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Ein Ehepaar rutscht in eine Krise, aus der die Beteiligten nicht mehr so leicht herauskommen, wie sie hineingeraten sind. Die scheinbare Idylle im Konstanzer Einfamilienhaus von Markus und Sabine ist plötzlich in Frage gestellt, als Markus anfängt, sich scheinbar grundlos seltsam zu benehmen. Er kündigt den Job und fährt in die Welt ohne seine Frau. Erst im Laufe der Zeit merkt der Leser, was ihn zu seinem Aussteiger-Verhalten veranlasst hat. Nach einigen Verwicklungen erkennt Markus, welche Werte im Leben wichtig sind und dass es endlich Zeit für ihn wird, sich nicht mehr selbst zu belügen.
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Merit Stocker wurde 1954 auf der Insel Reichenau geboren. Nach der Ausbildung zur Grafikerin an der Bodensee Kunstschule arbeitete sie als Gärtnerin auf der Insel Mainau und heiratete einen Mainau-Gärtner. Als Hausfrau und Mutter von drei Kindern schrieb und illustrierte sie das Kinderbuch »Ingo Pingo fährt nach Urlaub«.
Mit dem beruflichen Wiedereinstieg kamen neue Herausforderungen: Neukunden-Akquise, Verkauf, Außendienst und Seniorenbetreuung. Inzwischen lebt sie in Konstanz, hat die Freude am Schreiben für sich entdeckt und endlich die Zeit dafür. Ihr zweiter Roman ist bereits in Arbeit.
MERIT STOCKER
BODENSEE-ROMAN
Alle Personen sind frei erfunden - bis auf Jürgen von der Weinstube Niederburg, der mir das Einverständnis zur Nennung seines Namens gegeben hat.
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1. Auflage 2019
© 2019 by Silberburg-Verlag GmbH,
Schweickhardtstraße 5a, D-72072 Tübingen.
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung, Satz und Layout:
César Grafik GmbH, Köln.
Coverfotos: © PK-Photos, iStockphoto,
© Ridofranz, iStockphoto.
Lektorat: Michael Raffel, Tübingen.
Druck: CPI Books, Leck.
Printed in Germany.
ISBN 978-3-8425-2186-5
eISBN 978-3-8425-2312-8
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Plan B
Kleine Ursache – grosse Wirkung
Heimlichkeiten
Unerwartete Wende
Das Treffen mit Ueli
Die Ruhe vor dem Sturm
Das Treffen mit Sam
Die Bombe platzt
Das Date
Fastnacht
Die Einladung
Das Date mit Marlen
Das Intermezzo
Himmelwärts
Im Paradies
Der Absturz
Am selben Tag
Vermisstenmeldung
Osterüberraschungen
Das Beste zum Schluss
Danksagung
So hatte er sich den gestrigen Abend nicht vorgestellt. Markus saß mit leerem Blick auf einem weiß lackierten Stuhl aus Eisen – eiskalt, weshalb er nur auf der Stuhlkante hockte –, die Augen zu Boden gerichtet, und dachte nach. Was sollte er tun? Die Zigarette war zur Hälfte geraucht. Dünn und steil stieg der Rauch aufwärts, wo er sich im winterblassen Himmel verlor.
Der Vorfall gestern Abend war wieder einmal eine Bestätigung dafür, dass es keinen Sinn mehr hatte. Da war nichts mehr zu retten.
Er betrachtete die blauen Turnschuhe an seinen Füßen. Die Kuppen waren abgestoßen, die Farbe abgewetzt. Es war ihm noch nie aufgefallen. Er würde sich ohnehin bald neue kaufen.
Ein leises »Fuck« entfuhr ihm, als die Asche der Zigarette abfiel und auf seiner frisch gewaschenen Jeans zerstob. Er stand auf, klopfte die Asche von seiner Hose und drückte die Kippe in die vom Nieselregen aufgeweichte Masse des überquellenden Gussaschenbechers. Ein ekelhafter Anblick. Sein ganzes Leben erschien ihm trostlos und farblos. So wie dieser nasskalte trübe Wintertag.
Die Pause war längst vorbei, die Kollegen wieder an die Arbeit gegangen, doch das interessierte ihn nicht. Er schaute in Richtung des Säntis in der Schweiz, dessen Gipfelkreuz man an besonders klaren Tagen von Meersburg aus sogar sehen konnte. Heute aber nicht; regenverhangenes Grau über dem See verdeckte den Blick auf das gegenüberliegende Ufer. Er seufzte, nahm den Zettel, der sein Leben verändern würde, aus seiner Hosentasche, faltete ihn auseinander und warf noch einmal einen Blick darauf. In diesem Moment fasste er den endgültigen Entschluss: Der Zettel und die Reise in die Karibik würden sein Geheimnis bleiben. Er musste mit dem Anruf noch warten, damit keine Post nach Hause kam und niemand versuchen würde, telefonisch mit ihm Kontakt aufzunehmen. Sabine sollte nichts davon erfahren.
Er nickte.
Ihm war kalt. Langsam wurde es Zeit, sich wieder an die Arbeit zu machen. Bevor er hineinging, faltete er den Zettel wieder zusammen und steckte ihn gedankenverloren in die Hülle der Zigarettenschachtel.
In seinem geräumigen Büro des Wassner Verlags herrschte angenehme Wärme. An trüben Tagen wie diesem drang trotz der hohen Fenster nur wenig Licht ins Innere. Zwei Büroleuchten über den Schreibtischen strahlten auf seinen Arbeitsplatz herunter.
Das leise »Pling« einer eingehenden E-Mail holte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Ach, der schon wieder! Das Fenster mit dem Text »Der Absender hat eine Lesebestätigung angefordert« erschien.
Diesmal nicht, entschied Markus trotzig. Der hat doch nur wieder etwas auszusetzen. Wahrscheinlich will er wieder x Änderungen – gratis, versteht sich, wie immer. In seinen Zuständigkeitsbereich fiel eine Zeitschrift, die sich hauptsächlich über Anzeigenwerbung finanzierte. Die Anzeigenkunden nervten ihn zunehmend mit ihren Ansprüchen und Extrawünschen.
Verstohlen klickte er sich wieder einmal durch diverse Sexseiten und landete schließlich fast rein zufällig auf der Seite einer Partnerbörse. Unzählige Singlefrauen, die ihn mit vielversprechenden Blicken anlächelten, zogen ihn in ihren Bann. Unruhig rutschte er auf seinem Swopper hin und her.
Einerseits ergriff ihn der Reiz knisternder Erotik. Der Kick von etwas Verbotenem, aber auch das Gefühl von einem bekannten, längst vergessenen Zauber. Andererseits beschlich ihn ein ungutes Gefühl von Gefahr, seine Ehe aufs Spiel zu setzen. Oder war es eher die Angst vor Veränderung?
Besser du lässt die Finger davon, warnte ihn eine innere Stimme. Abrupt schloss er die Seite und widmete sich nun den E-Mails. Die lächelnden Schönheiten wirkten jedoch in seinem Hinterkopf in latenter Weise weiter.
Die erleuchteten Fenster seines Hauses wirkten einladend und gaben ihm das Gefühl von Geborgenheit. Obwohl es schon Februar war, hing der glitzernde weihnachtliche Stern noch immer an der grün gestrichenen Haustür. In einer Hand hielt er den Blumenstrauß, mit der anderen fischte er mit klammen Fingern nach dem Schlüssel in seiner Manteltasche und schloss auf. Gleich war es so weit. Sabine wird Augen machen, dachte er voller Vorfreude.
»Sabine?«
Gut gelaunt lief Markus Richtung Küche und schaute zur Tür hinein. Ein Edelstahltopf und eine schwarze Pfanne standen dampfend auf dem Herd. Es roch verführerisch nach Braten. Von seiner Frau war nichts zu sehen. Er ging ins Wohnzimmer.
»Sabine!«
Sie stand mit dem Telefon am Ohr am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Als sie ihn rufen hörte, drehte sie sich rasch um und bedeutete ihm mit hektischen Handzeichen, still zu sein. Während sie weiterhin der Stimme im Hörer lauschte, wanderte ihr Blick an ihm hinunter. Plötzlich riss sie die Augen auf.
»Was ist das denn?!«, schrie sie. »Igitt, Hundescheiße!« Schnell legte sie eine Hand vor die Muschel. »Ja spinnst denn du, so in der Wohnung herumzulaufen?! Pfui Teufel!«
Markus schaute auf seine Schuhe. Am rechten klebte eine braune Masse. Ein Blick zurück bestätigte, dass die Masse auf seinem Weg durch die Wohnung einige Flecken hinterlassen hatte.
Sabine wandte ihm den Rücken zu.
»Entschuldigung, das hat nichts mit Ihnen zu tun, es ist nur … Ja, so weit alles in Ordnung, kein Problem, ich hatte mich nur erschrocken, tut mir leid.«
Markus schlich wie ein begossener Pudel zur Garderobe, wo er den Mantel aufhängte und die Schuhe vorsichtig auszog.
»Es ist nicht zu fassen, jetzt läuft er auch noch damit zurück!« Sabine stand hinter ihm, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihre haselnussbraunen Haare waren unordentlich mit einer Spange zusammengeklemmt, einzelne Strähnen hatten sich gelöst und hingen ihr ins Gesicht.
»Tut mir leid, ich habe das gar nicht gemerkt«, erklärte er zerknirscht.
»Du und etwas merken«, maulte sie. »Fehlanzeige!«
»Ich mach das doch gleich weg«, gab er gereizt zurück.
»Das will ich auch hoffen, oder denkst du etwa, ich bin hier die Putzfrau vom Dienst?«
»Sieh mal, ich habe dir einen Blumenstrauß mitgebracht.«
Unbeholfen entfernte er das Papier und hielt ihr den Strauß mit roten Amaryllis, weißen Tulpen und gelben Nelken hin.
Ohne die Blumen zu beachten, riss sie den Strauß an sich. »Und wofür ist der? Meistens hat ein Mann was ausgefressen, wenn er Blumen mitbringt – fast immer steckt Fremdgehen dahinter.« Sie funkelte ihn mit schief gelegtem Kopf an. »Ich tippe auf diese neue Tussi in deiner Firma, die ach so nette Kollegin!«
»Sabine, was ist eigentlich los mit dir? Ich wollte dich überraschen und …«
Ein grässlicher Pfeifton ließ beide vor Schreck erstarren.
Sabine fing sich als Erste. Der Rauchmelder!, schoss es ihr durch den Kopf. »Das Essen!«, rief sie, stürzte in die Küche und zog die qualmenden Töpfe vom Herd. Markus riss das Fenster auf und schlug mit der Faust auf den Rauchmelder. Der fiel zu Boden, schrillte aber immer noch weiter, worauf Markus ihn aufhob und ihn kurzerhand aus dem Fenster warf. Jetzt war Schluss mit lustig.
Während Sabine mit steinerner Miene den Herd und die angebrannten Töpfe schrubbte, machte er sich daran, die eingeschleppten Hinterlassenschaften wegzuwischen.
»So, das ist erledigt, ich habe noch etwas Febreze draufgesprüht, damit man nichts mehr riecht.«
»Damit man nichts mehr riecht!«, echote sie. »Bis der ganze Gestank hier raus ist, dauert es Tage, und die Pfanne kann ich wegschmeißen!« Ihre Stimme war eisig. »Das ist alles nur deine Schuld!«
»Jetzt mach aber mal einen Punkt! Warum bin ich schuld, wenn du das Essen anbrennen lässt?« Wut stieg in ihm hoch. »Es war doch eher so, dass Madame telefoniert hat. Mit wem hast du überhaupt dieses ominöse Gespräch geführt?«
»Das war eine Interessentin, die sich auf meine Anzeige für Klangschalen-Therapie gemeldet hat. Sie hat richtig heftige Probleme mit ihrem Mann. Und zu allem Überfluss wird sie auch noch am Arbeitsplatz gemobbt!« Es folgten eine kurze Unterbrechung und ein eindringlicher Blick, um Markus die ganze Tragweite der Situation begreiflich zu machen, bevor sie fortfuhr: »Sie braucht dringend etwas zur Entspannung und Selbstfindung. Wir waren kurz vor einer Terminvereinbarung, aber du musstest ja mitten reinplatzen, unsensibel, wie du bist, und mit deiner Hundescheiße!«
Der Versuch, an diesem Abend eine Wende in ihrer verfahrenen Ehe einzuläuten, scheiterte ausgerechnet an ein bisschen Hundescheiße. Im Unterschied zu früher – also bis zur letzten Woche – unternahm Markus nichts mehr, um Sabine umzustimmen. Er hatte es satt. Stattdessen suchte er eine Vase, fand aber keine passende. Schließlich entschied er sich für eine zu hohe Keramikvase – ein Hochzeitsgeschenk, das er schon immer scheußlich fand –, in die er den Strauß steckte, und platzierte sie auf dem Couchtisch. Missmutig ließ er sich auf das Ledersofa fallen und schaltete den Fernseher ein.
Wenigstens fiel so nicht auf, dass keiner mehr etwas sagte.
»Ich geh dann mal ins Bett«, hörte er Sabine rufen. Erleichterung.
Nun denn, auf einen gemütlichen Abend mit ihr hatte er sowieso keine Lust mehr. An Sex war zudem schon lange nicht mehr zu denken.
Seine Gedanken wanderten zurück zu dem strahlenden Sommertag, an dem er Sabine das erste Mal gesehen hatte. Auf dem Segelboot seines Freundes Ueli. Sie war braun gebrannt und trug einen weißen Bikini mit roten Kirschen drauf. Pflück mich.
Das war lange her. Sie arbeitete als Erzieherin und wohnte in einer kleinen Wohnung im Stadtteil Paradies. Und sie war so anders. Was es mit diesem Anderssein auf sich hatte, konnte er sich nicht erklären, aber gerade dieses Unergründliche an ihr gefiel ihm. Er wollte sie näher kennenlernen. Er hatte sie spontan gefragt, ob sie ihn zum Reichenauer Weinfest begleiten wollte, und wider Erwarten hatte sie die Einladung angenommen. So saßen sie schließlich mit zwei Gläsern und einer Flasche des begehrten Reichenauer Hochwart Spätburgunders auf einem Bootssteg am Yachthafen – sie in einer weißen Jeans und einem schwarzen Neckholder, er in beigefarbenen Bermudas und einem Hawaiihemd –, ließen die nackten Füße über dem Wasser baumeln und unterhielten sich über Gott und die Welt.
Die Luft war warm, schwül und schwer von dieser typischen süßen Trägheit der Augusttage am Bodensee. Die Psychoband spielte, und farbige Lichter tanzten auf dem nachtschwarzen Wasser, das sich sanft unter ihnen bewegte. Ja, so fing es an. Der Spätburgunder tat sein Übriges.
Markus holte Luft, als er den Bogen in die Gegenwart zurückschlug.
Zwölf Jahre später erschien ihm alles unwirklich, wie ein verblasster Traum aus einer anderen, längst vergessenen Zeit. Sie hatten bald nach dem Kennenlernen geheiratet. Sabine wollte unbedingt Kinder haben. Sie kauften ein Haus mit einem Garten, doch die ersehnte Schwangerschaft trat nicht ein. Das Zimmer, das nie zu einem Kinderzimmer wurde, war neuerdings zu Sabines Schlafzimmer umfunktioniert worden. Die Begründung war einleuchtend. Sabine las gerne bis in die Nacht Krimis, während er bei Licht nicht schlafen konnte. Ergo schlief er fortan im Dunkeln alleine.
»Wenn du was willst, kannst du ja kommen«, hatte sie gesagt. Was für ein Satz! Er hatte sich wie ein Bedürftiger gefühlt. Dass sie was wollte, schien nicht in Frage zu kommen.
Er konnte nicht umhin, sich die Szene bildhaft vorzustellen, wie seine Frau im selbst gefärbten Batikshirt und selbst gestrickten Ringelsocken bäuchlings in ihr Buch vertieft auf dem Bett lag, während er sich in ihr Zimmer schlich. Wie sie ihn, derweil er sie von hinten nahm, gewähren lassen und dabei seelenruhig weiterlesen würde.
Welch ein Szenario! Nein danke. Bevor es so weit kam, verzichtete er lieber ganz. Unwirsch ging er auf die Terrasse, um eine zu rauchen.
Eigentlich hatte er sie ja mit der Karibikreise überraschen wollen. Der Blumenstrauß war nur zur Einstimmung gedacht, vor dem großen Tada-Effekt. Dazu kam es ja nun nicht. Aber gut, dann eben nicht, es geht auch anders, sagte er sich trotzig. Wie anders musste er zwar noch herausfinden. Schaudernd vor Kälte drückte er die Zigarette aus und ging wieder nach drinnen.
Der Himmel hatte diese schwarzblaue Farbe kurz vor der Morgendämmerung, als Markus die ausgetretenen, ebenfalls abgenutzten Lederschuhe anzog und das Haus verließ. Die Turnschuhe waren im Mülleimer gelandet.
Sein Weg führte die Fischerstraße hinunter Richtung See. Es war eher ein vorsichtiges Tapsen als ein Gehen, denn der Regen war über Nacht gefroren. Im schwachen Licht der Straßenlaternen versuchte er, die glänzenden, glatten Stellen auf dem Boden auszumachen, um sie zu umgehen.
Der hell erleuchtete Fährhafen erschien im Kontrast zu dem dramatisch wirkenden schwarzblauen Himmel freundlich und einladend. Er kam gerade noch rechtzeitig auf die »Tabor«, bevor sich die Schranke senkte. Mit dröhnenden Motoren legte sie ab und nahm Kurs auf Meersburg. Vereinzelt kreischten Möwen, die Insel Mainau lag verschlafen da, in leichten Nebel gehüllt. Es sah aus wie ein Bild aus einem Märchenbuch.
Markus atmete erleichtert die kalte Luft ein. Diese Überfahrten taten ihm gut. Sie fühlten sich an wie Freiheit. Alles Anstrengende blieb hinter ihm zurück. Sabine. Er hatte sie heute Morgen noch nicht gesehen, aber das war nicht verwunderlich. Er verließ das Haus schon lange ohne Frühstück, nahm lieber einen Kaffee auf der Fähre und manchmal auch ein Croissant oder eine Butterbrezel. Heute aber nur einen Kaffee.
Mit der Tasse in der Hand stierte er wie hypnotisiert in den schäumenden Wasserstrudel am Heck, während Konstanz kleiner und kleiner wurde.
Der Gedanke an Sabine ließ sich aber heute nicht abschütteln. Woran es wohl lag, dass sie sich immer mehr von ihm zurückzog?
Vor drei Jahren hatte sie ihre Stelle als Erzieherin gekündigt. Sie wolle nicht länger die Kinder anderer Leute erziehen und bespaßen müssen. Das sollten die Eltern gefälligst selbst übernehmen. Die Eltern waren Sabines größtes Problem. Die wüssten sowieso alles besser und nähmen sich unheimlich wichtig. Sabine wollte eigene Kinder haben. Die Aussicht darauf, Vater zu werden, löste in Markus gemischte Gefühle aus. Er verspürte nicht diesen glühenden Wunsch nach einem Kind wie Sabine, aber er wollte es ihr nicht verwehren und schwieg dazu.
Er meinte damals, sie könnte doch bis zur Schwangerschaft weiterarbeiten. »Du hast aber auch von nichts eine Ahnung«, warf sie ihm daraufhin an den Kopf. Auf sein Nachfragen bekam er anstelle klarer Antworten nur Andeutungen zu hören. Es musste wohl mit dem Stress zusammenhängen. Ihrem Stress. Inwieweit oder ob er diesen verursachte, hatte er nicht herausfinden können.
Nachdem sie zwei Jahre später noch immer nicht schwanger war, absolvierte sie, entgegen seinem Einwand, damit könne man doch kein Geld verdienen, eine Ausbildung zur Klangschalen-Therapeutin. Nun schaltete sie seit einiger Zeit Anzeigen, um Kunden zu bekommen. Als Grafiker hatte Markus ihre Anzeigen gestaltet und ihr Tipps gegeben, wo es sinnvoll war, zu inserieren. Trotzdem kamen keine Anfragen. Auch nicht aus der Schweiz. Dabei hatte sie sehr auf Schweizer Kundschaft gehofft, die ihrer Meinung nach sowieso viel offener für alternative Therapieangebote war als die Deutschen.
Als Markus so vor sich hin grübelte und über die Schweizer nachdachte, kam ihm Ueli in den Sinn – Ueli! Sofort schickte er seinem Freund eine SMS:
Hoi, Ueli, hast du Zeit für ein Treffen, muss dringend mit dir reden! Markus.
Die Antwort kam erst am späten Vormittag: Hoi, Markus, passt es dir morgen Abend?
Ja, in Güttingen im »Schiff« wie immer, oder?
Ich komme auch gerne mal wieder nach Konstanz.
Ok, dann beim Jürgen? Sie verabredeten sich für den nächsten Tag in Jürgens Weinstube in der Niederburg. Erst morgen, seufzte Markus, na dann …
An diesem Abend waren die Fenster dunkel, und er hatte nicht das Gefühl von Heimkommen und Geborgenheit. Der Glitzerstern an der Haustür konnte daran auch nichts ändern. Missmutig schloss er auf und trat ein.
Der Geruch von Angebranntem schlug ihm entgegen. Jeden Moment rechnete er mit der Fortsetzung des Streits von gestern, aber alles blieb still.
Nachdem er in alle Räume geschaut hatte, war er sicher, dass Sabine nicht da war. Sonst war alles wie immer: sauber und ordentlich. Der Blumenstrauß stand – wie zum Beweis dafür, dass die Geschehnisse von gestern real waren, noch auf dem Couchtisch.
Um sich zu vergewissern, rief er »Sabine?« in die Stille hinein. Als sich nichts regte, atmete er erst einmal durch. Gut. Gut, sie war nicht zu Hause. Komischerweise war er erleichtert statt beunruhigt. Ein Blick in die aufgeräumte, weiße Hochglanzküche bestätigte ihm, dass heute nicht mit einem Abendessen zu rechnen war.
Dann vielleicht eine Pizza, überlegte er und suchte im Internet nach der Webseite von »Prima Pizza«. Die Auswahl war riesig, und er konnte sich kaum entscheiden. Schließlich bestellte er die Nr. 42, aber zusätzlich mit Pilzen, Artischocken, Peperoni und schwarzen Oliven.
Der Mann vom Service seufzte auf. »Ihre Pizza kommt in 20 Minuten«, sagte er, so freundlich er konnte. »Möchten Sie sonst noch etwas?« Diese Frage sollte er gleich wieder bereuen.
Jetzt, wo er gefragt wurde, fiel Markus ein, dass er ganz gerne noch eine Flasche Rotwein hätte. Im Keller war seines Wissens nur noch Hagnauer Sonnenufer Müller-Thurgau, Sabines Hausmarke. Es folgten erneute Verhandlungen. Schließlich bestellte er einen Chianti Classico Berardenga.
Zufrieden räkelte er sich auf dem Sofa, als ihm die lächelnden Frauen wieder einfielen. Die Gelegenheit, einen Blick auf die Seite von Superflirt zu werfen, war günstig.
All diese Frauen sind ohne Partner und haben keinen Sex, ging es ihm durch den Kopf. Wenn man es genau bedachte, war das das Eldorado! Letztlich konnte er gar nicht anders, als sich anzumelden.
Ihm war eine Schönheit ins Auge gefallen, mit der er unbedingt Kontakt aufnehmen musste – und sie war gerade online! Jetzt galt es, die Gunst der Stunde zu nutzen.
Geben Sie ein Passwort ein, kam die Aufforderung. Was denn für ein Passwort?! Er suchte fieberhaft nach einem Wort, denn er befürchtete, dass der rothaarige Traum offline sein könnte, bis sein Anmelde-Prozedere durchgestanden war. Kurz entschlossen gab er » Quickly« ein.
Mit einem Pling war er drinnen und klickte auf das Dialogfenster seiner Auserwählten. Aber jetzt fiel ihm nichts Passendes ein, was er der Dame schreiben könnte, was ihm erneuten Stress verursachte.
»Hallo, schöne Frau« klang peinlich. »Was sucht eine Frau wie du denn hier« ziemlich schleimig. Seine Nervosität steigerte sich. Sie konnte jeden Moment offline gehen. Es endete mit einem platten »Hi, wie geht’s?«
In angespannter Erwartung auf eine Antwort starrte er auf den PC. Nichts geschah.
Er klickte ein paar andere Profile an und hinterließ hier und da eine Testnachricht, während er das grün leuchtende Pünktchen im Auge behielt, das anzeigte, dass Rubin online war.
Das Läuten an der Tür ließ ihn förmlich zusammenzucken. Als er aufmachte, stand ein schmächtiger Pizza-Lieferant davor. Markus bezahlte eilig und stellte die Pizza und den Wein auf dem Tisch ab. Warten. Er konnte nichts essen, obwohl sein Magen grummelte. Noch immer keine Antwort von der rothaarigen Lady mit dem Nicknamen »Rubin«.
Eine geschlagene halbe Stunde verstrich. Sie war immer noch online und musste seine Nachricht längst gelesen haben – oder war die zwischen vielen anderen untergegangen? Vielleicht war die Frau eine eingebildete Ziege? Es gehört sich doch, dass man antwortet, fand er. Sollte er ihr noch mal schreiben?
Plötzlich wurde die Haustür aufgeschlossen, aber diesmal blieb er gefasst. Ehe er sich’s versah, kam Sabine herein.
»Wo warst du denn?«, rief er, als sie ihren Mantel an die Garderobe hängte. Schnell ausloggen und die Seite schließen! In dem Moment kam eine Nachricht. Mist! So ein Mist aber auch!
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich jetzt immer mittwochs zum Yoga gehe«, rief Sabine auf dem Weg zum Bad, das an den Flur angrenzte.
Immer mittwochs Yoga, wiederholte er gedanklich, als wäre er etwas schwer von Begriff.
»Ist die Pizza für mich?«, fragte Sabine verwundert, als sie wenig später im Bademantel vor ihm stand, die schulterlangen Haare offen.
»Ja, die habe ich für dich bestellt«, log er. »Ich habe unterwegs etwas gegessen.«
»Aber da sind ja Artischocken drauf, die mag ich doch gar nicht.«
»Oh, dass muss wohl ein Missverständnis sein, eigentlich ist die Nr. 42 ohne …«
»Macht ja nix, die Artischocken kannst duja essen«, sagte sie. »Du magst die doch.« Sie setzte sich neben ihn aufs Sofa, als wäre nichts gewesen.
»Finde ich total süß von dir, dass du mir eine Pizza bestellt hast.«
Ein bisschen beschämte ihn dieser Satz. Hatte sie es verdient, angelogen und hintergangen zu werden? Noch könnte er seinen Plan wieder ändern.
»Und du, wegen gestern«, legte sie nach, »also, wegen der Blumen, ich wollte mich noch dafür bedanken. Für was waren die denn?« Ein forschender Blick in seine Augen.
»Ach, weißt du …« Er räusperte sich. »Ich wollte dir nur eine Freude machen, einfach so. In letzter Zeit haben wir ja nicht so viel voneinander«, formulierte er seine Worte vorsichtig und schaute an ihr vorbei.
Es folgte eine längere Pause, die er nicht aushielt. Anstatt den Arm um Sabine zu legen, griff er nach der Fernbedienung. Damit konnte er nichts falsch machen. Sabine zog die Beine an und lehnte sich leicht an ihn. Keiner sagte mehr etwas. Im Fernsehen lief »Der Alte«.
In der Pause rauchte Markus bereits die zweite Zigarette auf der Terrasse mit dem schönen Ausblick auf den See. Diesmal im Stehen. Er war nervös. Das Gespräch musste jetzt aber sein. Nach einem letzten tiefen Zug drückte er die Kippe auf dem schmiedeeisernen Geländer aus und warf sie einfach auf den Boden. Er straffte sich und ging wieder hinein.
Die Tür zum Büro seines Chefs, Walter Wassner, Inhaber des Wassner Verlags, war nur angelehnt. Entschlossen klopfte er an.
»Herein«, klang es von innen, und Markus trat ein.
Dieses Büro hatte einen Erker, in dem ein runder Konferenztisch aus edlem Walnussholz stand. Der Boden war auch hier aus Eichenholzparkett. Ansonsten bestand die Einrichtung, im Kontrast zum antiken Stil der Villa, in der der Verlag untergebracht war, aus weißen Büromöbeln mit funktionellem Design.
Bei Markus’ Anblick hob Walter Wassner die Augenbrauen. »Was gibt’s?«
»Äh.« Markus räusperte sich. Sein Hals war plötzlich trocken. »Ich wollte dir nur mitteilen, dass ich nächsten Monat meinen Jahresurlaub nehmen werde.«
»Mitteilen?« Die Dehnung des Wortes war eine eindeutige Botschaft. Wassner lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust, stieß sich mit seinem Stuhl vom Schreibtisch ab und musterte Markus mit zusammengezogenen Augenbrauen.
»Es geht nicht anders«, entgegnete Markus. »Wegen meiner Ehe und …«, stammelte er unbeholfen. Verdammt, er hatte sich überhaupt nicht vorbereitet!
Sein Chef stand auf, sein Gesicht verfinsterte sich.
»Hier wird nichts mitgeteilt, sondern gefragt!«, stellte Walter unmissverständlich klar.
Markus zuckte zusammen. »Es gibt Probleme, und ich brauche Zeit für mich – und meine Frau«, fügte er schnell hinzu.
»So, so, Probleme«, donnerte es nun auf ihn ein. »Ich fass es nicht! Und was ist mit den Problemen der Firma, he?! Was ist mit denen? Muss ich dich daran erinnern, wie die Auftragslage im letzten Jahr war?«
Wassner war aufgestanden. Mit beiden Armen auf seinen Schreibtisch gestützt, schäumte er förmlich. Sein Kopf lief dunkelrot an.
»Und jetzt, wo dieser neue Kunde mit dem ersten großen Auftrag seit Langem kommt, gedenkt der Herr Janssen seinen Jahresurlaub zu nehmen! Bist du jetzt völlig übergeschnappt?«, schrie er und klatschte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Weißt du was, es gibt gar keinen Urlaub. Für niemanden! Ist das klar?!«
»Dann nehme ich eben unbezahlten«, entgegnete Markus und schluckte. So hatte er sich das Gespräch zwar nicht vorgestellt, aber es gab jetzt kein Zurück mehr. Er musste jetzt hart bleiben. »Zudem habe ich Anspruch …«
»Anspruch! Anspruch auf was?«, brüllte jetzt sein Chef und rang sichtlich nach Luft. »Mach du erst mal deine Arbeit, dann sehen wir weiter! Schluss jetzt, Ende der Diskussion.«
Walter schüttelte den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Wenn’s dir nicht passt, kannst du gehen.« Zur Unterstreichung seiner Worte wies er schwungvoll in Richtung Tür.
»Sie drohen mir mit Kündigung? Dafür müssten Sie schon triftige Gründe vorweisen.«
Markus wunderte sich, warum er seinen Chef plötzlich siezte, im Team waren doch alle per Du.
»Triftige Gründe, ha, die habe ich! Glaubst du eigentlich, ich bin blöd? Glaubst du, ich wüsste nicht, auf welchen Seiten du während der Arbeitszeit unterwegs bist? Und dann bist du auch noch zu dämlich, um den Browserverlauf zu löschen. Man könnte ja meinen, du legst es drauf an«, wetterte sein Chef.
Inzwischen war Markus ebenfalls rot angelaufen, allerdings vor Scham.
»Vielleicht solltest du erst einmal damit aufhören, wenn du deine Ehe retten willst.«
»Der Urlaub ist jedenfalls gebucht, ich muss den jetzt nehmen«, ließ Markus nicht locker und trat instinktiv einen Schritt zurück zur Tür, als machte er sich bereit für die Flucht. Aus gutem Grund.
»Soso, du musst.« Walter verharrte einen Moment. »Ich sag dir jetzt, was du musst: Du räumst jetzt sofort deinen Schreibtisch aus und machst, dass du hier rauskommst.«
Die Stimme seines Chefs klang plötzlich gefährlich ruhig und schneidend.
»Ich gebe Claudia Bescheid, damit sie deine Papiere fertig macht. Du bekommst sie mit der Post. Raus jetzt.« Er wies abermals Richtung Tür, wie für den Fall, dass Markus nicht wüsste, wo die war, wandte sich, schwer atmend, zu dem bodentiefen Fenster um und rieb sich das Kinn.
Ohne Widerrede und mit einem dicken Kloß im Hals verließ Markus rückwärts den Raum.
Das Gebrüll in Walters Büro hatte offenbar die Kollegen aufgerüttelt. Versammelt standen sie vor dem Büro des Chefs und stoben auseinander, als Markus herauskam. Irritierte Blicke und unausgesprochene Fragen folgten ihm, als er in seinem Büro verschwand.
Viele persönliche Dinge gab es nicht in seinem Schreibtisch. Pfefferminzbonbons, Papiertaschentücher, ein uralter Taschenrechner, ein ausklappbarer Terminkalender und anderer Kram. Er sammelte alles ein, auch das angestaubte Foto von Sabine in einem Silberrahmen, das wieder zum Vorschein kam, und warf alles in seinen Rucksack. Keiner seiner Kollegen traute sich herein.
Er schlüpfte in seine grüne Outdoorjacke und zog den Reißverschluss zu. Mitten im Raum blieb er stehen und sah sich nochmals um.
Langsam dämmerte ihm, dass er dieses Büro – ja dieses Haus – nie mehr betreten würde, und ein flaues Gefühl stieg in ihm hoch. Eine Mischung aus Trauer und Enttäuschung. Weit entfernt von dem Glücksgefühl, das er sich ausgemalt hatte, wenn er gekündigt hätte – was er im äußersten Fall getan hätte, wie er sich einredete.
Sabine hätte das aber nicht akzeptiert. Er war doch der Hauptverdiener, um nicht zu sagen der Alleinverdiener.
Das auszusprechen erlaubte er sich aber schon lange nicht mehr. Diese Äußerung hatte jedes Mal eine Reihe von Vorwürfen zur Folge, was sie alles für ihn tue und dass sie deswegen sowieso kaum Zeit habe, um regelmäßig arbeiten zu können. Die Flut von Tränen war ebenso vorprogrammiert wie die Schlussbemerkung, er sei ein Egoist.
Diese Karibikreise wollte er mit ihr machen, aber da kam die Sache mit der Hundescheiße dazwischen.
»Unsensibel, wie du bist«, hatte sie außerdem noch gesagt. An diesem Abend hatte er in Erwägung gezogen, sie nicht einzuweihen und sich erst alles in Ruhe zu überlegen. Diese vier Wochen Karibik könnte er auch alleine genießen, eine Auszeit nehmen, ohne dass sie davon erfahren sollte.
Langsam öffnete er die Tür und spähte auf den Flur. Nichts zu hören, gespenstische Leere. Offenbar waren die Kollegen wieder in ihre Büros gegangen. Die kurze Strecke bis zum Eingang lag schnell hinter ihm. Er drückte den geschwungenen Türgriff nach unten, öffnete zum letzten Mal die schwere Eichentür der altehrwürdigen Villa und trat hinaus.
Blendend helles Licht schlug ihm entgegen. Das Panorama der schneebedeckten Schweizer Alpen über dem tiefblauen See breitete sich vor ihm aus, Meersburg im hellgoldenen Licht der noch winterlich blassen Morgensonne. Ein kurzes Innehalten. Aufatmen. Weitergehen. Einfach weitergehen.
Wie in Trance ging er die steile Steigstraße hinunter, die sich holprig und schmal durch die Altstadt von Meersburg schlängelt. Bergab. Fast acht Jahre lang hatte er diesen Weg genommen. Unten angekommen, wurde er sich bewusst, dass er gar nicht nach Hause wollte – und konnte. Das ging jetzt nicht. Sabine war dort.
Unschlüssig stand er an der gelb getünchten Gartenmauer des Hotels »Zum Wilden Mann« und schaute in den winterlich ruhenden Garten mit den zum Frostschutz eingepackten Palmen. Was sollte er Sabine sagen? Alles? Das musste gut überlegt sein. Dazu war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Er musste das Gespräch mit Ueli abwarten. Genau. Sich sammeln und irgendwie den Tag hinter sich bringen. Bloß nichts überstürzen. Er sollte etwas essen.
Die Hände in den Taschen vergraben, trottete er die Uferpromenade entlang zum Café Kohler. Er nahm ein kleines Frühstück auf einem Tablett mit nach draußen. Dort standen einige Stühle mit rot und gelb gemusterten Kissen. Rote Wolldecken lagen bereit, sodass man es sich an sonnigen Tagen wie heute durchaus im Freien gemütlich machen konnte – und rauchen.
Die knorrigen Äste der gestutzten Platanen ragten gegen den blauen Himmel. In ein paar Wochen würden erste Triebe sichtbar sein. Die Stimmung erschien ihm auf eine unwirkliche Art harmlos. Der heiße Kaffee dampfte vor sich hin, die Möwen flogen hoch über dem dunkelblauen See dahin, dessen Oberfläche sich vom Ostwind leicht kräuselte.
Das Feuerzeug flackerte auf, er zog gierig an der Zigarette und blies den Rauch hörbar aus. Es war nicht die Kündigung, die ihn verstörte, sondern dass sie fristlos erfolgt war. Warum war er jetzt so schockiert? Weil sein Chef – sein ehemaliger Chef – jetzt eine schlechte Meinung von ihm hatte? Weil der diese Meinung anscheinend schon davor gehabt hatte? Warum hatte Walter ihn nie darauf angesprochen? Auf diese Frage würde Markus keine Antwort mehr bekommen.
Selbst wenn es anders gelaufen war als geplant, hatte er doch erreicht, was er wollte: Er konnte seinen Urlaub nehmen. Na also, beruhigte er sich selber. Trotzdem konnte er sich nicht so recht überzeugen. Das Gefühl, ihm könnte noch mehr entgleiten, beunruhigte ihn.
Ach scheiß drauf. Mensch, Markus!, sagte er sich. Worüber machst du dir eigentlich Gedanken? Was wer denkt, ist doch völlig wurscht. Du bist frei, alter Esel! Kapier es doch!
Unvermittelt fing er an zu kichern. Gerade in dem Moment, als die junge Serviererin mit dem langen schwarzen Zopf und der weißen Rüschenschürze heraustrat, um zu kassieren. Ihre dunklen, mit feinen Lidstrichen betonten braunen Augen sahen ihn befremdet an, während er ihr einen Zehneuroschein und den Rest in Münzen mit den Worten »stimmt so« übergab. Sie bedankte sich und ging wieder nach drinnen.
Frei – warum in aller Welt war es so schwer, dieses Gefühl zu spüren?
Äußerlich ruhig, innerlich aufgewühlt stand Walter Wassner am Fenster seines Büros und starrte mit leerem Blick über die Dächer von Meersburg in die Ferne. Wie von Weitem hörte er das leise Quietschen der alten Türangeln, dann das dumpfe Klicken, als die Tür ins Schloss fiel. Er spürte eine Enge in der Brust. Mit einer Hand auf dem Herzen rang er nach Luft und bemühte sich, seine wirren Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Seit Monaten – wenn nicht Jahren – kämpfte er um den Erhalt seines Unternehmens. In guten Zeiten waren es fünfzehn Festangestellte und eine Handvoll Teilzeitmitarbeiter gewesen.
Der Umzug in die Villa am Hang war sowohl bildlich als auch wörtlich ein Schritt auf dem Weg nach oben. Sie bot einen wunderbaren Rahmen für einen Verlag. Inzwischen waren sie nur noch halb so viele, und er hatte allmählich keinen Plan mehr, wie es weitergehen sollte. Sein inständiges Hoffen darauf, dass sein Sohn Alexander mit ins Boot käme, wurde vorletztes Jahr vollends zunichtegemacht, als dieser ihm erklärt hatte, dass er nicht vorhabe, aus Ägypten zurückzukommen.
»Es gibt auch noch andere Dinge im Leben als arbeiten«, hatte er ihm vorgehalten. Ein herber Schlag.
»Und was glaubst du, wo das Geld herkam, mit dem ich dein Leben und sämtliche Annehmlichkeiten finanziert habe? Dein Studium? Von denen, die du abgebrochen hast, will ich gar nicht reden«, hatte Walter ihn daraufhin angeschrien. »Ich hatte sogar die Chance, die Firma zu einem Top-Preis zu verkaufen. Aber sie hat gutes Geld abgeworfen, und ich wollte sie für den Herrn Sohn erhalten, damit dein Lebensunterhalt damit gesichert ist.«
»Das ist unfair, du wolltest sie nicht verkaufen, weil sie dein Baby ist, dein Lebenswerk!«, konterte Alexander.
Walter geriet noch mehr in Rage.
»Du machst es dir leicht! Ich habe mich für dich abgerackert! Aber du willst ja keine Verantwortung übernehmen, für nichts und niemanden! Und was ist mit den Mitarbeitern, die mir seit Jahren zur Seite stehen? Denen fühle ich mich auch verpflichtet. Es konnte mir doch nicht egal sein, was aus ihnen wird. Sie haben Familien, Kinder, Verpflichtungen usw. Sollte ich denen einfach sagen, ›Leute, ich habe euch verkauft, ihr geht mich nichts mehr an, macht’s gut!‹? Oder wie stellst du dir das vor?«
Vielleicht hätte ich das tun sollen, überlegte Walter jetzt, an diesem sonnigen Februartag, der so gar nicht zu seiner Stimmung passte. Da benimmt sich dieser Janssen, als ginge es nur darum, jeden Monat sein Geld zu bekommen und seinen Urlaub zu nehmen, wann es ihm passte.
»Es steht mir zu«, klang es in Walter nach. Seine Arbeit lässt er schleifen, und ich Depp erlaube ihm sogar noch seine Freizeitvergnügungen während der Arbeitszeit! Es war nicht zu fassen. Das würde Folgen haben. Er würde niemanden mehr mit durchziehen. Mit Krisen brauchte ihm auch keiner mehr zu kommen.
