MORGEN - Christa Dautel - E-Book

MORGEN E-Book

Christa Dautel

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Beschreibung

Diese Kurzgeschichten erzählen unaufgeregt und zugleich eindrücklich von Erfahrungen und Schicksalen, wie sie sich in jedem Leben ereignen können. Ihr Sog besteht in der Schlüssigkeit der Charaktere, mit denen man hofft und fühlt. Sie sind spannend geschrieben und berühren gerade durch ihre Alltäglichkeit. Protagonisten wie die zurückgezogen lebende ältere Frau, die all ihre Sehnsucht nach Kommunikation und Schönheit mit regelmäßigen Antikmarktbesuchen zu stillen versucht, oder der Ehemann, der erst nach dem Tod seiner Frau zu begreifen beginnt, wie wenig er sie gekannt hat. Oder der erblindende Architekt, der durch einen alten Freund wieder Hoffnung schöpft: Es ist häufig das letzte Lebensdrittel, in dem nochmal Bewegung in die Lebenswege kommt. Dabei gelingt es nicht allen, ihr Leben zu ordnen, sich zu befreien und einen Neubeginn zu wagen. Manches wird erst im Rückblick klar, verpasste Chancen werden zu spät erkannt. Die behutsamen Schilderungen der Autorin lassen den Leser noch lange nachdenklich zurück.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Christa Dautel

MORGEN

Kurzgeschichten

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Antikmarkt

Die Sammlung

Morgen

Sprachlos

Mit den Augen des Freundes

Matthias

Abschied

Impressum neobooks

Antikmarkt

Antikmarkt – heute war wieder so ein Tag, an dem es sich lohnte, aufzustehen, sich zu recht zu machen, heute war wieder ein Tag, an dem sie etwas vorhatte. Sie konnte planen, überlegen wie sie dorthin kommen könnte, sie hatte ein Ziel.

Sie machte sich Gedanken über ihre Kleidung, an solchen Tagen zog sie nicht einfach das Nächstliegende an, an solchen Tagen wollte sie gefallen. Sonst war es ihr egal, wie sie aussah, es kam ja sowieso keiner vorbei und sie ging nirgendwohin, nur mal eben zu Aldi, um das Nötigste einzukaufen. Bei Aldi sieht keiner den anderen an, alle haben nur das Ziel möglichst schnell und billig einzukaufen. Aber auf den Antikmärkten war es anders, man konnte sich schöne Dinge zeigen lassen, sie lange ansehen, in der Hand halten, sie hin und her drehen, man konnte sich dabei vorstellen, diese Dinge zu besitzen. Der Verkäufer stand nicht nur wortlos da, er unterhielt sich mit den Kunden, er zeigte ihnen alles, das war umso vieles persönlicher und deswegen legte sie an diesen Tagen Wert auf ihr Äußeres.

Sie beschloss ihr kleines, kariertes Röckchen anzuziehen, das war das beste Stück in ihrer Garderobe. Sie wusste sehr wohl, dass dieser Rock ein wenig zu kurz war, sie hatte jedoch keine andere Wahl, sie hatte wirklich nichts Besseres. Ihre Garderobe war ziemlich trostlos, im Sommer fiel sie damit nicht so sehr auf, aber im Winter, wenn alle ihre dicken Pelzmäntel hervorholten, dann sah ihr fadenscheiniges Mäntelchen ziemlich armselig aus. Sie zog das karierte Röckchen an und dazu die etwas eng gewordene braune Weste, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. Die Haare wusch sie sorgfältig, heute gönnte sie sich eine kleine Spülung, dann sahen die Haare besser, gepflegter aus und standen nicht so wirr vom Kopf ab.

Gleich nach dem Frühstück wollte sie losgehen, der Eintritt musste sich lohnen. Sie packte die vorbereitete Stulle ein, füllte die Wasserflasche mit frischem Leitungswasser und los ging es.

Sie hatte sich viel Mühe mit der Auswahl der Antikmärkte gemacht, die sie regelmäßig aufsuchen wollte. Sie hatte nacheinander alle besucht, manche sofort gestrichen, einige ein paar Mal aufgesucht, sich zu Hause immer sorgfältig Notizen gemacht, die Vor – und Nachteile genau beschrieben und nach langer Vorarbeit sich entschlossen nur noch die Märke in den beiden größten Einkaufszentren der Stadt zu besuchen. Es war eine schöne Zeit gewesen, als sie mit dieser Auswahl beschäftigt war, es war ein so befriedigendes Gefühl, etwas getan zu haben. Sie fühlte sich fast so glücklich, wie an den seltenen Tagen in der Firma, wenn sie von der Gruppenleiterin der Buchhaltung für ordentliche Arbeit gelobt worden war.

Sie konnte nicht auf alle Märkte der Stadt gehen, dazu reichten ihre Mittel nicht aus, auch wenn sie nie etwas kaufte. Außerdem war sie der festen Meinung, zu häufige Besuche würden ihre Freude im Lauf der Zeit schmälern. So hatte sie 8 Sonntage im Jahr, auf die sich freuen konnte und den Besuch dieser Antikmärkte konnte sie auch in aller Ruhe vorbereiten.

Diese beiden Orte hatte sie letztendlich ausgewählt, weil dort die Leute überwiegend freundlich und selten ungeduldig waren. Hier konnte sie ziemlich sicher sein, nicht beschimpft zu werde weil sie immer so lange für ihre Entscheidung brauchte und dann doch immer unverrichteter Dinge wieder ging. Auf den anderen Märkten die sie alle getestet hatte, war es schon mal passiert, dass sie von den Ständen mit lauten Beschimpfungen vertrieben worden war.

Sie dachte daran, als sie das erste Mal auf einem Antikmarkt gewesen war, sie war zufällig dort hineingeraten. Auf einem ihrer einsamen Sonntagsspaziergänge an der Alster war sie von einem heftigen Gewitter überrascht worden. Vor Gewittern hatte sie schon immer panische Angst gehabt und von der Angst getrieben ist sie in das große, weiße Hotel hineingegangen. Sie hatte damals voller Staunen diese große Hotelhalle betrachtet, die Menschen, die sich dort wie selbstverständlich bewegten, sie konnte sich gar nicht satt sehen und ließ sich einfach ein wenig mit den Hotelgästen mittreiben. In einem Flügel des Hotels war gerade ein Antikmarkt und damals hatte sie zum ersten Mal diesen Teller mit der roten Rose gesehen. Es war ein einfaches, aber wunderbar gemaltes Dekor, ihr gefiel gerade die schlichte Art des Tellers und seit dieser Zeit träumte sie davon, einen dieser Teller zu besitzen.

Um 10 Uhr öffnet der Markt, um pünktlich da sein zu können, nahm sie den Bus um 9 Uhr und fuhr Richtung Alstertal. Eine Station vor dem Einkaufszentrum stieg sie wie immer aus, dann kostete der Bus 1 € weniger und der Fußmarsch würde ihr gut tun.

In ihrem kurzen Röckchen, der engen Weste und den Turnschuhen sah sie etwas verloren aus, sie wusste das wohl, aber sie war es auch gewohnt, nirgendwohin zu gehören, immer außerhalb zu stehen. Sie hätte gerne zu den anderen dazu gehört, mit ihnen gelacht, gefeiert, getanzt, sich auch mal verliebt und gehofft, ein junger Mann würde sie aus ihrem einsamen Leben herausholen. Aber es geschehen keine Wunder und so blieb sie nach dem Tod der Mutter ganz allein zurück, seither gab es niemanden mehr, der sich für sie interessierte. Eigentlich hatte sich auch die Mutter nie für sie interessiert, sie war nie wichtig gewesen, sie war nur dazu da, der Mutter alles abzunehmen, nur für sie da zu sein und ihr ewiges Nörgeln und Schimpfen zu ertragen. Aber das war nun vorbei und trotz der lähmenden Einsamkeit sehnte sie sich nicht nach der Mutter, sie war froh, sie los zu sein!

Punkt 10 Uhr betrat sie das Einkaufszentrum, sie suchte wieder den Stand mit dem wertvollen Porzellan. Schon beim ersten Besuch dieses Antikmarktes hatte sie an diesem Stand den Teller mit der roten Rose entdeckt. Ein junger Mann, der offensichtlich seinem Vater zur Hand ging, hatte ihr den Teller gezeigt. Er war sehr freundlich zu ihr gewesen, obwohl sie nichts gekauft hatte, nichts kaufen konnte. Seither ging sie jedes Mal auf diesem Antikmarkt zu dem Stand von Vater und Sohn.

Sie würde diesen Stand erst gegen später besuchen, sie wollte sich ein wenig umsehen, sie freute sich darauf, mit diesem jungen Mann zu sprechen, er war immer so zuvorkommend, so höflich und freundlich zu ihr, er verlor nie die Geduld , er sah sie nie mit dem mitleidigen Lächeln an, das die anderen so oft im Gesicht hatten. Mit ihm konnte sie beinahe normal sprechen, bei ihm hatte sie nicht das Gefühl nur lästig, dumm und überflüssig zu sein. Heute hatte sie sich auf diese Begegnung besonders sorgfältig vorbereitet!

Sie dachte an die Zeit zurück, in der sie in diesem Alter gewesen war. Damals – wenigstens dieses eine Mal in ihrem Leben - hatte sich ein Mann für sie interessiert. Damals arbeitete sie in der Buchhaltung einer großen Firma und er verteilte die Post im Haus. Sie hatte ihn schon lange beobachtet, ihr gefiel seine stille Art, sein freundliches Lächeln, nie sah er mürrisch aus, sie begann auf den Augenblick zu warten an dem er an ihrem Arbeitsplatz vorbeikam. Sie lächelte zurück und an einem schönen Sommermorgen sprach er sie plötzlich an, sie spürte heute noch, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg und wie sie unfähig war, zu antworten. Er sagte nur, welch schöner Morgen und schien gar nicht böse zu sein, dass sie nur mit dem Kopf nicken konnte, er ging weiter in den nächsten Raum, um seine Post den Adressaten zu bringen.

Aber an jenem Morgen, als in der Firma alles auf dem Kopf stand, als das Gerücht aufkam, die Firma habe Konkurs anmelden müssen, als keiner so richtig wusste, was los war und was dies bedeutete, an diesem Morgen, als sowieso alles anders war, da sprach er sie wieder an und fragte, ob sie den neuesten Film im Abaton Kino schon gesehen habe. Wie konnte er annehmen, dass sie diesen Film gesehen hatte, sie war schon so lange nicht mehr im Kino gewesen, die Mutter würde es niemals erlauben, seit dem Tod des Vaters musste sie jede freie Minute bei der Mutter sein, musste für sie den Haushalt führen, waschen, putzen, einkaufen, kochen und wieder waschen ….Nie bekam sie ein anerkennendes Wort für ihre Arbeit im Haushalt, nie hörte sie ein einziges freundliches Wort. Früher hatte der Vater ihr einen Großteil der Arbeit abgenommen, aber auch für ihn hatte die Mutter nie ein freundliches Wort gehabt. Manchmal kam ihr der Verdacht, der Vater sei nur gestorben, um dem ewigen Nörgeln der Mutter zu entkommen.

An diesem Morgen, als der Mitarbeiter von der Poststelle sie ansprach, war die Welt sowieso aus allen Fugen geraten und sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte, nein, den Film kenne sie noch nicht, aber sie würde ihn sehr gerne sehen. Er schien sich zu freuen und so verabredeten sie sich für den Abend. Den ganzen Tag über machte sie Pläne, wie sie ihrer Mutter sagen konnte, dass sie mit einem Mann ins Kino gehen würde. Es würde eine harte Auseinandersetzung geben, das wusste sie und diesen Auseinandersetzungen war sie nicht gewachsen, am Ende tat sie doch alles, was die Mutter wollte. Aber dieses eine Mal wollte sie sich nicht dem Willen der Mutter beugen und so machte sie sich die Notlage der Firma zunutze und erzählte hastig und stotternd der Mutter, sie müssten alle Überstunden machen in der Buchhaltung, um die Lage der Firma zu klären.

Sie gingen zusammen ins Kino, von dem Film hatte sie wenig mitbekommen, der Film schien irgendwie lustig zu sein, der Mann neben ihr lachte unentwegt und sie hatte nur ständig Angst, an der falschen Stelle zu laut zu lachen. Sie gingen noch 2 oder 3-mal zusammen ins Kino, einmal gingen sie sogar zusammen Essen. Sie konnte damals kaum einen Bissen herunterbringen, sie war so aufgeregt und so ängstlich darauf bedacht, alles richtig zu machen, der Teller wurde nach einiger Zeit fast unberührt wieder abgeräumt. Sie war sicher, der Mann würde sie nun nie mehr fragen, ob sie zusammen ausgehen wollten. Als er sie am nächsten Tag fragte, ob sie mit ihm zusammen das große Feuerwerk des Kirschblütenfests an der Alster ansehen wolle, da raste ihr Herz, mit hochrotem Kopf konnte sie nur stammeln, sie würde gerne mitgehen. Der Mutter hatte sie nichts von ihm erzählt und ihr abendliches Fernbleiben weiter mit den Schwierigkeiten in der Firma erklärt. An diesem Abend war es sehr spät geworden und als er sie nach Hause begleitete und an der Tür kurz in den Arm nahm, da hatte sie sich einen Augenblick ganz lebendig gefühlt, sie sah ihm nach, als er ging, ihr Herz klopfte zum Zerspringen und im selben Augenblick wusste sie, dass ihre Mutter die Notlügen nicht mehr glaubte, dass sie etwas ahnte und alles zerstören würde.

An all dies dachte sie, als sie den jungen Mann aus der Ferne beobachtete, sie beneidete ihn um seine Fröhlichkeit, um sein sicheres Auftreten. Sie überlegte sich, was er wohl beruflich machte, vielleicht studierte er noch, sie hätte es zu gerne gewusst. Er sah gut aus, groß, schlank, die dunklen, dichten Haare hatte er mit Gel zu bändigen versucht, er war gut angezogen nur die Turnschuhe, die er zum Anzug trug, gefielen ihr nicht.

Sie ging weiter, sie wollte sich diesen Besuch bis zum Schluss aufbewahren, auch wenn sie dann vielleicht etwas müde sein würde, das war ihr gleichgültig, die Vorfreude wollte sie möglichst lange genießen.

Sie sah sich alle Stände an, im Erdgeschoß und auch die im unteren Geschoß, aber kein Stand gefiel ihr so gut wie der von dem Vater mit dem Sohn.

Das Umhergehen in dem überheizten Einkaufszentrum machte sie durstig, sie ging in eine ruhigere Ecke des Zentrums, kramte in ihrer großen Tasche, die sie von der Mutter übernommen hatte nach der Flasche mit dem Wasser. Gierig trank sie einen Schluck und trank beinahe die ganze Flasche in einem Zug aus, wie gut, dass sie hier die Flasche wieder auffüllen konnte. Voller Neid sah sie die Besucher des Zentrums, die in dem gemütlich aussehenden Cafe an den kleinen Tischchen saßen, sich angeregt unterhielten und dabei genüsslich ihren Kaffee tranken und ein Stück der köstlich aussehenden Torten auf ihrem Teller hatten. Ob diese Menschen eigentlich wussten, welches Glück sie hatten, ob diese sich ihre Einsamkeit vorstellen konnten? Sie war allein, sie würde immer alleine sein, das wusste sie, und trotzdem träumte sie immer wieder davon, jemanden zu haben mit dem sie wenigstens ab und zu etwas gemeinsam unternehmen könnte, die Einsamkeit lähmte sie an manchen Tagen vollkommen, sie sehnte sich nach der Nähe anderer.

Sie ging langsam zurück zum Eingang, an dem sie hereingekommen war, von weitem schon sah sie den jungen Mann, er unterhielt sich mit einem älteren Herrn, einem sehr gut aussehenden älteren Herrn. Sie ging näher hin, dem Gespräch der beiden konnte sie entnehmen, dass der junge Mann tatsächlich noch Student war, er studierte Medizin und schien kurz vor dem Abschluss zu stehen. Der ältere Herr war offenbar ein Medizinprofessor, die beiden unterhielten sich sehr angeregt und schienen die Umwelt gar nicht mehr wahrzunehmen.

Sie hatte nicht wirklich damit gerechnet, von dem jungen Mann beachtet zu werden und schon gar nicht, wenn er mit einem so in ein Gespräch vertieft war. Das Blut schoss ihr in die Wangen, als der junge Mann sie sah, sein Gespräch kurz unterbrach und zu ihr sagte, er würde ihr sofort ein besonders seltenes Stück von dem Dekor der roten Rose bringen. Es sei eines der ältesten Stücke aus dieser Serie, eine ganz ausgefallene Form, dieser Teller würde ihr bestimmt gefallen.