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Paris 1640 - Einer für Alle und Alle für Einen! Lang eilte den tapferen Musketieren ihr Ruhm voraus, doch als Hauptmann de Tréville in Ungnade fällt, wird die Kompanie aufgelöst. Ihr einstiger Leutnant d'Artagnan setzt alles daran, um die Musketiere zu retten - selbst, wenn er dafür der roten Garde des intriganten Kardinals Richelieu beitreten muss. Als Verräter verschrien, muss d'Artagnan in einem Gespinst aus höfischen Intrigen, gefährlichen Liebschaften und rachsüchtigen Feinden bestehen, um sein Ziel zu erreichen. Alexandre Dumas veröffentlicht im Jahr 1844 sein berühmtes Werk "Die drei Musketiere" und 1845 die Fortsetzung "Zwanzig Jahre später". Doch was widerfuhr dem Protagonist beider Romane, dem bekannten Helden d'Artagnan, in der Zwischenzeit? "Die Lilie in Kardinalrot" erzählt eine alternative Geschichte über das, was hätte sein können...
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2019
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by
Maren von Strom
Ein historischer Roman
Buch
Alexandre Dumas veröffentlicht im Jahr 1844 sein berühmtes Werk Die drei Musketiere und 1845 die Fortsetzung Zwanzig Jahre später. Doch was widerfuhr dem Protagonist beider Romane, dem berühmten Helden d'Artagnan, in der Zwischenzeit?
Die Lilie in Kardinalrot erzählt eine alternative Geschichte über das, was hätte sein können...
Paris 1640 - Einer für Alle und Alle für Einen!
Lang eilte den tapferen Musketieren ihr Ruhm voraus, doch als Hauptmann de Tréville in Ungnade fällt, wird die Kompanie aufgelöst. Ihr einstiger Leutnant d'Artagnan setzt alles daran, um die Musketiere zu retten - selbst, wenn er dafür der roten Garde des intriganten Kardinals Richelieu beitreten muss. Als Verräter verschrien, muss d'Artagnan in einem Gespinst aus höfischen Intrigen, gefährlichen Liebschaften und rachsüchtigen Feinden bestehen, um sein Ziel zu erreichen.
Autorin
Maren von Strom, geb. 1983, ist studierte Historikerin und Magistra Artium der Literaturgeschichte und Mediävistik. Dumas' Die drei Musketiere faszinieren sie schon seit ihrer Kindheit. Früh schrieb sie eigene Geschichten und spann darin die Abenteuer der Helden weiter. Die Lilie in Kardinalrot ist ihr zweiter Roman.
Dank
Allen, die zur Entstehung mit ihrer Kritik und ihren Anregungen beigetragen haben. Insbesondere Peter, Silke, Michael und meinen Eltern.
Impressum
Texte: © Copyright by Maren von Strom
Umschlag: © Copyright by Maren von Strom
unter Verwendung einer Grafik von
© Copyright Michael Stratmann
Verlag: Maren von Strom
Blumenstraße 20
42119 Wuppertal
1. Auflage Juni 2019
Es folgt eine Aufstellung der handelnden Charaktere, wobei die mit * gekennzeichneten Personen historisch und/oder auf das Werk von Alexandre Dumas père zurückzuführen sind.
Musketiere und Königstreue
Arnaud de Tréville*, Hauptmann in Verbannung
Charles de Batz-Castelmore d'Artagnan*, ehem. Leutnant
Pauger, ehem. Musketier
Jumonville, ehem. Musketier
Fernand de Grinchamps, Baron
Herzog de la Nièvre, Vater von Odette
Gardisten und Kardinalisten
Armand-Jean du Plessis, Kardinal Richelieu*
Charles-César de Rochefort*, Stallmeister Richelieus
Luchaire, Hauptmann der Garden
Auguste de Jussac*, Leutnant der Garden
Grégoire de Sorel, Frohnatur
Bernajoux*, Haudegen
Biscarat*, Gelegenheitsspion
Cahusac*, Dienstältester
Zivilisten und Andere
Odette de la Nièvre, Großnichte Richelieus
Elise Perrault, Magd im Palais Cardinal
Sarah Simon, Freundin Elises
Gustave Moraut, Kammerdiener, verhaftet
Raymond Nérat, Kammerdiener
Gabrielle de Jussac, Mutter von Lucas und Mathilde
Madeleine »Chevrette«*, Wirtin d'Artagnans
Die Front des Hôtels ragte steinern und unbeugsam vor dem Besucher auf. Ein beeindruckender Prachtbau, der in Glanz und Größe seinesgleichen suchte. Die Torflügel waren geschlossen, ihre kupferfarbenen Beschläge schimmerten matt im Licht der untergehenden Sonne. Über dem Torbogen prangte ein edles Wappenschild; ein goldener Löwe reckte sich in rotem Feld, um ihn ein Band gewunden mit dem Wahlspruch: Fidelis et fortis.
Der Haupteingang ins Hôtel de Tréville war des nachts stets verriegelt, wenn lange Schatten auf die Straße fielen und sich die anderen Häuser schutzsuchend aneinanderschmiegten. Paris mochte tagsüber ein blendend schönes Weib sein, verlockend und betörend in allen Facetten. In der Nacht war sie eine Hure, alt und verbraucht, immer ein Messer hinter dem Rücken bereit.
Heute Morgen war das Haupttor nicht wieder geöffnet worden, um den täglichen, unendlichen Strom an Besuchern in das Hôtel passieren zu lassen. Jetzt neigte sich der Nachmittag schon dem Abend entgegen. Der Innenhof lag einsam und ausgestorben. Die Pferdeställe waren verwaist, die Wirtschaftsräume verlassen. Die weitläufige Aufgangstreppe war nicht länger Schauplatz einer ganz alltäglichen Belagerung und niemand bahnte sich einen Weg an den sonst zahlreichen Gästen und Musketieren vorbei nach oben zum Kabinett des Hauptmanns; die Tür war verschlossen und als eine Hand nun behutsam die Klinke drückte, öffnete sie sich nicht.
Weniger verwundert als besorgt darüber, versuchte Leutnant d’Artagnan es erneut, indem er nachdrücklich anklopfte und lauschte. Nichts regte sich, ganz offenbar war niemand mehr in den Räumlichkeiten anzutreffen, die für viele Jahre den Musketieren Seiner Majestät als Hauptquartier gedient hatten.
Die Kompanie war aufgelöst, ihre Offiziere entlassen. Zurück blieb ein ungewöhnlich leeres Haus und ein ehemaliger Leutnant der Musketiere, der sichtlich mit sich selbst rang, sich endlich abzuwenden und ins Ungewisse zu gehen.
Schritte näherten sich d'Artagnan und eine vertraute Stimme stellte fest: »Es ist sehr still geworden.«
Die Worte waren leise, beinahe flüsternd gesprochen, als würde der Sprecher das Echo fürchten, das von den kahlen Wänden ungebrochen widerhallen könnte. »Daran wird man sich in diesem Hôtel von nun an gewöhnen müssen.«
D’Artagnan wandte sich um. »Das fällt nicht eben leicht, mon capitaine.« erwiderte er mit einem bitteren Zug um die Mundwinkel, den das Leben selbst dort hinterlassen hatte. Zehn Jahre unermüdlich im Dienst für König und Vaterland, zehn Jahre zwischen Leben und Tod auf den zahlreichen Schlachtfeldern dieser Zeit, waren nicht spurlos an dem Leutnant vorbeigezogen.
Monsieur de Tréville, müder Miene und in nur einer Nacht scheinbar um Jahre gealtert, hob abwehrend eine Hand, als sich sein einstiger Untergebener respektvoll gegen ihn verneigte.
»Ich bin nicht länger Euer Hauptmann und der höflichen, verlegenen Förmlichkeiten wurden schon genug gewechselt.«
Tréville stützte sich gegen das Geländer der Aufgangstreppe und sah hinunter in die Halle seines Hauses. Er hatte im Laufe der Jahre viele Schlachten geschlagen, tapfer und treu, ganz wie der Wahlspruch seiner Familie über dem Torbogen verkündete. Wie die Musketiere ihn sich zu eigen gemacht hatten. Aber jetzt wirkte der Hauptmann mit einem Schlage aller Kräfte beraubt, erschöpft von der Politik und den Kriegen am Hof Ludwig XIII.
Erst nach einer ganzen Weile, in der er in seinen eigenen Gedanken versunken blieb und darüber die Anwesenheit des anderen Mannes fast zu vergessen schien, fragte Tréville: »Was führt Euch hierher zurück?«
D’Artagnan hob die Schultern und wusste keine rechte Antwort. War es Gewohnheit, die ihn einbestellt hatte? Nostalgie, die ihn schmerzlich heimsuchte? Oder wollte er die Niederlage längst nicht kampflos hinnehmen und suchte im Hôtel nach Waffenbrüdern?
Aber Tréville, der Einzige, der in dieser Art von politischem Krieg einen Sieg hätte erringen können, schien endgültig geschlagen. Das erschreckte d’Artagnan, dem man bei Tod und Teufel nicht nachsagen konnte, er fürchte überhaupt irgendetwas oder irgendwen. »Es ist vorbei?«
»Ja.«
Ein sehr nüchternes, widerspruchsloses Wort. Es klang nicht so, als ob die Entscheidung eines Ersten Ministers und eines schwachen Königs jemals rückgängig zu machen wäre. Die Kompanie der Musketiere war und blieb einer höfischen Intrige zum Opfer gefallen.
In einer spontanen Regung, tatsächlich alle Förmlichkeiten und Rangunterschiede für den Moment vergessend, lehnte sich d’Artagnan neben Tréville an das Geländer und ließ den Blick schweifen. Er kannte jedes Detail in der Eingangshalle, jede Kerbe im Parkett, jede Unreinheit im Fensterglas. Erst mit dem Verlust wurde ihm deutlich, wie sehr sich ihm dieses Bild eingeprägt hatte.
»Werdet Ihr zurückkommen, mon capitaine?«
Tréville entging nicht die besondere Betonung, mit der d'Artagnan seinen alten Rang aussprach und beinahe hätte er flüchtig geschmunzelt. »Ich bin verbannt, in Ungnade.«
»Zu Unrecht!«
»Findet Ihr?«
D'Artagnan war zu aufgebracht, um auch nur kurz wegen der Frage in Zweifel zu geraten. »Ja! Mordieux, wer Euch als Verräter bezeichnet, ist selbst einer!«
»Achtet auf Eure Worte!« tadelte Tréville. »Das Haus mag menschenleer erscheinen, aber Ratten finden sich noch immer genug.«
»Sollen sie im Dreck wühlen und lauschen, ich fürchte sie nicht!«
»Dann seid Ihr dumm.« Der Hauptmann stieß sich vom Geländer ab, um der Treppe nach unten zu folgen. D'Artagnan zögerte, aber er war noch nicht von gleicher Melancholie gepackt wie Tréville. Mit wenigen, entschlossenen Schritten war er darum wieder an der Seite des Hauptmanns und sagte fest: »Es muss einen Weg geben, das zu verhindern.«
»Ihr werdet nichts unternehmen! Verstanden, monsieur le lieutenant? Das Wort des Königs ist Gesetz und Ihr habt noch immer eine glänzende Zukunft vor Euch.«
Die beiden Männer erreichten eine Nebenpforte, eine schmucklose Tür auf die Straße hinaus, vorgesehen für das Gesinde. Wie ein Dieb sollte sich der Hausherr nun also davonstehlen, Paris verlassen und nie mehr zurückkehren.
D'Artagnan wusste nichts mehr zu sagen. Alles wäre unangemessen und falsch gewesen, und so schwieg er bedrückt, während Tréville eine Kutsche bestieg. Eine Eskorte zu Pferd stand bereit. Sie würde sicherstellen, dass der Reisende sein fernes Ziel in der Gascogne erreichte.
»Viel Glück.« grüßte Tréville zum Abschied.
D'Artagnan murmelte der anfahrenden Kutsche ein: »Euch auch.« nach und blieb dann allein mit seiner glänzenden Zukunft zurück.
Der Herbst des Jahres 1640 hielt mit dunklen, trüben Aussichten seinen Einzug in Paris. Zäher Nebel kroch durch die Straßen, drang in jede Ritze, durch jeden Spalt und tastete mit klammen Fingern nach Mensch und Tier. Die Sonne hielt sich mit schweren Wolken bedeckt, kein Wind regte sich und so gesellte sich der ohnehin schon drückenden Stimmung noch der unausrottbare Gestank aus Pisspötten, Latrinen und dem Unrat auf den Straßen hinzu.
Die Seine führte nach einem heißen Sommer wenig Wasser, der Fluss war braun verschlammt und träge, Unaussprechliches trieb unter den Brücken dahin. Die ganze Stadt schien auf ein erlösendes Unwetter zu warten, das den Dreck, den Abfall und die Ratten endlich fortspülen würde.
Während die Wolkendecke über Paris grau drohte, ohne tatsächlich Regen zu bringen, ertrank der Kammerdiener Gustave Moraut in einem Trog. Mit den Händen suchte er Halt, rutschte ab, bäumte sich auf und wurde noch tiefer mit dem Gesicht ins Wasser gedrückt. Luftblasen stiegen auf, als er instinktiv in Panik schrie und sein Leben damit um wertvolle Sekunden verkürzte.
Plötzlich wurde er am Schopf zurückgerissen, spuckte Wasser und rang nach Luft. Auf den Knien liegend, den Kopf brutal in den Nacken gezogen, konnte er seine Peiniger nicht sehen. Nur kalte, dunkle Steinmauern, feucht, bemoost; seit Wochen sein Gefängnis.
Man herrschte ihn an: »Wo ist sie?!«
Er hustete, nässte sich ein und weinte. Wieder wurde sein Kopf in den Trog gedrückt. Dieses Mal dauerte es länger, denn jetzt schrie er nicht und sparte die Luft. Das machte es schlimmer, denn sie warteten, bis seine Lungen brannten und er Wasser atmete. Er starb, wurde gnadenlos ins Leben zurückgezerrt und erbrach sich.
Wieder ins Wasser, ohne eine Frage vorher. Morauts Körper wehrte sich noch immer, wollte um sich schlagen und sich befreien, wollte in Todesangst überleben. Der Schmerz stach bis tief in seine Brust, als man ihn zum unzähligen Mal kurz vor dem Ertrinken aus der Hölle riss.
»Ich weiß es nicht!« schrie er zur Kerkerdecke hinauf und man schlug ihn zu Boden. Vor den Stiefeln der Wachen, der Folterer, rollte er sich zusammen, spuckte Wasser, keuchte und wimmerte: »Weißesnicht, weißesnicht...«
*~*~*~*~*
»Gustave Moraut.«
Der Name stand in der ersten Zeile des Berichts. Rochefort kannte den Inhalt auswendig und fasste ihn jetzt für seinen Dienstherrn zusammen. »Bis vor wenigen Wochen einer der Diener hier im Palais Cardinal, jetzt im Gefängnis.«
»Ich erinnere mich, Graf.« Die Stimme des Ersten Ministers von Frankreich hatte etwas schneidendes, ungeduldiges. Einen Unterton, den sein Stallmeister selten bei Richelieu gehört hatte und der ihn hieß, sofort zum Kern des Berichts zu kommen.
»Auch nach der peinlichen Befragung weiß er nicht, wo sie ist.«
Der Kardinal zeigte mit keiner Regung, was er davon hielt. Ob ihn der Bericht überraschte oder ob er damit gerechnet hatte. Richelieu behielt seine Gedanken für sich, während er vom Fenster seines Arbeitszimmers aus hinunter auf den Cour d'Honneur, den Innenhof, blickte. Seine Miene war angespannt und bleich, die Wangen eingefallen und von Krankheit gezeichnet. Doch sein Blick war wach und durchdringend, der Geist trotzte dem geschwächten Körper. Er hatte die Hände hinter dem Rücken ineinander gelegt.
Als geübter Beobachter von Details bemerkte Rochefort die Tintenflecken an den Fingerspitzen des Kardinals. Auf dem Schreibtisch lag das Manuskript vom Politischen Testament. Klar verfasste Überlegungen, kein Wort, kein einziger Satz war durchgestrichen und von einer anderen Formulierung in der Entstehung ersetzt worden. Die letzten Federstriche trockneten noch, Richelieu hatte daran gearbeitet, als der Stallmeister das Kabinett betreten hatte.
Rochefort hatte die Denkschrift in den letzten Tagen oft dort liegen gesehen; wahrlich ein Testament, denn auch wenn der Erste Minister sich nichts anmerken ließ, sich nicht schonte, war es dieser Tage um seine Gesundheit nicht gut bestellt. Die Vernunft erhob er zur obersten Disziplin für einen Fürsten, vielleicht wuchs das Manuskript jetzt schneller auch unter dem Eindruck der letzten Wochen.
»Ihr werdet ihren Aufenthaltsort ausfindig machen, Rochefort! Junge Frauen verschwinden nicht spurlos, auch diese nicht. Nicht aus diesem Palais, direkt unter meinen Augen! Nicht ohne-« Plötzlich fasste sich Richelieu an die Brust, gequälter Miene. »Nicht-«
Ein Hustenanfall schüttelte den Ersten Minister, er wankte und weigerte sich zugleich, sich am Fensterbrett abzustützen.
Rochefort tat einen Schritt vor, zögerte dann aber, trotz seiner Besorgnis, selbst Stütze anzubieten. Richelieu hätte die Hilfe ausgeschlagen und keine Schwäche eingestanden. Also nahm Rochefort stattdessen den Becher mit angewärmten Wein vom Schreibtisch und reichte ihn an. Er hielt den Becher weiterhin fest, als Richelieu ihn mit zittrigen Fingern umschloss. Mit rasselndem Atem führte der Kardinal den Wein an die Lippen und trank, bis sich seine angegriffene Lunge beruhigt hatte.
Rochefort stellte den Becher zurück und nahm den Faden wieder auf, als sei nichts geschehen. »Sie muss noch einen oder mehrere Verbündete haben. Dieser Lakai, Moraut, ist es nicht.«
»Verbündete, Vertraute, Verehrer.« Richelieus Stimme klang noch brüchig und belegt. Aber seine rote Soutane war glücklicherweise nicht von gehusteten Blutflecken beschmutzt worden. »Was ist mit Fernand de Grinchamps?«
»Untergetaucht, wahrscheinlich noch in Paris.«
»Wahrscheinlich?«
»Ich werde es in Kürze genau wissen.«
Richelieu maß seinen Stallmeister lang und Rochefort hielt stand. Zu viele Jahre diente er schon dem Kardinal, hatte sich dabei mehr als eine Narbe eingefangen, mehr als eine Wunde davongetragen, um sich von einem abschätzenden Blick verunsichern zu lassen. Rochefort hatte seinen Verstand an den undurchsichtigen Ränkespielen des Hofs geschärft, aber die Gedanken des Ersten Ministers vermochte er dennoch selten zu lesen. Auch jetzt scheiterte er.
Richelieu wandte sich wieder dem Fenster zu. »Unser Interesse gilt vorwiegend Odette de la Nièvre.«
»Sie wird sich in den vergangenen Monaten in Eurer Obhut einige Freunde und Freundinnen im Palais gemacht haben. Irgendwer wird weiterhin in Kontakt mit ihr stehen und könnte uns einen entscheidenden Hinweis auf ihren Aufenthaltsort geben.« Rochefort hob die Schultern. »Mit mir wird niemand offen reden.«
»Meine übrigen Spione?«
»Zu bekannt in der Dienerschaft. Einige sind die Dienerschaft, Monseigneur.«
»In meinem eigenen Haus misstraut in dieser Angelegenheit also jeder einem jeden.«
Rochefort schwieg darauf. Das hier war von einer familiären Zwistigkeit zu einer politischen Intrige geworden und er wusste keinen Rat für seinen Dienstherrn. Der Vater der eigensinnigen Mademoiselle de la Nièvre verlöre sicherlich bald die Geduld und würde, wie angedroht, einige schmutzige Wäsche auspacken, die selbst einen mächtigen Ersten Minister ins Wanken bringen konnte. Dann bliebe es nicht bei einem willkommenen Opfer wie dem Hauptmann der Musketiere, der sich dieses Mal in die falschen Angelegenheiten eingemischt hatte.
Richelieu ließ einige Momente in Gedanken versunken verstreichen, dann schien er einen Entschluss zu fassen. »Ich muss also einen neuen, unbescholtenen und nützlichen Mann in meine Dienste aufnehmen.«
»Zweifelsohne schweben Monseigneur schon ein bestimmter Mann vor?« Rochefort dachte sich seinen Teil. 'Unbescholten' und 'nützlich' bedeuteten in diesem Zusammenhang 'leicht zu lenken' und 'mit Geld zu kaufen'.
Der Kardinal neigte den Kopf und überraschte Rochefort mit der nächsten Frage, denn sie sprach ein ganz anderes Thema an.
»Sagt mir, nach Auflösung des Korps der königlichen Musketiere, was ist mit den Soldaten und ihren Offizieren geschehen?«
»Sie wurden überwiegend anderen Kompanien zugeteilt. Ein Teil der Musketiere steht im Feld gegen Spanien bei Arras. Die Offiziere haben entweder den Dienst quittiert und sich auf ihre Güter zurückgezogen oder neue Posten in den Haustruppen des Königs erhalten.«
Noch während er den letzten Satz aussprach, verstand Rochefort das plötzliche Interesse an den einstigen Musketieren des Königs. Es war brillant.
Richelieu gab sich nachdenklich, abwägend, als er sagte: »Sicher wird einer unter diesen Offizieren sein, der unzufrieden mit seinem Schicksal ist. Der die Musketiere neu eingesetzt sehen will. Vielleicht sogar als ihr nächster Hauptmann.«
Rochefort schmunzelte wissend. Einer dieser Offiziere hatte sich derart widerspenstig nach der Auflösung der Kompanie gebärdet, dass er vorerst ein Leutnantspatent ohne Posten sein Eigen nannte. »Ich werde diesen Einen sofort aufsuchen und ihm ein Angebot machen.«
Eine mahnende Geste mit erhobener Hand folgte.
»Geht klug vor, Graf! Ich will einen Soldaten für meine Garde. Jemanden, der bislang nicht zu diesem Haus gehörte, aber der von nun an täglich im Palais verkehren wird. Der die ihm entgegenschlagende Verachtung alter und neuer Kameraden aushalten muss und der sich mit Ehrgeiz für eine andere Sache genug Vertrauen erwirbt, um für uns die Mademoiselle zu finden.«
Der Kardinal fasste Rochefort scharf ins Auge. »Kein Musketier, und sicher nicht dieser Leutnant, wird auf ein solches Angebot eingehen. Monsieur d'Artagnan hat unsere Großzügigkeit einige Jahre zuvor schon einmal ausgeschlagen, als seine Situation nicht weniger schwierig war.«
Der Stallmeister neigte den Kopf. »Ich werde den richtigen Anreiz finden. Ich kenne ihn.«
»Gut.« Die lange Rede hatte Richelieu sichtlich erschöpft, sodass er sich an seinen Schreibtisch setzte. Dort nahm er die Feder zur Hand und zog das Manuskript heran.
»Erstattet alsbald wieder Bericht.«
»Sehr wohl, Monseigneur.«
Nach einem letzten Zögern, als Richelieu erneut einen aufkeimenden Hustenreiz zu unterdrücken schien, verließ Rochefort das Arbeitszimmer und machte sich auf die Suche nach einem alten Freund.
Der Fausthieb kam von rechts. D'Artagnan ging sofort zu Boden und blieb benommen liegen. Er blinzelte orientierungslos und mit verschleiertem Blick, nicht sicher, wie er auf dem Tavernenboden gelandet war. Erst sein schmerzendes Kinn, an dem ihn der Schlag erwischt hatte, und das Hämmern in seinem Kopf ließen ihn instinktiv nach Luft schnappen. Gerade rechtzeitig sah er den Angreifer zu einem Tritt ausholen.
Bevor seine Rippen Bekanntschaft mit einem schweren Arbeitsstiefel machen konnten, fing d'Artagnan den Tritt mit den Händen ab. Für den Bruchteil eines Augenblicks stand seinem Kontrahenten ein verdutzter Ausdruck im Gesicht, bevor eine Rolle zur Seite ihn von den Füßen holte. In derselben Bewegung sprang d'Artagnan auf und sah sich den beiden Kumpanen des Landarbeiters gegenüber. Zwei kräftige Männer, jeder einen halben Kopf größer als der Leutnant und mit ihren schlichten Gemütern verdammt wütend auf ihn. Sie hatten Nacken wie Ochsen und Oberarme wie Dachbalken. Offenbar verdienten sie ihr Geld mit ehrlicher, harter Arbeit und wollten eigentlich nur ihren Lohn im Gasthaus Drei Kronen versaufen.
Ein selbst schon recht angetrunkener, ehemaliger Musketier hatten ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht, als er von seinem Platz an einem der hinteren Tische aufgestanden, aber dabei kurz nicht mehr Herr über seine Füße gewesen war und deswegen einen dieser braven Männer angerempelt hatte.
Ein empörtes Wort gab das nächste und dann sprach eine rohe Rechte.
Dass d'Artagnan ihren Freund für den Moment überrumpelt hatte, schien sie davon abzuhalten, sich sofort auf ihn zu stürzen und ihn mit ihren Fäusten, groß wie Findlinge, zu bearbeiten. Vielleicht steckte auch noch eine Unze Verstand in ihren Köpfen, sich besser nicht mit einem voll bewaffneten Offizier anzulegen. D'Artagnan durfte zwar den Musketierskasack nicht mehr tragen, aber das Standesrecht auf Degen und Dolch hatte er nicht zusammen mit dem Uniformrock abgelegt. Seine Pistole trug er vom Mantel verborgen bei sich.
Die anderen Gäste sahen interessiert an dem Schauspiel herüber und hatten sich noch nicht für eine Partei entschieden. Eine Schankmagd hingegen war schon auf die Straße gelaufen, man hörte sie draußen nach der Stadtwache rufen. Der Wirt hatte nach einem Schürhaken bei der Feuerstelle gegriffen. Seiner ängstlichen Miene nach zu urteilen, diente die Geste mehr der eigenen Verteidigung als der Schlichtung.
Es wäre von allen Seiten nun klug gewesen, halbherzige Entschuldigungen zu murmeln und die Sache dabei bewenden zu lassen. Aber der letzte Becher Wein schmeckte d'Artagnan noch auf der Zunge und er war verflucht nochmal zu stolz, um den Rückzug anzutreten.
»Kommt doch!«
Die Aufforderung genügte und drei verbitterte Leben prallten aufeinander. D'Artagnan war dieses Mal vorbereitet und wich dem ersten Hieb aus, um dann selbst zuzuschlagen. Bis auf ein Schnauben zeigte sich sein Gegner gänzlich unbeeindruckt. Sein Kumpan sprang ihm bei und nutzte die Gelegenheit für einen weiteren Tritt. Am Knie getroffen, knickte d'Artagnan ein und hatte außerdem völlig den dritten Mann am Boden vergessen. Der war inzwischen wieder auf den Füßen und packte den Leutnant mit beiden Armen von hinten. Der Griff war unerbittlich. Die anderen Beiden grinsten hämisch.
In die übrigen Gäste kam Bewegung. Einige sprangen auf und feuerten die Kontrahenten an, ihnen ein ordentliches Schauspiel zu bieten. Andere brachten sich in Sicherheit, bevor sie selbst unverhofft Teil der Balgerei werden würden. Erste Krüge und Stühle wurden umgeworfen, Beschimpfungen flogen durch die Schenke. Der Wirt sah flehentlich zur Tür, ob seine Magd endlich die Wache alarmiert hatte, doch noch brüllte niemand nach Einhalt und Verhaftung.
D'Artagnan steckte den ersten Schlag mit angespannten Muskeln ein, trotzdem trieb es ihm fast die Luft aus den Lungen. Rein instinktiv wand er sich in der Umklammerung - und kam frei. Es überraschte nicht nur ihn selbst. Das gesamte Drei Kronen hielt den Atem an, als der Tagelöhner ächzend zusammensackte und mit einer blutenden Wunde am Hinterkopf liegenblieb.
»Habt Ihr die Lektion damals in Meung noch immer nicht gelernt?«
Rochefort stellte einen Bierkrug ab und machte einen großen Schritt über den Bewusstlosen am Boden, um sich neben d'Artagnan zu gesellen. Tadelnd maß er ihn, wie ein Lehrer den Schüler. »Kneipenschlägereien solltet Ihr nur mit einem Freund im Rücken anzetteln.«
D'Artagnan schnaubte abfällig, ohne die beiden übrigen Raufbolde aus dem Blick zu lassen. »Dann bleibt besser hinter meinem Rücken, bevor Ihr Euch dieses Mal selbst ein Veilchen holt.«
»Ein Veilchen? Die Meute will Blut sehen.«
D'Artagnan riss gerade rechtzeitig schützend einen Arm hoch, als ein Becher knapp an seinem Ohr vorbeiflog. Das war das allgemeine Signal und wo eben noch die Zuschauer einen Halbkreis gebildet hatten, wogte plötzlich eine prügelnde Menge vor und zurück. Der Leutnant verlor Rochefort aus den Augen, als er sich im Durcheinander der Schlacht unter einem Schwinger mit einem abgebrochenen Stuhlbein wegducken musste. Rückzug war plötzlich eine erstrebenswerte Option geworden.
Vielleicht sprach es während der nächsten Augenblicke für den Ruf des Drei Kronen, dass keine Waffen gezogen wurden; und da dieser Tage jedermann das Allzweckwerkzeug 'Messer' mit sich führte, hätte nur allzu schnell aus einer Schlägerei ein Krieg werden können. Der Kampf war trotzdem lärmend und heftig und griff sogar auf die Straße vor dem Wirtshaus über; eben noch neugierig durch die Fenster spähende Passanten waren auf einmal in Faustkämpfe miteinander verwickelt, bei denen jeder auf jeden einschlug, ohne recht den Grund dafür zu wissen. Der Wirt drückte sich kreidebleich in eine Ecke und jemand musste entdeckt haben, dass sich nicht nur Krüge und Becher, sondern auch Weinflaschen trefflich werfen ließen.
Glas splitterte knapp über d’Artagnans Kopf und Scherben gingen auf seinen Federhut nieder. Er hatte zu lange an einem Ort verweilt und darum ein lohnenswertes Ziel abgegeben. Fluchend gab er auf, weiter nach Rochefort Ausschau zu halten und bahnte sich geduckt einen Weg an umgestürzten Tischen und Stühlen vorbei. Zwei Fronten kämpften miteinander; links gegen rechts, vielleicht auch vorn gegen hinten. Sobald eine von beiden Parteien besiegt wäre, würde die verbliebene den Konflikt gegen sich selbst richten, bis die Stadtwache einschritt.
D'Artagnan stand nicht der Sinn nach Arrest und damit dem Verlust der kümmerlichen Reste seiner Reputation und Ehre, die er sich noch bewahrt hatte. Er stellte einem Kerl ein Bein, der mit gehobenen Fäusten auf ihn zugerannt kam und sah sich in einer Atempause um. Im hinteren Teil des Schankraums führte eine Tür in den Innenhof hinaus; und da war auch Rochefort.
Der Stallmeister schien nicht einen Kratzer abbekommen zu haben, allenfalls sein Mantel war etwas in Unordnung geraten. Er wartete an der Tür, bis d'Artagnan mit weiterem Ducken, Ausweichen und im Vorbeilaufen einen Fausthieb austeilend einen Weg zu ihm gefunden hatte. Ein kurzer Blickwechsel, dann folgte er Rochefort sofort hinaus auf den Innenhof. Aber kaum hatte d'Artagnan die Tür hinter sich gelassen, riss ihn jemand an der Schulter herum und schlug zu. Wieder sah er Sterne und taumelte zurück, wieder war es Rochefort in seinem Rücken, der ihn vorm Fall bewahrte.
Mit einem wütenden Brüllen schüttelte d'Artagnan die helfende Hand ab und zog seine Pistole. Der Angriff des Landarbeiters endete abrupt, als er in die Mündung der Waffe starrte. Kalter Schweiß tropfte ihm von der Stirn, Todesangst in den Augen. Für einen endlos scheinenden Augenblick geschah nichts. Dann krümmte d'Artagnan den Finger am Abzug.
»D'Artagnan!«
Der Befehlston ließ den ehemaligen Musketier innehalten. Sein Finger verharrte weiterhin kurz vorm Auslösen am Abzug, als Rochefort neben ihn trat und gelassen meinte: »Schießt, und Ihr seid binnen einer Stunde in der Bastille.«
»Ihr würdet mich da wieder herausholen, Freund.«
»Ja.« Rochefort nickte knapp und ohne Mitleid für den unglücklichen Raufbold, der schielend noch immer die Pistole anstarrte und einen wimmernden Laut von sich gab.
D'Artagnan brachte mühsam beherrscht zwischen den Zähnen hervor: »Also?«
»Also werdet Ihr mir Euer Leben und mehr als einen Gefallen schulden. Das vereinfacht mir natürlich eine gewisse Angelegenheit.« Rochefort machte eine wegwerfende Handbewegung. »Nur zu, erschießt diesen Tölpel. Ob er die Schuld wert ist? Noch vermute ich einen Funken Verstand in Euch.«
»Ah, vermutet Ihr?«
»Selbstachtung steht offenbar nicht zur Debatte.«
Der Pistolengriff verfehlte Rochefort nur deshalb, weil er rechtzeitig das Handgelenk d'Artagnans zu fassen bekam und den Schlag ablenkte. Ein Schuss löste sich und verlor sich irgendwo im Himmel über Paris. Der Landarbeiter schrie in Panik und stolperte auf der Flucht über seine eigenen Füße, während hinter ihm Leutnant und Stallmeister verbissen um die Oberhand rangen.
Im Wirtshaus hatte man den Schuss gehört und jetzt versuchte jeder nur noch davonzukommen. Der Kampflärm veränderte sich, zeugte jetzt von nackter Angst ums eigene Leben und Flucht. Endlich stolperte der Landarbeiter wieder zurück in den Schrankraum, zu seinen Freunden. Die Tür zum Innenhof fiel zu.
Als das Klacken im Schloss zu hören war, entließ Rochefort den Leutnant aus dem Schwitzkasten und klopfte ihm auf die Schulter. »Ihr lasst nach.«
D'Artagnan schenkte ihm einen finsteren Blick und hob seine Pistole auf, die er während des Gerangels verloren hatte. »Wollt Ihr Euch doch noch ein Veilchen einfangen? Der nächste Hieb ist kein Schauspiel, um einen Dummkopf zu erschrecken.«
»Ich verzichte, Ihr habt schon genug Federn für uns beide gelassen.« stellte Rochefort trocken fest, während d'Artagnan mit saurer Miene die Blutspur auf seinem Hemdsärmel betrachtete, nachdem er sich übers Gesicht gewischt hatte. Der Musketier sagte nichts mehr dazu, rückte seinen Hut zurecht und erfasste zum ersten Mal richtig den Innenhof. Eine Sackgasse, eingerahmt von efeuumrankten Häuserfronten. Sein Blick blieb schließlich an einem offenen Fenster in einem höher gelegenen Stockwerk des Nachbarhauses hängen. Er seufzte.
»Exakt.« Rochefort wandte sich zu schnell ab, als dass d'Artagnan ihm tatsächlich ein wölfisches Grinsen hätte unterstellen können. Der Stallmeister ging voraus und kletterte an einem stabilen Rosenspalier zum Fenster hinauf. Nach einem prüfenden Blick zog er sich an den Fensterläden ins Haus hinein.
D'Artagnan wartete eine Weile auf entsetztes Kreischen oder zornige Rufe der Bewohner. Als das ausblieb, machte auch er sich an den Aufstieg.
Es gelang dem Leutnant einigermaßen zügig, trotz seines schmerzenden Knies, es Rochefort gleichzutun und in das Haus zu klettern. Gerade rechtzeitig, kaum hatte er den Fuß vom Fensterbrett genommen, musste er sich auch schon ducken, denn die Stadtwache stürmte mit lautem Getöse den Innenhof. Spätestens jetzt wollte niemand mehr etwas mit den Vorfällen um das Drei Kronen zu tun haben.
D'Artagnan lauschte auf den Lärm von draußen, auf die herrischen Zurufe und schlagenden Türen, während er mit einem raschen Blick den Raum um sich einschätzte. Es war ein Schlafzimmer. Nahe des Fensters befand sich ein Bett, die Laken zerwühlt, als wären sie am Morgen hektisch verlassen worden. Eine Kleiderkommode stand am Fußende, ein Schemel in einer Ecke, über den ein Hemd achtlos geworfen war. Es bedeckte halb ein Paar Reitstiefel, die daneben lehnten. Eine Junggesellenbehausung, so schien es. Kein Grund, noch länger hier zu verweilen.
D'Artagnan schlich aus dem Zimmer und traf Rochefort im langgestreckten Flur dahinter an. Das Haus war altes Fachwerk, stabil gebaut, doch wegen der kleinen Fenster recht dunkel. Die Decken waren niedrig, man konnte, ohne sich besonders zu recken, nach den Balken fassen. Die Wände fühlten sich kühl an und trafen in keinem einzigen geraden Winkel aufeinander. Es roch nach Holz und Putz, nach frischer Wäsche und Brot, nach gut bürgerlicher Stube. Rochefort schien sich umzusehen, ob sie wirklich unbemerkt geblieben waren und bedeutete dann, ihm zu folgen. D'Artagnan schloss auf und fragte leise: »Wir sind allein?«
»Nein.« Rochefort nickte zu einer Zimmertür, ein paar Schritte entfernt. Sie war nur angelehnt, ein Schatten bewegte sich unter der Ritze, schien zu lauern. Wer auch immer dort war, demjenigen konnte der Einbruch nicht entgangen sein, nicht der Lärm vom Wirtshaus, der Schuss oder jetzt die lauten Rufe der Stadtwache.
»Verschwinden wir.«
Der Aufforderung hätte es nicht bedurft, Rochefort war schon der halben Treppe ins untere Stockwerk gefolgt, spähte über das Geländer und setzte seinen Weg eilig fort. D'Artagnan humpelte nicht ganz so geschickt hinterher und sah am Treppenabsatz über die Schulter zurück.
Die junge Frau an der Tür erwiderte seinen Blick ohne Scheu und eher skeptisch als überrascht. Sie schien die Tochter des Hauses zu sein, kaum zwanzig Jahre alt. Sie trug ein schlichtes Kleid, das mehr der Nützlichkeit im Alltag als der Betonung ihrer Schönheit diente. Ihr kupferfarbenes Haar war zu einem lockeren Zopf geflochten und rahmte ein schmales Gesicht. Sie musterte den Eindringling abschätzend, ihre grünen Augen im faszinierenden Kontrast zu ihrem Rotschopf. War sie aus Neugier aus dem Zimmer getreten, statt sich versteckt zu halten? Sie wirkte misstrauisch und entschlossen, keine Spur verängstigt - und sie hatte eine Pistole auf d'Artagnan gerichtet.
Er wagte nicht, sich zu rühren. Stattdessen versuchte er sich in seinem charmantesten, entschuldigendem Lächeln und erntete dafür ein missbilligendes Stirnrunzeln. Die Waffe lag ruhig in der Hand der Mademoiselle, sie schien damit umgehen zu können. Noch überdachte sie wohl ihre nächsten Schritte und sagte kein Wort. Sie verlangte keine Erklärung von ihm, sondern schien eigene Schlüsse aus dem zu ziehen, was sie sah und von draußen hörte.
Für einen flüchtigen Moment fragte sich d'Artagnan, wie ihre Stimme wohl klingen mochte. Jetzt funkelte sie ihn empört an, als er frech einen Finger an die Lippen legte, ihr zuzwinkerte und dann wie selbstverständlich die Treppe hinunterstieg.
Die Stimme der Mademoiselle blieb ein Geheimnis, denn sie forderte ihn nicht zum Stehenbleiben auf oder alarmierte die übrigen Bewohner, sie rief nicht die Stadtwache im Innenhof zur Hilfe. Sie jagte ihm auch keine Kugel hinterher.
D'Artagnan fragte sich, wie er unbehelligt die Haustür erreichen konnte. Teufel, er fragte sich, wann er überhaupt die letzten Schritte zur Haustür zurückgelegt hatte und ob diese flüchtige Begegnung nicht nur ein Tagtraum gewesen war! Zerschunden, blutig und verdreckt, hätte er sich selbst nicht bloß mit einem entwaffnenden Lächeln davonkommen lassen.
Rochefort wartete an der Tür und d'Artagnan blinzelte aus seinen letzten Überlegungen gerissen, als er ihn ungeduldig am Arm fasste und damit seine Aufmerksamkeit wieder auf die Flucht lenkte. Ihm schien die junge Frau nicht aufgefallen zu sein und d'Artagnan vergaß über das dringlichere Problem, nicht doch noch verhaftet zu werden, sie zu erwähnen.
Die Tür war zum Glück kein weiteres Hindernis, problemlos ließ sie sich öffnen und nach einem letzten, umsichtigen Zögern traten die Männer auf die Straße.
Alles in allem hatten sie sich weniger als fünf Minuten im Haus aufgehalten - aber d'Artagnan ahnte, dass es sich um fünf der wichtigsten Minuten seines Lebens gehandelt hatte.
Als d'Artagnan seine Wohnung in der Rue Tiquetonne erreicht hatte, humpelte er nicht mehr. Vielleicht war er zu gedankenversunken, um seinen lädierten Knochen weitere Beachtung zu schenken oder er wollte schlicht keine Schwäche vor Rochefort eingestehen. Der Stallmeister hatte sich ihm mit einem knappen: »Ich begleite Euch.« angeschlossen und d'Artagnan widersprach nicht.
Unterwegs blieben sie unbehelligt von der Stadtwache oder weiteren Provokationen, allenfalls ein paar abschätzende Blicke folgten ihnen ob des zerzausten Auftretens des ehemaligen Musketiers. D'Artagnan scherte sich nicht weiter darum, für heute hatte er genug Streit angezettelt und mit den Jahren in Paris sah er auch nicht mehr in jeder Bemerkung oder in jedem Blick einen Angriff auf seine Ehre. Sogar das letzte Duell mit Rochefort lag schon einige Jahre zurück und aus diesem waren sie als Freunde hervorgegangen. Darum legten sie schweigend, wie selbstverständlich gemeinsam den Weg zurück und genauso selbstverständlich ließ d'Artagnan den Stallmeister in seine Wohnung eintreten, ohne dass es irgendwelcher Worte bedurft hätte.
Während sich d'Artagnan in seinem Schlafzimmer an der Waschschüssel erfrischte und wieder einigermaßen repräsentabel herrichtete, entkorkte Rochefort eine Flasche guten Weins aus Anjou aus dem Vorrat in der Küche.
Mit Bechern und Getränk ausgerüstet, schlenderte der Stallmeister hinüber in den Salon und ließ sich in einem bequemen Sessel nieder. Er musste zugeben, d'Artagnan hatte sich nicht schlecht eingerichtet. Als Leutnant konnte er nicht gerade wie die Made im Speck leben, aber er hatte eine gute Wohnung gefunden, nachdem er aus seiner alten Mansarde ausgezogen war. Er schien hier bestens versorgt und spöttisch fragte Rochefort, als d'Artagnan sich in einem frischen Hemd und mit weniger blutiger Nase zu ihm gesellte: »Ist Eure Wirtin gar nicht da? Sie stürzt doch sonst sofort herbei, wenn Ihr auch nur einen kleinen Kratzer abbekommen habt und macht ein Zeter und Mordio.«
»Spottet nur, Rochefort.« erwiderte der Jüngere mit einem halben Lächeln und ließ sich Wein einschenken. »Die Chevrette ist eine gute Frau.«
»Sie hält Euer Bett warm.«
»Sie lässt mich auch ohne festen Sold zur Miete wohnen.« D'Artagnan ertappte sich dabei, dass seine Gedanken, während er über seine Wirtin sprach, schon wieder zurück in das Haus beim Drei Kronen und zu der unverhofften Begegnung mit der Mademoiselle dort wanderten. Ihr entschlossener Blick, die Pistole. Hatte sie ihn denn wirklich bedroht? Nein, sie hätte auch einfach in ihrem Zimmer bleiben können. Hatte sie dann vielleicht jemand anderen beschützt? Jüngere Geschwister zum Beispiel? Sie hatte ein entzückendes Grübchen am Kinn.
Rochefort lehnte sich im Sessel zurück und musterte den Leutnant über den Rand seines Weinglases. »Wie lange soll das noch so gehen?«
»Ich hoffe doch sehr, noch eine Weile!« D'Artagnan wusste, dass sein Gegenüber nicht sein Verhältnis mit der Chevrette gemeint hatte und leider ließ der Stallmeister es nach dieser ausweichenden Antwort auch nicht auf sich beruhen.
»Ihr wollt noch eine Weile zwischen Heim und Taverne pendeln, je nachdem, wo sich gerade mehr Wein befindet? Mein Lieber, Ihr habt Euch schlechte Angewohnheiten abgeguckt.«
»Von Euch?«
»Von Athos.«
Ein Ausdruck von Verbitterung stahl sich in d'Artagnans Miene. »Athos hat geerbt und auf seinem Landsitz andere Sorgen, als sich noch weiter um die Belange in Paris zu scheren. Ihr, Rochefort, seid der einzige Freund, der mir geblieben ist.«
»Ja, und die Narben Eurer Freundschaft trage ich noch heute.« prostete Rochefort dem anderen ohne Groll zu. »Eine weitere ist mir nun erspart geblieben, aber das nächste Mal fische ich Euch nicht aus dem Getümmel.«
D'Artagnan lachte auf. »Oho, Graf! Da habt Ihr etwas getan! Wie fühlt es sich an, im rechten Moment herbeizueilen und der Held zu sein?«
»Sagt Ihr es mir. Ihr rettet, nach den Geschichten zu urteilen, beinahe täglich edle Damen, gar Königinnen oder gleich ganz Frankreich.«
»Es gibt Geschichten?«
»Nein.«
»Bedauerlich.« Der Leutnant seufzte schwermütig. »Ich bin nur ein abgedankter Soldat, den man nicht mehr braucht. Seit Jahren schon hat man mich am Hof vergessen. Ohne die Musketiere bin ich nichts.«
»In der Tat.« stimmte sein Gegenüber völlig ungerührt zu und d'Artagnan verzog das Gesicht. »Ich habe Euch auch lieb, Rochefort.«
»Wolltet Ihr etwas anderes hören?« Der Graf schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht hier, um Euer selbstmitleidiges Jammern zu unterstützen.«
»Aber meinen Wein trinkt Ihr trotzdem!«
»Und er ist ganz ausgezeichnet, gebe ich zu.«
D'Artagnan sah ein, dass seine durchbohrenden Blicke wirkungslos an Rochefort abprallten, also rümpfte er die Nase und schenkte ihnen beiden nach. »Wenn demnach nicht für eine tröstende Umarmung und ein aufmunterndes Schulterklopfen, warum seid Ihr dann hier?«
»Aus zwei Gründen: Erstens, um meine Frage zu wiederholen, wie lange das noch so weitergehen soll.«
»Zweitens?«
Rochefort hob die Schultern. »Um Eure Situation arglistig für meine eigenen Zwecke zu nutzen, natürlich.«
»Ah, Ihr warnt mich doch sonst nie vor? Es muss Euch ernst sein und wir reden nicht allein in aller Freundschaft, sondern geschäftsmäßig.« D'Artagnan neigte interessiert den Kopf. Mit Sicherheit übertrieb der Stallmeister; vielleicht bot er dem ehemaligen Musketier, nach Wochen der Untätigkeit und der Sorgen um die eigene Zukunft, jetzt wahrhaftig eine gute Gelegenheit an, wieder in Lohn und Brot zu kommen.
Nach dem letzten Gespräch mit Monsieur de Tréville war d'Artagnan noch entschlossen gewesen, die Auflösung der Kompanie nicht einfach hinzunehmen. Er hätte sich an den Rat des Hauptmanns halten sollen, nichts zu unternehmen. Alles, was d'Artagnan mit einer Audienz beim König bewirkt hatte, war, auch noch sich selbst seines Postens zu entheben.
Ludwig XIII. war enttäuscht, erschüttert in seinem Vertrauen wegen Trévilles angeblichen Verrats. D'Artagnan wusste nicht, wie viel Wahrheit in der Anklage gegen den Hauptmann steckte; Verschwörung gegen Seine Eminenz, Kardinal Richelieu, den Ersten Minister - gegen Frankreich selbst. Noch wusste er, was wirklich vorgefallen war. Mit Details hielten sich alle Seiten bedeckt und Gerüchte sagten wenig glaubhaftes. Solche Intrigen regelte der Hof unter sich und das Ende einer kleinen Kompanie war da nur Begleitschaden.
D'Artagnans Bitte um Gehör beim König wurde zwar stattgegeben, aber der Leutnant hätte nicht so naiv sein dürfen zu glauben, dass seine Fürsprache und seine Argumente irgendetwas anderes als nur noch größeren Zorn bei Seiner Majestät geweckt hätten. Die Audienz verlief... stürmisch. Während schließlich die anderen Musketiere aufgeteilt und versetzt wurden, wurde ihr Leutnant nicht mehr gebraucht.
D'Artagnan war darüber die ersten Tage wie erstarrt, ganz und gar fassungslos. Über zehn Jahre hatte er treu gedient, war so manches Mal sogar direkt an der Seite des Königs geritten und nach seiner Meinung gefragt worden - und jetzt war er vergessen, in Ungnade. Nicht unehrenhaft entlassen, das nicht! Nur nicht wieder eingesetzt.
Die darauffolgenden Wochen hatte der Leutnant wie im Taumel verbracht, tatsächlich zwischen Heim und wechselnden Wirtshäusern. Wann immer ihm ehemalige Kameraden auf der Straße begegnet waren, hatte er sich beschämt gefühlt, freundliche und aufmunternde Worte harsch abgetan, bis sie ganz ausblieben.
Wie gerne hätte er sich mit Athos, Porthos und Aramis über Briefe ausgetauscht, sich freundschaftlichen Rat von den einstigen Weggefährten erbeten! Doch sie schrieben sich schon seit einigen Jahren nicht mehr. Teufel, d'Artagnan wusste nicht einmal, wo er die alten Freunde hätte suchen sollen! Aramis war zum Abbé berufen, Porthos zum wievielten Male neu verheiratet. Athos war von seiner letzten Mission nicht zurückgekehrt und hatte nur ein Rücktrittsgesuch an den Hauptmann hinterlassen. Noch nie war sich d'Artagnan so verlassen vorgekommen. Noch nie so überflüssig, denn er hatte keine Aufgabe mehr. Rochefort hatte eine rhetorische Frage gestellt; es konnte nicht mehr lange so weitergehen.
Der Stallmeister nickte wissend. »Ich habe Euch einen Vorschlag zu machen, ja. Sofern Ihr nicht weiterhin wie ein abgedankter Soldat an den hintersten Tischen im Wirtshaus herumlungern wollt.«
»Wo ist da die Arglist?«
»Der Vorschlag wird Euch nicht gefallen.«
Beinahe hätte d'Artagnan zynisch aufgelacht. Mit einer einzigen Ausnahme würde ihm jeder Vorschlag gefallen, wenn er ihm nur wieder Land unter die Füße brächte. »Wollt Ihr mir vielleicht das großzügige Angebot Seiner Eminenz überbringen, mich in die Reihen seiner Garden aufzunehmen?«
»Ja.«
Erst geschah nichts. Dann sprang d'Artagnan auf und ein Schwall blumigster Ausdrücke ging über den Stallmeister nieder, der geduldig wartete, bis dem Gascogner die Luft und die Flüche ausgingen. Es dauerte eine ganze Weile.
»Seid Ihr fertig?« Rochefort ließ dem Freund keine Gelegenheit, sich darüber neu zu ereifern, sondern fuhr gleich fort: »Dann setzt Euch und hört zu!«
Einen Moment länger wirkte d'Artagnan so, als bedaure er es sehr, seinen Degen im Schlafzimmer zurückgelassen zu haben. Dann setzte er sich ruckartig wieder hin und presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie einen dünnen Strich bildeten. Der Wutausbruch hatte ihm eine gesunde Gesichtsfarbe verliehen, wodurch die Kratzer aus der Schlägerei noch deutlicher hervorstachen. Morgen dürfte er wohl mit einem Brummschädel und geschwollenem Auge rechnen. Fast hätte Rochefort darüber schmunzeln mögen. So sehr verändert hatte sich d'Artagnan seit seinen ersten Tagen in Paris nicht; er hatte sich sein hitziges Gemüt bewahrt, das der Stallmeister nun zu bändigen suchte.
»Wenn Ihr warten wollt, bis der König Euch Euer impertinentes Verhalten vergibt, gut. Dann wünsche ich Euch viel Glück bei diesem hoffnungslosen Unterfangen.«
»Impertinenz ist Euch mehr vorzuwerfen als mir.« knurrte d'Artagnan. »Jetzt verstehe ich, was Ihr in diesem Innenhof meintet. Wie sehr es Euch gelegen käme, wenn ich Euch mein Leben und einen Gefallen schuldete. Mir ein solches Angebot zu machen! Pfui, Rochefort!«
»In der Tat wäre Euch mit Erpressung, Eure Freiheit gegen Euren Degen für Seine Eminenz, nicht beizukommen.«
Allein schon wie trocken die Worte klangen, ließ d'Artagnan neuerlich auffahren. »Teufel noch eins! Dass Ihr einen alten Freund erpressen würdet, habt Ihr denn gar kein Ehrgefühl?«
Rochefort winkte ab. »Vor allem habe ich keine Zeit für solche Spielchen. Euch aus der Bastille zu holen, würde sogar mich mehrere Tage kosten und wer kann schon sagen, in welchem Zustand Ihr dann wärt.«
»Großartig. Einfach großartig. Fast könnte man meinen, Ihr wärt besorgt um mich.«
»D'Artagnan, ich spiele mit offenen Karten. Ob ich mich um Euch sorge oder nicht, ist jetzt nicht von Belang. Hier geht es allein um ein Geschäft und ich bin nur der Bote.«
»Nun, Herr Bote!« Der Leutnant reckte stolz das Kinn. »Dann richtet dem Kardinal aus, dass kein Preis für meine Klinge hoch genug wäre, um sie ihm zu verkaufen!«
»Das Korps der Musketiere.«
»Pardon?«
Rochefort schwenkte den Wein im Glas und betrachtete ihn sinnend. »Der Preis. Die Wiedereinsetzung der Kompanie in vollen Ehren. Vielleicht sogar mit Euch als ihrem neuen Hauptmann. Der Einfluss des Ersten Ministers auf Seine Majestät ist dafür mehr als ausreichend.«
»Ha, das ist er gewiss!« D'Artagnan schnaubte abfällig. »Warum den Umweg über Richelieus Garden gehen? Ihr seid verrückt, Rochefort! Die Musketiere und Gardisten standen nie auf gutem Fuß miteinander. Selbst wenn es mir den Preis wert wäre, ich würde keine Woche überleben!«
»Wenn Ihr Euch nicht ganz dumm anstellt, werdet Ihr Euch schon für eine gewisse Zeit einfinden.« Rochefort hob die Schultern, als wären alle Bedenken belanglos und mit einer einfachen Geste abgetan. »Es soll nur für ein paar Wochen sein, genug Zeit, um Eure Qualitäten erneut zu beweisen. Jede Schwierigkeit und jede Verachtung werdet Ihr für ein größeres Ziel aushalten müssen. Womöglich seid sogar Ihr in der Lage, einmal kein Duell vom Zaun zu brechen.«
»Ich hätte nicht übel Lust, mich gleich hier in meinem Salon mit Euch zu schlagen!«
»Aber dafür seid Ihr inzwischen zu klug.«
»Jawohl, das bin ich!« D'Artagnan konnte noch immer kaum glauben, was ihm hier vorgeschlagen wurde. Er, ein Gardist des Kardinals! Nicht nur die Abscheu seiner neuen Kameraden erwartete ihn da, sondern auch die Verachtung aller ehemaligen Musketiere, all seiner alten Freunde und Weggefährten, wenn sie je etwas davon erführen. Sollte er irgendwann Monsieur de Tréville wiedersehen, würde der sich mit vollem Recht zornig und enttäuscht abwenden.
War d'Artagnan das die Rettung der Kompanie wert? Für eine kurze Zeitspanne ein Gardist zu werden, wie Rochefort nur verlangte? Er war alles andere als derart opferbereit, er war kein Held. Aus gutem Grund winkte noch die Aussicht auf eine Beförderung. »Zeigt mir den Rest Eurer offenen Karten! Meine ewige Dankbarkeit und Treue dafür, dass Richelieu mir diese Gelegenheit gewährt und mich mit dem Posten eines Kapitän-Leutnants ködert - das wird wohl kaum alles sein.«
»Schätzt Ihr Euch selbst inzwischen so gering, dass Eure Treue nicht Gewinn genug sein könnte?«
»Wann hätte ich dem Kardinal zuletzt noch so im Weg gestanden, dass er mich an sich binden müsste? Unsere Rechnungen sind ausgeglichen.«
Rochefort seufzte. »Ich muss mich geirrt haben, Ihr habt Euren Schneid verloren. Meine Karten behalte ich für mich, wenn Euch jeder Ehrgeiz abgeht und Ihr kein Risiko eingehen wollt.« Er stellte das Weinglas ab und erhob sich. »Dann haben wir uns für heute nichts mehr zu sagen.«
»Wartet!« rief d'Artagnan aus einer Regung heraus. Er hatte eine Hand zur Faust geballt und nutzte sie jetzt als Stütze am Kinn, um ihr einen anderen Sinn zu geben als den, einen Stallmeister damit zu verprügeln. Rochefort gab dem Leutnant die Gelegenheit, ein paar Gedanken zu sortieren und d'Artagnan stellte am Ende fest: »Wir wissen beide, dass mehr dahinter steckt. Werdet Ihr es mir sagen, bevor ich zustimme alles zu verraten, wofür ich die letzten Jahre gelebt habe? Seid Ihr bereit, dieses Risiko einzugehen?«
»Fragt Ihr eine Kreatur des Kardinals oder einen Freund?«
»Ich frage Euch, Ihr seid immerzu beides.«
Rochefort musterte ihn für einen langen Moment. Dann wandte er sich zum Gehen und meinte an der Tür: »Kommt morgen früh ins Palais Cardinal, zum Arbeitszimmer Seiner Eminenz. Ich verspreche Euch, als Freund, Ihr werdet unbehelligt wieder gehen dürfen, falls Ihr das wünscht.«
D'Artagnan wartete, bis er die Haustür ins Schloss fallen hörte. Erst dann stützte er den Kopf in den Hände und murmelte leise ein »Mordieux«.
D'Artagnan stand auf der Rue St. Honoré, im Rücken den Louvre und vor sich das Palais Cardinal. Er starrte seit einer geraumen Weile auf den gewaltigen Stadtpalast. Inzwischen schien er zurückzustarren.
Das übrige Paris erwachte nur langsam aus dem nächtlichen Dämmerzustand. Vereinzelte Kutschen rissen im Vorbeifahren den Nebel in Fetzen, doch noch reichte das erste, schwache Licht des Tages nicht aus, um die Schwaden aus den Straßen zu vertreiben. Die wenigen Passanten waren eng in ihre Mäntel gewickelt und liefen schnell vorüber. Niemand beachtete den einsamen Offizier, der sichtlich mit sich selbst rang.
Nach einer reichlich kurzen Nacht hatte d'Artagnan sich an der Waschschüssel noch eingeredet, wie lächerlich Rocheforts Angebot war. Sein Spiegelbild indes blickte sehr müde und erschöpft zurück. Während er sein blaues Auge vorsichtig betastete, argumentierte er mit sich selbst, dass er sich zumindest anhöre könne, welchen Vorschlag genau ihm der Kardinal zu machen hatte. D'Artagnan rasierte sich und schlich aus der Wohnung, ohne die Chevrette zu wecken.
Weitere Minuten verstrichen, die Morgenröte floss über die Dächer und ein Wachwechsel wurde eingeläutet. Ein vertrauter Vorgang, nur im falschen Palast. Verärgert kaute der ehemalige Musketier auf seinem Bart, zog sich schließlich den Federhut tiefer in die Stirn und marschierte auf das Palais Cardinal zu.
Niemand hielt ihn auf, als er den säulenumrahmten Torbogen hinter sich ließ und den vorderen Innenhof überquerte. Aber als er sich entlang der Galerie dem Eingang in den Haupttrakt näherte, erwarteten ihn schon zwei rotgerockte Gardisten. Mit unverhohlener Skepsis verfolgten sie seinen Auftritt und versperrten ihm schließlich an der Treppe den Weg.
»Cahusac. Sorel.« D'Artagnan nickte ihnen zu. Man kannte sich in den rivalisierenden Truppen. Cahusac hatte vor über einem Jahrzehnt in dem berühmten Duell am Karmeliterkloster Athos zum Gegner gehabt. Obwohl das schon eine halbe Ewigkeit zurücklag und Cahusac inzwischen ergraut war, hatte noch niemand bei den Musketieren und den Garden den Vorfall vergessen.
»Monsieur le lieutenant.« grüßte Cahusac rau und mit gerade so viel Höflichkeit, dass es ihm nicht als Sarkasmus ausgelegt werden konnte. »Wohin?«
Er fragte einsilbig, nicht aus Mangel an Respekt. Das Sprechen fiel ihm schwer, seine Stimme klang belegt und heiser. Athos hatte ihm in dem Duell damals eine Wunde an der Kehle beigebracht und die Folgen trug Cahusac bis heute.
Sorel hielt sich im Hintergrund bereit, um im Zweifel sofort einzugreifen. Er musterte den fremden Leutnant wachsam.
An einem anderen Tag hätte d'Artagnan das misstrauische Gebaren der beiden Männer gegen sich vielleicht ein amüsiertes Schmunzeln entlockt. Jetzt aber ließ diese Verzögerung vor einem schweren Gang ihn zornig werden. »Ich bin eingeladen, tretet beiseite!«
»Nein.« erwiderte Cahusac knapp und sein junger Kamerad ergriff im Folgenden das Wort für ihn.
»Mit Verlaub, das werden wir nicht tun, ehe Ihr diese Einladung beweisen könnt.«
Sorel klang beinahe vergnügt. Dem Burschen saß der Schalk im Nacken, in seinen Augen blitzte es herausfordernd. Es fehlte ihm noch an Kriegserfahrung, aber seine rechte Hand ruhte selbstbewusst auf dem Griff des Degens. Er trug einen schmalen Goldring am Finger. Seine Forderung nach einem Beweis war indes völlig berechtigt und d'Artagnan hätte seinen eigenen Musketieren das Fell über die Ohren gezogen, wenn sie jeden Dahergelaufenen nur aufgrund einer Behauptung in den Louvre gelassen hätten. Verfluchter Rochefort, das nicht bedacht zu haben!
»Ah, und wenn ich es nicht beweisen kann? Schießt ihr mich dann an Ort und Stelle nieder? Da dürften die Herren viel zu erklären haben, Jussac wird außer sich vor Freude sein. Mein Ehrenwort wird genügen müssen.«
Bei der Erwähnung ihres eigenen Leutnants zögerten die Gardisten. Cahusac war deutlich anzumerken, dass ihm eine scharfe Antwort auf der Zunge lag. Dass ein Ehrenwort allein hier nicht genügen würde, mochte mit altem Groll zusammenhängen; die Narbe an seiner Kehle war ihm stete Erinnerung an die erste Begegnung mit d'Artagnan.
Andererseits: Leutnant Jussac würde in der Tat nicht dankbar für den Aufruhr, für einen festgenommenen Offizier oder gar einen Toten auf den Treppenstufen sein. Hauptmann Luchaire war zu sehr Politiker, schmutzige Angelegenheiten überließ er seinem Stellvertreter. Während Tréville sich mit geradezu diebischem Vergnügen in jede Konfrontation mit Richelieu persönlich begeben hatte, erfüllte Luchaire vom Schreibtisch aus seine Pflichten. Der Hauptmann der Garden war ein Beamter, ein Verwalter. Jussac bekam dadurch mehr Verantwortung übertragen und d'Artagnan adressierte ihn vor den Gardisten ganz richtig.
Cahusac entschied schließlich mit einem Nicken zu Sorel: »Geh mit!«
Der Jüngere straffte seine Gestalt. Er stand in seinem zweiten Dienstjahr, noch hatte er sich seinen Eifer bewahrt und nahm gern die Rolle des Kindermädchens ein. D'Artagnan fragte sich einen flüchtigen Moment lang, ob er selbst mit zwanzig Jahren ebenso enthusiastisch, ein wenig spitzbübisch dabei, »Jawohl!« gerufen hätte. Sorel war erfrischend unschuldig und so bedachte der ehemalige Musketier Cahusac mit einer gehobenen Braue. »Danke, ich kenne den Weg zum Kabinett Seiner Eminenz bestens.«
»Dahin? Gut.« Cahusac wies mit einladender Geste hinter sich. D'Artagnan sparte sich einen weiteren finsteren Blick und trat an dem altgedienten Soldaten vorbei. Mit zwei Schritten schloss Sorel zu ihm auf und ließ sich auch nicht mehr abschütteln oder zur Umkehr bewegen.
Im Palais schloss sich bald eine weitere Galerie an die Treppe an. Richelieu hatte das ehemalige Hôtel d'Angennes nach dem Kauf prächtig ausstatten lassen. Weitläufig war es vorher schon gewesen, jetzt konnte man es noch überaus glanzvoll, gar pompös nennen. Jeder Winkel spiegelte den Einfluss und die Macht des Hausherrn wider, von den Säulengängen bis zur berühmten Gartenanlage. Das Palais war an schierer Größe und Prunk einem König angemessen.
»Hier entlang.« Sorel übernahm die Führung und d'Artagnan musste widerwillig eingestehen, dass der Gardist einen kürzeren Weg zu ihrem Ziel einschlug als ihn der Leutnant gewählt hätte. Unterwegs begegneten sie einigen livrierten Dienern, ab und an auch einer Magd. Bald würde der ganze Haushalt wissen, wer heute zu Gast war.
D'Artagnan bemerkte mit geschultem Blick andere Gardisten auf ihren Posten an wichtig erscheinenden Flügeltüren oder Treppenaufgängen, abseits der Nebenwege, denen Sorel und er folgten. Der Anblick versetzte ihm einen Stich. Eine intakte Leibgarde im falschen Uniformrock. Welchen Hohn und Spott es von den Musketieren gehagelt hätte, wenn die Garden des Kardinals aufgelöst worden wären! Aber Jussac musste seinen Männern eingeschärft haben, sich in Zurückhaltung zu üben und, zum Wohl der Stadt, keinen Streit darüber zu provozieren. Auch das schmerzte.
An der Doppeltür zum Kabinett des Ersten Ministers hielten zwei weitere Gardisten Wache. Sorel grüßte die Kameraden und ohne weitere Umstände oder neuerliche Diskussionen durften sie ins Vorzimmer eintreten. Cahusac hatte wahrlich eine kluge Entscheidung getroffen, d'Artagnan nicht allein gehen zu lassen. Sorel war sein Passierschein.
D'Artagnan rief sich innerlich zur Ordnung. Er musste den eigenen Groll überwinden, seinen Stolz zurückstellen und selbst weiser handeln. Gelassenheit statt Zorn war hier gefordert. Er machte ein paar Schritte ins Vorzimmer hinein, Sorel hingegen wandte sich zum Gehen, was ihm einen verwunderten Blick des Leutnants einbrachte.
Der Gardist schien die unausgesprochene Frage zu ahnen und beantwortete sie mit einem Schulterzucken. »Cahusac hat Euch auf Ehrenwort durchgewinkt. Ich habe Euch begleitet, damit ist diese Angelegenheit erledigt.«
D'Artagnan nickte langsam. Offenbar genoss er unter seinen Feinden noch immer den Ruf, sich an sein Wort zu halten. Sie gestanden ihm weitaus mehr Ehre zu, als er sich selbst.
Einen Augenblick lang sah er Sorel nach, dann ging er allein weiter. Bis auf einen livrierten Diener, der über die Anordnung der Stühle und Sitzbänke entlang der Wände wachte, war sonst niemand anwesend. Nun, fast: Außerdem sah sich der Leutnant von Rochefort gemustert, der sich am anderen Ende des Raums an der Tür zum eigentlichen Kabinett befand.
D'Artagnan unterdrückte eine erste Regung, trotzig die Arme zu verschränken. Für solche Gesten war er entschieden zu alt, auch wenn sich Rochefort zu gern väterlich wohlwollend und nachsichtig ihm gegenüber gab. Stattdessen marschierte er festen Schrittes hinüber und grüßte: »Ihr hättet der Leibgarde Eures Dienstherrn mitteilen sollen, dass ich einbestellt worden bin.«
»Das hätte ich. Wenn ich tatsächlich mit Eurem Erscheinen gerechnet hätte.« Rochefort machte keinen Hehl daraus, dass er nach ihrem Gespräch gestern den Leutnant beinahe aufgegeben hatte. Umso sarkastischer bemerkte d'Artagnan: »Für derart viele 'wenn' und 'hätte' wartet Ihr überraschend geduldig auf mich.«
»Ich bin ein Freund geringer Chancen, das wisst Ihr. Und ich warte offenbar nicht vergeblich, ein gutes Zeichen. Was macht das Auge?«
»Ihr seht Zeichen, wo keine sind.« teilte d'Artagnan unwirsch mit und ignorierte die Frage. »Ich kann jederzeit wieder gehen.«
»Jederzeit.« Rochefort gab dem Diener einen stummen Befehl, der daraufhin das Vorzimmer verließ. »Aber erst nach dieser Unterredung.«
Kaum gesagt, wurde die Tür zum Arbeitszimmer von einem weiteren Lakai geöffnet. Offenbar war d'Artagnans Ankunft bereits gemeldet worden und kurz schmeichelte es ihm, dass er wichtig genug schien, um nicht warten gelassen zu werden. Natürlich irrte er sich. Rochefort hielt ihn am Arm zurück, als er schon die Schwelle übertreten wollte.
Genau in diesem Moment marschierte aus dem Kabinett mit wütender Eile ein älterer Herr. D'Artagnan schätzte ihn mit dem ersten, flüchtigen Ansehen auf etwas über fünfzig Jahre. Sein harter Blick aus grauen Augen und die aufrechte Haltung ließen auf einen selbstbewussten Charakter schließen. Die teure Kleidung, sein ganzer Auftritt standen einem Adeligen von nicht geringem Rang zu. Ein Graf oder gar Herzog? Eine steile Zornesfalte stand ihm auf der Stirn, unzweifelhaft war er in Streit mit dem Ersten Minister dort drinnen geraten. Das musste man sich mit Richelieu erst einmal wagen!