wir uns nicht wünschen können.

Es gäbe noch viel über diesen Film zu berichten. Für mich einer der besten Filme, die in der DEFA jemals produziert wurden. Nach der internen Vorführung für den Stab waren wir nicht fähig etwas zu sagen, so ging uns dieser Film an die Nieren. Die Mühen hatten sich gelohnt. Andere waren nicht dieser Meinung. Er wurde verboten und kam erst 20 Jahre später, nach der Wende, in die Kinos. Er sollte nicht der Einzige bleiben. Andere Filme hatten nicht dieses Glück. Einige wurden nach der Bitterfelder Konferenz nicht nur verboten, sondern vernichtet.

Kulturpolitik in der DDR.

In der Vorbereitungsphase waren alle, die schon mit diesem Film zu tun hatten, auf Mädchenjagd. Seid ihr das nicht immer, werden sie jetzt denken. Nein, nicht immer. Und in diesem Fall schon gar nicht so, wie sie denken. Wir brauchten eine Hauptdarstellerin. Dieser Film erzählte die Geschichte von zwei Jugendlichen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Die männliche Hauptrolle war besetzt. Die Weibliche fehlte uns noch. Unser Regisseur wollte diese Rolle mit einer Laiendarstellerin besetzen. Und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann tat er das auch. Der Erfolg gab ihm schließlich Recht. Also machten wir uns auf die bewusste Suche. Und wir schleppten Mädchen an. Jeder nur erdenkliche Frauentyp war dabei. Irgendwann hörte ich auf zu zählen. Aber es waren mehr als dreihundert. Mit sehr vielen machten wir Probeaufnahmen. Richtige und Vorgetäuschte. Und das ging so - Wenn wir echte Aufnahmen machten, war alles klar. Zwangsläufig waren auch viele Mädchen dabei, die zwar durch die Vorgespräche gekommen waren, aber dann letztendlich doch nicht infrage kamen, wie sich dann im Atelier herausstellte. Sie alle kamen natürlich mit großen Erwartungen und wären bitter enttäuscht gewesen, wenn wir sie einfach nach Hause geschickt hätten. Das ging nicht. Also griffen wir zu einer List. Wir taten so als ob, taten es aber doch nicht. Drehen nämlich. Es gab da diesen berühmten Satz: �Der Kaiser lässt grüßen!" Das bedeutete, dass alle Kommandos kamen - also �Ton ab, Kamera ab!� - und wir �drehten�. Nur lief weder die Kamera, noch das Tonaufnahmegerät. Wir hatten Material gespart, welches nicht gerade billig war und die Mädchen gingen beruhigt nach Hause. Ja, ja, Kintopp ist manchmal ganz schön hart.

Für alle Beteiligten.

Gefährliche Reise

Die den Hals riskieren.

Ein Mehrteiler fürs Fernsehen. Jeder Teil mit Spielfilmlänge. Damals ahnte ich noch nicht, dass diese Produktion zum Wendepunkt in meiner Arbeit bei der DEFA werden sollte.

Kascadeur. Bei den Franzosen Kascadeur. Bei den Amerikanern Stuntman. Sie waren fürs Grobe beim Film verantwortlich. Eine Gruppe von ihnen erschien einmal bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Aufschrift �Zur Hölle mit den Dialogen, lasst uns was zerstören� auf ihren T-Shirts. So böse das auch klingen mag, es trifft den berühmten Nagel auf den Kopf. Sie taten es, weil sie mit Recht sauer waren, dass sie nie, oder nur ganz selten, im Vorspann oder Abspann erwähnt wurden. Sie brachten daher auch einen eigenen Film mit, der sehr gut ankam.

Kascadeure.

Es gab damals, Ende der 60er, keine Kascadeure bei der DEFA. In den USA existierte schon eine ganze Industrie auf diesem Gebiet. Mit technischen Möglichkeiten, von denen wir nur träumen konnten. Bei der DEFA gab es Fachberater. Wenn wir also eine Schlägerei drehten, wurde ein Boxer eingekauft, der nun zeigen sollte, wie�s geht. Soweit, so lustig. Es funktionierte nur nicht. Der Mann kommt voller Tatendrang und dem festen Vorsatz ins Studio, diesen Filmtypen zu zeigen, wie der Hase den Berg runterrutscht. Und er hat sicher von seinem Metier viel Ahnung, aber nicht von der Filmarbeit. Das weiß er nur noch nicht. Wir versuchen ihm klarzumachen, was wir wollen. Dann legt er los. Rein boxtechnisch alles in Ordnung. Nur, wir können es nicht gebrauchen. Es soll eine Schlägerei zwischen normalen Leuten werden und nicht ein Kampf wie im Boxring. Also muss eine Choreographie erstellt werden. Mit Anfang (ganz wichtig), Mittelteil und einem Ende. Schließlich wurde im Drehbuch festgelegt, wer gewinnt und wer verliert. Unser Fachberater gibt sich auch richtig Mühe. Wir drehen es auch. Aber es wird nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Das Ende vom Lied - unser Mann geht mit hängenden Ohren nach Hause und wir haben kein brauchbares Filmmaterial.

Wir hatten sehr gute Pferdeleute. Die meisten waren mit Pferden groß geworden. Sie konnten reiten, wie die Teufel und wussten, wie man von einem Pferd fällt, ohne sich alle Knochen zu brechen. Sie konnten auch mit einem Pferd stürzen, ohne dass dem Tier etwas geschah. Und wenn jemandem etwas passierte, dann garantiert nicht dem Pferd, sondern immer dem Reiter. Aber das reichte nicht. Wir brauchten Männer und Frauen, die mit Waffen umgehen konnten. Sie mussten schießen, kämpfen, stürzen, Auto- und Motorradfahren können. Kascadeur heißt wörtlich, wenn man es denn übersetzen kann, Sturzspringer. Die Stürze zu übernehmen, ist die Hauptaufgabe des Kascadeurs. Gemeint sind Stürze aller Art. Aus Bäumen, mit und aus Autos, mit und von Pferden, von Klippen und Brücken. In Kartons, ins Wasser. Wer einmal vom Zehnmeterbrett ins Wasser gesprungen ist, der weiß, wie hart Wasser sein kann. Auch Sprünge durch harte Gegenstände gehören dazu. Glasscheiben sind zum Beispiel solche harten Gegenstände. Ausbildung von Schauspielern gehört dazu. Sicherungsaufgaben. Man hatte dafür zu sorgen, dass den Darstellern bei den Dreharbeiten nichts passierte. Vor allen Dingen bei Kindern war das sehr wichtig. Kinder kennen keine Furcht. Sie erkennen nicht die Gefahr. Und manchmal standen uns die Haare zu Berge, wenn die lieben Kleinen zu mutig waren. Es gab durchaus gefährliche Aufnahmen, in denen Kinder eine wesentliche Rolle spielten. Aber dazu komme ich noch.

Durch Explosionen laufen gehört dazu. Da konnte es schon einmal vorkommen, dass man das Gefühl hatte, jetzt haben sie dir den Allerwertesten weggesprengt. Aber dann war doch noch alles dran. Es hätten ja auch ganz wichtige Baugruppen des menschlichen Körpers beschädigt werden können.

Leider wurde die Bildung einer Kascadeurgruppe im Studio nicht sonderlich gefördert. Ganz im Gegenteil. Uns wurde so mancher Stein in den Weg gelegt. Das ist mir bis heute unverständlich. Kascadeure, oder eben Stuntman, durften nicht dumm sein. Ein Mensch, dessen Kopf nicht gut arbeitet, wird in diesem Beruf früher oder später ganz böse auf die Nase fallen. Todsicher. Man muss manchmal in Bruchteilen von Sekunden die richtige Entscheidung fällen. Dazu müssen die kleinen grauen Zellen auf der Höhe sein. Und sie mussten Vorstellungskraft besitzen. Sie mussten, um das Risiko so gering wie möglich zu halten, schon vorher wissen, was in etwa passieren könnte. Trotzdem, ein unkalkulierbares Gefahrenmoment blieb immer.

Aber nun zu �Gefährliche Reise�.

Wie schon gesagt, wusste ich nicht, dass dieser Film mit einer der Wendepunkte in meinem Leben werden sollte. Und das kam so. Wir saßen abends beim Bier und mein Regisseur machte ein sorgenvolles Gesicht. Ich fragte ihn, was er denn habe. Dazu muss man sagen, dass mein Regisseur eine Seele von Mensch war, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Er meinte, dass er so viel Action in seine Drehbücher geschrieben habe und nun nicht wisse, wie er sie inszenieren solle. �Kein Problem, � sagte ich �wenn Du willst, mache ich Dir das.� Ich und mein großes Maul. �Na, dann mach mal� freute er sich und grinste. Da stand ich nun wie Max in der Sonne und wusste nicht, wie mir geschah. Gut, ich hatte in einer militanten Vereinigung, die sich NVA nannte, in einer Spezialeinheit gedient und eine fundierte Nahkampfausbildung erhalten, die nicht von schlechten Eltern war, aber das befähigte mich noch lange nicht, filmwirksame Aktion zu inszenieren. Ich hätte nie im Traum damit gerechnet, dass mich mein Regisseur beim Wort nehmen würde.

Bevor ich weiter berichte. Ich kann natürlich nur wiedergeben, was ich in der Zeit bei der DEFA selbst erlebt habe. Ich werde mich hüten von Sachen zu schreiben, von denen ich nicht hundertprozentig weiß, ob sie wahr sind. In einem Staat zu leben, der nicht sonderlich nett zu seinen Bürgern war, macht nicht so sehr viel Spaß. Bei uns war das noch etwas anderes. Wir hatten noch Freiheiten, die anderen verwehrt waren. Reisen zum Beispiel. Wir waren schon oft unterwegs. Manchmal fast zu lange. Aber wir kamen, auch im Ausland, sehr viel herum. Man ließ uns politisch weitestgehend in Ruhe. Insofern ging es uns doch recht gut. Dazu kam, dass wir eine sehr abwechslungsreiche Arbeit hatten. Wir drehten mitunter an Orten, die ein �Normalbürger� nie zu Gesicht bekam. In Dranske, im geheimsten Hafen der Volksmarine. Oder in einer Puppenfabrik und, und, und. Immer wieder neue Gesichter. Neue Drehorte, neue Länder. Neue Filmstoffe und vor allen Dingen immer wieder neue Menschen.

Aber nun weiter.

Mein Regisseur nahm mich beim Wort. Am nächsten Morgen am Drehort. Wir drehten damals auf Rügen. �Übermorgen drehen wir eine Schlägerei in diesem Bach hier. Du spielst den �Guten� und K.D. den �Bösen�. Lass Dir was einfallen. Das Drehbuch kennst Du ja.� Sprach`s, drehte sich um und ging zur nächsten Einstellung. Was nun? Ich war Tonassistent - zum Teufel - und kein Fachberater und schon gar nicht ein Darsteller. Da hatte ich den Salat. Jedoch begriff ich auch, welche Chance sich hier für mich ergab. Ich hatte ein gesundes Selbstvertrauen und es wäre doch gelacht, wenn ich das nicht schaffen sollte. Also, als Erstes noch einmal genau die Szene gelesen, auf die es ankam. Dann sprach ich abends die Einstellungen mit K.D., meinem �Gegner" und dem Kameramann bis ins Kleinste durch. Der Kameramann wollte die Einstellungen natürlich durchdrehen. Das bedeutet, das ganze Bild nicht in einzelne Szenen aufzuteilen, sondern alles am Stück drehen.

Der Aufhänger war, dass die �Bösen� ein Mädchen gefangen hielten, welches für sie zu einer Gefahr wurde. Also erhält jemand den Auftrag, dieses Mädchen zu töten. Einem anderen aus der Bande (Das war mein Part.) geht das zu weit und er beschließt, das Mädchen zu retten. Er versucht das Mädchen in Sicherheit zu bringen, indem er mit ihr flieht. Die Beiden werden natürlich verfolgt und es kommt in diesem bewussten Bach zu einer Schlägerei. Der �Gute�, also ich, durchquert mit dem Mädchen den Bach, läuft zurück und versucht dem Verfolger den Weg zu versperren. Das geht natürlich nicht gut. Es kommt zu einer wüsten Schlägerei im Wasser. Was sage ich. Wasser? Morast wäre das angemessenere Wort. Dieser Bach bestand zu zwei Dritteln aus Morast. Laut Drehbuch gewinne ich den Kampf. Das tat ich dann ja auch. Die Bescherung sahen wir dann anschließend, als wir uns aus den nassen und völlig schlammverdreckten Sachen quälten. K. D. hatte 19 Blutegel an seinem Körper, ich 22. Unser Regisseur amüsierte sich wie Bolle auf dem Milchwagen und fand das alles toll. Wir weniger. Aber als wir die Prügelei dann in der Vorführung sahen, waren auch wir zufrieden.

Von da an war mein weiterer Weg in der DEFA eigentlich vorprogrammiert. Ich blieb noch einige Jahre Tonassi, spezialisierte mich aber intensiv auf die Inszenierung von Actionszenen. Es begann aber damit, dass ich für �Gefährliche Reise� sämtliche Actionszenen - und davon gab es reichlich - inszenierte.

Günter Simon.

Fast jeder in der DDR kannte ihn aus den beiden Thälmannfilmen. Er spielte diesen legendären Arbeiterführer perfekt. Diese Filme waren Pflichtfilme an jeder Schule. Ich werde es im weiteren Verlauf tunlichst vermeiden, Namen zu nennen. Aber Günter Simon ist eine Ausnahme. Er war einer von den wenigen Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, die mir sehr viel gegeben haben. Was Format, Anstand und Menschlichkeit anbelangt.

Er spielte leidenschaftlich gerne. Alles, was man mit Karten spielen konnte. Auch Poker. Und er war gut. Sehr gut. Ich war auch nicht so sehr schlecht, hatte aber keine Chance. Dazu kam, dass sich der Monat dem Ende zuneigte, also wenig Geld. Günter wusste das natürlich. Er nahm keinerlei Rücksicht. Warum auch. Ich war noch im Besitz von zwei Mark, als ich die Karten hinwarf. Günter sagte kein Wort. Ungerührt strich er seinen Gewinn ein und ging zum Auto, denn ich fuhr ihn anschließend nach Bergen (auf Rügen) ins Hotel. Sauer. Er hatte gute Laune und redete über Gott und die Welt. Ich war nicht so redselig. Aus verständlichen Gründen. Er lud mich im Hotel noch zu einem Kaffee ein und hielt mir gutgelaunt einen Vortrag über Spieler, Spielverluste und, dass Spielschulden Ehrenschulden wären. Meine Stimmung war auf dem Nullpunkt. Er hatte ja Recht. Wer Angst hat zu verlieren, darf sich nicht an den Spieltisch setzen. Aber ich hatte einfach meinem Glück vertraut. Pech gehabt. Wie ich eine Woche ohne Geld auskommen sollte, war mir völlig schleierhaft. Na, was soll�s, musste ich mir eben etwas einfallen lassen.

Günter genoss meine schlechte Stimmung sichtlich. Er müsse nur mal schnell auf sein Zimmer, meinte er und verschwand. Ich wollte eigentlich nur weg, aber er ließ mir keine Chance mich zu verabschieden und einfach zu verschwinden, wäre doch verdammt unhöflich gewesen. Er kam wieder, meinte noch, dass er sich mit meinen 123 Mark der DDR einen bunten Abend machen würde, streute also noch Salz in die Wunde, sagte �Tschüs!� und verschwand. Ich machte mich auf den Weg und ging zu meinem Auto. Ich setzte mich hinein und zündete mir erst einmal eine Zigarette an. Als ich den Aschenbecher öffnen wollte, traute ich meinen Augen nicht. Unter den Deckel geklemmt waren genau 123 Mark. Mein Spielverlust. Ich griff mir das Geld und flitzte zurück ins Hotel. Günter saß vor seinem Bier und las in einer Zeitung. Er staunte, als ich ihm das Geld auf den Tisch legte, und fragte mich, was das solle. Ich sagte, dass ich das Geld nun mal verloren hätte und keine verdammten Almosen bräuchte. Er fing furchtbar an zu lachen und meinte, einmal ginge das schon und ich solle mein Geld einstecken und verschwinden, bevor er es sich anders überlegte. Das ließ ich mir dann doch nicht zweimal sagen. Ich hatte meine Lektion gelernt. Nie wieder habe ich mich auf ein Pokerspiel eingelassen, wenn ich es mir eigentlich nicht leisten konnte.

Es gäbe noch viel von Günter Simon zu erzählen, der leider viel zu früh von uns gegangen ist. Ich kann mich noch sehr gut an den Abend vor meiner ersten Arbeit vor der Kamera erinnern. Vor eben dieser Schlägerei im Wasser. Lampenfieber. Massiv. Lampenfieber kann grauenvoll sein. Das weiß jeder, der es mal erlebt hat. Es nervt. Man hat Schmetterlinge im Bauch. Mit Riesenflügeln. Davor ist niemand gefeit. Elvis sagte in einem Interview auf seiner letzten Tournee, dass er nie das Lampenfieber vor einem Auftritt losgeworden sei. Und er hatte es wahrlich nicht nötig, noch Lampenfieber zu haben. Ich sitze also vor meinem Bier und mache mir Sorgen. Von den Sticheleien im Stab will ich gar nicht reden. Dann kam Günter. Er setzte sich zu mir, bestellte sich ein Bier und fing an zu reden. Er wusste natürlich genau, was mit mir los war. Erfahrung hatte er ja genug. Er erzählte von seinen Zweifeln, als feststand, dass er Thälmann spielen würde. Von seinen Ängsten, eine so große Aufgabe nicht bewältigen zu können. Ich lauschte. Aufmerksam. Er hatte ja nicht umsonst eine der höchsten Auszeichnungen der DDR, den Nationalpreis, bekommen. Langsam wurde ich ruhiger. Er gab mir auch ein paar heiße Tipps, wie man das Lampenfieber unterdrücken konnte. �Wenn Du auf der Bühne stehst, stelle Dir die Zuschauer einfach in Nachthemden und Zipfelmütze vor, das hilft ungemein. Wenn Du vor der Kamera stehst, nimm an, Du bist völlig allein auf der Welt. Konzentriere Dich nur auf Deine Rolle und ignoriere alles andere. Nimm einen Kaugummi. Das beruhigt. Du wirst das Lampenfieber nie loswerden, aber Du wirst lernen, damit umzugehen. Glaube es mir. Du wirst es schon schaffen.� Sprach`s, trank sein Bier aus und ging. Nicht ohne mir noch vorher ermunternd auf die Schulter zu klopfen. So war Günter Simon.

Ich habe in den folgenden Jahren so oft vor der Kamera und später dann auch auf der Bühne gestanden. Er behielt Recht. Ich bin das Lampenfieber nie losgeworden. Aber ich lernte, damit umzugehen. Wie oft habe ich an diesen Abend im Ratskeller in Stralsund gedacht. Das Widerlichste aber war, dass ein paar gewissenlose Strolche ein paar Tage nach dem Tode von Günter in seine Wohnung einbrachen und sie leerräumten. Ich weiß nicht, ob sie erwischt wurden, aber ich wünschte es. Von Herzen.

Unter anderem drehten wir auch in Lhome. Das ist ein kleiner Fischerort im Norden von Rügen. Das Erste, was wir lernten, waren die Farben, die der Aal hat. Nämlich grün, braun und schwarz. Damals war das jedenfalls so. Er wird grün gefangen, braun geräuchert und schwarz verkauft. Es dauerte einige Zeit, bis wir mit den Fischern einigermaßen warm wurden. Irgendwann bekamen sie mit, dass auch wir richtig arbeiteten, ein strammer Zwölfstundentag war keine Seltenheit. Aber dann funktionierte es ganz gut. Wir saßen öfter mit den Fischern in der Kneipe beim Korn zusammen und hörten viele Geschichten. Traurige und lustige.