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»Wir sind die neue Ordnung! Wir sind der Staat!«, lautet die unheilverkündende Botschaft, die eine neue, unsichtbare Macht, die sich plötzlich aus den Untiefen des Word Wide Web erhebt, an die gesamte Menschheit richtet. Was von den Regierungen der Welt zunächst für eine leere Drohung gehalten wird, entwickelt sich schnell zur größten Bedrohung, der sich die Menschheit je gegenüber gesehen hat. Denn »Der Staat« macht unmissverständlich deutlich, dass er kein Erbarmen kennt, keine Skrupel hat und auch vor Tausenden Toten nicht zurückschreckt. Ryan Carter, Agent der National Cyber Division, wird gemeinsam mit der CIA Analystin Susanne Young und seinem jungen Kollegen Lucas Alexander beauftragt, dem Phantom auf die Spur zu kommen, und deckt dabei eine groß angelegte Verschwörung auf, die sich bis in die obersten Kreise der US-Regierung erstreckt. Die verzweifelte Suche nach einem Ausweg aus dieser allgegenwärtigen Bedrohung entwickelt sich für das Trio zusehends zu einem Wettlauf gegen die Zeit, denn der schier allmächtige »Staat« scheint ihnen ständig einen Schritt voraus zu sein – und er kennt keine Gnade! Verschwörungen, Dauerspannung und rasante Action! Der neue Roman vom Autor von "Die Legenden von Carthan" und "Konstrukt"
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Das Buch
»Wir sind die neue Ordnung! Wir sind der Staat!«, lautet die unheilverkündende Botschaft, die eine neue, unsichtbare Macht, die sich plötzlich aus den Untiefen des Word Wide Web erhebt, an die gesamte Menschheit richtet. Was von den Regierungen der Welt zunächst für eine leere Drohung gehalten wird, entwickelt sich schnell zur größten Bedrohung, der sich die Menschheit je gegenüber gesehen hat. Denn »Der Staat« macht unmissverständlich deutlich, dass er kein Erbarmen kennt, keine Skrupel hat und auch vor Tausenden Toten nicht zurückschreckt.Ryan Carter, Agent der National Cyber Division, wird gemeinsam mit der CIA Analystin Susanne Young und seinem jungen Kollegen Lucas Alexander beauftragt, dem Phantom auf die Spur zu kommen, und deckt dabei eine groß angelegte Verschwörung auf, die sich bis in die obersten Kreise der US-Regierung erstreckt.Die verzweifelte Suche nach einem Ausweg aus dieser allgegenwärtigen Bedrohung entwickelt sich für das Trio zusehends zu einem Wettlauf gegen die Zeit, denn der schier allmächtige »Staat« scheint ihnen ständig einen Schritt voraus zu sein – und er kennt keine Gnade!
Der Autor
Walter Herbert Sarau, Autor und Illustrator, wurde 1972 in Wien geboren.Neben seiner Tätigkeit als Autor und Illustrator arbeitet er als konzeptioneller Designer und Matte Painting Artist für Film und Werbung. Bereits in frühen Jahren entdeckte er seine Vorliebe für das Genre der Science Fiction, darunter vor allem für dystopische Literatur. Sein Erstlingswerk, »Die Legenden von Carthan - Götterdämmerung«, eine illustrierte Novelle, wurde aufgrund ihrer aufwendigen Gestaltung von einem renommierten Magazin ausgezeichnet. Im Dezember 2019 veröffentlichte er den Roman »Konstrukt - Willkommen in der Maschine«, den ersten Band einer dystopischen Science Fiction Trilogie, der im April der zweite Band, »Konstrukt - Jenseits der Grenzen«, folgte. Mit »Der Staat« legt der Autor nun seinen ersten Roman aus dem Genre »Cyber Thriller« vor. W. H. Sarau lebt und arbeitet im Kurtort Semmering in Österreich.
W. H. Sarau
- Science Fiction / Cyber Thriller -
Der StaatOriginalausgabe im Sarau Verlag1. Auflage . Oktober 2020© Sarau GmbH . Oktober 2020© W. H. Sarau . alle Rechte vorbehaltenText & Bild: © W. H. Sarau . alle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: © W. H. Sarau & Book-Designs.comTitelgestaltung: W. H. Sarau & Book-Designs.comSatz: Sarau GmbH & Book-Designs.com
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WIR SIND DIE NEUE ORDNUNG! WIR SIND DER STAAT! IHR WURDET GEWARNT!
Inhalt
Glossar
Kapitel I Die Warnung
Kapitel II Der erste Schlag
Kapitel III Der zweite Schlag
Kapitel IV Der dritte Schlag
Kapitel V Die Säuberung
Kapitel VI Blackout
Kapitel VII QUAID
Kapitel VIII Der Kortex
Kapitel IX Montana & ?
GLOSSAR
QUAID
Quantum Artificial Intelligence Device
Quantenbasierte Künstliche Intelligenz
NCD
National Cyber Division
Nationale Behörde zur Bekämpfung von Cyber-Kriminalität
GMC
Global Machine Consortium
Internationales Konsortium für den Bau und Betrieb von Quantencomputern
CIA
Central Intelligence Agency
Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten
FBI
Federal Bureau of Investigation
Zentrale Sicherheitsbehörde der Vereinigten Staaten.
ICBM
Intercontinental Ballistic Missile
Langstreckenrakete oder Interkontinentalrakete - ballistische Raketen hoher Reichweite.
SLBM
Submarine-launched Ballistic Missile
Ballistische Rakete zum Abfeuern von U-Booten.
MIT
Massachusetts Institute of Technology
Technische Hochschule und Universität in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts
Kapitel I
New York City
Noch sieben Stunden.
Carter zupfte sein Hemd zurecht, bevor er sich in seinen bequemen Stuhl zurückfallen ließ.
Er hasste es, einen Anzug tragen zu müssen. Die unnatürliche Enge, die er durch maßgeschneiderte Hemden, Hosen samt Jackett empfand, brachte ihn ständig zum Schwitzen. Und wenn er schwitzte, litt seine Produktivität. Ein Umstand, gegen den sich sein Inneres unentwegt mit Vehemenz sträubte, denn nichts schätzte er mehr als Produktivität und damit einhergehend natürlich auch Effizienz. Beide waren der Garant dafür, dass man nicht dazu verdammt war, sein halbes Leben am Schreibtisch zu verbringen, sondern sich nach schnell erledigter Arbeit auch weitaus angenehmeren Dingen widmen konnte; jenseits dieser Plackerei samt an der Haut klebenden Kleidungsstücken, unter denen, jeder Klimaanlage zum Trotz, gerne tropische Temperaturen herrschten.
Wer auch immer diese Fetzen zum ersten Mal geschneidert hatte, musste nicht ganz richtig im Kopf gewesen sein, wurde er nicht müde, gegenüber seinen Mitmenschen zu betonen.
Doch wie immer, wenn eines dieser endlosen Meetings mit dem Direktor anstand, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem vorherrschenden Kleidungszwang zu beugen.
Nach einem kurzen Seufzer warf er einen Blick ins Innere des Großraumbüros.
Es war an diesem Tag wie leergefegt.
Dort, wo sich üblicherweise Hunderte Mitarbeiter der NCD tummelten, herrschte nun eine Art von Stille, die ihm hier noch nie zuvor begegnet war. Kein hektisches Umhergetrampel unzähliger, klackernder Schuhe, kein reges Stimmengewirr, kein emsiges Getippe und keine dieser lästigen Durchsagen des Division Departements, die in regelmäßigen Abständen auf die Mitarbeiter eindröhnten, störte ihn an diesem Nachmittag bei seiner Arbeit.
Die Ruhe war beinahe gespenstisch.
Bedingt durch diese Leere, wurden ihm wieder einmal die Ausmaße der ihn umgebenden Räumlichkeiten bewusst.
In langen Kolonnen reihte sich Arbeitsplatz an Arbeitsplatz, getrennt durch gläserne Wände, auf denen eingraviert das Logo der NCD prangte, sodass der gesamte dritte Stock wie ein dichter Wald aus Tischen, Stühlen und überdimensionalen Screens wirkte.
Die kühle, spartanisch wirkende Einrichtung vermittelte jedem Besucher ganz unverhohlen, dass hier jene neue Moderne gepflegt wurde, deren oberstes Prinzip es war, dass Form stets der Funktion zu weichen hatte.
Und sie vermittelte Geschäftigkeit.
Er hatte sich hier nie besonders wohlgefühlt.
Das lag nicht ausschließlich an dem nüchternen Umfeld samt der trockenen, klimatisierten Luft, sondern vielmehr an seinen Kollegen, die allesamt aus einer anderen Welt zu kommen schienen.
Während die eine Hälfte aus hageren, weißhäutigen jungen Burschen bestand, bei denen man die Befürchtung hegte, jeder noch so kleine Windstoß würde sie mühelos zu Fall bringen, wirkte die andere wie eine Anklage gegen die amerikanische Fast-Food-Industrie, die nicht davor zurückschreckte, alles in sich hineinzustopfen, was genügend Fett und Zucker enthielt. Und dies am besten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und selbstverständlich auch noch darüber hinaus.
Er hatte sich oft die Frage gestellt, wie es diese teigigen, stets unrasierten Kolosse, mit ihren fettigen Haaren und den geschmacklosen T-Shirts, eigentlich aus und wieder in ihre Stühle schafften.
Sollte das mal genauer beobachten, dachte er und schmunzelte.
Eines jedoch vereinte beide Kategorien dieses neuen Menschen.
Sie waren allesamt Nerds.
Die Speerspitze des Departements im Kampf gegen jegliche Form digitaler Kriminalität.
Die Sherlock Holmes’ des dritten Jahrtausends, die Hercule Poirots der Neuzeit, die neuen, schlagkräftigen Legionen der Virtualität im Dienste einer Nation, die sich bereits seit gut einem Jahrhundert in permanentem Kriegszustand befand.
Waren es früher die Taten von Soldaten auf blutgetränkten Schlachtfeldern gewesen, die man als Krieg definiert hatte, so stürmten nun jene bleichen Heerscharen, mit denen er sich ein Büro teilen musste, Seite an Seite mit den Soldaten dort draußen gegen die unzähligen, unsichtbaren Feinde, die in den Tiefen einer Welt aus Codes und Algorithmen lauerten.
›Hybrider Krieg‹ nannte man dieses bizarre Konstrukt moderner Konfliktbewältigung.
Weder die eine noch die andere Form war inzwischen noch imstande, für sich allein zu existieren.
Sie waren untrennbar durch die Tatsache miteinander verbunden, dass die eher weniger von ethischen Wertvorstellungen geprägten Nationen dort draußen – und von denen gab es viele – schon vor langer Zeit die Achillesferse jener Staaten erkannt hatten, die man gemeinhin als zivilisiert bezeichnete: die öffentliche Meinung und alle damit einhergehenden Konsequenzen für die Handlungen der Machthabenden.
Es war vor allem diesem Sachverhalt geschuldet, dass sich kaum noch etwas auf dieser Welt ereignete, ohne dass es unbeobachtet blieb und nicht für mannigfaltige politische oder ideologische Zwecke missbraucht oder bewusst fehlinterpretiert wurde.
Jedwede Maßnahme der politischen Elite lief Gefahr, durch die Omnipräsenz winziger künstlicher Augen, Hacks oder Leaks enttarnt zu werden, um sie dann der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und es dauerte in den seltensten Fällen besonders lange, bis sie in diversen digitalen Medien strandeten, wo sie sich ungefiltert, oftmals verfälscht oder durch Bots aufgeplustert, wie Viren verbreiteten.
Die unentwegten Kollisionen zwischen dem, was man noch als seriöse Berichterstattung bezeichnen konnte, und der persönlichen Auslegung von Fakten – die man dann mit dem Unwort Alternative Fakten bedachte – wurden zu einer immer unschärferen Grenze, die einzelne Staaten beinahe an den Rand der Regierungsunfähigkeit brachte.
Um dieser Fehlentwicklung mit entsprechender Vehemenz entgegentreten zu können, wurde eine neue Behörde geschaffen: die National Cyber Division.
Was zunächst mit nur wenigen Mitarbeitern begonnen hatte, plusterte sich nach dem Jahr 2025 zu einem wahrhaftig bürokratischen Monster auf, das sich nicht nur die allmächtige NSA inzwischen einverleibt hatte, sondern mittlerweile auch mehr Personal umfasste als CIA und FBI zusammen.
Technisch bestmöglich ausgestattet, rekrutierte man unablässig die hellsten Köpfe des Landes. Dies ging sogar so weit, dass aufgrund der ansehnlichen Gehälter, die bei der NCD gezahlt wurden, selbst die Wallstreet ins Schwitzen gekommen war, da ihnen Zug um Zug jene Mathematiker abhanden gekommen waren, die bis dahin ihre undurchschaubaren Finanzprodukte entwickelt hatten.
Ab 2030 schließlich stand die NCD unangefochten an der Spitze aller staatlichen Verbrechensbekämpfungsbehörden, ausgestattet mit einem gigantischen Budget, das selbst die kühnsten Vorstellungen der kleinen Steuerzahler dort draußen übertraf.
Und auch wenn die Bilanz dieser Monsterbehörde im Kampf gegen das virtuelle Verbrechen bis Dato durchaus ansehnlich gewesen war, worauf Carter doch recht stolz war, eines war geblieben: Er hatte sich bis heute nicht mit diesem ganz speziellen Menschenschlag anfreunden können, der die Büros hier bevölkerte.
Weder hatte er jemals verstanden, wie man zwölf oder mehr Stunden im Angesicht endloser Zahlen- und Buchstabenreihen verbringen konnte, neben sich einen schiefen Turm von Pizzaboxen und vor respektive unter sich die zerdrückten Reste unzähliger Aludosen, aus denen man bereits während der frühen Vormittagsstunden literweise eine stark zucker- und koffeinhaltige Brühe geschlürft hatte, noch wie man den Horizont seines eigenen Daseins auf jene vierzig Zoll beschränken konnte, die direkt vor der eigenen Nase den Blick auf die reale Welt dort draußen versperrten.
Schon der Gedanke an eine derartige Lebens- und Arbeitsweise verursachte ihm ein Gefühl des Unbehagens.
Dass sich hinter den meisten von ihnen Autisten verbargen, deren ausgeprägte Fähigkeiten auf einem einzigen speziellen Gebiet mit dem Fehlen sozialer Kompetenz sowie sonstiger Begabungen einhergingen, bot zwar eine rationale Erklärung für die Beschaffenheit der einzelnen Persönlichkeiten, machte jedoch die Zusammenarbeit mit ihnen auch nicht einfacher.
Zum wiederholten Mal stellte er fest, dass in einer Behörde wie dieser wohl kaum ein Mensch mehr fehl am Platz sein konnte wie er.
Vielleicht lag es einfach daran, dass er im Grunde in beiden Welten dieses unablässigen Krieges beheimatet war, jedoch in keine von ihnen zu hundert Prozent gehörte.
»Hey, Ryan! Auch noch hier?«
Carter schwenkte mit seinem Stuhl nach rechts in Richtung des Störenfrieds, der ihn aus seinen Gedanken gerissen hatte.
»Hallo, Lucas!«, sagte er, so freundlich, wie er nur konnte, in Richtung des Mittzwanzigers, der unübersehbar der Gruppe der Hageren angehörte.
Lucas Alexander war einer der Teamleader der Division, mit denen Carter regelmäßig zusammenarbeitete.
Oder vielmehr zusammenarbeiten musste, wie er es selbst zu definieren pflegte.
Er war zweifellos das, was man einen Parade-Nerd nannte, doch etwas unterschied ihn maßgeblich von seinen Kollegen: sein brillanter Verstand.
Carter hatte während seiner Zeit bei der NCD diverse sogenannte Wunderkinder kennengelernt, doch dieser Bursche übertraf sie alle, was man wegen seines eher bescheidenen Äußeren kaum vermuten würde.
Lucas verfügte nämlich über ein einzigartiges Talent.
Jeder hier konnte vermeintliche Verdächtige tracen, aufgrund von Recherchen, denen ausgeklügelte Suchalgorithmen zugrunde lagen, Persönlichkeitsprofile erstellen, oder das jeweilige Userverhalten entsprechend analysieren, mit Fake News das Netz überschwemmen, Trolle programmieren, Trojaner platzieren, doch Lucas besaß das, was über Fantasie weit hinausging, und überraschte stets mit vollkommen neuen Gedankenansätzen, die schon so manch etablierte Arbeitsprozesse über den Haufen geworfen hatten. Hätte es jemals so etwas wie eine Skala für abstraktes Denken gegeben, Lucas wäre wohl der Gradmesser dafür gewesen.
Wie genau er das bewerkstelligte, hatte Carter nie verstanden, das musste er auch nicht. Sein Aufgabengebiet war ein anderes.
Die Art und Weise jedoch, wie Lucas in der Lage war, noch so gut verborgene Informationen ans Licht zu holen, erschien ihm teilweise wie reine Magie.
Zudem musste Carter nach Jahren der Skepsis inzwischen neidlos anerkennen, dass sein Gegenüber zu einem unverzichtbaren Teil seiner eigenen Tätigkeit geworden war. Für jemanden, der alleine zu arbeiten pflegte, ein lobendes Zugeständnis.
Er musterte ihn eingehend.
Der dunkelhaarige Wuschelkopf lehnte in der für ihn typischen, beinahe schüchtern wirkenden Haltung an einem Schrank unweit seines Schreibtischs.
In seiner schmalen, kreidebleichen Hand, auf der sich fragil wirkende Venen abzeichneten, hielt er einen großen Pott Kaffee.
»Wie viele hattest du heute schon davon?« Carter nickte in Richtung der blauen Tasse, auf der das Logo der NCD in goldenen Lettern leuchtete.
»Keine Ahnung, zehn, fünfzehn. Ich zähl nie mit«, sagte Lucas lächelnd.
»So wie du zitterst, waren es wohl eher so um die zwanzig.« Carter schüttelte verständnislos den Kopf.
»Nee, hab noch nicht viel gegessen.« Lucas zuckte mit den Achseln. »Bin wohl etwas unterzuckert.«
»Na ja, dann solltest du dich wohl eher hinsetzen.« Er wies auf einen der beiden Stühle vor seinem Platz.
Lucas nahm dankend an, ließ sich mit einem Seufzen nieder und schlug die Beine übereinander.
Sitzt da wie eine Frau, war der erste Gedanke, der Carter durch den Kopf ging.
»Schon eigenartig, wie ruhig es heute hier ist, findest du nicht?«, sagte Lucas, nachdem er sich einen kurzen Moment umgesehen hatte. »Komischer Gedanke, dass es vielleicht in einem Jahr oder noch früher hier immer so aussehen wird.«
»Nun, wir werden sehen.«
»Komm schon!« Lucas beugte sich ein wenig nach vorne und sah ihn mit leuchtenden Augen an. »Glaub mir, wenn QUAID erst mal vollständig aktiviert wird, sind wir überflüssig. Das ist so sicher wie das Amen im Gebet.«
»Hört sich für mich so an, als würde dich das nicht besonders kümmern.«
»Nun ja.« Lucas lehnte sich zurück und nahm einen großen Schluck aus seiner Tasse. »Eine neue Zeitrechnung bricht an. Ein Paradigmenwechsel, verstehst du? Das bringt immer große Veränderungen mit sich. Und damit gehen natürlich auch eine Menge neuer Möglichkeiten einher. Chancen!«
»Ja, für Nerds wie dich vielleicht!«, ätzte Carter. »Wundert mich, dass dir das Konsortium nicht schon längst einen Job angeboten hat.«
»Nerds?«, lachte Lucas. »Haben sie dich gerade erst aufgetaut?«
Carter winkte ab. »Vollkommen egal, wie man euch Jungs nennt, um euch muss man sich wohl kaum Sorgen machen.«
Lucas neigte den Kopf zu Seite. Das tat er immer, wenn er in seinem randvollen Datenspeicher, den man bei normalen Menschen Gehirn zu nennen pflegte, Informationen abrief.
»Ja, das GMC hat mir das eine oder andere angeboten«, gestand er schließlich. »Aber ehrlich gesagt sind das eher wenig verlockende Jobs. Wenn das Ding so arbeitet, wie es konzipiert wurde, und das wird es, dann werden Typen wie ich künftig eher zu Zuschauern degradiert. Ich hab einige Testläufe oben im Neunten gesehen. War schon recht beeindruckend.«
Carter verkniff es sich, weiter auf dieses Thema einzugehen. Die Tatsache, dass bis zur Aktivierung dieser neuen Supermaschine nur noch wenige Stunden vergehen würden, war, anders als bei den in maßloser Euphorie dahinschwelgenden Massen dort draußen, eher spurlos an ihm vorübergegangen. Nicht weil es nicht auch sein Leben betraf, denn das tat es, wie Lucas richtig bemerkt hatte, sondern weil er es mit einer gewissen Ignoranz beiseite schob. Er hatte keinerlei Interesse daran. Weder an der Maschine selbst, noch an der zweifelhaften Inszenierung ihrer Aktivierung, die massenwirksam pünktlich zum Jahreswechsel stattfinden würde.
Aus gutem Grund.
»Abgesehen davon, mache ich mir um dich auch keine wirklichen Sorgen«, schwenkte Lucas um.
Carter schürzte die Lippen und warf seinem Gegenüber einen fragenden Blick zu.
»Na ja, jemand wie du? Studium am MIT, Marines, danach Sealtraining, ein paar Jahre bei der CIA, dann leitender Beamter für Außeneinsätze bei der NCD? Außerdem Veteran. Drei Auslandseinsätze …«
»Hast du meine Akte auswendig gelernt?«, unterbrach ihn Carter ärgerlich.
»Und das Wichtigste hab ich natürlich vergessen«, fuhr Lucas unbeeindruckt fort. »Du hast Cythulhu zur Strecke gebracht.«
Carter schüttelte den Kopf.
»Zum einen«, sagte er etwas genervt, »finde ich es etwas irritierend, dass du meine Akte, für die du eigentlich nie eine Freigabe erhalten hast …«
»Ach komm schon, Ryan«, rief Lucas frech dazwischen, »jeder hier kennt deine Akte. Du bist eine Legende! Der Mann, der beim berüchtigtsten Hacker aller Zeiten die Handschellen hat klicken lassen. Die Jungs vergöttern dich.«
»Dann haben sie eine seltsame Art, das zu zeigen. Davon abgesehen, dass das Wort Privatsphäre offenbar ein Fremdwort für sie ist.«
»Weil sie Nerds sind«, lachte Lucas. »Für die bist du so was wie Superman oder Batman oder … Thor, ja, das trifft es am besten. Der Gott des Donners. Es gibt eigentlich nur eins, wovor sie noch mehr Respekt haben als vor dir.«
»Und das wäre?«, fragte Carter beiläufig, während er sich wieder seinem Schirm zuwandte.
»Weiber!«, konstatierte Lucas und lachte. »Wenn du eine dieser Kalkleisten hier richtig einknicken sehen willst, dann setz ihm eine schöne Frau vor die Nase. Am besten noch eine mit Monstertitten. Zuerst wird ihnen der Sabber aus dem Mund laufen, und dann werden sie ihn Ohnmacht fallen. Und was das Wort Privatsphäre anbelangt: Die ist genau genommen schon damals gestorben, als das World Wide Web das Licht der Welt erblickt hat. Nur wusste das zu diesem Zeitpunkt noch keiner.«
Da spottet eine Kalkleiste über die anderen und sinniert über Privatsphäre, dachte Carter. Ein Hacker.
»Ach ja, du wolltest vorher noch was sagen?« Die Signale, dass Carter dieses Gespräch schon längst beenden wollte, waren offenbar nicht bei Lucas angekommen.
Carter hämmerte einige Zahlen in seine Tastatur. »Ich wollte eigentlich nur sagen, dass uns Cythulhu durch pures Glück ins Netz gegangen ist.«
Cythulhu, eigentlich ein recht ansprechender Name, auch wenn er nur eine eher einfallslose Abwandlung von Lovecrafts Schöpfung ist, dachte er beiläufig.
»Na ja, ich bin mir da nicht so sicher, ob das nur Glück war«, sagte Lucas mit leicht zynischem Tonfall. »Deine Intuition im Vorfeld seiner Festnahme war schon recht hilfreich, um ihm auf die Spur zu kommen. Ich frag mich noch heute, wie du eigentlich drauf gekommen bist.«
»Wie du bereits gesagt hast … Intuition.«
»Hm, ja, dann soll es so sein. Aber davon abgesehen, man hat irgendwie immer den Eindruck bei dir, dass dir Ruhm absolut nichts bedeutet, obwohl du die meiste Arbeit gemacht hast. Als er bei der ersten versuchten Festnahme geflohen ist, hast du ihn schließlich erneut aufgespürt, durch die halbe Stadt gejagt und am Ende festgenommen. Ich glaub nicht, dass irgendein anderer hier das auch nur annähernd zustande gebracht hätte.«
Carter winkte ab. »Das war nichts weiter als gute, alte Ermittlungsarbeit. Selbst Typen wie Cythulhu machen irgendwann Fehler. Seiner war, dass er immer öffentliche Netzwerke benutzt hat, um seinen kruden Geschäften nachzugehen. Und was das Jagen betrifft: So was ist einfach nicht euer Job. Liegt wohl auch daran, dass die eine Hälfte von euch ziemliche Spargel sind und die andere recht saftige Hüften hat. Was man seltsamerweise von Cythulhu nicht behaupten konnte.«
Carter musterte ihn von oben bis unten und grinste.
»Touché!«, rief Lucas und hob seine Tasse.
Carter warf einen kurzen Blick auf die Uhr an der Wand gegenüber.
»Tja, noch fünf Stunden«, bemerkte Lucas, dem das nicht entgangen war. »Kommst du heute auch mit rüber zum Times Square, um dir die Präsentation anzusehen? Zehn Minuten vor Mitternacht soll’s losgehen. Fast alle aus der Division sind mit dabei, auch die scharfen Mädels aus dem Vierten. Du weißt schon.«
Lucas zwinkerte ihm kurz zu.
Es wirkte etwas skurril.
»Nein, lass mal«, sagte Carter kopfschüttelnd. »Ich tu das, was ich jeden Abend mache. Ich geh laufen, park meinen müden Hintern dann vor dem Fernseher und hoffe, dass ich den ganzen Trubel verschlafen werde. Sofern ich heute noch rechtzeitig hier rauskomme.« Er nickte in Richtung des Stapels von Berichten, der sich auf seinem Schreibtisch türmte.
»Verstehe. Und über die Feiertage?«
Carter kniff die Augen zusammen und rieb sich die Schläfen. »Morgen Nachmittag fliege ich rüber nach Montana, auf die Ranch meines Bruders. Diese stinkende Stadt endlich mal eine Zeit lang hinter mir lassen und wieder mal gute Luft atmen – darauf freu ich mich schon das ganze Jahr.«
»Klingt … gut!«
Lucas log. Wie auch seine Kollegen konnte er mit der Aussicht auf Landurlaub absolut nichts anfangen. Seine Heimat war diese Stadt mit ihrem Licht, ihrem Lärm, ihrem kalten Stahl und nackten Beton und den schier unendlichen Möglichkeiten der Zerstreuung.
»Wie gesagt, falls ich noch rechtzeitig hier rauskomme.«
Er seufzte erneut, diese Mal etwas lauter.
Lucas hatte den Wink mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl nun scheinbar endlich verstanden.
»Na gut … dann …«, sagte er und erhob sich. »Sehen wir uns dann, wenn du zurück bist?«
»Klar, wie gehabt.« Carter versuchte, so freundlich zu wirken, wie es ihm nach dieser eher enervierenden Begegnung noch möglich war. »Und Lucas?«
Der Kleine sah ihn fragend an.
»Viel Glück heute bei der Jagd!«
Es dauerte einen Moment, bis er verstanden hatte. Dann hob er mit einer triumphierenden Geste den Daumen, lachte und ging.
»Nerds«, seufzte Carter.
Er kam nicht umhin festzustellen, dass er für einen Moment mit dem Gedanken gespielt hatte, sich Lucas und seinem Gefolge anzuschließen.
Doch dieser Moment war nur so kurz wie ein Atemzug gewesen.
Er hasste große Menschenansammlungen. Sie vermittelten ihm ein Gefühl der Enge, ebenso wie dieser beschissene Anzug, der ihm nun zusehends ein kratzendes Gefühl am Rücken verursachte.
Er verbrachte jede Minute seiner kostbaren Freizeit weit entfernt von dieser Stadt. Entweder beim Tauchen an der Küste oder mutterseelenallein in den stillen Wäldern im Norden.
Nur unter Wasser oder wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten war er imstande, zu entspannen und all den Trubel, der ansonsten sein Leben beherrschte, hinter sich zu lassen.
Er warf einen kurzen Blick auf seinen Schreibtisch.
Vier Berichte waren noch abzuarbeiten.
Vier Berichte, die aller Wahrscheinlichkeit nach niemand lesen würde. Sie würden, wie der Rest seiner Falldokumentionen der vergangenen Monate tief in der Datenbank der NCD verschwinden, nur um dann, wenn sie eines Tages benötigt werden würden, von irgendeinem seiner Nerdkollegen hervorgekramt zu werden.
Sein letzter spektakulärer Fall, die Ergreifung von Cythulhu, lag bereits Jahre zurück. Seit dieser Zeit arbeitete er sich an banalen Akten von Netzkriminalität den Rücken krumm, die in den seltensten Fällen die Notwendigkeit eines Außeneinsatzes mit sich brachten.
Er war gefangen in diesem Büro, gefangen in dieser Stadt, die ihm, würde er nicht über seine mannigfaltigen Möglichkeiten zur Zerstreuung verfügen, die noch aus seiner Armeezeit herrührten, längst das letzte Quäntchen an Lebenswillen ausgesaugt hätte.
Was soll´s, dachte er und deaktivierte schließlich den Screen vor sich.
Geheimer Ort, Arizona
Noch drei Stunden
Mason hasste die Wüste.
Kein Ort auf dieser Welt hatte ihn bisher mehr abgestoßen als dieser. Die kargen Weiten mit ihrer sengenden Hitze, vor allem während der endlosen Tage in den Sommermonaten, und der vollkommen im Widerspruch dazu stehenden klirrenden Kälte in der Nacht. Dazu kam noch dieser lästige, kratzende Flugsand, der vom Wind in jede noch so kleine Ritze, egal ob bei Mensch oder Material, getrieben wurde.
Und wenn er an das seltsame Getier dachte, das in dem harten Boden unter ihm sein Unwesen trieb, sträubten sich ihm immer wieder die Nackenhaare.
Klapperschlangen, Skorpione, Spinnen und Echsen.
Nicht wenige dieser Ausgeburten der Evolution hatten nichts anderes im Sinn, als jeden zu töten, der ihnen zu nahe kam.
Ein Grund mehr, dieses Projekt endlich zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, um diesen Ort schnellstmöglich wieder verlassen zu können.
Er kramte in der Tasche seines weißen Kittels und förderte eine Packung Zigaretten samt Feuerzeug zutage.
Noch während er sich einen der Glimmstengel in den Mund steckte, voll gieriger Erwartung, dass die bevorstehende Dosis an Nikotin seinem angespannten Nervenkostüm ein wenig Linderung verschaffen würde, ließ er seinen Blick in die Ferne schweifen.
Die Nacht war bereits hereingebrochen.
Zwar war das Klima während dieser Jahreszeit tagsüber weitaus erträglicher als in den sengend heißen Sommern, die Nächte hingegen waren dafür umso kälter. Nicht selten sanken die Temperaturen unter null Grad, was der simplen Tatsache geschuldet war, dass es in dieser Ödnis nichts gab, was in der Lage war, Wärme über einen längeren Zeitraum hinweg zu speichern.
Die Hitze des Tages verpuffte einfach, sobald sich die Dämmerung über das Land legte.
Der Grund, warum er sich überhaupt in diese Unbehaglichkeit heraufwagte, war schlicht, dass in der gesamten Anlage das Rauchen verboten war. Als wäre die Arbeit, die er gut vierzehn Stunden pro Tag leisten musste, nicht schon anstrengend genug –ganz davon abgesehen, dass ihm inzwischen kaum noch gestattet wurde, das Gelände zu verlassen –, versagte man ihm auch noch jenes letzte Laster, dass ihm in seinem Leben geblieben war.
Kein Geld der Welt ist das alles wert, war der immer wiederkehrende Gedanke, der seinem Groll wortlos Ausdruck verlieh.
Er nahm einen tiefen Zug und sah gedankenverloren nach oben.
Einzig der prächtige Sternenhimmel über ihm entschädigte ein wenig für all diese Mühen. Kein Streulicht einer nahen Stadt trübte ihn hier. Die Sicht war derart klar, dass man in manchen Nächten sogar das sternenüberschüttete Band der Milchstraße erkennen konnte, das sich eindrucksvoll über das gesamte Firmament spannte.
Von den nur schemenhaft erkennbaren Umrissen der Sierra Estrella ausgehend, die sich schwach vor dem weit entfernten Horizont abzeichneten, bis weit über die südlichen Ausläufer dieser Weite hinaus glänzte und funkelte es in makelloser Schönheit.
Es gab kaum etwas auf dieser Welt, das diesem Anblick gleichkam und das ihm gleichzeitig vermittelte, wie unbedeutend all das war, was ihn und die Seinen hier unten antrieb.
Dieser Anblick und natürlich auch das Nikotin, das inzwischen in Form eines leichten Kribbelns in seinen Blutkreislauf getreten war, beruhigten ihn allmählich.
»Dr. Mason?«
Die Stimme hinter ihm hatte etwas Forderndes an sich.
»Was gibt’s?«, sagte er, ohne sich umzuwenden.
Er hatte inzwischen gelernt, den Sicherheitslakaien des Konsortiums mit, wenn auch vorgetäuschter, Überheblichkeit zu begegnen.
Aus reinem Selbstschutz.
Denn diese mit militärischem Gehabe auftretenden Hampelmänner neigten ansonsten nur allzugern dazu, vor allem Wissenschaftler nach Belieben in ihre starren Hierarchien einzureihen, was schnell dazu führen konnte, dass man, ehe man sich versah, zum Laufburschen degradiert wurde.
»Dr. Mckinnon und Dr. Schwarz haben mich geschickt«, sagte der Mann harsch. »Ich wurde gebeten, Ihnen auszurichten, dass die Testroutinen nun in die entscheidende Phase gehen. Ihre sofortige Anwesenheit wird gewünscht.«
Mason ließ sich bewusst Zeit, bevor er antwortete.
Er nahm einen weiteren, tiefen Zug und blies dicke Rauchschwaden hinaus in den Nachthimmel.
»Richten Sie den Herren aus, ich komme in fünf Minuten.«
»Natürlich, Sir!«
Er lächelte zufrieden, als er hörte, wie sich der Laufbursche ohne weiteren Einwand mit raschen Schritten entfernte.
Nur wenig später warf er die Zigarette auf den Boden, trat sie mit einem Seufzen aus und wandte sich um.
Die kleine abbruchreife Hütte, die sich als äußerst wirksame Tarnung für das Quaid-Projekt erwiesen hatte, stand einsam inmitten der weiten Ebene. Der Zugang zu dem unterirdischen Komplex darin diente lediglich dazu, dass sich das Personal dann und wann hier draußen die Beine vertreten konnte.
Einen lebenswichtigen Nutzen hatte die Bruchbude nicht.
Denn die gesamte Logistik für die Versorgung der Einrichtung erfolgte durch einen viele Meilen langen Tunnel, der schnurgerade von einer neu errichteten Militärbasis im Süden heraufführte.
Niemand hatte je Verdacht geschöpft, dass sich unter diesem löchrigen Dach, durch das das Licht der Sterne wie durch einen Schweizer Käse hereinfiel, eine der fünf wichtigsten Forschungseinrichtungen in der Geschichte der Menschheit verbarg.
Selbst das Manhattan-Projekt hatte dagegen, gemessen am Aufwand, der sowohl hier wie auch auf den anderen vier Kontinenten betrieben wurde, kaum noch Bedeutung.
Er trat in das staubig riechende Innere.
In der Mitte des Raumes ragte ein kubusförmiger Aufbau empor. Die Fahrstuhltür in der Mitte stand offen, und die Wache darin erwartete bereits seine Ankunft.
Als sich einige Minuten später und dreißig Stockwerke tiefer die Tür wieder öffnete, wurde er von der regen Geschäftigkeit, die bereits in den Zubringerkorridoren herrschte, beinahe erschlagen.
Nach der Stille dort oben wirkte das Szenario hier unten wie ein Tollhaus.
Hunderte Frauen und Männer unterschiedlicher Couleur und Alters liefen wie eine aufgescheuchte Hühnerschar umher, stießen zusammen oder schlingerten, die Arme bis oben hin mit diversen Utensilien beladen, in waghalsigen Manövern aneinander vorbei.
Mason, der ein eher stoischer Charakter war, fand diese Hektik ermüdend, um nicht zu sagen enervierend. Ihr wohnte jene Unberechenbarkeit inne, die sich rationaler Planbarkeit weitgehend entzog.
Doch so verhielt es sich stets mit diesen verfluchten Deadlines. Je näher sie rückten, umso emsiger wurde die Betriebsamkeit, als hätte es die unzähligen Jahre davor nie gegeben.
Während der letzten Tage hatte sich die Summe seiner Aufgaben derart gesteigert, dass er das Gefühl hatte, er befände sich inmitten des Kompressionszylinders, in dem man den flüssigen Stickstoff herstellte, der für die Kühlung von Quaid unabdinglich war. Seine Gemütsverfassung wurde unablässig gequetscht, gestaucht und komprimiert, sodass sein Innerstes bis zum Zerreißen gespannt war.
Mit Wehmut erinnerte er sich an die Zeit am MIT, als nur Schwarz, Mckinnon und er selbst in einem damals eher bescheidenen Labor, jenseits der wachsamen Augen des Konsortiums, den Grundstein für den Bau von Quaid gelegt hatten.
Und nun, nach dreißig Jahren unermüdlicher Forschungs- und Planungsarbeit, war es endlich so weit.
Der erste Super-Quantencomputer würde der breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Er wusste nicht, worüber er glücklicher sein sollte: über die Tatsache, dass die Schufterei von Erfolg gekrönt sein würde, oder darüber, dass sie nun endlich vorbei war.
Natürlich hatten bereits unzählige Gerüchte die Runde gemacht, vor allem in diesen verdammten sozialen Netzwerken. Keine Erfindung in der Geschichte der Menschheit hatte er bisher als überflüssiger empfunden, als diese virtuellen Begegnungsstätten, in denen jeder Ottonormalbürger, geschützt durch die Anonymität des Cyberraums, sich bemüßigt fühlte, sein Innersten nach außen zu kehren. Der beinahe abstrakt wirkende Exhibitionismus, der letztendlich daraus entstanden war, hatte etwas grotesk Banales an sich.
Und er war gefährlich. Zumindest dann wenn man, wie im Fall des Quaid-Projekts um Geheimhaltung bemüht war.
Man war zwar, so gut es in der heutigen Zeit noch möglich war, vor allem aus Sicherheitsgründen um diese bemüht, doch die Natur strikter Geheimhaltung war es stets gewesen, dass sie umgangen werden wollte.
Menschen waren neugierig.
Sie empfanden stets ein hohes Maß an Furcht gegenüber allem, was sich ihrer Kenntnis oder ihrer Kontrolle entzog.
Und sie waren immer die Schwachstelle in derartigen Bestrebungen.
Auch beim Manhattan-Projekt waren die Pläne der Bombe schließlich in die Hände der Sowjets gelangt, was schließlich den Startschuss für das schlimmste Wettrüsten in der Geschichte der Menschheit bedeutet hatte.
Internationale Staatengemeinschaft plant Supercomputer mit künstlicher Intelligenz! Das Ende der Menschheit, so wie wir sie kennen?, hatte eine der ersten Schlagzeilen auf einer dieser Plattformen für Verschwörungstheorien gelautet.
Er selbst hatte von Anfang an dafür plädiert, dass man das Projekt so transparent wie möglich gestalten sollte, um derartigen Schwachsinn bereits im Keim zu ersticken.
Denn Quaid war in keinster Weise eine eigenständige künstliche Intelligenz. Das allein wäre schon ein absurder Gedanke gewesen.
Er würde kein H.A.L aus Clarkes 2001 sein, der aufgrund widersprüchlicher Befehle Gefahr lief, in einer H Moebius-Schleife gefangen zu sein, die ihn schließlich zu seinen Untaten getrieben hatte.
Intelligenz war eben nicht nur eine Frage der Rechenleistung, sondern vor allem der Empirik. Denn ähnlich wie ein Mensch hätte die Maschine nach ihrer Aktivierung Jahre damit verbringen müssen, die bereits implementierten Daten durch Erfahrungen anzureichern, um auch nur annähernd so etwas wie eine Persönlichkeit herausbilden zu können.
Doch dafür war sie nicht geschaffen worden.
Sie verfügte lediglich über das, was er und seine Mitstreiter als analytische Intelligenz bezeichneten.
Der Gedanke, dass sich aus der fundamentalen Architektur der Maschine heraus ein fühlendes, atmendes Wesen entwickeln würde, war also nicht nur vollkommen abwegig, er war schlichtweg unmöglich.
Quaids Bestimmung war eine andere.
Er sollte die unzähligen Probleme, die diese Welt seit nunmehr hundert Jahren vor unlösbare Aufgaben stellten, durch sein schier unendliches Potenzial der Analysefähigkeit endlich lösbar machen.
Er war geschaffen worden, um die Weltformel zu entschlüsseln.
So einfach war das. Punkt, aus.
Doch wie immer, wenn Unsummen an Geld im Spiel waren, schlichen sich wie von selbst Bedenken diverser, äußerst einflussreicher Vereinigungen ein, die vor allem ihre Investitionen vor der Unvorhersehbarkeit menschlicher Handlungen schützen wollten.
Und so waren sie schließlich hierher verbannt worden.
Weit weg von jeder potenziellen Gefahr ungezügelter Informationsverbreitung.
In den Staub.
In die Wüste.
In die Einsamkeit.
»Guter Gott, Daniel, wo warst du so lange?«
Simon Schwarz stürmte aus einem der zahlreichen Seitengänge in den breiten Hauptkorridor der Anlage. Seine schwarzen, maßgefertigten Schuhe quietschten auf dem auf Hochglanz polierten Linoleumboden und hinterließen kleine Schleifspuren.
In einigen Stunden würde davon nichts mehr zu sehen sein. Die Putzkolonnen würden anrücken und den Boden, der zusammen mit den makellos weißen Wänden um ihn herum den Eindruck vermittelte, er befände sich in einem Krankenhaus, wieder emsig säubern.
Es gab Tage, an denen er sich ernsthaft die Frage stellte, ob er bei seiner Rückkehr in die Zivilisation nicht todkrank werden würde, nachdem der so viele Jahre in dieser beinahe penibel sterilen Umgebung verbracht hatte.
»Hab eine geraucht«, sagte er griesgrämig, ohne seinen Kollegen dabei anzusehen.
»Ja, gute Idee«, erwiderte Schwarz ärgerlich. »Ich erspare mir inzwischen jeden Tadel, denn zweifellos wird dich das ohnehin eines Tages umbringen.«
»Und? Was gibt’s so Wichtiges?«
»Was denn wohl?« Der Ärger in Schwarz’ Stimme schwoll weiter an. »Wir haben nur noch zwei Stunden! Bevor das Spektakel losgeht, sollten noch sämtliche Checks durchgeführt werden. Und ich will auch noch mal den Spot besprechen. Das PR-Team nervt mich schon den ganzen Tag damit.«
Mason seufzte.
Es kam in letzter Zeit häufiger vor, dass er Schwarz gegenüber Mordgelüste verspürte. Seine Penibilität war in den letzten Monaten unerträglich geworden.
Sicher, er hatte deutsche Wurzeln, man konnte es ihm daher kaum verübeln, denn die Deutschen waren schon immer für ihre maßlose und überbordende Gründlichkeit bekannt gewesen.
In Schwarz’ Fall äußerte sich das nicht nur darin, dass er mit extremer Eitelkeit auf sein Äußeres bedacht war – das perfekt gescheitelte blonde Haar, die stets blank geputzte Nickelbrille auf seiner Nase und die scharfe Rasur seines kantigen Kinns, samt gezupfter Brauen und gestutzter Wimpern, damit seine strahlend blauen Augen besser zur Geltung kamen, waren nur einige Beispiele dafür –, sondern auch darin, dass er dazu neigte, alles zu Tode zu besprechen und zu testen.
Und das war bei weitem nicht das Einzige.
Während alle anderen nach einem langen Arbeitstag in die Kantinen strömten, ging Schwarz hinaus und lief endlos lange Strecken durch die Wüste. Vermutlich um nachzudenken.
Manchmal fragte sich Mason, woher der Mann seine schier unerschöpfliche Energie nahm.
»Meine Güte, Simon«, sagte er schließlich. »Komm wieder runter, das Ding wird perfekt laufen, da mach ich mir keine Sorgen.«
Sie erreichten ihren persönlichen Arbeitsbereich, der durch ein mächtiges Sicherheitsschott vom Hauptkorridor abgetrennt war. Niemandem außer den drei Schöpfern von Quaid war hier der Zugang gestattet. Der Vorstand der Konsortiums natürlich ausgenommen. Doch die Schlipsträger ließen sich nur selten hier blicken.
»Oder? Hab ich nicht recht, Kevin?«
»Das hast du, mein Freund«, antwortete Kevin Mckinnon, der die beiden bereits im Inneren des heiligsten Heiligtums der Anlage erwartete.
Das Triumvirat der Maschine, wie sie Schwarz in seiner Theatralik gerne zu nennen pflegte, war nun komplett.
»Du weißt doch gar nicht, worum es gerade geht«, ätzte Schwarz und ließ sich in seinen makellos weißen Stuhl fallen.
Mckinnon lächelte zynisch und zeigte ihm ungeniert seine nicht gerade ansehnlichen Zähne, die beinahe ein Klischee bei all jenen waren, die von der kleinen Insel stammten, die an den östlichen Ausläufern des Atlantiks im Meer trieb.
Zweifellos hatte der kleine Schotte es heute wieder einmal nicht für Wert befunden, das Badezimmer in seinem Quartier aufzusuchen. Sein rotes Haar stand in alle Richtung ab, er war unrasiert, und auch das T-Shirt, das er unter seinem Kittel trug, hatte bessere Zeiten gesehen. Nicht nur dass es ihm gut eine Nummer zu klein und damit kaum in der Lage war, sein zusehends anschwellendes Bäuchlein im Zaum zu halten, es fand sich auch der eine oder andere Kaffeefleck darauf, der gut und gerne drei Tage alt war.
Mason ließ sich ebenfalls auf seinem Stuhl nieder und sah sich um.
Er hasste die karge Aufgeräumtheit seines Arbeitsplatzes.
Über den großen Schirm unmittelbar vor ihm, einem der neuartigen Quantenscreens, oder QS, wie ihn das Konsortium getauft hatte, liefen endlose Zahlenreihen und abstrakte Diagramme, die den Zustand der Maschine in für den Menschen verständliche Form brachte.
Unmittelbar daneben stand ein kleiner schwarzer Würfel, der Prototyp eines Computers auf Silizium-Kristall-Basis, über den die Kommunikation mit Quaid in einer bis dato unfassbaren Geschwindigkeit ablief.
Nur die gute alte Tastatur hatte noch nicht ausgedient, wirkte jedoch im Vergleich mit der schlichten Geometrie dieser neuen Technologie beinahe wie ein Relikt aus einer fernen Vergangenheit.
Jedes einzelne Stück davon war natürlich bereits geschützt, patentiert, mit einem entsprechenden Label versehen worden und bereit, in naher Zukunft seinen Weg hinaus in die Häuser der elf Milliarden Menschen zu finden, die diese Welt inzwischen bevölkerten und deren drückende ökonomische und ökologische Last den Weg für den Bau von Quaid erst ermöglicht hatte.
Bei der Aussicht auf die billionenschweren Einnahmen lief dem Vorstand des Konsortiums sicher schon jetzt der Sabber aus den Mundwinkeln.
So also würde die Zukunft der Informationsverarbeitung nun aussehen: karg und nüchtern, streng geometrisch und seelenlos. Und dazwischen nichts als Leere.
Für einen kurzen Moment verfluchte er jenen Mann, der in den späten Neunzigern den Computern so etwas wie Persönlichkeit verliehen hatte, in dem er die Form vor die Funktionalität gestellt hatte, und so eine Entwicklung in Gang gesetzt hatte, in der das Design zu einem wesentlichen Bestandteil bei der Entwicklung der Maschinen geworden war.
Er schnaubte verächtlich.
Computer waren Maschinen, nichts weiter.
Sie sollten funktionieren und keine Designpreise gewinnen.
Das Labor am MIT kam ihm erneut in den Sinn.
Er erinnerte sich noch lebhaft derart, dass Mckinnon und er selbst derart mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen waren, dass ihnen kaum aufgefallen war, dass sich die leeren Take-away-Kartons schon bis an die Decke stapelten. Der Geruch war dementsprechend streng gewesen. Das ging stets so weit, dass selbst das Betreten des Labors irgendwann zu einem schwierigen Unterfangen wurde, sodass man letztendlich in überstürzten Aufräumaktionen immer wieder für Ordnung sorgen musste.
Dennoch zauberte ihm der bloße Gedanke an dieses Chaos ein Lächeln ins Gesicht. Alles hatte eine gewisse Substanz, einen menschlichen Touch gehabt – nicht zu vergessen, dass aus diesem Chaos etwas Beeindruckendes entstanden war.
Das war natürlich, bevor Schwarz zu ihrem illustren Duo gestoßen war.
Bevor dessen krankhafter Ordnungswahn Einzug gehalten hatte.
All das hier trug nun unübersehbar seine Handschrift.
Es verging eine längere Zeit des Schweigens, in der jeder die ihm zugedachten Routinen durchlaufen ließ.
»Gut, wollen wir anfangen?«, sagte Schwarz dann. Die Erregung in seiner Stimme war unüberhörbar.
»Je schneller, umso besser.« Mason stieß ein entnervtes Seufzen aus.
»Relaxion?«, begann Schwarz, unbeeindruckt von Masons mürrischem Gehabe, seine Checkliste herunterzubeten.
»Check.«
»Dekohärenz?«
»Bei null Komma vier«, antwortete Mckinnon.
»Zustand Quantengatter?«
»Stabil«, meldete Mason.
»Qubits?«
»Konstant bei tausendeinhundert.«
Diese Zahl jagte Mason noch immer wohlige Schauer über den Rücken. Zu Beginn ihrer Forschung hatte er kaum zu denken gewagt, dass sie eines Tages die magische Zahl von dreihundert Qubits noch übertreffen würden – jene Zahl am Ende einer exponentiellen Wachstumsreihe, die sogar die Anzahl der Teilchen des gesamten Universums abzubilden imstande war.
Gemessen an den Möglichkeiten des einst so trägen Bit-Zeitalters schien Quaid in seiner derzeitigen Architektur über beinahe unendliche Ressourcen zu verfügen.
»Sekundärer Kern?«
»Läuft zu hundert Prozent synchron.«
»Zustand des Reaktors?«
»Läuft konstant auf Optimalleistung«, sagte Mason. »Deuterium-Tritium-Reaktion ist stabil. Alle Werte innerhalb der vorhergesehenen Parameter. Photonenemissionen im optimalen Bereich.«
»Quantenschnittstellen?«
»Keine Verluste bei der Signalübertragung. Funktionieren einwandfrei.«
Mason erkannte, wie Schwarz seine Wangen aufblies. »Gut, dann sollte nun nichts mehr schiefgehen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Synchronisation mit den anderen Einheiten ebenso reibungslos ablaufen wird.«
Noch zwei Stunden.
Mason lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Eine lähmende Müdigkeit überkam ihn langsam. Von allen langen Tagen während der letzten Jahre war der heutige zweifellos der längste gewesen.
Und er war sich sicher, dass die darauf folgenden, sollte Quaid funktionieren, woran er keinen Moment zweifelte, noch schlimmer werden würden.
Das Konsortium würde auf den Plan treten.
Die Politik und das Militär würden hinzustoßen und sich gemeinsam mit dem Vorstand in eitler Selbstbeweihräucherung suhlen. Von weiser Voraussicht und dem unbedingten Willen zur Innovationsförderung würde unentwegt die Rede sein, und die scheinheiligen Huldigungen würden ewig kein Ende nehmen.
Das berühmte Wir haben es schon immer gewusst würde an der Spitze jener hohlen Phrasen stehen, mit denen die Unvermögenden nur zu gern ihren Mangel an Verständnis tarnten.
Und Schwarz, so viel stand fest, würde es unendlich genießen.
Mason störte sich eigentlich nicht daran, dass sein Kollege als der Architekt von Quaid die meisten Lorbeeren einheimsen würde.
Mckinnon und er selbst, in ihrer Eigenschaft als Experimentalphysiker, hatten zwar die technischen Grundlagen für seinen Bau geschaffen, doch der Geist in der Maschine entsprang unbestreitbar Schwarz’ genialem Verstand.
Mason hatte sich nicht selten gefragt, wie sein Kollege überhaupt imstande gewesen war, diese Mammutaufgabe fast im Alleingang zu bewältigen.
Er hatte nie eine Erklärung dafür erhalten.
Vielleicht weil Schwarz nicht in der Lage war, Außenstehenden Zugang zu seiner abstrakten Gedankenwelt zu gewähren, in der sich die fundamentale Funktionsweise der Maschine in einem undurchdringlichen Gewirr aus Algorithmen und Formeln verbarg.
Inzwischen spielte das jedoch kaum noch eine Rolle.
Denn es stand bereits fest, dass der eitle Deutsche nun endlich den Ruhm erhalten würde, der ihm seiner Meinung nach zustand. Am morgigen Tag – und Schwarz dachte sicher in diesen Kategorien – würde er sie endlich alle hinter sich gelassen haben. Gates, Jobs, Wozniak, Berners-Lee und sogar den legendären Alan Turing.
Nein, Turing vielleicht nicht.
Dessen früher Tod hatte ihn zweifellos in die Gefilde der Märtyrer der Wissenschaft gehoben, damit konnte nicht einmal Schwarz, sollte er sich nicht in absehbarer Zeit das Leben nehmen, mithalten.
Mason öffnete die Augen und sah auf die alte Armbanduhr an seinem linken Handgelenk.
Tick, tack, tick, tack …Times Square, New York City
Der Abend war bisher ganz nach Lucas’ Geschmack verlaufen.
Die Mädels aus dem Vierten hatten reichlich getankt und schienen zu jeder Schandtat bereit.
Vor allem Lucy, eine der Mitarbeiterinnen aus der PR-Abteilung, war mittlerweile außer Rand und Band und tanzte bereits seit gut einer Stunde zu den Rhythmen des Technomülls, der aus den überdimensionalen Lautsprechern dröhnte, die den Platz von allen Seiten beschallten.
Immer wieder stieß sie dabei mit ihrem recht üppigen Vorbau, der beinahe hypnotisierend auf und ab wippte, gegen seine schmächtige Brust, was ihn an den Rand einer peinlichen Situation in seiner Lendengegend brachte.
Somit stand sein Plan bereits fest.
In wenigen Sekunden war Mitternacht.
Die Sektkorken würden knallen, Feuerwerk würde trotz des alljährlichen Verbots massenhaft abgefeuert werden, und die holde Weiblichkeit würde sich auf das nächstbeste Opfer in ihrer unmittelbaren Umgebung stürzen, um ihm überschwänglich die Zunge in den Mund zu stecken.
Lucas leckte sich kurz die Lippen, als er daran dachte, wie sich dieser volle Mund bereitwillig auf seinen legen würde.
Er hoffte inständig, dass sie betrunken genug war, um den Abend in seinem Appartement zu beschließen, damit er sich endlich von seiner Jungfräulichkeit befreien konnte.
Er war so tief in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass der Countdown für ein neues Jahrzehnt beinahe abgelaufen war.
Zwei, eins …
Der Lärm um ihn herum wurde ohrenbetäubend.
Der Big Apple war nie ein ruhiger Ort, das war allgemein bekannt. Doch im Angesicht dieses Tobens, das nun wie eine gewaltige Sturmflut auf ihn einbrandete, nahm sich ein normaler Tag dort aus wie ein Waldspaziergang.
Menschen jubelten, schrien, schwangen Flaschen und Gläser, und »Happy New Year« wurde aus Tausenden Kehlen gerufen.
Nur Lucy war verschwunden.
Enttäuscht hielt er nach dem Objekt seiner Begierde Ausschau, doch alles, was er sah, war die vibrierende Masse, die in erstaunlicher Homogenität auf und ab sprang.
Mit griesgrämiger Miene bahnte er sich einen Weg an den Rand des v-förmigen Platzes, der wie zu jeder Tages- und Nachtzeit hell erleuchtet war.
Von Hunderten Screens zuckten die Bilder der Werbecampagnen aller bekannten Großkonzerne herab, die das lang ersehnte Erwachen von Quaid dazu nutzten, um ihre Botschaften denen entgegenzuschmettern, die dafür empfänglich waren.
War es in den letzten Jahrzehnten stets der Super Bowl gewesen, in dessen Pausen horrende Beträge für die Präsentation neuer oder altbekannter Produkte bezahlt wurden, war es nun dieses Ereignis, das wie kaum ein anderes in die Analen der Menschheitsgeschichte eingehen sollte.
Auf dem zentralen Billboard direkt im Zentrum des Platzes lief bereits in riesigen Lettern der Countdown für dieses Megaereignis ab.
In etwas mehr als einer Minute würde der Rest der Menschheit zu sehen bekommen, was er selbst schon in den Büros der NCD bestaunen durfte.
Er erinnerte sich noch gut daran, wie beindruckend die Präsentation gewesen war.
Sie zeigte in bester Visual-Effects-Art, untermalt von episch-theatralischer Musik, wie Tausende Drohnen die Erdoberfläche überflogen, die mit revolutionären, neuartigen 3D-Scannern bis in den Bereich von Nanometern jeden noch so verborgenen Winkel vermessen konnten. Das Gleiche geschah nur wenig später unter Wasser, als ein ganzes Heer submariner Drohnen in Tiefen hinabdrang, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war.
Die Myriaden von Informationen, die so diesem Planeten entlockt wurden, sammelten sich schließlich in Form eines schier unüberschaubaren Gewirrs von Linien, Zahlen und Diagrammen in den fünf Kernen der Quaid-Maschine, wo sie visuell für jedermann verständlich verarbeitet und entwirrt wurden.
Das ganze Spektakel, so schätzte er, ging gut zehn Minuten, bis sich schließlich das Bild verdunkelt hatte und nur eine einzige Grafik übriggeblieben war, die nichts anderes als die Lösung der Weltformel darstellen und in eine verheißungsvolle Zukunft jenseits von Leid, Armut und Hunger weisen sollte.
Die Zukunft beginnt heute.
Was für ein ausgelutschter Slogan.
Hollywood hatte in der Tat ganze Arbeit geleistet.
Für einen kurzen Augenblick dachte er tatsächlich daran, den Platz zu verlassen, jetzt wo seine amourösen Erwartungen sich schlagartig in Luft aufgelöst hatten; doch der Gedanke daran, den Clip auf der überdimensionalen Leinwand, die man über die gesamte Nordseite des Platzes gespannt hatte, noch einmal erleben zu können, ließ ihn schließlich noch verweilen.
