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Wer hat sie nicht schon gehört, die klangvollen Namen Athos, Porthos, Aramis und d'Artagnan? Alexandre Dumas veröffentlicht 1844 seinen wohl berühmtesten Roman "Les trois mousquetaires". Angelehnt an die spannenden Abenteuer der vier Helden, erzählt "Mordpakt:Richelieu" eine alternative Geschichte über das, was hätte sein können... Paris 1629 - Einige Monate sind verstrichen, seit die drei Musketiere und ihr junger Leutnant d'Artagnan der mörderischen Rachsucht Milady de Winters entronnen sind. Doch Ruhe ist ihnen nicht vergönnt, schon braut sich neues Unheil zusammen. Hauptmann de Tréville scheint nicht mehr er selbst zu sein, das Fortbestehen der Kompanie steht auf dem Spiel. Kardinal Richelieu sendet seine Spione aus und bald offenbart sich eine ungeheuerliche Verschwörung, die alles infrage stellt. Wem ist noch zu trauen, wenn aus Freunden plötzlich Feinde werden? Ein mörderisches Komplott, gefährliche, persönliche Geheimnisse und eine zarte Romanze werden zur Bewährungsprobe für die Freundschaft der Musketiere.
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Seitenzahl: 615
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Historischer Roman
Maren von Strom
Impressum
Texte: © Copyright by Maren von Strom
Cover: © Copyright by Michael Stratmann
Verlag: Maren von Strom
Blumenstraße 20
42119 Wuppertal
Oktober 2018
Dank
Allen, die zur Entstehung mit ihrer Kritik und ihren Anregungen beigetragen haben.
Es war gegen Abend an einem Montag im Oktober des Jahres 1629, als ein lauter und sehr zorniger Ausruf aus dem Kabinett des Hauptmanns der königlichen Musketiere sowohl die Soldaten als auch jeden Besucher zusammenfahren und die Köpfe wenden ließ. Der Lärm musste noch bis hinunter auf die Rue du Vieux-Colombier zu hören gewesen sein und vielleicht glaubte manch ein Passant, die Hugenotten wären eingefallen und wollten jetzt aus dem Hôtel de Tréville ein zweites La Rochelle machen.
Paris war dieser Tage ein Schiff, das schwer von den Wogen politischer Intrigen und kriegerischer Auseinandersetzungen geschüttelt wurde. Der Krieg gegen England um La Rochelle war gerade erst beendet und das Gnadenedikt von Alès duldete die Protestanten zwar weiter im Land, doch war ihnen jedwede Selbstbestimmung genommen. Kardinal Richelieu hatte die absolutistische Macht der Krone gefestigt und keiner seiner Gegner wagte auch nur ein Murren hinter vorgehaltener Hand. Paris verharrte im Zustand zwischen trügerischer Ruhe und dem Unmut, der unter der Oberfläche brodelte. Manch einer wünschte sich gar ein Ende von Richelieus Herrschaft über die Krone herbei und umso wachsamer hielten die Spione und Agenten des Ersten Ministers nach Verrätern Ausschau. Die Bürger aber ignorierten all das mit jener stoischen Arroganz der Großstädter, mit der sie auch schon andere Krisen überstanden hatten und nie untergegangen waren.
Mit ähnlicher Gelassenheit setzte darum nur einen Wimpernschlag später wieder das gewohnte, geschäftige Treiben ein, das über den wütenden Ausruf aus dem Arbeitszimmer kurz ins Stocken geraten war. Das Hôtel de Tréville war eines der prächtigsten Stadthäuser und zugleich das Hauptquartier der Musketiere. Ein beeindruckendes Anwesen mit Innenhof und Stallungen, ein Haushalt mit zahlreichen Lakaien, Mägden, Stallburschen, Dienstboten und dazu noch eine ganze Kompanie verdienter Soldaten, Raufbolde, Waffenbrüder; ein großer Trubel herrschte hier jeden Tag, der Besucher ebenso entzücken wie einschüchtern konnte. Im Vorzimmer führte man jetzt die unterbrochenen Gespräche fort, prahlte mit Heldentaten, spottete dem Kardinal und erzählte sich scherzhaft Anekdoten von Liebesglück und Herzeleid, von wahren Haudegen und unglückseligen Pechvögeln.
Anders verhielt es sich jedoch im Kabinett des Hauptmanns. „Nein!“ rief Monsieur de Tréville erneut und warf ein eng beschriebenes Papier vor sich auf den Schreibtisch. Er war in abscheulicher Laune und selbst sein Schnurrbart schien sich vor Zorn zu sträuben. Trévilles Männer verehrten ihn und sangen sein Loblied in höchsten Tönen; aber sie zitterten auch wie die Schüler vor ihrem Lehrer, wenn ihnen ein Tadel drohte. Trévilles Unmut galt jetzt seinem jungen Leutnant, einer hageren, beinahe zierlichen Gestalt, der noch jede Spur von Flaum im Gesicht abging. „Nein, nein! Das ist ein grober Unfug! Seht her!“ Tréville deutete auf verschiedene Namen, die auf dem Papier fein säuberlich untereinander zu einer Liste angeordnet waren. „Wenn Ihr die Wachen so einteilt, wird die Ablösung am Louvre in einem heillosen Durcheinander enden!“ Er griff nach einer Schreibfeder und unterstrich dick einen Namen. „Euch ist offenbar nicht aufgefallen, dass, laut dieser Einteilung, Monsieur de Fournier gleich zweifach Wachdienst halten muss?“
Der Leutnant verzog keine Miene und schien beschlossen zu haben, den Sturm vorüberziehen zu lassen. Trotz seiner auffälligen Jugend blitzte einiger Verstand in seinen Augen und hinzu gesellte sich eine Lebenserfahrung, wie sie erst manch älterer Haudegen gewonnen hatte. Die Beförderung zum Leutnant lag erst wenige Wochen zurück und war mit dem Krieg um La Rochelle teuer verdient worden. Richelieu selbst hatte ihn ausgezeichnet, statt ihm den Kopf abschneiden zu lassen, wie es auch hätte kommen können. Trotz allen Mutes, aller Kühnheit, jetzt starrte der Leutnant einen Punkt knapp an Trévilles linkem Ohr vorbei an und hielt wohlweislich den Mund.
Umso lauter wurde der Hauptmann. „Das bedeutet, Ihr straft diesen Musketier grundlos mit doppeltem Wachdienst ab. Andere dagegen sind freigestellt!“ Drei weitere Namen wurden unterstrichen. „Teilt Ihr die Wachen nach persönlicher Zuneigung ein oder seid Ihr schlicht überfordert mit dieser Aufgabe?“ Tréville hob eine Hand und schnitt seinem Leutnant, der sich nach diesen harten Vorwürfen nun doch zu einer Erklärung entschlossen zu haben schien, das Wort ab. „Was jetzt, frage ich Euch?“ Tréville fasste den anderen Offizier, der ihm eigentlich die Arbeit hätte erleichtern sollen, indem er anstelle des Hauptmanns die Wachablösung regelte, scharf ins Auge. Sein Leutnant zeigte sich verblüffend unfähig, einen reibungslos ablaufenden Dienstplan zu erstellen und Trévilles Geduld war heute zu oft strapaziert worden, als das er diesen groben Schnitzer ohne ein Wort des Tadels zu verlieren einfach übergehen konnte.
Nach allzu langem Schweigen folgte endlich eine Antwort zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Man könnte-“
„Man?“ Der Hauptmann schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und rief: „Ganz gewiss nicht „man“! Nein, sondern Ihr! Ihr, und nur Ihr allein, werdet diese Liste neu aufsetzen! Es gibt noch mehr zu bemängeln.“ Wieder kratzte der Federkiel über das Papier, unterstrich hier, markierte dort, änderte Zeiten und Namen um, bis beinahe nichts mehr vom Original übrig war. Die Feder raste geradezu über das Blatt und fand jede noch so kleine Unregelmäßigkeit. Tréville ließ nicht ein gutes Haar an der Aufstellung. „Das hier muss auch anders geregelt werden. Ventredieu! Wie konnten diese Fehler zustande kommen? Schlimmer noch, wie konnten sie Euch entgehen?“
Schließlich legte Tréville die Feder beiseite und schob das Papier seinem Leutnant zu, der mit unbewegter Miene abgewartet hatte und die Liste zögerlich entgegennahm. Von neuem aufgebracht, schloss der Hauptmann seine Strafpredigt mit unmissverständlicher Deutlichkeit: „Ihr werdet Euch in Zukunft angemessen auf Eure Aufgaben konzentrieren, d'Artagnan! Die Befehle des Königs haben Vorrang vor Eurem Privatvergnügen. Ihr seid mehr als ein einfacher Musketier. Erfüllt also Eure Pflicht!“
Noch immer war dem Leutnant nicht anzumerken, wie ihm nach dieser Schelte zumute sein mochte. Aber es brauchte kaum mehr den ungeduldigen, herrischen Wink Trévilles, um den jungen Offizier jetzt aus dem Kabinett flüchten zu lassen.
D'Artagnan stürmte aus dem Arbeitszimmer, in der rechten die zerknitterte Liste mit der Wachablösung. Hinter sich warf der Leutnant die Tür gerade so schwungvoll zu, dass sie nicht mit einem lauten Knall ins Schloss fiel. Gleichermaßen überrascht wie neugierig wandten die Leute im Vorzimmer die Blicke und d'Artagnan verbannte das hitzige Gemüt, das gascognische Temperament, sofort wieder hinter einer stoischen Maske. Niemandem waren die zornigen Ausrufe des Hauptmanns entgangen und jeder mochte sich seinen Teil dazu denken; ein Tadel für den jungen Offizier, der sich auf seinem Posten erst noch beweisen musste. Mit langen Schritten durchquerte d'Artagnan das Vorzimmer, bevor einer der Männer auf die Idee kommen konnte, seinen Leutnant auf diesen Vorfall anzusprechen.
Auf der Treppe, die von der Eingangshalle nach oben führte, versammelte sich auch heute wieder eine ansehnliche Zahl von Musketieren, die scherzten, rauften und auch sonst allerhand Lärm um den weitläufigen Treppenaufgang machten. Sie standen in kleinen Gruppen zusammen, unterhielten sich, spielten mit Würfeln oder Karten, wetteten um Ruhm und Ehre und machten dabei einen gerade so sorglosen Eindruck, dass es schon fast wieder an Überheblichkeit grenzte. Ganz in der Nähe schnitten blanke Degen durch die Luft und trafen surrend aufeinander. Die Musketiere übten sich im Zweikampf und wenn sie das nicht gerade in ihrem Heerlager, dem das Haus täglich glich, taten, dann zogen sie auch schon einmal auf der Straße offen vom Leder, legten sich mit den Gardisten des Kardinals an und verteidigt blutig Ehre und Vaterland.
Die Männer ließen ihren Leutnant, der sich rasch einen Weg durch die Menge bahnte, unbehelligt passieren. Als d'Artagnan schließlich ins Freie trat, warteten im Hof bereits drei weitere Musketiere; Athos, Porthos und Aramis schienen in ein reges Gespräch vertieft und der Leutnant hörte gerade noch Aramis mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen sagen: „Ach mein Freund, wenn Ihr die Frauen nur besser verstehen würdet!“ Dabei warf der hübsche Musketier einen auffällig unauffälligen Blick auf ein spitzenbesetztes Taschentuch in der Faust von Athos. Porthos daneben tat nicht viel, um sein breites Grinsen zu verbergen. Stolz zwirbelte sich der Hüne den Schnurrbart und wahrscheinlich fehlte nicht viel dazu, dass er Athos anerkennend auf die Schulter geschlagen hätte. Als d'Artagnan nun hinzutrat, ließ Athos das Tüchlein kopfschüttelnd und, wie es schien, auch ein wenig aufgebracht in seiner Manteltasche verschwinden.
Über dieses doch recht eigenartige Gebaren vergaß d'Artagnan zunächst den Ärger mit dem Vorgesetzten und maß forschend das Gesicht jedes Freundes. Der stattliche Porthos war noch immer bemüht, sein Vergnügen zu verbergen und trug eine selbstsichere Pose auf. Aramis, stets diskret und verschwiegen, zeigte nicht offen, was er dachte, obgleich ein feines Lächeln auf seinen Lippen lag. Athos selbst gab sich bis auf ein missbilligendes Stirnrunzeln ganz ungerührt, unbeeindruckt in seiner würdevollen Haltung als Edelmann. Er fragte leise, und noch bevor d'Artagnan selbst neugierig eine Frage stellen konnte: „Wie steht es heute um den Hauptmann?“
In seinen Worten schwang deutliche Sorge mit und Athos war nicht der einzige unter den Musketieren, den das ungewöhnlich launische Verhalten Monsieur de Trévilles beunruhigte. Der Hauptmann schien sich zu verändern. Wo er sonst ein rechter Lebemann gewesen war, und noch im besten Alter für Duelle oder Liebesabenteuer, zog er sich immer öfter in sein Arbeitszimmer zurück und war für niemanden zu sprechen. Nicht nur die heftigen, manchmal unbegründeten Wutausbrüche, wie d'Artagnan eben einen über sich hatte ergehen lassen müssen, zeigten, dass etwas nicht in Ordnung war. Hinzu kam die neue Übergenauigkeit in allen dienstlichen Angelegenheiten, obwohl Tréville selbst immer öfter unpünktlich erschien. Manchmal gab es ein unerklärlich langes Schweigen zwischen zwei Befehlen, das nur auf geistige Abwesenheit zurückgeführt werden konnte - ausgerechnet jenem Fehler, der dem Leutnant eben noch vorgehalten worden war. Übellaunigkeit, Reizbarkeit, Ungeduld... die Liste ließe sich lange so weiterführen. Kurzum, der Hauptmann zeigte sich seinen Untergebenen, als wäre er nicht mehr er selbst und dies war Grund genug für eine stille Unruhe innerhalb der Kompanie, die keiner der Musketiere bestätigen oder abstreiten wollte.
Auch Aramis und Porthos schienen auf gute Nachrichten zu hoffen, obwohl ihnen das Wort vom Streit im Kabinett schon längst zugetragen worden sein musste. D'Artagnan hob dann auch nur die Schultern und meinte mit einem Schwenken der Wachliste: „Bedenkt man die zahlreichen Fehler, welche ich hier angeblich gemacht habe, dann kommt es beinahe einem Wunder gleich, dass ich nicht kurzerhand degradiert wurde.“
Athos fasste d'Artagnan kurz bei der Schulter. Stummer Beistand für den jungen Gascogner, dessen aufgesetzte Munterkeit nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass die letzte, heftige Zurechtweisung durch den Hauptmann sein Selbstbewusstsein ordentlich erschüttert haben musste. Seit d'Artagnans Ankunft in Paris vor etwas über drei Jahren, hatte Tréville stets protegierend gewacht und bei allen Abenteuern heimlich oder ganz offen beigestanden. Doch auf einmal schien das ganz ins Gegenteil verkehrt und vor den anderen Musketieren mochte d'Artagnan den eigenen Missmut gut verbergen können. Für die engsten Freunde aber war die knabenhafte Miene wie ein offenes Buch. Vielleicht auch deshalb, um nicht weiter gelesen zu werden, schüttelte der Leutnant nun den Kopf und meinte: „Vergebt, aber ich fürchte, ich werde unsere Verabredung zum Abendessen nicht einhalten können. 'Der Dienst geht vor und es gilt die Pflicht zu erfüllen, bevor die Befehle Seiner Majestät dem Privatvergnügen geopfert werden.' Wer bin ich denn, dass ich dem widersprechen würde?“ D'Artagnans Mundwinkel zuckten ob der verdutzten Gesichter der Freunde. Selbst der sonst so unbekümmerte Porthos schien überrascht, wie übel gelaunt Tréville heute tatsächlich war und rief aus: „Ihr habt noch keinen Dienstschluss? Seit heute früh seid Ihr, ich weiß gar nicht wie viele Stunden länger als alle anderen, einschließlich des Hauptmannes, auf den Beinen und-“
D'Artagnan unterbrach ihn, bevor dieses Gespräch am Ende doch vom Innenhof in die Öffentlichkeit getragen wurde. „Schon gut, mein Freund, schon gut. Den Wachplan zu ändern, ist nicht mehr als eine lästige Pflicht. Ich werde bald danach zu euch stoßen.“
Aramis blickte zweifelnd auf das Papier. Zu viele dunkle Federstriche zeugten davon, dass diese Aufstellung zu nichts mehr zu gebrauchen war und ganz neu geschrieben werden musste. „Ich habe einen besseren Vorschlag: Kommt mit uns zum 'Tannenzapfen' und wir werden Euch bei dieser Liste helfen.“
Athos und Porthos nickten zustimmend, nur d'Artagnan selbst zögerte und warf einen Blick hinauf zu einem der Fenster des Hôtels. Dahinter lag das Arbeitszimmer Monsieur de Trévilles. Von dort hatte d'Artagnan einst den Graf de Rochefort erspäht und wäre in rasendem Zorn sofort hinunter auf die Straße gesprungen, um die Verfolgung aufzunehmen, hätte das Fenster nicht hoch oben gelegen. D'Artagnan wandte sich ab und gab sich unbekümmert. „Danke für das Angebot. Doch ich will euch den Abend nicht mit langweiligen Wachablösungen verderben. Geht ohne mich.“
Aramis wollte schon widersprechen, ein durchdringender Blick Athos' hielt ihn zurück. Nur widerwillig gab er nach. „Nun, gut. Aber wir haben Euer Versprechen, dass Ihr Euch dann zu uns gesellen werdet, sobald diese Liste vollständig ist.“
„Das habt ihr, bei meiner Ehre!“ D'Artagnan nickte den Freunden aufmunternd zu. „Entschuldigt mich bis dahin. Ich nehme den Plan mit nach Hause, dort herrscht kein Trubel wie hier.“ Der Leutnant grüßte zum Abschied und trat durch den weiten Torbogen hinaus auf die Rue du Vieux-Colombier. Die drei übrigen Musketiere blieben zurück, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken.
Noch jemandem waren die schleichenden Veränderungen im Hôtel de Tréville nicht entgangen. Kardinal Richelieu sah vom Bericht in seinen Händen auf und musterte mit ernster Miene sein Gegenüber. Der Graf de Rochefor schüttelte andeutungsweise den Kopf. Er konnte keine Erklärung für den, zugegeben ungewöhnlichen, aber nicht neuen, Inhalt des Schriftstückes anbieten, das ihm eben von einem seiner Agenten zugesteckt worden war.
Im Arbeitszimmer Seiner Eminenz wurde es sehr still und je länger das Schweigen andauerte, desto unbehaglicher wurde es Rochefort in seiner Haut. Der Kardinal erwartete offensichtlich mehr Klarheit in dieser Sache, aber sein Stallmeister sah sich außerstande eine Antwort zu finden, die den mächtigsten Mann Frankreichs zufrieden gestellt hätte. Auf der Suche nach einer Erklärung glitt Rocheforts Blick durch den Raum, streifte die Titel der zahlreichen Bücher und Codices in den Regalen, wich dem Portrait Richelieus aus und blieb schließlich an einem Gobelin hängen. Das Motiv war neu, die Schlacht um La Rochelle. Die Stadt im Hintergrund ganz und gar verheert, vorne die triumphierenden Sieger über den verbrannten Leichen ihrer Feinde, die Standarten spitz und hoch gereckt. Der König nahm die Kapitulationserklärung eines elenden Aufständischen entgegen. An seiner Seite, stets präsent und über Frankreich wachend, streng und keinen Widerspruch duldend: Der Erste Minister. Richelieu trug die volle Kriegsrüstung nicht anders als die rote Soutane. Soldat und Diplomat. Das Motiv zeigte ihn mit ergrautem Haar und hagerem Gesicht. Mit stolzer Haltung trotzte er auf dem Gobelin seinem geschwächtem Körper in der wirklichen Welt. Nichts und niemand brächte ihn leicht zu Fall. Zweifelsohne ein außergewöhnlicher Mensch.
Rochefort ließ endlich vom Wandteppich ab. Er zuckte kaum merklich mit den Schultern, ratlos, die Narbe an seiner Schläfe tat sich auffällig vor. „Dieser Bericht ist erst wenige Minuten alt.“
Ein weiteres Mal überflog Richelieu das Dokument. Dann legte er es zu einem Stapel ähnlicher Schriftstücke und richtete seinen durchdringenden Blick wieder auf den Stallmeister. Rochefort diente dem Kardinal schon ein halbes Leben treu und ergeben. Er hatte seinen Verstand an den undurchsichtigen Ränkespielen des Hofs geschärft, mehr als eine Wunde dabei davongetragen und selten sah er sich außerstande, eine unausgesprochene Frage seines Herrn befriedigend zu beantworten. Aber hier stieß Rochefort an seine Grenzen. „Seit Tagen schon bringen mir meine Spione solche Berichte, immer mit ähnlichem Wortlaut: '...so scheint Verwirrung und Ratlosigkeit ob des auffälligen Verhaltens Hauptmann de Trévilles in der Kompanie zu herrschen...' - Die Lage spitzt sich zu.“
Der Kardinal hob verwundert eine Braue und sprach zum ersten Mal, seit Rochefort den Raum betreten und das Schreiben überreicht hatte. „Diese Behauptung lässt sich hieraus kaum ablesen.“
„Ist nicht allein die Tatsache, dass sich die Situation nicht bessert ein Indiz dafür, dass sie sich verschlechtert?“
„Ihr seid sehr schnell mit Euren Schlussfolgerungen, Rochefort. Ich verlange jedoch keine Einschätzung dessen, was offensichtlich ist.“ Die Miene Seiner Eminenz verfinsterte sich, ein Schatten legte sich auf die aristokratischen Züge. „Ich will die Gründe dafür erfahren, weshalb ein Mann, den ich sonst als argen Widersacher betrachten muss, beginnt, es mir so leicht zu machen.“
Rochefort schwieg. Es war verständlich, dass jemand wie Richelieu begann sich Gedanken zu machen, wenn sich einer seiner Feinde ohne erkennbare Gründe zurückzog und nicht länger Paroli bot. Wenn ein Gegner sich nicht mehr so verhielt, wie es vorauszuahnen gewesen wäre; wie bei der letzten Audienz des Königs. Tréville war nicht erschienen, obwohl der Hauptmann der Musketiere fast täglich zu solchen Gelegenheiten im Louvre anzutreffen war und sei es auch nur, um die Zeit der Unterredung zwischen dem König und dem Kardinal zu verkürzen. Es gab auch ruhige Tage, an denen der Gascogner friedlich zu Hause blieb - allerdings nicht gerade dann, wenn um eine Verkleinerung seiner Kompanie verhandelt wurde. Es war nur eine Scheindebatte, ein Test, wenn man so wollte, um den Inhalt der letzten Berichte zu überprüfen. Natürlich hatte Ludwig XIII. diesen Vorschlag sofort abgelehnt und keines der Argumente Seiner Eminenz gelten lassen, auch ohne dass der Hauptmann der Musketiere dagegen sprechen musste. Doch unter normalen Umständen wäre Tréville über den Gegenstand dieser Audienz schon früher in Kenntnis gesetzt gewesen, als das Richelieu ihn vor dem König überhaupt ausgesprochen hätte und keine Macht der Welt hätte den Hauptmann davon abgehalten, zu erscheinen. Sei es auch nur, um siegreich aus einem Wortgefecht hervorzugehen, bei dem der Kardinal schon vor Beginn der Verlierer gewesen wäre.
Rochefort wurde aus seinen Gedanken gerissen, als eine herrische Stimme befahl: „Findet mir diese Gründe! Beobachtet sorgfältiger! Ich will wissen, ob wir es mit den Launen eines Mannes oder mit einer ernsthaften Bedrohung für den Staat zu tun haben.“
'Keine falsche Bescheidenheit, Eminenz.' dachte Rochefort spöttisch, während er sich zum Zeichen, dass er den Befehl verstanden hatte, verneigte. Gleichzeitig fragte er sich, warum Richelieu erneut ihn und seine Spione heranzog, anstatt aussichtsreichere Mittel einzusetzen. Nicht, dass Rochefort an seinem Erfolg zweifelte. Früher oder später würden ihm seine Agenten die Beweise vorlegen, nach denen der Kardinal verlangte. Aber es schien sich hier um eine sehr dringliche Angelegenheit zu handeln und es gab einen schnelleren Weg, diese 'Gründe' zu erkennen und sie vielleicht für sich selbst nutzen zu können. Übersah der Kardinal zum ersten Mal eine Möglichkeit? Richelieu hielt diese Unterredung wohl für beendet und schien sich den übrigen Papieren auf seinem Schreibtisch zuwenden zu wollen. Anstatt aufzubrechen, um sich seines Auftrages so schnell wie möglich zu entledigen, trat Rochefort einen halben Schritt näher an den Tisch heran. „Monseigneur, erlaubt einen Vorschlag.“
Ein missbilligender und vielleicht auch etwas überraschter Blick traf den Stallmeister, dennoch gab der Kardinal mit einer Geste zu verstehen, dass sein Gegenüber sprechen möge. „Es kann einige Zeit dauern bis sich meine Spione soweit Zutritt ins Hôtel de Tréville verschafft haben, dass sie unauffällig beobachten können, was sich im Innersten der Kompanie abspielt. Von außen erreichen mich immer die gleichen Berichte. Mein Vorschlag lautet, eine Person zu verwenden, die zum einen beinahe uneingeschränkten Zutritt auch ins Arbeitszimmer des Hauptmanns hat, zum anderen keinerlei Verdacht erregen kann, da sie bereits Teil der Kompanie ist.“
„Ich verstehe, worauf Ihr hinauswollt. Ihr sprecht vom Leutnant der Musketiere?“
„Ja, Eminenz. Ihr habt dieses Patent einem jungen Mann ausgestellt, den Ihr genauso gut in die Bastille oder aufs Schafott hättet schicken können. Jetzt wäre der richtige Augenblick, um den Preis für Eure Gnade einzufordern.“
Die Reaktion auf diesen Vorschlag fiel anders aus, als der Graf es je erwartet hätte: Der Kardinal lachte auf, ja, er schien ehrlich amüsiert. „Zweifelsohne habt Ihr einige Zusammenhänge richtig erkannt und aus Euren Worten spricht eine durchaus kluge Überlegung.“ Ein dünnes Lächeln umspielte weiterhin seine Lippen, als er ernst fortfuhr: „Jedoch mangelt es Euch an Menschenkenntnis. Ihr wollt d'Artagnan zum Verräter machen? Das dürfte Euch schwerlich gelingen. Weder mit Erpressung, noch mit Bestechung.“
„Doch wie steht es mit wirklicher Überzeugung?“ Der Kardinal schien sich in diesem Punkt sehr sicher zu sein, doch Rochefort gab sich nicht so leicht geschlagen. Er wäre nicht der Stallmeister Seiner Eminenz gewesen, wenn er allein von seinen Spione abhängig gewesen wäre. Tatsächlich musterte Richelieu ihn mit neuem Interesse. „Welche Art von Überzeugung meint Ihr da?“
„Es gibt Dinge, die nicht in diesen Berichten stehen. So scheint im Moment ein sehr angespanntes Verhältnis zwischen den beiden ranghöchsten Offizieren der Kompanie zu herrschen.“
Einen Augenblick lang dachte Richelieu über das eben Gehörte nach, dann jedoch winkte er ab. „Nein, bei diesem Ansatz werdet Ihr scheitern, Rochefort. Die Loyalität, die unseren jungen gascognischen Freund an seinen Hauptmann bindet, rührt nicht nur von der des Soldaten zu seinem Befehlshaber her. Vertraut hier meiner Menschenkenntnis.“ Damit wandte sich der Kardinal nun endgültig den übrigen Papieren auf seinem Schreibtisch zu und Rochefort musste einsehen, dass sein Vorschlag abgewiesen war.
Die Schenke 'Zum Tannenzapfen' war auch heute wieder gut besucht. Der ausgezeichnete Ruf der Wirtsstube war nicht nur in der Kompanie der Musketiere bekannt, auch die Gardisten des Königs unter Hauptmann des Essarts und sogar vereinzelte Kardinalisten kehrten nach Dienstschluss ein. Der 'Tannenzapfen' bot das übliche Bild seiner Zeit: Die Küche ging beinahe nahtlos in den Schankraum über, in dem zahlreiche Holztische und -bänke aufgestellt waren. Die Luft war schwer von Kochdünsten und Schweiß, die Atmosphäre alkoholgetränkt und laut, lustig und stets nur einen Wimpernschlag von der nächsten Schlägerei entfernt. Im oberen Stockwerk gab es Gästezimmer für Parisreisende und auch sonst bot die Schenke alles erwartbare: Gutes Essen, guten Wein, gute Frauen und als Souvenir die Krätze oder andere unangenehme Krankheiten. Trotzdem galt der 'Tannenzapfen' im Vergleich als sauber und gepflegt. Der Wirt achtete auf Ordnung in seinem Haus und hielt die Polizeistunde meist ein. Von Raufereien hörte man selten und es konnte anschreiben, wer gerade knapp bei Sold war. An manchen Abenden hatten auch Athos, Porthos, Aramis und d'Artagnan von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und ihre Schulden stets gewissenhaft zurückgezahlt.
Als die drei Musketiere nun eintraten, sahen sie gleich, dass es schwer für sie werden würde, noch einen Tisch zu ergattern.
„Sehr viele Gäste heute Abend.“ stellte Porthos mürrisch fest. Er hielt Ausschau und da er seine Begleiter um fast einen Kopf überragte, kam er recht schnell zu dem Schluss, dass alle Tische besetzt waren und auch alle Bänke, Holzbretter, die der Wirt aufgebockt hatte, belegt.
„Gibt es wirklich keine freien Plätze mehr für uns?“ versicherte sich Aramis bei dem Hünen, der nur bedauernd den Kopf schüttelte. Fragend sahen sie beide zu Athos, als plötzlich eine Stimme aus dem Schankraum über den fröhlichen Lärm der Zecher hinweg in ihre Richtung rief: „Messieurs!“
Wenn sie ihn nicht besser gekannt hätten, dann hätten Aramis und Porthos schwören können, in der sonst so gelassenen Miene ihres Freundes einigen Unmut aufblitzen zu sehen. Der Grund dafür war eine Gestalt, die sich jetzt durch das Gedränge im Schankraum zwängte, zielstrebig auf die Musketiere zu. Nicht nur Athos hatte sie erkannt. Auch Aramis raunte: „Noch können wir gehen und ihn nicht bemerkt haben.“ Dabei versuchte er, Porthos am Ellenbogen in Richtung des Ausgangs zu schieben. Allerdings versperrten ihnen andere, neu eintreffende Gäste an der Tür den Weg. Sehr viel näher schallte es weider und ließ keinen Zweifel daran, wer gemeint war: „Messieurs Musketiere! Athos, Porthos und Aramis!“ Ein junger Mann in der Uniform der Gardisten des Königs hielt auf die Freunde zu, die sich widerstrebend umwandten. Endlich an seinem Ziel angekommen, verneigte sich der Gardist höflich und mit einem strahlenden Lächeln im knabenhaften Gesicht. Etwas verhaltener grüßte ihn Aramis zurück. „Bonsoir, Monsieur de Moissac. Welch Zufall.“
Moissac schien der unterkühlte Ton gar nicht aufzufallen, noch weniger konnte er den jungen Mann aufhalten. Überschwänglich nahm er reihum die Hände der Musketiere und schüttelte sie ausdauernd, wobei er munter drauflos plapperte: „Bonsoir, bonsoir Messieurs! Es freut mich, Euch anzutreffen! Nach einem anstrengendem Tag im Dienst für den König kehren die Musketiere im 'Tannenzapfen' ein, nicht wahr?“ Ein Zwinkern folgte, als wäre Moissac Teil einer verschworenen Gemeinschaft. Keiner der Freunde wusste darauf höflich zu antworten und es war ihnen anzusehen, dass sie nun lieber einige Meilen weit entfernt gewesen wären. An den nahen Tischen wandten sich schon Köpfe in ihre Richtung, was Moissac jedoch nicht zu stören schien. Im Gegenteil schien er die Aufmerksamkeit zu genießen und präsentierte sich gern in Gesellschaft der Musketiere. Neben seiner faltenlos gebügelten Uniform, dem perfekt liegenden Kragen und den glänzenden Stiefeln konnte man sich schon ein wenig schäbig fühlen, wenn einen solche Äußerlichkeiten beeindruckten. Schon redete er weiter: „Heute Abend ist besonders viel Betrieb. Ich bin froh, noch einen Platz bekommen zu haben. Dabei war ich schon früh hier und habe auf meine Kameraden gewartet. Wir halten uns gegenseitig einen Tisch frei, wenn einer früher Dienstschluss hat.“
„Wir werden uns nach einem anderen Gasthaus umsehen.“ erwiderte Aramis zurückhaltend, seinen beiden Begleitern allerdings sehr bestimmende Blicke zuwerfend. Doch genau auf diese Worte schien Moissac gewartet zu haben. Es platzte förmlich aus ihm heraus: „Meinen Tisch teile ich nur mit zwei Kameraden, es sind noch einige Stühle unbesetzt. Es wäre uns eine Ehre, wenn ihr euch zu uns gesellen würdet.“
Porthos schüttelte den Kopf und machte einen halben Schritt zur Tür hin. Doch trotz dieser eindeutigen Geste, rührte sich Athos nicht von der Stelle. Im Gegenteil nickte er nun in Moissacs Richtung und dessen unverkennbare Freude entschuldigte in diesem Moment Athos' scheinbar übertriebene Höflichkeit. Moissac führte die Musketiere sofort quer durch den Schankraum zu einem Tisch, an dem in der Tat zwei weitere Gardisten saßen.
Mochte es auch kein vernünftiges Argument geben, um das Angebot abzulehnen, so lag Aramis doch eine stumme Frage an Athos auf den Lippen. Der ältere Musketier verstand den unausgesprochenen Vorwurf und flüsterte, nur für seine beiden Freunde hörbar: „Wenn wir ein anderes Gasthaus aufsuchen, wird d'Artagnan uns nicht finden.“
„Falls wir heute überhaupt noch zusammengefunden hätten.“ zischte Aramis zurück und neben ihm brummte Porthos: „D'Artagnan hätte es ganz sicher verstanden.“
Athos, auch wenn er seine Entscheidung nicht für falsch hielt, musste dem Hünen recht geben. Wahrscheinlich wäre d'Artagnan der erste gewesen, der auf dem Absatz kehrtgemacht hätte, sobald er Moissac erkannte. Jetzt war es allerdings zu spät dafür und die Freunde erreichten den Tisch, an dem die beiden anderen Gardisten ihr eigenes Gespräch unterbrachen, um die Musketiere abschätzend zu mustern. Moissac stellte mit unverkennbaren Stolz auf seine flüchtige Bekanntschaft mit den Musketieren die Freunde vor. „De Saint-Marc und de Villeneuve, dies sind die Herren Athos, Porthos und Aramis.“
Die beiden Gardisten nickten knapp und es war ihnen anzusehen, dass sie im Gegensatz zu ihrem Kameraden keinen gehobenen Wert auf die Gesellschaft der Musketiere legten oder sonderlich beeindruckt waren. Die Freunde störten sich nicht weiter daran. Wenn Saint-Marc und Villeneuve sich nicht so aufdringlich gaben wie Moissac, konnte es ihnen nur recht sein. Sie ließen sich auf ihren Stühlen nieder und Moissac winkte einer Magd, die trotz der zahlreichen Gäste auch bald zu ihrem Tisch kam und die Wünsche der Musketiere entgegennahm. Zwar war die Gesellschaft nicht die angenehmste, aber ein Abendessen aus der guten Küche des 'Tannenzapfens' ließen sich die Freunde deswegen nicht nehmen. Saint-Marc und Villeneuve widmeten sich bald wieder ihren eigenen Angelegenheiten, nur Moissac konnte nicht schweigen und versuchte ein Gespräch am Tisch in Gang zu bringen. Er hatte nicht viel Erfolg damit, da sich die anderen Männer entweder mit ihrem Wein oder ihrem Essen beschäftigten. Irgendwann allerdings stellte Moissac eine Frage, auf die die Musketiere schon die ganze Zeit gewartet hatten und es wunderte sie fast, dass der junge Mann nicht früher schon darauf zu sprechen gekommen war. „...und aus diesem Grund hoffe ich, bald Fähnrich in meiner Kompanie werden zu können. Aber sagt, wo ist eigentlich d'Artagnan? Ihr müsst wissen, Saint-Marc, Villeneuve, die Unzertrennlichen sind in der Regel zu viert anzutreffen. Es ist doch hoffentlich alles in Ordnung?“
Von allen Musketieren, die Moissac das Vergnügen hatte zu kennen, war wohl ausgerechnet der Leutnant derjenige, auf den er es am meisten abgesehen hatte. Das mochte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass er und d'Artagnan für einige Monate gemeinsam in der Garde Seiner Majestät gedient hatten. Moissac war kurz vor dem Feldzug nach La Rochelle der Kompanie beigetreten, mit ehrgeizigen Plänen für seine weitere Karriere. Er hatte die baldige Versetzung des praktisch gleichaltrigen Gascogners zu den Musketieren miterlebt und das schien ihn beeindruckt haben. Als d'Artagnan dann auch noch überraschend zum Leutnant ernannt worden war, musste Moissac endgültig den Entschluss gefasst haben, dass ihm eine Freundschaft mit seinem einstigen Kameraden nur zum Vorteil gereichen konnte. Wenn Athos, Porthos und Aramis - von denen sich Moissac durch ein gutes Verhältnis zu ihnen, da sie die besten Freunde d'Artagnans waren, ebenso hoffnungsvolle Aussichten für seine Zukunft versprach - den jungen Gardisten schon sehr lästig fanden, dann war die Aussicht, das eigentliche Interesse Moissacs zu sein, noch weit weniger erbaulich.
Bevor einer der Musketiere antworten konnte, mischte sich Saint-Marc ein. Der Gardist hatte halb den Weinbecher zum Mund gehoben. Eine alte Pockennarbe auf seiner Wange geriet in Bewegung, als er wie beiläufig meinte: „D'Artagnan ist der Leutnant der Musketiere. Es wundert mich nicht, dass er nicht anwesend ist.“
„Was wollt Ihr damit sagen?“ erwiderte Aramis schärfer, als er es beabsichtigt hatte und war damit schon halb auf den lauernden Tonfall des Gardisten hereingefallen. Saint-Marc trank ungerührt, dann zuckte er mit den Schultern. „Gehört es nicht zu den Aufgaben eines Leutnants, seinen Hauptmann zu vertreten?“
„Ja.“ fügte jetzt Villeneuve ebenso harmlos hinzu. Er hatte ein spitzes Gesicht und dazu passend den dünnen Schnurrbart einer Ratte. „Ist das nicht eine wesentliche Pflicht dieses Postens? Besonders zu solchen Zeiten.“
Athos legte Aramis eine Hand auf den Arm, bevor sein Freund hitzig etwas antworten konnte. Porthos, der drauf und dran war von seinem Stuhl aufzuspringen, hielt er mit einem schnellen Blick im Zaum. Er selbst musterte die beiden Gardisten kühl. „Ich bin mir nicht sicher, worauf ihr hinauswollt. Allerdings meine ich mich zu erinnern, dass auch Hauptmann des Essarts einen Leutnant zur Seite hätte, dem ihr Respekt schuldet.“
Moissac, der nicht recht zu verstehen schien was vor sich ging, blickte von einem Gesicht zum anderen und meinte unsicher: „Im Augenblick ist unsere Kompanie zwar ohne Leutnant, aber ich denke, gäbe es einen, so wären seine Pflichten vielfältiger Natur.“
Saint-Marc lehnte sich überlegen lächelnd zurück und überließ es Villeneuve, zu antworten. „Solange diese Pflichten auch erfüllt werden.“
Aramis war von Natur aus ein eher sanftes Gemüt, ein Feingeist. Doch nun ließ er sich nicht länger von Athos beschwichtigen, sondern fuhr die Gardisten an: „Ihr solltet Euch deutlicher ausdrücken, Eure Worte könnten sonst zu einem unschönen Missverständnis führen!“
Saint-Marc winkte unbeeindruckt ab. „Ein solches Missverständnis möchten wir natürlich vermeiden. Ihr habt es wohl noch nicht gehört?“
„Was gehört?“ fragte Moissac völlig arglos dazwischen.
„Nun, mein Freund. Es geht das Gerücht, dass die maroden Staatskassen nicht mehr alle Kompanien tragen können. Der König lässt nicht umsonst zu, dass so unerfahrene, junge Männer den Posten eines Leutnants einnehmen.“
Villeneuves Barthaar zitterte vor Vergnügen, als er hinzufügte: „Die Hauptleute müssen lernen, sich mit der zweiten Wahl zufriedenzugeben. In manchen Einheiten ist das schon seit einigen Jahren der Fall.“
Selbst Athos wurde blass vor Zorn und seine Hand ruhte gefährlich auf dem Griff seines Degens.
„Was, bitte, ist seit einigen Jahren der Fall?“ Die Köpfe aller Männer am Tisch ruckten herum, als plötzlich eine neue Stimme, scheinbar vergnügt und doch sehr scharf, sprach. „Ah, ich hörte nur das Wort 'Kompanie' und es ist meine verflucht neugierige Art, bei manchen Begriffen aufzuhorchen.“
An den Tisch trat ein weiterer Mann, bei dem es sich unverkennbar um keinen einfachen Soldaten handelte. Er stand entspannt, doch seine ganze Haltung strahlte Autorität aus. Er schien gewöhnlich Befehle zu erteilen, die stante pede ausgeführt wurden. Seine markanten Gesichtszüge entbehrten nicht einer gewissen Attraktivität, die von den Damen sicher als aufregend empfunden wurde. Bei seiner Rede hatte er kaum die Stimme heben müssen, um sich Gehör zu verschaffen, ihm war sofort alle Aufmerksamkeit sicher.
Moissac sprang beinahe von seinem Stuhl auf und rief überrscht: „Monsieur des Essarts, Hauptmann...!“
Der Hauptmann der Gardisten des Königs ging über den Gruß seines jungen Untergebenen hinweg, Saint-Marc und Villeneuve traf allerdings ein stählernen Blick. Des Essarts schien die letzten Gesprächsfetzen durchaus aufgefangen zu haben und auch die Musketiere machten keinen Mucks. Seine Stimme bekam etwas schneidendes, keinen Widerspruch duldendes, als er nachfragte: „Was also ist seit einigen Jahren in Frankreichs Kompanien der Fall und entzieht sich vollkommen meiner Kenntnis, während meine Soldaten erstaunlich gut Bescheid zu wissen scheinen?“
Saint-Marc und Villeneuve wagten es nicht, zu antworten. Der Hauptmann wartete noch einen Augenblick länger und als er überzeugt schien, dass seine Untergebenen lange genug geschmort hatten, sagte er: „Wir werden uns darüber morgen früh ausführlicher unterhalten, nachdem die Herren ihren Wachdienst beendet haben. In meinem Arbeitszimmer, pünktlich!“
Villeneuve schien protestieren zu wollen, doch als ihn der Blick seines Vorgesetzten traf, machte er den Mund sofort wieder zu. Essarts trug eine schwer zu deutende Miene. Ihn schien mehr als nur Villeneuves und Saint-Marcs Unverschämtheit verärgert zu haben. „Geht!“
Saint-Marc schien etwas blasser um die Nasenspitze zu werden, seine Pockennarbe zeichnte sich noch deutlicher ab. Villeneuve und er standen eilig auf und trollten sich. Sie vermieden es im Vorbeigehen, den Musketieren finstere Blicke in Gegenwart ihres Hauptmanns zuzuwerfen. Auf einen der frei gewordenen Stühle ließ sich nun überraschend des Essarts nieder und maß die anderen Männer mit einem abschätzenden Blick. „Villeneuve und Saint-Marc mögen zwei Unruhestifter sein, doch ich hoffe sehr, ihr habt euch nicht provozieren lassen?“
Athos neigte respektvoll den Kopf. „Nein, Monsieur le capitaine.“ Aramis und Porthos nickte bestätigend. Von des Essarts schien damit die letzte Anspannung abzufallen und er lehnte sich bequem zurück. „Sehr gut. Andernfalls hätte ich diesen Vorfall meinem Schwager melden müssen. Doch ich glaube, ein Streit zwischen Gardisten und Musketieren ist das Letzte, wovon Tréville im Augenblick erfahren möchte. Zumal es sich nicht einmal um die Männer des Kardinals gehandelt hat.“
Selbst der vorhin noch so eingeschüchterte Moissac lachte bei dieser Bemerkung auf und die Angelegenheit schien damit erledigt. Des Essarts wandte sich dem jungen Gardisten zu, der sofort wieder verstummte. „Ihr seid vernünftig geblieben, lobenswert. Im Übrigen bin ich nicht zufällig in diese Schenke gekommen.“
„Hauptmann?“
„Ihr seid mehrere Male an mich herangetreten mit der Bitte um einen geringen Gefallen. Er wird Euch gewährt.“
Moissac starrte sprachlos, dann jedoch hellte ein erfreutes Lächeln seine Miene auf. „Ihr meint, Ihr habt tatsächlich für meine Base eine Stelle als Gesellschafterin gefunden?“
„Beinahe. Wir werden ebenfalls morgen darüber reden. Jetzt solltet Ihr Eure Kameraden einholen und beruhigen, bevor sie weitere Dummheiten begehen. Ich will mich nicht in der Position wiederfinden sie aus dem Arrest holen zu müssen. Obgleich sie ein paar Tage bei Wasser und Brot verdient hätten.“
Moissac nickte eifrig, verabschiedete sich und schob sich ein weiteres mal durch den überfüllten Schankraum zum Ausgang des 'Tannenzapfens'. Die drei Musketiere sahen sich nun allein mit dem Hauptmann der Gardisten und es war Athos, der behutsam fragte: „Gilt Eure Sorge tatsächlich nur Saint-Marc und Villeneuve?“
Des Essarts lächelte dünn und verneinte. „Ihr habt mich durchschaut, wie nicht anders zu erwarten. Natürlich würde ich nicht Moissac endlich geben, was er verlangt, nur damit ich ungestört mit dreien der besten Musketiere meines Schwagers reden könnte.“ Unbewusst rückten die Männer zusammen und Aramis stellte nüchtern fest: „Es ist mittlerweile wohl ein offenes Geheimnis, dass mit- der Kompanie der Musketiere etwas nicht stimmt.“
„Ja. Es gehen die unterschiedlichsten Gerüchte, doch niemand weiß, was wirklich geschieht. Auch ich nicht.“
Porthos schüttelte ungläubig den Kopf. „Aber Ihr seid Familie!“
„Das bin ich und in der Regel erzählt mir meine Schwester davon, wenn sie etwas bedrückt. Aber nicht einmal sie scheint nun zu wissen, woher das auffällige Verhalten ihres Mannes rührt.“ Des Essarts schmunzelte, aber es schien mehr verbittert als amüsiert. „Ganz sicher wurden weder ihm noch mir gedroht, dass unsere Kompanien die Staatskassen zu stark belasten würden. Es muss einen anderen Grund geben.“
„Ihr glaubt, wir wüssten es?“ fragte Aramis.
„Ihr seid Teil des Korps und euer Hauptmann lobt euch in den höchsten Tönen, wenn wir von euch sprechen. Nichts weiter als ein kleiner Konkurrenzkampf unter uns Offizieren, wer die hervorragendsten Soldaten zu seinen Untergebenen zählt. Wie auch immer es darum steht, aber ich greife inzwischen nach jedem Strohhalm. Zu viel Gerede schadet. In diesem Fall nicht nur einem guten, meinem besten Freund und seiner Kompanie, sondern auch meiner Familie. Das muss aufhören!“
Die Musketiere wechselten bedrückte Blicke und schließlich gestand Aramis: „Nein, wir sind ebenso ahnungslos. Etwas hat sich über die letzten Wochen verändert, aber wir wissen weder was noch warum.“
„Was ist mit d'Artagnan?“
Nicht nur Athos und Porthos merkten auf. Auch Aramis runzelte die Stirn und schien es seltsam zu finden, dass nach Saint-Marc und Villeneuve jetzt auch ihr Hauptmann gezielt auf d'Artagnan zu sprechen kam. Wenn auch mit anderen Absichten. „Was meint Ihr?“
„Wenn ich sage, mein Schwager lobt seine besten Männer in höchsten Tönen, dann fällt auch regelmäßig d'Artagnans Name. Der Leutnant steht von allen Musketieren seinem Hauptmann am nächsten. Wenn also jemand eine noch so leise Ahnung haben könnte...“
„Uns hat er auf jeden Fall noch nichts erzählt.“ erwiderte Aramis verschnupft. Athos hatte den Wortwechsel bis da stumm verfolgt und wunderte sich über die doch reichlich unterkühlte Antwort des Freundes, die nicht zur Frage zu passen schien. Des Essarts' Überlegung war nicht abwegig, aber auch Porthos schaute merkwürdig peinlich berührt drein. Als dem Hünen Athos' blanke Miene auffiel, raunte er nur für ihn hörbar: „D'Artagnan soll dem Hauptmann näher stehen als seine eigene Frau?“
Athos hustete, als hätte er sich am Wein verschluckt und Porthos beeilte sich zu versichern: „Das wird Essarts bestimmt nicht gemeint haben, nicht wahr?“
Athos bemühte sich gar nicht erst darum, diesen absurden Gedankengang verstehen zu wollen und wandte sich direkt an des Essarts. „Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte, Hauptmann?“
„Sprecht.“
„Vielleicht solltet Ihr unter vier Augen mit Herrn de Tréville sprechen.“
„Denkt Ihr, das habe ich nicht bereits versucht?“ Essarts klang mehr belustigt als beleidigt und Athos erklärte seine Überlegung hinter dem Vorschlag näher. „Es ist richtig, dass derzeit der Leutnant unseren Hauptmann noch am häufigsten zu Gesicht bekommt. Deshalb werden wir d'Artagnan bitten mit Monsieur de Tréville zu sprechen. Aber das allein wird nicht viel nutzen, wenn Ihr es nicht auch erneut versucht. Vielleicht ist es notwendig, dass jemand außerhalb der Familie Monsieur de Tréville darauf aufmerksam macht, dass in Paris schon Gerüchte über ihn umgehen. Aber es braucht jemanden von gleichem Rang und Status, der d'Artagnan unterstützt.“
Nach einem Moment des Zögerns stimmte des Essarts zu. „Nun gut. Selbst, wenn wir dadurch nichts erreichen sollten, den Versuch muss es wert sein. Ich bin sicher, auch die Sturheit meines Schwagers kann gebrochen werden. Zu seinem eigenen Wohl.“ Des Essarts erhob sich. „Ich wünsche uns allen viel Erfolg. Hoffen wir das Beste.“ Er grüßte die Musketiere knapp und verließ den 'Tannenzapfen'. Im Gegensatz zu Moissac musste sich der Hauptmann nirgendwo durchdrängeln, denn die meisten Gäste wichen respektvoll zur Seite.
„Das war, nun, eigenartig?“ meinte Aramis ein wenig ratlos, als die Freunde jetzt allein am Tisch zurückblieben. „Ist es um den Ruf der Kompanie schon so schlecht bestellt, dass sich andere Offiziere einmischen müssen?“
Athos schenkte sich großzügig Wein nach. „Eine Familienangelegenheit. Freund und Schwager.“
Aramis wog zweifelnd den Kopf, aber Porthos schien recht zufrieden mit der Lage und meinte: „Immerhin hat Essarts uns von diesen unverschämten Gardisten befreit.“
„Er ist ebenso in Sorge wie wir.“ fügte Athos hinzu, aber Aramis lächelte spöttisch. „In Sorge um den guten Ruf seiner Familie, ja. Wer wäre das nicht?“
„Aramis, seit wann seht Ihr in den Menschen immer zuerst die schlechten Seiten?“
„Und Ihr, Athos, seit wann seht Ihr immer zuerst die Guten?“
„Ich sehe vor allem“, mischte sich Porthos ein, „dass wir ein Versprechen gegeben haben, an das wir uns nun halten müssen.“
„Ihr habt recht.“ Aramis blickte zu den Fenstern. Die Abenddämmerung war schon lange vorbei, draußen erhellten nur noch die Laternen der Nachtwächter die Straßen. „Wie spät mag es ein?“
„Zu spät. D'Artagnan wird nicht mehr kommen.“ erwiderte Athos.
„Wollt Ihr ihm noch heute Abend Euren Auftrag erteilen?“
„Je früher desto besser, Aramis. Ich teile die Meinung des Essarts', dass von allen Musketieren d'Artagnan im Augenblick noch am ehesten ein Gespräch mit dem Hauptmann führen kann.“
Aramis musterte eine Weile stumm den Freund mit einem schwer zu deutenden Ausdruck im Gesicht. Schließlich schien er ein Zwiegespräch mit sich selbst beendet zu haben. „Nun, wenn das so ist, schlage ich vor, dass ich gehe und es ihm sage. Zum einen habe ich meine Mahlzeit bereits beendet.“ meinte er mit einem Seitenblick auf die erst halb geleerten Teller von Athos und Porthos und seinem eigenen, auf dem ohnehin nur eine Fastenmahlzeit zu finden gewesen war. „Zum anderen wollte ich ohnehin jetzt gehen.“
Athos hob eine Augenbraue, sagte aber nichts dazu. Wahrscheinlich wartete noch eine einsame Dame auf den Zuspruch des verhinderten Priesters. Porthos klopfte ihm auf die Schulter. „Ihr solltet d'Artagnan etwas mitbringen. Zwischen dieser Liste und dem Weg nach Hause war bestimmt keine Zeit für eine ordentliche Mahlzeit.“
„Das hatte ich vor, ja.“ schmunzelte Aramis wissend und verabschiedete sich von den Freunden. Er bahnte sich einen Weg zur Küche, ließ sich dort von der Wirtsfrau eine Mahlzeit einpacken und trat schließlich aus dem Gasthaus ins nächtliche Paris.
Die Häuser in der Rue des Fossoyeurs schliefen schon friedlich, nur aus vereinzelten Fenstern drang noch dumpfes Licht auf die Straße. Wer jetzt noch unterwegs war, hatte dafür gute Gründe. Ein Nachtwächter schwenkte seine Laterne und vermied es jede allzu dunkle Ecke auszuleuchten, um nichts und niemanden aufzuschrecken. Der lehmige Untergrund schluckte das Geräusch seiner Schritte, von der Seine her zog Nebel auf und tastete mit klammen Fingern nach Spalten und Ritzen. Eine normale Nacht war angebrochen.
Auch das kleine Mansardenzimmer eines Eckhauses wurde nur noch durch den flackernden Schein einer bereits halb heruntergebrannten Kerze erhellt. Eine Glocke in der Ferne schlug Elf und wer vernünftig war, legte sich nun schlafen. Doch für den Bewohner dieser Dachstube war an eine wohlverdiente Ruhe noch nicht zu denken. D'Artagnan saß, mit dem Federkiel in der Hand, an einem Tisch über die Wachliste gebeugt und suchte nach dem unauffindbaren Fehler. Die Liste war nun schon mehrfach von vorne begonnen, trotzdem tauchte immer wieder ein Problem auf: Es war ganz einfach nicht möglich die letzte Lücke ohne eine doppelte Schicht zu schließen. Der Leutnant hatte nicht umsonst Fournier zum zweifachen Wachdienst eingeteilt, zur freiwilligen Vertretung für seinen kränkelnden Freund Mallarmé. Fournier war einverstanden gewesen, aber mit der neuen Liste würde er sich fragen, ob sein Vorgesetzter eigentlich ein wankelmütiger Trottel war.
D'Artagnan konnte sich noch zu gut an den frühen Abend und das Arbeitszimmer des Monsieur de Tréville erinnern, als das unachtsamer Weise der erste, vermeintlichen Fehler kurzerhand durch einen anderen ersetzt wurde. Tréville war in keiner Stimmung gewesen, um eine Erklärung anzuhören. Er hatte gleich losgepoltert, als wäre die Liste nur ein Vorwand gewesen, um d'Artagnan zurechtzuweisen. Möglicherweise war die Lösung zum Greifen nahe. Es musste doch einfach ein Kompromiss zu finden sein, der auch den Hauptmann zufrieden gestellt hätte! D'Artagnan las den neuesten Versuch und verglich die Anordnung der Namen und Zeiten mit denen auf der zerknitterten, ersten Liste. Viel hatte sich nicht geändert, doch bisher schien dem Leutnant dieser neue Wachplan noch als die beste Lösung - bis auf die Mittagswache, die nun ihrerseits sehr ungünstig eingeteilt war. D'Artagnan seufzte, setzte den Kiel erneut an und versuchte sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Mit Magenknurren war das nicht gerade einfach und nicht zum ersten Mal während der letzten Stunden beneidete der Leutnant seine Freunde, die im 'Tannenzapfen' einen vergnüglichen Abend verbrachten. Wer hätte auch gedacht, dass sich die Korrektur dieser Liste als so zeitaufwendig und schwierig herausstellen würde? Vielleicht wäre es doch besser gewesen Aramis' Angebot anzunehmen.
Bis auf das leise Kratzen der Feder auf Papier war es sehr still im Haus. Zu still, um ehrlich zu sein. Doch als der einzige Bewohner, Planchet, der im Nebenzimmer schon schlief nicht mitgerechnet, wäre außer d'Artagnan auch niemand da gewesen, der viel Krach hätte schlagen können. Obwohl der übrige Teil des Hauses nach Constances Tod und Bonacieux' Verschwinden nicht länger bewohnt wurde und der Musketier die Möglichkeit besessen hätte, seine Mansarde gegen das geräumigere Erdgeschoss einzutauschen, zog d'Artagnan dennoch diese Dreizimmerwohnung vor. Sie hatte eine eigene Tür, um über einige Stufen von der Straße aus direkt hineingelangen zu können, ohne das eigentliche Haus betreten zu müssen. D'Artagnan hätte sich längst auf die Suche nach einer neuen Bleibe machen sollen. Mit dem Sold eines Leutnants wäre sogar mehr als eine schlichte Untermiete möglich gewesen. Weder übertriebener Geiz noch praktische Überlegungen hatten einen Umzug bisher verhindert. Vielmehr hatte d'Artagnan bislang nicht die Muße bei den vielen neuen Verpflichtungen als Offizier gefunden, um sich nach einer neuen Unterkunft umzusehen. Sich als Leutnant erst noch beweisen zu müssen, war schon Aufgabe genug. Aber daneben auch neue Wirtsleute für sich zu gewinnen, die d'Artagnans dringenden Wunsch nach Privatsphäre akzeptierten, dafür fehlte die Zeit. Also blieb für den Moment alles beim Alten und nur die Küche im Erdgeschoss wurde regelmäßig von Planchet benutzt.
Einen Moment lang überlegte d'Artagnan, den braven Diener zu wecken. Planchet hatte eine Gabe, auch aus dem Wenigsten noch etwas Anständiges zaubern zu können und da die Speisekammer in den letzten Tagen nicht mehr so gut gefüllt wie zu Beginn des Monats war, hätte der Diener sein ganzes Können aufbieten dürfen. Allerdings stand d'Artagnan nun nicht der Sinn nach einer dünnen Gemüsesuppe und Brot, also verwarf der Leutnant diesen Gedanken wieder und beschloss, den Appetit auf ein frisch zubereitetes Ragout aus dem 'Tannenzapfen' zu ignorieren.
D'Artagnan war so in die Wachliste vertieft, dass das leise Klopfen an der Haustür beinahe überhört worden wäre. Erst als sich das Klopfen lauter wiederholte, schreckte d'Artagnan auf. Mehr aus einer Ahnung heraus legte der junge Leutnant die Feder beiseite, richtete seine Kleidung und öffnete die Tür. Niemand hätte um diese Zeit noch mit Besuch gerechnet, umso größer war die Überraschung, als da plötzlich Aramis auf der Schwelle stand und d'Artagnan mit einem versteckten Lächeln ein kleines, sehr warmes Paket in die Hände drückte. Verdutzt starrte d'Artagnan erst das Paket an, einen verschnürten Tontopf, anschließend den Freund, der schulterzuckend meinte: „Wir dachten, Ihr hättet vielleicht Hunger.“
D'Artagnan lachte vergnügt auf und bat Aramis, einzutreten. „Ich danke Euch. Ihr ahnt gar nicht-“
„Möglicherweise doch.“ fiel Aramis seinem Leutnant ins Wort und deutete auf die verstreut liegenden Zettel auf dem Tisch. D'Artagnan wehrte den Einwand etwas lahm ab. „Nein, damit bin ich bald fertig.“
Aramis schien von dieser Antwort nicht recht überzeugt, beließ es aber ohne ein weiteres Wort dabei und sah beim Öffnen seines Pakets zu. D'Artagnan hob den Deckel und dem Tontopf entströmte sofort ein köstlicher Duft von Bratensauce und frischen Kräutern. „Ragout?“
„Wir haben doch alle unsere Leibspeise.“ grinste Aramis über sein geglücktes Geschenk und das Lächeln, das es in d'Artagnans Miene gezaubert hatte. Es war genug, dass auch für Planchet noch etwas abfallen würde. Mit der letzten höflichen Zurückhaltung fragte d'Artagnan: „Teilt Ihr mit mir?“
„Nein, langt nur zu. Ich bin satt.“
„Wie Ihr meint. Aber ein Glas Wein kann ich Euch doch anbieten?“
Aramis lehnte mit der Erklärung ab, er müsse heute Nacht nüchtern bleiben. Der Leutnant fragte nicht weiter nach, denn der Freund liebte es, geheimnisvoll zu tun und verlor in der Regel nicht mehr als Andeutungen über seine Beweggründe - obwohl sich jeder selbst seinen Teil dazu denken konnte, was Aramis in dieser Nacht wohl noch nüchtern unternehmen wollte. Während d'Artagnan also aß, berichtete Aramis über den Abend im 'Tannenzapfen'. Erwartungsgemäß enerviert reagierte der Leutnant auf den Namen Moissacs und mit wachsendem Zorn hörte er die Äußerungen Saint-Marcs und Villeneuves. „Ich kenne diese beiden noch von meiner Zeit bei der Garde. Es war von Anfang an offensichtlich, dass wir keine Freunde werden würden. Trotzdem hätte ich nicht gedacht, dass sie soweit gehen würden, uns herauszufordern.“
„Eine Herausforderung wurde auch im letzten Moment abgewendet.“
„Was ist geschehen?“ D'Artagnan schob den leeren Teller von sich und hörte aufmerksam zu, während Aramis von des Essarts' unerwartetem Erscheinen erzählte, bevor der Streit handfest eskalieren konnte. Auch das anschließende Gespräch blieb nicht unerwähnt. Als Aramis geendet hatte, trugen beide Freunde besorgte Mienen und d'Artagnan meinte: „Gerüchte verbreiten sich in Paris zu schnell. Dabei kann ich nicht einmal sagen, was das eigentliche Gerücht ist. Dass die Kompanie der Musketiere wegen ihres 'unbequemen' Hauptmanns aufgelöst werden soll? Oder dass der Hauptmann 'unbequem' geworden ist, weil angeblich seine Kompanie der Musketiere aufgelöst werden soll? Das ist doch Unsinn, lächerlich!“
„Ich muss Euch recht geben, ich halte das Eine wie das Andere für unwahrscheinlich. Aber es lässt sich nicht abstreiten, dass etwas im Gange ist und ich bin sicher, es hat ebenso mit der Kompanie wie mit Tréville zu tun. Besonders Euch dürfte das nicht entgangen sein.“
„Ich denke, wirklich allen Musketieren ist es aufgefallen.“ erwiderte d'Artagnan unwirsch. „Ich bin keine 'besondere' Ausnahme.“
Aramis' Blick sprach Bände, aber ob der finsteren Miene seines Gegenübers beeilte er sich zu beschwichtigen: „Ich wollte nur sagen: Ihr seid der Leutnant unserer Einheit.“
„Ah, darauf wolltet Ihr hinaus. Natürlich.“
„Ja, und ich soll Euch mit dem Ragout auch einen Auftrag von Athos überbringen.“
D'Artagnan fragte skeptisch: „Einen Auftrag? Wirklich?“
„Vielleicht ist die Bezeichnung 'Bitte' angemessener.“ lächelte Aramis entschuldigend. „Seht Ihr, wir möchten alle dringend erfahren, was unseren Hauptmann bedrückt...“
„...und Athos glaubt also, ich wäre am besten geeignet, um genau dies herauszufinden.“ Ungläubig schüttelte d'Artagnan den Kopf und fuhr mit beinahe schmerzhaftem Sarkasmus fort: „Wenn das nur so einfach wäre! Jeder andere Musketier ist dafür geeigneter als ich.“
„Das glaubt Athos eben nicht und ich schließe mich seiner Meinung an.“
„Hervorragend! Euer Vertrauen ehrt mich, aber ich fürchte, Ihr täuscht Euch dieses Mal.“
„Sollten Eure besten Freunde Euch tatsächlich so falsch eingeschätzt haben?“ fragte Aramis halb belustigt, halb vorwurfsvoll. Umso heftiger wurde ihm erwidert: „Nein, Ihr versteht nicht, es-!“ D'Artagnan brach unvermittelt ab und verschränkte dann trotzig die Arme vor der Brust, als Aramis verwundert die Brauen hob. „Was sollte ich nicht verstehen? Kann es so schwierig sein, wenn der Leutnant seinen Hauptmann um ein offenes Gespräch bittet?“
„Ja! Vielleicht, ja!“ war die hitzige Antwort. „Auf jeden Fall dann, wenn es diesen Leutnant gar nicht geben dürfte!“
Schlagartig wurde es sehr still in dem kleinen Mansardenzimmer. Aramis lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und musterte d'Artagnan schweigend. Es gelang ihm nicht, Blickkontakt herzustellen, d'Artagnan wich ihm unwohl, fast beschämt aus. Der Gedanke war nun laut ausgesprochen und nichts als die Wahrheit. Diesen Leutnant dürfte es nicht geben, auf dem Patent hätte ein anderer Name stehen sollen. Aber Athos, Porthos und Aramis hatten die Beförderung abgelehnt und Athos hatte schließlich d'Artagnans Namen in das Offizierspatent eingetragen, ohne die weitreichenden Konsequenzen zu ahnen. Ohne nach der Meinung des Hauptmanns zu fragen. „Wirklich.“ räusperte sich d'Artagnan nach langen Momenten und nahm den Faden wieder auf. „Ihr solltet nicht auf diesen Plan bestehen. Athos irrt sich. Tréville wird mir nicht zuhören.“
Aramis nickte langsam. D'Artagnans Erleichterung über das scheinbare Einlenken des Freundes hielt nicht lange vor, denn nun sagte Aramis bestimmt: „Ihr solltet mit ihm sprechen.“
„Ich sagte doch gerade-“ fuhr d'Artagnan auf, aber wieder unterbrach Aramis den Protest. „Ich meinte nicht Herrn de Tréville. Ich meine Athos. Ihr solltet es ihm sagen.“
„Ihm sagen?“
„Ja! D'Artagnan, wenn Ihr nicht ehrlich zu Athos seid, wird er sich wieder und wieder in Euch irren. Wollt Ihr ihn tatsächlich auf diese Weise enttäuschen? Das kann nicht Euer Wunsch sein.“ Aramis erhob sich von seinem Platz und ging zur Tür. Dort wandte er sich, eine Hand bereits auf der Klinke, noch einmal zu seinem sehr still gewordenen Freund am Tisch um. „Denkt darüber nach. Im Übrigen: Ihr seid zum Leutnant ernannt worden, weil Ihr die nötigen Fähigkeiten für diesen Posten bewiesen habt. Jetzt solltet Ihr Eure Pflicht erfüllen, wie Tréville selbst es verlangt hat. Bringt ihn zum Zuhören. Ihr könnt es, besser als einer von uns.“ Aramis öffnete die Tür und grüßte, bevor er die Wohnung verließ. Zurück blieb ein betroffen dreinblickender Leutnant, der nach und nach begriff, was ihm der Freund gesagt hatte.
D'Artagnan nahm die Liste an sich. Sie war noch nicht perfekt, zumindest nicht nach den Maßstäben, die der Hauptmann angelegt hatte. Doch sie war fertig und völlig ausreichend, um sie morgen als offizielle Wachablösung auszuhängen. D'Artagnan fasste einen Entschluss: Es war richtig, Athos' Bitte nachzukommen und mit ihrem Hauptmann zu sprechen.
Am nächsten Morgen stand d'Artagnan in aller Frühe auf. Die Sonne blinzelte gerade erst schlaftrunken am Horizont und ihre Strahlen reichten nicht einmal aus, um die rot gedeckten Spitzdächer leuchten zu lassen. Der Frühnebel dämpfte noch die meisten Geräusche des jungen Morgens und der Wind trug einen Duft von Jasmin mit sich. Es versprach, ein herrlicher Tag zu werden.
Gut gelaunt wie lange nicht mehr kleidete sich d'Artagnan an und verließ sein Zimmer. In der Küche wartete schon ein Frühstück auf ihn und der Gascogner nickte zufrieden ob des aufmerksamen Dieners, der ohne eine entsprechende Aufforderung seines Herrn den Tisch bereits gedeckt hatte. Etwas behäbig ließ sich d'Artagnan auf einem Stuhl nieder und begann seine Mahlzeit, wobei er sich die Zeit ließ, jeden Bissen vom frischen Brot aufs Neue zu genießen.
Unvermittelt öffnete sich hinter ihm die Tür zur Küche und erstaunt sah d'Artagnan eine Person eintreten, mit der er so früh am Morgen noch nicht gerechnet hätte. Seine Frage musste ihm deutlich im Gesicht gestanden haben, denn leicht empört antwortete ihm die helle Stimme einer Frau: „Ich störe Euch doch hoffentlich nicht, Monsieur? Oder sollte ich Euch besser wieder allein lassen?“
„Aber nein!“ D'Artagnan hatte sich von der Überraschung erholt, erhob sich rasch von seinem Platz und bot ihn galant der zierlichen Frau an, die dem Gascogner trotz ihres tadelnden Tonfalls zuvor, nun ein breites Lächeln schenkte. Sie setzte sich, griff selbst nach einer Scheibe Brot und belegte sie, während d'Artagnan sich einen anderen Stuhl heranzog, wobei er es fertig brachte, gleichzeitig die frische Schönheit neben sich zu bewundern und sich für seinen noch unrasierten Morgenbart zu schämen. „Nein, Madame, im Gegenteil!“ fuhr er munter, seine Verlegenheit überspielend, fort. „Ich war nur etwas verwundert, denn ich glaubte, Ihr würdet noch schlafen.“
„Schlafen! Wenn mein Gatte um diese Zeit bereits durch die Zimmer poltert?“ Schalk blitzte in ihren Augen, als sie den bestürzten Ausdruck im Gesichts ihres Gegenübers sah. Sofort darauf wurde sie jedoch Ernst und ihre nächste Frage klang mehr nach einer Feststellung. „Ihr habt vergessen, was heute für ein Tag ist?“
Der alte Gascogner überlegte fieberhaft, sich des forschenden Blickes, mit dem Madame d'Artagnan ihn musterte, unangenehm bewusst. Allerdings fiel ihm nicht ein, was an diesem Dienstag so besonderes sein sollte und er musste bedauernd den Kopf schütteln. Wie zu erwarten, seufzte seine Frau scheinbar verzweifelt über das schlechte Gedächtnis ihres Gatten und sagte streng: „Bertrand de Batz-Castelmore!“
Es war schon erstaunlich, welch einschüchternde Wirkung eine so kleine Person wie Françoise de Montesquiou-d'Artagnan hervorrufen konnte, selbst, wenn ihr Zorn nur gespielt war. Sie stemmte dabei die Hände in die Hüfte, legte den Kopf ein wenig schief, sodass ihr einige der allmählich ergrauenden Locken aus dem Zopf über die Schulter fielen und funkelte ihren Gegenüber herausfordernd an. Im Laufe der vielen Jahre, die sie nun schon mit ihrem Mann verheiratet war, der sich nach ihr gerne d'Artagnan nannte und der ebenso hitzig wie stur sein konnte, hatten diese Gesten nie ihre Wirkung verfehlt. Auch jetzt wurde Bertrand recht kleinlaut und strich sich nervös übers Kinn. In den beinahe 52 Jahren, die er nun zählte, war ihm noch kein anderer Mensch wie Françoise begegnet, der es mit einem bloßen Blick so gründlich gelang, das Temperament des Gascogners zu zügeln. Andererseits war Madame d'Artagnan auch voller Sanftmut und Herzlichkeit, einer der vielen Gründe, weshalb die Vernunftehe von damals zu der glücklichen Verbindung von heute geworden war.
Schweigend wartete Bertrand die Erklärung Madame d'Artagnans ab, die auch prompt folgte: „D'Orfeuille wird uns während des Mittags besuchen.“
Diese Nachricht wurde von dem Gascogner allerdings nicht so freudig aufgenommen, wie sie eigentlich gemeint war „D'Orfeuille! Er ist schon zurück aus der fernen Hauptstadt?“
Françoises Mundwinkel zuckten belustigt, wusste sie doch genau, was ihr Mann von Monsieur d'Orfeuille hielt. Nichtsdestotrotz sagte sie bestimmt: „Ich bitte Euch, er war über ein Jahr fort und ist erst in der vergangenen Woche von seiner Handelsreise zurückgekehrt.“
Bertrand schnaubte verächtlich. „Handelsreise, ja! Der Fuchs tanzt auch Abends mit den Hühnern. Warum kommt er her? Hier gibt es nichts für ihn.“
Françoise blieb geduldig. „Weil Jean d'Orfeuille nun einmal unser Nachbar ist und wir ihn nach einer langen Zeit wiedersehen. Er hat sicherlich viel von seiner Reise zu berichten.“
Bertrands Gesicht verfinsterte sich noch ein wenig mehr. „Auf diesen Bericht bin ich gespannt.“ knurrte er und schüttelte unwillig den Kopf. Françoise duldete jedoch keine Widerrede. „Immerhin hat es der junge Herr zu etwas gebracht, er kehrt mit den Taschen voller Gold heim in die Provinz. Ich habe Euch vor einigen Tagen schon gesagt, dass d'Orfeuille uns besuchen würde. Wir werden ihn mit Gastfreundschaft empfangen, wie es sich gehört!“
Bertrand verschluckte das 'Wie ihr wünscht', das ihm auf der Zunge lag und begnügte sich mit einem weiteren, finsteren Blick.
*~*~*~*~*
„Mein lieber Herr d’Artagnan! Was für eine Freude, Euch zu sehen!“ D'Orfeuille zog Bertrand in eine herzliche Umarmung, welche mit einem sauren Lächeln Seitens des Gascogners erwidert wurde. Dadurch trübte sich das breite Grinsen Jean d'Orfeuilles, das seine großen, weißen Zähne enthüllte, kein bisschen. Im Gegenteil! Er schlug seinem Nachbarn freundschaftlich und begeistert auf die Schulter, trat schwungvoll einen Schritt fort, wischte mit einer spielerischen Handbewegung einige seiner goldblonden Locken über die Schulter zurück und bewies in seinem ganzen Gehabe eine derart aufgesetzte Eleganz, dass sie dem immerhin zwanzig Jahre älteren Bertrand das beste Beispiel für jugendlichen Übermut bot, wie ihn Schloss Castelmore lange nicht mehr erlebt hatte.
Der große Saal des Gemäuers, in dem sich diese Begrüßung ereignete, war, um den Gast standesgemäß willkommen zu heißen, glanzvoll geschmückt worden. Auf einem Tisch am hinteren Ende warteten die erlesensten Speisen, welche die Küche zu bieten hatte, sogar eine fette Gans war geschlachtet worden und thronte nun knusprig gebraten in der Mitte. Um sie herum standen Obstschalen, Gemüse und Saucen, selbstverständlich Teller und Gläser für den Wein eines ausgezeichneten Jahrgangs. Vielleicht war Castelmore tief im Süden Frankreichs gelegen, ein bäuerlich anmutendes Landgut, einige Meilen entfernt von den Nachbarn, noch weiter zur nächstgrößeren Stadt, aber zu feiern verstanden es die Gascogner allemal!
D'Orfeuille wandte sich nun Madame d'Artagnan zu, und küsste ihr galant die dargebotene Hand, was sie mit Entzücken belächelte. Der junge Mann war wohl erzogen und so fiel es Françoise nicht schwer, mit ihm ein Gespräch im Plauderton zu beginnen, während sich die drei Personen zur Tafel begaben. „Monsieur, wie ist Euer Befinden nach einer so langen Reise? Ich hörte, der Weg nach Paris sei nur mit einigen Anstrengungen zu bewältigen.“
D'Orfeuille winkte die letzte Bemerkung lässig mit einer Hand ab und erklärte mit einem selbstsicheren Lächeln: „Die Straßen sind leider nicht so sicher, wie sie sein sollten und der Weg von der Gascogne in die Hauptstadt ist weit. Allerdings schien mir die Reise mehr erholsam als mühselig. Natürlich ließ sich das ein oder andere Abenteuer nicht vermeiden, doch dank Glück und Geschick ist mir zu keiner Zeit Bange geworden.“
Bertrand verschluckte sich fast an seinem Wein und hustete unterdrückt, was ihm einen besorgten Blick d'Orfeuilles einbrachte. Françoise überging diesen kleinen Zwischenfall und meinte schnell: „Ihr seid wirklich tapfer und es scheint, als hättet Ihr in Paris Euer Glück gemacht.“
D'Orfeuille gab sich bescheiden, doch die leichte Röte seiner Wangen verriet ihn. Er war sichtlich stolz auf seine erfolgreiche Reise, die ihn durch geschickte Spekulation, wenn auch nicht reich, so zumindest wohlhabend gemacht hatte und berichtete der andächtig lauschenden Madame d'Artagnan bis ins kleinste Detail von Paris, sodass sie sich nach einiger Zeit ein lebhaftes Bild von der großen Stadt und ihren Menschen machen konnte. Wenn Françoise etwas besonders interessierte, fragte sie genauer nach und mit leuchtenden Augen erzählte ihr Gast weiter, wodurch das Essen für beide ausgesprochen kurzweilig wurde. Bertrand jedoch schwieg mürrisch, versuchte, sich seine eigenen Gedanken über 'malerische Gärten' und 'pompöse Bauwerke' nicht anmerken zu lassen und konzentrierte sich auf sein Essen. So hörte er nur mit halben Ohr hin, als d'Orfeuille in seiner geschliffen einschmeichelnden Art an ihn gewandt meinte: „Etwas, dass ich noch nicht erzählt habe, was Euch jedoch mit Sicherheit interessieren dürfte, ist, dass es mir vergönnt war, Euren Sohn kennen zu lernen.“
Bertrand sah seinen Gast nicht einmal an, als er gelangweilt, wie schon so viele Male zuvor, antwortete: „Ist das so?“
Erneut zeichnete sich eine leichte Röte auf d'Orfeuilles Wangen ab, als wäre er bei einer Lüge ertappt worden und schnell fügte er hinzu: „Nicht persönlich, meine ich. Aber ich habe viel von dem jungen Leutnant der Musketiere reden hören. Ihr müsst gewiss stolz auf ihn sein, Herr d'Artagnan.“
Erst jetzt horchte Bertrand auf. Nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte, wovon d'Orfeuille sprach, warf er einen Blick zu seiner Frau, doch auch in ihrem Gesicht spiegelte sich nur Ratlosigkeit wider. Bertrand musterte daraufhin seinen Gast gründlich, doch d'Orfeuille schien völlig arglos auf eine Antwort zu warten, die ihm der Gascogner schließlich mit einem forschenden Unterton in der Stimme gab. „Verzeiht, Monsieur, aber ich fürchte, ich war einen Moment abgelenkt. Was sagtet Ihr noch zuletzt?“
„Ich sprach davon, dass ich viel von dem Leutnant der Musketiere Seiner Majestät gehört habe.“ erwiderte d'Orfeuille, doch unsicherer als zuvor. „Sein Name lautet Charles d'Artagnan und deshalb hielt ich ihn für Euren Sohn.“
Bertrand überlegte einen Augenblick, ob d'Orfeuille sich einen Scherz mit ihm erlaubte, doch dies schien nicht der Fall zu sein. Nach einer Weile sagte der Gascogner langsam: „Es tut mir leid, aber hierbei kann es sich nur um ein Missverständnis handeln - Ich habe keinen Sohn.“
Françoise sah die Verwirrung im Gesicht ihres Gastes und suchte nach einer Erklärung. „Möglicherweise verwechselt Ihr den Namen?“ Aber d'Orfeuille schüttelte bestimmt den Kopf. „Nein, nein! Ich hörte laut und deutlich von jemandem Namens d'Artagnan reden. Er diene als Leutnant unter Monsieur de Tréville, hieß es weiter.“
„Vielleicht“, scherzte Bertrand an seine Frau gewandt, „hat uns Euer Bruder ein kleines Geheimnis verschwiegen.“
Françoise wurde unmerklich blasser, doch schien dies nicht von der letzten Bemerkung ihres Gatten herzurühren. Ein anderer Gedanke schien sie derart erschreckt zu haben, gegenüber ihrem Gast nickte sie jedoch und lachte leise: „Das ist sicherlich eine Möglichkeit.“ wobei sie Bertrand einen Blick zuwarf, das Thema nun ruhen zu lassen. Auch d'Orfeuille ging nicht weiter darauf ein und überspielte die entstandene Verlegenheit mit einer weiteren Erzählung von seiner Reise.
Bertrand verfolgte das neu einsetzende Gespräch nicht länger. Er grübelte.
Seine Frau hatte keinen Bruder. Wer war also dieser Leutnant?
'Obwohl die Zeit drängt, besteht kein Grund zur Sorge. Die Vorbereitungen werden weniger als einen Monat in Anspruch nehmen. – Weitere Verzögerung ausgeschlossen!'
Tréville las den letzten Satz nun zum bestimmt fünften Mal und seine anfängliche Ungläubigkeit wandelte sich mehr und mehr in Zorn. Er knüllte das Papier in der Faust zusammen, zögerte und faltete es dann wieder auseinander. Die Botschaft blieb eindeutig.
Im Arbeitszimmer des Hauptmanns war es sehr still, nur die Wanduhr tickte leise und im Kamin knackte ab und an ein Holzscheit. Obwohl es erst Mittag war und sich die Bittsteller, Soldaten und Laufburschen jetzt eigentlich gegenseitig die Klinke in die Hand geben sollten, hatte Trévilles Diener Gaston im Vorzimmer den Befehle erhalten, niemanden zum Hauptmann vordringen zu lassen. Seinem Adjutanten, Monsieur de Duvoir, hatte Tréville andere Aufgaben zugewiesen, um nicht mit irgendwelchen Belanglosigkeiten belästigt zu werden. Manchmal waren die lautstarken Proteste einiger Besucher zu hören, doch niemand wagte es, die Anweisung zu ignorieren und so schien das Arbeitszimmer ungewohnt einsam. Tréville saß hinter seinem Schreibtisch, auf dem sich, wie immer, Stapel von Papieren türmten und betrachtete grimmig den Zettel, auf den in krakeliger Handschrift zwei Zeilen niedergeschrieben waren.
Es ließ sich also nicht mehr ändern. Die Entscheidung war gefallen und der Hauptmann der Musketiere wurde damit zum Abwarten gezwungen. Alle Anstrengungen der letzten Wochen, vielleicht doch noch eine Wende herbeizuführen, waren vergebens gewesen und dieser Zettel, den Tréville zwischen einigen Berichten versteckt gefunden hatte, bestätigte seine Befürchtungen. Keine Verzögerungen mehr. Das hieß auch, keine neuen Ausflüchte und vor allem: Keine Zeit.
Tréville stand auf und trat an den Kamin, in dem trotz des lauen Oktobertages ein Feuer entfacht worden war. Er beobachtete einen Moment lang das Spiel der Flammen, dann hielt er eine Ecke des Zettels in die Feuerstelle. Das Papier brannte sofort und das Feuer fraß sich unaufhaltsam durch das Schriftstück. Der Hauptmann warf es schließlich in den Kamin und wartete, bis es gänzlich zu Asche zerfallen war. Nachdem Tréville noch kurz mit dem Schürhaken in der Glut gestochert hatte, war er überzeugt davon, dass niemand mehr auch nur ahnen würde, dass es diese Nachricht gegeben hatte. Der Hauptmann hatte die Botschaft verstanden. Er wandte sich vom Kamin ab und trat ans Fenster.