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In "Mörderin?!" entfaltet Walter Bloem einen spannungsgeladenen Kriminalroman, der tief in die Abgründe menschlicher Psyche eintaucht. Der Autor kombiniert einen präzisen, oft provokanten Erzählstil mit psychologischen Einblicken, die den Leser sowohl fesseln als auch herausfordern. Die Handlung wirkt wie ein vielschichtiges Puzzle, in dem jeder Charakter seine geheimen Motive verbirgt und die Wahrheit über den zerrütteten Tod eines einflussreichen Protagonisten erst allmählich ans Licht gelangt. Inmitten der komplexen Verstrickungen beleuchtet Bloem die Fragilität von Moral und die vielschichtigen Facetten von Schuld und Unschuld. Walter Bloem, ein bedeutender deutscher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, war bekannt für seine tiefgründigen Erzählungen und brillanten Charakterstudien. Sein Leben, geprägt von der politischen und sozialen Umwälzung der Zeit, hat ihn stetig dazu inspiriert, die dunklen Seiten des Menschseins zu erforschen. Diese Erfahrungen fließen in "Mörderin?!" ein und verleihen der Erzählung eine authentische Tiefe, die sein Werk von anderen seiner Zeit abhebt. Ich empfehle "Mörderin?!" allen Lesern, die sich für psychologische Spannung und komplexe Charaktere interessieren. Bloems fesselndes Geschichtenerzählen, gepaart mit einer meisterhaften Erkundung moralischer Dilemmata, lässt das Buch zu einer unverzichtbaren Lektüre für jede literarische Sammlung werden. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Frau Helene saß beim Frühstück und starrte immerfort auf den gelben, häßlichen Briefumschlag, der an ihren Mann adressiert war von Frau Susannes Hand. Seltsam ... ein Briefumschlag mit der Aufschrift: »Verwaltung des Königlichen Untersuchungsgefängnisses, Moabit« ... Wie kam Frau Susannes Handschrift auf ein solches Kuvert –?!
Daß ihr Mann über kurz oder lang einen Brief von Frau Susanne erhalten würde, darauf war Frau Helene ja gefaßt gewesen ... Schon seit dem Augenblick, als sie erfahren hatte, daß der Geheime Sanitätsrat[2] Herr Doktor Artur Mengershausen das Zeitliche gesegnet habe ... Frau Susanne also frei[2q] sei ...
Frei ...
So ... nun konnte ja der Kampf beginnen ... der Kampf, den Frau Susanne längst mit dem ersten einleitenden Augengeplänkel begonnen hatte ... Nun sie frei war, was hinderte sie, zum Angriff überzugehen?
Ha, ha, ha, wollen sehen, wer stärker ist – du oder ich[3q]! Mein Recht – oder deine Macht, Frau Susanne! Nicht daß der Brief gekommen war – nicht das war es, weswegen Frau Helene die Augen nicht abwenden konnte von dem Briefumschlag, welcher die kapriziösen Schnörkel der Rivalin zeigte ... aber ...
»Untersuchungsgefängnis Moabit[1]« und Frau Susanne – wie kam das zusammen[1q] –?
– Mit einem Male stieg eine Phantasie in Helenes Seele auf, so aberwitzig und zugleich so ... so befreiend ... so verheißungsvoll ... daß ihr die zierlich gefältelte Krause um den Halsausschnitt des eleganten Morgenkleides zu enge wurde ...
Also, der Geheimrat Doktor Artur Mengershausen hatte sich nicht selber das Leben genommen – er war ermordet worden ... und Frau Susanne Mengershausen war verhaftet worden unter dem Verdachte, die Mörderin ihres Gatten zu sein ...
So phantasierte Frau Helene ...
Gleich darauf schlug sie sich mit dem Rücken der rosigen, fleischigen Hand gegen die Stirn: Herrgott – sind wir Weiber doch eine ekelhafte Gesellschaft –! Wenn unsre – na, nennen wir's doch schon beim rechten Namen – wenn unsre Eifersucht im Spiel ist – dann trauen wir der Nebenbuhlerin gleich jede Teufelei, jedes Verbrechen zu!
Aber seltsam und spannend war es doch, die Schrift der Verhaßten – und dieser ... dieser Hintergrund ... seltsam und spannend war das, wie überhaupt der Gedanke, daß es sich ja nun entscheiden würde, ob sie überhaupt recht gesehen ... ob es nicht bloß ein Phantom ihrer allzu zärtlichen, allzu begehrlichen Liebe gewesen war – was sie seit ein paar Wochen mit prickelndem Schmerz in allen Nerven, in allen Sinnen empfand – daß diese schöne, diese sündhaft schöne Frau – das Weib eines um fünfundzwanzig Jahre älteren Mannes, den die Lebensarbeit aufgerieben hatte, trotz Ruhm und Gold ... daß die dem Gatten einer anderen Frau die dunkelfeuchten, langbewimperten Augen öfter und tiefer geöffnet hatte, als dieses andern Mannes Frau es sich eigentlich gefallen lassen durfte – als sie, Helene, es sich eigentlich gefallen lassen durfte ...
Und nun war dieser schöne schwarze Satan plötzlich frei, ganz frei ... Der Herr Gemahl war ritterlich genug gewesen, in einem Anfall von Schwermut sich selber eine Kugel in den Kopf zu schießen und die Gründe zu diesem plötzlichen Schritt noch dazu in einem ausführlichen »Entschuldigungsschreiben« seiner Frau klarzulegen. Da stand es schwarz auf weiß zu lesen, daß er, als der große Sachverständige, der er doch nun einmal war, das Herannahen einer unheilbaren Geisteskrankheit an sich selber festgestellt habe und es deshalb vorziehe, Schluß zu machen ... anstatt Zeuge seiner Selbstzersetzung zu sein und sein Weib noch Jahre hindurch an eine verwitterte Ruine zu fesseln.
Frau Helene mußte lachen, wenn sie daran dachte, wie ihr gestern bei Wertheim der Regierungsrat von Walden begegnet war und ihr gleich entgegengerufen hatte: »Nun, gnädige Frau, was sagen Sie denn zu dem unverschämten Dusel, den die schöne Frau Susanne Mengershausen entwickelt –?« Natürlich – so sprach ja heute ganz Berlin ... Niemand dachte mehr daran, daß Geheimrat Mengershausen in seinem langen, gesegneten Arbeitsleben unzähligen Leidenden Hilfe und Rettung gebracht ... Über das stille, unscheinbare Wirken des großen Helfers und Menschentrösters ging die Gesellschaft mit einem frivolen Witz zur Tagesordnung über ... Daß dieser Mann aber die unerhörte Geschmacklosigkeit besessen, in jenen Tagen, da der Stern seines Lebens schon sank, eine der gefeiertsten Schönheiten der Weltstadt an sich zu fesseln, das hatte man ihm nicht verziehen, und man empfand es wie eine selbstverständliche Ritterpflicht, daß er nun wenigstens Takt genug bewiesen hatte, ohne allzu viel Geräusch von der Seite dieser Frau sich hinwegzustehlen und ihr den Weg ins Leben freizugeben ...
Daß aber dieser Weg nun geradezu auf das nur zu schönheitsempfängliche Herz des Herrn Rechtsanwalt Doktor Gustav Herold zuführte ... das, so meinte Frau Helene Herold, wäre eigentlich nicht nötig gewesen ...
Nun – wir sind ja auch noch da –! Und wenn es denn wirklich auf einen Kampf ankommen soll – vielleicht sind die Waffen doch nicht so ganz ungleich ... Frau Helene konnte es sich nicht versagen, einen Blick in den Spiegel zu werfen, der hinter ihrem Stuhle den Zwischenraum zwischen den beiden Fensternischen ausfüllte. Wenn sie verglich – sie meinte, daß ihre rosige Fülle doch am Ende mit Frau Susannes rassiger Schlankheit in Wettbewerb treten könne ... Freilich ... Augen ... nein – solche Sirenenaugen wie Frau Susanne hatte sie nicht ... Die Augen – ja, das waren der Nebenbuhlerin gefährlichste Waffen, und die wußte sie zu gebrauchen, die andere ...
– Mein Himmel – Gustav konnte sich ja wohl heute gar nicht zum Aufstehen entschließen ... ob er denn heute keine Termine hatte? Freilich – er hatte sich ja die halbe Nacht schlaflos auf seinem Bette gewälzt ... und seine Ehegesellin meinte zu wissen, warum ... hatte doch auch sie keine allzu glückliche Nacht hinter sich ...
Nein, nein, das war nicht wegzudeuten – Mengershausens Tod, das war eine Tatsache, die einen tiefen Einschnitt bedeutete ... Wohl hatte sie es bemerkt, welch mächtigen Eindruck diese Nachricht auf Gustav gemacht, und wie er verändert war in seinem Wesen ... Zwar beim Kondolenzbesuch des Ehepaares hatte Frau Susanne sich verleugnen lassen ... aber das entsprach wohl nur der generellen Anweisung an die Dienerschaft ... Daß sie sich melden würde ... noch ehe die Erde sich über ihrem Gatten geschlossen ... bei Gustav sich melden ... darauf hatte Frau Helene sich eingerichtet. Na, und hatte sie nicht recht behalten –? Da lag er ja schon, der Brief ... Und wieder stieg sie vor Frau Helene auf, diese lächerliche Phantasie ... Frau Susanne mordverdächtig, im Moabiter Untersuchungsgefängnis – und von dort aus streckten sich ihre Arme hilfeflehend zu Gustav Herold aus, zu ihm, der, wenn auch kein berühmter Verteidiger, doch ein tüchtiger, vielgesuchter Rechtsanwalt war ...
Eine abgeschmackte Phantasie. Denn die ausführlichen Berichte der Zeitungen über den Tod des berühmten Gelehrten lagen ja bereits vor. Selbst der Wortlaut des Briefes war bekanntgegeben worden, den er an seine Gattin gerichtet ...
Und trotzdem – dieses gelbe Amtskuvert ... Und Frau Susannes Schriftzüge ... Helene konnte den Gedanken nicht loswerden, daß irgendein interessantes Geheimnis dahinterstecken müsse. Alles in ihr zappelte vor Ungeduld. Endlich hielt es sie nicht länger – sie sprang auf, ergriff den Brief und eilte aus dem Eßzimmer, um Gustav zu wecken. Sie durchschritt die Diele, deren stimmungsvoll-malerische Einrichtung in funkelnagelneuem Glanze strahlte ... die hatte das Paar sich zugelegt, als die ersten Aufsichtsratstantiemen vom Elektrizitätssyndikat eingegangen waren ...
Als sie die Schlafzimmertür öffnete, kam Gustav ihr bereits fertig angezogen entgegen. Der fahle Widerschein einer ruhelosen Nacht voller unrastiger Gedanken lag auf seinem energischen, selbstbewußten Gesicht. – Mit spitzen Fingern hielt seine Frau ihm den gelben Briefumschlag entgegen. Sofort erkannte er die Handschrift – seine Stirn krauste sich zusammen, die grauen Augen irrten einen Moment lang unsicher über die Fläche des Kuverts – und blieben dann verständnislos auf dem amtlichen Aufdruck haften ... prüften den Poststempel, der »Berlin NW, Postamt 52« lautete ... und hefteten sich dann mit jäher Frage auf den Blick seines Weibes:
»Aus Moabit –?!«
»Ja – ich begreif' auch nicht –«
Mit einem Ruck riß Gustav das Kuvert entzwei und entfaltete ihm einen gelben doppelten Quartbogen, dessen Vorderseite an der linken Hälfte einen drei Finger breiten amtlichen Aufdruck trug und mit verschiedenen Stempeln und Namensunterschriften in Tinte und Bleistift versehen war. Er trat ans Fenster des Korridors, überflog stumm die erste Seite des Briefes, wandte um und las auch die zweite – – dabei furchte seine Stirn sich immer tiefer, in schweren Atemzügen begann seine Brust sich zu heben und zu senken, die Linke, die den Brief hielt, zitterte leise, die Rechte fuhr einmal mit einer hastig unsicheren Bewegung über die Stirn und das korrekt gescheitelte braune Haar – dann reichte sie der atemlos harrenden Frau das Papier hinüber.
Und Frau Helene las:
»Lieber Freund, etwas Unmögliches ist mir widerfahren: Man hat mich soeben verhaftet. Ich soll die Schuld an dem Tode meines unglücklichen Gatten tragen. Mein Hausfräulein hat mich denunziert, die große blasse Person mit dem impertinent roten Haar, die Ihnen bei meinem letzten Jour auffiel; erinnern Sie sich vielleicht? Mitten aus dem traurigen Geschäft der letzten Fürsorge für meinen teuren Verstorbenen hat man mich herausgerissen – gerade vor seiner Bestattung. Ich flehe Sie an, lieber Freund – kommen Sie sofort zu mir. Sie müssen mir beistehen, müssen mich verteidigen, wenn es wirklich notwendig werden sollte. Ich habe ja von all diesen schrecklichen Dingen gar keine Ahnung. Ich erwarte, daß Sie mich ohne Verzug aufsuchen. Erzählen Sie Ihrer lieben Frau, wie man mir mitspielt. Und wenn sie die übergroße Güte haben wollte, in meinem Hause ein wenig nach dem Rechten zu sehen, so wäre ich ihr unendlich dankbar. Sie aber erwarte ich, sobald Ihre Zeit es Ihnen irgend gestattet, sich nach mir umzusehen. Ihre unglückliche
Susanne Mengershausen.«
Mit blassen Gesichtern starrten die Ehegatten sich an. Aus Helenes blauen Augen rannen ein paar jähe Tränen über ihre rundlichen Wangen und verblitzten auf dem Spitzengeriesel ihres Morgengewandes.
»Grauenhaft –« flüsterte sie ohne Ton.
»Eine unfaßliche Geschichte –« stammelte Gustav.
»Du wirst natürlich sofort zu ihr hinmüssen – nicht wahr?«
»Selbstverständlich ... aber nein, ich habe mehrere Termine am Kammergericht[3] heute morgen – ich werde mal mit meinem Sozius telephonieren – soviel ich weiß, ist er heute ebenfalls unabkömmlich ... dann müßte ich unter allen Umständen erst nach der Lindenstraße ...«
»Mein Gott, die arme Frau wartet auf dich – bedenk' doch, Gustav –!«
»Ja, liebes Kind, meine Termine muß ich wahrnehmen, da hilft kein Gott – sonst nehmen die Kollegen Versäumnisurteil – also ich werde telephonieren.«
Es stellte sich heraus, daß Rechtsanwalt Herold tatsächlich an diesem Morgen auf dem Gerichte nicht zu entbehren war. Frau Helene bat ihn, der unglückseligen Frau doch sofort ein Telegramm zu schicken, in dem er ihr seinen Besuch ankündigte. Eine seltsam weiche, versöhnliche Stimmung hatte sie plötzlich überkommen. Mitfühlend war sie von Natur – und zu diesem Instinkt gesellte sich die Empfindung, als ob die Gefahr, die sie in unmittelbarer Nähe gewähnt, durch diese überraschende Konstellation zum mindesten in eine gewisse Entfernung gerückt sei ...
Während Gustav sein Frühstück hinunterschlang, warf er auf einen Block hastig ein Telegramm hin, das »an die Untersuchungsgefangene Frau Susanne Mengershausen, Moabit, Untersuchungsgefängnis, Zelle 287« gerichtet war ... Sein Wortlaut: »Komme sobald als irgend abkömmlich spätestens im Laufe des Nachmittages. Rechtsanwalt Herold.«
Währenddessen ging es Helene immerfort im Sinn herum, wie ihr vor einer halben Stunde im ersten Augenblick, als sie die seltsame Zusammenstellung von Aufdruck und Schrift des Moabiter Kuverts entdeckt hatte, sogleich diese phantastische Vorstellung durch den Kopf gezuckt war, die nun als unheimliche Wirklichkeit vor ihr stand ... Welch grauenvolle Witterung für das Allerunwahrscheinlichste ... War das der Instinkt der Eifersucht? Sie dachte doch sonst von allen Menschen das Beste, gönnte ihnen soviel Gutes, als sie nur immer sich wünschten ... Freilich – ihren Gustav ... den mußte man ihr lassen ... wer ihr da zu nahe trat – nun, ein bißchen Dämon, ein bißchen Furie steckte doch wohl am Ende auch in ihr, in der blonden, rosigen Helene Herold ...
Es prickelte ihr in allen Nerven, Gustav ihren wahnsinnigen Einfall von vorhin zu erzählen ... Aber – würde er nicht sofort den Ursprung dieser plötzlich erwachten Sehergabe erkennen? Und war es politisch, ihn, den hoffentlich doch noch ganz ahnungs- und arglosen, zum Mitwisser ihrer eifersüchtigen Wallungen zu machen? Hieß das nicht, seine Unbefangenheit – wenn sie überhaupt vorhanden war – gewaltsam zerstören? Ihre Rivalin war ja doch einstweilen sozusagen kaltgestellt ... denn schließlich – angesichts einer Anklage auf Tod und Leben ... zwischen den Wänden des Untersuchungsgefängnisses ... hörte das Kokettieren am Ende doch wohl auf, sollte man meinen –! Freilich ... Susanne Mengershausen – ah bah ... die würde noch mit dem Henker kokettieren, wenn er das Richtschwert nach ihrem schlanken, elfenbeingelben Nacken zückte ...
Und Gustav –? Was ging in ihm vor in diesem Augenblick? Mit lauernden Blicken beobachtete Helene den Gatten. Völlig instinktmäßig, in nervöser Zerfahrenheit stopfte er sein Frühstück in sich hinein ... Förmlich durcheinandertaumeln sah man seine Gedanken wie einen Schwarm aufgescheuchter Fledermäuse beim hellen Tageslicht ...
»Unfaßlich ...« knurrte er zwischen den Zähnen ... »Unfaßlich ...«
»Was ist unfaßlich ...?« fragte Helene.
»Na – die ganze Geschichte! Nach den gestrigen Zeitungsnotizen mußte man doch annehmen, die Sache sei völlig klargestellt ... Ein Pistolenschuß, ein eigenhändiger Brief an die Gattin ... und nun –? eine Denunziation der Zofe –? Eine Verhaftung wegen Mordverdachts –? Ich zerbreche mir vergeblich den Kopf –«
»Vielleicht –« sagte Helene langsam und nachsinnend vor sich hin – »vielleicht ... war der Brief am Ende gar ... gefälscht«
Gustav sah auf, peinlich betroffen.
»Also für dich existiert eine – auch nur entfernte – Möglichkeit, daß Susanne ... daß Frau Mengershausen ... –?! Das war nicht hübsch, Helene.«
»Wieso –?« fragte Helene mit gesenkten Augen. »Es kommen heutzutage ja doch täglich die haarsträubendsten Geschichten vor ... man kann sich ja eigentlich auf keinen Menschen mehr verlassen ... und schließlich ... wenn man den klapprigen Mengershausen so ansah ... und neben ihm ... diese Frau – da hatte man doch immer schon heimlich so das Gefühl: das kann doch nicht gut gehn auf die Dauer –! Irgendetwas muß da passieren – über kurz oder lang!«
Der Rechtsanwalt wagte keine Widerrede. Was seine Frau da aussprach, das hatte er selbst hundertmal gedacht und das ein oder andere Mal gewiß auch wohl zum Ausdruck gebracht ... irgendeinem näheren Freunde gegenüber. Und es war ja das Urteil der ganzen Welt gewesen.
Eine stumme Pause, während deren Gustav mit hastigen Griffen seine Privatkorrespondenz und die paar amtlichen Schriftstücke öffnete, die sich doch täglich, statt in das Büro, in seine Privatwohnung verirrten. Inzwischen schweiften Helenes Gedanken in die Zukunft der nächsten Stunden hinaus und suchten sich vorzustellen, wie ihr Gatte nun bald der hart verklagten Frau als Vertrauter ihrer Not und Hilflosigkeit gegenüberstehen würde ... Draußen in Moabit, in jenem kahlen, winzigen, unheimlichen Raum, den Gustav ihr schon früher einmal beschrieben hatte, als er – ein seltener Fall bei dem fast ausschließlich in Zivilsachen tätigen Kammergerichtsanwalt – einmal eine Offizialverteidigung zugewiesen erhalten hatte und von seinem Besuch bei der inhaftierten Angeklagten zurückgekommen war ... Eine Situation, bei der Frau Susanne sich vielleicht doch in etwas weniger vorteilhafter Beleuchtung präsentieren möchte als bei Fünfuhrtees, Premieren und Ballfestlichkeiten ...
»Sag mal, Gustav –« begann Frau Helene, »wirst du denn den Fall überhaupt übernehmen –? Du bist doch eigentlich gar kein Verteidiger – sonst sagst du doch immer ordentlich mit einer Art von Stolz, daß du nur Zivilanwalt seist ... und oft genug hast du es ausgesprochen, daß diese ... diese berufsmäßigen Verteidiger ... daß sie gewissermaßen –?«
»Na ... das ist doch wohl ein besonderer Fall ... Vergiß nicht, liebes Kind, wie ich dem Ehepaare Mengershausen überhaupt nähergetreten bin. Daß ich Mengershausens operativem Geschick – wie viele hundert Andere – doch wohl aller Wahrscheinlichkeit nach mein Leben zu verdanken habe. Meine komplizierte Blinddarmoperation vor vier Jahren ... war doch dicht vor Toresschluß, nicht wahr –? Und was Frau Susanne während meiner Rekonvaleszenz in der Mengershausenschen Klinik mir und auch dir geworden ist ... das wollen wir denn doch nicht so einfach ausstreichen auf die hoffentlich völlig gegenstandslose Denunziation irgendeiner hergelaufenen Person hin –?!«
»Nun ja doch, ja – daß Frau Mengershausen zuerst auf dich verfallen ist ... das begreife ich ja sehr wohl ... aus der Nähe unserer Beziehungen ... Aber ... nimm es nicht übel ... du hast doch oft genug gesagt, zu einem erfolgreichen Strafverteidiger gehört eine ganz besondere Routine ... Spezialist muß man sein, auch da ... Wäre es denn nicht ... vielleicht ... nützlicher für die Frau Geheimrat, wenn ... wenn statt deiner ... einer der allbekannten, gerissenen Verteidiger ihre Sache übernehmen würde – der Sello oder der Wronker oder so einer – wie?«
»Na erlaube mal, liebes Kind – das kannst du nun wohl doch am Ende mit gutem Gewissen mir überlassen!«
Frau Helene merkte, daß sie sich vergaloppiert hatte. Nein – das konnten sie nun einmal nicht vertragen, die Männer ... ihrer so wenig wie irgendein anderer ... An ihren beruflichen Fähigkeiten zweifeln ... und sei es auch auf dem entlegensten Gebiete – nein, das ließen sie sich nun einmal nicht gefallen.
»Aber Gustav – du hast mich gewiß nicht richtig verstanden ... natürlich kommt mir's nicht im entferntesten in den Sinn, als ob der Sello oder der Wronker mehr könnten wie du – Ich meine, dafür solltest du mich doch kennen! Ich habe das auch bloß ... bloß so hingesagt ... Ich dachte mir ... sieh mal, wenn Frau Mengershausen nun am Ende doch nicht so ganz ... doch nicht so ganz rein dastände ... und wenn sie am Ende gar ... hinterher verurteilt würde ... würde dann nicht jeder sagen: na ja, warum hat sie sich auch einen Verteidiger gesucht, der sich sonst eigentlich gar nicht mit derartigen Sachen befaßt –? Hätte sie den und den genommen, dann wär's gewiß anders gekommen!«
»Entschuldige, liebes Kind – aber du bist ein bißchen albern. Im Ernste wirst du Frau Mengershausen doch wohl eine derartige Tat überhaupt nicht zutrauen. Oder etwa doch –?«
Frau Helene stand hastig auf – ihre Lippen zuckten, ihre rosigen Finger zerrten ein Spitzentaschentüchelchen aus den Falten des Morgenrocks und tupften damit die überfließenden Augen.
»Es hat wohl keinen Zweck, noch weiter über die Sache zu sprechen ... Wenn Frau Susanne Mengershausen in Betracht kommt, dann ... dann – –«
»Na was dann – bitte –?«
Frau Helene verlor ihre Fassung.
»Bildest du dir vielleicht ein, ich bin blind und blödsinnig –?!« Und mit einem erstickten Aufschluchzen rannte sie aus dem Zimmer.
Gustav Herold saß einen Augenblick stumm, mit fest zusammengezogenen Brauen und verkniffenen Lippen, und starrte auf das weiße Viereck, welches das Fenster, von einem spitzendurchsetzten Store verhangen, in die pompeijanischrote Wand des Eßzimmers hineinschnitt. Dann zuckte er resigniert die Achseln.
Na ja – murmelte er halblaut vor sich hin ... Na ja – –
Mit einer ruckartigen Bewegung raffte er sich zusammen, stand auf, griff nach der Aktenmappe, in welcher er die Sachen, die er zur häuslichen Bearbeitung vom Büro mitgenommen, bei sich führte – und schritt mit straffen Bewegungen aus der Stube. Vor dem Garderobenschränkchen sann er einen Augenblick nach, welche Oberkleidung die Temperatur wohl erfordern möge. Er entschied sich für den Pelz ... Zwar war es eigentlich gar nicht so besonders kalt ... Aber ... na ja, er wählte eben den Pelz ... und selbstverständlich Zylinder ... denn immerhin ... es galt doch einen Besuch bei einer schönen ... bei einer verehrten Frau ... Wenn auch unter besonderen Umständen ... die Dame war in jedem Falle zu respektieren ... Am liebsten hätte er auch noch den modisch dunkelbraunen Jakettanzug und den Diplomatenschlips mit Gehrock und langer Binde vertauscht ... aber er schämte sich doch wohl ein bißchen vor Helene ...
Überhaupt – ob es nicht zweckmäßig war, Helene schnell noch vorher zu versöhnen, ehe er ging –? Sie schleppte sich sonst den ganzen Morgen mit Gedanken herum ... zu denen doch auch nicht der geringste Anlaß vorlag ... auch nicht der geringste ... also schnell zu ihr –!
Er fand sie im Schlafzimmer. Sie stand am Fenster und starrte in den weiten, von riesigen Fenstermauern im Geviert umrahmten Schacht des Hofes hinaus, aus dessen Tiefe mit hartem Widerhall das Teppichklopfen des Portiers empordrang. Ihre Schultern zuckten in verebbendem Weinen ... das nun aber wieder heftiger wurde, da sie seinen Schritt vernommen. Sie wandte sich nicht zu ihm um. Da trat er auf sie zu, legte beide Arme von hinten um ihre runden Schultern, so daß seine Hände sich über ihrem weichen Busen kreuzten, und zog sie an sich.
»Dummchen du –!« flüsterte er. »Na – hab' ich nicht Recht –? warst du nicht ein richtiges Dummchen –?!«
»Ich weiß doch nicht –!« flüsterte sie noch immer abgewandten Blicks und tiefgesenkten Kopfes.
Da zog er sie fest an sich, hob mit beiden Händen das runde Kinn und drückte seine Lippen auf die ihren.
»Schäfchen!« flüsterte er, »mein herzallerliebstes Schäfchen du –!«
Da legte sie die duftenden Arme fest um seinen Nacken, versteckte ihr tränennasses Gesicht an seiner Brust, tief in das rauhe Pelzwerk seines Mantels hinein, und stammelte, vom Weinen halb erstickt:
»Ich hab' dich doch so lieb, Gustav – so wahnsinnig lieb –! Und eine Angst hab' ich ... eine Angst –! Ach Gott, ich kann's dir gar nicht sagen, wie entsetzlich bang mir ist, wie entsetzlich bang –!«
*
Mit qualvoller, immerwährend steigender Nervosität hatte Gustav Herold die vier Stunden ausgehalten, die erforderlich gewesen waren, um seine Termine am Kammergericht zu erledigen. Es war ihm fast unmöglich gewesen, sich bei den Plaidoyers soweit zu konzentrieren, wie es das Interesse der Klienten erforderte. Beim Vortrag einer umfangreichen Bausache, die in zahllose kleine Einzelfragen zerfiel, hatte er sich dermaßen verheddert, daß das Gericht schließlich ungeduldig geworden war und eine Vertagung auf acht Tage »behufs genauerer Vorbereitung des Anwaltes der Berufsklägerin« in Vorschlag gebracht hatte. Nur seinem feststehenden Ruf als fleißiger und gewissenhafter Arbeiter hatte er es zu verdanken, daß Gericht und Gegenanwalt auf seine offensichtliche Indisposition Rücksicht nahmen, und eine ärgerliche Szene vermieden wurde. Tief aufatmend konnte er um halb zwei Uhr mittags Barett und Robe in den Schrank hängen und die weiße Halsbinde wieder mit der farbigen vertauschen. Mit flüchtigem Gruß entriß er sich dem Geplauder der Kollegen, stülpte den Zylinder auf den Scheitel und hastete über die dunklen Korridore, die wuchtigen Stiegen des altehrwürdigen Gebäudes hinab, trat augenblinzelnd in die Sonnenhelle des Wintertages hinaus, die auf der breiten Asphaltfläche der Lindenstraße lag, rief ein Automobil heran, sank erschöpft in die Polster, entzündete eine Zigarette und versank in ein tiefes Brüten nachschürfender Erinnerung.
Vor vier Jahren war's gewesen ... Im zweiten Jahre seiner jungen, heißverliebten, in einem ewigen Rausch der Sinnenwonne hintaumelnden Ehe, als die tückische Krankheit ihn niedergerissen hatte ... In der Traumbefangenheit eines seelenumschleichenden Fiebers war er in die Privatklinik des Geheimen Sanitätsrat Doktor Artur Mengershausen geschafft worden ... Was dort mit ihm vorgegangen war, lag endlos weit hinter ihm, wie die verschollenen Erlebnisse einer früheren Existenz auf einem fernen Stern ...
Nur die beruhigende Stimme eines stattlichen, doch schon leicht gesenkten Graukopfs mit spiegelnden Brillengläsern und stets peinlich ausrasierten schneeweißen Bartkoteletten klang wie ein sanfter Orgelton durch die Wirrnis jener blassen zerfahrenen Erinnerungen hindurch ...
Und dann die lange todesmatte Rekonvaleszenzzeit, deren erste endlose Wochen noch in der tiefen, stumpfen Ruhe der Klinik verbracht werden wollten ... Und da war zum erstenmal das mattgelbe Oval unter dem schwarzen, sezessionistisch tiefgescheitelten Haargesträhn aufgetaucht – das doch ganz beherrscht wurde von einem Paar übergroßer schwarzer Augen ... in deren Dunkelheit es immer flirrte und wirrte wie der geheimnisvolle Widerschein einer tief drunten verschlossenen Welt ...
Frau Susanne Mengershausen ... die einzige Tochter jener Irma Ressel, die einst ein leuchtender Stern der deutschen Opernbühne gewesen war und nun als eingeschnurrte, geradezu ein wenig hexenhafte Matrone still und unpersönlich im Haushalt ihres Schwiegersohnes, des berühmten Arztes, hindämmerte ...
Zwischen den beiden Ehepaaren, dem alternden Arzt mit seiner um fünfundzwanzig Jahre jüngeren Frau und den schier blutjungen Rechtsanwaltsleuten hatte sich aus der beruflichen Berührung ein lebhafter Verkehr entwickelt, dessen gesellschaftlicher Charakter sich nach und nach in einen freundschaftlichen umgewandelt hatte. Aber neben diesem offiziellen Verkehr, der sich in durchaus normalen und sympathischen Formen abwickelte, war etwas andres hergegangen, etwas tief Verschwiegenes, scheu vor der Welt sich Bergendes –
Gustav Herold war nicht nur von Beruf ein Anwalt des Rechts – er war auch von Natur und Temperament ein Mann der Korrektheit und Ordnung. Unklare Verhältnisse auf jedem Lebensgebiete waren ihm ein Greuel, untergruben die fröhliche Sicherheit seines Wesens, aus der allein heraus er schaffen und das Leben ertragen zu können meinte ... Seine Ehe blieb musterhaft, auch als die zerstörenden Wirkungen dieses Neuen seiner eigenen Seele zum Bewußtsein kamen. Mit nur um so innigerer Zärtlichkeit war er aus dem Bann der dunkelflimmernden Augen Susannes in die stets offenen Liebesarme seines Weibes zurückgeflohen. Und noch lange Zeit hindurch war Frau Helene eine völlig arglose Zuschauerin des immer vertrauteren Verkehres gewesen, der ihren Gatten mit jener anderen Frau zusammenführte, mit ihr, für die sie selber eine heftige Zärtlichkeit, eine fast neidische Bewunderung empfand ... Erst seit der häufigeren Berührung mit jener war sie sich ihrer eigenen Unbedeutendheit bewußt geworden ... Niemals aber hatte sie eine Gefahr für ihr eigenes Glück geahnt ... Bis eines Tages –
Ein Schwall wilder und weher Erinnerungen umflatterte das Hirn des einsam grübelnden Mannes, den das Auto in rasender Schnelligkeit durch den klaren Wintermorgen des geschäftigen Berlin gen Norden trug ... einem Wiedersehen entgegen, so beklemmend schaurig, wie er es sich niemals hätte träumen lassen ... damals, als ... als ihm mit unwiderleglicher Klarheit die Erkenntnis entgegengestarrt hatte ... daß ... daß nur eins noch ihn hätte retten können:
Schleunige Flucht ... völlige Trennung ...
Er hatte versucht, was in seinen Kräften stand. Er hatte sich Mühe gegeben, den bisherigen intimen Verkehr mit dem Mengershausenschen Ehepaare nach und nach ein wenig förmlicher, ein wenig entfernter zu gestalten ... Aber Frau Susanne hatte ihn nicht losgelassen.
Voll grimmiger Gewissensqual entsann sich Gustav Herolds korrekte Normalmenschenseele jenes Alpenballes im vorigen Fasching ... Frau Susanne im Kostüm einer Oberinntalerin, dessen ländliche Schlichtheit einen so pikanten Gegensatz zur mondänen Überkultur ihres eigenen Wesens bildete. Sie hatte ihn völlig in Beschlag genommen, war im tollsten Überschwang der Stimmung stundenlang an seinem Arm durch das Gewühl all der Salontiroler und künstlichen Älplerinnen geschwärmt, welche das Labyrinth der Krollschen Räume mit Tanz und Flirt und bacchantischem Lärm durchfluteten ...
Und schließlich war es droben, auf der Galerie, bei einer tiefaufatmenden Rast zu jener ... Aussprache gekommen, an die Gustav Herold noch immer zurückdachte wie an einen ersten Sündenfall ... aus dem eines Tages etwas unsagbar Schreckliches mit der logischen Notwendigkeit eines Naturprozesses sich entwickeln mußte ...
Und nun war es da, dies Schreckliche, dies Unausdenkbare ...
Aber nein – das alles war ja gar nicht wahr. Das war ja nur ein groteskes Spiel eines hämischen Zufalls, das sein klarer Blick, seine Berufstüchtigkeit mit ein paar raschen Griffen entwirren würde ... Von Stund an würde er nur noch Jurist sein, nur noch Anwalt, Anwalt des Rechts ... das ja auf Frau Susannes Seite stehen mußte, mußte – –
Das Gegenteil war ja undenkbar. Frau Susanne hatte wie eine Verschmachtende an der Seite des alternden Mannes dahingelebt ... Aber ... eine Mörderin ... eine Verbrecherin –? Pah – lächerlich –!
Nur die Phantasie einer verruchten, hysterischen, zweifellos durch Hintertreppenlektüre verdorbenen Domestikenseele hatte solch eine abgeschmackte Beschuldigung ausbrüten können –!
Nun – wir werden ja sehen ... wir werden ja hören –!
Eine tiefe Ruhe, eine aufrechte Entschließung senkte sich in das wüste Hirn des grübelnden Mannes.
Und da hielt auch schon das Auto vor dem schmalen Pförtchen, das den Eingang zu dem Untersuchungsgefängnis für die weiblichen Inhaftierten erschließen sollte. Nach wenigen Minuten stand Rechtsanwalt Herold vor dem Gefängnisinspektor und brachte sein Begehr vor: er sei der Verteidiger der gestern eingelieferten Untersuchungsgefangenen Frau Susanne Mengershausen, von ihr zu einer ersten Rücksprache bestellt – er bitte sie sprechen zu können.
»Bitte um die Bescheinigung!« sagte der Beamte fest ohne aufzublicken.
»Welche Bescheinigung?« fragte Herold bestürzt.
»Nun, die Genehmigung des Herrn Untersuchungsrichters.«
Der Rechtsanwalt bekam einen roten Kopf. Na ja – da hatte man's schon –! Das kam davon, wenn man sich mit Berufsgeschäften befaßte, zu denen einem denn doch die nötige Routine fehlte –!
Der erfahrene Beamte sah mit schwachem Lächeln auf: Aha – ein Anfänger, der noch keinen Schimmer hat –!
Herold wollte sich nicht noch weiter blamieren.
»Entschuldigen Sie – ich hatte in der Eile gar nicht daran gedacht ... Ich werde hinübergehen und mit dem Untersuchungsrichter Rücksprache nehmen. Können Sie mir vielleicht sagen, welcher Herr die Untersuchung führt?«
Der Beamte warf einen Blick über die Registratur, die über seinem Arbeitspult aufgebaut war, und hatte mit einem Griff sofort das richtige Aktenstück zur Hand.
»Untersuchungsrichter Dreiundzwanzig,« sagte er lakonisch.
»Danke verbindlichst.«
Der Rechtsanwalt war wieder draußen an der frischen Luft. Die Automobile sausten, die Elektrischen klingelten betäubend, der lebhafte Verkehr der frühen Nachmittagsstunde strudelte an ihm vorüber. Und da drinnen, hinter diesen hohen, starren Mauern ... diesen vergitterten Fensterreihen ... da drinnen irgendwo saß ... sie ... und harrte seiner ...
Gustav Herold schlenderte die Straße entlang und fahndete nach einer Buchhandlung, um sich die neueste Auflage eines Kommentars zur Strafprozeßordnung zu kaufen, von dem er nur eine uralte Auflage besaß. Vergebens ... in diesen Außenbezirken des weltstädtischen Lebens gab es nur kleine Sortimentskrämchen mit der üblichen Lektüre des arbeitenden Volkes ... den abscheulichen Nick-Carter-Heften[4] ... der ganzen erbärmlichen Schundliteratur, die der Gebildete nur von außen, nur dem Rufe nach kennt ... Es blieb ihm nichts anderes übrig, als abermals im Auto in die nächste erreichbare Zone höherer Kultur zurückzusausen, ins Quartier latin[5] ... dort fand er sofort das Gesuchte. Und da er, der vielbeschäftigte Anwalt des Handelsrechts, nun plötzlich zum Kriminalisten gestempelt worden war, versah er sich schnell noch mit weiterem Rüstzeug, dem »Strafrechtslexikon« des Reichsgerichtsrates Stenglein, das ihm in dieser bequemen Form schnell eine Übersicht über die höchstrichterliche Stellungnahme zu den wichtigsten strafrechtlichen Problemen bot. Während der Rückfahrt studierte er die längst vergessenen Bestimmungen, überflog die Stichworte »Mord«, »Totschlag«, »Versuch«, »Teilnahme«. Dann vertiefte er sich in die »Rechte der Verteidigung«. Er hatte schnell den in Betracht kommenden Paragraphen 148 der Strafprozeßordnung ermittelt, der dem verhafteten Beschuldigten zwar mündlichen und schriftlichen Verkehr mit dem Verteidiger gestattet, diesen Verkehr aber, solange das Hauptverfahren nicht eröffnet ist, erheblich einschränkt, indem er bis zu diesem Zeitpunkte den Richter zu der Anordnung befugt, daß den Unterredungen mit dem Verteidiger eine Gerichtsperson beiwohne ...
Aus dieser Befugnis des Richters folgte logisch, daß vor Eröffnung des Hauptverfahrens der Besuch des Verteidigers bei dem verhafteten Angeschuldigten ohne vorgängige Genehmigung des Richters – in diesem Falle also des Untersuchungsrichters – nicht zulässig sei ...
Der Gefängnisbeamte war somit vollkommen in seinem Recht gewesen, und es galt zunächst das Einverständnis des mit der Sache befaßten Untersuchungsrichters herbeizuführen. Was aber das Bedrückendste war: man mußte sich darauf gefaßt machen, daß der Untersuchungsrichter dem Verteidiger eine Gerichtsperson beigeben werde, welche der Unterredung des Verteidigers mit seiner Klientin beizuwohnen haben würde ...
Und wenige Minuten später befand sich Gustav Herold in einem Milieu, das ihm aus seiner eigenen um neun Jahre zurückliegenden Referendar[6]zeit in der Erinnerung war: im Vorzimmer des Untersuchungsrichters Dreiundzwanzig. Ein halbes Dutzend Menschen verschiedensten Alters und Standes saß da herum, lauter Erscheinungen, in denen der lethargische Stumpfsinn des langen Wartenmüssens in dumpfer Atmosphäre mit dem Fieber jener Erregung zusammenrann, die sich stets des Laien bemächtigt, wenn er mit der schicksalsmächtigen Gewalt der Rechtspflege in Berührung tritt ...
Er zeigte dem diensthabenden Gerichtsdiener Frau Susannes Brief und bat, ihm sobald als irgend möglich das Gehör des Richters zu verschaffen.
»Der Herr Untersuchungsrichter hat Termine,« schnarrte der Gerichtsdiener. »Setzen Sie sich, Herr Rechtsanwalt – warten Sie.«
Der lümmelhafte Ton, dessen sich der Rechtsanwalt von derartigen Unterbeamten stets zu versehen hatte, und der nur einen Widerhall des zweifelhaften Rufes bildete, dessen sich der Strafverteidiger in seiner Berufsausübung auf seiten der Gerichte selbst erfreute, war dem erfahrenen Anwalt keine neue oder überraschende Erscheinung. Dieses Phänomen galt es mit gelassenem Achselzucken hinzunehmen ...
Länger denn eine halbe Stunde hatte Gustav Herold Gelegenheit, den Gedanken, die sein Haupt umschwirrten, wiederum Audienz zu geben. Ja – ja – wer dem Leben gewachsen sein wollte – der mußte doch wohl Nerven wie Hanfseile haben! Also dies erste schauerliche Wiedersehen – das sollte sich vollziehen nicht einmal unter vier Augen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach in Gegenwart eines Justizbeamten ... eines Gerichtsschreibers vielleicht, eines ehemaligen Unteroffiziers ... oder eines jungen, eleganten, monokeltragenden, neugierigen Referendars ...
Arme, schöne Frau Susanne –!
Und als nun Gustav Herold mechanisch seine Taschenuhr zog, da wies sie die dritte Nachmittagsstunde ... und mit Entsetzen fiel ihm ein, daß die schwarzumränderte Todesanzeige, die als einziges Lebenszeichen Frau Susannes aus ihrem jungen Witwenstand in sein Haus hinübergeflogen war, ehe der heutige Brief ankam – daß die auf heute nachmittag drei Uhr zur Beerdigung des Geheimrats Doktor Mengershausen eingeladen hatte –!
In diesem Augenblick also, in diesem nämlichen, hatte sich in der prunkvollen Häuslichkeit des Verstorbenen das Trauergeleit versammelt ... in diesem Augenblick stand wohl auch Helene im schwarzen Gewand am Sarge des Mannes, in dem sie den Retter ihres Gatten verehrt hatte ...
Grauenhaft mußte diese Beisetzungsfeierlichkeit sein –! In den Herzen der Hunderte, die dort zusammengeströmt sein würden, nur der eine Gedanke – der Gedanke an die Herrin dieses Hauses, an den Menschen, der dem Verstorbenen von allen am nächsten gestanden hatte ... und der nun fern, fern da oben in Moabit im Untersuchungsgefängnis saß ...
Und dann – ein schriller Kontrast zu dieser Grundstimmung aller Versammelten – in getragener Feierlichkeit sich abwickelnd, das Zeremoniell der Beisetzungsfeierlichkeit ... Trauergesänge eines Männerquartetts – die Leichenrede des Geistlichen, der gewiß im letzten Augenblick bei der Nachricht von der entsetzlichen Wendung, die sich gestern abend vollzogen hatte, sein ganzes wohlvorbereitetes Konzept hatte über den Haufen werfen müssen, um in einem tragischen Eiertanz der Beredsamkeit an der schroffen Klippe vorbeizugaukeln, an welcher der gemessene Ernst frommer Ergebung jählings in klirrendem Schiffbruch hätte zerschellen müssen ...
– Aber nein – das ging nicht ... Gustav konnte unmöglich warten, bis der Untersuchungsrichter Dreiundzwanzig das ganze Programm seiner Tagesarbeit abgewickelt haben würde ... Es gab förmlich einen kleinen Kampf mit dem Gerichtsdiener, als der Rechtsanwalt es unternahm, in das Allerheiligste des Inquisitors vorzudringen. Aber es gelang ihm schließlich doch, an die Türe zu klopfen, aus der ein indigniert scharfes »Herein« erscholl ... Herold trat ein. Hinter Aktenstößen saß der Richter, der sich nun aus seiner lässigen Haltung, in der er den unglücklichen Zeugen ihm gegenüber auf dem Stuhl dort ausgequetscht hatte, zu autoritativer Straffheit emporreckte und ihm entgegenschnarrte:
»Wie ist es möglich, daß Sie hier hereingekommen sind? Hat der Gerichtsdiener Sie durchgelassen, wenn ich fragen darf? Ich habe mir ein für allemal jede Störung während der Termine verbeten –!«
Der Referendar, der als Protokollführer fungierte, und eine andere, patent gekleidete Jünglingsgestalt, die in der Ecke am Fenster dem Aktenstudium obgelegen – Herold erkannte natürlich in ihr sofort einen zweiten, dem Untersuchungsrichter zugeteilten Referendar – also diese beiden jungen Herren weideten sich mit dem lebhaftesten Vergnügen an dem bescheidenen Kitzel dieser dramatischen Unterbrechung ihrer monotonen Tagesarbeit –
»Ich bitte höflichst um Verzeihung, Herr Untersuchungsrichter – ich wurde vom Untersuchungsgefängnis an Sie verwiesen – Rechtsanwalt Doktor Herold.«
Und er reichte dem Beamten Susannes Brief.
Der Untersuchungsrichter knurrte irgendetwas Unverständliches vor sich hin – überflog den Brief ... reichte ihn dem protokollierenden Referendar, indem er mit dem Zeigefinger die Unterschrift bezeichnet:
»Die Akten bitte, Herr Kollege!«
Eifrig kramte der Referendar in den Aktenstößen und reichte alsbald seinem Vorgesetzten einen gelben Umschlagbogen herüber, welcher den mit Tinte ausgefüllten Vordruck trug:
»Vorverfahren gegen die p. Mengershausen wegen Tötung ...«
– Der Fall Mengershausen –! Der ganze Schauder vor dem seelenlosen Funktionieren des Mechanismus des Justizbetriebes, der den Laien stets überfällt, so oft er mit ihm zu tun bekommt, und gegen den der Berufsjurist im Laufe der Jahre völlig abgestumpft wird ... in diesem Augenblicke packte er den Doktor juris Gustav Herold, daß ihm fast schwindelte vor Ekel und Abscheu. Fern im Süden, am Kurfürstendamm, feierte man die Beisetzung eines Toten ... ein paar Häuser von hier hinter Gefängnismauern fieberte des Toten Weib ... Und hier in der muffigen Stube verhandelten ein paar fremde, fühllose Menschen nach dem Schema ihrer Berufsroutine und dem geheiligten Ritus des Paragraphensystems den »Fall Mengershausen« ...
»Sie haben Ihre Bestellung zum Verteidiger noch nicht zu den Akten angezeigt, Herr Rechtsanwalt ...« sagte der Untersuchungsrichter.
»Ich habe erst heute morgen das Ersuchen der Angeschuldigten erhalten, ihre Verteidigung zu übernehmen. Die vorgeschriebene Anzeige erfolgt hiermit.«
»Sie wünschen also die Angeschuldigte zu sprechen?«
»Allerdings.«
Der Richter überlegte einen Augenblick. »Das ist natürlich Ihr gutes Recht. Aber ich halte mich für verpflichtet, von der Befugnis des § 148 Absatz 3 Gebrauch zu machen, und ordne hiermit an, daß den Unterredungen des Verteidigers der Angeschuldigten eine Gerichtsperson beizuwohnen hat. Als solche wird der Referendar Doktor Fritze hiermit bestimmt und beauftragt, den Herrn Verteidiger zum Untersuchungsgefängnis unverzüglich zu begleiten.«
Der junge Herr, der am Fenster über seine Akten gesenkt die Unterredung verfolgt hatte, schnellte empor und verbeugte sich, indem er militärisch die Hacken zusammenschlug.
»Darf ich mir noch eine Frage gestatten, Herr Untersuchungsrichter?« sagte Herold mit mehr Höflichkeit im Ton, als er sich eigentlich vorgenommen hatte.
»Bitte.«
»Ich möchte gerne wissen, was für Verdachtsmomente gegen die Angeschuldigte vorliegen.«
Der Untersuchungsrichter zog die Stirn in Falten und warf einen scharf prüfenden Blick auf seinen Besucher.
»Wie Ihnen bekannt sein dürfte, Herr Rechtsanwalt, steht dem Verteidiger das Recht der Akteneinsicht erst nach dem Schlusse der Voruntersuchung zu. Vorher ist ihm nach dem Wortlaut des Gesetzes die Einsicht der gerichtlichen Untersuchungsakten nur soweit zu gestatten, als dies ohne Gefährdung des Untersuchungszweckes geschehen kann. Ich bedaure, Ihnen aus diesem Grunde die Akteneinsicht nicht gestatten zu können und jede Auskunft verweigern zu müssen.«
Die Stirn des Rechtsanwalts rötete sich. Seine Lippen zuckten.
»Sie sind also der Auffassung, Herr Landrichter, daß, wenn ich in die Akten Einsicht nehmen würde, der ... Untersuchungszweck ... gefährdet sein würde –?«
Gesicht und Stimme des Richters blieben völlig unbeweglich, als er antwortete:
»Nach der Fassung des Briefes der Angeschuldigten an Sie stehen Sie zu der Frau in nahen persönlichen Beziehungen. Ich habe nicht die Ehre, Sie näher zu kennen – aus diesem Grunde bedaure ich bei der von mir geäußerten Auffassung verharren zu müssen.«
Der Rechtsanwalt verneigte sich und wartete stumm, bis der Richter seinen Beschluß in den Akten registriert und auf dem Briefe der Frau Geheimrat Mengershausen einen entsprechenden handschriftlichen und unterstempelten Vermerk angebracht hatte. Dann verneigte er sich kurz vor dem Referendar:
»Darf ich bitten, Herr Kollege –?«
Der Referendar warf einen Blick zu dem Untersuchungsrichter, der mit einem Kopfnicken bestätigte und sich dann wieder zu seinem Zeugen wendete. Von der Abschiedsverneigung seines Besuchers und seines Untergebenen nahm er kaum mit einem flüchtigen Dank Notiz. Und Rechtsanwalt Herold zog ab mit dem jungen Herrn, den man ihm als Aufsichtsperson an die Seite gegeben, damit »der Untersuchungszweck nicht gefährdet würde« ...
Während er mit seinem Begleiter die hallenden Steintreppen des um diese Nachmittagsstunde fast menschenleeren Gebäudes hinunterstieg, durchzuckten sein Hirn blitzartig die Erinnerungen an all jene Erörterungen, die er in der »Deutschen Juristen-Zeitung« gelesen hatte, und welche sich mit der ungeheuerlichen Benachteiligung beschäftigten, die einem in Untersuchung gezogenen Angeschuldigten durch die gesetzliche Gestaltung des Vorverfahrens zuteil wurde. Dinge, mit denen der in Strafsachen versierte Jurist sich längst achselzuckend abgefunden haben mochte ... ihn, den Zivilanwalt, stießen sie förmlich wider die Stirn. Erinnerte das nicht alles an mittelalterliche Zustände –? Gab es nicht jenen Anklägern recht, welche behaupteten, daß der vorsintflutliche Inquisitionsprozeß in wesentlichen Partien unsrer heutigen Strafgesetze noch fortspuke –?
