Die geheime Lilie - Maren von Strom - E-Book

Die geheime Lilie E-Book

Maren von Strom

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Beschreibung

Paris - 1635 Seit nunmehr fast zehn Jahren lebt Mademoiselle Charlotte de Batz-Castelmore in Paris und sieben Jahre davon dient sie als der wackere Charles Chevalier d'Artagnan bei den Musketieren Seiner Majestät. Verkleidet als Mann führt sie ein Leben, wie es ihr als Frau sonst nie möglich wäre; frei von den Zwängen gesellschaftlicher Konventionen, selbstbestimmt und wahrhaft abenteuerlich! Niemand ahnt von dem Unheil, das sich schon seit einiger Zeit über Charlotte d'Artagnan zusammenbraut und das ausgerechnet von den Menschen ausgeht, denen sie am meisten vertraut...

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Seitenzahl: 801

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Maren von Strom

Die geheime Lilie

 

Impressum

Texte: © Copyright by Maren von Strom

Umschlag: © Copyright by Maren von Strom, Peter Gärtner

Illustration; Plan de Paris de Mérian, Opensource

Verlag: Maren von Strom

Blumenstraße 20

42119 Wuppertal

[email protected]

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

 

1. Auflage 2022

Teil 1 - Auf verlorenem Posten

Kapitel 1

Als d’Artagnan an diesem Morgen das Tor ins Hauptquartier der Musketiere durchschritt, ahnte sie nicht, dass es das letzte Mal als Leutnant der Kompanie sein würde.

Seit nunmehr fast zehn Jahren lebte Mademoiselle Charlotte de Batz-Castelmore in Paris und sieben Jahre davon diente sie als der wackere Charles Chevalier d’Artagnan bei den Musketieren. Kaum jemand wusste um das Geheimnis ihres Geschlechts, obgleich verschiedene Freunde und Feinde es mit der Zeit gelüftet hatten.

Von den Freunden war ihr nur der Graf de Rochefort geblieben; Porthos war als erster gegangen, um eine reiche Anwaltswitwe zu heiraten. Aramis verschwand eines Tages und ließ erst wieder von sich hören, als er einem Kloster beigetreten und Abbé geworden war. Athos war fünf weitere Jahre an der Seite des Leutnants, stets ein ehrbarer und zurückhaltender Freund. Dann erbte er und nahm seinen guten Namen als Graf de la Fère wieder an.

Seither hatte d’Artagnan zwar oberflächliche Bekanntschaften, aber keine neuen Freundschaften geschlossen. Das Risiko war zu groß - obgleich sie sich nicht nur der Fürsprache von Hauptmann de Tréville sicher sein konnte, sondern mit Rochefort auch eine Kreatur des Kardinals auf ihrer Seite wusste - dabei an Menschen zu geraten, die ihr Geheimnis verraten hätten.

In der Kompanie war sie allseits als Leutnant respektiert und geachtet. Charlotte strebte nicht nach einem höheren Posten, schon jetzt konnte sie ein Leben führen, wie es ihr als Frau sonst nie möglich gewesen wäre; frei von den Zwängen gesellschaftlicher Konventionen, selbstbestimmt und oft genug auch abenteuerlich.

Die dauerhafte Maskerade konnte mühsam sein; manchmal war es einsam. Vielleicht, irgendwann, würde sie es Athos, Porthos und Aramis gleichtun und einen neuen Pfad einschlagen. Aber jetzt noch nicht. Jetzt war sie zufrieden mit ihrem Leben als Offizier der königlichen Leibgarde und es gab nichts, wogegen sie es lieber eingetauscht hätte.

Niemand ahnte von dem Unheil, das sich schon seit einiger Zeit über d’Artagnan zusammenbraute und das ausgerechnet von den Menschen ausging, denen sie am meisten vertraute.

Wie an jedem anderen Tag erklomm sie die Aufgangstreppe zum Kabinett des Hauptmanns, um die Wachaufstellung auszuhängen und die Befehle für heute entgegenzunehmen.

Das Hauptquartier war belebt wie immer. Man musste schon eine hübsche Dame oder ein Offizier sein, um sich einen Weg an den Soldaten, Bittstellern, Gästen und Dienern vorbei zu bahnen. D’Artagnan hatte noch nie zum Kleid greifen müssen, dem Leutnant wich man bereitwillig aus. Sie liebte diesen Trubel. Zwischen Kartenspielen und Waffenübungen, derben Scherzworten und Kameradschaft hatte sie ihren Platz, eine Familie gefunden.

Im Vorbeigehen grüßten die Musketiere höflich und respektvoll. Im Laufe der Jahre hatte sich d’Artagnan einen Ruf unter den Männern gemacht, ein nicht minder guter Vorgesetzter wie Tréville zu sein. Sie wusste vernünftige Befehle zu geben, die sie sich nicht gescheut hätte auch selbst auszuführen, stand für die Musketiere ein, wenn es sich für ein Duell zu verantworten galt, hatte ein offenes Ohr, wenn es Schwierigkeiten gab und konnte sich mit Wort und Tat durchsetzen, falls es nötig wurde.

Ihren Hitzkopf hatte sie sich bewahrt, genauso wie ihren treuen Charakter. Nie hätte man jemanden hinter vorgehaltener Hand von ‘weibischen Schwächen’ munkeln hören, denn d’Artagnan überspielte jede verräterische Gemütsregungen mit gascognischer Frechheit, beinahe Grobheit; außerdem war sie recht gut mit dem Degen, man forderte sie besser nicht heraus.

Als sie jetzt das Arbeitszimmer des Hauptmanns betrat, war sie überrascht davon, anstelle Monsieur de Trévilles seinen Adjutanten Duprés am Schreibtisch sitzend vorzufinden. Er sah besorgt von einem Brief in seinen Händen auf und d’Artagnan schloss instinktiv die Tür hinter sich, bevor irgendwer im Vorraum einen neugierigen Blick ins Zimmer hätte werfen können. Eilig trat sie näher und fragte kaum lauter als das Ticken der Standuhr: »Was ist passiert?«

Duprés gab sich gefasst, aber trotzdem stand ihm eine gewisse Bestürzung in der Miene. »Monsieur de Tréville ist verhaftet.«

»…pardon?«

»Lest selbst.«

Er reichte den Brief einem völlig verdatterten Leutnant weiter. D’Artagnan riss ihn ihm beinahe aus der Hand und überflog hastig die Zeilen. Die Nachricht kam direkt aus der Bastille und enthielt nicht mehr als die knappe Mitteilung, man habe Arnaud Comte du Peyrer, genannt de Tréville, am Morgen festgesetzt und ins Gefängnis überstellt. Ihm werde ein verbotenes Duell vorgeworfen.

»Was zum Teufel-?! Duprés?«

»Ich weiß auch nicht mehr als das, monsieur le lieutenant.«

Der Adjutant hob ratlos die Schultern. Er diente dem Hauptmann der Musketiere schon lange Jahre und ja, es hatte auch zuvor schon Duelle gegeben. Kardinal Richelieu hatte sie bei Todesstrafe verbieten lassen, geändert hatte das unter wahren Ehrenmännern wenig. Aber zu einer Inhaftierung war es bislang nie gekommen; die Stadtwache übersah diskret was auf der grünen Wiese geschah.

D’Artagnan las die Nachricht ein weiteres Mal, gründlicher jetzt, auf der Suche nach einer Erklärung. Warum hatte sich die Wache dieses Mal doch eingemischt? Hatte Tréville sich mit dem Falschen angelegt?

»Gibt es gar keinen Hinweis auf seinen Kontrahenten? Auf Sekundanten? Mordieux, ist der Hauptmann verletzt worden? Wir müssen zu ihm!«

D’Artagnan war schon drauf und dran aus dem Kabinett zu stürmen, voll schlimmer Befürchtungen, aber Duprés hielt sie auf. Er hatte mit einer hitzigen Reaktion des Leutnants gerechnet, mit überstürztem Handeln. So kannte er den anderen Offizier und heute musste er anstelle Trévilles zur Vernunft rufen.

»Ihr müsst zum Louvre, vor Seine Majestät. Ich halte die Dinge hier in Ordnung, bis diese Angelegenheit aufgeklärt ist.«

»…ja.« D’Artagnan fing sich und verdrängte die Sorge um ihren Hauptmann zugunsten einer klügeren Vorgehensweise. Tréville selbst wäre ebenfalls sofort zum Louvre aufgebrochen, um seine Musketiere aus der Haft zu holen - und er hätte später seinen Pappenheimern eine ordentliche Standpauke gehalten. Oder sie belobigt, falls den Gardisten des Kardinals eine Lektion erteilt worden wäre und der König heimlich stolz auf sie war.

»Die Neuigkeiten werden den Palast inzwischen auch erreicht haben. Ich mache mich unverzüglich auf den Weg.«

»Verstanden.«

Duprés hatte kaum ausgesprochen, da war d’Artagnan schon aus dem Arbeitszimmer geeilt. Der Adjutant schüttelte noch den Kopf und dachte sich seinen Teil, bevor er sich den Befehlen und Aufgaben des heutigen Tages zuwandte.

Nur einmal stutzte er. Als er den Stapel der Wachberichte von gestern durcharbeitete, fand er dazwischen eine Notiz in kaum leserlicher Handschrift, wie rasch hingeworfen. Duprés entzifferte erst den Empfänger als Chevalier A., dann den Absender als den Comte de R. und dazwischen die Einladung zu einem Stelldichein zu gewohnter Zeit, an gewohntem Ort.

Duprés hob eine Braue. Offenbar war eine persönliche Nachricht an d’Artagnan zwischen die Berichte geraten. Vielleicht hatte der Leutnant sie in Eile verloren oder den Zettel gar als Lesezeichen benutzt und dann vergessen.

Man hätte die Bitte um ein Treffen als Verabredung zum Duell deuten können - und vermutlich hatte auch Tréville die Nachricht gelesen, als er durch den Stapel geblättert hatte…

 

~~~~*

 

Während d’Artagnan in großer Sorge zum Louvre eilte, starrte der Hauptmann der Musketiere missmutig aus einem vergitterten Fenster auf Paris hinab.

Es war ein trüber Tag, die Wolken hingen grau und schwer am Himmel, die Nacht schien einfach nicht weichen zu wollen. Es regnete nicht, aber ein unangenehmer Niesel hing in der Luft, machte die Kleidung klamm, kroch einem in die Knochen und ließ die Wehrmauern der Bastille feucht glänzen.

Draußen vor der Zellentür waren gelegentlich die Schritte der Wächter zu vernehmen. Ein Wasserkrug stand bei der Pritsche, ein Loch an der Außenwand sollte als Abort dienen. Ein ekelhafter Geruch wehte von dort her.

Nun war die Bastille kein dunkles Kerkerloch, im Gegenteil galt sie eher als Luxusgefängnis für hochrangige Personen. Und doch war es hier alles andere als gemütlich und Tréville war weit davon entfernt stolz darauf zu sein, sich als wichtig genug rühmen zu dürfen, um hier gelandet zu sein.

Man hatte ihm keine Handfesseln angelegt und behandelte ihn halbwegs respektvoll, seinem Rang und Status angemessen. Beinahe höflich hatte man ihn in diese Zelle geführt, nachdem die Formalitäten in der Wachstube erledigt waren.

Die Verhaftung war da weniger freundlich vonstatten gegangen. Gerade noch stand er, nach einem heftigen Schlagabtausch schon leicht außer Atem gekommen, seinem Kontrahenten gegenüber, im nächsten Moment waren sie Verbündete darin, sich der Stadtwache zu widersetzen.

Gegen die Übermacht hatten sie keine Chance und nach einem demütigenden Marsch durch die Stadt, fanden sich die Duellanten schließlich hier wieder. Gemeinsam in dieser Zelle.

Vielleicht hatte da draußen jemand die Hoffnung, dass sie sich im Nachhinein noch gegenseitig umbrachten, wenn man sie zusammen einsperrte. Den Gefallen taten die beiden Männer freilich niemandem! Stattdessen hatten sie sich einigermaßen arrangiert damit, sich so weit wie möglich voneinander entfernt einen Platz in der Zelle zu suchen.

Sein Zellengenosse saß auf der Holzpritsche und beobachte den Hauptmann der Musketiere aufmerksam, als dieser sich jetzt vom Fenster abwandte und mit finsterer Miene eine rastlose Wanderung zur Tür hin und zurück aufnahm.

Geduld war keine Stärke eines gascognischen Temperaments, zumal so viele Dinge in der Schwebe standen. War dem König schon Meldung gemacht worden über diesen Vorfall? Durften sie mit Gnade rechnen oder einem Exempel? Wann kamen sie hier heraus und was wurde dann?

Und doch war es mehr Zorn als Sorge, was Tréville verspürte. Wut auf die eigene Dummheit mehr, als auf den Grafen de Rochefort, der ihn noch immer von der Pritsche aus beobachtete und seine eigenen Gedanken dabei viel besser zu verbergen wusste.

Dem Stallmeister des Kardinals war nicht anzumerken, ob auch er wütend war oder wenigstens enerviert von der Situation. Er lehnte gegen die Wand und scherte sich nicht darum, dass seine gute Kleidung dabei einige Flecken bekam. Er gab sich fast so, als sei er nicht das erste Mal hier eingesperrt und schien der Zukunft mit einiger Gelassenheit zu begegnen. Eher wirkte er amüsiert, den Hauptmann der Musketiere unruhig durch die Zelle streifen zu sehen.

Als Tréville das aufging, blieb er abrupt stehen und starrte den anderen herausfordernd an. Rochefort schien nur darauf gewartet zu haben, nicht länger ignoriert zu werden. »Also?«

»Was?!« fuhr der Hauptmann ihn erbost an und ärgerte sich im selben Moment darüber, sich nicht besser im Griff zu haben.

Rochefort blieb ruhig und bot keine Angriffsfläche, an der sich Tréville hätte auslassen können. Er zuckte mit den Schultern.

»Da Ihr dafür verantwortlich seid, dass ich meine kostbare Zeit erzwungener Maßen mit Euch verbringen darf, habe ich wohl auch ein Recht, den Grund dafür zu erfahren.«

»Bah!«

Mehr Antwort erhielt Rochefort nicht, stattdessen wandte sich Tréville wieder demonstrativ dem Fenster zu und schien sich selbst zu bemitleiden. So deutete Rochefort zumindest seine Miene, in der sich Wut und Melancholie abzuwechseln schienen. Beinahe wollte er den Kopf über so viel Sturheit schütteln und auch wieder in Schweigen versinken. Aber, zum Henker! Hier stand nicht nur Trévilles Kopf auf dem Spiel und der Stallmeister wollte endlich wissen, wofür er sich eigentlich zu verantworten haben sollte!

Gestern hatte er eine Nachricht von Tréville erhalten, sich am nächsten Morgen hinter dem alten Karmeliterkloster einzufinden. Unmissverständlich keine freundliche Einladung zu einem Plausch unter alten Bekannten, sondern eine Duellforderung. Rochefort war dem nachgekommen, schon um zu fragen, was in den Hauptmann gefahren sein mochte. Eine Antwort stand noch aus, denn die Stadtwache hatte sie bereits nach dem ersten Geplänkel dingfest gemacht. Für sich selbst fasste Rochefort darum die Geschehnisse noch einmal zusammen.

»Man wirft uns ein verbotenes Duell vor, eine Tatsache, die sich kaum leugnen lässt, selbst wenn wir uns auf eine andere Geschichte einigen. Eure Einladung war unmissverständlich, aber mir fällt kein Grund für sie ein. Ihr werdet kaum nur eine Abwechslung vom schnöden Alltag gesucht haben. Oder habt Ihr die Aufmerksamkeit des Kardinals vermisst und wolltet Streit provozieren?«

Tréville schnaubte abfällig, aber seine Kiefer mahlten. Rochefort wusste, dass er nicht auf der richtigen Spur war. Allein Langeweile hätte den Hauptmann kaum zu solchen Dummheiten verleitet.

Welche Kränkung hatte er Tréville wohl unwissentlich angetan, dass er dafür verdroschen gehörte? Über welches Wissen schien er zu verfügen, dass man ihn dafür tot sehen wollte? Er stocherte weiter und hoffte auf einen Glückstreffer.

»Man hört, Ihr wärt gestern schon den ganzen Tag nicht gut zu sprechen und in einer fürchterlichen Laune gewesen.«

Tréville fuhr wütend herum. »So, hört man das? Hat d’Artagnan Euch das erzählt, ja?«

»D’Artagnan?«

Rochefort horchte auf und langsam beschlich ihn ein Verdacht. Ja, sie war abends bei ihm gewesen. Ein Freundschaftsbesuch, wie er in fast jeder Woche einmal stattfand. Aus dem Befehl des Kardinals, Frieden zu schließen, war im Laufe der Zeit echtes Vertrauen geworden. Irgendwann einmal hätte aus Vertrauen noch mehr werden können, aber sie stellten nach einer Probezeit fest, dass sie als Freunde besser gelitten waren und dabei blieb es.

D’Artagnan sprach mit Rochefort offener, als sie es sonst vor irgendwem gewagt hätte und beinahe hätte er sie deshalb gestern gefragt, ob sie von der Forderung Trévilles wisse. Er hatte sich dagegen entschieden und, um ihrer Freundschaft willen, private und dienstliche Angelegenheiten getrennt. Vielleicht ein Fehler. »Wie kommt Ihr auf d’Artagnan?«

»Man hört, dass s-« äffte Tréville sarkastisch nach und stockte dann. Er sah zur Tür und gerade rechtzeitig schien ihm aufzugehen, dass sie womöglich belauscht wurden und manches Geheimnis geheim bleiben sollte. »-d’Artagnan gestern Abend bei Euch war.«

»Es scheint, als wären wir beide gut übereinander informiert. Wartet! Ihr verdächtigt Euren braven, treuen Leutnant, mit mir über Euch zu plaudern?«

»Ist es denn so?«

»Glaubt Ihr, es könnte so sein?«

Tréville antwortete nicht und das war schon Antwort genug. Ob Rochefort tatsächlich auf den Grund für das Duell gestoßen war? Arme d’Artagnan! Anscheinend war es ihr verboten, wenigstens einen Freund außerhalb der Kompanie zu haben, besonders wenn es sich dabei um eine Kreatur des Kardinals handelte.

»Interessant. Was mag mir d’Artagnan wohl wichtiges erzählt haben, dass Ihr mich dafür gleich umbringen wollt? Erwähnte man Euch gestern in meinem Salon überhaupt? Hm…«

Rochefort tippte sich nachdenklich gegen das Kinn und tat, als würde er angestrengt nachdenken. Es gab nichts Erinnernswertes. Sie hatten gestern eine Flasche guten Malagas geleert, über dies und das geplaudert und eine begonnene Schachpartie von ihrem letzten Treffen beendet. Dann hatte man sich auf die nächste Woche verabschiedet - und doch erschien nun eine steile Zornesfalten auf Trévilles Stirn.

»Es wäre höchst unpassend, wenn bei dem privaten Stelldichein über mich gesprochen worden wäre.«

»Eifersucht?« begriff Rochefort endlich was in den Hauptmann gefahren war und lachte. »Wie köstlich! Das hätte ich früher wissen müssen, alle Zeichen waren da!«

»Redet keinen Unsinn!« Tréville erblasste in einer Mischung aus Zorn und Verlegenheit. Ihn dabei zu beobachten, wie er sich wie ein Wurm wand, weil er durchschaut war, war die Sache beinahe schon wieder wert. Rochefort winkte amüsiert ab.

»Ich kann schweigen wie ein Grab. Sogar dann, sollten wir doch unbeschadet davonkommen. Einzig und allein, um einer Freundin den Skandal zu ersparen.«

Für sein Schweigen forderte er keinen Preis. Dieses Wissen brachte weder ihm noch dem Kardinal einen Vorteil und ganz ungeahnt waren diese Gefühle ohnehin nie gewesen; spätestens nachdem Anne-Louise de Tréville nach kurzer, schwerer Krankheit vor drei Jahren verstorben war und einen trauernden Witwer hinterlassen hatte.

Rochefort hatte immer vermutet, dass eine gewisse Dame den Kummer des Hauptmanns gedämpft hatte, auch wenn sie selbst davon wahrscheinlich gar nichts ahnte. D‘Artagnan hatte nichts bewusstes getan, sie war einfach nur stets da gewesen, in Trévilles dunkelsten Stunden, hatte seine schwankenden Launen aus Wut und Trauer ertragen und die Verantwortung übernommen, wenn er selbst es aus tiefster Ohnmacht nicht konnte. Daraus war einseitig wohl mehr erwachsen, zumindest hatte sie selbst nie etwas vor Rochefort erwähnt, wo sie doch sonst kaum Geheimnisse vor ihm hatte und selten ein Blatt vor den Mund nahm.

Rochefort hätte d’Artagnan eine hübsche Geschichte bei ihrem nächsten Treffen erzählen können, darüber nämlich, für einen Nebenbuhler gehalten worden zu sein; und davor schien sich Tréville mehr zu fürchten, als vor dem Urteilsspruch des Königs.

»Haltet einfach den Mund!«

»Natürlich. Sorgt Ihr nur dafür, dass wir hier unversehrt wieder herauskommen.« Ob der Hauptmann mit einer Ausrede die ganze Schuld auf sich nahm und beim Hofe in Ungnade fiele, interessierte Rochefort nicht. Er sah zur Zellentür. »Für meinen Geschmack sind wir schon zu lange hier.«

»Gefällt es Euch etwa nicht in diesem Rattenloch?«

»Vielleicht, wenn ich eine Ratte wäre. Aber selbst dann gäbe es mir hier entschieden zu viele Hunde.«

»Manche Hunde beschränken sich nicht aufs Knurren, wenn eine Ratte sie verärgert.«

»Was uns zwangsläufig zu einem Zwinger für den bissigen Köter führt. Aber vielleicht holt sein Herr ihn bald heraus?«

»Der kommt eher mit dem Stock zu den ungehörigen Biestern.«

»Dann bliebe noch, auf Fürsprache einer Heldin zu hoffen.«

»Der verraten wir aber nicht, warum wir hier sind.«

»Kein Sterbenswörtchen. Wir wollen doch nicht riskieren, dass sich am Ende alle Männer vor ihr als Frösche entpuppen.«

»Hören wir auf damit.« Tréville wandte sich wieder dem Fenster zu und starrte in das unbeständige Wetter hinaus.

Nach einer Weile erschien ein versonnenes Lächeln auf seinen Lippen und Rochefort vermutete, er hatte in den dunklen Wolken einen Lichtblick entdeckt. Einen ganz besonderen…

 

~~~~*

 

Im Louvre tuschelte man schon, mehr oder weniger hinter vorgehaltener Hand, über das Gerücht von einem verbotenen Duell und der anschließenden Verhaftung. Aber man verstummte auffällig plötzlich, wenn der Musketierleutnant nahte, nur um dann umso eifriger die Geschichte weiterzuverbreiten, sobald der Offizier an den Klatschmäulern vorbeigeschritten war.

D’Artagnans Kiefer mahlten, ihre Miene verfinsterte sich bei jedem geflüsterten Wort, jeder verstohlenen Geste, jedem Kichern hinter ihrem Rücken mehr. Hatte sie bei ihrem Aufbruch noch halb gehofft, die Sache könne diskret gehandhabt werden und wäre dem König noch nicht zu Ohren gekommen, war sie spätestens jetzt eines Besseren belehrt.

Während die Dienerschaft sich noch Mühe gab zwar alles zu sehen und zu hören, aber darüber klug zu schweigen, lächelte manch eine adelige Herrschaft ganz offen süffisant, sobald sie des Leutnants ansichtig wurde. Freunde hatte Tréville hier keine mehr, solange sein Stern im Sinken begriffen schien. So schnell änderten sich Gunst und Abneigung am Hof, je nach Gerücht und Laune. Ein Spiel, dem man sich nicht entziehen konnte, wenn man Teil dieser Gesellschaft war.

Die Mienen der wachhabenden Musketiere an den Flügeltüren und Treppenaufgängen dagegen zeigten nicht weniger Unruhe und Besorgnis als d’Artagnans, während sie zum Audienzsaal eilte. Ihre Ankunft war Seiner Majestät von einem Pagen gemeldet worden und sie musste kaum um eine Unterredung bitten; Ludwig XIII. brannte darauf, mehr über die Sache zu erfahren - und sein Missfallen darüber, dass einer der ehrbarsten Männer seines Gefolges - der Hauptmann seiner Leibgarde noch dazu! - verhaftet worden war, den gesamten Hof spüren zu lassen.

Die Flügeltüren zum Saal hatten sich kaum für sie geöffnet, da schlug d’Artagnan schon die zornige Stimme des Königs entgegen.

»Da seid Ihr endlich! Heran mit Euch!«

Der König war in voller Jagdmontur gekleidet. Offenbar hatte er sich die Zeit und die Langeweile bei einem Ausflug vertreiben wollen, bevor ihn die Nachrichten erreicht hatten.

Dass er sich nicht angemessen für eine Audienz hatte umkleiden lassen, zeigte umso mehr seinen Unmut. Er saß auch nicht thronend auf dem erhabenen Stuhl, sondern stand voller aufrichtigen Zorns anbei und schlug ungeduldig mit der Reitgerte gegen seine Stiefel.

Hatte Ludwig gerade noch herrisch den Offizier herangewunken, so wandte er den Kopf jetzt dennoch in eine andere Richtung.

D’Artagnan folgte aus dem Augenwinkel dem Blick, während sie vortrat, und sie war nicht überrascht, Seine Eminenz, Kardinal Richelieu zu sehen.

Offenbar war der Erste Minister aus seinem Palais geradewegs vom weg Schreibtisch herzitiert worden, denn seine Fingerspitzen waren noch schwarz von Tinte. Er hielt die Hände demütig gefaltet, und bot damit ein Schauspiel für Gott und den König; er stand aufrecht und alles andere als unterwürfig in der Nähe des Throns.

D’Artagnan verbarg ihre Gedanken dazu hinter einer steinernen Miene. Selbstverständlich war Richelieu anwesend, wenn über die Anklage eines seiner ärgsten Feinde verhandelt wurde.

Zur Hälfte irrte sie, wie sie erfuhr, kaum dass sie heran war und sich tief vor König und Kardinal verneigte, um dem Protokoll zu genügen. Ludwig XIII. überging die Geste und fuhr d’Artagnan und Richelieu gleichermaßen an: »Die Herren Rochefort und Tréville! Im Duell! Diese Beiden! Diese Beiden sind es!« wiederholte er, als fehlten ihm aufgebracht und fassungslos zugleich die Worte.

D’Artagnan hörte aufs Äußerste verblüfft, wer der Kontrahent ihres Hauptmanns gewesen war - und dass Richelieu mitnichten Triumph feierte, sondern sich selbst rechtfertigen musste.

Der König wütete weiter: »Ist es nicht Gesetz? War es nicht Unser Wort, das Duelle verboten hat?«

D’Artagnan hielt wohlweislich vorerst den Mund, um nicht am Ende das Falsche zu sagen und die Sache noch viel schlimmer zu machen. Ludwig war noch zu außer sich, um jetzt dagegen zu argumentieren und das alles für ein Missverständnis zu erklären, wie es Richelieu sicherlich schon versucht hatte, um Rochefort in Schutz zu nehmen.

Offenbar erfolglos, denn der König urteilte jetzt ungnädig: »Sie müssen bestraft werden!«

Die Dinge standen also noch schlechter, als d’Artagnan bis hier befürchtet hatte. Sie setzte schon zum Widerspruch an, ob das nun klug war oder nicht. Aber Richelieu kam ihr zuvor, indem er eine kaum merkliche Geste in ihre Richtung machte, zu schweigen, ehe er selbst mit Engelszungen auf Seine Majestät einredete.

»Euer Wort ist Gesetz und Urteil zugleich, Sire. Ist es dann nicht vorab auch von Interesse zu erfahren, warum sich zwei sonst stets untadelige Ehrenmänner geschlagen haben sollen?«

Der König zögerte, Richelieu schien zu ihm durchgedrungen zu sein und ein vorschnelles Urteil abgewendet zu haben. Dann fuhr er herum und richtete einen herrischen Zeigefinger auf d’Artagnan.

»Ihr werdet gehen und diese Ehrenmänner befragen! Ihr haftet mit Eurem Kopf für eine wahrheitsgemäße Antwort der beiden!«

D’Artagnan erstarrte wie vom Donner gerührt. Gerade weil sie Ehrenmänner waren, würden Rochefort und Tréville niemals den Grund für ihre private Auseinandersetzung benennen.

Zum Teufel, Rochefort musste es gestern schon verschwiegen haben und ihr Hauptmann hatte auch keinen Grund gesehen, sie ins Vertrauen zu ziehen! Die Herren hätten also auch jetzt eine Ausrede stattdessen erzählt und nur, dass Ludwig den Kopf des Leutnants der Musketiere einforderte, hätte die beiden Männer zur Wahrheit gezwungen, sofern ihnen etwas an d’Artagnan lag.

Sie ballte hinter dem Rücken die Faust ob der für einen König unangemessenen, im Zorn unbedacht daher gesagten Erpressung. Stattdessen neigte sie nur den Kopf, um ihn sich gleich abschlagen zu lassen. »Jaherr.«

Seine Majestät wirkte noch immer erbost und zugleich zufrieden darüber, die Oberhand zurückgewonnen zu haben. Richelieu wusste es besser. Er sah es in d’Artagnans Miene und er hörte es aus ihrer zwischen den Zähnen hervorgepressten Antwort: Sie würde sich niemals der Erpressung beugen, sich eher den Kopf abschneiden lassen, als ihren Hauptmann zu verraten oder einem Freund wie Rochefort zu drohen. Darum gab er zu bedenken: »Mit dem Kopf haften, Sire? Welche Verschwendung an einem guten Offizier!«

Ludwig stutzte ob der Widerworte. Aber da sie von Richelieu kamen, schenkte er ihnen Gehör und er zog die Stirn in Falten. Er musterte d’Artagnan und erst jetzt schien ihm aufzugehen, wessen Leben er grundlos aufs Spiel setzte.

Er kaute auf seinem Bart, als ihm die Konsequenzen bewusst wurden und er haderte mit sich, einen Fehler gemacht zu haben und ihn wegen königlicher Unfehlbarkeit nicht mehr zurücknehmen zu können. Der Leutnant der Musketiere war ihm über die Jahre lieb und teuer geworden, nicht weniger als Tréville selbst, den er zwar strafen, aber nicht gleich zum Tode verurteilen wollte, wie es das Gesetz vorsah. Umso dankbarer griff er die rettende Hand, die sein Erster Minister, sein oberster Berater, ihm nun reichte.

Richelieu lächelte schmal und das jagte d’Artagnan einen kalten Schauer über den Rücken, noch ehe der Kardinal seinen Vorschlag offen ausgesprochen hatte. »Ihr fordert den Kopf des Leutnants im übertragenen Sinne. Ich verstehe, Sire. Welch brillante Idee!«

Der König blinzelte. »Gewiss?«

»Wenn Ihr die Musketiere zur Strafe um ein Haupt kürzen wollt, nehme ich es auf. Erlaubt mir, d’Artagnan in meiner Garde dienen zu lassen, sollte der Leutnant dabei scheitern, die wahren Umstände zu erfahren.«

»Monseigneur!« fuhr d’Artagnan auf, bleich geworden über die halbe Wette zwischen König und Kardinal.

Aber Ludwig XIII. war von dieser Wende, von seiner vorgeblich eigenen Idee ganz angetan. Er lächelte breit und spitzbübisch wie ein Kind, ein Lausejunge, dem man Flausen in den Kopf gesetzt hatte. »Gewährt!«

D’Artagnan zweifelte nicht daran, dass Richelieu dankbar diese Gelegenheit wahrnahm, Tréville einen noch viel heftigeren Schlag zu versetzen, als es allein ein paar Tage Haft und Missgunst des Königs vermocht hätten.

Wie auch immer die Sache am Ende ausging, dieses Mal würde der Kardinal gewinnen…

Kapitel 2

Rochefort öffnete ein Auge, als er zum ersten Mal seit Stunden ein anderes Geräusch als das ab und an melancholische Seufzen seines Zellengenossens vernahm. Vor der Tür zu ihrem Gefängnis tat sich etwas, er hörte Schlüsselrasseln und er stemmte sich auf der harten Pritsche hoch.

Endlich!, war auch Tréville von der Miene abzulesen. Endlich geschah etwas in dieser Angelegenheit, ob es nun gut oder schlecht sein mochte; zumindest hatte man sie nicht hier vergessen.

Es klackte laut im Schloss, dann schwang die Tür auf und gab zunächst den Blick auf eine Wache frei, vollständig ausgerüstet mit Helm, Brustschutz und Spieß. In der Bastille trugen die Wächter bunte Federn, polierte und glänzende Rüstungen, als wären sie den Gefangenen eine Ehrengarde und keine strenge Bewachung.

Rochefort kam steifbeinig auf die Füße. Aus den Augenwinkeln sah er Trévilles finsteren Blick gegen die Wache, die unbeeindruckt davon zur Seite trat und einer weiteren Person Einlass gewährte.

Etwas regte sich im Gesicht des Hauptmanns. Trévilles Miene zeigte nicht nur Überraschung, auch Erleichterung schien sich da mit Verlegenheit abzuwechseln. Seine ganz und gar üble Stimmung der letzten Stunden hellte sich auf, so unmerklich nur, dass es allein den ihm vertrautesten Personen aufgefallen wäre.

Wie etwa seinem Leutnant, der nun die Zelle betrat.

D’Artagnan wirkte nicht sonderlich angetan davon, hier sein zu müssen. Sie schien sich einigermaßen dumm dabei vorzukommen, ihren Hauptmann und den Stallmeister in der Bastille vorzufinden.

Ihr Blick streifte die beiden Männer nur flüchtig, um sich über ihr Wohlergehen zu versichern. Dann wandte sie sich dem Wächter zu und nahm seine volle Bewaffnung und misstrauische Haltung zur Kenntnis, jederzeit bereit, den Gefangenen mit blanker Waffe Paroli zu bieten. Sie runzelte die Stirn.

»Das wird wohl kaum nötig sein.«

»Vorschrift, Herr!«

»Umgeht die Vorschrift! Oder ich muss mich erinnern, dass Euer werter Vetter seinen Wachdienst für eine amüsantere Begebenheit vernachlässigt hat.«

Der Wächter schluckte sichtlich verärgert eine Antwort hinunter und gab, um seines lieben Vetters willen, klein bei. In Zeiten wie diesen, in denen Patronage und Vetternwirtschaft blühten, war stets irgendwer mit irgendwem bekannt oder verwandt und stand für ihn ein, im Guten wie im Schlechten.

Die Tür schloss sich Augenblicke später hinter der Wache und Rochefort teilte ein belustigtes Schmunzeln mit d’Artagnan, als sie sich wieder umwandte. Es schwand von ihren Lippen, als ihr Blick zu Tréville ging.

Der Hauptmann gab sich aller finsterster Laune und überspielte jede freudige Erleichterung von vorhin endgültig. »Bericht!«

D’Artagnan nahm befehlsgewohnt Haltung an, als stünden sie hier nicht in einer Zelle und damit am Ende aller Hierarchien.

»Ich bin aus dem Louvre gesandt worden. Seine Majestät schickt mich mit dem ausdrücklichen Wunsch, den Grund für dieses Duell zu erfahren.«

Sie maß die Herren weniger neugierig als besorgt. Die Nachricht war nicht sonderlich überraschend. Unangenehm, das gewiss. Doch schien d’Artagnan die Sache mehr zu schaffen zu machen, als den Angeklagten. Sie wirkte unruhig, nicht allein unangenehm berührt. »Ich habe keine Verfügung zu eurer Freilassung erwirken können.«

»Das war auch nicht von Euch zu erwarten!« gab Tréville mit einer merkwürdigen Betonung zurück, die d’Artagnan blinzeln ließ.

Rochefort vermutete richtig, dass sie derart scharfe Worte, eine grundlose Zurechtweisung aus dem Mund ihres Hauptmann gegen sich sonst nicht kannte. Der Stallmeister gab sich gelassen.

»Wir werden uns in Geduld üben.« …und unsere Geschichten aufeinander abstimmen.

D’Artagnan musste seine Gedanken erraten haben. »Den wahren Grund will der König wissen.« Sie stockte und schien mit sich zu ringen, bevor sie knapp anfügte: »Ihr werdet in den Louvre zitiert werden. Seine Majestät war sehr ungehalten über diesen Vorfall.«

Tréville schien den leisen Verdacht zu hegen, dass sein Leutnant etwas verschwieg und er fuhr sie zornig an: »Sollen unsere Köpfe rollen? Nur heraus damit, Leutnant!«

D’Artagnan fuhr sichtlich zusammen. »Nein, das gewiss nicht!«

»Aber?«

»Nichts weiter.« versicherte d’Artagnan ein wenig zu hastig. Ihr Blick schweifte durch die Zelle. »Ich werde die Wache anweisen, euch angemessen unterzubringen.«

Rochefort lachte auf. »Ah, Ihr werdet ihn erpressen!«

»Nein.« sagte d’Artagnan denkbar knapp zwischen den Zähnen und fügte halb sarkastisch, eine Replik auf die harten Worte ihres Hauptmanns, an: »Das ist wohl von einem Leutnant zu erwarten, sich zumindest gegen eine einfache Wache durchzusetzen.«

Tréville schwieg schuldbewusst, ohne sich etwas anmerken zu lassen und Rochefort hätte ihn darüber auslachen mögen. Allein um d’Artagnan eine Peinlichkeit zu ersparen, verzichtete er darauf, sich mehr als ihm zustand in die Angelegenheiten zwischen einem Hauptmann und seinem geschätzten Leutnant einzumischen.

Wo man sich sonst mit einem freundschaftlichem Händedruck voneinander verabschiedet hätte, nickte Rochefort ihr jetzt nur zu, ehe d’Artagnan mit der Faust an die Tür pochte, nachdrücklicher und lauter als nötig. Die Wache öffnete und ließ sie hinaus.

Noch während die Gefangenen wieder eingeschlossen wurden, hörte Rochefort dumpf vom Flur her, wie des Leutnants Autorität eingesetzt wurde.

 

~~~~*

 

Der König ließ sie noch einige Stunden schmoren, ehe man Tréville und Rochefort aus ihrem Loch holte, ihnen die Gelegenheit gewährte, sich einigermaßen tauglich herzurichten und sie dann geradewegs zum Louvre verbrachte. Sie bestiegen eine Kutsche und entgingen damit allzu neugierigen Blicken und größtem Spott während der kurzen Fahrt durch Paris.

In ihrer Geschichte waren sie sich einig; sie würden abstreiten und dem König nur größte Freundschaft zwischen sich versichern. Es würde nicht der erste politische und unehrliche Bruderkuss sein, aber wer sollte ihnen das Gegenteil beweisen? Ihr Wort und ihre Ehre gegen die Stadtwache, die ein freundschaftliches Geplänkel am Karmeliterkloster, eine private Unterrichtsstunde, völlig falsch gedeutet hatte. Am Ende hinge es einzig von der Laune Seiner Majestät ab, ob die Sache damit aus der Welt war oder sie sich seine Gunst erst neu verdienen mussten.

Sie ahnten nicht, dass es längst nicht mehr um sie allein ging, obwohl beide stutzig wurden, als man sie im Audienzsaal vor den König brachte und sie neben Kardinal Richelieu auch d’Artagnan antrafen.

Der Leutnant stand abseits und sah mit starrer Miene an allen Anwesenden vorbei. Weder Rochefort noch Tréville gelang es, wenigstens einen kurzen Blickkontakt mit ihr herzustellen und so auf stummem Weg vorab zu erfahren, ob die Dinge einigermaßen gut für die Herren standen; vielleicht war es ein umso schlechteres Zeichen, wenn selbst d’Artagnan ihnen auswich.

Sie sah sich wohl schon selbst auf dem Posten des Hauptmanns der Musketiere und frohlockte heimlich!

Tréville wischte den Gedanken wütend beiseite. Mehr im Zorn auf sich selbst, dass er ihm überhaupt in den Sinn gekommen war und welche Unterstellungen darin lagen. Die Zeit im Gefängnis hatte ihm zu viel Gelegenheit zum Grübeln geboten. Über seine eigenen, dummen Fehler in mehr als einer Hinsicht. Wie widerlich herzlich und offenkundig ihm die Freundschaft zwischen Rochefort und d’Artagnan in der Zelle während ihres kurzen Besuchs gemacht worden war, wie vertraut sie miteinander waren und wie falsch er mit seinen eigenen Wünschen und Hoffnungen doch lag!

Er schob das weit von sich, vergrub es mit jedem Schritt vor den Thron tiefer und hatte es gänzlich vergessen in dem Moment, als er sich vor dem König verneigte.

Rochefort tat es ihm gleich und fing aus dem Augenwinkel eine kaum merkliche Geste des Kardinals gegen sich auf. Es war ein beschwichtigendes Zeichen, dass für den Stallmeister alles zum Besten stand und zugleich ein Hinweis, dass diese Audienz auch ein Wendepunkt war.

Richelieu erwartete einen Sieg, Rochefort konnte seinen Herrn nach all den Jahren im Dienst bestens deuten. D’Artagnan war nicht hier als Leibgarde des Königs, nicht als Fürsprecherin für ihren Vorgesetzten; Sie musste Zeugin bei dieser Verhandlung sein und wünschte sich leicht ersichtlich an tausend andere Orte. Sie starrte mit verschlossenen Ohren auf ihre Stiefelspitzen, statt sich jetzt die Erklärung von Hauptmann und Stallmeister anzuhören.

Beide trugen es wie abgesprochen vor und der König hörte mit umwölkter Stirn zu, ohne Zwischenfragen und ohne Vorwürfe. Sein gerechter Zorn hüllte ihn in Schweigen, die Ruhe vor dem Sturm.

Seine Majestät war unzufrieden, die Lüge war zu durchschaubar. Jeder Ehrenmann hätte eine Geschichte erzählt, um etwa den guten Namen einer Frau rein zu halten, deretwegen man sich geschlagen hätte.

Es war ein altbekanntes und erlaubtes Spiel, aber unwissentlich für Rochefort und Tréville hatten sich die Regeln geändert. Sie merkten es mit jedem Wort, das sie von sich gaben und hielten dennoch an ihrer Ausrede fest.

»So ist das also gewesen, Messieurs?« Ludwig XIII. lehnte sich auf dem Thron zurück, seine Hände umfassten die Armlehnen so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Mehr Ausdruck seines Zorns erlaubte er sich nicht vor dem Kardinal, der seinerseits keine Miene verzog. »Ein harmloses Treffen unter Freunden?«

»Ja, Sire.«

Ein schier endlos erscheinender Moment verstrich. Dann fällte der König sein Urteil. »Nun, denn. Das Wort zweier Ehrenmänner werden wir nicht anzweifeln. Der Vorfall sei vergessen.«

Ludwig winkte den Männern herrisch, sich zu entfernen und aus der Geste sprach deutlich die Warnung, ihm nicht allzu bald wieder unter die Augen zu treten. Ihre Strafe: Die Missgunst des Hofes für ein paar Tage oder Wochen.

Rochefort nahm es hin, es hätte auch mit weiterem Arrest enden können oder gleich beim Scharfrichter. Die Strafe traf Tréville, der weitaus abhängiger von Wohlwollen und Meinung der Gesellschaft war, härter und war doch nicht mehr als ein kleiner Nadelstich, der bald auskuriert sein würde.

Der Stich entpuppte sich Sekunden später als Dolchstoß. Gerade wollte sich der Hauptmann der Musketiere ruppig verneigen, ganz unverhohlen in seiner üblen Stimmung - was von allen Höflingen allein Tréville vor dem König wagen durfte - als Richelieu vortrat und mit seidener Stimme sprach: »Sire, ich darf erinnern…«

»Wir haben es nicht vergessen, Eminenz!« unterbrach ihn der König barsch, missgelaunt ob einer verlorenen Wette, und er bellte gegen d’Artagnan: »Tretet vor!«

D’Artagnan löste sich ruckartig von ihrem Platz im Hintergrund. Mit langen Schritten ging sie an den Männern vorbei, die das misstrauisch verfolgten. Sie beugte vor dem König ein Knie, gesenkten Hauptes, ihr Haar ein dunkler Vorhang, sodass niemand ihr Gesicht in diesem Moment sehen konnte.

Ungnädig lud Seine Majestät alle Schuld auf ihr ab.

»Die Wahrheit sollte heute gesagt werden, Ihr habt mit Eurem Kopf dafür gehaftet!«

»Jaherr.« erwiderte d’Artagnan tonlos, während in ihrem Rücken Tréville erstarrte und Rochefort begriff.

»Ich schlage den Musketieren ein Haupt ab!« fuhr der König fort und gefiel sich in der Metapher. Er wischte symbolisch mit einer Hand durch die Luft und übergab noch in derselben Bewegung die Trophäe an Richelieu. »Ein neuer Gardist für den Kardinal.«

»Majestät-!« setzte Tréville lautstark zum Protest an und wurde umgehend zum Schweigen gebracht.

»Unser Wort ist Gesetz!« donnerte Ludwig und hieß d’Artagnan, sich zu erheben. Sie tat es folgsam wie ein treuer Soldat, aber mit bleicher Miene und gesenkten Blickes.

Rochefort war sofort bei ihr. Er wollte einer Freundin in dunkler Stunde beistehen, aber d’Artagnan schien seine Geste völlig zu missdeuten. Sie machte einen Schritt rückwärts, als würde sie sich einer Verhaftung widersetzen wollen.

Tréville wäre beinahe dazwischen gegangen und verharrte dann doch an Ort und Stelle, geballter Fäuste und versteinerter Miene.

Das war es also gewesen, was d’Artagnan ihnen in der Zelle verschwiegen hatte. Sie hatte gewusst, wie diese Audienz enden würde. Sie hatte sich entschieden, ganz bewusst, ihnen nichts zu sagen und die Strafversetzung in Kauf genommen.

D’Artagnan gehorchte ohne Widerspruch, ohne Hilfegesuch an Tréville, als Richelieu ihr befahl: »Geht, und erscheint morgen früh pünktlich zu Dienstbeginn vor mir!«

Sie nickte knapp, machte auf dem Absatz kehrt und schritt hoch erhobenen Hauptes aus dem Saal. Sie drückte die Knie mehr durch als nötig und horchte und hoffte halb, dass man ihr folgen, dass man sie aufhalten und nicht im Stich lassen würde.

Aber dieses Märchen kannte nur Frösche und keine Helden.

Kapitel 3

Als die Flügeltüren zum Audienzsaal von den Schildwachen geschlossen wurden, als der ehemalige Leutnant der Musketiere jeglichen Blicks und wütender Verwirrung entzogen war, sah Rochefort zu seinem Dienstherrn. Er mühte sich um eine neutrale Miene, fern jeglicher Kritik.

Richelieu musste seinen Unmut über das zweifelhafte Schicksal einer Freundin dennoch erkannt haben. Er bat, sich zurückziehen zu dürfen und gab Rochefort ein Zeichen, ihn zu begleiten.

Der Stallmeister warf dem weiterhin wie versteinert stehendem Tréville im Vorbeigehen einen vielsagenden Blick zu. Noch war es nicht zu spät, die Wahrheit zu sagen. Den König eine verlorene Wette doch noch gewinnen zu lassen. Oder zumindest eine bessere Ausrede zu finden, der sich Rochefort sofort angeschlossen hätte, ohne dabei Ludwig XIII. die wahre Identität d’Artagnans zu enthüllen und sie auf diese Weise gleichfalls ihres Postens - und ihrer Freiheit - zu berauben.

Wofür sich der Hauptmann der Musketiere am Ende entschied, ob er die Schuld und eine Strafe auf sich nahm oder in verbissenem Zorn schwieg und stattdessen Mordpläne gegen den Ersten Minister schmiedete, erfuhr Rochefort nicht mehr. Er folgte bereits Richelieu hinaus aus dem Louvre, gab ihm Geleitschutz entlang der Rue St. Honoré bis zum Kardinalspalast und begleitete ihn in sein Arbeitszimmer, über das der einschüchternd große Schreibtisch aus dunklem Palisander in Abwesenheit seines Besitzers gewacht hatte.

Richelieu nahm an ihm Platz und eine Schreibfeder auf, als sei zwischen der Audienz und jetzt kaum mehr Zeit als für eine kurze Denkpause verstrichen. Ein Dokument lag auf dem Tisch bereit, es fehlten nur noch Siegel und Unterschrift, die der Kardinal nun hinzufügte.

Rochefort beobachtete das abwartend und ahnte, dass es sich bei dem Papier um einen Einberufungsbefehl handelte. Die Sache war also geplant gewesen, die Dokumente schon vorbereitet und es missfiel ihm, nicht eingeweiht gewesen zu sein.

Richelieu löschte Tinte und Wachs, faltete das Schreiben und überreichte es Rochefort. »Tragt dafür Sorge, dass unser neuester Gardist nicht Hals über Kopf die Stadt verlässt, sondern sich morgen früh hier einfindet.«

Gewohnt ergeben bestätigte Rochefort, barg die Papiere in der Innentasche seines Mantels und zögerte, sich seines Befehls sofort zu entledigen.

All die Jahre im Dienst für den Kardinal hatte er schon manch zweifelhafte politische Winkelzüge erlebt, einige unschöne Intrigen durchgestanden oder gar selbst zur Ausführung gebracht. Immer hatte sich ihm ein höherer Zweck dahinter erschlossen, hatte manch willkürlich erscheinender Angriff am Ende doch einen Sinn in einem größerem Zusammenhang ergeben.

Aber er scheiterte daran, den Grund für d’Artagnans Versetzung zu erkennen. Es musste einen besseren geben als den, einem Widersacher einen heftigen Schlag versetzt zu haben, ohne einen echten Gewinn dabei herauszuholen. D’Artagnan mochte zwar in den Dienst des Kardinals gezwungen worden sein, aber ihre Treue galt Tréville und dem König.

Sein Zögern, seine Zweifel entgingen Richelieu nicht. Rochefort machte auch keinen Hehl daraus. Im Audienzsaal, vor Freund und Feind, hatte er noch geschwiegen. Aber jetzt, als sie ganz unter sich im Arbeitszimmer waren, fragte er offen, ohne vorab um Erlaubnis darum zu bitten: »Warum?«

»Ihr hinterfragt meine Anweisungen?«

»Niemals, Monseigneur. Ich versuche die letzten Ereignisse zu verstehen.« Selbst in seinen eigenen Ohren klang zu viel Ohnmacht in den Worten an, zu viel Unzufriedenheit. »Sie steht mir nicht zu, diese Neugier, und doch liegt sie in der Natur meiner Berufung und meines Wesens.«

Ein blasses Schmunzeln umspielte die Lippen des Kardinals, der Rochefort genug schätzte, um ihm solche Reden nachzusehen.

»Es liegt in Eurem Wesen und Eurer Berufung, die Antworten bereits zu kennen und dennoch weiter zu forschen.«

»Um nicht die falschen Schlussfolgerungen zu ziehen.«

Richelieu gewährte Rochefort mit einem Wink, fortzufahren. Er schien diese Schlussfolgerungen hören zu wollen. »Nur zu.«

»Die naheliegendste Erklärung wäre, dass heute ein arger Feind empfindlich geschwächt wurde. Doch eingedenk dessen, dass Ihr den Leutnant der Musketiere jederzeit auf anderem Wege hättet… abziehen können, stellt sich mir die Frage: Warum gerade jetzt?«

»Auch diese Antwort kennt Ihr, Graf.«

Rochefort überlegte. »Weil jetzt die einzige Gelegenheit war, in der auch Seine Majestät diesem Schritt zustimmen musste.«

»Niedere Beweggründe, eine gute Gelegenheit.« Der Kardinal seufzte. »In der Tat, es gibt keine große Idee dahinter. Zwar könnte uns die Angelegenheit zukünftig noch nützlich werden. Eine zweite Milady in unserem Dienst, vielleicht eine Agentin. Doch der Weg dorthin ist lang, wahrscheinlich geschieht es nie.«

Rochefort hörte verwundert, beinahe verblüfft dieses Geständnis. Er hatte gehofft, sich zu irren, einen Sinn hinter vermeintlicher Boshaftigkeit zu finden, hinter eitlen Machtspielchen. Irgendetwas, das zu einer besseren Erklärung getaugt hätte. Etwas, das er auch d’Artagnan sagen könnte, um ihre Freundschaft zu retten.

Doch da war nichts.

»Allein, um Tréville zu schaden, die Musketiere zu schwächen und damit auch den König.«

Ein feines Lächeln zierte die Miene des Kardinals. Es galt nicht dem eigenen Triumph, sondern den offengelegten Gedanken seines Stallmeister, seines Unmuts. Rochefort war ihm ein stets loyales Spiegelbild zu Tréville. Was er dachte und begriff, das tat auch der Hauptmann der Musketiere - und offensichtlich schmeckte es Rochefort überhaupt nicht, eine Freundin in die Mühlen geraten zu sehen. So wenig, dass er offenen Widerspruch wagte, dass er, ungeachtet des Risikos, aufbegehrte und alles aufs Spiel setzte.

»Dieses Duell hatte einen Anlass. Er muss nicht näher ergründet werden.« Richelieu lehnte sich im Sessel zurück, ein Äquivalent zu einem Schulterzucken. »Ihr müsst der Sache Zeit geben, Graf.«

Rochefort blinzelte, als er die Botschaft zwischen den Zeilen verstand. Trévilles eigentliche Reaktion stand noch aus. Was wäre der Hauptmann der Musketiere bereit zu tun, um seinen Leutnant zurückzubekommen?

Die Sache war nicht perfide allein, es gab in der Tat eine größere Idee dahinter. Der Stallmeister mochte sie noch nicht vollständig verstehen, vielleicht setzte es noch eine weitere, gute Gelegenheit voraus, aber das alles geschah nicht allein, um größtmöglichen Schaden zu verursachen.

Der Gedanke versöhnte Rochefort vorerst halbwegs mit der Angelegenheit und er erinnerte sich seiner Befehle; Sicherstellen, dass d’Artagnan nicht Fahnenflucht beging. Der Kardinal hatte eine Trumpfkarte aus der Hand gegeben, sein Wissen um d’Artagnans Identität, die sich nicht länger gegen die Musketiere verwenden ließe, ohne im selben Atemzug der Garde zu schaden. Dafür hatte er zwei neue Karten auf die Hand genommen: Einen ausstehenden Handel mit Tréville um seinen Leutnant, der bis dahin ein fähiger Soldat in den eigenen Reihen sein würde. Womöglich auch eine Agentin, wenn die Zeit reif war.

»Ich werde das Nötige veranlassen, Monseigneur.«

»Ihr habt freie Hand.«

Mit dieser Erlaubnis war Rochefort entlassen und er nutzte sie, um nicht allein als Kreatur des Kardinals, sondern auch als Freund zu handeln. D’Artagnan standen harte Tage als Feind unter Feinden bevor, verachtet gleichermaßen von neuen und alten Kameraden. Er konnte nicht eingreifen, aber es abmildern und so machte er sich auf die Suche nach dem Leutnant der Leibgarde, nach Jussac.

Bis zur Wachstube der Garde war es nicht weit. Rochefort war kaum um ein paar Ecken gebogen, da traf er auf einer Galerie die Herren Bernajoux, Biscarat und Jussac an. Die drei Gardisten standen bei einer der Säulen und schienen vor Dienstbeginn noch einen freundschaftlichen Plausch zu halten.

Rochefort beobachtete das Trio im Näherkommen. Bernajoux war der Mundfaule von ihnen und streute nur einzelne Worte in das Gespräch ein. Er überragte seine Freunde um fast einen Kopf und genoss den Ruf, ein rechter Streithahn zu sein. Wann immer man von einem Duell gegen Musketiere gehört hatte, Bernajoux war sicherlich dabei gewesen. Die Raufereien hatten sichtbare Spuren hinterlassen, die mehr erzählten als alle Worte. Oft musste er sich von Biscarat aufziehen lassen, wenn er nur halb so gewandt im Reden wie im Fechten wäre, könnte ihm keine Dame widerstehen.

Überhaupt, Biscarat! Wie d’Artagnan stammte auch er aus der Gascogne. Seine spanische Mutter hatte ihm nicht nur besonders dunkle, schöne Augen, sondern auch einen strengen Katholizismus im Land der Katharer und fin’amor vererbt. Seine Kenntnisse der spanischen Sprache und Sitten brachten ihm wichtige Missionen ein, wenn Rochefort abkömmlich war. Indes war Biscarat vollauf zufrieden damit ein Gardist zu sein und nur zeitweise ein Agent, Diplomat oder einfach nur Dolmetscher.

Jussac begrüßte diese Einstellung sehr, denn so verlor er nicht einen seiner besten Männer an Rochefort. Der Leutnant trug die Uniform der Garden mit Stolz. Sie war ihm über die Jahre eine zweite Haut geworden, die er nicht abstreifen konnte oder wollte; die Leibwache des Kardinals war stets im Dienst. Oft genug versuchten die Kommandanten anderer Regimenter ihn abwerben, lockten ihn mit Beförderungen und zahlreichen Vergünstigungen.

Er schlug immer aus, seine Treue galt einzig Richelieu und der Kardinal entlohnte ihn dafür mit Achtung vor seinen Verdiensten und gerne auch einer Solderhöhung.

Jussac trug viel Verantwortung und oft eine finstere Miene, besonders wenn er den Stallmeister Seiner Eminenz nahen sah. Wie in diesem Moment.

»Jussac!«

»Rochefort!« rief Jussac in einem begeisterten Ton zurück, als wäre er auf jedes ‘Hopp’ sofort zur Stelle gesprungen. Tatsächlich ließ er den Stallmeister aber zu sich kommen, ohne selbst nur einen Schritt in seine Richtung zu machen. Man hätte das als großspurig abtun können, aber Jussac unterstand schlicht nicht dem Befehl Rocheforts; an manchen Tagen schien er daran erinnern zu müssen.

Rochefort ging an der Gruppe vorbei und winkte Jussac knapp, ihn zu begleiten. Hinter seinem Rücken wurden Blicke getauscht. Bernajoux und Biscarat schienen zu ahnen, dass es Rochefort sehr ernst sein musste, wenn er nicht auf die üblichen Sticheleien zwischen sich und Jussac einging.

Der Leutnant bedeutete den beiden Freunden, auf ihn zu warten. Er folgte Rochefort zu einem abseitigen Dienstboteneingang.

»Was gibt es dringendes? Der Wachwechsel wartet.«

Rochefort schlich vage um den heißen Brei herum. »Ich habe ein wichtiges Anliegen an Euch.«

»Ein… Anliegen?« Das klang persönlich. Rochefort wirkte zwar gelassen, aber Jussac kannte ihn schon zu viele Jahre, um nicht skeptisch zu sein. Der Stallmeister brachte stets Scherereien für die Garde mit. »Keinen Befehl? Wirklich?«

»Ja. Ich muss Euch um einen Gefallen bitten.«

»Was, mich?« Jussac machte keinen Hehl aus seinem Erstaunen. Es musste Rochefort verdammt wichtig sein, wenn er eine Bitte an ihn richtete. »Einen Gefallen für Euch?«

»Für mich.«

Darauf folgte Schweigen. Lange Momente starrten sich die Männer nur abwartend an. Als Jussac schließlich einsah, dass keine weitere Erklärung folgen würde, warf er die Hände in die Luft und stieß aus: »Ja, Himmelherrgott! Wenn es in meiner Macht steht, erweise ich Euch also einen Gefallen! Ganz ohne vorher zu wissen, worum es sich dabei handelt. Jetzt sagt schon, was ist es?«

»Ab morgen habt Ihr einen neuen Mann in der Garde.«

»Jemanden, den Ihr kennt?«

»Es handelt sich um-einen Freund.« Rochefort überspielte das deutliche Zögern in seinen Worten, indem er rasch anfügte: »Ich bitte Euch um den Gefallen, ein Auge auf ihn zu haben.«

»Als Vorgesetzter? Das kann ich tun.« Jussac hatte ohnehin auf jeden seiner Männer ein wachsames Auge, wie die Glucke über ihre Küken. In diesen Dingen stand er einem Hauptmann Tréville in nichts nach und ein Gardist mehr fiele nicht ins Gewicht. Nur ahnte er missmutig, dass ihm bald gehöriger Ärger ins Haus stand, wenn Rochefort plötzlich einen persönlichen Gefallen aus einer sonst selbstverständlichen Aufgabe machte.

»Danke. Ich stehe in Eurer Schuld.«

»Ja, verflucht! Das tut Ihr und nicht zum ersten Mal! Aber ich vergesse zu oft, die Schuld einzulösen. Irgendwann, Rochefort!«

»Ich werde es mir merken. Vielleicht.«

Ehe Jussac erneut auffahren konnte, wandte sich Rochefort um und machte sich davon. Er ließ einen gleichfalls verdutzten wie verärgerten Leutnant zurück. Zu spät fiel Jussac eine passende Antwort auf diese Frechheit ein, aber der Stallmeister war da schon längst außer Reichweite und so bekamen Bernajoux und Biscarat die gesamte Laune ihres Vorgesetzten ab, als er unter gemurmelten Flüchen und Verwünschungen zu ihnen zurückkehrte.

»Rochefort?« fragte Bernajoux nach seiner üblichen Art kurz angebunden und Jussac knurrte zwischen den Zähnen: »Allerdings, Rochefort.«

»Was wollte er dieses Mal?« Biscarat fand mehr Worte, auch wenn ihn das zur Zielscheibe von Jussacs Zorn machte.

»Was wohl?!«

»Ärger?« Bernajoux stand dem Freund sofort bei, um Jussacs Wut gerecht unter ihnen aufzuteilen. Seine krumme Nase zuckte amüsiert.

»Machen! Ärger machen!« Jussac atmete tief durch. Zwar hatte Rochefort ihn vorhin von den Freunden weggerufen, aber ein stillschweigendes Geheimnis hatte er ihm am Ende doch nicht anvertraut. »Rochefort wünscht, dass ich ein wachsames Auge auf einen neuen Rekruten in unseren Reihen haben soll.«

»Wem?«

»Das sagte er nicht.«

Bernajoux schnaubte. »Hilfreich.«

»Wir erfahren zum Morgenappell, welches faule Ei uns da ins Nest gelegt wurde.« Jussac ertappte sich dabei, eine Hand zur Faust geballt zu haben. Er öffnete sie und schüttelte sie aus, ohne sich dadurch wesentlich besser zu fühlen.

Biscarat fuhr sich nachdenklich übers Kinn. »Das klingt nach Vetternwirtschaft. Ist es jemand, der nicht zum Gardisten taugt, unter deinen Fittichen lernen soll?«

Der Agent in Biscarat schien plötzlich durchzuschlagen und spann diesen Gedanken mit etwas zu viel Eifer weiter.

»Oder der Dreck am Stecken hat, der unter Beobachtung steht. Dessen Loyalität nicht sicher ist. Vielleicht stellt Rochefort ihm eine Falle und-«

Jussac musste an dieser Stelle Einhalt gebieten, ehe Biscarat sich in hitzigen Spekulationen verzettelte. »Himmel, ich weiß es nicht! Wie immer sind wir nur Erfüllungsgehilfen, ohne einen Anspruch auf Erklärungen!«

»Hat Rochefort gar nichts sonst erwähnt?«

»Er hat ihn zurückhaltend als ‘Freund’ tituliert.«

»Dann ist es ganz sicher keiner!« meinte Biscarat vergnügt und mit der ihm eigenen Logik, während Bernajoux die Angelegenheit kurz und knapp behandelte.

»Wir helfen dir.«

Jussac brachte ein halbes Lächeln zustande. Es war nie die Rede davon gewesen, dass diese Aufgabe allein dem Leutnant zufallen sollte, auf seine Freunde war Verlass. »Sechs Augen für Rochefort. Der Herr Stallmeister sollte zufrieden sein, lassen wir es damit vorerst auf sich beruhen. Zum Dienst, Drückeberger!«

Ihre Wege trennten für die heutige Wache und Patrouille oder, in Jussacs Fall, zu einer Unterredung mit Hauptmann Luchaire. Er bezweifelte, dass Luchaire von Rochefort mehr erfahren hatte und tatsächlich: Der Neuzugang war ihm ohne vorherige Absprache eröffnet worden und der Hauptmann war nicht eben froh darüber.

Noch immer kein Name, keine Geschichte. Luchaire schob die Verantwortung gleich an Jussac weiter. Der Leutnant verschwieg, dass Rochefort ihm diese ehrenwerte Aufgabe bereits hatte zuteil werden lassen…

Kapitel 4

Es war ein trauriger Einzug ins Hauptquartier der Musketiere, den d’Artagnan wenig später hielt. Ein schwerer, letzter Gang, der getan werden musste.

Sie hatte den Weg vom Louvre bis hier her wie im Taumel hinter sich gebracht, wie gelähmt und fassungslos, und erst am Torbogen zum Hôtel de Tréville ging ihr auf, wohin ihre Füße sie in alter Gewohnheit getragen hatten.

Der Wappenschild glänzte über dem Eingang, ein goldener Löwe auf rotem Grund. Um ihn war ein Band mit dem Wahlspruch fidelis et fortis gewunden. Treu und tapfer.

Nichts davon schien mehr wahr zu sein.

Sie riss sich zusammen und durchschritt das Tor. Vom Innenhof her schallte ihr sofort ein Lärm entgegen, wie er sonst nur auf den belebten Straßen und Plätzen zu hören war. Man hätte den Ort mit einer Taverne verwechseln können, so ausgelassen gaben sich die Musketiere in ihrem Hauptquartier, disziplinlos und ungeordnet, tatsächlich aber selbstbewusst und stolz. Sie zeigten lärmend, dass es sich bei den Gerüchten um die Verhaftung ihres Kommandanten nur um ein Missverständnis, wenn nicht gar um eine dreiste Lüge handeln konnte. Sie warteten auf Meldung, um darin bestätigt zu werden oder um empört loszuziehen und solange die Bastille zu belagern, bis man ihnen Tréville zurückgab!

D’Artagnan zog den Hut tief in die Stirn, aber ihre Ankunft blieb nicht lange unbemerkt. Die Musketiere bestürmten sie mit Fragen, sie konnten von ihr beruhigt werden. Der Hauptmann war wohlauf, in Gnade und befand sich derzeit noch in einer Audienz mit Seiner Majestät. Bald wäre er zurück und diese ganze Geschichte nur eine verblassende Albernheit, ein Missverständnis.

Die Männer riefen Triumph und lachten und bemerkten nicht, dass ihr einstiger Leutnant sich auf leisen Sohlen aus ihrer Mitte stahl. Es ging ein letztes Mal die Treppe hinauf zum Kabinett, um auch Duprés von der Wende zu berichten.

Der Adjutant hörte es erleichtert und doch fiel ihm ein seltsamer Unterton, die schwer bedrückte Stimmung d’Artagnans auf, ihre melancholischen Blicke zum Schreibtisch und zum Fenster.

Sie wischte jede besorgte Frage beiseite, noch bevor sie gestellt werden konnte. Die Männer sollten besser nicht frühzeitig von ihrem Kompaniewechsel erfahren, das hätte zu Aufruhr geführt, zu Schimpf und Schande auf Richelieu, im schlimmsten Fall zu einer Straßenschlacht zwischen Freund und Feind, bei der gute Soldaten auf beiden Seiten getötet wurden. Zudem hätte d’Artagnan gestehen müssen, dass sie den Kopf für Tréville und Rochefort hinhielt. Es wäre ein Abwälzen aller Schuld gewesen, Geheimnisverrat, ein verspätetes Nachgeben der Erpressung durch König und Kardinal.

Bei ihrer Ehre, niemals!

Halb hoffte d’Artagnan, während sie steifbeinig wieder aus dem Kabinett schritt und der Treppe nach unten zurück in den Innenhof folgte, jetzt in diesem Moment würde Tréville zurückkehren. Mit guten Nachrichten, dass der König seine Strafe zurückgenommen hätte, dass sie der Leutnant an Trévilles Seite bleiben dürfe.

Es war eine dumme Hoffnung. Den wahren Grund für das Duell zu verschweigen, musste wichtiger gewesen sein als ihr eigenes Schicksal. Sonst hätte gleich dort im Audienzsaal eine Wende herbeigeführt werden können. Sonst hätte Tréville sie aufgehalten und ihr befohlen, nach Hause zu gehen und, ventredieu!, nicht eher einen Fuß ins Kardinalspalais zu setzen, bevor er mit ihr unter vier Augen gesprochen und beratschlagt hätte.

Es hätte eine Lösung gegeben, wenn ein Wille dagewesen wäre.

Ihr eigener Wille verlangte nun Stillschweigen von ihr und für die Ehre von Hauptmann und Stallmeister zu haften. Man konnte es eine Mission nennen. Ja, so redete sich d’Artagnan ein, es war eine Mission, die es mit Mut durchzustehen galt, bis sich andere Dinge ergaben.

Sie ließ ihr Pferd satteln, einen grauen Wallach, dessen Name Peur über sein in Wahrheit sanftmütiges und gelassenes Wesen täuschte. Sie führte ihn an den Zügeln vom Hof, denn hier durfte er nicht mehr bleiben.

Die Musketiere sahen d’Artagnan verwundert nach, aber es stand ihnen nicht zu, nach den Gründen für ihren Aufbruch zu fragen. Vielleicht hatte es im Louvre entsprechende Befehle gegeben, daran wäre nichts ungewöhnliches. So ließen sie ihren Leutnant unbehelligt ziehen.

Auf der Straße saß d’Artagnan nicht auf, sondern überließ ihren Füßen und Peur erneut die Führung, während ihre Gedanken ganz eigene Wege gingen. Mit jedem Schritt drang die Erkenntnis zu ihr durch: Ab morgen musste sie sich alten Widersachern und erklärten Feinden stellen. Sich Spott, wenn nicht gar offenen Hass gefallen lassen. Von den Gardisten und den Musketieren. Gleichzeitig musste sie ihr Geheimnis besser denn je hüten, ohne irgendeinen Rückhalt von Vorgesetzten oder Freunden zu erfahren.

Sie war verloren.

Erst als Peur sie auffordernd mit der Nase in den Rücken stieß, ging ihr auf, dass sie schon eine geraume Weile stehen geblieben war und völlig abwesend vor sich hingestarrt hatte. Sie blinzelte sich ins Hier und Jetzt zurück und sah sich um.

Sie war im Stadtviertel Marais ausgekommen, der Markt lag in der Nähe. Die bunten Gerüche, das zahllose Stimmengewirr von Kunden und Händlern wehten von dort schon zu ihr hinüber.

Sie strich Peur über die Stirn, seine schnurgerade Blässe und beruhigte damit mehr sich selbst als den treuen Wallach. Ihre Hand zitterte verräterisch und sie fasste die Zügel fester.

Die Straße war belebt von Passanten, von Edelleuten genauso wie von Handwerkern, Tagelöhnern und Lakaien. Sie spazierten gelassen oder drängelten sich rücksichtslos vorbei. D’Artagnan und ihr Pferd waren zur Schneise geworden und sie fing sich manch finsteren Blick dafür ein. Aber einem voll ausgerüsteten Musketier im unverwechselbaren Uniformrock wagte niemand harsche Worte offen ins Gesicht zu sagen.

»Auf der Flucht?«

Nur ein Passant war stehengeblieben, unmittelbar vor Ross und Reiter und d’Artagnan zog unmerklich die Schultern hoch, ehe sie sich umwandte.

»Das denkt Ihr von mir?« Ihr Gesicht war blank, ihre Stimme dagegen schneidend. »Dann muss ich Euch enttäuschen, Rochefort. Ich bleibe, wie es mir aufgetragen wurde.«

Der Stallmeister nickte und kurz war ein Ausdruck heimlicher Erleichterung aus seiner Miene zu lesen, bevor er sich wieder gewohnt undurchschaubar gab. Falls er mit der Freundin mitfühlte, falls er ihr helfen und sie nicht überwachen wollte, so ließ er sich nichts anmerken. Er konnte nicht aus seiner Haut als Meisterspion und warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Wallach, auf die prallen Satteltaschen. »Ist das so?«

»Ja, zum Teufel!« In einer plötzlichen, sehr zornigen Regung überreichte d’Artagnan die Zügel ihres Peurs an einen überraschten Rochefort weiter. »Erfüllt Eure Pflicht als Stallmeister und schafft mein Pferd zu den Höfen des Kardinalspalasts, wo es von nun an hingehört. Falls Ihr meine Taschen durchwühlen wollt, nur zu. Ihr werdet nichts finden, was nicht jeder Soldat mit sich führt.«

»Reisekleidung, Feldausrüstung, einen Brief der Liebsten?«

D’Artagnans Kiefer mahlten, wo sonst ein ähnlicher Scherz sie zum Lachen und zu einer spöttischen Gegenbemerkung gebracht hätte. Rochefort hätte ihr vertrauen und ihr Peur wieder überlassen können. Stattdessen meinte er: »Es ist der mindeste Gefallen, den ich Euch tun und dem Pferdchen neuen Unterschlupf gewähren kann. Ihr werdet es sicher nicht allein lassen wollen.«

»Versucht Ihr da gerade, Peur als Geisel zu nehmen?«

»Ich versuche, beide in der Stadt zu halten. Das Pferd und seine Besitzerin.« Rochefort tätschelte den Wallach, der es sich gefallen ließ. Peur schien zu wissen, dass ihm der Stallmeister nichts Böses wollte, d’Artagnan allerdings empfand nur Misstrauen.

»Bin also ich stattdessen die Geisel, dass Ihr so besorgt seid, ich könne verschwinden? Bah, als ob irgendwer vor dem Einfluss des Kardinals und Eurer Agenten je weit genug fortlaufen könnte!«

»Das allein hält Euch davon ab, die Kleidung zu wechseln und Paris unerkannt zu verlassen?«

Rochefort wusste, dass er falsch lag, dass er zu weit gegangen war, noch ehe ihn d’Artagnans unendlich wütender und verletzter Blick traf und sie zwischen den Zähnen hervorbrachte: »Ihr seid es, der mich davon abhält. Ihr und Tréville. Man wird euch nicht noch einmal nach der Wahrheit fragen, und deshalb werde ich meinen Teil erfüllen und für euch schweigen!«

Sie wandte sich abrupt ab, lief fast zum Eingangstor des Marktes und tauchte unauffindbar, selbst für die Spione Seiner Eminenz, im Gewühl unter.

Rochefort blieb mit Peur zurück und ahnte, dass er d’Artagnan nicht mehr eher unter die Augen treten sollte, als dass der Kardinal ihnen erneut Freundschaft befohlen hätte. Er seufzte und wie er einst eine graugetigerte Katze, ein Geschenk von Herzen, seinem Herrn zurückbringen musste, führte er nun den braven Wallach in die Stallungen des Palais Cardinal.

 

~~~~*

 

Unbemerkt von Stallmeister und Leutnant, war dieses kurze Gespräch allzu neugierigen Augen und Ohren nicht entgangen. Mochten sich alle Beteiligten wünschen, die Sache wenigstens für den heutigen Tag noch geheim zu halten, war diese Hoffnung mit dem Streit nun zerschlagen. Unter den zahlreichen Passanten um und auf dem Markt von Marais war auch der Diener von Monsieur de Pauger, der einige Einkäufe für seinen Herrn erledigen sollte.

Pauger war einer der treuesten Musketiere, mit Leib und Seele dem König und seinen Vorgesetzten ergeben; stets hatte er zu seinem Hauptmann und seinem Leutnant aufgeblickt und hätte nie ein schlechtes Wort an ihnen unwidersprochen gelassen.

Sein Lakai dagegen war eine ungehörige Plaudertasche, der mit den Neuigkeiten vor Standesgenossen und Freunden nicht lange hinterm Berg hielt. Im Laufe des Tages rumorte das Gerücht, Leutnant d’Artagnan habe die Musketiere verraten und sich dem Kardinal angeschlossen, immer lauter durch die Straßen.

Als Quelle für diese unerhörte Geschichte war schnell der Lakai ausgemacht. Er fing sich am Abend eine gewaltige Schelle seines Herrn dafür ein und heulte um Vergebung.

Pauger ließ ihn ungnädig in dieser Nacht vor der Tür auf der Schwelle schlafen, während ihm selbst ein nagender Floh von Treuebruch und Unredlichkeit ins Ohr gesetzt war.

Am nächsten Morgen blieb der Leutnant der Musketiere dem Hauptquartier fern. Erst hieß es noch, da d’Artagnan zu Pferd aufgebrochen war, er befände sich mit Auftrag außerhalb von Paris. Aber da jede Nachricht ausblieb, da Adjutant Duprés kein Wort aus sich herausbringen ließ und der Hauptmann in einer fürchterlichen Laune war, erinnerte man sich bald wieder an das Gerücht.

Pauger selbst war es, der die Frage laut unter den Kameraden stellte, obwohl er sie mit einigen Zweifeln behaftete. Seine Skepsis wurde von allen geteilt, es schien auch ganz und gar unmöglich, dass ausgerechnet ihr Leutnant, den seine Treue gegenüber den Musketieren immer ausgezeichnet hatte, nun die Seiten gewechselt haben sollte. Man konnte sich keinen Grund dafür vorstellen.