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Drei gruselig-schaurige Kurzgeschichten aus der Novellensammlung »Drei Jahreszeiten« Dunkle Gewölbe: Eine Frau sitzt seit vielen Jahren unter enormen Sicherheitsvorkehrungen in einem abgelegenen Sanatorium. Selbst das Klinikpersonal wagt es nicht, ihr zu nahe zu kommen. Doktor Miller, ein Neuling unter der Ärzteschaft, wird mit ihrem rätselhaften Fall betraut ...Der Clown: Was, wenn ein Clown die ständigen Erniedrigungen in seinem Leben satthat und sich entschließt, den Spieß umzudrehen? Warnung! Nichts für schwache Nerven!Chain Kain: Eine bestialische Mordserie erschüttert eine Kleinstadt. Der Herbst des Todes ist erneut angebrochen. Pater Connor und Detective Shoemaker machen sich auf die Suche nach dem Mörder. Und entdecken dabei Schreckliches …
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Die Novellen
Drei gruselig-schaurige Kurzgeschichten aus der Novellensammlung »3 Jahreszeiten«.
Dunkle Gewölbe: Eine Frau sitzt seit vielen Jahren unter enormen Sicherheitsvorkehrungen in einem abgelegenen Sanatorium. Selbst das Klinikpersonal wagt es nicht, ihr zu nahe zu kommen. Doktor Miller, ein Neuling unter der Ärzteschaft, wird mit ihrem rätselhaften Fall betraut ...Der Clown: Was, wenn ein Clown die ständigen Erniedrigungen in seinem Leben satthat und sich entschließt, den Spieß umzudrehen? Warnung! Nichts für schwache Nerven …Chain Kain: Eine bestialische Mordserie erschüttert eine Kleinstadt. Der Herbst des Todes ist erneut angebrochen. Pater Connor und Detective Shoemaker machen sich auf die Suche nach dem Mörder. Und entdecken dabei Schreckliches …
Der Autor
Walter Herbert Sarau wurde 1972 in Wien geboren. Neben seiner Tätigkeit als Autor und Illustrator arbeitet er als konzeptioneller Designer und Matte Painting Artist für Film und Werbung. Bereits in frühen Jahren entdeckte er seine Vorliebe für die Genres Science Fiction, Horror und Space Opera. Sein Erstlingswerk, »Die Legenden von Carthan - Götterdämmerung«, eine illustrierte Novelle, wurde aufgrund ihrer aufwendigen Gestaltung von einem renommierten Magazin ausgezeichnet. Im Dezember 2019 veröffentlichte er die Novelle »Konstrukt - Willkommen in der Maschine«, den ersten Band einer dystopischen Science Fiction Trilogie, der im April der zweite Band, »Konstrukt - Jenseits der Grenzen«, folgte. Mit »Der Staat« legte der Autor 2020 seinen ersten Roman aus dem Genre »Cyber Thriller« vor. W. H. Sarau lebt und arbeitet im Kurort Semmering in Österreich.
Weitere Bücher von W. H. Sarau:»Konstrukt - Band 1 - Willkommen in der Maschine« . Science Fiction»Konstrukt - Band 2 - Jenseits der Grenzen« . Science Fiction»Der Staat« . Cyber Thriller»Drei Jahreszeiten« . Horror Novellensammlung
W. H. Sarau
3 Horror-Kurzgeschichten aus der Novellensammlung »Drei Jahreszeiten«- Horror -
Todesherbst
Originalausgabe im Sarau VerlagGläserstrasse 5/1A-2680 Semmering
1. Auflage . Dezember 2020
© W. H. Sarau & Sarau GmbH . Dezember 2020
Text & Bild: © W. H. Sarau . alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: © W. H. Sarau & Book-Designs.com
Titelgestaltung: W. H. Sarau & Book-Designs.com
Satz: Sarau GmbH & Book-Designs.com
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www.sarauverlag.at
Inhalt
Dunkle Gewölbe
Der Clown
Chain Kain
»So! Hier sind wir nun auf der Station mit der höchsten Sicherheitsstufe«, bemerkte Doktor Snyder, nachdem sich die Fahrstuhltür hinter ihnen geschlossen hatte.
Er klappte das schwarze Notizbuch zu, in dem er während der kurzen Fahrt gelesen hatte und klemmte es unter seinen Arm.
»Oder das Verlies, wie wir es hier nennen«, bemerkte ein weißgekleideter Pfleger beiläufig, der soeben an ihnen vorbeieilte, ohne sie dabei eines Blickes zu würdigen.
Snyder räusperte sich.
»Nun ... ja«, stammelte er peinlich berührt und rückte sich die in die Jahre gekommene Hornbrille unter seinen buschigen Augenbrauen zurecht. »Eine nicht gerade zutreffende Bezeichnung für die führende psychiatrische Abteilung des gesamten Landes.«
Der unterschwellige Stolz, der in diesen Worten mitschwang, klang etwas gekünstelt.
Miller lächelte gequält.
»Ja, Sir! Gewiss, Sir«, antwortete er schließlich mit gespielter Unterwürfigkeit. »Ihr Ruf eilt ihnen zweifellos voraus. Und ich finde auch, dass diese ... Titulierung dem Respekt, den man ihrer Arbeit hier entgegenbringen sollte, doch etwas zuwiderläuft.«
Snyder nickte dankend.
»Genau meine Rede!«, sagte er, reckte seinen dünnen, faltigen Hals gebieterisch nach oben und wies Miller mit einer kurzen Handbewegung den langen Gang unmittelbar vor ihnen hinab.
»Wie Sie ja zweifellos wissen, Doktor Miller«, hob er erneut an, »ist in unserem Haus die Crème de la Crème all jener Straftäter versammelt, deren Taten Auffälligkeiten aufweisen, denen die Bezeichnung pathologisch noch nicht einmal annähernd gerecht wird.«
Während er den Worten seines neuen Vorgesetzten mit bewusst zur Schau gestellter Aufmerksamkeit lauschte, musterte er im Vorbeigehen die Umgebung, die für die nächsten zwei Jahre sein Arbeitsplatz sein würde.
Verlies traf es in der Tat recht gut.
Die Wand an seiner rechten Seite bestand aus nackten, rußigen und unregelmäßig aufeinander gestapelten Sandsteinen, die über ihm in ein Rundbogengewölbe übergingen, das in Abständen von etwa vier Metern von groben Stahlträgern gestützt wurde, an denen der Rost der Jahrzehnte unablässig nagte.
Auf der linken Seite reihten sich die Zellen der Insassen aneinander; jede einzelne von ihnen trennte die Außenwelt mittels massiven, schwarz glänzenden Gitterstäben von der vermeintlichen Gefahr, die dahinter lauerte, sodass sich der Blick, so fiel ihm sofort auf, nach nur wenigen Metern in unzähligen Schattierungen von Schwarz und Grau verlor.
Der graue Linoleumboden, der ganz im Gegensatz zum Rest der Einrichtung penibel sauber gehalten wurde, quietschte bei jedem einzelnen Schritt, während das leicht flackernde Neonlicht über ihnen helle Flecken darauf zauberte.
»Meine Kollegen und ich haben es uns zur Aufgabe gemacht, den mannigfaltigen Motiven, die unsere werten Insassen letztendlich zu ihren Gräueltaten veranlasst haben, eingehend auf den Grund zu gehen«, referierte Snyder weiter. »Wir hoffen, dass wir durch unsere intensive und mittlerweile auch recht weit fortgeschrittene Forschungsarbeit einen wertvollen Beitrag für künftige Ermittlungsarbeiten der Exekutive leisten können. Wir gehen davon aus, dass sich zumindest einige der potentiellen Verbrechen so bereits im frühen Stadium verhindern lassen.«
»Ja, Sir«, antwortete Miller. »Ich habe mir natürlich alle ihre bisherigen Publikationen eingehend zu Gemüte geführt. Und ich muss sagen, ... ich war mehr als beeindruckt. Vor allem von ihren Ergebnissen auf dem Gebiet der Verhaltensforschung.«
Schmeichelei unter Kollegen.
Huldigungen dieser Art waren ihm seit jeher nicht leicht gefallen. Doch in den nach wie vor so verstaubten Strukturen des Ärztekollegiums, in dem Zank und Hader ebenso an der Tagesordnung standen wie Neid und Missgunst, waren sie leider ein Muss. Eine simple Notwendigkeit, um zumindest Zeit seines Lebens den Hauch einer Chance zu haben, die Karriereleiter ein wenig nach oben zu klettern.
Auf der anderen Seite waren Snyders bisherige Erkenntnisse in der Tat beeindruckend. Wenngleich auch seine Methoden nicht bei allen seiner Artgenossen auf Zustimmung stießen - denn so manche von ihnen waren für sie einfach zu brutal, wenn nicht gar mittelalterlich - doch der Erfolg gab ihm letztendlich recht.
Die Entschlüsselung der synaptischen Krämpfe, wie er die Impulse, die Schwerverbrecher zu ihren Taten trieben, zu nennen pflegte, stand zwar erst an ihrem Beginn, doch erste Erfolge hatten sich bereits eingestellt.
Für die Ermittlungsbehörden war dies Grund genug gewesen, ihn mit einer enormen Erhöhung seines Forschungsetats zu belohnen, was unweigerlich zur Folge hatte, dass seine Abteilung in den ehrwürdigen Mauern des Black Hill Asylum unablässig wuchs und wuchs.
Alles, was auf diesem Gebiet Rang und Namen hatte, tummelte sich inzwischen in den Hunderten von Behandlungszimmern und den endlosen Korridoren und Laboren, mit denen das uralte Gebäude bestückt war.
Und auch er wollte, mehr als alles andere einer dieser Pioniere sein. Einer der Speichellecker, die im Kielwasser dieses Gottes in Weiß mitschwammen.
Ein Teil von etwas Besonderem.
Dafür des Öfteren auf die Knie fallen zu müssen, erschien ihm in diesem Moment als ein höchst geringer Preis.
»Natürlich hoffe ich inständig, dass ich durch meine Arbeit an ihrem Institut ebenfalls einen, wenngleich vermutlich auch nur bescheidenen Beitrag, zu Ihrer so hoch angesehenen Forschungsarbeit leisten kann.«
Die Schleimerei hatte gesessen.
Snyder schürzte die Lippen und plusterte sich auf wie ein Pfau.
»Schön, schön«, sagte er dann, wobei er sichtbar darum bemüht war, nicht zu lächeln.
Während sie einige Meter nebeneinander wortlos entlangschritten, musterte Miller eine der Zellen, die sie passierten.
Sie nahm sich beinahe wie eine Gruft aus.
Die nackten, schmucklosen Wände, der kalt wirkende Boden darunter, auf dem lediglich eine bescheidene Liegestatt aus Aluminium und ein winziger am Boden festgeschraubter Tisch Platz fanden, hatte etwas Deprimierendes an sich. Die an der dahinterliegenden Wand befestigte Toilette vervollständigte einen Gesamteindruck, der dem Wort schlicht eine vollkommen neue Dimension gab.
Der Mann, der wortlos mit starr nach vorne gerichtetem Blick und mit auf dem Schoß gefalteten Händen in diesem Halbdunkel ausharrte, war nur mehr das sprichwörtliche Pünktchen auf dem I.
»Hallo Robert!«
Snyders Worte rissen ihn wieder aus seinen trüben Gedanken.
»Wie ist das werte Befinden heute?«
Die in eine schlecht sitzende, gestreifte Anstaltskluft gezwängte Gestalt gab ein verächtliches Grunzen von sich.
»Verpissen Sie sich Doc!«, fuhr es zwischen schrundigen Lippen samt schlecht zurechtgestutztem Bart hervor. »Ich hoffe, Sie und ihre verfickten Lakaien schmoren bald in der Hölle!«
Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie Snyder süffisant grinste.
»Ich gehe davon aus, dass Sie bereits von Mister Hewitt gehört haben, nicht wahr?«, wandte sich der Doc an ihn.
»Der Ripper«, antwortete Miller ohne Umschweife. »Hat sechzehn Menschen umgebracht, sie zerstückelt, ausgeweidet und mit den Leichenteilen das Wohnzimmer seiner Farm verschönert.«
»Ich habe niemanden umgebracht!«, ertönte es protestierend. »Ich hab Ihnen schon hundert Mal erklärt, dass das Jeff gewesen ist! Ich bin vollkommen unschuldig!«
»Jeff ist der Name seines Alter Ego«, nahm Snyder Millers Frage vorweg. »Die dunkle Seite seiner Persönlichkeit, wenn Sie so wollen«
Miller stutzte. »Er leidet also an einer Form der Schizophrenie?«
»Exakt! Es ist uns im Zuge seiner Behandlung auch bereits gelungen, Jeff hervorzulocken, wenn Sie es so nennen wollen«, sagte Snyder stolz. »Es hat sich gezeigt, dass es im Rahmen einer Elektroschocktherapie, durch gezielte ... Stimulation und der damit einhergehenden Überschreitung einer gewissen Schmerzgrenze möglich ist, der zweiten Persönlichkeit die Kontrolle über Mister Hewitts Körper aufzuzwingen. Durch das Hervortreten eben derselben haben wir so einen recht vielversprechenden Ansatz für eine erfolgreiche Heilung. Ziel ist es dabei, Jeff entweder ganz auszulöschen oder seine pathologischen Triebe soweit unter Kontrolle zu bringen, dass er keinen weiteren Schaden mehr anrichten kann.«
»Therapie!«, spottete Hewitt. »Jeder Mensch, mit ein wenig Mitgefühl würde es Folter nennen!«
Snyder blieb vollkommen unbeeindruckt.
»Gewiss ist diese Form der Behandlung nicht immer angenehm, Jeff«, sagte er kühl. »Aber wir gehen davon aus, dass wir so die besten Resultate erzielen werden. Und ich bin der festen Überzeugung, dass das für alle Beteiligten der beste Weg ist. Oder wollen Sie etwa den Rest ihres Lebens im Schatten von Jeff verbringen?«
Die Antwort darauf blieb aus.
Hewitt krümmte sich zusammen wie ein Ungeborenes im Mutterleib und richtete seine ausdruckslosen Augen auf die Wand gegenüber.
»Ist ein langer Weg«, seufzte Snyder, als er die Reaktion seines Patienten sah. »Aber vielleicht gelingt es uns eines Tages tatsächlich, ihn als ein normal funktionierendes Mitglied der Gesellschaft wieder in Freiheit zu entlassen.«
Miller verbarg seine Skepsis darüber so gut wie er konnte.
Selbst wenn es den Ärzten dieser Einrichtung eines Tages möglich sein sollte, Monster wie Hewitt erfolgreich zu therapieren, würden sie nie wieder akzeptierte Mitglieder der sogenannten Gesellschaft werden. Sie hatten, sobald sie gefasst wurden, bereits eine längere Phase der Brandmarkung hinter sich, in deren Folge sie für den Rest ihres Daseins stigmatisiert bleiben würden. In Hewitts Fall war es alleine schon die Titulierung Ripper, die ihm vonseiten eines äußerst findigen Schreiberlings einer landesweiten Zeitung verliehen worden war.
Selbst die Annahme einer neuen Identität half bei einem erfolgreichen Neustart nur bedingt. Denn irgendwann, so hatte die Erfahrung bereits gezeigt, fand die Wahrheit über jede unselige Vergangenheit wieder ihren Weg ans Licht.
»Wollen wir?«
Miller nickte geistesabwesend und folgte dem Direktor weiter den Flur hinab.
Zelle reihte sich Zelle, Halbdunkel an Halbdunkel, Tristesse an Tristesse.
Nur die unterschiedlichen Insassen brachten etwas Abwechslung in eine Szenerie, die sich am besten unter dem Begriff Monotonie vereinen ließ.
Doch am Ende des Flurs durchbrach etwas dieses so vollkommen scheinende Manifest trübseligen Gleichklangs.
Denn die letzte Zelle unterschied sich grundlegend von allen anderen.
Unmittelbar hinter den schweren Gitterstäben war eine dicke Scheibe aus Sicherheitsglas eingebracht worden, durch das der helle Schein unverhältnismäßig vieler Lampen, aufgefächert von der käfigartigen Konstruktion davor auf den Linoleumboden fiel.
Miller hielt interessiert inne und spähte gespannt in das Innere.
Man hätte zweifellos erwartet, dass man diese Sicherheitsvorkehrungen ergriffen hatte, um irgendein urgewaltiges Monster von Mensch darin in Zaum zu halten; doch was er in jenem Moment sah, stand in so vollkommenem Widerspruch zu dieser Annahme, das sich augenblicklich ungläubiges Staunen in seine Gesichtszüge stahl.
Eine zierliche, recht hübsche junge Frau mit glattem, dunklem Haar saß leicht über einen kleinen Tisch gebeugt und zeichnete. Ihre beinahe fragil wirkenden, schlanken Finger tanzten leicht und sanft über ein großes Blatt Papier, auf dem gerade das Konterfei eines kleinen Hundes Form annahm, der mit süßen, großen Augen hinaus in die reale Welt blickte.
Es war unübersehbar, dass sie eine wahre Schönheit war und in diese Einrichtung ebenso wenig zu passen schien wie eine Blume auf eine Müllhalde.
»Das ist der Fall, der uns bisher die meisten Rätsel aufgibt.«
Snyders Stimme klang nur mehr wie ein weit entferntes Echo zu ihm herüber.
Sein Blick war in diesem Moment nicht imstande, sich von diesem hübschen Gesicht und der so gewandt über das Papier huschenden Hand zu lösen.
»Hallo Alice!«, begrüßte Snyder die Insassin erstaunlich freundlich.
»Doktor Snyder!«, kam es sogleich aus einem wohlgeformten Mund zurück.
Alice´ Stimme klang, obwohl sie nur durch eine antik wirkende Lautsprecheranlage an der rechten Seite Durchlass fand, erstaunlich klar. Sie war weich und sanft und im wahrsten Sinne des Wortes ein Wohlklang für jeden Vertreter des männlichen Geschlechts.
Irgendwo dazwischen war das Summen einer Belüftungsanlage zu vernehmen, die scheinbar für Frischluft in der bescheidenen Zelle sorgte.
Sie wandte sich den beiden zu und richtete ihre strahlend blauen Augen, die unter perfekt zurechtgestutzten Augenbrauen wachsam hervorleuchteten auf die beiden Männer. Snyder galt zuerst ihre Aufmerksamkeit. Doch dann richtete sie ihren Blick auf Miller, an dem er schließlich unnatürlich lange haften blieb.
Sie schickte ihm ein freundliches Lächeln herüber.
»Wie geht es dir heute?«
Sie seufzte kurz laut auf.
»Ich habe eigentlich keinen Grund zu klagen», hob sie schließlich an, »außer, dass ich sehr hungrig bin. Ich habe Bob schon um einen Nachschlag gebeten, ... aber er ist immer so gemein. Ich finde es ...«
»Alice!«, unterbrach Snyder sie. »Sie wissen doch, dass jeder hier ausschließlich die ihm zugedachte Ration erhält, nicht wahr? Schließlich sind wir kein Hotel, sondern eine medizinische Einrichtung. Und davon abgesehen ...« Er wies kurz in Richtung einer silbernen Schüssel, die am unteren Ende ihres Bettes lag. »Haben sie noch gar nicht aufgegessen.«
Alice verzog die Lippen zu einem blassen Bogen.
»Ich mag kein Schwein!», konstatierte sie schließlich. »Rindfleisch ist mir tausend Mal lieber. Auch das sagte ich bereits ... mehrmals! Aber mir hört in dieser Absteige nie jemand zu!«
Miller konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneifen, als er die schmollende Zierlichkeit eingehend musterte, die wie ein verärgertes Schulmädchen mit vor der Brust verschränkten Armen dasaß.
»Rindfleisch gibt es nur am Dienstag und Sonntag«, sagte Snyder. »Es ist einfach zu teuer! Und wie gesagt, Alice, ... wir sind kein Hotel!«
»Wir leben im Mutterland der Kühe, Sie Schwachkopf!«, widersprach sie energisch. »Das Zeug wächst hier quasi auf den Bäumen. Aber schon gut, schon gut. Ich bin schon still, ... muss mich fügen, sonst werde ich wieder bestraft.«
Während der Disput zwischen den beiden langsam an Fahrt aufnahm, sah Miller erneut in Richtung der kleinen Schüssel.
Er kniff irritiert die Augen zusammen.
Dort, wo er eigentlich so wie es in Einrichtungen wie diesen üblich war, Kartoffeln, Gemüse und gekochtes Fleisch vermutete, glaubte er einen dünnen, roten Film erkennen zu können, indem einzelne zerfetzte, zweifellos rohe Fleischstücke lagen.
War das etwa Blut?
»Gut, Alice!« Snyders zusehends zorniger werdende Stimme lenkte ihn wieder von seinen Beobachtungen ab. »Ich werde sehen, was ich tun kann. Aber ich kann nichts versprechen. Sind Sie damit einverstanden?«
Sie nickte zustimmend, wenngleich auch ein wenig ungläubig.
»Was ist mit dem hübschen Kerl da?«, wollte sie schließlich wissen und warf Miller einen Blick zu, den dieser nicht so recht zu deuten vermochte. »Ist das ihr neues Spielzeug? Oder gar meines? Der ist ja zum Anbeißen!«
Sie zwinkerte dem Neuling frech zu.
»Doktor Miller wird sich ab sofort unserem Team anschließen«, erklärte der Anstaltsleiter kopfschüttelnd. »Über alles Weitere sollte es Ihre Person betreffen, wird man sie zu gegebener Zeit in Kenntnis setzen. Und nun entschuldigen Sie uns bitte, Verehrteste. Wir haben noch einiges zu tun.«
Eine Antwort darauf blieb aus.
Der bohrende Blick jedoch, mit dem sie Miller bedachte, blieb.
