WEHE DEM, DEN GOTT VERGISST - K. Ronay - E-Book

WEHE DEM, DEN GOTT VERGISST E-Book

K. Ronay

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Beschreibung

Dies ist die Geschichte zweier starker Frauen. Die eine, Maria, zwar in Berlin geboren aber auf dem Lande in einem Dorf in der Nähe von Berlin aufgewachsen, wird durch die Suche nach dem Mörder ihrer Schwester zu einer selbstbewussten Frau, die fest mit beiden Beinen im Leben steht. Nicht zuletzt durch ihre Ausbildung durch einen Japaner, Takahashi Toshiro, der 1912 in Berlin, für die deutsche Regierung arbeitet. Sie wird, mehr oder weniger, von Kriminalinspektor Kowalsky, dem Chef der Mordkommission, überredet, als Lockvogel für ihn zu arbeiten. Kowalsky, schon sehr lange bei der Kriminalpolizei, ist desillusioniert, hartgesotten, mit allen Hunden gehetzt und allen Wassern gewaschen. Er will diesen Serienmörder unbedingt fassen. Um jeden Preis. Da kommt ihm Maria wie gerufen. Er bittet Takahashi Toshiro sie auf diese riskante Mission vorzubereiten. Durch den Japaner lernt Maria eine, für sie völlig neue, fremde und faszinierende, Welt kennen. Sie gerät bei ihrer Suche nach dem Mörder in tödliche Gefahr. Laura ist die andere Frau. Unterschiedlicher können die beiden nicht sein. Laura stammt aus einer gutbürgerlichen Familie und hat einen adligen Offizier geheiratet dessen Familie, seit dem Dreißigjährigen Krieg, Soldaten hervorgebracht hatte. Im Gegensatz, zu Maria, muss sie sich nicht emanzipieren. Sie ist es und führt ein unkompliziertes Leben mit Sohn und Mann. Das ändert sich grundlegend, als ihr Mann Max, aufgrund eines verbotenen Duells, in den Pazifik versetzt wird. Das Schicksal führt die beiden Frauen in Kiel zusammen und verschlägt sie dann zusammen auf eine Insel in der Südsee. Maria, welche aus Berlin geflohen ist und Laura, deren behütetes Dasein auf dieser Insel ein jähes Ende haben wird. Als alle Männer der Garnison, außer dem Leuchtturmwärter, auf See bei einem Taifun ums Leben kommen, beginnt dieser auf der Insel ein Schreckensregiment zu errichten. Laura kann nicht ahnen, dass sie sich in einem Leben wieder finden wird, das von Gewalt und Bosheit geprägt ist. Es wird eine große Bewährungsprobe für die beiden. Laura wird um ihr Leben und das Leben der ihr anvertrauten Menschen gegen einen übermächtigen Gegner kämpfen müssen. Maria steht ihr dabei fest zur Seite.

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Impressum

K. P.- Ronay

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Copyright © by K. P.-Ronay 2014

All rights reserved

Mein Dank gilt jener Dame, welche meine unbarmherzigste Kritikerin war, aber auch meine Launen ertragen hat, wenn mir nichts mehr einfiel und eine unendliche Geduld an den Tag legte, wenn es darauf ankam.

Kurz, meiner Frau Monika.

Gott schütze mich vor meinen „Freunden“,

um meine Feinde kümmere ich mich selbst.

Die Insel

1915

Die Insel war nicht sonderlich schön zu nennen. Sie hatte ihre Reize, ja sicher, aber zwei Drittel von ihr waren unzugänglich. Dschungel, Klippen, kleine Berge, zwei Schluchten.

Aber ein Drittel war schön. Ein herrlicher weißer Sandstrand und man konnte fast dreihundert Meter in den Pazifik hinauslaufen, bevor man keinen Grund mehr unter die Füße bekam.

Sie gehörte entweder zu den Carolinen oder den Marianen. So genau wusste das niemand. Fest stand nur, dass sie zu den Inselgruppen gehörte, welche 1899 vom Deutschen Kaiserreich von den Spaniern erworben wurden. Für 1,8 Mio. Reichstaler.

Warum gerade auf diese Insel eine Garnison gelegt und ein Leuchtturm gebaut wurde, das wussten nur Gott und ein paar recht hochrangige Mitglieder der deutschen Reichsregierung.

Nun ja, wie auch immer. Sie hatte eine Lagune, lag weit ab von den normalen Schifffahrtsrouten und war unbewohnt. Vielleicht war ja gerade das der Grund, warum hier ein Stützpunkt errichtet wurde, der aber so klein war, dass man am Sinn und Zweck dieser Einrichtung zweifeln konnte.

Aber vielleicht hatte sich ja der deutsche Generalstab etwas dabei gedacht. Nur würde ein normaler Sterblicher das niemals ergründen können.

In dem Drittel der Insel, welches bewohnbar war, gab es eine Lagune, die einen kleinen natürlichen Hafen bildete, die mehreren kleineren Schiffen Schutz bieten mochte und eine Anhöhe, auf welcher ein mittelgroßer Leuchtturm stand.

Unweit dieser Anhöhe war der Exerzierplatz mit der unvermeidlichen Fahnenstange. Um den Platz waren hufeisenförmig die Vorratsschuppen und die Behausungen der Garnison errichtet worden. Die Häuser der Soldaten waren Einheitsbauten mit jeweils drei Zimmern und einer Küche.

Die Insel besaß einen Schatz, nämlich eine Süßwasserquelle, welche in einer der Schluchten sprudelte.

Die Garnison bestand aus einem Hauptmann, einem Feldwebel und zwölf Soldaten mit ihren Familien. Nicht zu vergessen einem Zivilisten. Das war der Leuchtturmwärter. Deutsche Gründlichkeit.

Wo ein Leuchtturm ist, da muss auch ein Leuchtturmwärter sein. Dieser lebte, außer Feldwebel Witzorki, alleine auf der Insel.

Es gab auch eine alleinstehende Frau in der Garnison. Schwester Maria, die Krankenschwester.

Hansen

Der Leuchtturmwärter Hermann Hansen, ein Beamter aus dem Seefahrtsamt, war ein eher kleiner, unscheinbarer, dicklicher Mensch mit Schweinebäckchen und schütterem ferkelfarbenem Haar. Einer von den Typen, welche sofort wieder in Vergessenheit gerieten, nachdem man sie gesehen hatte. Er hatte sich freiwillig auf die Insel gemeldet. Seine Bezüge würden während dieser Zeit in der Heimat weiterlaufen und er wollte sich auf der Insel zwei Jahre lang einen Bunten machen. Er hatte diesen Entschluss schon tausendfach verflucht.

Aber nun war die Dienstzeit schon fast zur Hälfte vorbei und den Rest würde er auch noch überstehen. Und so schlecht ging es ihm ja auch nicht.

Im Gegensatz zu den Soldaten hatte er sich ja freiwillig gemeldet. Zugegeben, die Exotik der Südsee hatte ihn gereizt. Er hätte sich eine Südseereise nie leisten können.

Südseezauber, Palmen, warme See, ewig blauer Himmel, herrlicher weiter einsamer Strand.

Oh Gott, nach einem Vierteljahr hing ihm das alles zum Halse heraus. Es war einfach sterbenslangweilig auf dieser Insel. Die Anfangsphase als noch gebaut, die Gebäude errichtet und der Leuchtturm hochgezogen wurde, war ja noch ganz spannend. Aber dann waren die Arbeiten abgeschlossen und die „Rügen“ unter Kapitän Hartmann kehrte wieder in die Heimat zurück. Die Routine begann. Er kümmerte sich um seinen Leuchtturm, sorgte dafür, dass alles funktionierte und fragte sich besorgt, was das alles für einen Sinn machte. Die paar Schiffe, die hier ab und an mal vorbeikamen, was selten genug vorkam, kannten die Gegend wie ihre Westentasche und brauchten den Leuchtturm so sehr wie ein Loch im Kopf. Es waren meist Trampdampfer und ihre Kapitäne alte Hasen. Was sollte das also alles. Er und die Soldaten konnten natürlich nicht wissen, dass diese Insel in den Plänen der deutschen Admiralität eine ganz besondere Rolle spielte. Ein U-Bootstützpunkt auf dieser Insel konnte, im Falle eines Krieges, eine sehr wichtige strategische Bedeutung im Pazifik bekommen.

Er kam auch mit den Soldaten nicht sonderlich gut aus. Hauptmann von Bothenau war zwar immer höflich und zuvorkommend, aber er kam sich trotzdem irgendwie klein vor, denn er war kein Soldat. Ein richtiger Deutscher galt nur etwas, wenn er eine Uniform trug, sich also zur Elite der Nation zählen konnte. Aber so war er ein Nichts. Man ließ es ihn nicht richtig spüren, doch unterschwellig war es immer da, das Gefühl nicht dazu zugehören. Nachdem er vom Hauptmann mehrere Male im Schach haushoch besiegt worden war, ließ er sich auf kein Spiel mehr ein. Er kapselte sich immer mehr ab. Folgerichtig überkam ihn immer mehr ein Gefühl der Einsamkeit. Er bildete sich ein, dass die Soldaten, ihre Frauen, ja selbst die Kinder ihn schnitten. Doch das stimmte nicht. In der Garnison war man der Meinung, dass er lieber allein sein wollte und man respektierte das. Man ließ ihn in Ruhe. Er ahnte nichts davon und fühlte sich ausgestoßen. Von seinem Leuchtturm aus hatte er einen wundervollen Blick über die See, er sah das Leben und Treiben um die Gebäude, sah, wie die Frauen ihrer täglichen Arbeit nachgingen, sah die Kinder spielend herumtoben und seine Einsamkeit wuchs. Ganz langsam, unmerklich, baute sich in ihm ein Hass gegen die Menschen auf. Ihn tröstete nur der Gedanke, dass auch diese Zeit hier auf der Insel einmal zu Ende gehen würde. Dann würde er wieder in seiner geliebten Stammkneipe in Bremen sitzen und den staunenden Stammtischgästen wilde Geschichten und Abenteuer aus der Südsee erzählen. Dass es bis jetzt keine wilden Geschichten und Abenteuer gab, störte ihn nicht im Geringsten. Er wäre ein Held. Unbestritten. Er wusste noch nicht, dass sein Leben auf dieser Insel aus den Fugen geraten würde. Er wusste noch nicht, was es heißt, eine Bestie zu sein. Sein Leben war bis jetzt recht geradlinig verlaufen. Aus kleinbürgerlichem Hause stammend, der normale Weg. Aufwachsen, Schule, das Abitur, mit Mühe und Not, dann die mittlere Beamtenlaufbahn im Seeverkehrswesen. Als er das Angebot erhielt, sich für zwei Jahre in den Stillen Ozean zu melden, um dort, wie es hieß, eine verantwortungsvolle Position zu bekleiden, griff er mit beiden Händen zu. Er dachte, das wäre die große Chance seines Lebens. Dem war aber nicht so. Jetzt wusste er es. Denn nun saß er auf dieser Insel als kleiner Leuchtturmwärter und wusste noch nicht einmal, wo genau er sich im Pazifik befand. Und das war’s auch schon. Er war nicht dumm, aber sein schon fast krankhaft zu nennendes Geltungsbedürfnis, ließ ihn oft seine Grenzen nicht erkennen. Seine Erfolge bei Frauen waren weniger, als nur mittelmäßig zu bezeichnen. Stets verkündete er lauthals, was er alles tun könnte, wenn man ihn nur ließe. Wie sehr wurde doch sein Genie von den Vorgesetzten und seinen Mitmenschen verkannt. Sicher, er hatte Affären, aber keine dauerte länger als vier bis höchstens sechs Wochen. Dann hatten die Damen meist die Nase voll und zogen sich, mehr oder weniger diskret, zurück. Meist weniger. Er verstand überhaupt nicht, dass man ihn sitzen lassen konnte. Ihn, einer der wenigen Nabel der Welt. Die Schuld gab er Intrigen und Verleumdungen. Er wäre nie auf die Idee gekommen, dass es an ihm liegen könnte. Wenn die Damen nicht in der Lage waren seine Vorzüge zu erkennen, dann mussten sie eben sehen, wie sie ohne ihn klarkamen. Das wurde langsam seine Grundhaltung. Sie bewahrte ihn vor Niederlagen, nahm ihm aber auch zunehmend jeden Sinn für Realität. Er begann sich unmerklich eine Traumwelt aufzubauen, in der er lebte. Eine Welt, in der er König sein konnte, wann immer er es wollte. Seinen Kollegen wurde er langsam unheimlich. Sie waren heilfroh, als er in die Südsee verschwand. Er sah das nicht so. Er betrachtete seine Abreise als großen Verlust für sie alle. Nun gut, sollten sie doch sehen, wie sie ohne ihn fertig werden würden. Die allgemeine Erleichterung ringsum war ihm entgangen. Er hätte das auch nie für möglich gehalten. Nun hatten sie den Schaden.

***

Genugtuung zeichnet sich in seinem Gesicht ab. Hier in seinem Leuchtturm, hier war sein Reich. Hier konnte ihm keiner dreinreden, hier konnte er tun und lassen, was er wollte. Hier konnten sie ihn alle. Er steht oben im Arbeitsraum des Leuchtturms und wirft noch einmal einen langen Blick über die See. Es wird Zeit für den Morgenappell. Nicht, dass er gezwungen ist, daran teilzunehmen, aber er besieht sich diesen Affenzirkus, wie er ihn nennt, ganz gerne. Auch so ein Schwachsinn. Da stehen erwachsene Männer und spielen Räuber und Gendarm.

Wobei es an den Räubern im Augenblick sehr mangelte. Also macht er sich auf den Weg zum Exerzierplatz.

„Zug, stillgestanden! Richt´ euch! Die Augen links!“

Ein strahlendblauer Himmel. Es ist acht Uhr morgens. Die zwölf Soldaten stehen angetreten auf dem Exerzierplatz. Zwei von ihnen an der Fahnenstange, zum Hissen der Fahne bereit. Vor ihnen ein baumlanger Feldwebel, dessen Befehlsgewohnte Stimme über den Platz schallt. Etwas seitlich die Familien der Soldaten. Frauen und Kinder. Unter ihnen der Leuchtturmwärter.

„Zur Meldung an Herrn Hauptmann - Augen geradeaus! Präsentiert das Gewehr!“

Die Gewehrgriffe knallen exakt wie ein Schlag. Der Feldwebel hat ein schmales intelligentes Gesicht, braungebrannt wie alle hier, mit dunklen Augen und dunklem Haar. Er macht eine zackige Kehrtwendung, marschiert mit exakten Schritten auf den Hauptmann zu, legt salutierend die Hand an die Feldmütze und macht ihm die Morgenmeldung.

„Bitte Herrn Hauptmann gehorsamst melden zu dürfen: Halbzug vollständig, wie befohlen, angetreten. Keine besonderen Vorkommnisse“.

Wie denn auch, denkt der Leuchtturmwärter, was soll hier schonpassieren.

Der Hauptmann erwidert die Ehrenbezeugung.

„Danke Feldwebel.“

Dann zu den Soldaten:

„Guten Morgen, Soldaten”. Die Soldaten wie ein Mann:

„Guten Morgen Herr Hauptmann.“

Der Hauptmann wendet sich dem Fahnenmast zu.

„Hisst Fahne!“

Langsam steigt die Fahne des Deutschen Kaiserreiches in den azurblauen Südseehimmel.

„Feldwebel, lassen sie die Leute wegtreten!”

„Zu Befehl, Herr Hauptmann. Gewehr ab! Halbzug weggetreten.“

Die Soldaten treten weg. Sie gehen zu ihren Frauen und Kindern und verteilen sich auf die Wohngebäude.

Von Bothenau

Die Hütte des Hauptmanns ist auch nicht größer oder luxuriöser eingerichtet als die der Soldaten. Aber man merkt ganz deutlich, dass eine liebevolle Frauenhand für eine anheimelnde Atmosphäre sorgt. Es ist blitzsauber, es gibt bunte Flickenteppiche und Dinge, wie die Natur sie in der Südsee hervorbringt. Muscheln und seltsam geformte Wurzeln, getrocknete Seesterne oder Seeigel sind an den Wänden und auf Borden angeordnet. In der Mitte des Wohnraumes befindet sich ein großer runder Tisch mit ein paar Stühlen. Durch die Fenster kann man auf den Pazifik hinausschauen. Es ist gemütlich hier drin. Laura von Bothenau ist eine nicht sehr große, eher zierlich zu nennende Frau, mit einem herzförmigen von großen blauen Augen beherrschten Gesicht. Ihre Figur hätte selbst einen Eunuchen zum Schwärmen bringen können.

Aber was sie besonders auszeichnete, war ihre frauliche Ausstrahlung. Haare von der Farbe reifen Weizens.

Sie sitzen an diesem Morgen beim Frühstück. Hauptmann Maximilian von Bothenau und seine Frau.

Max blickt seine Frau an.

„Wo steckt Cornelius?“

„Er meinte, dass er keinen Hunger hätte, und ging zum Fischen.“

„Dieser Bengel.“

„Ach, lass´ ihn doch.“

Laura blickt ihren Mann bittend an.

„Na meinetwegen.“

Max sagt es irgendwie resignierend. Laura hat plötzlich Antennen. So kennt sie ihren Mann nicht. Er wirkt sorgenvoll und müde.

„Du machst dir Sorgen, nicht wahr?“

Er zögert einen Augenblick.

„Ja, du hast recht. Kapitän Hartmann ist zwar erst sechs Wochen überfällig und wir haben noch genügend Vorräte, aber es beunruhigt mich doch sehr. Er war sonst immer fast auf den Tag genau pünktlich.“

Er steht auf und beginnt im Zimmer herumzuwandern. Unruhig, nervös. Er bleibt am Fenster stehen und blickt hinaus. Maximilian von Bothenau ist ein großer breitschultriger Mann mit einem harten Gesicht, das fast ein wenig brutal wirkt. Kurzgeschnittenes braunes Haar, schwarze harte Augen, welche aber auch sehr zärtlich sein konnten. In der linken Gesichtshälfte befindet sich eine Narbe, welche sich von der Augenbraue bis in den kurz geschnittenen Bart hinzieht. Der Ursprung dieser Narbe ist mit einer der Gründe, warum er auf diese Insel kommandiert wurde.

1913

Das Duell

Zwei Jahre früher.

Anfang Februar 1913 in Kiel. Der Dritte, um genau zu sein. Es war bitterkalt. Dazu kam noch der Wind, der bis auf die Knochen ging. Erbarmungslos. Man konnte sich Einiges abfrieren, wenn man nicht aufpasste.

Die vier Männer gingen schnell durch die Straßen der Stadt und näherten sich den Vororten.

Alle trugen die Uniform des 85.Kaiserlichen Infanterieregimentes, welches in Kiel stationiert war. Sie gingen in Gruppen zu je Zwei. Einem aufmerksamen Beobachter wäre sicherlich nichtentgangen, dass zwischen den beiden Gruppen keine große Zuneigung bestand. Ganz im Gegenteil. Sie bewegten sich wie in einem Spannungsfeld.

Und das hatte seinen Grund.

Ihr Ziel war eine kleine Wiese in einem nahe gelegenen Park. Und sie hatten ganz gewiss nicht vor, dort eine Schneeballschlacht zu schlagen. Die Schlacht, welche zwei von ihnen schlagen wollten, war von ganz anderer Natur. Sie würde auf kurze Distanz mit dem Säbel ausgetragen werden.

Ein Duell. Das war natürlich illegal und strengstens verboten. Die Teilnehmer hatten mit dem Kriegsgericht zu rechnen, falls es herauskam. Unabhängig von Schuld oder Nichtschuld. Zu viele gute Offiziere hatten in Duellen ihr Leben gelassen. Einen weiteren Aderlass dieser Art konnte die Armee sich nicht leisten.

Deshalb wurden Ehrengerichte ins Leben gerufen, um Händel dieser Art zu vermeiden und dem Vaterland wertvolles Menschenmaterial zu erhalten.

Den Ehrengerichten unterstellt waren sämtliche aktiven Offiziere, die Offiziere der Reserve und Landwehr, die Offiziere der Gendarmerie und die zur Disposition gestellten oder mit der Erlaubnis zum Tragen der Militäruniform verabschiedeten Offiziere.

Ehrengerichte über Hauptleute und Leutnants wurden innerhalb jedes Regiments (Bataillon) aus den Offizieren zusammengesetzt. Ehrengerichte über Stabsoffiziere bestanden aus Stabsoffizieren des betreffenden Armeekorps.

Der Vorsitz wurde vom jeweiligen Kommandeur geführt, dem zwecks Vornahme nötiger Untersuchungen und zur Erledigung anderer Geschäfte ein Ehrenrat zugeordnet war.

Zum Ehrenrat wurden bei jedem Regiment (Batallion) ein Hauptmann, ein Premierleutnant und ein Sekondeleutnant bestimmt.

Sobald der Ehrenrat erfuhr, dass ein in seinen Bereich gehörender Offizier irgendeine Handlung begangen hat, die den Gesetzen der Ehre nicht zu entsprechen schien, wurde der Kommandeur davon in Kenntnis gesetzt und nach dessen Anordnung der Tatbestand festgestellt. Hierauf hatte der Kommandeur zu beurteilen, ob man die ganze Angelegenheit auf sich beruhen lassen konnte, ob Ahndung im Disziplinarwege der Sachlage entsprach oder ob ein ehrengerichtlicher Spruch vorzuziehen sei.

Im letztgenannten Fall wurde um höhere Entscheidung nachgesucht und dann die förmliche, ehrengerichtliche Untersuchung vorgenommen, nach deren Abschluss das Ehrengericht stattfand.

Dem Beschuldigten wurde schriftliche und mündliche Verteidigung erlaubt, auch wurde ein Offizier als Verteidiger zugelassen.

Das Urteil lautete entweder auf Unzuständigkeit, auf Vervollständigung der Untersuchung, auf Freispruch, auf schuldig der Gefährdung der Standesehre und Entlassung mit schlichtem Abschied oder auf schuldig der Verletzung der Standesehre und Entfernung aus dem Offiziersstand.

Doch an ein Ehrengericht verschwendeten die Männer keinen Gedanken.

Soviel dazu.

Max von Bothenau hatte nur einen Gedanken im Kopf, ich bring ihnum, diesen Mistkerl, ich bring ihn um.

Er wollte seinem Gegner, wenn möglich, erst beide Arme und dann den Kopf abschlagen. Das war natürlich Wunschdenken. Aber einen Stich in den Bauch oder ins Herz würde ihn auch befriedigen.

Er dachte einen Augenblick an Laura, die noch zu Hause im warmen Bett lag und von dem, was hier vorging, nichts ahnte.

Dieser Hurensohn säuft sich einen an und versucht seine dreckigen Hände an meine Frau zu legen, das soll er mir büßen. Gut, er konnte nicht wissen, dass Laura meine Frau ist, aber das tut überhaupt nichts zur Sache. Solche Angelegenheiten werden nicht vor ein Ehrengericht gezerrt, das wird von Mann zu Mann erledigt.

Sein Gegner, ein Oberleutnant, war nicht gerade ein ängstlicher Typ. Er hatte schon ein paar Duelle hinter sich gebracht und wusste, wie der Hase den Berg runterrutscht.

Für Max war es der erste Zweikampf dieser Art. Aber darüber machte er sich keine Gedanken. Er war recht geschickt im Umgang mit dem Säbel und er würde es diesem Hundesohn schon zeigen.

Sie hatten die Wiese erreicht. Langsam wurde es hell. Der Tag dämmerte herauf. Eine blasse kalte Wintersonne kündigte ihr Erscheinen an. Der Wind hatte sich gelegt, aber es war eben eiskalt. Na ich denke, unswird schon warm werden, dachte Max. Blut soll ja rauchen in dieserKälte. Na, wir werden sehen.

Dass es auch sein eigenes sein könnte, fiel ihm nicht im Traum ein.

Sein Sekundant war ein schlanker großgewachsener Feldwebel, dessen dunkle Augen ausdrückten, dass er für jede Schandtat gut sei. Karl Friedrich Witzorki.

Er und Max von Bothenau waren seit ihrer Kindheit unzertrennlich. Sie spielten zusammen, gingen zusammen zur Schule, hatten dieselben Freunde, später dieselben Mädchen, schlugen beide die Offizierslaufbahn ein und wurden beide zusammen zum Leutnant ernannt.

Aber dann machte Karl Friedrich Witzorki einen Fehler.

Als ihn eines Abends drei Zivilisten in einer Kneipe über die Gebühr provozierten, (um Herrn Leutnant Witzorki zu provozieren, gehörte nicht viel) entpuppte sich Leutnant Wizorki als ein Mensch, der Dinge verändern konnte. Er konnte Dinge verwandeln.

Er verwandelte nämlich die Kneipe in einen Trümmerhaufen und die drei Zivilisten in krankenhausreife Überbleibsel von ehemals durchaus wehrhaften Männern. Das brachte ihm vier Wochen Arrest und die Degradierung zum Feldwebel ein. Gut für ihn war, dass sich Zeugen fanden, welche die Provokation bestätigten. Schlecht hingegen, dass einer der Männer den Rang eines Rittmeisters (und das nicht ohne Einfluss) bei den kaiserlichen Ulanen bekleidete. Witzorki hatte es nur dem Einsatz von Max zu verdanken, dass er nicht unehrenhaft aus der Armee entlassen und weiterhin Dienst als Feldwebel in der Kompanie von Max tun durfte. So war er noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Und nun befanden sie sich auf dem Wege zu einem höchst illegalem Duell.

Passiert war Folgendes:

Oberleutnant von Esche, ein großer blondhaariger, blauäugiger Raufbold und Schürzenjäger. Ein Typ, den man dreißig Jahre später als Arier bezeichnen würde und sich für unwiderstehlich hielt, machte eines späten Abends eine, wie sich herausstellen sollte, für seine Gesundheit folgenschwere Bekanntschaft.

Laura von Bothenau befand sich auf dem Weg von einer Freundin nach Hause. Es war später als sonst geworden. Beide hatten nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Die Straßen um diese Zeit waren fast menschenleer. Laura, furchtlos, wie sie war und entgegen des Verbotes ihres Mannes, nahm eine Abkürzung durch ein übel beleumdetes Viertel. Alle Hafenviertel auf der ganzen Welt sind nun nicht gerade nachts ein empfehlenswerter Aufenthaltsort für wohlerzogene junge Damen gutbürgerlichen Standes. So auch das in Kiel. Als ihr ein Oberleutnant entgegenkam, verspürte sie kein Anzeichen von Gefahr. Doch das sollte sich schnell ändern. Der Mann blieb vor ihr stehen und versperrte ihr den Weg. Sie roch eine Schnapsfahne, welche nahe an eine Standarte herankam.

„Na Puppe, wie wär’s mit uns beiden? Um diese Zeit ist wohl kein Geschäft mehr zu machen?“

Er verwechselte sie offenbar mit einer handtaschenschwenkenden Tochter der Freude.

„Bitte, lassen sie mich vorbei Herr Oberleutnant!"

Doch der Herr Oberleutnant machte keine Anstalten, ihr den Weg freizugeben.

„Nun komm´, hab dich nicht so! Sind zwanzig Mark genug?“

„Herr Oberleutnant, ich bitte sie noch einmal, mir den Weg freizugeben. Ich bin Laura von.....“ Weiter kam sie nicht.

„Und ich bin der Kaiser von China.“

Er riss sie an sich. Laura war trotz ihrer Zierlichkeit eine sportlich durchtrainierte Frau. Sie wehrte sich. Doch das machte ihn erst richtig wütend. Er riss ihr den Mantel mitsamt der Bluse auf und griff nach ihren Brüsten. Sie zog ihm die Fingernägel durchs Gesicht. Er schlug sofort zu. Sie taumelte zurück. Einen Moment lang sah sie alle Sterne des Firmaments. Und dann tat sie das einzig Richtige. Sie holte aus und trat ihm mit aller Kraft in den Bauch. Er krümmte sich vor Schmerzen.

„Na warte, du Biest!“

Aber da war sie schon an ihm vorbei und rannte. Er machte den halbherzigen Versuch, ihr zu folgen. Dann gab er auf. Als sie nach Hause kam, wartete Max schon voller Unruhe und Angst. Sie fiel ihm in die Arme und jetzt erst kam die Reaktion.

Ein Weinkrampf schüttelte sie. Sie konnte und konnte nicht aufhören. Max setzte sie sanft in einen Sessel und holte ihr einen Cognac.

„Trink´!“

Sie nahm gehorsam einen Schluck, verschluckte sich natürlich und der Hustenanfall brachte sie wieder zu sich. Max wartete geduldig. Die Zeichen des Überfalls waren nicht zu übersehen. Ihre linke Gesichtshälfte um das Jochbein herum, dort wo die Faust sie getroffen hatte, schwoll an und fing langsam an sich zu verfärben. Max besah sich den Schaden einen Augengenblick. Er ging in die Küche und kam mit einer Scheibe Rindfleisch zurück. Er legte ihr das Rindfleisch auf die Schwellung und sagte:

„Halt das fest. Das hilft.”

Sie drückte sich das Fleisch auf das Gesicht und dann fiel ihr Blick in den gegenüber hängenden Wandspiegel. Als sie sich so sah, mit zerrissener Bluse sich ein Stück Fleisch auf das Gesicht drückend, konnte sie nicht mehr, sie musste lachen. Sie konnte gar nicht mehr aufhören. Dann fing sie an zu berichten. Max wurde weiß vor Wut. Er sagte kein Wort. Aber seine schmalen Augen waren furchteinflößend. So hatte Laura ihren Max noch nie erlebt. Es war beängstigend.

„Max, bitte, lass´ uns das vergessen. Mir ist ja nichts weiter passiert.“

Max sah sie an. Gegen den Ausdruck in seinen Augen war ein Gletscher rotwarm zu nennen.

Es war für Max leicht herauszufinden, wer dieser Oberleutnant war. Er forderte ihn. Oberleutnant von Esche weigerte sich zunächst. Aber als ihm klar wurde, dass es Max nichts ausmachen würde, ihn niederzuschießen, einfach so, nahm er die Forderung an. Und nun befanden sie sich am frühen Morgen des 3. Februar 1913 auf dieser kleinen Wiese. Von Esche konnte als Geforderter die Waffen bestimmen. Er wählte den Säbel.

Schade, dachte Max, dass er nicht Pistolen gewählt hat. Dannhätte ich ihm noch die zweite Kugel verpassen können, bevor er von der Ersten umfiel. Aber macht nichts, ich kriege dich auch so.

Der Kampf begann. Die beiden Kontrahenten standen sich gegenüber, hatten sich der Mäntel und Uniformröcke entledigt, salutierten mit den Klingen voreinander und auf ging's.

Von Esche griff sofort an, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

Ein Hagel von Stichen und Hieben ging auf Max nieder, der alle Hände voll zu tun hatte sich zu wehren. Von Esche wollte eine schnelle Entscheidung. Als er merkte, dass er damit nicht durchkam, wurde er vorsichtiger. Beide belauerten sich jetzt. Jeder nach einer Schwäche des Anderen suchend. Angriff, Abwehr, Gegenangriff.

Der Kampf hatte bis jetzt ca. drei Minuten gedauert, aber es schienschon eine Ewigkeit vergangen zu sein. Und wieder. Finte, Gegenfinte, Ausfall, Paraden, Angriff, Verteidigung. Die inzwischen aufgegangene Sonne ließ die Klingen aufblitzen, als seien sie lebendig.

Der Kampflärm war in dieser sonst so stillen Umgebung erstaunlich.

Von Esche griff mit einem Schädelspalter an. Bei den Japanern heißt dieser Hieb der „Birnenhieb“. Man konnte damit einen Mann fast in zwei Hälften schlagen. Max parierte den Schlag mit der Himmelblockade, indem er blitzschnell seine Klinge, parallel zu seinen Schultern, waagerecht über den Kopf hob und von Esches Klinge für den Bruchteil einer Sekunde fixierte. Das reichte ihm. Ehe von Esche zurückweichen konnte, löste Max seine Klinge und zog ihm die gesamte Länge der Schneide über den Brustkorb. Sie schnitt durch Hemd, Haut und Fleisch bis auf die Rippen. Schmerzhaft, aber nicht lebensgefährlich. Die Japaner nennen diese Technik „Das kleine Rad“. Von Esche stand wie erstarrt. Max machte einen Schritt nach hinten und stieß ihm die Klinge mit aller Kraft in die Schulter. Er hätte sie ihm auch ins Herz stoßen können. Doch das wäre in diesem Falle glatter Mord gewesen. Er riss die Klinge aus der Wunde und senkte sie. Es war vorbei. Von Esche blickte einen Augenblick ungläubig auf seine Schulter, welche jetzt anfing, heftig zu bluten. Dann ließ er den Säbel fallen und fiel um. Blut raucht tatsächlich in der Kälte, dachte Max.

Witzorki stürzte auf ihn zu.

„Max, du blutest wie ein Schwein!“

Jetzt erst spürte Max, dass ihm Blut den Hals hinunter und über den Oberkörper lief. Von Esche hatte ihn doch erwischt. Er hatte es gar nicht bemerkt. Die Klinge von Esches war offenbar von seiner Blockade abgeglitten, fast ihrer Kraft beraubt, und die Spitze des Säbels hatte ihm die linke Gesichtshälfte, von Jochbein bis zum Kinnwinkel, aufgeschlitzt. Die Augenbraue hatte auch etwas abbekommen. Er konnte auf dem linken Auge nichts sehen.

Oh Gott, dachte er, bin ich jetzt blind?

Aber als Witzorki die Wunde gesäubert und verbunden hatte, stellte sich heraus, dass das Auge unverletzt geblieben war. Es war nur von Blut verklebt gewesen.

Von Esche wurde verbunden und ins Hospital geschafft. Er überlebte.

Riesenaufregung im Regiment. Die Wellen schlugen bis in den Stab des Korps. Von Esche hätte Anzeige erstatten können. Er tat es aber nicht.

Max von Bothenau und Feldwebel Witzorki aus der Armee auszustoßen, hätte bedeutet, dass ihr Leben im Kaiserreich Deutschland zerstört gewesen wäre. Dazu kam, dass beide ausgezeichnete Soldaten waren. Also fanden sie sich ein halbes Jahr später auf einer namenlosen Insel in der Südsee wieder. Zwei Jahre waren eine lange Zeit. Bis sie wiederkamen, würde Gras über diese Geschichte gewachsen sein. Das war die Lösung. Die Armee verlor nicht zwei gute Soldaten und man konnte immer behaupten, dass man sie strafversetzt hätte.

Beide konnten nicht ahnen, dass sie auf dieser Insel den Tod finden würden.

1915

Max legte den Finger an die Narbe. Das tat er immer, wenn er Sorgen hatte. Laura wusste dieses Anzeichen zu deuten.

„Ich glaube, der Einzige, dem das Leben hier Spaß macht, ist unser Herr Sohn. Das ist hier das größte Abenteuer seines Lebens.“

Cornelius hatte seinen zehnten Geburtstag hier auf der Insel gefeiert. Er war ein zierliches, aufgewecktes Kerlchen mit flachsblonden Haaren und strahlend blauen Augen, die immer neugierig und manchmal sehr altklug durch eine runde Nickelbrille blickten. Er fand das Inselleben toll und aufregend. Jeder Tag war neu und aufregend. Es gab tausend Dinge zu erforschen und auszukundschaften. Er hatte den größten Teil seines bisherigen Lebens bei seinen Großeltern verbracht. Lauras Eltern hingen wie die Kletten an dem Jungen. Lauras Vater war ein recht wohlhabender und erfolgreicher Geschäftsmann, welcher eine große Villa und mehrere Kolonialwarenläden in Kiel und Bremen besaß. Max entstammte zwar einer uralten Adelsfamilie, aber sie waren arm wie die Kirchenmäuse. Schon immer waren die männlichen Bothenaus Soldaten gewesen. Das ließ sich bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen. Max von Bothenau hätte sich eher die Hände abschlagen lassen, als von seinem Schwiegervater auch nur einen Pfennig anzunehmen. Laura hatte das voll akzeptiert. Sie hatte Max gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet. Es war eine reine Liebesheirat. Max hatte sich einverstanden erklärt, als Cornelius drei Jahre alt war, dass der Junge in der Woche bei seinen Großeltern lebte. An den Wochenenden kam Cornelius selbstverständlich nach Hause.

Als Hauptmann eines Kaiserlichen Infanterieregimentes konnte man wahrlich keine Reichtümer erwerben. Und bis Max befördert worden war und sie sich dann eine größere Wohnung leisten konnten, war diese Lösung durchaus annehmbar.

Als Max auf diese Insel versetzt wurde, nahmen sie den Jungen selbstverständlich mit. Sehr zum Ärger seines Großvaters. So ist der Stand der Dinge.

Max sah Laura in die Augen.

„Du weißt, mein Liebling, wir liegen nicht gerade im Bereich der häufigsten Schifffahrtsrouten. Das ist hier so ziemlich das Ende der Welt. Aber was soll’s, noch ein gutes halbes Jahr, dann haben wir es geschafft. Dann geht es zurück nach Deutschland. Von meinem Sold, der sich dann angesammelt hat, können wir uns dann endlich eine größere Wohnung leisten und Cornelius lebt richtig bei uns und nicht nur an den Wochenenden. Es wird auch Zeit. Zwei Jahre sind hier eine Ewigkeit.”

Laura sieht ihren Mann sehr sanft und zärtlich an.

„Liebster, ich habe dir geschworen, als wir heirateten, dass ich mit dir bis ans Ende der Welt gehen würde. Ich konnte nicht ahnen, dass das einmal eintreffen würde. Aber ich bin hier und ich liebe dich.“

Mehr als du je wissen kannst, setzt sie in Gedanken hinzu.

„Ich gebe zu, die Südsee hat mich schon gereizt. Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt. Romantik, Südseezauber und nicht so eine gottverlassene Insel. Völlig wertlos für Deutschland. Sogar einen Leuchtturm haben wir. Deutsche Gründlichkeit.“

Sie konnte nicht wissen, dass diese Insel sehr wohl einen Wert für Deutschland besaß. Sie spielte in den Plänen des deutschen Generalstabes eine wesentliche Rolle. Gerade, dass diese Insel so weit weg vom Schuss lag, machte sie so wertvoll. Auch der Leuchtturm spielte eine große Rolle. Max ahnte das. Im Allgemeinen dachte man sich schon etwas dabei, viel Geld, Mühe und Zeit in solch ein Unternehmen zu stecken. Doch was es genau war, das wusste auch Max nicht. Der deutsche Marinestab dachte daran, auf dieser Insel, welche so unbedeutend war, dass sie noch nicht einmal einen Namen trug, einen U-Bootstützpunkt zu errichten. Nicht sehr groß. Drei Boote würden genügen, um im Pazifik, im Falle eines Krieges, großen Schaden anrichten zu können. Der nächste Krieg war schon vorprogrammiert. Deutschland brauchte, wie es so schön hieß, seinen Platz an der Sonne. Der Krieg kam. Und er kam zu früh. Und er würde für Deutschland mit einer Katastrophe enden. Jedoch davon konnte Max, wie Millionen andere Deutsche, zu diesem Zeitpunkt nichts ahnen.

„Max, was machen wir, wenn Hartmann nicht kommt?"

„Ja Liebes, wir haben noch Vorräte für ein Vierteljahr. Wasser ist kein Problem, Fische und Kokosnüsse auch nicht. Aber das reicht nicht auf die Dauer. Mach´ dir keine Sorgen. Hartmann kommt bestimmt. Da bin ich mir sehr sicher.“

Die Tür geht auf und Cornelius kommt mit einem sehr exotisch aussehenden Fisch hereingestürmt.

„Mama, sieh nur, was ich gefangen habe!“

„Ich sehe es mein Sohn, ich sehe es.“

Die „Esperanza“

Kapitän Johannsohn von der „Esperanza“ wendet sich an seinen Steuermann. Er ist einer der typischen Seeleute, die man auf allen Weltmeeren finden kann. Undefinierbaren Alters mit strahlend blauen Augen in einem Wettergegerbten Gesicht und einer Figur, der man ansah, dass sie harte Arbeit gewohnt war, hätte er seinen Beruf nicht verleugnen können.

„Auf dieser kleinen Insel backbord voraus sollen sich die Deutschen eingenistet haben. Wie wär’s mit einem Abstecher?“

Der Steuermann ist ganz das Gegenteil von seinem Kapitän. Ein kleiner zierlicher Mann, dem man nicht zutraute, einer der besten Navigatoren auf dem riesigen Pazifik zu sein. Er war es aber.

„Warum nicht? Wasser brauchen wir auch. Also sehen wir uns das mal an. Ist mir völlig schleierhaft, was die Jungs da suchen. Da ist ja nun weiß Gott nichts zu holen.“

„Na dann. Backbord dreißig.“

Der Steuermann wirbelt das Steuerrad nach links. Langsam dreht die „Esperanza“ auf den neuen Kurs.

„Dreißig liegen an.“

Die „Esperanza“ ist ein betagter alter Trampdampfer. Sie hat schon einige Jährchen auf dem Buckel. Das sieht man ihr auch an. Aber ihre Maschinenanlage und die wichtigen Baugruppen sind tipp topp in Ordnung. Das müssen sie auch sein, denn Kapitän Johannsohns Geschäfte sind nicht immer ganz astrein und da ist es manchmal sehr wichtig, dass das Schiff ihn nicht in Stich lässt. Die „Esperanza“ läuft immerhin fast neun Knoten, wenn es darauf ankommt. Kapitän Johannsohn ist ein alter Hase. Seit nunmehr fast fünfundzwanzig Jahren fährt er schon Charter in der Südsee. Er kennt den Pazifik mit seinen unzähligen großen und kleinen Inseln, seinen Archipeln wie seine Westentasche. Vor zehn Jahren konnte er die „Esperanza“ kaufen. Mit dem Schiff übernahm er auch den Steuermann und hatte es nie bereut. Nun war er sein eigener Herr. Eigner, Reeder und Kapitän, alles in einer Person. Jetzt ist er mit einer Schiffsladung Kopra unterwegs nach San Franzisko.

Fünf Jahre noch, denkt er. Dann ist derDampfer wirklich schrottreif und ich kann mich zur Ruhe setzen. Wirdauch Zeit.

Er kann nicht ahnen, dass er auf dem besten Wege ist, wenn auch nur am Rande, Zeuge einer Tragödie zu werden, welche ihn für den Rest seines Lebens beschäftigen wird. Die ewige Frage, was wäre wenn, wird ihn nicht mehr loslassen. Jetzt ist er einfach nur neugierig. Er will wissen, was da los ist. Aus keinem besonderen Grund. Eben einfach nur so. Neugierde. Langsam taucht, nach einiger Zeit, die Insel am Horizont auf. Nur wenigen Kapitänen war bekannt, dass es auf dieser Insel eine Süßwasserquelle gab. Sonst war in diesem Teil des Stillen Ozeans kein Frischwasser zu holen. Das war auch der maßgebliche Grund, warum es hier in dieser Gegend kaum bewohnte Inseln gab. Langsam kommt die Insel näher. Der kleine Hafen wird sichtbar. Dahinter die Gebäude. Und, auf einer Klippe, der Leuchtturm. Die beiden auf der Brücke sehen sich an.

„Steuermann, siehst du das, was ich auch sehe? Sehe ich da einen Leuchtturm? Ich lach mir einen Ast. Wozu, zum Teufel, brauchen die hier einen Leuchtturm? Um nachts die Fische anzulocken oder was?“ Der Steuermann sagt nichts. Aber er hat plötzlich sehr aufmerksame Augen. Inzwischen hat sich die „Esperanza“ der Insel bis auf eine halbe Meile genähert. Sie nehmen die Fahrt aus dem Schiff. Der Kapitän greift zur Flüstertüte.

„Klar bei Anker. Lasst fallen Anker!“

Der Anker rauscht in die Tiefe.

„Klar bei Boot!”

Das Beiboot wird mit den Davits außenbords geschwenkt und dann zu Wasser gelassen. Johannsohn klettert mit seinem Steuermann und vier Matrosen über das Fallreep in das Boot und legt ab. Sie hätten natürlich auch in den kleinen Hafen einlaufen können, aber Kapitän Johannsohn war ein vorsichtiger Mann und er wusste nicht, was ihn erwartete.

„Sicher ist sicher, sagte die Großmutter und nahm ein Gewehr mit ins Bett“, meinte er zu seinem Steuermann.

„Wir lassen das Schiff lieber außer Reichweite und nehmen das Boot.“

Der Leuchtturmwärter klettert die Treppe zum Arbeitsraum hinauf. In dieser Kuppel, die rundum voll verglast ist, befindet sich das Leuchtfeuer. Anderthalb Jahre auf dieser Scheißinsel, denkt er.Außer dem Versorger nur ein Schiff in der ganzen Zeit. Ich muss doch bescheuert gewesen sein, mich zu melden. Aber wenigstens das Geld stimmt. Die behandeln mich hier wie den letzten Dreck. Diesem arroganten Mistkerl von einem Hauptmann müsste man das mal so richtigbesorgen. Er blickt sich im Arbeitsraum um. Alle Geräte und Mechaniken einwandfrei gepflegt und in Ordnung. Er geht an eins der offenen Fenster und blickt hinaus auf die See. Seine Frau ist ja ganz in Ordnung, aber all die anderen? Wo nur der Versorger bleibt. Sechs Wochen überfällig. Was kann da nur passiert sein? Er hätte schon Weihnachten hier sein müssen. Jetzt haben wir schon Mitte Februar 1915. Keine Post, keine Nachricht aus der Heimat. Nichts. Mist, verdammter. Plötzlich spannt sich sein Gesichtsausdruck. Er greift sich das schwere Fernglas, welches vor ihm auf dem Tisch liegt und schaut mit höchster Aufmerksamkeit hindurch. Das kann nicht wahr sein, denkt er, das kann einfach nicht war sein. Verdammt, Hartmann kommt doch. Am Horizont sieht er eine Rauchwolke. Das kann nur ein Schiff sein. Hartmann kommt, ich werd' verrückt. Langsam zeichnet sich am Horizont der Umriss eines Dampfers ab. Er setzt das Glas ab und brüllt aus dem Fenster:

„Ein Schiff. Leute, ein Schiff!“

Er sieht wie die Menschen alles stehen und liegen lassen und auf den Hügel zulaufen, auf dem der Leuchtturm steht. Von dort kann man die See weit überblicken. Auch der Hauptmann und seine Frau kommen aus dem Haus und eilen auf den Hügel zu. Das Schiff ist jetzt ganz deutlich zu erkennen. Es hat unverkennbar Kurs auf die Insel gesetzt. Der Hauptmann wendet sich zu Laura:

„Das ist nicht Hartmann.“

Sie sehen, wie der Anker gesetzt wird. Ein Boot wird ausgebracht, bemannt und nimmt Kurs auf den kleinen Hafen. Wenig später läuft es auf den Strand. Die Besatzung der Insel hat sich inzwischen am Landeplatz eingefunden und ein paar der Männer helfen jetzt den vier Matrosen, das Boot höher auf den Sand zu ziehen. Der Kapitän und sein Steuermann gehen auf den Hauptmann zu. Der legt grüßend die Hand an die Schirmmütze.

„Hauptmann von Bothenau, das ist meine Frau und das mein Sohn Cornelius.“

Der Kapitän reicht ihm die Hand.

„Kapitän Johannsohn, und das ist mein Steuermann.“

„Sehr erfreut, aber bitte kommen sie doch in mein Haus.“

Sie sitzen um den runden Tisch im Wohnraum der Bothenaus. Laura, Max, der Kapitän und sein Steuermann. Cornelius hat sich in eine Ecke verkrümelt und hat riesengroße Ohren. Alles unheimlich spannend für ihn. Die drei Männer trinken Bier aus der Flasche. So schmeckt es am besten.

Max meint beiläufig:

„Das ist leider unser letztes Bier, aber der Versorger muss ja bald kommen. Wir erwarten ihn täglich. Er ist ein bisschen überfällig.“

Der Kapitän nimmt einen Schluck Bier. Mit offensichtlichem Wohlbehagen .

„Wie heißt denn das Schiff?“

„Es ist die „Rügen“ unter Kapitän Hartmann.“

Der Kapitän sieht seinen Steuermann an.

„Ich fürchte, Herr Hauptmann, ich habe schlechte Nachrichten für Sie. Zuvor eine Frage, wenn's erlaubt ist. Wie lange sind sie schon auf dieser Insel?“

„Fast anderthalb Jahre. Seit Oktober 1913. Die „Rügen“ war dann noch einmal im März vorigen Jahres hier und das war's.“

Der Kapitän macht ein besorgtes Gesicht.

„Wann hätte die „Rügen“ hier sein müssen?“

„Um Weihnachten herum. Sie ist jetzt gut sechs Wochen überfällig.“

„Wie lange noch bis zur Ablösung?“

„Gute acht Monate.“

Johannsen holt einen Tabakbeutel und seine Pfeife aus der Tasche. Mit einem Blick zu Laura.

„Sie gestatten, gnädige Frau?“

Laura nickt. Ihr schwant nichts Gutes. Und sie behält Recht. Kapitän Johannsohn beginnt bedächtig seine Pfeife zu stopfen. Max steht auf und stellt sich hinter seine Frau. Er legt ihr sanft die Hände auf die Schultern. Eine schutzgebende vertraute Geste.

„Nun sprechen sie schon Kapitän. Was gibt es?“

Der Kapitän sieht wieder zu seinem Steuermann.

„Dann sind Sie schon lange ohne eine Nachricht aus Deutschland?“

Das ist eine Feststellung.

„Dann sind Sie also völlig ahnungslos?“

Er macht eine Pause.

„Wir haben Krieg in Europa und Deutschland ist maßgeblich beteiligt. Ihr Deutschland nämlich, Verehrtester, hat diesen Krieg angefangen. Das wird ein Weltkrieg, mein lieber Herr Hauptmann. England hat eine schicke Seeblockade aufgebaut. Und diese Blockade funktioniert hervorragend. Glauben Sie mir, die „Rügen“ kommt nie. Die Chancen, dass die „Rügen“ durchkommt, stehen eins zu einer Million. Ich will Ihnen sagen, wie ich die Sache sehe. Sie sitzen hier, mit Verlaub gesagt, am Arsch der Welt. Dass ich vorbeigekommen bin, ist reiner Zufall. Zu Ihrem Glück, möchte ich mal sagen. Wir sind ein Tramper. Wir fahren Charter. Bis das nächste Schiff vorbeikommt, können Jahre vergehen. Was glauben Sie, wie lange Sie das durchhalten können? Gut, sie haben Süßwasser, Fische und Kokosnüsse. Aber Sie sind keine Eingeborenen. Die überleben damit. Sie nicht. Auf Hilfe aus Deutschland können Sie nicht hoffen. Die haben jetzt ganz andere Sorgen. Es sind Frauen und Kinder auf der Insel. Die werden zuerst draufgehen. Denken sie an die seelische Belastung. Irgendwann kommt der Inselkoller. Und das wird heiter. Ich weiß, wie das geht. Ich habe ihn erlebt. Grauenvoll sage ich Ihnen. Sie sind Europäer. Vergessen sie das nicht. Zwei Jahre hier sind schon zu lange. Und jetzt ist kein Ende abzusehen. Von den Vorräten wollen wir gar nicht reden. Womit wollen Sie kochen, wenn der Brennstoff alle ist? Aber ich glaube, ich muss Ihnen das alles gar nicht erzählen. Das wissen Sie alles selbst. Die nä