Mördersommer - W. H. Sarau - E-Book

Mördersommer E-Book

W. H. Sarau

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Beschreibung

Drei gruselig-schaurige Kurzgeschichten aus der Novellensammlung »3 Jahreszeiten«. Epidermis: Der junge Brian führt ein beschauliches Großstadtleben. Er meidet die Gesellschaft um ihn herum so gut es geht, und gibt sich ganz seiner Leidenschaft für Filme hin. All das ändert sich, als die attraktive Elisa neben ihm einzieht … Der Katarakt: Ein langer Heimweg führt zwei Brüder über einen geheimnisvollen See, in dem ein düsteres Geheimnis schlummert … Erntezeit: Peter, ein Schriftsteller, der seine besten Zeiten schon lange hinter sich hat, lebt mit seiner Mutter in einem alten Haus, wo er an seinem nächsten Buch arbeitet. Eines Tages führt ihn sein Weg hinab in die Dunkelheit des weitläufigen Kellers, wo ein uraltes Grauen lauert …

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Die Novellen

Drei gruselig-schaurige Kurzgeschichten aus der Novellensammlung »3 Jahreszeiten«.

Epidermis: Der junge Brian führt ein beschauliches Großstadtleben. Er meidet die Gesellschaft um ihn herum so gut es geht, und gibt sich ganz seiner Leidenschaft für Filme hin. All das ändert sich, als die attraktive Elisa neben ihm einzieht …Der Katarakt: Ein langer Heimweg führt zwei Brüder über einen geheimnisvollen See, in dem ein düsteres Geheimnis schlummert …Erntezeit: Peter, ein Schriftsteller, der seine besten Zeiten schon lange hinter sich hat, lebt mit seiner Mutter in einem alten Haus, wo er an seinem nächsten Buch arbeitet. Eines Tages führt ihn sein Weg hinab in die Dunkelheit des weitläufigen Kellers, wo ein uraltes Grauen lauert …

Der Autor

Walter Herbert Sarau wurde 1972 in Wien geboren. Neben seiner Tätigkeit als Autor und Illustrator arbeitet er hauptberuflich als konzeptioneller Designer und Matte Painting Artist für Film und Werbung. Bereits in frühen Jahren entdeckte er seine Vorliebe für das Genre der Science Fiction, darunter vor allem für dystopische Literatur. Sein Erstlingswerk, »Die Legenden von Carthan«, eine illustrierte Novelle, wurde aufgrund ihrer aufwendigen Gestaltung von einem renommierten Magazin ausgezeichnet. In den Jahren 2019 veröffentlichte er die Novelle »Konstrukt«, den ersten Band einer dystopischen Science Fiction Trilogie, sowie einige Kurzgeschichtensammlungen. Weitere Werke sollen im Jahr 2020 noch folgen, darunter auch der Science Fiction Thriller »Der Staat«. W. H. Sarau lebt und arbeitet im Kurort Semmering in Österreich.

W. H. Sarau

Mördersommer

3 Horror-Kurzgeschichtenaus der Novellensammlung »3 Jahreszeiten«- Horror -

Mördersommer

Originalausgabe im Sarau Verlag

1. Auflage . April 2020

© Sarau GmbH . April 2020

© W. H. Sarau . alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: W. H. Sarau & Sarau GmbH . Werbeagentur

Titelgestaltung: W. H. Sarau

Satz: Sarau GmbH

ISBN 978-3-9504902-5-1

Besuchen Sie uns im Internet auf:

www.sarauverlag.at

Inhalt

Epidermis

Der Katarakt

Erntezeit

EPIDERMIS

Der Mond war bereits vor Stunden aufgegangen.

Der fahle Schein der bleichen Scheibe tauchte das Land in silbriges Zwielicht und war gerade hell genug, um der Dunkelheit ein wenig Einhalt zu gebieten.

Während er atemlos durch den Wald lief und die harten Schatten durchschnitt, die die stumm aufragenden Bäume auf den Boden warfen, dankte er Gott dafür, dass er ihn nicht blindlings durch die Finsternis tappen ließ.

Die letzten Tage hatte es ausgiebig geschneit, und der tiefe Schnee erschwerte sein Vorankommen. Jeder Schritt fühlte sich an, als läge eine tonnenschwere Last auf seinen Schultern. Seine Beine schmerzten, und sein Herz pochte wild in seiner Brust. Für einen Augenblick verfluchte er die Art und Weise, wie er sein bisheriges Dasein verbracht hatte. Die Folgen seines dekadenten Lebensstils schienen ihn just in diesem Moment einzuholen, denn schon nach der kurzen Stecke, die er in diesem unwegsamen Gelände zurückgelegt hatte, fühlte er sich der Erschöpfung nahe.

Sein Körper war träge und schwerfällig geworden.

Er konnte es deutlich spüren.

Die noch vor wenigen Jahren kaum sichtbaren Ringe um seine Hüften waren inzwischen zu träge wippenden Schläuchen mutiert, die von der Schwerkraft unbarmherzig nach unten gezogen wurden und seine Haut unangenehm spannten. Seine Muskeln waren weich, gerade noch kräftig genug, um ihn in der Welt dort draußen zehn, vielleicht zwanzig Stufen hoch zu tragen, ohne dass er kurzatmig wurde. 

Die schlimmsten Spuren jedoch hatte sein ausgiebiger Nikotingenuss hinterlassen. Leises Pfeifen während er schlief, ekelhafter Auswurf am Morgen; all das war zu einem festen Bestandteil seines Lebens geworden, aber er hatte es stets mit überheblicher Lässigkeit beiseite gewischt. 

Das Brennen in seinen Lungen während dieser ungewohnten Anstrengung jedoch konnte er kaum noch ignorieren. Der fehlende Sauerstoff, nach dem die schwer arbeitenden Muskeln verlangten, der jedoch durch die verstopften Blasebälge seines Atmungssystems nicht mehr zu seinen Arterien gelangte, vermittelte ihm das Gefühl, als hätte man ein glühendes Brandeisen in seinen Brustkorb getrieben. Alles brannte und schmerzte, und in regelmäßigen Abständen gab er ein bellendes Husten von sich.

Dennoch lief er immer weiter.

Denn all diesen Umständen zum Trotz trieb ihn der Urinstinkt der menschlichen Natur voran: der Wille zu überleben. Dieser hatte den Menschen seit jeher übermenschliche Leistungen entlockt, vor allem in Extremsituationen.

Während er keuchend durch dieses Labyrinth aus Bäumen hastete, arbeitete sein Verstand fieberhaft daran, die Ereignisse der letzten Wochen Revue passieren zu lassen; versuchte verzweifelt zu rekonstruieren, welche Kette unseliger Ereignisse ihn hierher geführt hatte.

Er blieb abrupt stehen und stützte die Arme auf seine Beine.

Sein Brustkorb schmerzte, als hätte er den Zigarettenvorrat eines ganzen Jahres auf einmal in sich hineingesogen, und seine ausgedörrte Kehle kratzte unablässig und verlangte nach Wasser.

Er wandte sich um und blickte den Hang hinter sich hinab.

Die verfluchte Hütte, aus der er vor kurzem entkommen war, lag noch in Sichtweite.

Noch immer suchte der rotgoldene Schein, der aus den Fenstern trat, durch das Gestrüpp hindurch den Weg in seine Richtung.

Obwohl er schweißgebadet war, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken.

Es hätte in der Tat ein schöner Abend werden können.

Die Voraussetzungen waren mehr als günstig gewesen.

Ein abgelegenes Irgendwo mitten im Nirgendwo. Die behagliche Wärme eines knisternden Kaminfeuers, gutes Essen, teurer Wein und eine Frau, die ohne weiteres als Masturbationsvorlage an den Spindtüren von Fabrikarbeitern hätte prangen können. Jedes romantische Klischee, das natürlich nur den Boden für heißen Sex hätte bereiten sollen, war bedient worden, und unter normalen Umständen hätte dies zu einer hemmungslos ekstatischen Nacht geführt, deren schweißgebadete Umtriebe für immer ein Geheimnis dieser Wälder geblieben wären.

Doch alles war ganz anders gekommen.

Selbst in seinen kühnsten Albträumen hätte er sich kein Szenario vorstellen können wie jenes, das sich noch vor wenigen Minuten dort unten abgespielt hatte.

Er wischte diese Gedanken mit einem Ächzen beiseite und nahm seinen beschwerlichen Lauf wieder auf.

Unmittelbar vor sich erkannte er den schmalen Grat der höchsten Erhebung des Hügels, an dem sich das Ende dieser Tortur vor dem Licht des Mondes abzeichnete.

Hoffnung keimte in ihm auf.

Die Distanz bis zum Ende der Mühseligkeit begann wie eine rückwärts tickende Uhr vor seinem inneren Auge abzulaufen. Nur noch wenige Meter, und es würde bergab gehen. Seine Schritte würden leichter und schneller werden, und die rettende Straße, die er irgendwo im nächsten Tal vermutete, wäre zum Greifen nah.

Die Hoffnung auf seine Erlösung verlieh ihm Flügel.

Er versuchte, die noch verbliebene Strecke zur rettenden Anhöhe durch den dunklen Vorhang aus schneebedeckten Bäumen abzuschätzen.

Vielleicht noch fünfzehn Meter?

Noch zehn?

Das Ziel unmittelbar vor Augen, mobilisierte er die letzten Reserven des geschundenen Kartoffelsacks, der sich Körper nannte, und nach einigen weiteren, für ihn beinahe gigantischen Sätzen erreichte er die schmale Brücke, die vom Aufstieg hinab in den erlösenden Abstieg führte.

So hoffte er zumindest.

Er hatte den Abgrund vor sich beinahe nicht kommen sehen, und nur mit Mühe gelang es ihm noch rechtzeitig anzuhalten.

Instinktiv wollte er einen Schrei der Verzweiflung ausstoßen, den er nur unter Aufbietung all seiner Selbstbeherrschung unterdrücken konnte.

Mit weit aufgerissenen Augen blickte er in die Schlucht hinab, die den so sanft wirkenden Hügel genau an seiner höchsten Erhebung wie eine klaffende Wunde durchschnitt. Der gegenüberliegende Teil dieses unwirtlichen Landes lag etwas tiefer, sodass er schemenhaft erkennen konnte, wohin ihn sein Fluchtweg geführt hätte.

Er sah nichts als Wald.

Endlosen, schwarzen, dichten Wald, der sich bis zum weit entfernten nächtlichen Horizont erstreckte.

Erschöpft und verzweifelt sank er auf die Knie.

Der mit hartem Schnee bedeckte Boden sandte augenblicklich frostige Wellen durch seine Beine; und während der Mond langsam hinter einer vorbeiziehenden Wolke verschwand und ihn in der Dunkelheit zurückließ, griff er mit beiden Händen in die Kälte und ließ seine Wut an der eisigen Erde unter sich aus, indem er einige gefrorene Grasbüschel, die er unter dem Schnee ertastet hatte, erbarmungslos würgte.

»Fick dich, du beschissener Wald!«, fluchte er leise vor sich hin, während er begann, wie von Sinnen auf den unschuldigen Boden einzuschlagen.

Er verspürte das Verlangen, sich niederzulassen, sich in diesem elenden Schnee einzugraben, ganz der Kälte hinzugeben, die ihn irgendwann sanft einschlafen lassen würde.

Er hatte gehört, dass diese Art zu sterben eine der angenehmsten wäre.

Doch ein leises Rascheln hinter ihm ließ ihn plötzlich hochschrecken.

Er erhob sich langsam.

Im spärlichen Licht, das noch übrig war, sah er, wie er bei jedem Atemzug kleine Rauchschwaden ausstieß, so dicht, dass der Eindruck entstand, sein Inneres wäre kochend heiß.

Für einen Augenblick hoffte er, dass es irgendein verirrtes Tier wäre, das er mit seinem nächtlichen Gepolter aufgeschreckt hatte.

Er warf einen Blick über die rechte Schulter und erstarrte.

Die Bäume hinter ihm schienen plötzlich verschwunden zu sein.

Er wandte sich ruckartig um, in der Hoffnung, seine Augen würden ihm einen Streich spielen.

Doch da gab es nichts mehr.

Lediglich ein schwarzes Etwas, das sein gesamtes Blickfeld einnahm. Etwas, das wie eine dunkle Wolke wirkte, die alles um ihn herum, Steine, Bäume, Erde und Gras, verschluckt hatte.

Und darin bewegte sich etwas.

Er hörte schmatzende, würgende Laute, die von einem gelegentlichen Zischen unterbrochen wurden.

Ein urplötzlich in ihm hochschießender Fluchtreflex ließ ihn kehrt machen. Er wandte sich wieder dem Abgrund vor seinen Füßen zu, während sein fieberhaft arbeitender Verstand in Sekunden seine Optionen abzuwägen begann.

Die Bäume dort unten würden seinen Sturz auffangen, war seine von purer Verzweiflung genährte Erkenntnis.

Er machte einen schnellen Schritt in Richtung der dunklen Tiefe, als er plötzlich zurückgehalten wurde. Irgendetwas hatte sein rechtes Bein erfasst, und er spürte, wie sich ein eiserner Griff darum schloss.

Er stieß einen gellenden Schmerzensschrei hinaus in die Nacht, den die Kluft unter ihm mit dumpf klingenden Echos beantwortete.

Er konnte spüren, wie sich an mehreren Stellen etwas Spitzes in sein Fleisch bohrte. Ein unerträgliches Brennen durchfuhr seinen gesamten Körper.

Verzweifelt packte er seinen Oberschenkel mit beiden Händen und begann unter Aufbietung all seiner noch verbliebenen Kräfte, wie irre daran zu ziehen. Doch je mehr er sich gegen diese Umklammerung zur Wehr setzte, umso fester wurde der Griff. Schien- und Wadenbein gaben ein bedrohliches, leises Knacken von sich.

Schließlich mobilisierte er seine letzten Reserven und riss mit unbändiger Kraft das Knie in Richtung seines Kinns.

Zu seiner Überraschung ließ der Angreifer tatsächlich los.

In diesem Moment wagte sich der Mond wieder zwischen den Wolken hervor.

Fassungslos starrte er auf die Stelle, die einst sein Bein gewesen war. Alles, was er noch sah, waren bleiche Knochen, an denen Fetzen von Fleisch hingen. Dunkles Blut tränkte den Schnee unter ihm. Der nach Metall riechende, klebrige Lebenssaft lief in Strömen auf den kalten Boden hinab. Im Mondlicht sah er beinahe schwarz aus. Der Schock hatte ihn gegen die unmenschlichen Schmerzen unempfindlich gemacht, die er unter normalen Umständen hätte empfinden müssen. Sein fassungsloser Verstand suggerierte ihm lediglich ein leichtes Ziehen, das ihm wie ein sanftes Kribbeln durch Mark und Bein fuhr.

Er wusste, dass heftiger Schmerz folgen würde, sobald die Schockstarre von ihm abfiel und sein Körper die Schleusen der Empfindungen wieder öffnete.

Er rappelte sich mit einem Ächzen hoch und blickte hinab in die Schlucht.

Nichts hielt ihn mehr zurück. Er würde fallen und fallen und den Grund inmitten dieser Leere dort unten nicht kommen sehen. Für einen Augenblick stellte er sich die irrwitzige Frage, ob er am Ende seines Sturzes jenes Licht sehen würde, von dem die immer Rede war, wenn es um den unmittelbaren Augenblick des Todes ging. Dann, wenn sein Kopf an irgendeinem Felsen zerschmettert werden würde, wenn sich sein Gehirn schließlich wie Erbrochenes auf dem Waldboden verteilte und zum Festmahl für die Aasfresser wurde. Würde er sich fragen, warum er eigentlich gelebt hatte und warum er ausgerechnet hier hatte sterben müssen?

Er wischte all die störenden Gedanken beiseite und setzte zu seinem allerletzten Sprung an.

Doch in diesem Moment schoss die gesamte dunkle Masse auf ihn zu.

Etwas Weiches, Warmes begann ihn von Kopf bis Fuß einzuhüllen.

Die Luft um ihn herum wurde warm und muffig. Sie trocknete die Tränen, die ihm in die Augen geschossen waren. Zurück blieb eine klebrige Masse, die seine Augenlieder aneinander haften ließ, sodass er kaum noch imstande war, sie zu öffnen. Als er begann, um Hilfe zu rufen, verschluckte die Finsternis seine Worte mühelos. Die Masse um ihn herum wurde zu einem Wortfresser. Kaum schrie er hinein, war es so, als hätte er nie einen Laut von sich gegeben. Ein seltsamer Duft stieg ihm in die Nase, bitter und derart intensiv, dass es ihm augenblicklich die Sinne vernebelte.

Er fühlte, wie sich ein dicker Wulst aus dieser warmen Wand um ihn herum löste und langsam damit begann, sein Rückgrat hochzukriechen. Vorsichtig und vor gieriger Erwartung zitternd fand er schließlich seinen Schädel und stülpte sich wie eine Plastiktüte darüber. Scharfe, widerhakenähnliche Auswüchse bohrten sich in seine Kopfhaut, während sich der Sack wie ein gigantischer Blutegel weiter und weiter über sein Gesicht schob. Blut und Speichel schossen wie eine Fontaine aus seinem Mund und seinen Nasenlöchern. 

Sein Schädelknochen knackte bedrohlich.

Die Spannungsschmerzen, die sich in seinem Inneren aufbauten, wurden zu einem tosenden Gewittergrollen, das ihn mehr und mehr einer Ohnmacht entgegentrieb.

Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis er nicht mehr fähig war, Luft zu holen. Sein Rachen versuchte gierig, den rettenden Sauerstoff einzusaugen, doch alles, was sein Schlund noch zu fassen bekam, war diese weiche pulsierende Masse, die sich bei jedem versuchten Atemzug in sein Inneres wölbte.

Während die rettende Ohnmacht langsam in seinen Schädel kroch, merkte er noch, wie Tausende gierige kleine Zähne sich an seinem Fleisch zu schaffen machten. Das Knirschen überwand selbst seine mittlerweile tauben Ohren.

Mit einem Ruck wurde sein Brustkorb zerquetscht. Rippen brachen, das letzte Quäntchen Luft wurde aus seinen Lungen gepresst, und die inneren Organe, allen voran sein Herz, wurden zu dünnen Blättern geformt.

Sein Körper versagte ihm zu seinem eigenen Schutz schon seit Sekunden jegliches Schmerzempfinden. Die darauf folgende Schockstarre wirkte wie eine Erlösung.

Den Moment, in dem sein Kopf schließlich unbarmherzig zermalmt wurde, nahm er nicht mehr wahr.Meine Stadt und ihre Straßen.

Tausende von Straßen, die wie ein gigantischer Blutkreislauf das Ödland unseres modernen Lebens durchschnitten und in einem endlosen Strom die Fracht unseres Daseins beförderten. Tag und Nacht Gestampfe, Geratter, Gebrumme und Gekreische.

Ein Meer aus Gebäudekomplexen, Wegweisern, Ampeln, Brücken, Parkstreifen, Mautstellen und vor allem Kreuzungen, an denen sich das Treiben zu jeder Tages- und Nachtzeit staute; wenn die Arterien und Venen die Massen würgend dagegen drückten.

Und dazwischen Häuser.

Häuser wie das meine.

Die Höhlen des modernen Zeitalters.

Die Enklaven der Einsamkeit.

Im Grunde war es ein moderner Ablageschrank für typische Angehörige des sogenannten Mittelstandes. Junge Aufsteiger teilten sich diese Symbiose aus altem Dreißigerjahre-Backsteinbau und modernem Wohndesign mit den Übriggebliebenen der Vorgängergeneration, die noch einmal hipp sein wollten und deren Rente ausreichte, um den ansehnlichen Mieten mit entsprechender Gelassenheit begegnen zu können.

Irgendein raffgieriger Immobilienhai hatte sich die alte Fabrik vor etwa zehn Jahren unter den Nagel gerissen, das seelenlose Maschineninventar samt alter Einrichtung verschrottet und alles durch moderne Lofts ersetzt, die ganz im Stil des zu der Zeit so angesagten Industrial Style gehalten waren. Die Bewohner nannten das Haus noch immer „die Fabrik“. Ich wohne in der Fabrik, war ein Slogan, der schnell die Runde gemacht hatte.

Das Bauwerk hatte Außenwände aus rohem, rotem Backstein, die für die damalige architektonische Epoche typisch waren. Dazwischen Innenausbau aus Gipsplatten, die in ihrem makellosen Weiß die Feuchtigkeit aus der Luft saugten, und vor allem: dicke Trennwände zu den daneben liegenden Appartements. Drei Handbreit massiver Beton waren hilfreich, wenn der angehende Börsenmakler aus der Nachbarschaft samt Anhang in koksgeschwängerter Atmosphäre die Nacht zum Tage machte oder die fast taube Rentnerin über einem die Lautstärke ihres Fernsehers derartig aufdrehte, dass der Lärmpegel einem Flugzeugstart glich.

Und dazwischen war ich.

Ich und mein kleines, aber feines Reich, für das ich, ganz in der Tradition des Nestbauwahns meiner Generation, die gesamten Ersparnisse meines bisherigen Lebens aufgewendet hatte. Ich hatte alles, was das moderne ›Schöner Wohnen‹-Herz begehrte. Ganze Monatsgehälter verschlingende Designermöbel, eine durchaus ansehnliche Küche, samt üppigem Inventar, inklusive original chinesischer Kochutensilien für fettarmes Gebrutzel und natürlich ein entsprechend repräsentatives Kaffeeservice samt verchromtem Vollautomaten – alles handgefertigt in der Wiege der Kultur namens Europa, von wo aus es schließlich, um die halbe Welt befördert, zu horrenden Preisen auf Abnehmer wie mich wartete. Illusionisten, die der Meinung waren, eine entsprechende Innenausstattung würde ihre Persönlichkeit etwas mehr abrunden.

Ich zählte mich weder zu den jungen Aufsteigern noch zu den alten Absteigern, sondern sah mich als irgendetwas dazwischen. Mein Brötchen verdiente ich als Werbetexter in einer der angesehensten Agenturen der Stadt; ein Job der mich weder besonders ausfüllte, noch besonders ankotzte, auch wenn ich den ganzen Tag nichts anderes tat, als meine gesamte Kreativität für die verbale Untermalung von Kampagnen aufzuwenden, an deren Ende nur Schrottprodukte standen, die im Grunde keiner brauchte, jedoch jeder unbedingt haben musste.

Kaufen Sie das Waschmittel XY! Antibakteriell, antiallergen und vor allem: antinützlich. Derartige Scheiße begegnete mir tagtäglich. Noch besser waren die Verkaufskampagnen für Mobiltelefone, beziehungsweise deren Nachfolger, die Smartphones, die von allen Überflüssigkeiten des modernen Lebens das überflüssigste überhaupt waren. Gemeinsam mit den stinkenden Karren der allgegenwärtigen Autoindustrie vereinten sie auf eindrucksvolle Weise jenen Lifestyle-Anspruch einer Generation, der von ihren Erzeugern die Maxime eingetrichtert worden war, dass man nichts war, wenn man nichts besaß.

Die Welt war zu einem absurden Ort geworden.

Und ich war ein Teil davon. Mehr als das. Durch meine Arbeit war ich einer der Katalysatoren, die den Kreislauf der Verdammnis noch beschleunigten.

Für mich hatte diese Entwicklung aber auch etwas Gutes: Ich war über die Jahre vollkommen unempfindlich für diese Art der Beeinflussung geworden. All der glitzernde Ballast, der einen tagtäglich umgab, hatte für mich weniger Bedeutung als die Luft, die ich atmete. Sie war einfach da. Sie war eine Selbstverständlichkeit. Aus und gut.

Würde man gängige Farbpaletten für als Vergleich für den allgegenwärtigen Mainstream heranziehen, so lag dessen Colourierung irgendwo zwischen stumpfem Grau und schmierigem Braun.

Der einzige Vorteil dieser Anstellung bestand darin, dass mein Arbeitsplatz lediglich drei Blocks von meinem ach so geliebten Loft entfernt lag, was mir nicht nur die finanzielle Aufwendung für ein Fahrzeug ersparte, sondern besonders morgens sehr viel Zeit.

Zeit, die mir für mein liebstes Hobby blieb: Filme, Filme und nochmals Filme. Und auch dann und wann ein gutes Buch.

Leidenschaften wie diese brachten ein gewisses Maß an Abgeschiedenheit mit sich. Zwar gilt gemeinhin der Besuch des Kinos und damit der Konsum von Filmen als Gemeinschaftserlebnis, doch der Gedanke an Popcornschmatzer, Getränkeschlürfer oder den krausen, sich hoch auftürmenden Afrohaarschnitt vor mir, bei dem man unweigerlich das Gefühl hatte, der Mond würde innerhalb der Leinwand aufgehen, hatte mir noch nie sonderlich behagt.

Und so leistete ein ultrahochauflösender Screen nebst Surroundanlage und eigener Popcornmaschine entsprechend Abhilfe, und meine Sammlung an Filmen nahm inzwischen ganze Regalwände ein, sodass ein halbes Leben von Nöten war, um sie sich auch nur ansatzweise alle zu Gemüte zu führen.

Das hatte natürlich zur Folge, dass sich meine sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert hatten, was für einen frischgebackenen Dreißigjährigen nicht gerade dem üblichen Standard entsprach. Ich hatte an meiner Nachbarschaft ebenso wenig Interesse wie sie an mir, was im Übrigen auch auf das andere Geschlecht zutraf.

Nachdem ich meine Sicht auf Frauen schon sehr früh in zwei Kategorien unterteilt hatte – nämlich fickbar und nicht fickbar – hatten all meine bisherigen Beziehungen ähnlich vorherbestimmte Verläufe genommen, an deren Ende immer wieder dasselbe stand: fundamentales Scheitern. Der Grund dafür, so denke ich, war nicht, dass ich nicht den entsprechenden Enthusiasmus in diese Partnerschaften einbrachte; er lag vielmehr in der Erkenntnis verwurzelt, dass zum einen die Fickbaren zu oberflächlich waren, um mit ihnen ernsthafte Gespräche führen zu können, geschweige denn sie auf intellektuelle Diskurse in punkto Filme mitzunehmen. Die Unfickbaren hingegen waren im Prinzip zwar für beides zu haben, doch ... nun ja, jedem Vertreter meines Geschlechts, der zumindest ansatzweise über so etwas wie ästhetisches Empfinden verfügt, dürfte klar sein, worauf ich hinauswill.

---ENDE DER LESEPROBE---