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Morgendämmerung - Tagebuch einer Wandlung. Josua Boesch beschreibt in prägnanten Tagebucheintragungen seinen inneren und äußeren Weg, vom reformierten Gemeindepfarrer zum Mönch und Eremit und zum Künstler, der aus Metallen Ikonen in neuer Bildsprache schafft. Er fühlt sich mit Franziskus von Assisi und Niklaus von Flüe eng verbunden, sodass er auf deren Spuren eine Form für sein Leben sucht: Er ändert radikal sein Leben, verlässt seinen Beruf und seine Familie, um in einem Einsiedlerkloster in der Toskana eine neue Heimat zu finden.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Josua Boesch, (1922 bis 2012) geboren in Niederwenigen als zweites von vier Kindern, entstammte einem alten Toggenburger Geschlecht, in dem traditionellerweise der älteste Sohn den Namen Josua bekam. Seine Vorfahren gründeten 1621 eine Stiftung, um das Theologiestudium der Söhne zu finanzieren. Nach seiner obligatorischen Schulzeit liess er sich an der Kunstgewerbeschule zum Gold- und Silberschmied ausbilden. Mit 21 Jahren holte ihn dann die Familientradition ein: Er holte die Matura nach und studierte Theologie in Zürich, Basel und Bethel bei Bielefeld. 1951 wurde er zum reformierten Pfarrer ordiniert und trat seine erste Pfarrstelle in Rothrist (AG) an. Er heiratete und gründete eine Familie; 1953 und 1955 wurden seine Tochter und sein Sohn geboren. Von 1957 bis 1967 versah er das Pfarramt in Stallikon, bis er eine Berufung nach Schaffhausen-Buchthalen erhielt, um dort ein neues ökumenisches Gemeindezentrum aufzubauen. Hier beginnen die Tagebuchaufzeichnungen.
Ikonen von Josua Boesch:
Buchcover:
Die Auferstehung des Judas/ Friedensikone, 1986 (AB)
Eremitische Freundschaft, 1981 (AB)
Buchblock:
San Damiano-Kreuz, 1975 (S.→ / MM)
Der Seiltänzer, 1985 (S.→ / MM)
Engel auf Rebholz, 1995 (S.→ / AB)
Der Urquell, 1996 (S.→ / AB)
(Fotos: Anne Bürgisser Leemann, AB und Matthias Müller Kuhn, MM)
Vorwort: Der Herausgeber Vreni und Bruno Dörig
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Josua Boesch (1922-2012) war bekannt geworden durch seine Metall-Ikonen und durch biblische Texte, die er in die Zürcher Mundart übersetzte. Über viele Jahre führte Josua Boesch auch Tagebuch, um besser zu verstehen, was ihm auf seinem Lebensweg geschieht. Hoffnungsvoll und kritisch zugleich fasste er in Sprache, was er an Aufbrüchen und Veränderungen in Kirche und Gesellschaft feststellte. Besonders die Ökumene, die er engagiert mittrug, ist oft Thema seiner Eintragungen.
Josua Boesch hatte sich entschlossen, grosse Teile seiner Notizen zu veröffentlichen, nicht, weil es ihm um seine Person ging. Er wollte auf diese Weise Anliegen und Themen, die uns vor allem in den Kirchen beschäftigen müssten, aus seiner Sicht in die Öffentlichkeit tragen. Es geht in erster Linie um einen lebendigen Glauben, der an der mystischen Tradition der Kirchen anknüpft und ebenso stark in die Gesellschaft hineinwirkt.
«Morgendämmerung» ist ein geistliches Tagebuch. Der Autor möchte verstehen, wie seine Lebensentscheide und Wegstücke innerlich zusammenhängen; wie aus dem Wahr-Nehmen und Horchen ein Ge-Horchen, aus dem Ruf eine Be-Rufung wird. Schon die äusseren Etappen seines Lebens verlaufen alles andere als geradlinig. Aus dem gelernten Goldschmied wurde ein reformierter Pfarrer. Später, in einer Synthese mit dem ersten Beruf, schuf er Metallbilder, die er Ikonen nennt. Schliesslich lebte Josua Boesch als Eremit in einem Kloster im Appenin. Über viele Umwege, mit grossem Schmerz und vielen Missverständnissen, verlief der innere, geistliche Weg. Zurecht nannte der Autor seine Aufzeichnungen «Tagebuch einer Wandlung».
Josua Boeschs Lebensweg orientierte sich an geschauten Bildern. Es sind Traumbilder, Imaginationen, gar Visionen. Nicht umsonst heisst eines seiner Bücher «Heilkraft aus dem Schauen». Diese Bild-Erfahrungen sind Quelle seines künstlerischen Schaffens. Was er schaute, setzte er in Metallformen um und liess diese durch den Schmelzprozess des Feuers zu Ikonen werden.
Mit den Tagebuch-Aufzeichnungen verhält es sich letztlich wie mit den Ikonen: Sie stehen nicht da, einfach um zu gefallen, sondern um Zeugnis zu geben von dem, was einem Menschen widerfahren kann, der sich auf den Schmelzprozess des Ikone-Werdens einlässt. Die geschauten Bilder enthalten eine Botschaft, die über das persönliche Leben des Autors und Künstlers hinausgeht. Sie können uns als Leser und Leserinnen und als Betrachtende ermutigen, den eigenen inneren Bildern und Visionen zu vertrauen, eigene Eingebungen und intuitive Erkenntnisse nicht als Hirngespinste abzutun.
«Morgendämmerung» ist eine Einladung, den eigenen Lebens- und Glaubensweg achtsamer lesen zu lernen, um ihn dann unbeirrt zu gehen. Nicht Rollenverhalten, Konventionen und gesellschaftliche Zwänge sollen massgebend sein. Wir dürfen uns einlassen auf die Führung dessen, der von jeher «grösser ist als unser Herz» und der es darauf abgesehen hat, unsere Schwachheit in seine Stärke zu verwandeln.
Leeres Kreuz, San Damiano – Kreuz, 1975
Immer wieder einmal hauchte es mich an: Dein Leben beginnt erst mit fünfzig. Nein, ich machte kein Problem daraus. Ich liess diesen Hauch vorbei gehen, wie er gekommen war, denn es wurde mir allmählich bewusst, dass ich ein Spätzünder bin. Warum denn nicht? Es müssen sich doch nicht alle gleich schnell entwickeln. Bei mir geht alles sehr behutsam. Ich will allem die nötige Beachtung schenken, auch den kleinen Dingen. Es ist ja auch kein Zufall, dass ich mit Silber und Gold arbeitete. Eine ganze Lehrzeit und noch ein Jahr dazu. Bis ich noch einmal von vorne anfing, um Pfarrer zu werden. Maturitätsvorbereitung und Theologiestudium gaben mir erneut Raum und Zeit zu einer vertieften Entwicklung. Aber auch im Pfarrdienst fragte es in mir immer beharrlich weiter: Wer bin ich denn eigentlich? Mit vierzig wurde das Fragen bedrängender. Bin ich nur der, für den mich die Leute halten? Drängt da nicht noch ein anderer Josua ans Licht? Vielleicht der, den Gott von allem Anfang gemeint hat, als ER mich schuf? Als ich mich vor dem Wegzug aus der damaligen Gemeinde von den Nachbarn verabschiedete, sagte ein älterer Mann zu mir: «Wissen Sie, Sie sind schon recht, aber Sie sind kein richtiger Pfarrer». War das sein befreiendes Kompliment! Der andere Josua war also auch für andere schon spürbar vorhanden. Umso verpflichtender wurde von nun an meine Suche nach ihm. Ich begann, wieder Tagebuch zu schreiben, um mir besser Rechenschaft geben zu können über das, was ich spürte und ahnte. Eines Tages kam mir ein Ereignis zu Hilfe, das vieles erhellte und klärte. Eine Diskushernie blockierte meinen Ischiasnerv. Ich konnte weder gehen noch stehen und lag vier Wochen gelähmt im Bett, bis ich zur Operation ins Kantonsspital Zürich gebracht werden konnte.
Zurück aus dem Spital, lernte ich wieder stehen und gehen, und zwar in einem viel umfassenderen Sinn. Am Morgen vor der Operation stiess ich in Jörg Zinks Buch «Womit wir leben können» auf die Geschichte vom Gelähmten vor der schönen Pforte (Apg 3,1-10). «Du sollst jetzt tun, was Christus dich tun heisst: Steh auf und geh!» Wie hätte mich das nicht treffen sollen! In den Gesprächen mit meinem psychiatrischen Berater und Begleiter, Dr. Alfons Mäder, hatte mir der Begriff der Lähmung über lange Zeit stark zugesetzt. Mit einem Schlag machte mir nun mein Körper klar, was der Arzt gemeint hatte, als er sagte, ich sei wohl von Geburt an wie gelähmt gewesen und zum Bettler geworden als Folge unbewussten Verhaltens meiner Mutter.
Vor zwei Jahren hatte ich schon einmal ein ganz befreites Bewusstsein, eine Straffheit des Gemütes, Angriffslust und Eigenständigkeit erlebt. Bis alles sich wieder verlor in der Bettlerhaltung. Aber nun regt es sich wieder und will auferstehen, herausgefordert durch das «Steh auf und geh!», durch die gelungene Operation und die Therapie.
Schon einmal hatte mich ein Wort so tief getroffen. Es war zwar nur ein Scherz meines Hausarztes gewesen, aber er ging mir durch Mark und Bein. Als ich ihm sagte, dass ich über den Rhein nach Schaffhausen zöge, meinte er lachend: «Der Josua zieht über den Jordan!» In der darauffolgenden Nacht schrie es auf in mir: «Nein, ich kann nicht ins verheissene Land mit dem Volk. Ich kann nicht Führung übernehmen wie Moses. Ich nicht! Lieber sterben, also unfähig und wehrlos über den Jordan ziehen.» Als ich mich beruhigt hatte, war mir, als fiele eine Maske von mir ab und als dränge eine tiefverborgene Gestalt ans Licht: der andere, eigentliche Josua, der in seiner Abhängigkeit nicht sein durfte.
Und jetzt, da auch noch die Maske des Bettlers abgefallen ist, will ich das Drängen ernstnehmen und der werden, als der ich von allem Anfang an gemeint bin. Ich darf mir nicht länger ausweichen. Nicht umsonst hat sich in mir Niklaus von Flües berühmtes Gebet umgekehrt: «Gib mich mir, damit ich ganz mich gebe DIR».
18. Juni 1968
Aber nun bist DU gekommen, mein Kyrios, und hast zu mir gesagt: «Steh auf und geh!» Jetzt weiss ich, dass ein neues Leben und ein neuer Lebensstil beginnen wollen. DU selber forderst mich heraus dazu. DU siehst mich schon selbständig, unabhängig und aufrecht.
26. Juni 1968
Aufstehen heisst offenbar, den Tag und die Arbeit mit demselben Vertrauen in mich beginnen, wie ER es in mich hat. Vertrauen, dass die eigentliche Person stärker und ausdauernder ist als alle alten Bettlergewohnheiten, wesentlicher als alles, was mir bisher wichtig und vertraut war.
30. Juli 1968
Sich einer Sache bewusst werden ist gar nicht harmlos. Der ganze Mensch kommt in Bewegung und Aufruhr, als schlügen die Wasser der Tiefe ans Ufer. Man muss ihr Tosen aushalten und ihm standhalten lernen. Wir haben heute einen Grad von Bewusstheit erreicht, wie ihn unsere Vorfahren noch nicht kannten. Und damit eröffnen sich uns gewaltige Energien. Ach DU, lehre uns, sie zu zähmen, zu integrieren und dienstbar zu machen für DICH und die Menschheit. DEINE Welt steht auf dem Spiel.
3. August 1968
Konrad Lorenz wertet in seinem Buch «Das sogenannte Böse» die Begeisterung sehr hoch, weil sie eine positive Form der Aggression darstelle. Dann wäre Begeisterungsfähigkeit eine wichtige Voraussetzung zur Bezähmung der aufbrechenden Energien in der Menschheit.
7. August 1968
Peter Schuppli brachte mir die Konzeption für Kappel, die er als Sekretär der Bezirkskirchenpflege für den Zürcher Kirchenrat verfasst hatte. Er sagte, dass man noch zu keiner geeigneten Nomination eines Leiters gekommen sei, und fragte mich, ob ich allenfalls dazu bereit wäre. Ich bejahte unter der Voraussetzung, dass nicht eine Führungsgestalt gesucht werde, sondern ein Kristallisator eines Leitungsteams, das mit der Sache selbst organisch wachsen könne. Er meinte, es sei für ihn nicht ausgeschlossen, dass er eines Tages seinen Beruf zugunsten einer solchen Zusammenarbeit aufgeben werde. Ich kann mir gut vorstellen, dass durch unser beider Engagement für die nötige Offenheit eines geistlichen Zentrums gesorgt wäre. Für echte «Katholizität» am Ort von Zwinglis Tod und der Kappeler Milchsuppe. Fliesst der Jordan an Kappel vorbei und nicht an Schaffhausen?
5. Oktober 1968
Seltsam und eindrücklich, von grosser Tiefe und Ruhe: aus dem Ursprung zu leben und in ihm zu wurzeln. Und mit ihm eins zu sein. Das Ich bekommt seinen Schwerpunkt und seine Mitte. Es verliert sein Übergewicht. Das Wesentliche kann ans Licht kommen und sich darstellen. Und mitten in der täglichen Arbeit die Akzente setzen. Ich habe dann nur dafür besorgt zu sein, es nicht zu übersehen und nicht zu überhören. Und den nötigen Abstand zu schaffen zu allem, was sich unrechtmässig aufdrängt.
9. Oktober 1968
Freundschaft mit einem Sterbenden. Mir ist, als käme ich an die Quelle des Lebens. Der erst einunddreissig jährige Bernhard begegnete mir bei der Taufe seines Patenkindes, und heute rief er mich an sein Sterbebett im Spital. Ich habe ihm unvermittelt meinen Vornamen und damit mein Du angeboten. Noch nie zuvor ist mir die Nähe meines alttestamentlichen Namens Josua zu DEINEM neutestamentlichen Jesus so bewusst geworden. So lass ihn jetzt DEINE Nähe erfahren, denn Name ist heilende Nähe.
10. Oktober 1968
Bernhard sagte: «Du strahlst etwas aus und bist angriffig.» Das kann nur ein Sterbender sehen und spüren. Er merkt mehr als ich selbst.
11. Oktober 1968
Um Viertel vor elf Uhr in der Nacht hat er sein letztes Lüftchen ausgehaucht, «erschöpft vom langen Patrouillenlauf», wie er sagte. Sein letztes Wort: «Ich gehe für euch, Christus ist auch für andere gegangen.» Ich habe noch nie erlebt, dass ein anderer für mich in den Tod ging. Aber es muss wahr sein. Bernhard hat mein Leben zur Reife gebracht, es liegt wie neu vor mir. Das Thema der Weltkirchenkonferenz von Uppsala «Siehe, ICH mache alles neu» will offensichtlich auch in mir Gestalt annehmen. Durch Bernhard bin ich ein priesterlicher Mensch geworden. Ihm habe ich diesen Dienst zum ersten Mal getan. Wie aus einem neuen Ursprung. Erfrischend und lebendig. Eine neue Dimension hat sich mir aufgetan durch die Freundschaft mit einem Sterbenden. Eine Dimension, die für alle Beziehungen gilt. Bernhard hat das grosse Leuchten zuerst gesehen, ich erst im Nachhinein. Wo zwei sich im Ursprung begegnen, ist noch ein dritter da. So strahlend, dass alles sich weitet, wandelt. Es ist Raum da zum Atmen und Aufrechtgehen.
14. März 1969
Steh auf! das heisst auch standhalten. Ich muss in einer Illusion gefangen gewesen sein, denn ich dachte, ich sei nicht in Ordnung, wenn mir andere feindlich begegneten. Ich suchte den Fehler immer bei mir. Aber Wände, Fronten und Grenzen des Verstehens sind zunächst zu akzeptieren und auszuhalten, bevor sie überwunden werden können. Anders ist Begegnung nicht möglich. Die aggressiven Kräfte müssen in das Standhalten investiert werden. Es tut nicht gut, sie für explosive Überzeugungsschlachten zu speichern. Widerstehen und den anderen aushalten bewirkt nämlich auch ein Auftauchen dessen, was in der Tiefe des andern mottet und schafft. An meinem Widerstand kann es sich an die Oberfläche wagen. Gilt das auch mir selbst gegenüber? Dann werde ich zu meinem eigenen Herausforderer. Welche Chance!
19. März 1969
Ich stelle eine seltsame Distanz zu meinen Freunden fest. Haben sie sich von mir gelöst oder ich mich von ihnen? War ich ihnen zu nahe oder sie mir? Mit Bernhard hat diese Wende eingesetzt. Einerseits ist es eine Wohltat, andererseits schmerzt es auch. Bringt Freiheit Einsamkeit mit sich? Muss ich Einsamkeit durchstehen lernen, um auch allein stehen zu können? Es gibt keinen Grund, über mein vermehrtes Alleinsein traurig zu sein. Eine solche Traurigkeit wäre Rückfall in infantile Abhängigkeit, d.h. in die Bettlerhaltung. Und die will ich ja loswerden.
20. März 1969
Wir können in unseren Gottesdiensten nicht mehr auf Stille und Meditation verzichten. Darin finden wir die nötige Distanz zu Menschen und Dingen wieder. Auch Kappel begründet sich von daher. Wir brauchen wieder Orte, wo wir der Informations- und Konsumflut die Stirne bieten können. Taizé geht diesen Weg schon lange.
23. März 1969
Bernhard hat mir mich selbst zurückgegeben. Es ist, als wäre ich meiner selbst sicherer geworden. Er hat mir die Tür zum Selbstvertrauen geöffnet. Man muss erst selber stehen können, bevor man zu andern stehen kann.
1. April 1969
«Steht auf und betet!» Aufstehen, widerstehen, durchstehen, allein stehen und beten gehören zusammen. Wie sollen wir sonst die Versuchung von uns weisen? Ich werde am nächsten Karfreitag über Lk 22,46 predigen: «Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet.» Es trifft mich existentiell.
15. April 1969
«Kein Werk, sondern ein Wrack.» Mit diesem Wortspiel erwache ich aus einem langen schweren Traum. Welche herausfordernde Selbstkritik! Passiv statt aktiv. Zurückweichend statt widerstehend. Ich bin entmutigt.
16. April 1969
Heute zeigte mir der Traum, wie ich beglückt an eine Studienarbeit gehe. Aber es ist eine, die sich formal ausdrücken lässt und mit meinem ersten Beruf zu tun hat. Ist der Traum eine Frucht des holländischen Katechismus, den ich eben zu Ende gelesen habe und der so unbeschreiblich offen ist und nach vorne drängt? Wahrhaftig, eine ganze Generation ist im Aufbruch. Bricht der Kunsthandwerker bei mir durch?
21. Juni 1969
Ich muss ganz sachlich feststellen, dass bei mir Leistung klein geschrieben ist. Leistung entbehrt jeden Anreizes, genauso wie Erfolg. Die tiefste Ursache dafür liegt wohl in meiner Grundstruktur. Und dazu gehören Intuition und Kreativität. Die Intuition ist das Bewegende, die Gestaltungsfreude das Anreizende, die neue Form das Krönende. Das gelungene Werk bestätigt und erfüllt. Leistung blockiert mich von vornherein.
25. Juni 1969
«Niemand soll aus seinem Glauben mehr herausholen, als er hergibt» (Röm 12,3). Wie befreiend: Nicht mehr aus seinem Leben herausholen wollen, als es hergibt. Halt machen an der legitimen Grenze der eigenen Möglichkeiten. Das wäre heilender Widerstand in unserer Leistungsgesellschaft. Wie sollen wir denn noch spüren, wo der Geist weht, wenn wir uns in reiner Pflichtausübung erschöpfen?
14. August 1969
Bleiben wir ein Leben lang gezeichnet durch unsere Eltern? Ist es nicht möglich, in ihnen einfach die Voraussetzung zu sehen zum eigenen Leben? Als Herausforderung sozusagen? Bleibt mein in der Kindheit erworbener Hunger nach wahrer Männlichkeit ein Leben lang ungesättigt in mir? Bleibe ich der Gezeichnete meiner überstarken Mutter und meines schwachen Vaters? Sag, mein Kyrios, ist dieses mangelnde Selbstwertgefühl nachzuholen in der Freundschaft mit DIR? Ich will nicht versinken in permanenter Sorge um mich selbst und in Schwermut. Behüte mich davor.
23. August 1969
Im Traum suchte mich ein Pferd und kam zu mir. Ich gab ihm drei Zuckerstücke. Da merkte ich, dass mich aus ihm die Augen eines Mannes mit liebevollem Verständnis anschauen. Ein grosser Friede erfüllt mich bis ins Innerste, trotz des Gewitters, das mich weckte.
30. August 1969
DEIN Antlitz finden, um es lieben zu können, ist das möglich, mein Kyrios? Wer hat mich angeschaut durch die Augen des Pferdes, so dass ich diese Augen nicht mehr vergessen kann? DU? Der andere Josua? Das Pferd ist Symbol für Männlichkeit. Seid Ihr beide so männlich und so stark? Ich wäre ganz verlegen, wenn mich in Wirklichkeit einer so lieben würde. Warum fällt es mir leichter, zu lieben als geliebt zu werden? In den vergangenen Nächten brachten mir die Träume wieder diese Augen. Suchst DU selber mich, weil ich keine wahre Liebe erfahren habe? Habe ich mich selber verschlossen dagegen? Ist diese Mauer jetzt gefallen? Mir ist, als läge Geliebtsein als neue Möglichkeit vor mir. Habe ich meine Freunde verloren, damit ich mich dieser Urliebe aussetze?
31. August 1969
Könnte ich es doch bis in meine Kindheit zurück rufen: Josua, du bist geliebt! Die Liebe, die sich erst so spät manifestiert hat, liegt schon vor meinem Ursprung. Wer hätte das gedacht! Diese Liebe hat grössere Wirkung als alle Prägung meiner Umwelt. Mit Bernhards Tod ist alle Prägung vergeben und in die Verwandlung fortgegeben. Bernhard ist gegangen, um dieser Liebe Raum zu geben.
9. September 1969
Ein ambivalenter Traum. Ich werde umgeschult. Mein Lehrer mahnt mich einerseits, nicht zu viel zu wollen, andrerseits zeigt er mir, dass ich nicht leiste, was ich vermöchte. Ist Widerstand gegen Verwandlung in mir?
14. September 1969
Teilhard de Chardins «Lobgesang des Alls» bewegt mich sehr. Gott geht den Weg der Leiblichkeit, und ich will es immer wieder bequemer haben. Verwandlung erwartet von mir ein Ja zu Mühe und Arbeit an der Materie. Ich aber scheue den Widerstand der Materie wie den der Metalle. Und doch ist mir ein Feuer gegeben, das die Metalle zum Schmelzen bringt. Ich werde meine in der Weigerung versteckten Aggressionen ins Feuer holen müssen, um den Kampf mit der Materie aufnehmen zu können. Hat hier nicht auch meine Begeisterungsfähigkeit ihren Platz und ihre Aufgabe?
15. Oktober 1969
Mein Kyrios, damals, als ich einundzwanzig Jahre alt war, hast DU mich mit ausdauernden Fragen zum Busch herausgeklopft, bis ich einen neuen Beruf wählte? Aber wozu bin ich eigentlich Pfarrer geworden? Sicher nicht zur Bewahrung eines traditionellen Standes innerhalb der Gesellschaft. Wohl eher, um zur schöpferischen Verwandlung dieses Berufes und der Kirche beizutragen. Aber wie? Kunsthandwerk und Pfarrdienst? Wie könnte das zusammen gehen? Die Churer-Dokumente des Bischofssymposions und der europäischen Priesterkonferenz vom 5.-10. Juli 1969 weisen in diese Richtung. Ist der Arbeiterpriester in der reformierten Kirche möglich?
16. Oktober 1969
DU gibst uns unseren Urwert zurück. Schon unsere Existenz macht uns wert vor DIR, nicht erst das, was wir leisten. Der Wert ist zuerst, alles andere ist Überbewertung. Und diese verführt nur zum Vergleichen und stösst in die Minderwertigkeit. Jetzt aber kann vieles abfallen, was ich als Wert aufgebaut habe. Es gehört nicht mehr zu meiner Person. Es macht mich nicht mehr aus.
9. November 1969
Gott wird missverstanden, wenn man SEIN Kümmern um die Menschen eine hohe Ehre findet: der Grosse kommt zum Kleinen, der Erhabene zum Niedrigen, der Werte zum Unwerten. So erhebt uns Gott nur über die anderen und macht uns überheblich. Aber SEINE Nähe will uns unsern Urwert zurückgeben: unsere Heiligkeit.
2. Dezember 1969
Es trifft mich hart. Ich habe meine Eitelkeit entdeckt. Ich will bewundert werden. Ich komme mir vor wie ein stolzer Hahn. Hat deshalb der Hahn den Jünger Petrus zur Besinnung gebracht? Ich ahne: der Hahn ist das Ende der Nacht, auch der meinen?
26. Dezember 1969
Der Hahn hat mich durch den ganzen Advent begleitet, bis er am vierten und letzten Adventssonntag laut schrie über die ganze Kirche: im Cinevox Neuhausen, im Film «if...». Entsetzlich, wie die Kirche ihren Kyrios verraten hat aus lauter Eitelkeit. Es ist zum Heulen. Mit unserer Erziehung zum Gehorsam haben wir die aggressiven Kräfte unserer Jugendlichen nur gestaut, bis sie sich entluden in einer pflastersteinigen, bombenkräftigen, blutigen und zerstörerischen Rebellion. Es gibt für uns keine andere Möglichkeit, als ein echtes Zeichen unserer Bereitschaft zu setzen für eine gemeinsame offene Zukunft, für schöpferische Zusammenarbeit und Veränderung. Wir kommen nicht darum herum, auf Macht und Autorität zu verzichten zugunsten eines lebendigen Verwandlungsprozesses. Das könnte für mich heissen, keinen Talar mehr zu tragen, von der Kanzel zu steigen und alles im Team zu erarbeiten.
21. Januar 1970
Der Traum ist schonungslos: Ich baue an unserem Buchthaler Kirchgemeindezentrum, jedoch im Toggenburg, woher meine Ahnen stammen. Es steht erst die Fassade. Dahinter ist es dunkel. Aber dort muss endlich gebaut werden. Die Deutung liegt auf der Hand. Ende Fassade! Ich muss mein Zentrum selber aufbauen und endlich Hand anlegen.
24. Januar 1970
Das Dunkel hinter meiner Fassade beginnt mich zu interessieren. Mein Schatten. Das Verdrängte soll nicht länger meine Energien stauen oder verschlingen. Der andere Josua will nicht länger im Dunkeln munkeln. Sonst wird er böse und destruktiv.
25. Januar 1970
Im Traum kommen die Biafraner zurück. Die Separation hat ein Ende. Mein Schatten gibt seine Abspaltung auf und zeigt sich bereit zur Zusammenarbeit. Ich staune, wie weltpolitische Ereignisse innerseelische Vorgänge erhellen.
26. Januar 1970
Ich war heute wieder einmal mit jenen Kollegen zusammen, mit denen ich ordiniert worden war. Gedrückt und gequält von den Problemen der Kirche sassen sie da und diskutierten. Da sagte einer zu mir: «Du bist schon aus dem kirchlichen Ghetto ausgebrochen. Du bist eben kein Theologe, du bist ein Theophil.» Wirklich, ich fühle mich wie einer, der schon ausgewandert ist und nur noch Chancen sieht in dieser Krise. Zu verteidigen gibt es ohnehin nichts mehr. Es bleiben nur noch Verwandlung und schöpferisches Neugestalten. Den «Theophil» aber kann ich nicht mehr vergessen. Er bleibt in mir hängen wie eine wunderschöne Melodie. Ja, der bin ich. Der will ich sein. Ein in Gott Verliebter.
27. Januar 1970
«Geh, du wirst Frieden finden» (Lk 7,50). Bleib nicht stehen, geh! Geh als Theophil, so wirst du Frieden finden. «ICH habe dir eine offene Tür gegeben, die niemand mehr schliessen kann.» So geh jetzt!
6. Februar 1970
Mein Konfirmandenspruch: «ICH will mit dir sein. ICH will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt» (Jos 1,5). War er nicht schon so etwas wie eine Liebeserklärung Gottes? Was zögere ich, IHM die meine zu geben? Fürchte ich, dass ER eine tiefere und noch ursprünglichere Liebe zu mir sucht, als Freundschaft und Ehe geben können? Hat Bernhard diese Liebe geschaut? Kam an seinem Sterbebett schon meine Theophilie ans Licht? Wahrhaftig, der andere Josua ist ein Theophil! Ich kann mich nicht mehr herausreden.
17. Juni 1970
Wasser. Bisher habe ich es als feindliches Element erlebt und jetzt wie neues Leben. Die Erde ist die Urkraft der Frau. Und Wasser die Urkraft des Mannes. Mein Kyrios, hast DU gesagt: «Geh über den Jordan, weil am anderen Ufer aus meinem Leib Ströme lebendigen Wassers fliessen werden» (Joh 7,38)? Bin ich schon drüben, dass mir Wasser so urlebendig erscheint? Bin ich ein Baum, ans Wasser gepflanzt?
10. August 1970
Im Traum entsteht in der Werkstatt meines Meisters eine Abendmahlskanne aus Stahlblech. Schöne runde Bewegungen werden hineingeschliffen, und zuletzt wird sie vergoldet. Dann muss ich für eine Mitarbeiterin eine Mozartfrisur bestellen. Zuletzt stehe ich in einem strahlend hellen Gebäude wie in einem grossen Tor. Im Erwachen fühle ich meinen Körper wie ein weisses Tor. Ist es das Tor zur Ganzheit?
11. August 1970
Der Traum beschäftigt mich. Sind Strukturen, Traditionen, Prägungen so hart wie Stahl? Vergoldet nur, damit wir das Stahlharte daran nicht sehen müssen? Ist unsere menschliche Trägheit so hartnäckig und zäh gegen jede Form von Veränderung und Verwandlung? Das wäre ja zum Verzweifeln. Gottlob ist im Abendmahl der Wein wichtiger als die Kanne! Und Gottlob gibt es unter den Gästen solche mit Mozartfrisuren, die noch spielen und singen und tanzen können! Und das Gebäude hatte im Traum transparente Wände und ein offenes Tor. Will mich der Traum vor Illusionen mir selbst und der Kirche gegenüber warnen? Und die richtigen Akzente setzen für meine Arbeit?
12. August 1970
Auf dem Weg zur Ganzheit (C.G. Jung nannte ihn Individuation) gibt es Hindernisse, z.B. das Rote Meer, die Wüste, der Jordan. Und kaum ist das eine überwunden, taucht schon das nächste auf: Jericho. Der in sich selbst verkrochene und verschlossene Mensch. Der Mensch mit dem Anspruch auf Privilegien und auf eine Sonderbehandlung. Der Mensch mit den Ausreden und den feigen Entschuldigungen. Diese Bastionen in uns und um uns fallen nur durch Stille und Schweigen. Wäre das die eigentliche Aufgabe von Kappel? Gehört Josua deshalb dazu?
29. August 1970
Wenn ich in meiner Mitte verweile und DU, mein Kyrios, mit mir am gleichen Tisch isst und trinkst, wer bin ich dann? Wer ist dann von DIR so geachtet, respektiert und ernstgenommen?
wer bin ich?
ein mensch wie alle
einer von allen
und doch anders als alle
einer mit ihnen
und bei ihnen
ein mensch für die andern
wie ER
wer bin ich?
ein mensch unter menschen
klein feingliedrig und zäh
einfach und klar in der form
bewegt und feurig
einer der etwas auszustrahlen hat
und in bewegung bringt
wie ER
wer bin ich?
ich bin der ich bin
so einfach und bündig
wie ER
mich selbst
SEIN du
und das du aller menschen
wie ER
So siehst DU mich. Und so erfährst DU mich. Bei DIR will ich auch lernen, mich so zu verstehen, so zu achten und ernst zu nehmen. Und so mir zu vertrauen. Nun habe ich keine Ausrede mehr. Da ist nicht nichts. Da ist wieder eine Mitte, in die ich alles zurücknehmen kann. Von dort kann ich wieder ausgehen an meine Arbeit unter den Menschen. Dort bin ich gehalten und geborgen. Geborgenheit in sich selbst, das ist urneu. Vielleicht lerne ich jetzt, etwas gelassener und weniger ängstlich und verspannt an alles heranzugehen. Täte das einem Zürcher gut!
26. September 1970
Die ausserordentliche Kirchgemeindeversammlung von gestern Abend hat das projektierte Zentrum Buchthaien abgelehnt, respektive auf die Zeit nach einem Zusammenschluss mit dem Stadtverband verschoben. Bedeutet das vielleicht, dass man sich doch nicht verändern will?
28. September 1970
Wäre das Zentrum durch eine Urnenabstimmung verworfen worden, hätten wir freie Hand bekommen für ein Provisorium. Durch die Zurückstellung werden wir für mindestens drei bis vier Jahre lahm gelegt, und ich werde wieder auf die Bahre «vor der schönen Pforte» gebunden, bis neu mit dem Stadtverband geplant werden kann. Das bedeutet, dass wir noch etwa sieben bis acht Jahre im heutigen Notstand weiterleben müssen. Ob ich das durchstehen werde? Und dann bleiben mir nur noch zehn Jahre bis zur Pensionierung. Ob ich dann noch genügend Kräfte haben werde?
24. Oktober 1970
Niemand spricht von einem Provisorium. Niemand zeigt Phantasie, wie der Situation anders begegnet werden könnte. Lag alles auf meinen Schultern? Ich spüre Gerichtsernst in der Luft. Jetzt wird sich zeigen, ob eine Veränderung gewollt wird oder nicht. Muss ich gehen und «den Staub von den Füssen schütteln» (Mk 6,11)? Der Humor ist mir vergangen, die Heiterkeit verschwunden. Ich spüre Unbehagen. Ich fühle mich verraten.
7. November 1970
Zurückgeworfen in den innersten Raum. In die eigene Mitte, wo nur DU die Tür öffnen kannst. Hier kann ich wieder atmen. Hier ist Weite. Hier komme ich wieder in Bewegung und bin voller Erwartung. Ein Realist würde sagen: «Der Zenit ist überschritten. Was bisher nicht erreicht wurde, wird nie mehr gewonnen.» Aber in mir ist ein anderer, der einmal mehr sagt: «Dein Leben beginnt mit fünfzig.» Es grenzt an Torheit, mit achtundvierzig noch immer auf das Eigentliche zu warten. Und doch gibt es Menschen, wie z.B. Karl Jaspers, die erst spät zu ihrer vollen Entfaltung kamen. Nein, ich warte nicht auf Godot. Ich warte auf DICH, mein Kyrios.
10. November 1970
Gestern habe ich im Kirchenstand meine Absicht bekannt gegeben, bei Gelegenheit zurückzutreten. Die Reaktion: wir hätten den Löffel auch hinwerfen können. Hat denn keiner die Herausforderung gespürt? Dann haben sie auch nichts begriffen von dem, was ich in den drei Jahren hier gelebt habe. Mir bleibt nur zu gehen.
14. November 1970
Zwei Bekannte aus Affoltern am Albis, die ich von der Erwachsenenbildung und der Jugendarbeit des Bezirkes kenne, sind zu mir gekommen. Sie suchen einen zweiten Pfarrer für ihre Gemeinde, vor allem für Jugendarbeit und Unterricht. Soll ich zurück ins «Säuliamt», wo ich schon zehn Jahre lang war? In die Nähe von Kappel?
22. Dezember 1970
Nach längeren Recherchen und ausgiebigen Gesprächen ist unser Ja jetzt in Affoltern. Wir gehen. Wir wissen noch nicht wann. Ich muss ja auch erst noch gewählt werden. Hier in Buchthalen scheint alles im alten Tramp weiterzugehen. Ganz friedlich, aber ohne Dialog. Der Pfarrer wird mit Respekt behandelt, ja sogar verehrt. Nichts wird in Frage gestellt. Und damit die Chance verpasst, neu zu werden. Schade. Wie muss das erst Gott treffen, wenn es mich schon so trifft?
27. Dezember 1970
Ein aufschlussreiches Gespräch mit meinen Neffen: ein Christ stützt sich weder auf Prinzipien noch auf Ideologien. Er empfängt nur einfach die Phantasie zum Aufbruch aus den verhärteten Fronten rechts/links, autoritär/antiautoritär, mächtig/ohnmächtig, um etwas aufleuchten zu lassen von jener Welt, die Gott heute schafft unter uns.
29. Dezember 1970
Im Traum eine abgehauene Hand. Der Betroffene hat aber von einem andern schon eine neue bekommen. Und sie wächst schon an. Hände haben im Traum mit Handlungen zu tun. «Steh auf und geh!» betraf meine Füsse. Die abgehauene Hand betrifft mein unsicheres, reaktives Handeln. Leihst DU mir DEINE Hand zu eigenen aktiven Handlungen, mein Kyrios?
19. Januar 1971
Mein Gott, mein Gott, warum hast DU mich heiraten lassen? Nur DU allein wusstest um meine homophile Grundstruktur. Mir war sie nicht bewusst. DU kanntest meine Grenzen. Ich habe sie überschritten und bin der christlichen Gesellschaft wie Räubern in die Hände gefallen. Da liege ich halb tot. Allein gelassen mit meinem Elend.
23. Januar 1971
DU hast mich hochgehoben und in die Herberge gebracht, mein Kyrios. DEINE Liebe ist wie Öl auf alle meine Wunden.
26. Januar 1971
In der gestrigen Kirchenstandsitzung wurde ich zum Sündenbock gemacht. Sind die Vorstandsmitglieder endlich erwacht? Wenn ein Kapitän als erster das sinkende Schiff verlasse, sei das nach internationalem Recht strafbar. Welch patriarchaler Vorwurf! Und ausgerechnet gegen mich. Bin ich für die restliche Zeit, die mir hier bleibt, ihr Gefangener und handlungsunfähig gemacht?
1. Februar 1971
Affoltern am Albis hat mich gewählt. Wir sind über den Berg. Aber die letzten Monate hier bis zum Oktober werden schwierig werden. Ich mache mir keine Illusionen.
5. Februar 1971
In meinem ersten Beruf hatte ich starke Hände. Sie ersetzten meine Schwäche in den Armen. Und jetzt? Mir ist, als ob sie weinten.
16. Februar 1971
Im Traum bin ich Jakob und liebe meinen Zwillingsbruder Esau. Sind in mir so viele Spannungen wie zwischen diesen beiden Gegensätzen? Bin ich vor Esau, meiner männlichen Seite, geflohen und kehre nun nach Hause und zu ihm zurück? Macht mir die Begegnung mit ihm zu schaffen? Muss ich, bevor ich über den Jordan kann, über den Jabbok und dort mit dem Engel kämpfen? Ich spüre ein grosses Verlangen in mir, mich mit meiner männlichen Seite zu versöhnen. Werde ich erst dann wieder handlungsfähig?
9. März 1971
Verzweifelt mitten am Tag. Verzweifelt an mir selber. Unsicher und elend. Handlungsunfähig. Lebensuntauglich? DU weisst, dass ich nicht tauge für dieses Leben, schon seit meiner Geburt. Und DU liebst mich dennoch.
14. März 1971
Ich warte auf DICH, nicht auf Godot. «Aller Augen warten auf Dich» (Ps 145,15) und ich warte mit ihnen. Nicht aus Feigheit und Bequemlichkeit. Ich warte, weil ich von der Institution Kirche nichts mehr erwarte. Sie hat ihre Rolle zu Tode zelebriert. Wirst Du ihr ein Auferstehen schenken? Heute?
19. März 1971
«Der auferstandene Christus kommt, um im Innersten des Menschen ein Fest lebendig werden zu lassen. Er bereitet uns einen Frühling der Kirche: eine Kirche, die über keine Machtmittel mehr verfügt, bereit mit allen zu teilen, ein Ort sichtbarer Gemeinschaft für die gesamte Menschheit. Er wird uns genügend Phantasie und Mut dazu geben, einen Weg zur Versöhnung zu bahnen, unser Leben hinzugeben, damit der Mensch nicht mehr des Menschen Opfer sei.» (Frère Roger Schutz, Taizé, Ostern 1970)
27. März 1971
Dieses Bekenntnis gibt mir wieder Atem und richtet mich auf. Ich werde es in meine Gottesdienste mitnehmen und in die bevorstehenden Konfirmationen. Schon Harvey Cox hat in seinem Buch «Fest der Narren» auf die Bedeutung des Festes hingewiesen. Ich habe mir die Festfreude verderben lassen, das ist wahr. Ich will sie wiederfinden.
28. März 1971
Konfirmieren heisst bestätigen, festigen, ein Fest machen. Ist es nicht beschämend, wenn ein bald Fünfzigjähriger noch bestätigungsbedürftig ist? Nein. So menschlich sind wir, dass wir immer wieder ein festigendes Fest nötig haben. Nun wird es heute doch noch ein Fest werden.
31. März 1971
«Geh zu den Menschen!» Nein, es kam nicht aus heiterem Himmel, sondern mitten aus dem heiteren Fest. Ganz aus meinem Innersten. Steht es nicht schon im «Wer bin ich?» «Einer bei ihnen und mit ihnen, ein Mensch für die Menschen, wie ER.» So siehst DU mich doch. Was zögere ich, mich auch so zu verstehen? Über alle Prägungen hinweg? Aber das würde heissen: mein eigener Freund werden, um mich selber zu stärken und zu festigen. Und um mein eigenes Mass und meinen ureigenen Lebensstil zu finden. DU bist wirklich überraschend: DU schenkst mir mit dem «Geh zu den Menschen» die Freundschaft mit mir selbst.
10. April 1971
Für die andern da sein kann ich nur, wenn ich auch für mich da bin. Lieben ist nur in den eigenen Strukturformen und Ausdrucksweisen möglich. Sonst wird es unecht und unglaubwürdig. Das gilt auch DIR gegenüber. Etwas anderes wäre Heuchelei, selbst wenn es vorgeschrieben wäre. Ich darf DICH so lieben, wie es mir gegeben ist, und wie nur ich das kann. Habe ich mich in der Liebe zu meiner Frau überfordert, weil ich mehr wollte, als mir möglich ist? Weil ich noch nicht meine ureigenste Form dafür gefunden habe? Wahre Liebe reift aus dem Fest, das DU im Innersten des Menschen begonnen hast. Wahrhaftig, jetzt wird es österlich.
19. - 23. April 1971
Retraite in Taizé. Nach allen Ereignissen in Schaffhausen spüre ich die Dringlichkeit, meinem innersten Raum eine geistliche Gestalt zu geben. Ich komme nicht mehr darum herum, mir vermehrt Zeit zu nehmen zur persönlichen Stille, zum Gebet und zur Meditation. Warum nicht in der Nacht, wenn ich schon ein Frühaufsteher bin? Meine Predigten schreibe ich ja auch am Sonntag in der Frühe zwischen drei und sieben Uhr. Dann bin ich völlig allein und ungestört. Hat ER nicht ein Recht auf meine beste Zeit? Ich wüsste keinen besseren Ort als Taizé, mir darüber Gedanken zu machen.
Ich spüre übrigens auch, wie offen und ehrlich sich hier in diesem geistlichen Gehaltensein meine versteckten Aggressionen zeigen. In dieser Stille fragte ich mich plötzlich: Soll ich, wenn ich zurück bin, nicht in einem Gottesdienst meinen Talar zerreissen? Und die Fetzen vor allen liegen lassen? Würden sie so nicht sichtbar vor Augen haben, was sie getan haben? Normalerweise verstecken sich meine Aggressionen hinter meiner Sensibilität und explodieren in Überempfindlichkeit, aber meistens gegen mich selbst. Und hier zeigen sie sich so offen und ungeschützt. Das ist mir neu und hilfreich. Ich verstehe besser, dass sie ihren Dampf ablassen wollen und mitarbeiten möchten auf konstruktive Weise. Mein Suchen nach mehr Zeit und Raum für inneres Leben will offensichtlich meine dunklen Seiten integrieren. Ich vermute, dass meine Sensibilität gesunden und sich in Theophilie verwandeln kann.
30. April 1971
Zurück in meinem Alltag. Ich staune und staune. Theophilie: DU in mir und ich in DIR. Obwohl ich ganz mich bin: ich in DIR. Obwohl DU ganz DICH bleibst: DU in mir. DU und ich eins. Unvermischt. Einander erfüllend, ergänzend, zum Ganzen bringend. Einung, würde Meister Eckhart sagen, nicht Identifikation. War es das, was Bernhard und mich anhauchte? Wie seltsam, da ist eine Gestalt des Christus, die ganz mir entspricht. Und da ist meine Gestalt, die eine Entsprechung des Christus ist. In ihr liegt mein Urwert, der alle Minderwertigkeit vertreibt. Jetzt verstehe ich besser, weshalb Dom Helder Camara in der Nacht aufsteht, «um seine Einheit mit Christus zu finden». Gott will nicht nur einen, sondern viele Menschensöhne haben. Sein Werk drängt weiter und ist nicht mehr aufzuhalten.
1. Mai 1971
Jetzt bist DU mir nicht mehr zu wenig konkret, mein Kyrios. DU ermöglichst mir eine Liebe, die über jede menschliche Liebe hinausgeht. Darum hast DU zu Petrus gesagt: «Liebst du mich mehr als die andern?» (Joh 21,15). Ich hätte nie gedacht, dass diese Liebe wie Brot sein könnte. Aber sie ist es. Tägliches Brot. Ohne die schmerzliche Distanz zu meinen Freunden hätte ich sie nie erfahren.
8. Mai 1971
«Alle meine Quellen sind in Dir» (Ps 87,7). Meine Erholung, meine Frische, meine Lebendigkeit find ich nur in DIR. Wie hast DU das nur fertiggebracht?
24. Mai 1971
Die Katholiken weihten gestern hier in Buchthalen ihr Zentrum ein. Ein moderner Bau von W. Foerderer. Ich wurde auch eingeladen. Mein Kollege setzte mich unbekümmert neben Bischof Hänggi. Und jetzt in der Nacht ist mir klar, was an diesem Zentrum so bewegend ist: die Initiative hier in Schaffhausen ist an die katholische Kirche übergegangen. Hier lebt Pioniergeist. Die reformierte Kirche ist überrundet. Wir müssen das neidlos anerkennen. Oder liegt darin eine Chance, besser zusammenzuarbeiten, trotz aller Verschiedenheit?
18. Juni 1971
Objektives Gebet. Es befreit vor der Überschwemmung durch Emotionen, Ressentiments und Reaktionen. Es trägt uns durchs Sterben ins Auferstehen. Das haben wir Reformierte verlernt. Taizé hat uns geholfen, es wieder zu finden.
16. Juli 1971
Willst DU mich wirklich ganz nah an DEINER Seite haben, wie damals DEINEN Jünger Johannes? Brauchst DU als Auferstandener heute viele an DEINER Seite? Um uns den aufrechten Gang zu lehren?
21. Juli 1971
Es hat mich schon einmal getroffen und befreit. Es will mich offenbar begleiten durch die letzte Zeit hier. «Es kann niemand mein Freund und Mitarbeiter sein, der nicht eine harte Entscheidung trifft und einen klaren Abstand schafft zu allem, was ihn bisher beschäftigt und gebunden hat» (Lk 14,33).
16. September 1971
Ich war heute zum letzten Mal im Schaffhauser Pfarrkapitel. Man merkt beim Abschied doppelt, wie sehr man verbunden war. Der Dekan sagte: «Du bist unter uns gewesen wie Salz.» Das ermutigt mich.
2. Oktober 1971
Ich wurde nach Buchthalen geholt, um ein Zentrum aufzubauen. Aber der Bau wurde auf später verschoben. Ich habe dennoch ein Zentrum gefunden und realisiert: mein eigenes, in meinem Innersten, den Ort meiner «Einung mit Christus.»
17. Oktober 1971
Affoltern am Albis. Wir sind da. Noch still und verborgen. Es tut gut, behutsam anzukommen. Wir fühlen uns wohl im neu renovierten Pfarrhaus. Hoffentlich wird es auch zur Raststätte für die Menschen hier. Viele sind heute aufgebrochen und unterwegs in Neuland. Für sie möchte ich da sein.
1. November 1971
Die Einsetzung, der sogenannte Pfarreinsatz, wurde zu einem Fest und zu einem Tag der Begegnung. Der katholische Pfarrer erwähnte schmunzelnd, dass heute Chilbisonntag (Kirchweih) sei und dass der eigentlich gut zu unserem Fest passe. Wahrhaftig, es tut uns gut, am gleichen Tisch zu essen und zu trinken, über alle Grenzen hinweg. Ein sinnvolles Startzeichen für unseren Dienst hier.
13. November 1971
Die erste Amtswoche liegt hinter mir. Eine verwirrende Fülle! Drei Abdankungen, achtzehn Religions-und Konfirmandenunterrichtsstunden, Jugendgruppe. Schon in Schaffhausen hatte ich sämtlichen Unterricht übernommen. Aber achtzehn Stunden sind nun doch etwas viel. Doch ich will es versuchen. ER hat gesagt: «Geh zu den Menschen.» Also denn.
26. November 1971
Im «Tages-Anzeiger» ein Gespräch mit Othmar Zschaler, Goldschmied in Bern. Wie mich das berührt! «Er liebt vielmehr den nackten Stein, die Erdkruste, Karst und Fels. Wo Urkräfte gegen einander wirkend, spannungsvoll und kämpferisch, Linien geprägt haben, da entdeckt er die ihn inspirierende Form.» Das ist es doch, was ich hier spüre in der Gemeinde: Ängste, Spannungen, Kämpfe. Wie gerne würde ich Schmuckstücke daraus formen!
26. Dezember 1971
«Ehre sei Gott in der Tiefe.« Der Engel Gabriel würde es heute bestimmt auch so formulieren, wie ich es heute Morgen im Gottesdienst intuitiv getan habe. Da unten in der Tiefe bei den Steinen will ich von jetzt an SEINE Ehre suchen.
1. Januar 1972
Das neue Jahr wird für mich das Jahr der Steine heissen. Wenn DU da unten in unseren Tiefen bist, wirst DU auch mit den hartnäckigsten Menschen und Verhältnissen fertig. DU bringst sogar Steine zum Erweichen. Auch in mir.
8. Januar 1972
